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ITALISCHE
LANDESKUNDE
VOH
HEINRICH NISSEN
ZWEITER BMD
DIE STAEDTE
ERSTE HAELFTE
BERLIN
WEIDMANNSCHE BUCHHANDLUNG
1902
Haec est Italia diis sacra, hae gentes eins, haec oppida populorimi.
Plinius
INHALT
EINLEITUNG
Seite
1. Gröfse und Eintheilung 3
2. Die Landgemeinden 7
3. Die Municipien 15
4. Die Colonien 24
5. Die Entwicklung der Städte 34
6. Die Landstrafsen 49
7. Mafs und Münze 61
8. Die Volkswirtschaft 80
9. Die Bevölkerung 99
KAPITEL I
Ligurien
1. Die Provinz der Seealpen 134
2. Die Riviera 139
3. Das Reich des Cottius 148
4. Das ßinnenland 152
KAPITEL U
Die Transpadana
1. Die Tauriner 163
2. Die Salasser 167
3. Die Libiker 173
4. Die Insubrer 177
KAPITEL III
Venetia und Histria
1. Die Cenomanen 195
2. Die Veneter 211
3. Die Carner 225
4. Die Histrer 237
IV Inhalt.
Seite
KAPITEL IV
Die Aemilia
1. Die Küste .245
2. Das Binnenland 256
KAPITEL V
Etrurien
1. Die Nordmark 282
2. Das Erzgebirge 297
3. Der Osten 313
4. Das Tafelland 326
5. Die Södmark 345
KAPITEL VI
Umbr i en
1. Die Gallische Mark 376
2. Das westliche Umbrien 389
KAPITEL VII
Pi c enum
1. Die Picenter 411
2. Die Praetuttier 428
KAPITEL VIII
Der Hoehappennin
1. Die Vestiner 437
2. Die Marruciner 442
3. Die Paeligner 445
4. Die Marser 450
5. Die Aequer 457
6. Die Sabiner 463
EINLEITUNG.
Die politische Beschreibung Alt Italiens geht von der Zeit des
Augustus aus. Ein tausendjähriges Ringen der Stämme unter ein-
ander, zwischen Bürgern und Bauern, Republik und Königtum, von
Stadt gegen Stadt, Einheitstaat gegen Bundesstaat ist beendet, über
dem Kampfplatz breitet der Friede seine Fittiche aus. Im Mittel-
punct der Halbinsel gelegen, hatte Rom mit rastloser Kraft Kreis
auf Kreis gezogen , mit unvergleichlicher Weisheit Sieger und Be-
siegte versöhnt, schliefslich das ganze Land in den Rahmen seiner
Verfassung aufnehmen können. Das römische Bürgerrecht wurde
89 v. Chr. bis an den Po , 49 v. Chr. bis an den Fufs der Alpen
ausgedehnt, der Gebirgswall selbst 15 v, Chr. bezwungen. Nunmehr
fällt die politische Grenze mit der natürlichen annähernd zusammen,
das festländische Italien ist ein einziges Stadtgebiet geworden;
dessen Bürger wandern nach Rom um ihr Herrscherrecht in der
Volksversammlung auszuüben, um ihre Händel vor dem Praetor zum
Austrag zu bringen. Die Zügel der staatlichen Gewalt ruhen in der
Hand des Senats und der hauptstädtischen Magistratur, aber das
Land geniefst eine bedeutende Geraeindefreiheit, ist dem Reiche
gegenüber durch seltene Vorrechte ausgezeichnet. In den nächsten
drei Jahrhunderten wird die Verfassung der Republik durch eine
unumschränkte Monarchie, die Selbstverwaltung durch ein Beamten-
tum verdrängt, Italien allmählich den Provinzen gleichgestellt.
Währenddem schreitet der allgemeine Verfall unaufhaltsam fort und
leitet die neueEntwickelung ein, die man als Mittelalter zu bezeichnen
pflegt. „Wie Italien zur Römerzeit aussah, soll in diesem Hand-
buch beschrieben werden." Unser Leitsatz an der Spitze des ersten
Bandes bedingt auch die Auswahl des Stoffs für den zweiten. Die
nachfolgende Darstellung verzichtet auf den Versuch die einzelnen
politischen Bildungen, die in buntem Wechsel einander abgelöst
haben, nach ihrer geschichtlichen Ordnung vorzuführen. Sie schildert
Nissen, Ital. Landeskunde. IL 1
2 Einleitung.
das augusteische Zeitalter, wo das Land seine ansteigende Bahn voll-
endet hat und zum Abstieg rüstet, wirft von solcher Höhe aus
Rückblicke auf die Vergangenheit, Ausblicke in die Zukunft. Ein
anderes Verfahren einzuschlagen wird überhaupt durch die Dürftig-
keil des verfügbaren Materials verwehrt. Freilich vermögen die
einförmigen Zustände der Kaiserzeit nicht die Aufmerksamkeit in
gleichem Mafse zu fesseln wie die Blüte der griechischen Hansa
oder der samnitische Bauernkrieg, wie der Aufbau der römischen
Macht und die Stürme die an ihren Grundfesten rüttelten. Aber
für die älteren Jahrhunderte spendet die Ueberlieferung weder reine
noch reichhaltige Quellen , ihr Verständnifs kann allein von dem
sicheren Boden aus, den gleichzeitige Schriftwerke und massenhafte
Denkmäler bereiten, erschlossen werden. Unter den erhaltenen
Darstellungen nehmen zwei für itahsche Landeskunde eine besondere
^A'ichtigkeit in Anspruch. Aus dem Jahre 18 n. Chr. stammt das
anmutige Gemälde das Slrabo (im V. und VL Buch seiner Geographie)
von Italien entworfen hat: an der sonnigen Stimmung mag der
Beschauer sich erwärmen, an der künstlerischen Gestaltung erfreuen,
ohne zu vergessen dafs es den Bedürfnissen und Forderungen der
Gegenwart nicht genügt. Die heutige Wissenschaft leiht allen Lebens-
erscheinungen einen zahlenmäfsigen Ausdruck und ist bestrebt den
fafslichen unanfechtbaren genauen Mafsstab, den die Zahl gewährt,
auch zur Erklärung des Altertums zu verwenden. Demgemäfs
wird ihr die treue Wiedergabe des Thatbestandes zur obersten
Pflicht, und gewinnt die Beschreibung im HL Buch der plinianischen
Encyclopädie den urkundlichen Wert der bei Strabo zurücktritt. Es
handelt sich um denjenigen Theil der Beschreibung, der die Liste
der Gemeinden enthält, nach welcher Augustus den Census 14 n. Chr.
abgehalten hatte. Der Text ist nicht fehlerfrei, doch im Ganzen
zuverlässig überhefert; die spätere Verwaltung hat an der Liste
keine erheblichen Aenderungen vorgenommen. Indem derart das
administrative Schema der Kaiserzeit gegeben ist und durch eine
Masse von Inschriften erläutert wird , gewinnt die Forschung eine
feste Grundlage um die älteren pohtischen Bildungen zu begreifen.
Dies ist der Wegweiser bei unserer Wanderung durch die italischen
Landschaften. Vor dem Antritt der Wanderung müssen einige all-
gemeine Verhältnisse besprochen werden.
§ 1. Gröfse und Eintheilung. 3
§ 1. Gröfse und Eintheilung.
Das alte Italien umfafste den festländischen Bestand des heutigen
Königreichs his auf einen westlichen Strich von Piemont ga^nz,
ein Stückchen der an Frankreich abgetretenen Grafschaft Nizza," den
Canton Tessin, Südtirol, Görz , Triest und die istrische Westküste.
Der Lauf der Grenze steht nur in den allgemeinen Umrissen fest
die früher gezogen worden sind (I 79); auf Einzelfragen wird noch
zurück zu kommen sein. Bei der obwaUenden Unsicherheit kann
der Flächeninhalt nur in runder Ziffer angegeben werden. Immer-
hin verdient Beachtung, dafs die I 80 genannte Gröfse 4600 Qnadrat-
meilen 253 290 Dkm nach den neueren planimelrischen Berech-
nungen 1) auf 250 000 Dkm zu ermäfsigen ist. Auch für die elf
Regionen in die Augustus das Land theilte, lassen sich nur genäherte
Werte aufstellen. 2) Die folgende Uebersicht beginnt im Norden und
schliefst sich der geographischen Ordnung an:
Dkm Gemeinden Colonien
Transpadana XI 32 000 12 2
Venetien X 51000 25 7
Ligurien IX 14 000 17 1
Aemilia VIII 19 500 26 6
Etrurien VII 31000 49 7
Umbrien VI 10 000 49 4
Campanien I 15 500 86 9
Valeria IV 18000 43 1
Picenum V 6 500 23 4
Lucanien III 27 500 24 0
Apulien II 25 000 76 3
250000 43Ö 44
1) General Strelbitsky, Superücie de l'Europe, Petersburg 1882, wies
nach, dafs die amtliche Statistik den Flächeninhalt des Königreichs' gegen
8000 Dkm zu hoch ansetze. Die Nachprüfung des mililär-geographischen
Instituts, Superficie de! Regno d'llalia valutata nel 1884, Firenze 1885. ergab
sogar einen Fehler von 10 000 Dkm. Daher rührt es dafs die Gröfsenangaben
in ß. I vielfach ermäfsigt werden müssen, z. B. S. 345 Sicilien von 29 240 auf
25 461 Dkm. Der Fehler steckt in den ehemals bourbonischen Landestheilen
von denen genaue Aufnahmen vermifst wurden (S. 54).
2) J. Beloch, die Bevölkerung der griechisch-römischen Weit, Leipzig 1886,
p. 391. Die Abweichung unserer Ansätze stützt sich auf die Berechnung im'
Annuario Statistico von 1898.
4 Einleitung^.
Die Eiutheilung stammt aus den Jahren 13 und 14 n. Chr., als
der Kaiser, um den Widerstand gegen die Erbschaltsteuer zu brechen,
mit Einführung der Grundsteuer drohte und den Kataster neu auf-
nehmen hefs (I 81). Während der republikanische Censor die Bürger
und ihr Vermögen nach Tribus geschätzt hatte, nahm Augustus in
Italien wie in den Provinzen den Census nach Landschaften vor.
Die Drohung erfüllte ihren Zweck, bis 292 bheb der italische Boden
steuerfrei. In der Zwischenzeit, bevor die Umwandlung der Be-
gionen in Provinzen erfolgte, also von Augustus bis Diocletian haben
jene Bezirke für verschiedenartige Aufgaben der Staatsverwaltung
gedient die der Natur der Sache nach nur im örtlichen Zusammen-
hang gelöst werden konnten, i) Nach Regionen hielt auch Ves-
pasian den Census ab, wurden indirecte Steuern wie Erbschaft-
und Freilassungsteuer eingezogen, Rekruten ausgehoben, die Domänen
verpachtet, seit Traian die kaiserliche Fürsorge für arme Kinder
geregelt, seit Marc Aurel die Vormundschaftsgerichte eingeführt.
Allmälich im Lauf der Zeiten hat sich aus der Praxis heraus die
neue Eintheilung im Volksbewufstsein eingelebt und die Benennung
der einzelnen Bezirke veranlafst; denn von Hause aus sind die
11 Regionen Italiens ebenso wie die 14 Regionen Roms, deren
Einrichtung 7 v. Chr. gleichfalls monarchische Ziele verfolgte,
allein durch Ziffern bezeichnet gewesen. Die Namen sind in
8 Fällen alten Volksstämmen entlehnt, für 2 von der den Bezirk
durchziehenden Hauptstrafse abgeleitet, ein einziger nach örtlichen
Merkmalen gebildet. Die Wissenschaft hat sich gegen die Neuerung
des Augustus ablehnend verhalten. Von Strabo, der wenige Jahre
darauf schrieb, ist dies leicht begreiflich. Plinius selbst hebt es als
«inen Bruch mit dem Herkommen hervor, dafs er sie zu Grunde
legt, und mag zu diesem Schritt durch seine Beziehungen zur fla-
vischen Regierung veranlafst worden sein, wie er auch sonst amt-
liches Material den Aufnahmen des Census von 73 n. Chr. verdankt.
Aber Ptolemaeos nimmt nicht die mindeste Rücksicht auf die be-
stehenden Regionen und ordnet die Ortschaften ausschUefslich nach
ehemaligen Stammgebieten, die vielfach recht unglücklich bestimmt
werden. Es ist also im alten Itahen ähnlich gegangen wie im
heutigen: mit den 69 Provinzen in die das Königreich nach der
1) Mommsen, die italischen Regionen, in der Festschrift für Kiepert,
Berlin 1898, p. 104.
§ 1. Gröfse und Eintheilung. 5
1861 angewandten fremden Schablone zerfällt, weifs die Volkswirt-
schaft nichts anzufangen, in staatlicher Hinsicht gilt ihre Schöpfung
als verfehlt. Dagegen wird das Urtheil über die Mafsnahme des
Augustus günstiger lauten. Für die Ordnung der 6 nördlichen
Regionen hat er den natürlichen und geschichtlichen Verhältnissen
volle Rechnung getragen; in demjenigen Theil jedoch der die
reichste Vergangenheit aufwies, in der mittleren und südlichen
Halbinsel hat er die Grenzen nach Erwägungen gezogen, die man
nur halb begreift und denen kein Geograph oder Historiker zu-
stimmen kann. Demnach wird die Reschreibung der Landschaften
in der ersten Hälfte seiner Führung folgen, in der zweiten eigene
Wege einschlagen müssen.
Ris zu ihrer Umwandlung in Provinzen kommt den Regionen
eine politische Redeutung im eigentlichen und strengen Sinne des
Wortes nicht zu. Politisch war das Land in Tribus getheilt, nach
den 35 Stimmbezirken in denen die Rürgerschaft ihr Herrscherrecht
in Rom zum Ausdruck brachte. ThatsächUch jedoch hat die Volks-
versammlung seit Tiberius und lange vor Tiberius nichts zu sagen.
Wenn der Freigeborene bis ins dritte Jahrhundert n. Chr. die Tribus
seinem Namen hinzufügt, so trägt er dem Freigelassenen gegenüber
jenen Classenstolz zur Schau, der im Altertum dem Menschen eine
noch höhere Refriedigung gewährte als gegenwärtig. Der Rewerber
um ein Staatsamt brauchte nicht mehr wie ehedem die Vertheilung
der Tribus seinem Gedächtnifs einzuprägen.') Ganz leicht kann dies
auch nicht gewesen sein. Die ursprünglichen Tribus waren ein-
heitliche Orlsbezirke, deren Zusammenhang wohl gelockert, aber
durch Errichtung neuer nach Möglichkeit gewahrt wurde. Nachdem
indessen die Reihe 241 v. Chr. geschlossen, vollends nachdem das
ganze Land des Rürgerrechts theilhaftig geworden war, erscheinen
die verschiedenen Landschaften in den einzelnen Stimmkörpern
bunt durcheinander gemischt. 2) Selbst wenn die Anordnung nebst
den dabei mafsgebenden Gesichtspuncten besser bekannt wäre als
wirklich der Fall ist, würde sie einer Landesbeschreibung nicht zu
Grunde gelegt werden können. Und dies gilt erst recht von der
Zeit vor dem marsischen Kriege, als der gröfsere Theil des Landes
aufserhalb des römischen Rechtsverbandes stand (I 69). Die Tribus-
1) Q. Cicero, de pet. cons. 30.
2) Kubitschek, Imperium Romanum tributim discriptum, Vindob. 1889.
6 Einleitung.
vertheilung und der italische Bund lassen sich annähernd durch
Kartenbilder zur Anschauung bringen ; aber einer Darstellung durch
das Wort versagen die Quellen.
Aus äufseren wie aus inneren Gründen fällt das Schwergewicht
der Landeskunde auf die Gliederung der Bürgerschaft in Gemeinden.
Der römische Staatsgedanke ist über den Begriff der Stadt nicht
hinaus gekommen: trotzdem er schhefslich einen Umkreis von
100000 Quadratmeilen bemeistert, hat keine Scheidung zwischen
städtischem und staatlichem Beamtentum, Haushalt, Verwaltung
stattgefunden. Das Geheimnifs seiner Erfolge ruht in der Einheit
des üffentlichen Lebens, die von Anbeginn an mit Strenge durch-
geführt wird. Die Einheit erleidet dadurch keine Einbufse, dafs
Rom im Fortgang seiner Eroberungen vorhandene Gemeinden ein-
verleibt und neue schafft, vermittelst der Anlage von Städten die
bäuerlichen Landschaften bezwingt und den Zusammenhang der
Stammbunde sprengt. Das eine wie das andere war nicht möglich,
ohne dafs diesen Theilen eine gewisse Freiheit der Bewegung und
die Regelung eigener Angelegenheiten belassen blieb. Im 4. Jahr-
hundert fanden eine Anzahl von Städten Aufnahme in den Staats-
verband die ihre bisherige Sprache und Verfassung behielten. Auf
beides mufsten die Bundesgenossen, die durch den marsischen Krieg
zum Bürgerrecht gelangten, Verzicht leisten ; denn das Lateinische
hatte mittlerweile einen weilen Vorsprung vor den Landessprachen
und den Rang einer Weltsprache errungen. Aber wenn nun auch
die staatliche Einheit manche Anforderungen, namentlich in der
Rechtsprechung stellte, die heut zu Tage als unerträghch empfunden
werden würden, hat sie in anderen Richtungen der Selbstverwaltung
einen weiteren Spielraum gewährt. In Folge dessen besitzt der
aufserhalb der Hauptstadt ansässige Römer ein doppeltes Bürger-
recht, sowol in Rom der communis patria ^) als in seiner Sonder-
heimat domus'^}: letztere stellt als verkleinertes Abbild von Rom
eine res publica dar, die eigenes Vermögen hat und verwaltet, ihren
eigenen Gottesdienst, ihre Beamten selbst wählt und die niedere
Gerichtsbarkeit durch sie ausübt. Innerhalb dieser Grenzen hat
das Bürgertum seine Kräfte regen können und eine Thätigkeit
entfaltet, die am Sitz der Caesaren ausgeschlossen war; ein Abglanz
1) Dig. L 1,33 XXVII 1,6, 11.
2) Cic. Verr, I 45 Liv. VIII 19.
§ 2. Die Landgemeinden. 7
der alten Volksfreiheit leiht dem Kleinleben seineu eigentümlichen
Reiz. Die Censusliste führt ungefähr 430 Gemeinden mit Selbst-
verwaltung in ItaUen auf: mit voller Sicherheit läfst sich die Zahl
nicht ermitteln. Die Uebersicht S. 3 lehrt, dafs sie sehr ungleich-
mäfsig vertheilt, in einzelnen Landschaften dünn, in anderen so
dicht gesäet sind, dafs nach räumlichem Durchschnitt das Verhältnifs
zwischen 1 und 14 schwankt. Ferner sind es mit vereinzelten Aus-
nahmen lauter Städte; aber die Ausnahmen verdienen erhöhte Auf-
merksamkeit, insofern sie darthun, dafs die Umbildung, welche den
Hauptinhalt der Landesgeschichte ausmacht, noch nicht ganz be-
endigt ist. Wie Italien im Laufe der Zeiten sein Pflanzenkleid ver-
ändert, hat es auch die ehemaligen bäuerhchen Lebensformen gegen
städtische umgetauscht. Hellenen und Etrusker haben das Werk
begonnen , die Romer haben planmäfsig am Ausbau fortgearbeitet.
Als es zuletzt an Altersschwäche zu Grunde ging, gelangte das
Bauerntum durch die Germanen wieder zu Ehren. Aber das
römische Städtewesen feierte seine Auferstehung und machte Italien
abermals zu einem Land der Städte. Die daraus erwachsenen Vor-
züge und Gebrechen liegen klar vor unseren Augen und verbreiten
Licht über die Entwicklung die in diesem Handbuch beschrieben
werden soll.
§ 2. Die Landgemeinden.
Der Begriff der politischen Gemeinde hat im Altertum eine
ähnliche Entwicklung durchgemacht wie in der Neuzeit: die Städte
werden immer gröfser und unterwerfen allmälich das ganze flache
Land. Nach einer Angabe zählte Itahen einstmals 1197 Gemeinden
{uoleig), nahezu das Dreifache wie 14 n. Chr.i) Der amtliche Ur-
sprung dieser Zahl wird nicht verbürgt, an sich klingt sie voll-
kommen glaubhaft. Die 1. und 6. Region, Latium und Umbrien,
weisen die meisten Verwaltungskörper auf, durchschnittlich einen auf
eine Fläche von 200 Dkm. Aufserdem aber führt Plinius in Umbrien
12, im alten Latium gar 50 untergegangene Gemeinden namentlich
auf 2); fügt man diese den erhaltenen hinzu, so kommt eine Ge-
meinde im Durchschnitt schon auf 150 Gkm. Wenn man den
gleichen Mafsstab auf jene Angabe von 1197 Gemeinden über-
trägt, so würde eine Fläche von 180 000 Dkm ungefähr dem
1) Aelian Var. Hist. IX 16. 2) Plin. III 68 fg. 114.
8 Einleitung.
bürgerlichen Gebiet entsprechen , das ItaHen 70 v. Chr. nach dem
Bundesgenossenkrieg umfafste. Das Mittel wurde von einzelnen
Städten weit überschritten, von anderen lange nicht erreicht, betrug
z.B. im alten Latium kaum 50 Dkm. Ferner werden in der 49 v. Chr.
lUr Oberitalien erlassenen Gerichtsordnung neun Oertlichkeiten
unterschieden, an denen Klage und ürtheil ergehen kann: oppidnm
municipium colonia praefectura forum vicus condliabulum castellum
territoriumve. i) Ein halbes Jahrhundert später sind all die länd-
lichen Dingstätten am Po verschwunden, und im Mittel kommt auf
1500 Dkm nur ein Gerichtssitz. Augustus ist der Schöpfer der
Grofsgemeinde: wie er diese in den gallischen Provinzen verglichen
mit den älteren Ordnungen Spaniens eingerichtet hat, so verfährt
er nach dem nämlichen Grundsatz in Italien, soweit die geschicht-
lichen Verhältnisse es gestatteten. Da in dem Colonistenland das
Städtewesen entfernt noch nicht so weit vorgeschritten war wie im
Süden, konnten die alten Stammverbände vielfach in Stadtbezirke
umgewandelt werden und jene Lebenskraft bethätigen, die bis auf
die Gegenwart sich fortgepflanzt hat. Immerhin fehlt es auch auf
der Halbinsel ihrer bewegten Vergangenheit ungeachtet keineswegs
an Spuren älterer Bildungen.
Alle rechtliche Ordnung geht vom Grenzfrieden, von der Fest-
stellung des Eigentums gegenüber den Nachbarn aus. 2) Daher
rührt auch die Benennung der ursprünglichen Gemeinde als tribus
oder pagus. Beide Worte werden im gleichen Sinne gebraucht 3);
noch Cato redet von 112 tribus der Boier wie ein Jahrhundert
später Caesar von 100 pagi der Sueben. 4) Nach der weiten Ver-
breitung der Bürgerschaft beschränkt man jenes auf den Bürger-
bezirk, der längst allen räumlichen Zusammenhang eingebufst hatte.
Dafs aber tribus seiner Herkunft nach solchen in sich schliefst,
lehren die verwandten Sprachen : im Umbrischen bedeutet es ager,
im Oskischen domus, eines wie das andere ein Templum oder be-
friedetes Eigentum. 5) Offenkundig liegt derselbe Begriff in pagus
1) CIL. I 205.
2) Rudoiff, Gromatische Institutionen p. 234 fg. in Rom. Feldmesser II,
Berlin 1852.
3) Die Tribus Lemonia und Succusana heifsen nach dem Pagus Lemonius
und Succusanus Fest. 115. 309 Varro LL. V 48.
4) Cato Plin. III 116 Caes. b. G. I 37 IV 1.
5) Buecheler, Umbrica, Bonn 1883, p. 95 Zvetaieff inscr. ose. 63. 82. Die
Ableitung Varro's LL. V 55 von tres hat sich in historischen Kreisen nur so
§ 2. Die Landgemeinden. 9
vor, zu dessen Sippe pax pacisci pangere gehört. Die Heiligkeit
der Grenze gilt als der Eckstein göttlichen und menschlichen Rechts:
ihre Preisgabe zieht den Untergang aller Dinge nach sich, i) Als
ländliche Gemeinden mit eigenem Vermögen, Gottesdienst, Verwal-
tung und Beamten behaupten sich die Pagi innerhalb der Territorien
bis zum Ausgang des Altertums. Die Unverrückbarkeit der Grenze
wird alljährbch durch Begang und Entsühnung der Flur zum Aus-
druck gebracht. 2) Bei der Schätzung eines Grundstücks mufs neben
der civitas und den anstofsenden Nachbarn auch der pagus, in dem
es Hegt, namhaft gemacht werden. 3) Aber es hat eine Zeit gegeben,
wo weder pagus den Theilbezirk eines städtischen Gebiets noch
pagani Bauern bedeutete, sondern gleich örjiiiog oder Gau, womit
es zusammen gebracht wird, ein selbständiges Ganzes ausmachte.^)
Nach römischer Anschauung stellt jeder Gau 1000 Mann ins Feld.s)
Bei den Umbrern scheint er gröfser^), anderswo kleiner gewesen
zu sein'^): überhaupt werden die Zahlenschemata der alten Ver-
fassung, z. B. bei der deutschen Hundertschaft, in WirkHchkeit nicht
eingehalten. Die Censusliste des Augustus erwähnt im südhchen
Etrurien Novem Pagi: diese 9 zu einem Verwaltungskörper ver-
einigten Gaue können die von der Theorie verlangte Bevölkerungs-
ziffer lange nicht erreicht haben.
Die geschlossene Ansiedlung, die Tacitus im Gegensatz zur zer-
streuten Wohnweise der Germanen als römisch bezeichnet, ist in
Italien so alt wie die geschichtliche Runde. *) Die Gelehrten er-
klärten irriger Weise pagus aus dem Griechischen , sei es von den
Gemeindebrunnen (Ttayai)^), sei es von der Bergspitze (riayog), wo
die Ackersleule in Ruhe schliefen und bei feindlichem Angriff Schutz
lange behaupten können, als man an die Möglichkeit glaubte die Zahlen-
schemata der antiken Verfassungen in die sog. indogermanische Urzeit zurück
verfolgen zu können.
1) Feldmesser 350 Lachm. Liv. I 55.
2) Feldm. 164 CIL IX 161S. 5565.
3) Dig. L 15,4 pr. CIL. IX 1455 XI 1147.
4) Fest. 72 Müller.
5) Varro LL. V 89 Caes. b. G. IV 1.
6) Liv. XXXI 2 XXXni 37; IX 41 wird für Tribus plaga gesagt, ähnlich
wie bei den Römern regio.
7) Her. Ep. I 18, 105.
8) Tac. Germ. 16.
9) Fest. 221 Serv. V. Georg. II 382.
10 Einleitung.
fanden.!) Beide Ableitungen treffen sprachlich nicht zu, wol aber
sachlich. „Die Alten", bemerkt ein Mann der Praxis 2), „begnügten
sich wegen der plötzlichen Kriegsgefahr nicht damit ihre Städte mit
Mauern zu umgürten, sondern wählten auch rauhe unzugängliche
Oertlichkeiten aus, wo die Natur des Ortes selbst das wirksamste
Bollwerk bildete," Derart lagen, wie es in der Schilderung des
älteren Sicihen heifst (l 60), die Burgen der Sikaner auf den steilsten
Anhöhen aus Furcht vor den Piraten. Aehnlich war es auf dem Fest-
land im Appennin. Im vulkanischen Theil hat die Zerklüftung des Bodens
den Niederlassungen eine aufserordentliche Festigkeit gewährt (I 256).
Wo aber wie im Poland der natürliche Schutz fehlte, ist er durch
die Kunst ersetzt worden. Der Umschwung der Zeiten, die Ver-
änderung der Bau- und Lebensweise erschwert es die Gauburgen
oder -Städte während des Fehdelebens aus jungen Trümmern zu
veranschaulichen. Indessen gewährt die Untersuchung der nord-
italischen Terremare dankenswerten Stoff, und wenigstens in einem
Falle ist der Grundrifs eines altumbrischen Pagus (Castellazzo di
Fontanellato, Provinz Parma) völhg ermittelt worden 3). Die An-
lage, ein längliches Viereck mit parallelen Langseiten, bedeckt einen
Flächenraum von 19,5 ha. Davon gehen 8 ha für die Befestigung
ab. Diese besteht aus einem am Fufs 15 m breiten nach Innen
durch Pfahlwerk gestützten Erdwall; ihn umfliefst mit 30 m Breite
und 3,5 m Tiefe ein Graben, der aus dem benachbarten Bach durch
einen Canal gespeist wird, während ein zweiter Canal für den Ab-
flufs sorgt. Der Graben erweitert sich an der Schmalseile auf 60 m,
da wo die Brücke den einzigen Zugang ins Innere eröffnet. Zwei
im rechten Winkel einander schneidende Hauptstrafsen theilen die
Wohnfläche in vier annähernd gleiche Viertel. Die Fläche mifst
11,5 ha, ungefähr so viel wie die Stadt des Romulus auf dem
Palatin. Sie reichte bequem aus, um die Gaugenossen mit Weib
und Kind, 4 — 5000 Köpfe oder mehr zu beherbergen, gegen
Nacht Unwetter und Feinde zu schützen. Ueber den bescheidenen
Baum den die altitalischen Hütten beanspruchten , sind wir recht
1) Dion. H. IV 15 IJäyovs t'vd'a avvdfpevyov ix rcov ayQcöv anavxes
OTiöxe ytvoiro TioXtfiicov etpoSoe, xal ra TioXXä dievvxT£(fSvov evxavd'a.
2) Feidm. 178.
3) Die verstreute Litteratur über diese wichtige Feststellung Luigi Pigo-
rini's findet sich bei Montelius, la civilisation primitive en Italie depuis
Tintroduction des metaux, Stockholm 1895, p. 146 fg.
§ 2. Die Landgemeinden. 11
befriedigend unterrichtet, namentlich nachdem Zannoni in Bologna,
der Hauptstadt der Aemilia, ihrer an 600 aufgedeckt hat. Aus Holz
und Flechtwerk mit Lehm aufgeführt, mit Schilf oder Stroh gedeckt,
haben sie meistens runde oder ovale Gestalt, aber ihr Durchmesser
überschreitet nicht 3 — 5 m. Die rechteckigen Hütten sind gröfser
und erreichen eine Grundfläche von etwa 30 D m. Uebrigens giebt
es auch in Pompeji alte Steinhäuser, die sich mit 50 D m begnügen.
Vom innern Raum der Festung sind reichlich 2 ha ausgespart für
die arx oder Citadelle, i) Diese liegt an der 0 Langseite dem Ab-
flufscanal gegenüber, unmittelbar am Wall und ist ein Rechteck
von 120 X 60 m, an allen vier Seiten von einem eigenen 30 m
breiten Graben eingefafst. In der königlichen Zeit wohnte hier der
König oder Gaiigraf.2)
Eine Niederlassung nach Art der beschriebenen heifst gewöhn-
lich oppidum: die Ableitung des Wortes ist unsicher, die Bedeutung
jedoch als eingehegter befestigter Platz ist sicher.3) Selten wird
dafür das mit casa verwandte castrum gebraucht*), häufig die Ver-
kleinerungsform castellum. Während auch die grofse Stadt ein
oppidum oder eine Festung ist, versteht man unter castellum das
befestigte Dorf oder die Gauburg, die einem anderen Gemeinwesen
untergeordnet ist. 5) Bis auf die Sicherung des Landfriedens durch
Augustus hat diese Wohnweise im Umkreis des Mittelmeers ge-
herrscht. So konnte z. B. Pompeius sich rühmen in Spanien 876
oppida, in Asien 1538 oppida und castella unterworfen zu haben. 6)
So haben in Italien die Romer 304 v. Chr. innerhalb 50 Tage 31
Städte der Aequer erstürmt, geplündert und verbrannt^), iu älterer
Zeit die Etrusker 300 umbrische Städte bezwungen. §) Ein Ge-
lehrter führt den Ursprung der Gauburgen auf griechische An-
1) Isidor XV 2,32 arces swit partes urbis excelsae atque munitae; nam
quaecumque tutissima urbium sunt, ab arcendo hostes arces vocantur,
2) Piut. Rom. 20,4 Solin 1,21.
3) Varro LL. V 153 Fest. 184 üig. L 16, 239,7 lex Urson c. 73. 75. 76. 91.
4) In Italien weist das Ortsverzeichnifs nur 6 Fälle auf.
5) Isidor XV 2,11 vici et castella et pagi sunt quae nulla dignitate
civitatis ornanlur, sed vulgari hominum conventu incolunlur et propter
parvitatem sui maioribus civitatibus atlribuuntur. Liv. IX 41 X 18. 46
CIL. I 199.
6) Plin. VII 96 fg. vgl. Strab. III 163.
7) Diod. XX 101 Liv. IX 45.
8) Plin. m 113.
12 Einleitung.
regUDg und den mythischen Oenotros zurück i): vordem hätten
die Aboriginer auf den Bergen ohne Mauern dorfartig und zer-
streut gewohnt.2) In der That setzen die Anlagen der Terremare
wie die ligurischen und latinischen Castelle entwickelte Lebens-
formen voraus und passen nur für Ackerbauer. Der Bauer ist an
die Scholle gebunden, mufs den Garten, den er bepflanzt, das Feld
das er gepflügt hat, vertbeidigen weil sein Unterhalt davon abhängt.
Eine Gesellschaft jedoch, deren Habe in Vieh bestand, konnte mit
derartigen Festungen nichts anfangen weil der Baum fehlte um die
Habe in Sicherheit zu bringen. Wenn der Feind nahte, zog sie
mit ihren Heerden in Wald und Sumpf oder in die Wildnifs der
Berge. 3) So wohnten die Kelten am Po in mauerlosen Dörfern und
beschränkten ihr Besitztum auf Vieh und Gold, da sie beides jeder-
zeit ohne Mühe fortschaffen konnten. 4) Auch von Stämmen des
Appennin bei denen die Viehzucht vorwiegt, wie Sabinern ä) und
Sammiten^), wird gleiche Wohnweise bezeugt. In allen diesen
Fällen wo die wirtschaftliche Entwicklung auf einer niedrigen Stufe
verharrt , sind die Gaue zu grofsen Volksgemeinden vereinigt und
die Landesgrenzen durch Gebücke oder Landwehren, wie sie in
unserem Mittelalter häufig begegnen , geschützt gewesen. Das An-
denken daran lebte in der Benennung des Schutzwaldes als ager
arcifinius fort '') ; auch sind Spuren solcher Befestigungen erkennbar.
Sodann hat Roms fortschreitende Macht seinen Bürgern die Zuver-
sicht eingeflüfst ihr Heim auf freiem Felde aufzuschlagen. Dies
gilt z. B. von dem 340 gewonnenen falernischen Gau und den 268
eroberten Theilen von Picenum: beide Landschaften waren von
römischen Ansiedlern erfüllt und boten 217 dem Angriff Hannibals
das bequemste vortheilhafteste Ziel.^) Das offene Dorf heifst vicus:
das Wort, im griechischen olxog und anderen indogermanischen
1) Dion. H. 1 12 qxiae noXeie /utx^äs xal avvexe^s inl zols oQeaiv, ooTieo
r,v roTs naXatois xqÖtios oixrjaecjs avvrjd'rje.
2) Dion. H. I 9 inl rols o^efftv axovv avsv ret^cüv xmjutjSÖv xal
anoQäSes.
3) Zonar. VIII 1 Liv. IX 31 vgl. Caes. b. G. V 21.
4) Pol. II 17, 9 fg.
5) Cato bei Dion. H. II 49 Plut. Rom. 16,1 Liv. II 62.
6) Liv. IX 13.
7) Nach Varro Feldm. 6 ab arcendis hostibus est appellatus vgl. Rudorff,
Crom. Inst. 250 fg.
8) Pol. III 86,10 92,8 Liv. XXll 9. 11. 14.
§2. Die Landgemeinden. 13
Sprachen wiederkehrend, bedeutet eine zusammenhängende Reihe
von Wohnungen an beiden Seiten einer Strafse und bedeutet immer
den Theil eines grofseren Ganzen , sei es eines Pagus, sei es einer
Stadt wenn von städtischem Anbau gesprochen wird, i) In der
Gerichtsordnung von 49 v. Chr. geht bei der Aufzählung der Ding-
stätten der Markt forum voraus. 2) Das Ortsverzeichnifs enthält 33
in diese Classe fallende Ortschaften Italiens, von denen die meisten
nachträglich Stadtrecht erlangt haben. Die Entstehung der Märkte
hängt mit dem Strafsenbau zusammen. Für die Anlagen ihrer
Mihtärstrafsen pflegten die Romer sich ansehnhche Landstreifen —
die Breite wird in einem Falle zu 2,2 km bestimmt 3) — abtreten
zu lassen, deren Ansiedlern {viasiei vicanei)^) die Instandhaltung
oblag. Die Ansiedler erhielten im Forum einen Ort der Vereinigung.
Häufig wird es mit conciliahulum zusammen genannt bei Gelegenheit
von Aushebungen, obrigkeitlichen Bekanntmachungen und Gerichts-
verhandlungen.s) Vereinzelt begegnen ^pagi fora conciliahula^),
und agri fora conciliahuW), wobei dann das erste Glied dem un-
bestimmten terrüorinm der Gerichtsordnung von 49 v. Chr. ent-
spricht. Einen Unterschied von forum und conciliahulum kann
man darin erblicken, dafs jenes in der Regel von einem römischen
Magistrat gegründet ist, während dieses ohne amtliche Mitwirkung
durch Verkehrsbedürfnisse ins Leben gerufen wird.s) Es kommt
wol auch seltener vor, dafs ein conciliahulum Stadtrecht erlangt.^)
Um endlich das Bild der Besiedlung Itahens zu vervollständigen
bleibt noch zu erwähnen, dafs aufser den befestigten und unbe-
festigten Dörfern seit Alters zerstreute Gutshöfe begegnen und im
Laufe der Geschichte mit dem Schwinden des freien Bauernstandes
sich reifsend vermehren: sie werden als villae den vici oder dem
ager gegenüber gestellt. lO)
1) Varro LL. V 145 Fest. 371, dem Pagus untergeordnet CIL. V 7923
IX 3521 XI 1147.
2) Test. 84.
3) Strab. IV 203.
4) CIL. I 200, 11 fg.
5) Liv. XXIX 37 XXXiX 14. 18 XL 37 XLIII 14.
6) Liv. XXV 5.
7) Liv. XL 19.
8) Fest. 38 Isidor XV 2,14.
9) Feldm. 19 Lachm.
10) Fest. 371 Liv. II 62 XXII 11. 14.
14 Einleitung.
Die lateinische Sprache besitzt keinen Namen um die Land-
gemeinde als solche von der Stadt zu unterscheiden. Sie kann den
Begriff nur umschreiben, indem sie allerlei Arten von Ortschaften
die nicht als Städte angesehen werden , aufzählt und vorsichtiger
Weise am Schlufs noch territorium oder locus hinzufügt. i) Allen-
falls drückt sie den Begriff negativ aus, wie das Ackergesetz von 111
V. Chr. durch coloniae sive municipia sive quae pro municipiis colomisve
sunt.'^) Zur Zeit Cicero's wird kurzweg praefeclura gesagt.^) Das
Wort bedeutet einen Gemeindeverband der seinen Oberbeamten
nicht selbst wählt, sondern von der höheren Instanz, sei es von
Rom, sei es von einer Colonie^), zugesandt erhält. Seit dem
4. Jahrhundert v. Chr. befanden sich eine Anzahl ansehnlicher
Städte, deren Bewohner insgesammt oder in der Mehrheit des
römischen Stimmrechts entbehrten, in solcher Lage. 5) Mit dem
vollen Bürgerrecht jedoch erlangten die Städte auch die volle
Selbstverwaltung. Somit bleiben als praefecturae nach dem mar-
sischen Kriege nur die Landgemeinden übrig, sind unter Caesar
ziemlich häufig^), unter Augustus und dessen Nachfolgern keines-
wegs ganz verschwunden. Aber ihr Bestand ist in andauernder
Abnahme begritfen, und die Municipalverfassung fafst endlich auch
in den Gebirgslandschaften, die ihr so hartnäckig widerstrebt hatten,
festen Fufs. Wir vermögen die Umwandlung für Italien nicht
ziffermäfsig auszudrücken, dagegen für Spanien: in der Tarraconensis
wurden zur Zeit des Augustus 293 Gemeinden gezählt, 179 mit,
114 ohne ein städtisches Centrum {oppidum); anderthalb Jahr-
hunderte später bei Ptolemaeos ist die Gesammtzahl auf 275 gesunken,
aber davon sind 248 Städte und nur 27 Landgemeinden.'') Immer-
hin ist das ganze Italien nicht in Stadtgebiete aufgeteilt gewesen.
Aufserhalb derselben fällt das Staats- bezw. kaiserliche Eigentum,
Bergwerke Salinen Forsten und Weiden, deren Ausdehnung nach-
1) CIL. I 205 giebt die S. 8 angefülirten 9 Bezeiclinungen durctiweg, fafst
aber I 42 die 6 letzten durch locus zusammen, ähnlich Q. Cicero, de pet. cons.
30 die 5 letzten.
2) CIL. I 200,3 t.
3) Gesetzfr. aus Ateste Herrn. XVI 24 fg.; Cic. pro Sest, 32, in Pis. 51,
Phil. II 58, IV 7, Q. Cic. de pet. cons. 30; Feldm. 135. 163.
4) Feldm. 26. 49. 55. 80. 159 fg. 171.
5) Fest. 233.
6) Caes. b. civ. I 15.
7) Detlefsen, Phiiologus XXXII 604 fg.
§ 3. Die Municipien. 15
weisbar geschwankt hat, aber einen belrächthchen Procentsatz von
Grund und Boden einnimmt. i)
§ 3. Die Municipien.
Friedrich Barbarossa bat einen kraftvollen Versuch gemacht
das flache Land in Italien vor der städtischen Herrchaft zu schützen;
in diesem Kampfe ist die Reichsgewalt und das Haus der Hohen-
staufen das sie trug, unterlegen. Das Königreich Itahen zählte 1896
8261 Gemeinden mit Selbstverwaltung: darunter befinden sich
Stadtgebiete (wie das römische mit 2000 Dkm) von der Gröfse
einer Provinz, andere in denen die Bevölkerung der Stadt nur ein
Drittel oder Viertel des Ganzen ausmacht. Ferner erreichen 2000 nicht
die Ziffer von 1000, 700 nicht die Ziffer von 500, 5 nicht die Ziffer von
100 Einwohnern, Aber ob grofs oder klein, sie haben alle die gleiche
Verfassung, die gleichen Rechte und Pflichten gegenüber dem Staat.
Der einzige Unterschied betriff"! die Bildung des Gemeinderats der bei
250 000 Einwohnern 80 Mitglieder umfafst, dann stufenweise auf 60,
40, 30, 20, scbliefsHch bei weniger als 3000 Einwohnern 15 Mitglieder
sinkt; wenn die Wählerschaft überhaupt keine 15 Stimmen auf-
weist, so gehören ihm alle Wahlberechtigten an. Einen Unterschied
zwischen Stadt und Dorf giebt es also nicht: wenn die Statistik
nur eine Ortschaft mit 6000 Seelen als Stadt gelten lassen will, so
stützt sie sich auf wirtschafthche, nicht auf rechtliche Erwägungen.
Ferner verdient die Wohnweise Beachtung. Von der Gesammtbe-
völkerung des Königreichs wohnt ein Viertel zerstreut, drei Viertel
in geschlossenen Ortschaften. Letzteres gilt namentHch vom Süden,
wo der Pächter und Tagelöhner häufig einen Weg von 8 — 10 km
auf das von ihm bestellte Feld zurückzulegen bat. Die einzelnen
Landschaften weichen in dieser Hinsicht stark von einander ab: in
Lucanien und Apulien beträgt die zerstreute Bevölkerung 4—6,
in Ligurien und Transpadana 21 — 25, in Venetien 41, in Etrurien
56, in Emilia und den Marken (dem von den Römern besiedelten
ager Galliens et Picenus) 53 — 58 vom Hundert. Wie sich diese für
den Ackerbau zum Theil äufsersl ungünstigen Verhältnisse geschicht-
lich entwickelt haben, fällt nicht in den Rahmen dieser Darstellung.
Aber der Hmweis auf die Gegenwart bietet mancherlei Aufschlüsse
zum Verständnifs des Altertums.
1) Feldm. 21. 46. 137 vgl. Kap. XIV 1. 3 XVI 1 u. a.
16 Einleitung.
Lehrreich erscheint auch ein Blick auf die Entstehung der
deutschen Städte. i) Unsere Sprache verfügt von Hause aus nur
über das Wort Burg, das von bergen herkommt und den geschützten
befestigten Ort bedeutet. Erst im 11. Jahrhundert, im Annohed
und den Nibelungen begegnet stat in dem seitdem geläufigen Sinne.
Burgen heifsen unseren Vorfahren Jerusalem Bethlehem und Jericho,
Burgen die verfallenen Römerfestungen so gut wie königliche
Pfalzen, Bischofsitze und ummauerte Klöster. Die gleichzeitigen
lateinischen Quellen brauchen dafür unterschiedslos civitas oppidum
urbs castellum. Wenn König Heinrich I. als Städtebauer gepriesen
wird, so hat das nur seine Richtigkeit insofern man unter den
ihm zugeschriebenen urbes Burgen versteht. Wol konnte aus der
Burg eine Stadt erwachsen. Unter ihren schützenden Mauern
pflegte ein Vorort suburbium sich anzusiedeln: je nach der Gunst
der Lage und der Blüte des Verkehrs nahm die Einwohnerzahl zu,
und erfolgte schliefslich die Umwandlung der Dorfschaft in eine
städtische Gemeinde. Aber die umfassende und planmäfsige Stadt-
gründung beginnt in Deutschland nicht vor dem 12. Jahrhundert.
Es ist weder die Gröfse, die Stadt und Dorf von einander unter-
scheidet, noch die Befestigung: Mauer und Graben gehören erst
seil dem 13. Jahrhundert zum Begriff einer Stadt. Das eigentliche
Merkmal ist vielmehr in ihrem Recht enthalten: der König oder
der Grundherr verleiht ihr Markt- Zoll- und Münzrecht, die Regelung
von Mafs und Gewicht, endlich die Gerichtshoheit. Auf derartiger
Grundlage ist die städtische Freiheit aufgebaut worden, seit dem
Untergang der Staufer nehmen die Städte ihre bedeutende Macht-
stellung im Reiche ein. Glücklicher Weise jedoch haben sie weder
das Fürstentum noch Ritter- und Bauerschaft wie im Süden über-
wältigt; in dem Gleichgewicht von Stadt und Land erblicken wir
den entscheidenden Vorzug, der die gesellschaftliche Gliederung des
Nordens auszeichnet.
Wie das deutsche Slädtevvesen entstanden ist, seit anderthalb
Jahrtausenden bis zur Gegenwart herab sich um- und fortgebildet
hat, führt uns eine gleichzeitige reichhaltige Ueberlieferung vor
Augen. Für das Altertum wo die Quellen spärhch fliefsen, gewährt
der Vergleich einen erwünschten Anhalt um die entsprechende Ent-
wicklung, wenigstens in ihren HauptzUgen zu begreifen. An der
1) Hegel, Die Entstetiung des deutschen Städtewesens, Leipzig 1898.
§ 3. Die Municipien. 17
Spitze steht; das sog. mykeuische Zeitalter, dessen Spuren auch an
den Gestaden der italischen Inseln und des südlichen Festlandes
angetroffen werden, i) Gewaltige Burgen wie in Hellas mit ausge-
dehnten Vororten die vor die dorische Wanderung zurück reichen,
werden allerdings im Westen vermifst, die INuraghen können mit
den Königsgräbern von iMykenae nicht wetteifern. Aber dafs
Sicihen einst von Burgen bedeckt war, deren jede ihren eigenen
Herrn hatte, wird glaubhalt überliefert (160); die Erinnerung an
ähnhche Verhältnisse hat sich in Latium dauernd erhalten. Mit
der fortschreitenden Arbeitstheilung, mit der Ausbildung von Hand-
werk und Handel erwächst im Lauf der Zeiten aus der Büro- eine
Stadt, die ihre schwächeren Nachbarinnen zum Anschlufs zwingt
oder unterwirft und, soweit die gegebenen Bedingungen es gestatten,
erobernd um sich greift. Man könnte von einem allgemein gültigen
Gesetz reden, das in der Geschichte der verschiedenen Länder den
gleichen Ausdruck gefunden hätte. Im Einzelnen jedoch verleiht
die Eigenart des Landes dem Hergang sein besonderes Gepräge.
Bei den Hellenen heifst no/ug Burg Stadt und Staat: der eine
Begriff hat sich aus dem anderen naturgemäfs entwickelt. Auch
viele deutsche Städtenamen tragen ihren Ursprung aus einer Burg
oder einem Dorf an der Stirn. Die lateinische Sprache kennt der-
artigen Zusammenhang nicht, besitzt wol Bezeichnungen für ein-
zelne Arten von Städten, aber keine für die Galtung als solche
Die Ueberlieferung setzt die Gründung der Städte in engste Be-
ziehung zur Einführung des Ackerbaues und zur Auftheilung von
Grund und Boden. 2) Dies ist in gewissem Sinne vollkommen
richtig: unter der Herrschaft des Faustrechts braucht eine Gemeinde
die vom Ertrag des Ackers lebt, den Schutz einer Festung die ihren
Ghedern gegen feindhchen Ueberfall Freiheit und Leben verbürgt.
Allein wie das spätere Recht die Masse der pagi in abhängige Dorf-
1) Dafs Sarden, Etrusker und andere europäische Völker in ägyptischen
Berichten des U.Jahrhunderts erwähnt werden, ist 1 116 und sonst behauptet
worden. Die Dcnkmälerforschung hat inzwischen diese zuerst von de Rouge
aufgestellte Ansicht vollkommen bestätigt, vgl. E. Meyer, Geschichte des Alter-
tums II 208 fg.; A. Wiedemann, Bonner Jahrbücher XGIX (1896) 2; J. Krall-
Grundrifs der altorientalischen Geschichte I 84, Wien 1899-
2) So die Gründungssagen von Rom, Praeneste, König Italos, den Samniten,
Brettiern usw.; vgl. Vegetius IV 1 agreslem incuUamque Iwminum in initio
saecuh vitam a commimione mutorum animalium vel ferarum vrbium co7i,
stitutio prima discrevit. in his notnen reipublicae repperil communis utilitas.
Nissen, Ital. Landesliunde. II. 2
18 Einleitung.
gemeinden umgewandelt hat, so sind auch die von ihnen bewohnten
oppida ursprünglich rein bäuerliche Ansiedlungen: die Macht und
Grüfse des Stadtstaats fehlt, und worauf beides beruht, Gewerbe und
Verkehr stecken in den Anfängen. Die erste Stufe in der Ent-
wicklung des italischen Städtewesens erinnert also an den Burgen-
bau des frühen Mittelalters in Deutschland. Wie letzterer durch
den Einbruch der Ungarn befordert worden ist, so mögen die
wiederholten Umwälzungen, die das älteste Itahen durch einwandernde
Völker erlitt, zur Befestigung der Dürfer gedrängt haben. Im
Uebrigen treten die Unterschiede der beiderseitigen Entwicklung
mehr in den Vordergrund als ihre Berührungspuncte. Bei den
Deutschen wird von Innen heraus, durch den wirtschaffhchen Um-
schwung die Burg zur Stadt erweitert, in Italien durch äufseren
Druck und fremde Eroberung.
An der Küste hat die Wiege des Stadtstaats gestanden, die
Hellenen haben sie aufgeschlagen. Aehnlich wie der deutsche
Grundherr der einen Markt errichten wollte, Kaufleute von auswärts
berief, räumten einheimische Fürsten den Einvvanderein ans dem
Osten freiwillig eine Heimstätte ein.i) Oefter noch mnfsten sie vor
den landenden Schaien weichen, weil die Macht zur Abwehr fehlte.
Dann wiederholt sich das Schauspiel aus dem Thieneich vom Sing-
vogel, der das Ei des Kuckucks ausbrütet und den Gauch füttert, bis
dieser das Nest allein beansprucht und die rechtmäfsigen Insassen
hinaus wirft. Im Norden der Halbinsel haben andere Wege zum
gleichen Ziel der Ausbildung der Stadtherrschaft geführt. Die Aus-
grabungen in der Romagna lehren, wie über der ältesten umbiischen
Schicht eine etruskische sich ausbreitet, alsdann eine keltische folgt,
endlich eine römische den Abschlufs bildet. Die Kelten zwar haben
es ebenso wenig wie die Germanen zur Zeit der Volkerwanderung
geliebt durch Mauern eingepfercht zu werden. Aber als der Reich-
tum des toscanischen Erzgebirges an Metallen ein blühendes Ge-
werbe ins Leben rief, ist ein etruskischer Stadtadel und sind etrus-
kische Grofsslädte entstanden die über das flache Land geboten.
Um den Hergang schrittweise zu verfolgen, versagt die Ueherlieferung
für den Süden sowol als für den Norden. Man kann etwa das
6. vorchristliche Jahrhundert als das der planmäfsigen Städtegründung
1) So in Megara Hyblaea (Thukyd. VI?.), LoUri fPol.XIl 6), Massalia (Justin
XLlll 3), Kaiiliago (Justid XYJIl 5).
§ 3. Die Municipien. 19
für Italien hinstellen wie das 12. nachchristliche für Deutschland.
Damals haben sich nachweislich eine Reihe von Niederlassungen,
die einst den Raum einer Faclorei oder Rurg einnahmen, zum
Rang von Grofsstädten erhoben z. R. Syrakus, Kroton, Kyme, Rom,
damals sind z. R. Akragas, Posidonia, Pompeji aus einem Gufs ge-
schaffen worden. Die Anregung pflanzt sich zu den unabhängigen
Stämmen fort: an allen Gestaden von den Pomündungen bis zum
Arno und landeinwärts soweit der Hauch des Meeres verspürt wird,
treten Gemeinwesen in die Erscheinung die neben dem Ackerbau
Gewerbe und Handel treiben. In ihrem Aeufseren streifen sie das
Gewand der alten Pfahldörfer Stuck für Stück ab, ersetzen den
Holzwall durch eine Steinmauer, die Lehmhütte durch ein festes
Haus, eignen sich allmähch die baulichen Erfindungen an, deren
eine dichtgedrängte Menschenmenge zum Wolsein bedarf. Im
Innern bahnt der wirtschaftliche Umschwung den Sturz des König-
tums an. Die Einführung der Repubhk hängt im Einzelnen von
den örthchen Redingungen ab. Um 500 herrschten noch Konige
in Tarent, die nicht nur aus den übrigen hellenischen Colonien
sondern auch aus Rom vertrieben waren. Um 400 erscheinen sie
bei den Etruskern beseitigt; nur Veji hält an der alten Verfassung
fest. Aber vor dem Siegeszug der Cultur verschwindet das erbliche
Fürstentum auch in denjenigen Landschaften, die das Städtewesen
aufs leidenschaftlichste bekämpfien. Im Zeitalter der Samnitenkriege
ist keine Spur davon auf der ganzen Halbinsel vorhanden. Rei den
Kelten am Po erhält es sich bis zur römischen Eroberung am Aus-
gang des 3. Jahrhunderts. Als Caesar das jenseitige Gallien unter-
warf, fand er das Königtum bei den Reigen noch vor, in dem
fortgeschrittenen Süden seit einem Menschenalter abgeschafft. Unter
Augustus fristet es sein Dasein in den Alpen und auf den britischen
Inseln, unter ähnlichen örthchen Verhältnissen wie die einheimische
Flora den nachdrängenden Cullurpflanzen widersteht.
Die Ohnmacht der einzelnen Gaue hatte der Fremdherrschaft
in Italien den Roden bereitet. Die ihrer Freiheit drohende Gefahr
belebte das Gefühl der Zusammengehörigkeit, vereinigle die Stammes-
genossen zu gemeinsamer Abwehr. Noch mehr: die Stämme
schritten zur Schöpfung kräftiger Rundesstaaten fort, deren gröfster
der samnitische Rund etwa ein Dutzend Theilnehmer umfafste. Im
Gebirge giebt die Viehzucht den Kern der Volkswirtschaft ab, be-
fördert die Tapferkeit aber auch die Wildheit seiner Rewohner;
2*
20 Einleilung,
ein natürlicher Gegensatz gelangt in ihrem Vordringen gegen flie
Küste zum Ausdruck (1 227). Seit dem 5. Jahrhundert können wir
die lange Fehde die zwischen den Bergstämmeu und Hellenen tobte,
verfolgen. Sie führt die Blüte der oskischen Cultur herbei , aber
bleibt in poUtischer Hinsicht ohne Ergebnifs (I 538j. Die samni-
tischen Scharen die sich in den Städten Aufnahme erzwingen,
werden dadurch der Heimat entfremdet. Ob sie die Sprache ihrer
Väter beibehalten oder mit der griechischen vertauschen, so tritt
bei den Nachkommen gar rasch das Stammesbewufstsein vor der
Verschiedenheit der Bildung und Lebenshaltung in den Hintergrund.
Und dann haben auch sie von den beutelustigen Gesellen , die als
heiliger Lenz in die Welt hinaus ziehen , schwer zu leiden. Im
Norden Italiens war der Friede nicht minder gefährdet als im
Süden. Seit dem 6. Jahrhundert hatten die Kelten grofse Gebiete
in Besitz genommen, andere Schwärme drängen um Land zu ge-
winnen nach, die Gefolgschaften plündern weit und breit (I 480).
Wiederum ist es eine urwüchsige Volkskraft, die eine hoher ent-
wickelte Gesellschaft bedrängt; denn bei den Kelten wiegt die Vieh-
zucht in gleicht^r Weise vor wie im Appennin. Der Schauplatz
wechselt und mit ihm das Feldgeschrei, aber von den Alpen bis
zum Meer gilt die nämliche Losung: Acker und Garten, Haus und
Hof gegen zügellose Gewalt zu schirmen.
Rom macht dem Treiben ein Ende, zwingt die schweifenden
Stämme sefshaft zu werden und Buhe zu halten, befriedet das ganze
Land. Mit der Gesittung begründet es zugleich die eigene Herr-
schaft, theils durch Mehrung seines Gebiets theils durch Bündnifs.
In der einen wie der anderen Hinsicht erstrebt es die allgemeine
Durchführung der Stadtverfassung. Von den Colonien, die auf den
eroberten Gebieten angelegt wurden, soll im nächsten Abschnitt die
Rede sein. Die Masse der in der Censusliste aufgezählten Ge-
meinden verdankt den Hümern ihr Recht, nicht ihre Entstehung.
Für diese wird nach der Ausdehnung des Bürgerverbandes bis an
den Po und die Alpen die Bezeichnung municipia üblich. Wenn
gegenüber dem Staat, d. b. Rom, vom Lande die Rede ist, so sagt
man .»tatt cuncta Italia, tota Italia entweder municipia et coloniae^),
oder da jene an Zahl durchaus überwiegen, schlechtweg municipia.^)
1) Cic. post red. in sen. 38, ad Quir. 10. 16, de domo 5, in Pis. 41, pro
Mil. 20.
2) Cic. de domo 142, pro Sest. 129, in Pis. 53, pro Plane. 97, Phil. II 57. 61.
§ 3. Die Municipien. 21
Vollends in Her Kaiserzeit als der Name Colonie in Italien zu einem
wesenlosen Titel herabsinkt, erlangt das Wort die allgemeine Be-
deutung einer sich selbst verwaltenden Landstadt und wird in
diesem Sinne auch von latinischen Gemeinden in den Provinzen
gebraucht. 1) Vor dem durch den marsischen Krieg bewirkten Aus-
gleich schliefst es die unabhängigen fremden Staaten, die foederati oder
socii die nur im Vertragsveihältnifs zu Rom stehen, also die grüfsere
Hälfte Italiens aus. 2) Gemäfs der Ableitung von munus oder munia
und capere ist munkeps von Hause aus der zur Theilnahme an den
Lasien des römischen Bürgertums Verpflichtete: er geniefst in
Krieg und Frieden manche Vorrechte des Bürgers als Entgelt, aber
weder alle noch die höchsten.'^) Demnach reicht dieser Begriff
nicht weiter als die Geltung des römischen Rechts. In älterer Zeit
ist er auf das nomen Latinum, die durch Gemeinschaft der Sprache
mit Rom eng verbundenen Gemeinden beschränkt. 4) Als aber nach
dem Gallischen Brande Rom als Vorkämpfer an die Spitze der
italischen Städte tritt, hat es zuerst dem etruskischen Caere, sodann
einer Menge von oskischen latinischen sabinischen Gemeinden
minderes Bürgerrecht verliehen. s) Zwar ist diese Classe von Muni-
cipien eine vorübergehende Erscheinung gewesen, aber der Name
verbleibt ihnen und geht auf alle Bürgergemeinden über, die bereits
urkundlich 111 v.Chr. in der oben angegebenen Weise als co/onme
et munkipia zusammen gefafst werden (S. 20). Die wechselnde
pohlische Lage hat eine Fülle von Abstufungen in den Rechten
der einzelnen Städte veranlafst. Auch haben sie bei ihrem üeber-
tritt in den Bürgerverband manche Besonderheiten aus der selb-
ständigen Vergangenheit gerettet. Indefs hat die Slaatsregierung
dafür gesorgt, dafs die verschiedenen Städteordnungen in allen
wesentlichen Dingen übereinstimmten.
Seit der Auflösung des alten Latinerbundes 338 v. Chr. ist es
ein leitender Gedanke der römischen Politik gewesen, den Zusaramen-
1) Dig. Ll,l, Plin. III 7. 138 XXXIII 53 XXXIV 17 XXXV 158, Tac. Ana.
IV 3 Hist. I 67, Juvenal 8, 238. Salpensa und Malaca heifsen in den erhaltenen
Stadlrechlen municipia Flavia.
2) Gell. XVI 13,6 wirrt das Rechtsverhäitnifs vor und nach dem Bundes-
genossenkrieg durch einander, ebenso X 3,2.
3) Varro LL. V 179, Dig. L 1,1 (üipian) 16,18 (Paulus), Geil. XVI 13,6.
4) bo nennt das Ackergesetz von 111 v. Chr. CIL. 1 200 Z. 31 municipia
nnminis Laiini neben civiiim Romanorum.
5) Slrab. V 220, Gell. XVI 13,7, Fest. 127. 131. 142 M.
22 Einleitung.
hang der Stämme zu sprengen. ') Aber erst nachdem der Bundes-
staat in dem blutigen Wallengang von 90 — 88 den Kürzeren ge-
zogen hatte, konnte der Gedanke folgericlitig verwirklicht werden.
Die Durchführung wurde den Verhältnissen angepafst. Kleine
Stämme fügte man in ihrer Gesamtheit dem Rahmen einer Stadt-
verfassung ein: z. B. gingen die Rutuler in Ardea, die Sidiciner
in Teanum, die Marruciner in Teate auf, desgleichen ein Dutzend
ligurische Cantone in ebenso viel gleichnamige Municipien. Bei
Volkerschaften die auf eine ruhmvolle Geschichte im römischen
Heerdienst zurück blickten, bleibt zwar eine religiöse Verbindung
bestehen und hält das Stammesbewufstsein wach, aber sie werden
willkürlich aus einander gerissen wie die Marser in 4, die Paeligner
in 3, die Vestiner in 3 oder 5 Theile. Die Willkür hat zur Folge,
dafs im Hochappennin die Gemeindebildung unter Augustus noch
nicht zum Abschlufs gelangt ist. Weit leichter als in diesen Vieh-
zuclit treibenden Gegenden ist die Umwandlung der Landesgemeinde
in eine Reihe von Stadtgemeinden dort gewesen, wo der Ackerbau
seit Alters den Schutz einer Festung aufgesucht und hinter den
Mauern ein Pfahlhürgertum grofs gezogen hatte. Unter der Fülle
von Verwaltungskörpern, die zumal in der 1. 2. 6. Region begegnen,
werden viele nichts anderes als ehemalige Pagi vorstellen. Die
Mehrzahl der Pagi war längst von gröfseren Gemeinden aufgesogen
worden, nur der Gottesdienst hatte mit der ihm eigentümlichen
Zähigkeit ihr Andenken erhalten. — Augustus ist eifrig bemüht ge-
wesen das Alte zu neuem Leben zu erwecken, sein Volk und sein
Haus mit dem Kranz einer ehrwünhgen Voizeit zu schmücken.
Antiquarischer Liebhaberei verdanken manche Namen in der uns
vorliegenden Censushsle ihren Platz. Während der Halbinsel ein
geschichtliches Gepräge bewahrt bleibt, gelangen die Bedürfnisse des
Tages im Norden zum Ausdruck. In der Ebene die so oft den
Herrn gewechselt hatte, stand es den Römern frei nach Gutdünken
zu schalten. Sie haben ein wesentlich anderes Verfahren diesseit
und jenseit des I*o eingeschlagen. Das starke Volk der Boier, dem
112 Gaue zugeschrieben wurden, verschwindet völlig und wiid an
einige 20 Stadtgemeinden aufgetheilt. Die nicht minder mächtigen
Völker der Transpadana dagegen, Tauriner Salasser Jnsubrer
Ciiiomanen u. s. w. haben als Colonien oder Municipien im Wesent-
1) Die Darlegung Liv. VIII 14 hat den Wert eines Paradigma.
§ 3. Die Municipieii. 23
liehen ihre Feldmarii iinveiküizt behauptet. Es ist nur ein schein-
barer Widerspruch wenn Augustus im Umkreis der Hauptstadt
abgestorbene winzige Bildungen hegt, im Angesicht der Alpen als
Uriieber der Grofsgemeinde auftritt (S. 4). In beiden Fällen be-
zweckt er die eigene wie die nationale Macht zu stützen: dort
durch die Religion, hier durch die Waffen (I 82 A. 1), Aus
diesem Gesichtspuncl erklärt sich das buntscheckige Aeufsere unseres
Verzeichnisses das an die Eingangs berührten Verhältnisse der
Gegenwart erinnert: neben Gemeinden mit einer Gemarkung von
3 — 6000 Qkm stehen Namen die kaum den Umfang von 100 ha
bedeuten. Wir stofsen einerseits auf Städte deren Hoheit den
Mauerring nicht überschreitet, anderseits auf solche denen weite
Landstrecken minderen Rechtes unterstellt, oder wie es technisch
heifst, attribuirt sind. Worin alle die 430 Körperschaften Italiens,
grofse und kleine übereinstimmen, ist die Selbstverwaltung in die
der Stnat allein drein reden kanri.i)
Die ganze Entwicklung hebt mit kleinen Einheiten an die zu
gröfseren fortschreiten und dabei in ihrer freien Bewegung be-
hindert werden. Wie die in Städte und Stammbünde eingeordneten
Gaue ihr Kriegsrecht verloren hatten, so war der Eintritt jener in
ein ewiges Bündnifs mit Rom durch ähnliche Opfer erkauft worden.
Zwar wurde den Bundesgenossen nach Verzicht auf die Kriegsho-
heit volle Selbständigkeit verlragsmäfsig gewährleistet (I 68 fg). Aber
die gemeinsame Wehrpflicht war ohne übereinstimmende Schätzung
auf die Dauer nicht denkbar 2j; feiner bot die Aufrechthaltung des
Landfriedens, welche Sorge dem Senat oblag, eine bequeme Hand-
habe zu EingrilTen in die Autonomie. 3) Nach dem bannibalischen
Kriege scheinen sich solche nicht auf die Grenzen des Notwendigen
beschränkt zu haben: die Ueberlieferung räumt ausdrücklich ein,
dafs die W^egiiahme des den Bundesgenossen überlassenen Geniein-
landes eine schwere und unbillioe Schädigung eiuscblofs. Vom
1) E. Kuhn, die städtische und bürgerliche Verfassung des römischen
Reichs bis auf die Zeilen Justinians, 2 ß, Leipzig 1864.65. W. Liebenam,
Städteverwaltung im römischen Kaiserreiche, Leipzig 1900.
2) Die allmäliche Ausbildung der ßundesmatrikel (formula toi^atorum)
lehrt das 225 und 209 eingeschlagene Verlahren Pol. It 23,9, Liv. XXVll 10
XXIX 15. 37.
3j Pol. VI 13,4, erläutert durch das bekannte Vorgehen gegen die Baccha-
nalien 18G CIL. I 196.
24 Einleitung.
Zwang abgesehen üben grofse Verhältnisse eine ausgleichende Wir-
kung aus, mufsten die von Rom kommenden Anregungen vielfach
beachtet werden. Wenn derart der Aufnahme der Bundesgenossen
in die Bürgerschaft seit langem vorgearbeitet war, so hat doch der
Uebergang geraume Zeit erfordert und viele Schwierigkeiten zu be-
wältigen gehabt. Verständiger Weise sah der Staat von einer
mechanischen Gleichmacherei ah. Neapel und Regium behielten
sogar ihre griechische Sprache und Verfassung hei. Camerter und
Capenalen bezeichnen sich selbst als foederati, werden also vermut-
lich allerlei Privilegien ihres früheren Vertrags gerettet haben. In
der Regel verfuhr man so, dafs ein staatlich bestellter Gesetzgeber
aus dem Ortsrecht dasjenige auswählte, was den Grundsätzen des
neuen Rechtes nicht widersprach, und mit letzterem zu einer ein-
heitlichen Gemeindeverfassung {lex mtmidpii) verschmolz. Die daraus
entsprungenen Abweichungen sind, soweit ihnen thatsächliclie Be-
deutung zukan), immer mehr abgeschliffen worden. Es ärgerte zwar
den Hauptstädter, wenn der Rat eines Municipium mit dem Titel
senatus statt decuriones, die Oberbeamten mit dem Titel dictator
oder praetor statt quatiiiorvir oder duovir prunkten, aber die Gae-
saren haben derartige Spielerei geduldet, um nicht zu sagen be-
fördert.') Unter Augustus zeigt das Städtewesen Italiens im Wesent-
lichen übereinstimmende Züge. Gerade wie heutigen Tages die
Zusammensetzung des Gemeinderats sich nach der Einwohnerzahl
richtet (S. 15), so sinkt die Norm von 100 Decurionen in kleinen
Municipien auf 30 und vielleicht noch tiefer herab. 2) Dafs Beamten-
und Priestertum in einem grofsen Gemeinwesen reicher ausgestattet
war als in einem Duodezstädtchen, versieht sich von selbst. In-
dessen wird die alte Ueberlieferung hier wie dort von den Neue-
rungen, welche die Monarchie auf politischem, religiösem und
socialem Gebiet veranlafsle, gleicher Mafsen verdunkelt.
§ 4. Die Colonien.
Die Ortsforschung weist eine überraschende Beständigkeit in
den Agrarverhältnissen Deutschlands nach. Auf einem so zer-
stückelten und schicksalreichen Boden wie es der rheinische ist,
1) Cic. de lege agr. II 93, in Pis. 24, pro domo 60, Hör. Sat. I 5,34; lex
Julia mun. 83 fg. vila Hadr. 19, t.
2) CIL. XIV 2458. 66.
§ 4. Die Colonien. 25
kann vielfach durch Urkunden erhärtet werden, dafs die Flurgrenzen
im letzten Jahrtausend keine Aendorung erlitten haben. Freihch
wenn man bedenkt, dafs die Siedlungen von natürlichen Bedingungen
abhängen und die Summe lang fortgesetzter Arbeit umschliefsen,
so befremdet die Thafsache nicht, entspricht vielmehr der Regel,
dem gesetzmäfsigen Walten das die menschliche Gesellschaft er-
füllt, i) In Itahen begegnen die Spuren der Römerzeit auf Schritt
und Tritt: nicht hlos in Stadtanlage und Strafsenbau, sondern
auch in der Flurtheilung. Die I 204 erwähnte Entdeckung Lom-
bardini's, nach welcher die römische Centurie von 50,5 ha als
Grundlage des Wegenetzes in vielen Gemarkungen der Aemiha und
Venetiens wiederkehrt, ist seither verschiedentlich nachgeprüft und
bestätigt worden. 2) Ferner kann bei einer Reihe von Territorien
die Annahme als wahrscheinlich gehen, dafs ihre Grenzen dieselben
gebheben sind wie unter den Kaisern. Ob es dagegen möglich
sein wird Reste des ursprünghchen Gepräges, das die früheren
Herren dem Lande aufgedrückt hatten, mit Sicherheit zu unter-
scheiden, steht dahin. Das Verzeichnifs der staatlichen Ackeran-
weisungen das die Schriften der Feldmesser von den Regionen der
Halbinsel beibringen, bemerkt nur ganz vereinzelt, dafs die ältere
etruskische, latinische, griechische Flurtheilung verschont worden
sei, und begründet die Ausnahmen durch religiöse Rücksichten. 3)
Wie wenig die Römer darauf bedacht waren bestehende Verhält-
nisse zu erhalten, lehrt die Alimentartafel von Veleia: unter den
17 Gauen die sie dieser Gemeinde zuschreibt, ist ein Drittel durch
die Grenze zerrissen und theilweise zu den anstofsenden Territorien
geschlagen worden. Wol gilt die Heiligkeit der Grenze als oberster
Glaubenssatz (S. 9). Der Krieg jedoch hebt sie auf, der Sieger
kann nach freiem Ermessen über das eroberte Gebiet verfügen.
Nach der ausführlichen Formel übergiebt der Unterworfene auf
Gnade und Ungnade mit seiner eigenen Person urbem agros aquam
terminos delubra ntensilia divina humanaque omm'aJ) Nach römischem
1) A. Meitzen, Siedelung und Agrarwesen der Westgermanen und Ost-
germanen, der Kellen, Römer, Finnen und Slawen, 3 B., Berlin 1895.
2) Ad. Schulten, die römische Flurtheilung und ihre Reste, Abh. d. Ges. d.
Wiss. zu Göttingen II 7, Berlin 1898.
3) Feldm. 225. 229,6. 234.21 lege et consecratione veteri manet; 235,16.
237,1.
4) Liv. I 38 VII 31, Pol. XXXVl 4 vgl. XX 9 fg.
26 Einleitung.
Recht entsteht das private Bodeneigentum durch Uebertragung von
Seilen des Staates, ist steuerfrei und in vieler Hinsicht bevorzugt.
Aeufserhch trägt es das Merkmal dieser bevorzugten Stellung in seiner
Linnlation zur Schau, indem es nach römischen Grundsätzen neu
vermessen und bekundet wird. Seit undenklichen Zeiten bewohnen
die deutschen Stämme das Erbe ihrer Väter: daher rührt die oben
betoute Stetigkeit des Besitzes. Das alte Italien hat eine Umwälzung
nach der anderen durchlebt, seine Geschichte offenbart einen gerade-
zu unheimlichen Wandel des Eigentums. Der Feldmesser der dem
Wandel sichtbaren Ausdruck lieh, hat die von seinen Vorgängern
gezogenen Linien verwischt. Was die Ueberlieferung vom Umfang
seiner Thätigkeil meldet, soll zunächst betrachtet werden.
Romulus, sagt man, theilte jedem Bürger aus dem Gemeinbe-
sitz 2 Morgen V2 ha Gartenland als Erb und Eigen zu.i) Dies
Mafs kehrt noch bei Verleihungen des 4. Jahrhunderts vvieder'^)
und lehrt, wie lange die Feldgemeinschaft bei den Römern fortge-
dauert hat"^); denn ohne Antheil an der Allmende hätte der auf
den Ertrag von 2 Morgen angewiesene Bürger verhungern müssen. 4)
Wie der Staat als Vermögenseinheit res publica heifst, so wird die
von ihm gestiftete Ansiedlung colonia Bauerngut wegen des gemein-
schafthchen Wirtschaftbetriebs benannt.^) König Ancus hat mit der
Anlage von Ostia den Anfang gemacht. Andere Gründungen die
in die Königszeit fallen , sind bei dem Zusammenbruch der dem
Sturz der Tarquinier auf dem Fufse folgte, wieder verloren ge-
gangen. Nachdem Rom durch die Bündnisse mit Latinern und
Hernikern gestärkt seine Macht neu errichtet, hat es zuerst gemein-
schaftlich mit den Verbündeten, alsdann aus eigenem Entschlufs
bis 177 v. Chr. im Ganzen 40 latinische Colonien nach eroberten
Ländereien ausgeführt. Davon sind 5 aufgehoben oder dem Bürger-
verband einverleibt worden. Ihrer 30 wurden im hannibalisclien
Krieg gezählt, nachher kamen 5 hinzu, 89 v. Chr. erhielten alle
Bürgerrecht, Sie sind als unabhängige Städte gegründet, aber
durch Sprache Verkehr und Recht eng an Rom geknüpft. Dafs sie
1) Mommsen, Staatsiecht III 23.
2) Liv. IV 47 VI 16 Vlll 11. 21.
3) Von der Zeit des Romulus und Cato meint Horaz Od. II 15 privatus
Ulis census erat brevis, commune magnum.
4) Meitzen I 252.
5) Serv. V. Aen. I 12.
§ 4. Die Colonien.
27
dessen Kriegshoheit anerkennen mufsten, versteht sich von selbst;
auch haben ihre Rechte im Laufe der Zeiten Einbufsen eriitten.
Die folgende Uebersicht, für deren Ansätze die Beschreibung die
Belege enthält, soll den Bodenwechsel veranschaulichen den die
Einigung Italiens vcranlafste.
Jahr der Gpündung Colonisten Ackerlose in Morgen
Signia I
495
Velitrae I
494 seit 338 römisch
Norba I
492
Antium I
467 seit 338 römisch
Ardea I
442
Labici I
418 später römisch
Vitellia I
395 bald zerstört
Circei I
393
Satricum I
385 bald zerstört
Sutrium VII
383
Nepet VII
383
Setia I
382
Cales I
334
Fregellae I
328
Luceria II
314
Suessa I
313
Pontiae I
313
Saticula IV
313
Interamna I
312
Sora I
303
Alba IV
303
Narnia VI
299
Carsioli IV
298
Venusia II
291
Hadria V
289
Cosa VII
273
Paeslum III
273
Ariminum VIII 268
Beneventum
II 268
Firmum V
264
Aesernia IV
263
Brundisium
II 244
Spoletium VI 241
1500
2500
2500
4000
4000
6000
4000
20000
28 Einleitung.
Jahr der Gründung
Colonisten
Ackerlose in Morj
Placentia VIII 218
6000
Cremona X 218
6000
Copia III 193
3300
20 (40) 1)
Vibo III 192
4000
15 (30)
Bononia VIII 189
3000
50 (70)
Aquileia X 181
3000
50 (140)
Luca VII 177
3000
Das Gebiet das den 35 Colonien die Bestand hatten, überwiesen
worden ist, kann kaum unter 300 d. DM. veranschlagt werden.
Die grüfste Umwälzung hat sich innerhalb zweier Menschenalter
vollzogen, die Hauptkosten hat Samnium zu tragen gehabt: für die
Anlage von Venusia wurden gegen 30 d. GM., für Saticula Bene-
vent und Aesernia zusammen nicht weniger den alten Besitzern
genommen. Bis zur Herstellung des Landfriedens haben schwere
Stürme an den Mauern dieser Städte gerüttelt, viele von ihnen
haben Nachschub erhalten, um die in den Reihen der Ansiedler ge-
rissenen Lücken zu füllen. Während es sich hier um grofse
Festungen handelt die nach ihrer Errichtung aus dem romischen
Slaatsverband ausscheiden, werden umgekehrt die gleichzeitigen
Bürgercolonien zum unmittelbaren Schutz des Staatsguts gegründet.
Sie sind bis 183 auf Küstenplätze beschränkt und auf die be-
scheidene Zahl von 300 Ansiedlern die von der gewöhnlichen Aushe-
bung befreit, eine stehende Besatzung bilden. Die zunehmende Grofse
der Ackerlose deutet auf die langsame Abnahme der Sammtwirt-
schaft hin.
Ackerlose in Morgen
Jahr der Gründung
Colonisten
Ostia I
630?
Antium I
338
Tarracina I
329
300
Pyrgi VII
300?
Minturnae 1
296
Sinuessa I
296
Castrum novum
VII
289
Sena GalUca VI
283
Castrum novum
V
264
Aesulum VI
247
1) Die Ziffer in Klammern giebt das Los der Reiter an.
§ 4. Die Colonien. 29
Ackerlose in Morgen
Jahr
der Gründung
Colonisten
Alsium VII
247
Fregenae VII
245
Caslra Hannibalis III
199
300
Volturnum I
194
300
Liternum I
194
300
Puleoli I
194
300
Salernum I
194
300
Buxentiim III
194
300
Sipontiini II
194
Tempsa III
194
Croton III
194
Potentia V
184
Pisaurum VI
184
Mutina VIII
183
2000
Parma VIII
183
2000
Saturnia VII
183
Graviscae VII
181
Luna VII
177
2000
Aiiximum V
157
Florentia VII
154?
Fabrateria nova I
124
Tarentum II
122
Scolacium III
122
Dertona IX
?
Eporedia XI
100
6
6
5
8
10
5
51 V2
Der Flächenraum der für diese Ansiedlungen beansprucht
wurde, reicht entfernt nicht an den für die latinischen Colonien
verwandten hinan. Rom hat bis zum Bundesgenossenkrieg ver-
mieden durch Anlage grofser Städte die Einheit der Bürgerschaft
zu lockern. Es stiftet auf den eroberten Gebieten Landgemeinden
die in Dörfern und Flecken ihren Mittelpunct erhalten. Hierzu
gehören die S. 13 erwähnten 33 Märkte von denen uns später 23
als Municipien begegnen. Die Zahl der mit Stadtrecht begabten
Dörfer läfst sich nicht bestimmen. Indessen lehrt die Vermehrung
der rumischen Tribus, dafs weite Strecken Landes in Frage kamen.
Auf der vejentischen Feldmark wurden 387 4 neue Tribus errichtet,
bis 241 folgten 10 andere nach. Wenn nun die Censusliste von
241 trotz der Verluste im punischen Krieg 18000 Bürger mehr
80 Einleitung.
aufweist als die vorhergehende von 247, so rührt der Zuwachs
grofsentheils von den inzwischen geschaffenen Tribus Vehna und
Quirina her. Allerdings sind die beiden jüngsten auch die ausge-
dehntesten Tribus gewesen. Aber im Grofsen und Ganzen werden
die Anweisungen an die Bürger schwerlich hinter dem Mafs das
den Latinern bewilligt wurde, zurück geblieben sein. Der siegreiche
Staat griff herzhal't zu, nahm z. B. den Brettiern 275 den halben
Silawald, den Boiern 191 die halbe Feldmark ab, in manchen Fällen
auch die ganze. Nach dem hannibalischen Kriege erreichte das
römische Gemeindeland einen derartigen Umfang, dafs es zum guten
Theil nicht vergeben, sondern privater Nutznielsung überlassen
wurde. Um dem andauernden Verfall der römischen Bauerschaft
zu steuern, haben die Gracchen nach heifsen Kämpfen durchgesetzt,
dafs dies Gemeinland eingezogen und an Bedürftige vertheilt würde.
Wie tief die Mafsregel in den Vermögensstand der damaligen Ge-
sellschaft einschnitt, erhellt aus folgender Rechnung. Laut den
Censusziffern sind in dem Zeitraum 131 — 125 die Steuerfähigen
um rund 76000 Köpfe gestiegen. Setzt man das einzelne Acker-
los im Mittel zu 30 Morgen ani), so sind über 100 d. DM. Acker-
land den Reichen genommen und den Armen verliehen worden.
Bis auf das campanische Feld , das noch lange als Spielball der
Parteien diente und erst 59 an 20 000 Familienväter überlassen
wurde, ist das zum Ackerbau geeignete Staatsland duich die grac-
chische Bewegung beseitigt worden. — In seiner Uebersicht über
die Colonien der Republik bemerkt Velleius, dafs die bürgerhche
Thätigkeit 100 v. Chr. beendet und fortan durch die militärische
Colonisation verdrängt worden sei.^j Zu den löblichen Gepflogen-
heiten des Freistaats gehörte es die Soldaten nach dem Triumph
mit Geld oder Land zu bedenken: beides war vom Feind mit den
Waffen erworben. Im Zeitalter der Bürgerkriege lieferte die Gegen-
partei ersehnte Beule, nicht selten auch wurde die friedliche Be-
völkerung von Haus und Hof getrieben um der Habgier des Siegers
zu fröhnen. Sulla hat 120 000 Ackerlose vertheilt 3) und 12 Colo-
1) Dies Mafs ist angenommen nach dem Ackergesetz von 111 CIL. I 200,14,
vgl. Liv. LVIII.
2) Veli. I 15,5.
3) Appian b. civ. I 104. Derselbe c. 100 giebt die Zahl der bedachten
Legionen ;iuf 23, Liv. LXXXIX auf 47 an.
§ 4. Die Colonien.
31
nicD gestiftet.') Während nach Madvi^is und Mommsens Unter-
suchungen über die älteren Colonien keine wesentliche Unsicherheit
herrscht-), ist dies um so mehr bezüglich der jüngeien der Fall. 3)
Deshalb werden die Beweisstellen in der Liste beigefügt.
Abellinum 1? CIL. X 1117 Heiname Veneria.
Ariminum VIII Cic. pro Caec. 102, Verr. II 1,36, Appian b. civ. I 87.
Arrelium VII Cic. pro Caec. 97, pro Mur. 49, ad Att. I 19,4,
CIL. XI p. 336.
Clusium VII Plin. III 52, CIL. XI p. 372.
Faesulae VII Cic. Cat. 111 14, pro Mur. 49 u. a., verbunden mit
Florentia.
Grumentum III? CIL. X 221. 228.
Hadria V? CIL. IX 5020 Beiname Veneria.
Interamnia Pr. V Flor. II 9,27, CIL. IX p. 485.
Nola I Feldm. 236, CIL. X 1244. 73, Beiname Fehx.
Pompeii I Cic. pro Sulla 60. Beiname Veneria Cornelia.
Praeneste I Cic. Cat. I 8, Flor. II 9,27, CIL. XIV p. 289.
Spoletium VI? Flor. II 9,27.
Suimo IV? Flor. U 9,27.
Urbana I Plin. XIV 62.
Die Uebersicht lehrt, dals 9 oder 10 Gemeinden die bis 90^
zii den italischen Bundesgenossen gehört hatten, von der Umwälzung
betroffen wurden. Die Auftheilung der campanischen Domäne durch
Caesar kann in diesem Zusammenhang übergangen werden. Nach
Caesars Tode beschlossen die Triumvirn 18 der blühendsten Städte
ihren Soldaten zum Lohn auszuliefern: davon kamen 2 frei, aber
wirklich wurden 170 000 Mann nach der Schlacht bei Philippi in
Italien angesiedelt, ohne dafs die bisherigen Besitzer entschädigt
worden wären. ^) Milder verfuhr Octavian 30 v. Chr., indem er um
120000 Veteranen mit Land auszustatten, 600 Millionen Sesterzen
1) Die Zahl ergiebt sich aus Cic. pro Caec. 102, da Sulla den Volaleiianern
die gleiche Rechtsleilung angewiesen halle wie den Aiiminensern: quos quis
ignorat duodecim coloniaritm fuisse? Die Worle können !«ich nicht mit
Monnmsen Rom. Gesch. H 424 A. Staatsrecht III 624 n. A. auf das Recht, das
Ariminum als latinische Gemeinde gehabt halte, beziehen. Sie beziehen sich
auf das Recht, das Sulla ihm zur Strafe verliehen halle.
2) iMaiquardt, Staatsverwaltung 1 35 fg. 48.
3) Mommsen, die italischen Bürgercolonien von Sulla bis Vespasian, Herrn.
XVIII 161 fg.; Korneraann in Pauly-W'issowa Realencyclopädie.
4) Appian b. civ. IV 3 V 5. 12 fg.
32 Einleitung.
(130 Mill. Mark) aiihvaiulte, also wenigstens einen Theil des Schadens
verjjütete. In seiner Grabschrift 14 n. Chr. rühmt der Kaiser dals
in Italien 28 blühende volkreiche Colonien unter seinen Anspielen
gegründet seien. In der Censusliste führt er 44 auf, indem die
Anlagen der Triumvirn mitgerechnet werden. Da nur ein Jahr-
zehnt zwischen den Umwälzungen von 41 und 30 in der Mitte
hegt, reichen unsere Mittel zur reinlichen Scheidung der von
beiden betroffenen Städte nicht aus. Die jüngeren wie die älteren
Colonien wurden von Augustus als Stützen seiner Macht betrachtet
und durch erhebliche Vorrechte ausgezeichnet, i) So durften die
Stadträte ihre Stimmen für die staatlichen Wahlen schriftlich nach
Rom einschicken: ein Ansatz zum modernen System der freilich
bald mit dem Aufhören der Volkswahlen wieder verschwand. Ein
nach Regionen geordnetes Verzeichnifs dieser bevorrechteten Colonien
wird für das Verständnifs des auguslischen Italien (S. 3) von
Nutzen sein.
Region
Name Jal
ii- der Gründung
Feldmark i
XI
Augusta Ta
urinorum
nach 28
50
—
Aug. r^raet.
Salassorum
25
60
X
Brixia Aug.
civica
nach 28
100
—
Crem 0 na
41
20
—
Ateste
30
15
—
Julia Concordia
35
40
—
Aquileia
35?
50
—
Tergeste
33
30
—
Pola
33
IX
Dertona
vor 28
VIII
Brixellum
Placentia
30
—
Parma
nach 28
25
—
Mutina
—
Bononia
nach 28?
40
—
Ariminum
nach 28
9
VII
Luca
41
30
—
Pisae
vor 28
20
—
Rusellae
—
Saena
vor 28
1) Suelon Aug. 46.
§ 4.
Die Colonien.
Region
Name
Jahr der Gründun»
VII
Sutrium
41
—
Falerii
41?
—
Lucus Feroniae
41
VI
Pisa ur um
41
—
Fanum Fortiinae
41
—
Hispellum
41
—
Tuder
41
V
Ancona
41
—
Firmum
41
—
Asculum
41
—
Hadria
41?
IV
Bovianum Vetus
41
II
Luceria
41
—
Venusia
41
—
ßeneventum
(41) 28
I
Antium
41
—
Minlurnae
—
Sora
41
—
Aquinum
Teanum
41
—
Suessa
41
—
Venafrum
nacii 28
—
Capua
36
—
Noia
33
Feldmark in d. QM.
30
20
10
9
15
6
Diese Liste von 44 Städten i) stellt den zehnten Theil der
Verwaltungskörper Italiens dar, umfafst aber ungefähr ein Fünftel
der gesammlen Bodentläche. Eine genaue Berechnung der Stadt-
gebiete ist nicht möghch: wenn man indefs bedenkt, dafs Brultium
und Apulien mit ihren Domänen von mehreren hundert Quadrat-
meilen Umfang in Abzug zu bringen sind, so erscheint das Ver-
hältnifs des von der Colonisation betroffenen Landes zu dem ver-
schont gebhebenen eher zu niedrig als zu hoch gegriffen zu sein.
Die Nachfolger des ersten Kaisers, Tiberius, Claudius, Nero, dann
1) Unberücksichtigt bleiben aus der Küstenbeschreibung bei Plinius 111 51
Cosa Folcientium a populu Romano deducla, 56 Ostia colonia a Romano rege
deducta, 61 Puteoli colonia Dicaearchea dicti, da die Zusätze schon andeuten
dafs diese Gründungen nicht von Augustus stammen. Dies gilt auch von
Puleoli nach allem was wir von dessen Geschichte kennen.
Nissen, Ital. Landeskunde. IL 3
34 Einleitung.
die Flavier und Antonine bis Diocletian und Conslantin haben da-
mit fortgefahren Municipien in Colonien , umgekehrt auch ehe-
mahge Colonien in Municipien umzuwandeln. Die Stellung einer
Gemeinde als Colonie galt für ehrenvoller, als Municipium für
freier und vortheilhafter, ohne dafs wir im Stande wären die recht-
lichen Vor- und Nachtheile deutlich zu erkennen. i) Im Ganzen
sind etwa 35 Städte seit Augustus mit Colonialrecht bedacht worden:
jedoch mag die Zahl bedeutend grülser sein als die zufällig erhaltenen
Nachrichten ergeben. Nach diesen handelt es sich theils um die
Verstärkung vorhandener Colonien , theils um Ansiedlung von
Veteranen in bestehenden Municipien. Eine liefgreifende Umgestal-
tung des Besitzstandes, wie sie im letzten vorchristlichen Jahrhundert
so gewahsam ins Werk gesetzt wurde, hat sich unter der Herrschaft
des Friedens nicht wiederholt. Vielfach stehen diese späteren
Gründungen auf derselben Stufe wie die Verleihung eines Titels.
Immerhin haben auch sie dazu beigetragen das vorrömische Gepräge
des Landes zu verwischen.
§ 5. Die Entwicklung der Städte.
Die wechselnden Schicksale, die über das Land hingezogen
sind, haben einen greifbaren Ausdruck in den Städten hinterlassen.
Um die Fülle der Erscheinungen zu erläutern, gehen wir von der
Bestimmung ihrer Grofse aus. Die Alten verschlossen sich durch-
aus nicht der Einsicht, dafs die Macht eines Gemeinwesens von der
Ausdehnung seines Gebiets abhinge.'^) Trotzdem ist ihnen die
Vergleichung der Städte unter einander ohne Rücksichtnahme auf
das zugehörige Gebiet geläufig, wobei als Mafsstab der Umfang der
Ringmauer dient. Die Berechtigung dieses Mafsstabs ruht in dem
Umstand, dafs die Mauerlänge der Zahl der Vertheidiger entsprechen
mufs, also auf die Stärke der Bürgerschaft einen Schlufs gestaltet.
In der griechischen wie der römischen Schlachtordnung nimmt der
einzelne Mann 3 Fufs 89 cm Front ein.'^) Allem Anschein nach
ist bei der Stadtanlage das gleiche Verhällnifs zwischen der Mauer-
länge und der Zahl der Bürger als Norm betrachtet worden. In
einem Falle wenigstens leuchtet die Sache unmittelbar ein: das 25
1) Gell. N. A. XVI 13.
2) Ti.ukyd. 1 10 Pol. IX 21 Hultsch.
3) Pol. XVIII 29,2 3ü,6 Hu.
§ 5. Die Entwicklung der Städte. 35
V. Chr. gegründete Aosta erhielt 3000 Colonisten und nach Promis
Messung einen Umfang von S766 Fufs. Ein annähernd gleicher
Umfang begegnet bei itahschen Mittelstädten denen dieselbe Zahl
von Bürgern beigelegt werden kann , häuOg. Damit soll keines-
veegs gesagt sein dafs der Bestand an Waffenfähigen gefunden
wird, indem man die Fufslänge der Mauer durch drei dividirt. So hat
z. B. Alba am Fuciner See 10 000 Fufs Umfang und 6000 Colo-
nisten, Sora 9300 Fufs Umfang und 4000 Colonisten. Die oriHchen
Bedingungen, die natürliche Deckung durch Wasserläufe und steile
Abhänge sprechen bei der Anlage ein entscheidendes Wort. Aber bei
aller Älannichlaltigkeit die hierdurch veranlafst wird, gilt doch für die
gesammte Befestigungskunst des Altertums und Mittelalters der Satz
Machiavelli's : quanto minore era una cosa, meglio st difendeva. Des-
halb kann die Zahl der Vertheidiger bedeutend höher sein als das oben
aufgestellte Verhältnifs zum Mauerring anzeigt, jedoch kaum niedriger.
— Der Lauf der Mauer richtet sich nach der Gestaltung des Bodens
und wird von dem Streben die Annäherung des Feindes zu erschweren
bestimmt. So wünschenswert es auch ist einen mögUchst grofsen
Raum einzuschliefsen, kommt diese Rücksicht nur an zweiter Stelle in
Betracht. Daraus erklärt sich , dafs Umfang und Inhalt nicht mit
einander stimmen, dafs bei gleichem Umfang die Wohnfläche in
dem einen Falle die doppelte Ausdebnung hat wie im andern.
Man erkennt sofort, dafs zwei getrennte Grofsen vorliegen, die ver-
schiedenartige Fragen beantworten. Zur Vertheidigung der Ringmauer
sind alle Bürger berufen, ob sie innerhalb derselben wohnen oder
aufserhalb. Dagegen läfst sich die städtische Bevölkerung allein aus
dem vorhandenen Wohnraum ermitteln. Ursprünglich hat eine
solche Scheidung nicht bestanden. Das Haus oder die Hütte ge-
währte Schutz bei Nacht und Unwetter, die Burg Schutz bei
feindlichem Angriff (S. 10 A. 1), das eigentliche Leben spielte sich
draufsen in Feld und Wald ab. Die Kleinheit des Hauses und die
Enge der Burg haben die antike und mittelalterliche Wohnweise
gekennzeichnet, so lange die Städte befestigt waren. Freilich ge-
nügten die S.ll erwähnten winzigen Hütten den Ansprüchen nicht
mehr, als die Gesellschaft sich gliederte und den Gegensatz von
Ann und Reich ausbildete. Die herrschende Classe, sei es einge-
borener Adel oder fremde Eroberer, behält die Festung in der
Hand und verdrängt die bäuerhchen Mitwohner. Im weiteren Ver-
lauf entfalten sich Handel und Gewerbe vor den Thoren , werden
3*
36 Einleitung.
durch Wall und Graben notdürftig geschützt und führen schliefslich
zur Erweiterung des Mauerrings. Derart entstehen Mittel- und
Grolsstädte die zur Aufnahme der bäuerlichen Bevölkerung aus-
reichen, wenn diese ihre Heimstätten dem Feinde preisgeben mufs.
Die Schilderung die Thukydides von der Räumung Attika's 431
entwirft^), erläutert den Hergang in vorbildlicher Weise. Immerhin
ist der Raum den die Mauer umschliefst, weder allein noch vor-
zugsweise auf die Bedürfnisse der Landschaft in Kriegsfällen be-
rechnet, sondern in erster Linie auf die ansässigen Bewohner.
Die Ueberlieferung bestätigt den monumentalen Thatbestand, io
sofern sie die geräumigsten Städte als Sitze von Gewerbe und
Handel, sowie einer starken Bevölkerung bezeichnet. — Da keine
anderen Mittel zur Vergleichung der Gröfsenverhältnisse zu Gebote
stehen, wird im Folgenden von einigen 60 italischen Städten der
Mauerumfang in Kilometern, die Grundfläche in Hektaren, endlich
das Jahr des Mauerbaues aufgeführt, soweit es sich bestimmen
läfst. Die Ziffern sind durchweg abgerundet, um den falschen
Schein einer nicht vorhandenen Genauigkeit zu vermeiden. 2) Trotz
dieser Mängel und trotz seiner Unvollständigkeit genügt das Material,
um einige bedeutende Thatsachen der Geschichte ins richtige Licht
zu rücken. Wir unterscheiden drei Classen: Grofsstädte mit min-
destens 80 ha Grundfläche und 4 km Umfang, Mittelstädte mit
mindestens 30 ha Grundfläche und 2,5 km Umfang, nennen Klein-
städte was darunter bleibt. Zunächst wird der Stadtstaat der
Hellenen durch nachstehende ZifTern erläutert:
Jahr
Grundfläctie in ha
Umfang in km
Tarentum
400
570
15
Sybaris
600
9
Thurii
443
250
7
Croton
500
18
Locri
385
245
7
Vibo
379
200
6,67
Velia
530
HO
5
Posidonia
550
126
4,9
1) Thukyd. II 16. 17.
2) L)ie Grundfläche von 27 Städten wird der Messung Belochs, Bevölke-
rung p. 486 fg. verdankt. In anderen Fällen liegt nur eine annähernde Berech-
nung vor.
§ 5. Die Entwicklung der Städte. 37
Das Vorbild der Hellenen hat im Südosten der Halbinsel, in
den apulischen Landen Nachahmer gefunden. Wahrscheinlich ge-
hörten zur ersten Classe Manduria, Canusium, Arpi: der Umfang
der an erster Stelle genannten Stadt wird auf 4 km angegeben;
über die Ausdehnung der beiden anderen ist nichts Näheres be-
kannt. Besser sind wir über Campanien unterrichtet und lesen
aus den Ziffern von dem Wettstreit dreier Völker unter einander,
der Hellenen Etrusker und Osker.
Jahr
Grundfläche in ha
Umfang in km
Cumae
600
60
3
Neapohs
450
106
4
Capua
470
182
5,5
Calatia
400
20
2
Nola
470
4,5?
Pompei
580
65
3
Surrentum
600
22
2
Ueber den Ursprung und das Wachstum der Etrusker läfst uns
die Litteratur im Stich. Aber die Ueberreste ihrer Mauern ver-
künden die Gröfse ihrer Stadtherrschaften und beweisen , dafs sie
mit den Hellenen wetteifernd von den Alten nicht ohne Grund als
Städtebauer angesehen worden sind. Angaben in Betreff des Mauer-
baus fehlen gänzlich: doch ist im Allgemeinen das sechste Jahr-
hundert V. Chr. als die Epoche des höchsten Aufschwungs dieses
Volkes zu betrachten.
Grundfläche in ha
Umfang in km
Felsina (Bonc
)nia)
83
3,6
Faesulae
35
2,57
Volaterrae
130
7,28
Populonium
25
2,5
Vetulonium
120
5
Rusellae
60
3,15
Saturuia
50
3
Cortona
40
2,7
Perusia
32
2,8
Volci
180
6
Tarquinii
150
8
Volsinii
120
5
Caere
117
5
Veii
400?
9
Falerii
35
2,8
38 Einleitung.
Der Zweifel ist ein nützlich Ding: verleitet er seine Jünger
dazu den Wald vor lauter Bäumen nicht zu sehen, so wird er vom
Uebel. Die Ueberlieferung schreibt die grofse Erweiterung Roms
den letzten Königen zu, neuere Gelehrte sind geneigt sie ein paar
Jahrhunderte tiefer in das Zeitalter der samnitischen oder punischen
Kriege herab zu rücken. Wer mit Zahlen klare Vorstellungen zu
verbinden weils, erkennt alsbald, dafs die Tradition Recht hat und
die Skepsis Unrecht. Dafs eine Mauer von der Ausdehnung der
servianischen im Laufe der Jahrhunderte vielfacher Herstellung be-
durfte, leuchtet von selbst ein. Aber ohne diese Anlage seiner
Könige bliebe die ältere Geschichte Roms ein reines Rätsel. Wir
sehen, wie zwei das Mittelmafs weit überragende Grofsstädte, Veji
als Haupt des rechten Tiberufers, Rom als Haupt des linken zum
Kampf auf Leben und Tod berufen sind, da die Landschaften an
beiden Seiten des Stroms eine natürliche Einheit bilden. Das Ver-
zeichnifs lehrt den Wettbewerb der lalinischen Küste, den Trotz
der binnenländischen Festungen verstehen und erklärt, warum un-
geachtet aller Wechselfälle schliefslich doch die Wucht der Masse
den Ausschlag giebt.
Jahr
Grundfläche in ha
Umfai
■^§ in km
Roma
550
426
9,8
Ardea
500
85
4,5
Antium
500
4,5
Velitrae
400
4,5
Tusculum
600
14
2,3
Tibur
600
2,5
Praeneste
500
32
4,5
Aletrium
500
25
2
Fundi
16
1,7
Arpinum
500
50
3
Der gröfsere Theil Italiens ist vor dem Eingreifen der Römer
arm an Städten gewesen. Dies gilt von dem inneren Lucanien,
Samnium, den Cantonen des Hochappennin, der Sabina, Picenum
und Umbrien. Einzelne Anlagen, z. B. Ameria Tuder Iguvnim
können vielleicht nach der aufgestellten Scala noch eben die zweite
Stufe erreicht haben. Die Mehrzahl jedoch überschritt nicht den
Umfang von Gauburgen. Was den Norden betrifft, so sind im
INiederland wirkliche Städte erwachsen, halten sich jedoch in ziem-
lich bescheidenen Grenzen. Als Haupt der Veneter gilt Patavium
§ 5. Hie Entwicklung der Städte. 39
das mit 65 ha luhalt nur den Rang einer ansehnlichen Mittelstadt
beansprucht. Die Römer waren es die das Städtewesen in den
bäuerlichen Landschaften zur Durchführung brachten. Indem sie
das Land planmäfsig mit einem Netz von Festungen überspannen,
wurden sie von mihtärischen Erwägungen geleitet. Unter allen
Colonien nehmen Vejinsia und Brundisium den grofsten Raum ein:
letzteres bedeckt etwa eine Fläche von 80 ha, die Ausdehnung von
Venusia bleibt noch zu ermitteln. Beide liegen im Bereich von
Städte- gewerb- und verkehrreichen Gegenden. Aber im Uebrigen
sind die Colonien im Verhältnifs zu ihren Gebieten klein; erst die
Friedenszeit hat einzelne unter ihnen bedeutend erweitert.
Jahr
Grundfläche in ha
Umfang in km
Signia
495
16
2
Norba
492
35
2,5
Tarracina
329
1,5
Suessa Aur.
313
2,5
Alba Fuc.
303
34
3
Sora
303
2,8
Cosa
273
14
1,47
Ariminum
268
34
2,6
Beneventum
268
3
Aquileia
181
64
Falerii
241
29
2,1
Florentia
154
25
2
Tergeste
33
20
Pola
33
16
Telesia
9
25
2
Augusta Taur.
25
45
2,7
Augusta Saj.
25
41
2,6
Saepinum
0
14
1,5
Urbs Salvia
9
2,5
Verona
265 n.
Chr.
46
2,8
AUifae
350 n.
Chr.
2
Die ganze Entwicklung, die bisher ziffermäfsig zusammengefafst
wurde, nimmt ihren Ausgang von jenen Gauburgen von denen S. 10
die Rede war. Manche Terremare sind bis tief in historische Zeiten
hinunter bewohnt gewesen: dies lehrt der Weizen den die An-
siedler bauten, lehren die Funde von Ohven und anderen Erzeug-
nissen eines fortgeschrittenen Verkehrs. Ueberhaupt ändert ein
40 Einleitung.
Land seine heimische Wohnweise ehenso langsam wie sein Pflanzen-
kleid. Wenn der Schwabenspiegel deutsche Städte kennt die nur
durch Pfahlvverk oder Graben geschützt waren i), so nimmt es nicht
Wunder, dafs Sulla 89 v. Chr. die Holzmauer des hirpinischen
Aeclanum in Brand stecken konnte.'^) Indessen, ob alt oder jung,
ohne Zweifel geben jene Anlagen aus der Poebene den ältesten
Typus geschlossenen Siedeins in Italien treu wieder. Der Typus
trägt bereits die Vorliebe für die rechteckige Foim, die planmäfsige
Absteckung und Vertheilung der Wohnfläche zur Schau die dem
Verfahren der Römer in historischen Zeiten eigentümlich erscheint.
Den Zusammenhang zeigt die Sprache deutlich an : während die auf
Haus- und Städtebau bezüglichen deutschen Ausdrücke zumeist aus
dem Lateinischen entlehnt sind, haben die Romer eigenes Sprach-
gut verwandl.3) In ferne Vergangenheit weist auch der Ritus zu-
rück durch den die Römer ihre Städte gründeten : wenn die
Pflugschar, mit welcher der zur Anlage ausersehene Raum um-
pflügt wird, aus Erz sein mufs, so kann die Sitte nicht aufgekommen
sein, als das Eisen bereits im allgemeinen Gebrauch war. Der Ritus
greift so tief in das Rechts- und Verfassungsleben ein, dafs Varro
urbs von der Pflugschar (urvus) ableitet und nur umpflügten Plätzen
den Namen urbes zugesteht^): was auch begreiflich genug ist, da
das Ziehen der Furche (urvare) die Grenze des Stadtfriedens be-
zeichnen soll. Varro läfst den Ritus, desgleichen die ganze Limitation,
d. h. die Vermessung von Stadt und Land, von den Etruskern er-
funden sein.^) Die Annahme bedarf einer wesenthchen Einschrän-
kung: die Elemente der Geometrie waren den Italikern im Poland
wie allen den Acker bebauenden Völkern vertraut; es würde aller
geschichtlichen Erfahrung widersprechen, wenn die nationale Wohn-
art mit einem Schlage vom Boden hinweg gefegt worden wäre.
Aber allerdings ist das beliebte Bild, das die Stadt aus dem Pfahldorf
hervorgehen läfst wie die Pflanze aus der Zelle, geeignet Mifsver-
ständnisse zu erwecken. In technischer Hinsicht hat sich zwischen
1) Moriz Heyne, Das deutsche Wohnungswesen von den ältesten geschicht-
lichen Zeiten bis zum 16. Jahrhundert, Leipzig 1899, p. 317.
2) Appian b. civ. I 51, vgl. Vitruv II 9,15.
3) H.Nissen, Das Templum antiquarische Untersuchungen, Berlin 1869,
p. 88 fg.
4) Tenaplum p. 56 vgl. 97.
5) Varro LL. V 143, Liv. I 44, Plut. Rom. 11, Feldm. 27, vgl. Templum
p. 10. 57.
§ 5. Die Entwicklung der Städte. 41
beiden Stufen der Entwicklung ein Bruch vollzogen der durch
fremde Muster herbeigeführt wurde. Das INämliche gilt von der
gesellschaftlichen Gliederung die in der Stadt und dem vom römischen
Lager dargestellten Stadtschema verkörpert ist. Unsere Vorfahren
haben den Sleinbau von den Römern erlernt. Wem diese ihren
nationalen Tempel und ihr städtisches Wohnhaus der Blütezeit ver-
danken, deutet das beiden verliehene Beiwort tuscanisch an. Eine
Schöpfung wie das servianische Rom ist ohne den Aufschwung und
die Einwirkung der nördlichen Nachbarn einfach undenkbar.
Lehrmeister im Süden Italiens waren die Hellenen. Sicherhch
haben diese auch den Etruskern die wichtigsten Anregungen über-
mittelt. Indessen wäre es bei dem heutigen Stand der Forschung
ein müfsiges Unterfangen den Antheil der den einzelnen Völkern
an der Gestaltung des italischen Städtewesens zukommt, scharf ab-
grenzen zu wollen.
Im Mittelalter holte der deutsche Bürger, wenn er bauen wollte,
das Material aus dem Stadtwald. Nachdem unsere Vorfahren in der
Völkerwanderung den Sleinbau kennen gelernt, dauert es ein volles
Jahrtausend, bevor sie sich die fremde Kunst angeeignet hatten.
In Alt Italien ist es ähnlich gegangen. i) Mit der fortschreitenden
Rodung wird das Holz knapp, aber doch noch zur Kaiserzeit in
einem Umfang gebraucht den die Gegenwart nicht kennt (1 434).
Der ärmhche Hausrat der Alten erklärt zum Theil, warum sie die
verheerenden Feuersbrünste so lange ertrugen, ohne die ererbte
Bauweise aufzugeben. Zuerst wird die Schutzwehr gegen den
äufseren Feind aus Stein errichtet. Für Brunnen und Abzugscanäle
kommt dasselbe Material früh zur Anwendung, dagegen für Brücken
spät. Unter den Wohnungen machen die den Göttern geweihten
den Anfang. Der Abstand zwischen den hoch ragenden Tempeln
und den winzigen Bürgerhäusern mufs das uns geläufige Mafs
überschritten haben. Auch die Höfe des Adels mögen ursprünghch
nur durch eine gröfsere Grundfläche ausgezeichnet gewesen sein.
Sodann wird das Strohdach durch Schindeln, die Schindeln durch
Ziegel verdrängt; man ersetzt die Holz- durch Steinpfosten, das
Flechtwerk der Wände durch Luftziegel; Raumersparnifs führt da-
zu den Häusern gemeinsame Mauern zu geben und das Dach nach
1) H. Nissen, Pompeianische Studien zur Städtekunde des Altertums,
Leipzig 1877.
42 Einleitung.
einer inneren Lichtüffnung zu neigen. Allen diesen Neuerungen
hat der Gallische Brand in Rom Eingang verschafft; anderswo, in
Etrurien wie im Süden, waren sie längst verbreitet. Der grofs-
städtischen Entwicklung durch den Hochbau, der Erweiterung des
Wohnraums durch obere Stockwerke trat vorläufig der Mangel eines
haltbaren Bindemittels in den Weg. Als solches diente ursprünglich
nur Lehm. Der Kalkmörtel begegnet bereits an den Pyramiden,'
ist von Aegypten aus gewandert und ist etwa um 300 v. Chr. durch
Vermittlung der Karthager auf das italische Festland gelangt. Diese
Erfindung, eine der wichtigsten welche die Geschichte der Technik
kennt, eröffnete die Möglichkeit die engen Festungen den Bedürf-
nissen einer neuen Zeit anzupassen. Die Zunahme des Verkehrs,
die zweckmäfsige Theilung der Arbeit, die Ausbildung des Hand-
werks künden die Wandlung an. Die Ackerwirtschaft weicht aus den
Thoren, die Ställe die ehedem den Zug der Strafsen eingefafst hatten,
räumen Kaufläden und Werkstätten ihren Platz. Der reiche Mann
dehnt sein Heim durch den Erwerb der Nachbarhäuser aus, schafft
sich mit dem wachsenden Gesinde gröfsere Freiheit der Bewegung
und Behaglichkeit. Der mittellose Bürger mietet einen Laden oder
ein Gelafs in den oberen Geschossen, die der Hausherr selbst zu
bewohnen verschmäht, aber des Gewinns wegen aufsetzt. Je nach
den örtlichen Verhältnissen wird der wirtschaftliche Umschwung zu
verschiedenen Zeiten und in ungleicher Stärke auftreten , in den
alten Handelsstädten früher, in den abgelegenen Landschaften nach
Jahrhunderten. Im Allgemeinen kann man die Niederlage Hanni-
bals als den entscheidenden Wendepunct betrachten. Der Friede
hält auf den verwüsteten Fluren seinen Einzug, macht auch vor
den Thoren der Festungen nicht Halt. Wie er aus ganz Italien
nach Varro's Worten einen Baumgarten schuf und dadurch dessen
Wehrlosigkeit beförderte, ist in anderem Zusammenhang (1 455)
dargelegt worden. Wie er die Wehren selbst unterhöhlte, bleibt
hier nachzuholen.
Unter den Zeugen einer fernen Vergangenheit sind keine in
gleicher Zahl vorbanden wie die verwitterten Ringmauern die noch
jetzt so viele Ortschaften des Appennin umgürten (139). Staunend
überschlägt der Beschauer die Summe der Arbeit die für die Er-
richtung gefordert wurde. Der alte Staat stellte an die persönliche
Leistung seiner Angehörigen hohe Ansprüche: nach dem caesarischen
Stadtrecht von Urso steht es noch dem Gemeinderat frei jeden
§ 5. Die Entwicklung der Städte. 43
erwachsenen Einwohner zu 5, jedes Gespann zu 3 Tagen Frohn-
leistung im Jahr heranzuziehen. Wie die Deichlasten den Marschbauern
drücken (I 210), hat der Latiner der Vorzeit über die Arbeit ge-
seufzt die ihm die Schutzwehr gegen den Feind bereitete. Ein
Nachklang davon tönt aus der Sprache entgegen: munus und murus
kommen von derselben Wurzel, so dafs die Mauerlast als die wich-
tigste der dem Bürger obliegenden Frohnden die allgemeine Be-
deutung der Bürgerlast schlechthin erhält ; der Plural moenia weist
auf die Vielheit der geleisteten Arbeiten hin, endlich die Wurzel
nm binden , flechten , auf die Technik in der die Holzwälle des
Feldlagers und der ältesten Gauburgen hergestellt wurden. Der
aufgewandten Mühe entspricht die Wertschätzung deren die Mauer
geniefst, Sie steht unter gottlicher Obhut und ist unverletzlich;
wer sie beschädigt oder übersteigt, verwirkt sein Leben nach dem
warnenden Beispiel das der Gründer Roms mit dem Todtschlag des
eigenen Bruders gegeben hatte. Die Mauer gilt als Sinnbild staat-
hcher Freiheit: wird sie vom Sieger geschleift, so raubt er der
Gemeinde die Selbstbestimmung. Freilich seitdem die römische
Herrschaft den Frieden im Lande verbürgte, läfst die Strenge der
Vorfahren nach und wird ihre Sorge auf die leichte Schulter
genommen. Dann treibt im Lauf der Jahre die Erdnässe von der
inneren Böschung her die Quadern aus ihren Fugen , der Graben
wird mit Schult und Unrat angefüllt. Ziehen nun am heiteren
Himmel die Kriegswolken drohend auf, so mufs die lange Versäum-
nifs in aller Eile wieder gut gemacht werden. In Pompeji, sehen
wir, war ein paar Menschenalter nach Hannibals Abzug die Mauer
so verfallen, dafs ungefähr ein Achtel des ganzen Rings der Er-
neuerung bedurfte, als die Bundesgenossen auf Selbsthilfe sannen.
In dem nämlichen Zeitraum schwoll die Bevölkerung Roms lawinen-
haft an, baute von Aufsen und Innen an die Königsmauer, die
Weltherrscherin wurde eine offene Stadt und sah sich 87 v. Chr.
auf den Schutz von Feldschanzen verwiesen. Im Zeitalter der
Bürgerkr'ege, ja noch unter der Regierung des Augustus sind Ge-
meinden der Halbinsel mit der Ausbesserung ihrer Werke beschäftigt.
Namentlich werden diese durch Thürme verstärkt die in der älteren
Epoche entbehrlich schienen, aber mit der Ausbildung des Geschütz-
wesens je länger desto mehr die eigentlichen Stützen der Vertheidigung
abgeben. Erwähnung verdient, dafs Festungsbanten besonders von
Bergstädten gemeldet werden: von Seiten der halbwilden Hirten-
44 Einleitung.
Sklaven waien am Ersten Ausschreilungen zu befürchten. Aber
nach dem Tode des Augustus wird es von Befestigungsarbeiten in
Italien still: so grofs auch die Menge der erhaltenen Bauinschriften
ist, davon redet keine.
Dem Buchslaben nach sind alle Städte mit Ausnahme Roms
ummauert, der Kaiser führt die Aufsicht über die Werke, die inner-
halb der Thore wohnenden Bürger geniefsen manche Vortheile vor
den Aufsenwohnern. Aber schon das Stadtrecht von Urso gestattet
den Würdenträgern der Colonie ihren Wohnsitz eine Millie im Um-
kreis zu nehmen. Das Streben nach Luft und Licht das mit der
Verfeinerung der Sitten stetig wächst, lullte diesen Kreis früh mit
Landhäusern an. Die massigen Denkmäler, mit denen die fieberhaft
gesteigerte Ruhmsucht die Strafsen vor den Thoren einrahmte, trugen
das Ihrige dazu bei dem Feind die Annäherung zu erleichtern. Wie
schlielslich die Staatsbehörde ihre Aufsicht handhabte, lehrt ein Blick
auf Pompeji, dessen Mauer auf der ganzen Seeseite eingerissen, auf
anderen Strecken überbaut ist. Was sollte auch dies genufsfreudige
Geschlecht sich um die W^ehr seiner Väter bekümmern? „Als die
Alleinherrschaft auf Augustus übergegangen war — bemerkt ein
Geschichtschreiber i) — enthob er die Einwohner Italiens der
Kriegslast und entkleidete sie der Rüstung. Er schützte das Reich
durch Castelle und Lager, stellte um festen Satz gemietete Söldner
als Mauer des Reichs der Römer zu dienen auf, umhegte und
sicherte es durch grofse Ströme und Gräben oder durch Gebirge
und ungangbare Wüsten." Wenn dann der seltene Fall eintrat,
dafs die Kriegsdrommete den tiefen Schlaf verscheuchte, war das
Land ratlos. Als im Vierkaiserjahr 69 die Flavianer Verona zum
Waffenplatz erheben wollten, gingen sie zunächst daran es zu be-
festigen^): und doch sperrt der Platz die Brenn erstrafse und den
Austritt der Etsch in die Ebene. Als 193 Septimius Severus von
Wien nach Rom zog, wurde sein Eilmarsch lediglich durch die
Feslhchkeiten verzögert die ihm unterwegs die Städte veranstalteten.
Als die Regierung 238 die ganze Bürgerschaft gegen den wilden
Maximinus zu den Wallen rief, lag die Mauer der Grenzfestung
Aquileia in Trümmern. Ein Menschenalter darauf lernten die Ger-
manen den Weg nach Italien finden: nunmehr werden die Städte
1) Herodian II 11,5 vgl. VIII 2,4.
2) Tac. Hist. III 10. 11.
§ 5. Die Entwicklunsf der Städte. 45
nach dem Vorgang Roms, was sie so lange nur dem Namen nach
gewesen waren, wieder befestigt. Freihch nötigte die einreifsende
Entvölkerung dazti den Maiiergürtel enger m ziehen, fehlte den
Vertheidigern die Manneskraft früherer Zeiten die unter der er-
schlaffenden Wirkung des Friedens ausgestorben war.
Die Wandlung die sich an den Städten von ihrer Entstehung
bis zum Ausgang des Altertums vollzieht, kann verschieden beur-
theilt werden. Betrachtet man das Leben von der äufseren Seite,
so ist es sehr viel reicher anmutiger und gesitteter geworden. Ur-
sprünglich waren die Gründungen der Griechen und Römer ebenso
schmutzig wie die mittelalterlichen. Die ersten schüchternen Au-
ffinge die Strafsen zu pflastern und mit Gangsteigen zu versehen,
berichtet die römische Chronik 296 und 293. Aber es vergeht
ein reichhches Jahrhundert, bevor die Arbeit in bedeutendem Um-
fang unternommen wird. Das von Caesar 46 erlassene Stadtrecht
ordnet ihre Durchführung in allen römischen Städten an. Wenn
man auch glauben darf, dafs das Gebot in blühenden Gemeinden
befolgt wurde, so sind andere aus Mangel an Mitteln ihm langsam
und schrittweise nachgekommen: z. B. war Abella in Campanien
332 n. Chr. noch ungepflastert. Früher und erfolgreicher haben
die Alten <lie Entfernung des Unrats und die Zuleitung gesunden
Wassers betrieben. Was die Wasserversorgung betrifft, so ist ihr
Vorbild von der heutigen Cultur kaum erreicht, geschweige denn
übertroffen worden. Was die öffentliche Sauberkeit betrifft, so bleibt
Italien in der Gegenwart hinter der Vergangenheit erheblich zurück.
— Die Zunahme der Reinlichkeit geht mit dem oben (S. 42) be-
rührten wirtschaftHchen Umschwung Hand in Hand. Dieser bedingt
die bauHche Umgestaltung der Städte. In den Anfängen zeigte ihr
Aeufseres ein gar einfaches und einförmiges Gepräge. Nach sorg-
fältig bemessenem Plan sind die Strafsen in den Boden eingeschnitten
und werden in fortlaufenden Zeilen von kleinen Häusern eingefafst,
deren eines ebenso ärmlich und feuergefährlich ist wie das andere.
Ursprünglich, z. B. im ältesten Rom fehlten die Tempel. Es giebt
nur geweihte Höfe oder Haine mit einem Altar, wo der Bürger
schlachten oder nach antikem Ausdruck opfern kann. Darüber war
man 450, als Hippodamos von Milet die Theorie des Städtebaus
ausbildete, längst hinaus. Auch die etruskische Lehre erkannte
keinen Platz als Stadt an der nicht mindestens 3 Thore und eben-
46 Einleitung.
so viel Tempel aufzuweisen hätte J) Die Tempel sind nicht aus-
schliefslich für den Gollesdienst bestimmt, sondern auch für staat-
liche Zwecke: in ihnen wird der Schatz und das Archiv aufbewahrt,
hält der Rat Sitzungen ab und feiert seine Feste. Mit der Arbeits-
theilung und dem gesteigerten Verkehr vermehrt sich die Zahl der
Gotteshäuser stetig. Aber im Grofsen und Ganzen schlägt das ötfent-
liche Bauwesen eine neue Richtung ein. — Aehnlich wie bei uns
seit dem Ende des Mittelalters der Kirchen- von dem Profanbau
abgelöst wird, wenden die Alten ihre Thätigkeit den Bedürfnissen
des Tages zu. Während die Frömmigkeit der Vorfahren ihre Be-
friedigung darin fand den hohen Himmelsmächlen würdige Wohn-
sitze zu bereiten , entstehen jetzt gemeinnützige Anlagen in fast
unübersehbarer Menge. Zum guten Theil werden sie durch den
Zwang der Verhältnisse herbeigeführt. Wenn der Besitz eines eigenen
Hauses und Brunnens zum Vorrecht einer kleinen Minderheit ge-
worden ist, mufs die Gemeinde wol oder übel durch eine öffent-
liche Leitung ihre Angehörigen mit Wasser versorgen. Wir können
es nicht zifl'ermäfsig belegen, aber nach dem hanuibalischen Kriege
nimmt die städtische Bevölkerung reifsend zu: theils durch Ver-
mehrung der Sklavenschaft, hauptsächlich durch Zuzug vom Lande.
Der stärkste Strom gehl begreiflicher Weise nach Rom, schwächere
nach anderen Verkehrscentren: 177 v. Chr. führen Samniten und
Paeligner im Senat darüber Klage, dafs 4000 Familien aus ihrer
Mitte nach Fregellae ausgewandert seien. 2) Es war die Zeit wo
das grofsc Capital den Bauerstand zu Grunde richtete, wo die Bauer-
hulen von den Gütern verschlungen wurden. Durch Urkunden er-
hält der Vorgang kein Licht. Um so belehrender ist es zu ver-
folgen, wie er sich in gleicher Weise innerhalb der Städte abspielt:
die I'aläsle l'ompeji's sind nachweisbar aus der Einschiachtung kleiner
Bürgerhäuser entsprungen, dadurch ist die Zahl der Häuser etwa
auf ein Fünftel des ursprünglichen Bestandes gesunken. Aber seit-
dem die Masse auf Mietswohnungen beschränkt war, fand das öffent-
liche Bauwesen ein weites Feld für seine Thätigkeit. Die Zunahme
der Geschäfte, die Steigerung des Schreibwerks nötigte zur Errich-
tung eines eigenen Hauses für den Rat, von Amfsgebäuden für die
einzelnen Magistrate, einer Basilica für Gerichtsverhandlungen. In
1) Serv. V. Aen. 1 422 vgl. Fest. 285 M.
2) Liv. XL! 8.
§ 5. Die Entwicklung der Städte. 47
alten Tagen als das Landvolk nur an den Nundinen und den grofsen
Messen zu Markt ging, hatte der Verkehr sich mit aufgeschlagenen
Bretterbuden behollen. Jetzt wo Jeder am Morgen sein Brot vom
Bäcker holte und der kleine Mann des Leibes Notdurft vom Krämer
bezog, wurden die Strafsenfronten dem Kleinhandel und Handwerk
in den Tabernen eingeräumt. Den Besuchern des Marktes spendeten
weiträumige Hallen Schalten und Schutz, der ehedem durch aufge-
spannte Segel unzureichend geboten war. Das Gewühl in den engen
Gassen rechtfertigte das Verbot von Sonnenaufgang bis zur zehnten
Tagesstunde innerhalb der Thore zu fahren oder zu reiten. Das
einflutende Leben drängte an die Oeffentlichkeit, weil das Heim des
Plebejers den Raum einer Schlafstelle kaum überschritt, und bewirkte
die weitere Umgestaltung der Festungen. Ihr baulicher Träger ist
die Säule die Irüher dem Schmuck der Göttertempel vorbehalten
gewesen war. Die Anwendung im Privatbau ermöglicht die Schöpfung
jener glänzenden Peristyle, in denen die aristokratische Gliederung
der Gesellschalt verkörpert ist. Die Stadt selbst wird mit einem
schimmernden Säulenwald angefüllt der fortan einen Hauptzug des
Stadtbilds abgiebt. — So lange das Volk im Besitz des Wahlrechts
war und dadurch den Haushalt der Gemeinde beeinllufste. wird es
nach Kräften Anlagen befördert haben die augenfällig das allgemeine
Behagen erhöhten. Auch nachdem durch Kaiser Tiberius das Wahl-
recht auf den Stadtrat übertragen worden war, hat die öffentliche
Meinung den nötigen Druck ausüben können. Dazu kam der Ehr-
geiz der leitenden Beamten ihren Namen an einem stattlichen Bau
zu verewigen , kam endlich die nachbarliche Eilersiicht i), da jede
Stadt den Aufwand der anderen zu überbieten trachtete, um jene
mächtige Fülle von Werken zu erschaflen, deren Reste die Gröfse
des Römertunis verkünden. Gern erkennt der Beschauer den Ge-
meinsinn an den die Stadtverwaltungen wie der regierende Adel
zum Besten ihrer Mitbürger durch diese Schöpfungen bethätigt haben.
Immerhin wird ihm die reine Freude durch den hippokratischen
Zug vergällt der die Cultur der Kaiserzeit in der Regel entstellt.
Theater und Odeen, Palästien und Thermen, Schlachthäuser und
Markthallen und ähnliche löbliche Dinge trugen zur Hebung der
Arbeitsamkeit nicht bei. Aus einem berechtigten Streben nach
besserer Körperpflege hervorgegangen, wurden die Thermen zu
1) Tac. Hisl. H 21, Dig. L. 10,3.
48 (Einleitung.
wahren nnolischulen des Müssigganges erhoben. Es ist bezeichnend
für den Geist der Zeit, dafs Pompeji nach dem Erdbeben von 6^
seine bescheidenen Mittel braucht, um den beiden vorhandenen An-
stalten eine dritte anzureihen ; noch bezeichnender wie mit der
raschen Abnahme der Bevölkerung die Thermen Roms in riesenhaften
Ausdehnungen anschwellen. Endlich sei daran erinnert, dafs die
Amphitheater, in denen die Eigenart und der .aufwand des Hömer-
lums besonders zu Tage tritt, der Mehrzahl nach dem Zeitalter der
Antonine angehören, wo der allgemeine Verfall sich bereits deutlich
fühlbar machte.
In der ersten Periode des Städtebaus hatten die hellenischen
Colonien und die Herrschersitze der Lucumonen als Vorbilder ge-
dient, in der zweiten die Anlagen Alexanders und seiner Nachfolger,
seit AugustJis giebt Rom den Ton an. Aus dem Schweifs der
Provinzen zog Rom seinen Lebensunterhalt, der Reichsadel mit den
gröfsten Vermögen war im Weichbild ansässig, mehr als die Hälfte
der Rürgerschaft wurde auf Staatskosten ernährt. Dies Beispiel
schwebte den Municipien vor Augen und übte eine schädliche Wir-
kung auf ihre Moral aus. Wie die aufblühenden Freistädle des
neuen Italien den Landadel zum Verlassen seiner Schlösser nötigten
und in einen Patriciat umwandelten , so war wie bemerkt (S. 44)
im Altertum dem Rat ein städtischer Wohnsitz gesetzlich vorge-
schrieben. Dies hatte namentlich in ausgedehnten Genu!inden zur
unausbleiblichen Folge, dafs die Grundberren ihre Güter nicht mehr
bewirtschafteten, sondern verpachteten. Auch die Städte selbst
waren vielfach mit Landeigentum reich ausgestattet, für dessen
Nutzung die Dörfer Zins zahlten. Das militärische und p(ditiscbe
Uebergewicht das die Städte während der Republik gegenüber dem
flachen Lande behauptet hatten, verschwindet in der Kaiserzeit all-
mälich ganz: das wirtschaftliche Uebergewicht tritt an die Stelle.
Wie Rom vom Reiche, so werden die italischen Municipien von
ihren Territorien ernährt. Auf die ehrliche Arbeit des Bauern sah
und sieht der Städter im Süden mit einer Verachtung herab die
kaum glaublich erscheint. Es ist der noch immer fortzeugende
Fluch der antiken Bildung gewesen, dafs sie den Segen der Arbeit
nicht hegrilfen hat. Was wir von schaffender Thätigkeit der Städte
sowie ihrer Einwohnerzahl unter den Kaisern wissen, soll in anderem
Zusammenhang erwogen werden. Hier schUefsen wir mit der Be-
merkung, dafs der Müfsiggang der höheren Stände, dem die gemeinen
§ 6. Die Landstrafsen. 49
Pflastertreter als liOchstem Lebensideal nach Kräften nachstrebten,
mit der Verbreitung städtischer Herrschaft und Cultur zur unheil-
baren Volkskrankheit geworden ist.
§ 6. Die Landstrafsen.
Durch die Herrschaft der Römer ist die Kenntnifs des ganzen
Westens der Wissenschaft erschlossen worden, dies gilt auch von
Italien (1 12). In früheren Zeiten, erklärt Polybios,i) hatte der
Forschungsreisende n)it zahllosen Gefahren zu Wasser und zu Lande
zu kämpfen gehabt. Um den Umschwung zu erläutern, sei daran
erinnert dafs die Wegsamkeit des heuligen Europa eine Errungen-
schaft des scheidenden Jahrhunderts ist. Noch vor einem Menschen-
alter brauchte der Fremde im inneren Sardinien einen Viandante,
der ihn durch den Busch von Dorf zu Dorf geleitete, mufste auf
Sicilien an den Flüssen Halt machen, bis ein Fährmann ihm durch
die Furt vorausschrilt : der Mangel an Fahrstrafsen war ein Grund
und ein Ausdruck der Verwahrlosung, die das ehemalige Reich der
Bourbonen erfüllte. Ueber den vorrömischen Wegebau sind wir
nicht näher unterrichtet und können lediglich durch Rückschlufs
eine ungefähre Vorstellung davon gewinnen. Der einzelne Staat hat
für die Verbindung seiner Angehörigen unter einander zu sorgen,
ein planmäfsiges Wegenetz giebt zugleich die Grundlage für die Ein-
Iheilung der Gemeindeflur ab. Damit ist seine nächste Aufgabe ge-
löst: bevor er sich entschliefst durch den schutzenden Grenzwald
hindurch einen Weg zum Nachbar zu bahnen, wird er durch feier-
lichen Vertrag Sicherheil suchen. Die Vielheit der Staaten und ihre
Absperrung gegen einander hat noch vor hundert Jahren in Deutsch-
land den Verkehr hauptsächlich erschwert: im Altertum waren die
trennenden Schranken ungleich stärker. Immerhin hat das Bedürl-
nifs schon früh zu Vereinbarungen der Stämme und zur Herstellung
einzelner Durchgangstrafsen geführt. Dahin gehört die uralte Salz-
strafse von der Tibermündung nach dem Appennin (I 108), gehören
die Triftwege, auf denen die Heerden vom Hochgebirg zur Winter-
weide in Apulien ziehen. Je nach der Lebhaftigkeit des Verkehrs
und den daraus erwachsenden Vortheilen werden die Anwohner den
Weg in Stand hallen und ausbessern. Aber im Allgemeinen darf
man von ihren Leistungen nicht allzu hoch denken. — Die Hauplwege
1) Pol. in 58,6.
Nissbn, Ital. Laadeskunde.
60 Einleitung.
nämlich sind aufserordentlich breit: 100 oder 120 Fufs, die apu-
lischen Triften sogar 350 Fufs. Gerade so war es bei unseren alten
Land- oder gemeinen AVegen, wo die Fahrbahn häufig gewechselt
wurde, indem der natürlichen Wirkung von Sonne und Frost über-
lassen blieb die ausgefahrenen Strecken wieder einzuebnen. Im
Unterschied hiervon beschränkt sich die Kunststrafse auf die halbe
oder Drittelbreite, und zwar deshalb weil der Fahrdamm stets fahr-
bar erhalten wird, seine Herstellung jedoch bedeutende Kosten ver-
ursacht. Wie das geläufige Fremdwort anzeigt, ist die Entwicklung
der Neuzeit seit dem 18. Jahrhundert von Frankreich ausgegangen:
die erste deutsche Chaussee ward 1753 von Nördlingen nach Oet-
tingen geführt. Es liegt in den Dingen selbst begründet dafs der
Strafsenbau grofsen Stils nur in ausgedehnten mächtigen Staaten
ausgebildet werden kann. Deshalb ist für das Altertum seine Hei-
mat in den Reichen der Assyrer und Perser zu suchen. Dann wurde
er von den Karthagern übernommen und durch deren Vermittlung
von den Römern :i) 312, etwa gleichzeitig mit der Einführung des
Kalkmörtels (S. 42) erhielt Italien die erste uns näher bekannte
Chaussee, die Rom mit Capua verbindende Via Appia.
Die dem römischen Wegebau gezollte Rewunderung ist vollauf
verdieDt.2) Das grofsartige Strafsennetz, welches das ganze Reich
überspannte (1 23), bietet manche Vergleichspuncte mit den heutigen
Eisenbahnen. Auch die Römer wählen gerade Linien und scheuen
vor keinem Aufwand zurück, um durch Rrücken Dämme Durch-
stiche die Entfernungen möglichst abzukürzen. In beiden Fällen
halten, wie sich von selbst versteht, die Hauptlinien im Wesentlichen
gleiche Richtungen ein. Aber das Altertum hat auf diesem Gebiet
keine weltumwälzendcn Erfindungen nach Art der Dampfkraft her-
vorgebracht, hat für die Vollendung seines Strafsenn etzes ebenso
viele Jahrhunderte gebraucht, wie die Gegenwart für ihr Schienen-
netz Jahrzehnte. Rergier berechnet die Gesamtlänge der Reich-
strafsen auf 51000 Millien, wovon 9000 auf Italien kommen. Ohne
Grunderwerb kostete unter Hadrian die Chaussirung einer Millie
110 000 Sesterz:^) nach diesem Anschlag wäre für das ganze Land
eine Milliarde (217 '/''2 Millionen Mark) nötig gewesen. Um wie viel
1) Isidor Gr. XV 16.
2) N. Bergier, Hisloire des grands chemins de l'empire Romain, 2 vol. 1612,
übersetzt in Graev. Thes. anf. rom. X., neu gedruckt Bruxelles 1728.
3) Pomp. Stud. 523 A. 2.
§ 6. Die Landstrafsen. 51
der Betrag für Brücken, Kunstbauten und Pflasterung — letztere
greift langsam immer mehr um sich — zu erhöhen sei, wissen wir
nicht. Aber sicherlich handelt es sich um gewaltige Summen. Man
begreift, wie das Strafsenwesen immer ein Schmerzenskind im staat-
lichen wie im städtischen Haushalt gewesen ist. — Die Rücksicht
auf den Kostenpunct veranlafste zunächst die Beschränkung der An-
lage auf das notwendigste Mafs: der Fahrdamm der Hauptstrafsen
ist im Durchschnitt etwa 4 m, die Gangsteige eingerechnet 6 — 7 ra
breit, sinkt aber im Gebirge auf die Hälfte dieses Betrages herab
(I 153). Die Anlage selbst bekundet die höchste Sorgfalt und ver-
schwenderische Kraftentfaltung: es ist, als ob sie für die Ewigkeit
bestimmt wäre. Aber wenn der Staat seine Aufgabe damit als gelöst
betrachtete und die Unterhaltung der Slrafsen den anstofsenden
Grundbesitzern überliefs, so wurden seine Erwartungen bitter ge-
täuscht. Nach einigen Menschenaltern waren regelmäfsig die wich-
tigsten Verkehrswege bis zu einem Grade verwahrlost und verfallen,
dafs die Regierung mit aufserordentlichen Mitteln einschreiten mufste.
Von solchen Herstellungen melden zahlreiche Inschriften. Wohin
eine liederliche Verwaltung führte, kann man zwar nicht an den
Ueberresten römischer Landstrafsen beobachten, um so weniger als
solche in jüngster Zeit rasch vom Boden verschwinden. Aber inner-
halb der Städte wiederholt sich die nämliche Erscheinung: der
schauderhafte Zustand, den das Pflaster stellenweise in Pompeji zeigt,
ist ein redendes Zeugnifs von der neronianischen Mifswirtschaft. In
Rom sah es ungefähr ebenso aus, nur dafs Vespasian sofort an die
Besserung der Schäden Hand anlegte. *) Dies Beispiel soll daran
erinnern dafs auch der römische Wegebau aller Bewunderung un-
geachtet eine geschichtliche Betrachtung fordert, weil er die wech-
selnden Schicksale des Landes wiederspiegelt.
Die Wegefreiheit ist im Altertum wie in der Neuzeit spät er-
reicht worden. Vor hundert Jahren halte bei uns der Reisende sich
im Voraus zu unterrichten, welchen Weg ein Landesherr ihm durch
sein Territorium vorschrieb, und hatte für dessen Benutzung zu
zahlen. Die viae pubUcae popnli Romani waren von je abgabenfrei
geöffnet wie seit 1867 die deutschen Slaatstrafsen. Aber von den
Gemeindestrafsen gilt dies nicht. Erst die Gracchen haben bei ihren
1) Vgl. die Widmung vom J. 71 Dessau 245 = CIL. VI 931 quod viat
urbis neglegentia superiorum temporum corruptas inpensa fua restituit.
4*
62 Einleitung.
Landanweisungen Haupt- uud INebenwege gleiclimälsig dem Verkehr
preisgegeben, diesem Beispiel sodann sind Sulla und Augustus ge-
folgt. Wenn nun auch ein bedeutender Theil Italiens von der
Umwälzung der Besitzverhältnisse betroffen wurde, so vermerken
anderseits die in der Sammlung der Feldmesser enthaltenen Register
bei vielen Gemeinden, ja selbst von einzelnen Landschaften, dafs
deren Wege mit keiner Servitut zu Gunsten der Allgemeinheit be-
lastet seien. Wir wissen nicht, ob die Gemeinden von ihrem Recht
haben Gebrauch machen und Wegegeld erheben künnen, halten es
indessen für wenig wahrscheinlich. i) Wie die Gemeindewege seit
dem Ausgang der Republik immer mehr chaussirt werden, so nähern
sie sich auch darin den Staatstrafsen, dafs sie jedermann zugänglich
sind: bei den Rechtslehrern der Kaiserzeit verwischt sich allmähch
die Unterscheidung zwischen beiden.'^) Aber früher mufs der Unter-
schied eine grofse Tragweite gehabt haben. — Das wesentliche Merk-
mal der viae praetoriae oder consulares d. h. der Staatstrafsen liegt,
rechtlich betrachtet, darin dafs Grund und Boden Eigentum des
romischen Volkes ist und bei der Anlage der Strafse dem Volke
für alle Ewigkeit zugesichert wurde. Dieser Satz erklärt die lang-
same Entwicklung des römischen Strafsenbaus. Unsere Nachrichten
fliefsen spärlich: aber so lange die Unabhängigkeit der Bundesge-
nossen durch eine Achtung gebietende Macht beschützt war, bot
diese einem kräftigen einheitlichen Vorgehen schwer überwindliche
Hindernisse dar. Die Via Appia führte 312 durch lauter römisches
Gebiet: klärlich hat der Ausbau einer 132 Millien messenden Strecke
einen tiefen Eindruck hinterlassen, weil er in der Chronik seinen
Platz fand. Dann verstreicht nahezu ein Jahrhundert, bis 220 ein
Werk von ähnhcher Bedeutung, die 212 Mühen lange Via Flamiuia
der gleichen Ehre theilhaftig wird. Hierfür haben allerdings um-
brische Gemeinden mehrfach Grund und Boden abtreten müssen
(I 508) und sind vermutlich aus den Eroberungen jenseit des Appen-
nin entschädigt worden. Es ist nicht ausgeschlossen, dafs solche
Abtretungen auch anderswo vor dem hannibalischen Kriege einge-
fordert wurden, dafs berühmte Strafsen wie die aurelische, clodische,
valerische Ursprung und INamen alten Censoren verdanken, aber es
1) Seltene Ausnahmen mögen wie gegenwärtig zur Bestätigung der Regel
vorgekommen sein : doch stammt die einzige einwandfreie Nachricht aus der
Provinz, Marquardt Staalsverw. II 89.
2) Dig. XLIII 8, 2, 21 fg.
§ 6. Die Landstrafsen. 63
ist wenig wahrscheinlich. Man könnte meinen dafs die Colonien
sofort bei ihrer Gründung an das römische Strafsennetz angeschlossen
worden wären, und daraus Daten für dessen Erweiterung gewinnen
wollen. In Wirklichkeit fehlt ein solcher Zusammenhang: die fla-
minische Strafse ist zwei Menschenalter nach der Eroberung der
Gallischen Mark und der Stiftung von Ariminum erbaut und durch
das Vorrücken der Grenze an den Po veranlafst worden. So viel
wir ersehen, hat Rom während der punischen Kriege an der Wege-
hoheit seiner italischen Verbündeten nicht gerüttelt und sich mit
dem vertragsmäfsigen Durchzugsrecht begnügt. Erst als die Welt
ihm zu Füfsen lag, hat es mit den Rücksichten auf die Empfind-
lichkeit der Bundesgenossen gebrochen. — Im Norden macht die auf
römischem Gebiet laufende Aemilia den Anfang zur Herstellung des
padanischen Wegenetzes. Damit ist es durchaus nicht so rasch ge-
gangen, wie man glauben sollte: Aquileia ist 181 gegründet und
selbstverständlich vom Mutterland aus zugänglich gewesen, aber seine
Verbindungen mit den rückwärtigen Festungen Cremona und Ari-
minum sind nicht vor 148 und 132 kunstmäfsig ausgebaut worden.
Und doch konnten die Beamten hier wo Kriegsrecht herrschte, mit
ganz anderer Willkür schalten als im befriedeten Inland. Auf der
Halbinsel verwendet der Staat seinen Reichtum zunächst zur Besse-
rung seines vorhandenen Besitzes: 174 werden die Strafsen inner-
halb Roms gepflastert, aufserhalb chaussirt und mit Gangsteigen
versehen. Sodann schreitet er zu neuen Anlagen fort, die mit um-
fassenden Enteignungen verknüpft waren und scharf in die Auto-
nomie der Bundesgenossen einschnitten : dahin gehört die 321
Millien lange Via Popilia von Capua nach Regium aus dem J. 159,
die Cassia von Rom nach Florenz aus 154 oder 125, die Valeria
aus 154, die Caecilia von Rom nach Hadria aus dem letzten Drittel
dieses Jahrhunderts. Den Verdiensten des Gaius Gracchus um den
römischen Wegebau widmet Plutarch ein begeistertes Kapitel: in
der That hat der kühne Neuerer, wie oben bemerkt, zuerst die Frei-
heit des Verkehrs gegen die Absperrung der Gemeinden verfochten.
Die mächtige Strömung macht sich auch bei den Bundesgenossen
fühlbar: wir erfahren z. B. dafs Alatri und Pompeji ihre Strafsen
nach römischem Muster umgestalten. Aber erst die Ertheilung des
Bürgerrechts hat die politischen Schranken beseitigt, die in den bunt
durch einander gewürfelten Staatsgebilden der Halbinsel jede plan-
mäfsige Regelung erschwerten.
64 Einleitung.
Etwa seit der Periode der Gracchen werden senatorische Be-
amte mit der Sorge für die Landstrafsen betraut und haben ihre
Namen durch den Bau von Brücken, auch wol von Nebenstrafsen
verewigt. Bei dem zunehmenden Umfang der Geschäfte reichte die
Censur, der von Hause aus das gesamte öffentliche Bauwesen unter-
stellt war, zur Bewältigung dieser Aufgabe nicht aus. Freihch ver-
mochte die Vermehrung des Beamtentums, da der Freistaat in die
Brüche ging, dem gemeinen Besten nicht allzu viel zu nützen. Erst
mit dem Ende der Bürgerkriege hebt der Verkehrsaufschwung an,
dessen Grofsartigkeit lange ohne Gleichen gebUeben ist. Augustus
übernahm 20 v. Chr. die Oberaufsicht über das Strafsenwesen und
errichtete den goldenen Meilenzeiger auf dem Forum, der die Namen
und Längen der italischen Heerslrafsen angab. Er selbst hatte be-
reits 27 die Via Flaminia prachtvoll erneuert, besorgte 14 Jahre später
die Fortsetzungen bis zur Landesgrenze oberhalb Nizza 604 Mühen
von Bom, hatte auch siegreiche Feldherren veranlafst aus der Beute
andere italische Strafsen zu erneuern. Seit 20 v. Chr. wird die
cura viarum als besonderes Amt eingerichtet das bis Constantin
vorkommt: die Aufsicht über die Heerstrafsen liegt gewesenen Prae-
toren und Consuln, über Nebenstrafsen bei Bom Männern ritterlichen
Banges ob. Da die öffentlichen Wege dem Volke gehören, so müssen
die erwachsenden Kosten von ihm getragen werden. Indessen ver-
mag die Staatskasse ihren Pflichten nicht zu genügen und ist auf
Zuschüsse von Seiten des Kaisers angewiesen. Den angrenzenden
Gemeinden nimmt der Kaiser die Unterhaltungskosten ab, bürdet
ihnen aber dafür die nicht minder drückend empfundene Last auf
der Beichspost unentgeltlichen Spanndienst zu leisten. Im Laufe
der Jahre drängt die kaiserliche Verwaltung immer weiter vor und
reifst schliefslich, wie aus den Itinerarien ersichtlich ist, alle wich-
tigen Verkehrswege an sich. Einzelne Caesaren wie Claudius, Traian,
Dioclelian haben durch neue Anlagen die Erschliefsung der Land-
schaften des inneren Appennin nach Kräften gefördert. Noch König
Theoderich hat die Via Appia wieder gangbar gemacht (I 328). Von
der Eigenart des jeweiligen Herrschers und den Erfolgen seiner
Begierung hing der Zustand des Strafsenwesens ab: die Klagen da-
rüber beschränken sich keineswegs auf die Zeiten des Verfalls, son-
dern kehren in allen Jahrhunderten wieder.
Die 100 Fufs breiten Landwege alten Stils sind zu Anfang
unserer Zeitrechnung im Verschwinden begriffen. Für die umfassen-
§ 6. Die Landstrafsen. 55
den Ackeranweisungen die von ihm ausgingen, schrieb Auguslus als
Mafs des Hauplwegs 40, des diesen im rechten Winkel schneidenden
Nebenwegs 20, endlich der parallelen Zwischenwege 12 Fufs vor.
Daran halten in der Folge die Feldmesser fest. Die Herabsetzung der
Breite auf einen ßruchtheil des früher üblichen Mafses war nur
dadurch möglich, dafs die Wege dauerhaft nach allen Regeln der
Kunst hergestellt wurden. Es fehlt auch nicht an Zeugnissen, die
von der fortschreitenden Chaufsirung der Gemeindewege melden.
Durch einmaligen Aufwand gewann man nutzbares Land. Aber be-
merkenswerter erscheint uns, dafs die dem jüngeren Griechen- und
Rümertum eigentümliche Sitte die Todten an der Stralse zu bestatten
und durch glänzende Denkmäler im Gedächtnifs der Lebenden zu
erhalten, allein dem kunstmäfsigen Wegebau ihre Verbreitung ver-
dankt. Die bei der Chaussirung überflüssig gewordenen Streifen zu
beiden Seiten des Dammes wurden von der Gemeinde durch Schenkung
und Kauf zu diesem Zweck veräufsert. Die anmutige Gemeinschaft
zwischen Leben und Tod ist von Athen nach Rom, von Rom über
das ganze Reich getragen und gepflegt worden, bis der neue Glaube
den Zusammenhang zerrifs, gesonderte Friedhöfe schuf und dem
Lärm des Tages entrückte.
Militärischen und politischen Erwägungen verdankt das römische
Strafsennetz seinen Ursprung, wirtschaftlichen Erwägungen seine
andauernde Erweiterung und Vervollkommnung. Die Steinwege
sichern in erster Linie dem Soldaten und Reamten rasches Fort-
kommen , leisten aber dem bürgerlichen Verkehr noch gröfsere
Dienste.!) In Rom wird der ganzen Bürgerschaft Recht gesprochen,
hat die oberste Verwaltung eines Gebietes von 80 — 100000 d.
Geviertmeilen ihren Sitz, ist der gröfste Geldmarkt der VVelt aufge-
schlagen. Der stelig aus- und einflutende Menschenstrom wurde
durch Touristen, Geschäftsreisende und fahrendes Volk verstärkt.
Die Abneigung der Alten gegen Seefahrten trug zur Relebung der
Strafsen bei (I 132). Nur in den Zeiten staatlichen Verfalls griff das
Räuberwftsen um sich, nach allgemeinem Urtheil genofs der Reisende
mehr Sicherheit und Bequemlichkeit zu Lande als zur See. Aber
nicht blos die Freizügigkeit, über die seit dem hannibalischen Kriege
geklagt wird (S. 46), auch der Austausch der Güter und damit der
1) L. Fiiedländer, Darstellungen aus der Sittengeschichte Roms, II. das Ver-
kehrswesen, Leipzig^ 1889. Hudemann, Geschichte des Rom. Postwesens während
der Kaiserzeit, Reilin^ 1878.
56 Einleitun(j.
Wolstand ist durch den Wegebau mächtig gefördert worden. Bezüg-
lich der Alpengrenze wurde dies bereits früher geschildert (I 150 fg.);
bezüglich des Inlands soll die wirtschaftliche Bewegung hier kurz
erwogen werden: für breite Ausführungen fehlt ohnehin der Stoff. —
Ein Blick auf die Karte lehrt, dafs Italien mit seinen langgestreckten
Küsten für die Ausfuhr eigener und die Einfuhr fremder Erzeug-
nisse vorzugsweise an die See gebunden war und gebunden blieb.
Die Zugänglichkeit der Häfen ward seit Augustus durch den Bau
von Molen, Docks, Leuchtlhürmen erhöht und durch eine kräftige
Seepolizei beschützt. Aber während ehedem die Wechselwirkung
zwischen Küste und Binnenland durch die staatliche Trennung und
die schlechten Wege gehemmt war, ist die Bahn für den Ausgleich
nunmehr frei geworden. Die Beschreibung der Flüsse im ersten
Bande hat oft darauf hinweisen müssen, dafs den natürlichen und
künstUchen Wasserstrafsen Italiens eine Bedeutung im Altertum zu-
kam, die durch die Waldverwüstung unrettbar verloren ging. Wo
die Wasserstrafse versagte, waren die Landschaften in vorrömischen
Zeiten für den Waarenhandel auf den Bücken des Saumthiers ange-
wiesen und benutzten als Geld das Vieh. Denn die Heerden lassen
sich ohne Schwierigkeit forttreiben, und wie um 50 n. Cbr. die
Gänse von der Bheinmündung die weite Strecke bis Born zu Fufs
wanderten,^) so stammten die Schweine die 150 v. Chr. in ganz
Italien geschlachtet wurden, zumeist aus den Züchtereien vom Po. 2)
Während damals der padanische Bauer sein Vieh mit Nutzen zu Geld
machte, erlöste er oft für Getreide und Wein nur ein Zehntel von
dem Preise den man auf dem Weltmarkt zahlte. Als I'olybios 151
V. Chr. das Poland durchzog, galt der Scheffel (52 l) W'eizen 58
Pfennig, halb so viel der Scheffel Gerste und der Krug (391) Wein;
für Quartier und Zehrung rechnete der Gastwirt in Bausch und
Bogen 72 As 4 Pfennig auf den Kopf. Der Ausbau der Strafsen
gestattete eine vortheilhaftere Verwertung der Erzeugnisse. Wir
wissen wenig davon; indefs ist die Thatsache lehrreich, dafs Gegen-
stände nach Born geschafft wurden, die rasche Beförderung verlang-
ten um nicht zu verderben, wie Pfirsiche von Verona, Spargel von
Ravenna, Bösen von Paestum, Austern von Brundisium (I 113. 457).
Die Schnelligkeit in der Bewegung von Gütern und Personen hat
gleicher Mafsen zujjenommen.
1) Plin. X 53.
2) Pol. II 15,3.
§ 6. Die Landstrafsen. 57
Der wirtschaftliche Umschwung hat das Leben äiifseilich und
innerUch umgestaltet. Aus dem Ortsverzeichnifs das diesem Bande
angefügt ist, tritt die Aenderung, welche die Karte des alten Italien
erfahren , im Einzelnen entgegen. Es enthält Schichten gar ver-
schiedenen Alters neben einander, wie die Folge des Alphabets mit
sich bringt. Aus der Südhälfte sind durch die griechische Littera-
tur eine Fülle von ^amen auf uns gelangt die der Zeit angehören,
als die Hellenen mit den eingebornen Stämmen um den Boden
rangen. Aber wir sind meistens aufser Stande ihre Oertlichkeit zu
bestimmen. Die römischen Annalen erwähnen eine Menge von Städten,
deren Lage sich nicht erraten läfst, und lassen damit den Leser über
wichtige Züge der Kriegsgeschichte, ja der früheren Entwicklung
Roms überhaupt im Dunkel. Der hannibalische Krieg hat den Schnitt
durch das Bild des Landes gezogen. Wenn der Sieger die Zerstö-
rung von 400 Städten auf sein Verlustconto schrieb, i) so erscheint
die Ziffer kaum zu hoch gegriffen; denn unter Städten sind jene
kleinen Gauburgen zu verstehen, von denen S. 9 die Rede war. Der
Verlust hat insonderheit die südlichen Landschaften, Samnium, Apu-
lien, Lucanien, Bruttium betroffen : die umfassenden Gebietstrecken
die der römische Staat hier einzog, wurden dem Grofsbetrieb und
einzelnen begünstigten Gemeinden ausgeliefert. Auch im Norden
der Halbinsel, in denjenigen Theilen die von der Kriegsfurie ver-
schont geblieben waren, schmolz der Bauersland unter den Angriffen
des Capitals zusammen, gleich dem Schnee im Märzen : die Stätte von
Gaufestungen die einst dem Schwert der Legionen getrotzt hatten,
wurde von Gutshöfen in Besitz genommen; für die ehrwürdigen
Bundesfeste, an denen ilie Umwohner gemeinschaftlich opferten,
hielt es gelegentlich schwer Vertreter der einzelnen Gemeinden zu
beschaffen, — Durch den fortschreitenden Ausbau des Strafsennetzes
erhalten die Bedingungen, an welche die Blüte der Ortschaften ge-
knüpft war, neue Werte. Unter der Herrschaft des Landfriedens
büfst die natürhche Festigkeit der Lage die während des Faust-
rechts als oberstes Eifordernifs einer Ansiedlung betrachtet wurde,
ihre bisherige Geltung ein. Fortan giebt die Verkehrslage den Aus-
schlag. Der Kreislauf des Blutes wird vom Herzen geregelt, alle
Heerstrafsen führen in kürzester Richtung nach Rom und sind ge-
waltsam auf dies Ziel hingelenkt worden. Deshalb wird das Gedeihen
1) Appian Lib. 63. 134.
58 Einleituug.
der Städte von ihrem Verliältnifs zu den grofsen durchlaufenden
Verkehrsadern abhängig. Den Wandel der damit eingeleitet wurde,
mag die Gegenwart veranschauUchen. Wer auf einem der Schienen-
stränge einher fährt die eilfertig geschmiedet wurden, um die ge-
trennten Appenninlandschaften mit eisernen Klammern an einander
zu ketten, sieht in stundenweiter Ferne die Städte ragen, deren
Namen er an den Stationen liest: die Furcht vor dem Fieber und
dem Ueberfall des Feindes hat die Bewohner aus der Ebene ge-
scheucht und hält sie auf der Hübe fest. Der Reisende, der aus-
steigt und einen dieser malerischen Orte aufsucht, wird plötzlich in
Gedanken um Menschenalter, ja um Jahrhunderte zurück versetzt
und kaum durch Erinnerungen an den Tag in seinem Sinnen ge-
stört werden.
Der Widerstreit zwischen den Forderungen einer neuen Zeit
und tiefgewurzelten Gewohnheiten hat im Altertum mancherlei Wir-
kungen auf die Wohnart hervorgebracht. Die gründüchste Abhülfe
wurde erreicht, wenn man den Sitz auf der Höhe aufgab, also die
Einwohner nach der Ebene verpflanzte und an einem günstigen Ort
ansiedelte. Ein solcher Platzwechsel wiederholt sich von Homer bis
in die Kaiserzeit, i) kommt auch in Itahen vor: die Erbauung von
Florenz unterhalb Fiesole's pflegt seit Dante als Beispiel angeführt
zu werden. Immerhin ist die alle Stadt nicht einfach verlassen und ab-
gebrochen worden. Die Summe von Arbeit die in einer derartigen
Anlage steckt, die Weihe der Religion die auf ihr ruht, können im
Kriege mit einem Schlage vernichtet werden, leisten dagegen den
zerstörenden Mächten des Friedens zähen Widerstand. Im Schatten
der Vergangenheit dämmern die Bergfestungen hin, veröden lang-
sam, weil der Verkehr aus ihren Mauern entweicht und neue Stätten
aufsucht. Die Wahl wird durch den Gang der grofsen Strafse be-
stimmt: läuft diese in der Nähe vorbei, so entsteht ein Vorort, läuft
sie abseits, so entsteht ein Weiler oder Flecken. Namentlich an
einer Strafsenkreuzung kann sich der Weiler zu einem stattlichen
Umfang auswachsen. Den Kern der Ansiedlung giebt die Posthalterei
ab, wo der mit Freipafs versehene Beamte Unterkunft und Beförde-
rung ohne zu zahlen erhält, der gewöhnliche Sterbliche für sein
gutes Geld. Die Cursbücher unterscheiden mutationes wo nur auf
1) Hom. II. XX 216, Vespasian an die Saborenser CIL. 11 1423 cum muUis
diffteuUalibus infirmüutem veslram premi mdicelis, permillo vobis oppidum
sub nomine meo ut voltis in planum exlruere.
§ 6. Die Landstrafsen. 59
Gespann, und mansiones wo zugleich auf Nachtquartier zu rechnen
war. Wir haben bereits bemerkt dafs die Post ledigHch den Zwecken
des Staats diente, dafs aber für das grofse Publicum durch private
Unternehmer gesorgt war (I 23): aus einer Reihe von Städten sind
Fuhrmannsgilden inschriftlich bezeugt, der Reisende mietete für
kürzere oder längere Strecken ein Reitthier oder einen Wagen, wie
das auch im neuen Italien vor Eröffnung der Eisenbahnen allgemein
übhch war. — Ueber die Gasthäuser wird viel geklagt: indessen be-
ansprucht dies Gewerbe bei der Schilderung des Landes einen be-
vorzugten Platz. Schon in republikanischer Zeit nutzen Gutsbesitzer
deren Ländereien an eine belebte Slrafse stofsen, die Lage aus
durch Errichtung und Verpachtung von Wirtschaften.!) Daraus er-
klärt sich dafs viele Stationen durch Gutsnamen bezeichnet sind —
denn der Name des ersten römischen Eigentümers bleibt an dem
Grundstück für immer hängen — z. B. Anneianum (2 mal) Baebiana
Caelianum Domitiana Manliana (2 mal) Marcelliana Papiriana. Dafs
aus einem Wirtshaus eine Stadt entstehen kann, ist uns in Deutsch-
land durch Elsafszabern und Rheinzabern geläufig. In Italien be-
gegnet Tres Tabernae 3 mal, ad Novas (nämlich tabernas) 5 mal, ad
Pictas usw.; im letzten Falle lehrt Strabo, dafs bunt bemalte Taber-
nen zu verstehen sind, eine Station ad Novas wird auch als vicus
Novanetisis angeführt. Gewöhnlich dienen Wirtshauszeichen oder
-Schilder zur Benennung der Stationen : ad Joglandem Malum Pinum
Pirum (2 mal) Punicum, zum Nufs- Apfel- Pinien- Birn- Granatbaum,
ad Aquilam Ensem Lamnas Mensulas Rotas (2 mal) Süatios Sponsas
Solana Statuas (3 mal) Titnios Victoriolas usw. Ferner giebt die
Oertlichkeit das unterscheidende Merkmal ab, z. B. die Lage an
einem Flufs: ad Bradanum Calorem Conßuentes (2 mal) Padum Sa-
batnm Tanarum Tarum. An die ausgedehnte Gewinnung von See-
salz werden wir erinnert durch das 4 mal wiederkehrende ad Salinas.
Noch häufiger erscheint ad Turres: diese Thürme waren einst als
Grenzwehren und vor allem als Zuflucht vor den Piraten errichtet
(I 114j. Nicht selten hat ein Tempel zum Aufschwung beigetragen,
wie ad Herculem ad Martis (4 mal) ad Matrem magnam zeigen.
Aber dafs der Durchgangsverkehr auf den Heerstrafsen die Haupt-
sache ist, daran gemahnt die nüchterne Benennung der Stationen
nach der Zahl der Meilensteine die bis zur nächsten Stadt, verein-
1) Vairo RR. I 2,23, Sueton Claud. 3S, Vitruv VI 8,2.
60 Einleitung.
zeit auch bis Rom stehen: z. B. ad Sexlnm (2 mal) Octavnm (3 mal)
Nonum (3 mal) Decimvm (4 mal) Undechnnm (3 mal) Dnodecimum
(3 mal) Quintumdedmum (2 mal) Vicensimum (2 mal) Centesimum.
Vielfach erweitern sich auch solche Stationen zu Ortschaften und
die Zahlwörter leben als Ortsnamen in der heutigen Sprache fort.
Es kommt sogar vor, dafs der Sitz eines Municipium nach einem
Wegedorf übertragen wird und seinen ererbten Namen mit der
Ziffer des Meilensteins vertauscht. Aus der Litteratur lernen wir
nur einen Bruchtheil der Wegedörfer kennen: wie verbreitet diese
Form der Ansiedlung war und für die entwickelte römische Cultur
charakteristisch, läfst sich schon aus der S. 13 angeführten Erklä-
rung von vicus entnehmen.
Die besprochenen Erscheinungen sind nicht auf den Rahmen
Itahens beschränkt, sie wiederholen sich im Reich. Es bedarf keiner
Worte, dafs der Verkehr unablässig die nationalen Besonderheiten
abschliff, zu der politischen auch auf eine sprachliche und religiöse
Einheit hinarbeitete. Wol aber lohnt von der durchsichtigen Namen-
gebung des Wegehaus ein Rückblick in die unwegsame Vergangen-
heit. Die Hellenen benannten ihre Gründungen in Italien nach
Naturmerkmalen, mit Vorliebe nach Flüssen und Quellen : ') z. B.
QovQioi Med/iia Uv^ovg ^igig ^vßagig Tägag Tegiva; in jün-
gerer Zeit, als es solche gab, auch nach Nationalgöttern : Iloosiöiovla
^ HgÖTiXeia. Nach Menschen benannte das freie Hellas seine Städte
nicht. Dazu gab der Orient dem seit Alters die Begriffe von Gott und
König sich vermischten, den Anstofs. König Phihpp macht auf
europaeischem Boden den Anfang, und als nun so viele blühende
Städte den Ruhm seines grofsen Sohnes kündeten, war ein Vorbild
geschaffen, dessen Wirkung nicht auf die monarchische Welt be-
schränkt bheb. Nur 20 Jahre nach der Gründung Alexandria's er-
baute Censor Appius die Slrafse und das Forum, die sein Andenken
verewigen sollten. Die Nachfolger im Consulat und der Censur
ahmten das üble Beispiel nach. Die lange Liste von Strafsen und
Märkten, die den Namen repubhkanischer Beamten tragen, erläutert
an ihrem Theil, wie sehr der Hochadel im Genufs königlicher Ehren
schwelgte. Freilich haben die Märkte erst nachträglich seit 89 v.
Chr. Stadtrecht erlangt: bis dahin hat der Freistaat nicht erlaubt,
dafs eine vom Volk beschlossene Gründung nach einem einzelnen
1) Strab. VI 262.
§ 7. Mafs und Münze. 61
Bürger benanot würde. Vielmehr haben Italiker und Römer der-
selben Anschauung gehuldigt wie die Hellenen, nur dafs bei jenen
die Gruppe der Gütternamen von Hause aus zahlreicher vertreten
ist. Dies gilt sowol für die Stämme (I 63) als für die Städte. Aus
älterer Zeit gehen unter anderen zurück : auf Flüsse Amiternum
Aternum Interamna Ostia Tifernum, auf die Oertlichkeit Alba Ancon
Genua Ocriculum Praeneste Sinuessa Tibur, auf Gütter Bovianum
Consentta Cupra Luchs Feroniae üerculaneum Horta Iguvium Luceria
Mantua Populonium. Aus römischer Zeit nach 300 v. Chr. gehen
zurück: auf Flüsse Aesis Ariminum Narnia Parma Pisaurum Tici-
num Volturnum, auf Götter Copia Faventia Fidentia Florentia In-
dustria Luna Minervia Neptunia Placentia Pollentia Potentia Satumia
Venusia. Das Vorrecht der Unsterblichen wurde mit dem Fort-
schreiten der Revolution von den grofsen Generalen in Frage ge-
stellt: zunächst in den Provinzen. In Corsica ward 100 v. Chr.
Mariana gestiftet, im Poland 89 Laus Pompeia und Alba Pompeia.
Innerhalb der Grenzen des befriedeten Italien hat zuerst Sulla den
von ihm ausgeführten Colonien neben einem Götlernamen auch
seinen eigenen verliehen. Anfangs hält Caesars Sohn es ebenso
{Julia Concordia, Pietas Julia); nachdem sein götthcher Beruf 27
durch den Beinamen Augustus von Staatswegen Anerkennung ge-
funden hatte, sieht er von der Hinzufügung einer Gottheit ab und
nennt seine Colonien schlechtweg Augusta. Je mehr die Selbstver-
waltung verfällt, desto prunkender werden die Titel, mit denen die
Gemeinden ihren ehrlichen Namen amthch verschnörkeln. Es ent-
sprach der herrschenden Zeitströmung, wenn des weisen Marcus
ungeratener Sohn Rom colonia Commodiana umtaufen wollte. Der
verhängnifsvolle Einflufs des Orients endigle damit dafs der oberste
Beamte des römischen Volkes in einer Person dessen Herr und Gott
wurde. Die ersten greifbaren Spuren treten im Wegebau entgegen,
und der Wegebau hat wesentlich zur Ausbildung der Weltherrschaft
einer- der Monarchie anderseits beigetragen.
§ 7. M a f s u n d M ü n z e.
Mit anderen Elementen der Cultur wie Schrift und Zeitrech-
nung stammt auch die Mefskunsl aus dem Morgenland. Die Ueber-
tragung und Einbürgerung dieser Kunst, die mannichfachen Wand-
lungen die sie durchgemacht hat, würden helles Licht über die
Geschichte Italiens verbreiten, wenn die Quellen reichlicher flössen
62 Einleitung.
als der Fall ist. Immerhin fügt die Sammlung der bekannten That-
sachen dem Bilde das vom Leben des Landes entworfen werden soll,
einen wesentlichen Zug hinzu. i) — Den Römern war es vollkommen
geläufig dafs ihre V'orfahren einst als Tauschwert oder Geld das
Vieh verwandt und ein Rind gleich zehn Schafen gerechnet halten.
Eine Gesellschaft die auf einer derartigen Stufe der Entwicklung
verharrt, braucht kein genau normirtes Mafssystem. Der Viehzüchter
zimmert sein Blockhaus nach dem Mafsstab den er am Leibe mit
sich herumträgt, Finger- und Handbreite, Spanne, Elle und Klafter,
schreitet rings darum die Hofstatt ab, schätzt im Tauschverkehr die
Schwere und den Umfang eines Gegenstandes mit dem Auge und
mit dem Gefühl. Der Betrieb des Ackerbaus ändert daran zunächst
nicht viel: in älterer Zeit wirtschaften die Bürger gemeinsam, das
Eigentum an Grund und Boden tritt ganz zurück (S. 26). Dem
entspricht die anfängliche Unbestimmtheit der Feldmafse: die Strecke,
welche die Ochsen in einem Antrieb ohne zu ermüden den Pflug
ziehen können, giebt den vorsus oder actus zu 100 bezw. 120 Fufs
Länge; die Fläche, die ein Joch Ochsen an einem Tage umpflügen
kann, giebt das iugerum oder Tagewerk. Das Getreide scheint ur-
sprünglich nach der Last die ein Mann bequem fortträgt, gehandelt
worden zu sein. Verschiedenartige Umstände sind auf den einzelnen
Lehensgebieten wirksam um die schwankenden durch feste Mafs-
gröfsen zu ersetzen. — Mit der allmälichen Einführung des Stein-
baus (S. 41) geht das Aufkommen eines Bauhandvverks Hand in
Hand: ohne Zollstock kann der Steinmetz nicht schaffen. In den
griechischen und italischen Städten haben die Häuser um Raum zu
sparen gemeinsame Zwischenmauern : für Rom war eine Elle als
Dicke vorgeschrieben, im oskischen Pompeji das ohne Ausnahme
nach diesem Princip gebaut ist, kehrt dasselbe Mafs wieder von den
ältesten ohne Kalk geschichteten Wänden bis hinab zur Verschüttung.
Auch auf den Dörfern sind in römischer Zeit die Häuser zusammen
gerückt, so dafs Tacitus das geschlossene Wohnen als Merkmal der
römischen Weise im Gegensatz zur germanischen hervorhebt. Es
unterliegt keinem Zweifel, dafs all die (S. 36 fg.) aufgezählten Grofs-
und Mittelstädte nach einem bestimmten gesetzlich anerkannten Mafs
angelegt sind. Die Nachricht die für Rom den König Servius als
1) H. Nissen, Griechische und römische Metrologie in Iwan Müllers Hand-
buch d. klass. Altertw. I« München 1892.
§ 7. Mafs und Münze. 63
Schöpfer von Mafs und Gewicht nennt, khngt ganz verständig;')
auch weisen die Quadern der grofsen aus königlicher Zeit stammen-
den Stadtbefestigung in der Regel eine Schichthöhe von zwei Fufs
(592 mm) auf. Nach Aeufserungen Pigorini's sind ferner die Pfahl-
dörfer am Po nach römischem Mafs errichtet. Wenn die Thatsache
verbürgt ist, so liefert sie einen neuen Beweis gegen das über-
triebene Alter das gemeinhin diesen bäuerlichen Ansiedlungen zu-
gesprochen wird ; denn das zunächst aus Etrurien, weiterhin aus
dem Orient entlehnte Mafssystem der Romer gehört einer vergleichs-
weise jüngeren Stufe der Entwicklung an. Ueberhaupt ist der Bauer
allen Neuerungen abhold: erst die Verdrängung der Gemein- durch
die Samtwirtschaft kann ihn von der Notwendigkeit einer einwand-
freien Abgrenzung des Eigentums überzeugt haben. Die Ausbildung
der Baumzucht, namenthch die Pflege des Oelbaums zwang zur
feineren Ausgestaltung der Hohlmafse. Aber der Oelbaum ist frühes-
tens im 6. Jahrhundert nach Italien verpflanzt worden (I 441); noch
lange nachher bezog Toscana nebst anderen Landschaften die gegen-
wärtig im Schmuck von Olivenhainen prangen, Oel als kostbares
Erzeugnifs aus der Fremde. Was endlich das Gewicht anlangt, so
hat die Metallarbeit den Anlafs zu dessen Normirung geliefert: es
lag nahe ein für Jedermann so brauchbares Ding wie Rupfer als
Tauschmittel zu verwenden, und damit wurde die Wage dem Ver-
kehr einverleibt. Das italische Kupfer war auch für die fremden
Kaufleute ein begehrenswerter Artikel, etruskische Erzarbeiten wur-
den früh nach dem Osten ausgeführt, von dort ist sowol die Wage
als das Pfund, mit dem man wog, übernommen worden.
Der fruchtbare Gedanke den die französische Revolution ver-^
wirklichte, aus der Länge nicht blos das Flächen- sondern auch
das Hohlmafs und das Gewicht abzuleiten, ist dem Altertum geläufig
und schon in grauer Vorzeit am Nil und Euphrat bethätigt worden.
Er Hegt auch dem römischen System zu Grunde, da ein Gesetz den
Rauminhalt und das Wein- (oder Wasser-) gewicht nach dem Cu-
bikfufs bestimmt. Freilich entspricht die Gleichung keineswegs den
berechtigten Anforderungen hinsichtlich ihrer Genauigkeit. Der rö-
mische Fufs ist 296 mm lang, das Wassergewicht seines Cubus
beträgt 25,93 kgr, aber 80 Pfund die das Gesetz dem Cubikfufs
Wein beilegt, wiegen 26,196 kgr. Um eine üebereinstimmung
1) Aar. Victor vir. ill. 7,8.
64 Einleitung.
zwischen diesen Ansätzen zn erzielen, hat man die Wahl entweder
den Fufs auf 296,9 mm zu erhohen oder das Pfund von 327,45 gr
auf 324,5 gr zu ermäfsigen. Allein der eine wie der andere Aus-
weg ist ahgeschnitten, da beide Grofsen durch Tausende von Mes-
sungen und Wägungen unerschütterlich fest stehen. Vielmehr mufs
die Unvollkonmienheit des Systems einerseits der geringen Begabung
der Romer für physikalische Fragen in Rechnung gestellt werden,
anderseits jedoch und vor allem den durch den Welthandel ge-
schaffenen Verhältnissen. Allerdings schreibt der Staat für die Be-
grenzung des Eigentums wie den Bau des Hauses, für Kauf und
Verkaul Normen vor die alle seine Angehörigen binden und Streit-
fällen vorbeugen sollen. Aber kein Staat vermag die einmal ge-
troffenen Normen im Wandel der Zeiten zu behaupten, ohne durch
politische Einflüsse und den Umschwung des Verkehrs zu tief grei-
fenden Aenderungen genötigt zu werden. So stark auch naturgemäfs
auf diesem Gebiet das Beharrungsvermögen ist, noch stärker ist die
Macht geschichtlicher Ereignisse. Daraus entspringt jene Mannich-
faltigkeit der Erscheinungen, die bei der Vielheit der antiken Staaten-
gebilde und der verschiedenen Bezeichnungsweise der Mafse geeignet
ist den grofsen Zusammenhang zu verdunkeln. — Zwei Hauptströ-
mungen, eine ältere und eine jüngere sind in Italien auf einander
gestofsen, haben sich bekämpft durchkreuzt und ausgeglichen. Der
Ursprung beider geht auf Euphrat und Nil zurück; aber jene nimmt
ihren Weg über Syrien , diese über Kleinasien. Die Phoenizier
haben im Westen die Elle von 412,5 mm und das in 12 Unzen
gelheilte Pfund von 273 gr^ das eng an die aegyptischen Gewichts-
Dormen auschliefst, eingeführt. Dagegen wurde eine völlige Um-
wälzung eingeleitet, als um 700 das Reich Lydien und dem Beispiel
folgend die hellenischen Seestädte anfingen Gold- und Silbermünzen
zu schlagen. Die Prägung der Edelmetalle erforderte eine kleinere
Gewichtseinheit als die Unze, man zerlegte das Pfund in 50, später
gar in 100 Tlieiie. Für einen logischen Aufbau des Systems war
die Elle zu grofs und wurde durch den Fufs verdrängt. Der all-
gemeinen Veifeinerung der Mafse mufsle endlich auch die Wegebe-
slimmung nach Stunden und Viertelstunden weichen, um dei' Rech-
nung nach Stadien oder Doppelminuten Platz zu machen. Alle
diese Neuerungen haben sich in Hellas langsam Bahn gebiocl»en
und stiefsen im Westen auf den zähen Widerstand der phoenizisclien
Nebenbuhler. Obvvol im Culturleben der Sieg der Münz(! über die
§ 7. MaTs und Münze. 65
Wage durch den Perserkönig Darius entschieden worden war, zö-
gerte Karthago länger als ein Jahrhundert, bevor es sich dem
Fortschritt anbequemte: 409 schlug es seine ersten Münzen in
Sicilien, um 350 in Africa. Auf der heifs umstrittenen Insel wurde
ein Ausgleich zwischen alten und neuen, phoenizischen und helle-
nischen Normen erreicht der weite Geltung gewann: im 2. Jahr-
hundert V. Chr. gab der sicilische Medimnos (52,4 1) das Mafs für
den Weizenmarkt in Spanien wie am Po und auf der italischen
Halbinsel ab. Auch das römische System das nach langem Schwan-
ken 217 V. Chr. zum Abschlufs gelangte, ist dadurch wesentlich
beeinflufst worden.
Nach dem hannibalischen Kriege arbeitet Rom auf die Unter-
drückung der italischen Münzstätten hin und ist mit der Niederlage
der Bundesgenossen am Ziel angelangt. Wie die Münzeinheit wurde
auch die Einheit von Mafs und Gewicht erstrebt, aber mit minde-
rem Erfolg: der Umlauf des Geldes läfst sich durch ein Gesetz
binnen kurzer Frist ändern, die alten Mafse wurzeln im Boden
und können nur ganz allmälich ausgerottet werden. — Das amtliche
Ackermafs war das lugerum zu 28800 Quadratfufs (2523 Gm) und
war durch zahllose umfassende Landanweisungeu in allen Gauen
Italiens verbreitet worden. Nichtsdestoweniger rechnete man noch
in der Kaiserzeit vieler Orten nach einem Vorsus zu 10000 Qua-
dratfufs (757 Dm) der sich zum lugerum verhält wie 3:10. Von
unerheblichen Schwankungen abgesehen mifst der zu Grunde he-
gende Fufs 275 mm. Er ist aus der oben erwähnten phoenizischen
Elle von 412.5 mm abgeleitet und zu weiter Gellung gelangt. Was
Italien betrifft, so sehen wir ihn ganz allgemein in Campanien von
Hellenen Etruskern Oskern gebraucht, ferner von Volskern (Sora)
Hernikern (Aletrium Anagnia Ferenlinum) Latinern (Ardea Lanu-
vium). Ausdrücklich wird er den Umbrern zugeschrieben, galt ver-
mutlich einst auch in Tarenl bis zur grofsen Münzreform um 300
V. Chr. Wegen seiner Verbreitung im bundesgenössischen Gebiet
hat man 'hn gelegentlich im Ausland als italisch bezeichnet. Im
Unterschied davon heifst der römische Staatsfufs von 296 mm pes
monetalis nach dem Tempel der Juno Moneta auf der Burg zu Rom,
wo Aich- und Münzamt sich befanden. Die Tarquinier haben ihn
bezw. die Elle von 444 mm den Etruskern entlehnt, diese mitsamt
der Münzprägung aus Kleinasien. — In bemerkenswerter Weise tritt
der Gegensatz zwischen Römern und Italikern zu Tage im Wege-
Nissen, Ital. Landeskunde. II. 5
66 Einleitung,
mafs. Wie Rom den Bau seiner Kunststrafsen den Karlliagern ab-
sah, so beslimmte es auch nach ihrem Muster die Enlferniingen.
Die römische iMeile zu 1000 Doppelschrilt oder 5000 Fnfs 1,48 km
ist nahe verwandt mit dem Sabbatweg der Juden. Es ist ein Vier-
tel des Stundenwegs der in Babylon festgestellt, auf den persischen
Reichstrafsen eingeführt und den Hellenen unter dem Namen Para-
sang vertraut war. In Kleinasien scheint die Einheit auf drei Viertel
oder drei Achtel herabgesetzt worden zu sein: wenigstens haben
die Phokaeer von Massalia dies iMafs nach Gallien übertragen, allwo
es sich als lietie de France 1,45 km bis in die Neuzeil erhalten
halte. Die Hälfte davon taucht als leuga zu 2,22 km unter den
späteren Kaisern in den gallischen Provinzen scheinbar unvermittelt
auf. Indessen mufs diese gallische Leuga ehedem auch innerhalb
der italischen Grenzen bekannt gewesen sein: von den Ligurern
wurde im 2. Jahrhundert v, Chr. für einen Landstreifen dieser
Breite nach langen Kämpfen das Durchzugsrecht eingeräumt. Auf
der Appenninhalbinsel dagegen, jedesfalls im Süden fand die jüngere
Rechnung nach Stadien Eingang. Es leuchtet sofort ein bei dem
überwältigenden Einflufs, den das römische Strafsennelz auf die
Verwischung landschaftlicher Besonderheiten geübt hat, dafs nirgends
vorrömische Spuren weniger zu erwarten sind als in Bezug auf
das Wegemafs. Immerhin fehlen sie nicht ganz. Eine Inschrift
guter Zeit aus Baiae, also auf cumanischem Boden, giebt die Länge
einer Porticus zu 556 Fufs 164,6 m an d. h. zu einem itahschen
Stadion.') Der Durchmesser des von den Elruskern 470 v. Chr.
gegründeten Capua ist 1650 m 10 italische Stadien lang. Die rö-
mische Meile bleibt nur um 5 m hinter 9 solcher Stadien zurück.
In der erhaltenen Lilteralur kommt dies Stadion nur vereinzelt
vor. Dagegen wird aus der späteren Kaiserzeil bezeugt, dafs auf
See nach einem kürzeren Stadion von 148 m gerechnet wurde:
so geschieht auch in den meisten Stücken des Itinerarium mariti-
mum das auf uns gelangt ist (I 24). Aeltere Schriftsteller wie
Herodot und Xenophon haben sich seiner für Entfernungen zu Lande
bedient. In der Beschreibung wird mehrfach darauf hinzuweisen
sein, dafs manche Angaben bei Strabo und Dionys nach eben dem-
selben Mafs gemacht sind. Die Thatsache wird am Einfachsten
1) Eph. epigr. VIII p. 100 n. 374. Das Verhältnifs des italischen zi;m
römischen Fufs 139: 150 kehrt auf den Tafeln von Heraklea wieder, nornnal
«ärde es 139,4: 150 lauten.
§ 7. Mafs und Münze. 67
durch die Annahme erklärt, dafs das Schriltstadion von 148 m an
der kleinasialischen Rüste zu Hause war und von Artemidoros aus
Ephesos, dem nächsten Vorgänger und Gewährsmann Strabo's (I 14),
seiner Darstellung zu Grunde gelegt wurde, wofür es sich vortreff-
Hch eignete. Aber Eratoslhenes und Polybios bestimmen das Sta-
dion nach dem verbreiteten Fufs von 296 mm zu 177,6 m. In der
Regel setzt man es aus Bequemlichkeit einem Achtel der Millie
gleich, also 185 m, in der Kaiserzeit aber auch 198 m und 210 m.
Aus dieser heillosen Verwirrung, wo der Wert des Mafses zwischen
148 und 210 m schwankt, heraus zu finden, ist unseren Bericht-
erstattern selten geglückt.
Wie einen eigenen Fufs haben die Italiker ihr besonderes
Hohlmafs gehabt und bis auf Augustus gebraucht. Erst in den
zwanziger Jahren v. Chr. sind die auf dem Markt zu Pompeji (Bür-
gercolonie seit 82) und Minturnae (BUrgercolonie seit 296) ausge-
stellten Normalmafse nach den staatlichen umgeändert worden. Beide
führen ihren Ursprung auf jenen in Sicilien getroffenen Ausgleich
zurück von dem S, 65 die Rede war, weichen aber in der Theilung
von einander ab. Ebenso ist das itaHsche Pfund vom römischen
verschieden: es wiegt 341 gr und wird nach griechischer W^eise in
100 Drachmen gelheilt. Demgemäfs stellt sich das Talent nach dem
Münzgewicbt auf 20,46 kgr, nach dem Wassergewicht des Cubik-
fufses von 275 mm auf 20,8 kgr. Die Ungenauigkeit ist noch gröfser
als beim römischen System (S. 63), aber der mangelnden politischen
Einheit dieser Bundesgenossenschaft gegenüber viel leichter erklär-
bar. — Das römische Hohlmafs weist die seltsame Anomalie auf,
dafs es nach einem andern Gewicht bestimmt ist als die Münze.
Man schrieb dem Scheffel modius (8,73 1) ein Wassergewicht von
32, dem geläufigsten Hohlmafs sextarius (0,546 1) ein solches von
2 Pfund zu. Aber dies ist das altphoenizische Pfund von 273 gr
(gleich 3 aegyptischen Deben): auf ihm sind alle Hohlmafse vom
kleinsten cyathns Ye (0,0455 I) bis zum gröfsten amphora 96 (26,2 I)
aufgebaut. Das gewöhnliche Pfund ist 327 gr schwer und verhält
sich zu jenem wie 6:5. Das eine wie das andere stammt aus Sici-
lien. Hier hatte Karthago die alten und neuen Normen mit einan-
der verschmolzen, indem die jüngere Elle von 444 mm dem System
zu Grunde gelegt wurde. Ihr Cubus von 87,5 kgr befafst 10 Modien
373 Amphoren nach römischer, 1 2/3 Medimnen 2^/9 Metreten nach
sicilischer Rechnung, 320 bezw. 266,66 Pfund. Geschichtlich be-
68 Cioleitung.
trachtet ist das grölsere Pfund jünger als das kleine. Daraus folgt
jedoch keineswegs d;ifs es auch in Rom später eingeführt worden
sei. Im Gegentheil schreibt eine glaubhafte Nachricht dem König
Servius die Feststellung des Gewichts zu (S. 63), nach dem aus-
drücklichen Zeugnifs Varro's wog der alte As 288 Scrupel d. h.
327,45 gr, und das Zeugnifs wird durch den Thatbestand durchaus
bestäligl.i) Dies Pfund ist die Hälfte der euboeischen Marktmine
die durch Selon in Athen zur Annahme gelangte, deren Talent dem
Metretes gleich kommt. Durch den Oelhandel wurde es im Westen
bekannt und fand mitsammt der Elle von 444 mm über Etrurien
seineu Weg nach Rom. — 344 v, Chr. wird der Tempel der Juno
Moneta eingeweiht; dies Jahr bezeichnet den Anfang der römischen
Kupfermünze.2) Der As wird thatsächlich ein Pfund schwer aus-
gebracht, hält sich aber nur einige Jahrzehnte auf dieser Höhe.
Dann sinkt er auf 10 Unzen, nach dem vorhandenen Refund hat
das Gewicht von 273 gr lange Zeit als Münzpfund gegolten. Die
Aenderung wird daraus zu erklären sein, dafs Rom während der
samnitischen Kriege, als es in enge Reziehungen zu Karthago ge-
treten war, das auf jenem Pfund von 273 gr ruhende karlhagisch-
sicilische System der Hohlmalse angenommen hat. 269 v. Chr.
geht es zur Silbermünze über: der Denar wiegt ursprünglich 4,55
gr 1/60 Pfund. Dergestalt sind ein halbes Jahrhundert Markt- und
Münzpfund zusammen gefallen. Allein am Ende des ersten puni-
schen Kriegs, nachdem Rom eine Weltmacht geworden war, setzt
es den Retrag des Denars auf 3,90 gr herab und kehrt für die
Münze zum alten Pfund von 327 gr zurück. Der Grund der Rück-
kehr leuchtet ein: das Pfund von 327 gr ist gleich 3/4 euboeischer
Mine und gestattet eine bequeme Umrechnung in eine auf dem
Geldmarkt des Mittelmeeres allbekannte Währung. Seit 241 v, Chr.
ist an den römischen Gewichtsnormen fürder nicht gerüttelt wor-
den. Wenn im Kleinhandel ein Pfund im Gebrauch blieb das statt
12 nur 10 gesetzhche Unzen hatte, so nehmen wir daran ohne
1) Varro RR. I 10,2; Samwer-Bahrfeldt , Geschichte des älteren römischen
Münzwesens, Wien 1883, p. 45fg.
2) Samwer-Bahrfeldt p. 43 setzen auf inductivem Wege den Beginn der
Herstellung des römischen Schwerkupfers gegen 350 v. Chr. Er läfst sich aber
kaum von der Errichtung des Tempels trennen Liv. VII 28 vgl. VI 20. Die
Nachricht bei Suidas Movrjxa bezieht sich auf die Einführung der Silbermünze
(Mommsen, Münzwesen 301).
§ 7. Mafs und Münze. 69
Not Anstofs: auch in Athen sind seit Solon Markt- und Münzge-
wicht verschieden gewesen.
Aus den vorstehenden Erörterungen folgt dafs die Verfeinerung
des Lebens in Rom am Ausgang des 4. Jahrhunderts v. Chr. einen
entscheidenden Schritt gethan hat. Die Aufnahme des Hohln)afses
mit seinen griechischen Bezeichnungen cyalhus hemina modtus am-
phora und die bis 4 V2 Centihter durchgeführte Theihing lehrt uns
dafs das Oel in den Haushalt des Kleinbürgers eingezogen sei. In
anderem Zusammenhang ward bereits ausgeführt, dafs der Oelbaum
zur Verdrängung der Viehzucht wesentlich beigetragen hat (I 441).
Mit der entwickelten Arbeitstheilung hörte das Vieh auf einen pas-
senden Tauschwert im Verkehr abzugeben und wurde durch Metalle
ersetzt. Der Uebergang jedoch von der reinen Bodenwirtschaft zur
Geldwirtschaft hat sich in langen Zeiträumen vollzogen. Der An-
stofs kommt von Aufsen. In den Culturstaaten des Orients war
schon seit etwa 2000 v. Chr. die Rangstufe der Metalle nach der
Seltenheit oder Häufigkeit ihres Vorkommens bestimmt worden:
Gold Mischgold Silber Kupfer Eisen Blei folgen der Reihe nach
auf einander. Durch den Handel ist die Kunde verbreitet und die
Wertscala zur Anerkennung von Seiten der Barbaren gebracht wor-
den. Damit wurde der Verkehr von Volk zu Volk ungemein er-
leichtert. An sich ist das Metali eine Waare wie jede andere; aber
wenn es aller Orten gleich willig genommen wird, erlangt es die
Bedeutung eines allgemeinen Tauschmittels, oder wie wir zu sagen
pflegen von Geld. Die verschiedene Wertung der Metalle, nament-
lich die Kostbarkeit von Gold und Silber, verglichen mit Kupfer
Eisen oder Blei, veranlafst mit Notwendigkeit ein festes Gewichts-
system. Die Theilung wechselt in den einzelnen Staaten, durch die
verwirrende Menge von Theilgröfsen jedoch scheinen die ursprüng-
lichen in Aegypten festgestellten INormen, das Deben 91 gr und
Ket 9,1 gr, hindurch. Vermittelst der Wage hat der Grofshandel
mit dieser Schwierigkeit leicht fertig werden können. Das Preis-
verhältnifs der Metalle dagegen zu einander regelte sich nach An-
gebot und Nachfrage. Anders innerhalb der Staatsgrenzen. Wenn
der Staat dem Bedürfnifs seiner Bürger gehorchend sich entschliefst
anstatt des Viehs ein bequemeres gesetzliches Zahlungsmittel einzu-
führen, so mufs dies ein einziges Metall sein nach dem die übrigen
sich richten. Zwar wird der Versuch gemacht zwei nach einem
gesetzhch bestimmten Verhältnifs gleichberechtigt neben einander
70 Einleitung.
zu verwenden, jedoch ist die Doppelwährung auf die Dauer nicht
aufrecht zu hallen. Ueherblickt man die Gesammtenlwickelung die
das Geldwesen Italiens durchmessen hat, so stellt sie nach einander
einen Fortschritt dar von Vieh zu Gewichtskupfer (aes rüde), Kupfer-
münze {aes signatnm), Silber- und Kupferwährung, reiner Silber-
währung, gemischler Gold- und Silberwährung, reiner Goldwährung.
Die einzelnen Theile des Landes aber haben als das Licht geschicht-
licher Ueberlieferung auf sie fällt, von dem weilen Wege der zwi-
schen Natural- und Geldwirtschaft in der Mitte liegt, gar ungleiche
Strecken bewältigt. Den klimatischen und Culturzonen (I 380) ent-
sprechend lassen sich drei Hauptabschnitte unterscheiden.!)
Der Norden weist keine einzige Münzstätte auf, höchstens hat
man hie und da in roher Weise fremde Münzen nachgeahmt. W^enn
aber Handelsplätze wie Patavium und Genua sich nicht zu eigener
Prägung aufgeschwungen haben, so kann der Grund nur in dem
mangelnden Bedürfnifs gefunden werden. In Heerden und Gold
legte der Kelle sein Vermögen an (S. 12). Das gleifsende Metall
entnahm er den Alpen (I 167). Die Ausbeute war so ansehnlich,
dafs die Römer nach der Eroberung des Polands 217 v. Chr. vorüber-
gehend zur Goldprägung geschritten sind. Freilich nimmt solche
erst einen grofsen Umfang an, nachdem Caesar die vom Rhein und
anderen Flüssen abgelagerten ungleich reicheren Schätze des Nordens
eröffnet halte. Immerhin hat die Ausbeute der Südalpen dem ita-
lischen Grofsverkehr seit früher Zeit sich des Goldes zu bedienen
ermöglicht. Um 1000 Pfund Gold räumten die Gallier 389 v. Chr.
das eroberte Rom : der Bericht über den Loskauf zeigt ihre Ver-
trautheit mit der Wage. Der Kleinverkehr hat sich mit elruskischem
Kupfer und fremden Münzen behelfen müssen. Aehnlich wie seit
Augustus der römische Denar bei den Germanen, war während der
Republik die Drachme von Massalia im Umlauf am Po. Wie hoch
der Wert des Geldes, wie niedrig der Wert der Bodenerzeugnisse
hier um die Mitte des 2. Jahrhunderts v. Chr. stand, haben wir
oben (S. 56) gesehen.
1) Mommsen, Geschichte des römischen Münzwesens, Berlin 1860. Head,
Historia numorum, a manual of Greeit numismalics , Oxford 1887. Saaibon,
Recherchcs sur les monnaies de la presqu'ile ilalique depuis leur origine
jusqu' ä la bataille d'Aclium, Naples 1S70. Garrucci, Le monete dell' Italia
anlica, Ronna 1885: dazu Dressel in Sallet's Zeitschrift XIV und Beschreibung
der antiken Münzen der Kön. Museen III 1, Berlin 1894.
§ 7. Mafs und Münze. 71
Der zweite Abschnitt umfafst die nördliche Hälfte der Halbinsel,
allwo die Kupferwähning mit überraschender Zähigkeit sich lange
dem Silber gegenüber behauptete. Zwar schlägt der römische Staat
seit 269 v. Chr. Silber und drückt das Kupfer immer mehr zur
Scheidemünze herab. Trotzdem ist es bis ungefähr 180 herrschen-
des Courant in diesem Theil Italiens geblieben : solches lehren die
Angaben der Annalen über die aus dem Verkauf der Beute erlösten
Summen und die beim Triumph den Soldaten gemachten Geschenke;
eine monumentale Hestätigung liefern die vergrabenen und durch
Zufall aufgefundenen Schätze, die in älterer Zeit bis zum Bundes-
genosseukrieg fast ohne Ausnahme aus Kupfergeld bestehen. Seinen
Reichtum an diesem Metall verdankte Italien vor allem den etruri-
schen Gruben, Aber die Forderung wird durch den Wettbewerb
der Provinzen erstickt, nach einer Mittheilung des Polybios bezog
der Staat aus den Silberbergwerken bei Neu Karthago eine tägliche
Pacht von 100 000 Sesterzen (21750 M). Italien selbst weist ein-
zelne nicht sehr ergiebige Silberadern auf, die Fremde hat ihm die
Mittel gewährt sein heimisches Geld mit einem handlicheren zu
vertauschen: zum letzten Mal erhalten die Soldaten 179 v. Chr.
beim Triumph ihren Antheil in Kupfer ausgezahlt. — Einstens hatte
die Kupferwährung sich über die ganze Halbinsel nebst Sicilien
erstreckt. Ihr Ursprung reicht in die Epoche hinauf als die Phoe-
nizier in den westlichen Gewässern geboten. Deshalb liegt ihr von
Hause aus phoenizisches Gewicht, das Pfund von 273 gr zu Grunde,
davon geht auch die älteste Silberprägung der chalkidischen Städte
aus. Aber mit dem Aufschwung der Hellenen im 6. Jahrhundert
beginnt der ^Yetlbewerb der euboeischen Mine und des Pfundes von
327 gr. Das Ttevtcöyyuov, eine sachlich wie sprachlich fremdartige
Erscheinung, schlägt zwischen alter und neuer Rechnung im Klein-
handel die Brücke. Bei der Erörterung der zwischen Sikelern und
Laliuern obwaltenden Sprachverwandtschaft ist die Frage offen ge-
lassen worden, ob die Kupferwährung auf der Insel oder auf dem
Festland entstanden, in dieser oder jener Richtung übertragen sei
(I 549). Da das Gewicht und dessen Theilung dem semitischen
Culturkreis entstammt, läfst sich auch jetzt keine bündige Antwort
auf die Frage geben. Sicher dagegen ist, dafs unter den festlän-
dischen Städten die latinischen nicht den Anspruch erheben dürfen
die Währung zuerst eingeführt zu haben. Rom hält am Alten fest,
sperrt sich gegen alle Neuerungen auf diesem Gebiet ebenso hart-
72 Einleitung.
nackig wie Karthago. Unter der Regierung der Tarquinier hatte
es das Pfund von 327 gr angenommen, 454 heslinimt ein Gesetz
die Bufsen nach Rindern und Schafen, so geschieht auch 430, ob-
wol mittlerweile das Land recht von 450 Kupfer als Geld anstatt des
Viehs nennt. Endlich geht Rom 344 zur Münze über, indem das
Metall in Formen gegossen, mit Marken, Gewichtszeichen und Auf-
schrüten versehen wird. Die Einheit, der As wiegt anfanglich 12
Unzen 327 gr, sinkt mit der Einführung der Hohlmafse (S. 69) auf
10, 269 bei der Silherprägung auf 2, schUefslich 217 auf 1 Unze
27,3 gr und darunter. Man liest in den Annalen, dafs bei der
Kriegserklärung an Veji 406 einige Adliche ihre Steuern in den
Staatsschatz zu Wagen befördern liefsen. In der That konnte eine
Summe von 1000 As (etwa 400 Mark) kaum anders fortgeschafft
werden. Da als Wertverhältnifs beider Metalle 269 1:120, 217
1:112 angenommen wurde, so bedeutete die Silbermünze eine ge-
waltige Entlastung des Binnenhandels. Ein Blick auf die Pfundas
mit ihren Vielfachen, die bis 1,8 ja 2,4 kgr wiegen, gelegentlich
auch während des Umlaufs halbirt worden sind, überzeugt den Be-
schauer, dafs jenem alten Kupfergeld eine grofse Kaufkraft inne-
wohnte. In Rom wurde bei den auf Vieh lautenden Bufsen das
Schaf zu 10 As (etwa 4 M), das Rind zu 100 angesetzt; im Inneren
hat vermutlich der Preis der Bodenerzeugnisse sich lange auf dem
niedrigen Stand gehalten der für Oberitalien bezeugt wird (S. 56).
Was die Verdrängung des Kupfers durch Silber betrifft, so schliefsen
die für Rom überlieferten Daten keineswegs die hinnenländischen
Münzstätten ohne Weiteres ein. Wie diese vielfach anderes Ge-
wicht brauchen, so mögen sie nach den in der Hauptstadt erfolgten
Hei absetzungen noch Jahrzehnte lang fortgefahren haben ihre schwe-
ren As zu giefsen. Die eigentliche Hochburg dieses rückständigen
Tauschmittels ist der Appennin von der gallischen bis zur lucani-
schen Grenze, das Gebiet wo die Viehzucht vorherrscht. Eine Auf-
zählung der bekannten Münzstätten wird dienhch sein um über die
Cultur der einzelnen Landschaften Licht zu verbreiten. Erschöpfend
ist sie nicht, weil mehrere Münzreihen sich nicht ohne Willkür
einer bestimmten Stadt zuweisen lassen.
Gallische Mark: Ariminum, 268 lalinische Colonie, Schwerkupfer
nach einem Pfund von 400 gr oder mehr, dann
Kleinkupfer mit lateinischer Aufschrift.
Mafs und Münze.
73
Umbrien : Iguvium Schwerkupfer mit umbrischem Stadlnameo,
As etwa 200 gr.
Tuder Schwerkupfer mit umbrischem Stadtnameo,
As io vielen Abstufungen von 400 bis 40 gr sin-
kend, geprägtes Kleinkupfer.
Picenum: Ancoiia geprägtes Rleinkupfer mit griechischem
Stadtnamen.
5. Firmum, 264 lalinische Colonie, Schwerkupfer nach
einem Pfund von 400 gr mit lateinischem Stadt-
namen.
Praetuttier: Hairia, 289 latinische Colonie, Schwerkupfer nach
einem Pfund von 5 — 600 gr mit lateinischem Sladl-
namen.
Vestiner: Schwerkupfer nach einem Pfund von 4 — 500 gr
mit lateinischem Volksnamen.
Apulien : Lnceria, 314 latinische Colonie, Schwerkupfernach
einem Pfund von 350 gr und weniger, dann ge-
prägtes Kleinkupfer mit lateinischem Stadtnameo.
Venusia, 291 latinische Colonie, Schwerkupfer nach
romischem Gewicht, dann geprägtes Kleinkupfer mit
lateinischem Stadtnamen.
Etrurien:') Die Prägung von Gold und Silber ist ursprünglich
einseitig und reicht ins 6. Jahrhundert hinauf. Sie
legt Anfangs das phoenizische Pfund zu Grunde,
vertauscht es aber bald mit der halben euboeischen
Mine. Die Münzstätten sind nur theilweise bekannt.
10. Volaterrae prägt anscheinend in ältester Zeit Gold,
giefst später Kupfer nach einem abgeminderten Pfund
von 218 gr mit etruskischem Stadtnamen.
Popidonia prägt Silber und Kleinkupfer mit etrus-
kischem Stadtnamen.
Velulonia prägt Kleinkupfer mit etruskischem Stadt-
namen.
Telamon prägt Kleinkupfer mit etruskischem Stadt-
namen.
Cosa, 273 latinische Colonie, prägt Kleinkupfer mit
lateinischem Stadtnamen.
1) W. Deecke, Etruskische Forschungen II, das Münzwesen, Stuttgart 1876.
74 Einleitung.
15. Clushim mit älterem Namen Camars wovon die An-
fangsbuclistahen aui' Scli\\erkui)rer erscheinen.
Peilhesa prägt Kleinkiipfer mit etruskischem Stadt-
iiamen der weder anderweitig vorkommt noch ürt-
hch bestimmt ist.
Volsinü schlägt Gold mit etruskischem Stadtnamen
vor 265.
Lalium: Coja schlägt Silber (und Kupfer?) mit lateinischem
Stadtnamen.
Signia, 495 lalinische Colonie, schlägt Silber mit
laleinischem Stadtnamen.
Aequer: 20. Alba, 303 lalinische Colonie, schlägt Silber mit la-
leinischem Stadtnamen.
Volsker: Aquinnm prägt Kleinkupfer mit lateinischem Stadt-
namen.
Aurunker: Snessa, 313 latinische Colonie, prägt Silber und
Kupfer mit laleinischem Stadtnamen.
Falernergau 1) : Schwerkupfer seit 340 wo der Gau von römischen
Bürgern besiedelt wurde, in 6 verschiedenen Reihen
mit einem Pfund von 327 gr das auf 273 gr und
tiefer sinkt.
Yelecha Schwer- und Kleinkupfer mit dem Namen
einer unbekannten Stadt in griechischer Schrift.
Der dritte Hauptabschnitt umfafst den Süden der Halbinsel nebst
Sicilien. Hier ist die Kupfer- der Silberwähruug ein paar Jahr-
hunderle früher erlegen. Schvverkupfer fehlt: das schwerste erhal-
tene Stück, eine Lilra von Lipara wiegt 108 gr ein Viertel euboeische
Mine. Im Uebrigen verläuft der Hergang ähnlich wie in Rom. In-
dem das Silberstück gleich so und so viel Pfund Kupfer gesetzt
wird, bleibt die alte Währung rechnuugsmäfsig erhallen, aber that-
sächlich tritt das Silber an ihre Stelle und drückt das ältere Metall
zur Scheidemünze herab. Solches wird schrittweise erreicht und des-
halb kommt Kupfer in den früheren Prägungen überhaupt nicht vor.
Campanien : 25. Cumae von etwa 500 bis 420 Silber und vereinzelt
Gold mit griechischem Stadtnamen.
Fistlus der oskische Sladtname (auch wol griechisch
1) J. Friedländer, Nnmism. Zeitsclir. I 257, Wien 1870, weist die canipa-
nisclie Herkunft tiacii: die im Text gegebene Einschränkung ist historisch ge-
boten.
Mafs und Münze.
75
Sidiciner:
Samnium:
Phislelia) des späteren Puteoli i) prägt Silber bis 216.
Neapolis mit griechischem Stadtoamen prägt seit 440
Silber, seit 300 auch Kleiokupfer, beides in Masse.
Hyria älterer Name für Nola, jener steht nur auf
Silber, dieser auch aul Kupfer, beide in griechischer
Schrift.
Nuceria Alfalerna in oskischer Schrift, münzt Silber
und Kupfer.
30. Fensernia in oskischer Schrift, unbekannter Lage
(= Veaeris?) münzt Silber.
Irnthie unsicherer Lesung und Lage, prägt Klein-
kupfer.
Atella mit oskischem Stadinamen, münzt römisches
Kleinkupfer bis 210.
Calatia mit oskischem Stadinamen, münzt römisches
Kleinkupfer bis 210.
Capua prägt Silber mit oskischem Stadtnamen, seit
338 Silber Gold und Mischgold mit der Aufschrift
Roma Rotnanom, während das Kleinkupfer meist den
oskischeu Stadtnamen bewahrt. Die Prägung er-
lischt 211.
35. Cales, 334 lalinische Colonie, prägt Silber und Klein-
kupfer mit lateinischem Stadtnamen.
Teanum prägt Silber und Kupfer, die oskische Auf-
schrift giebt anfänglich Volks- und Stadtnamen,
dann letzteren allein, so auch die lateinische auf
Kupfer.
Caiatia prägt Kupfer mit oskischer und lateinischer
Aufschrift.
Telesia prägt Kupfer mit oskischer Aufschrift.
Cubnlteria prägt Kupfer mit oskischer Aufschrift.
40. Allifae prägt Silber im 4. Jahrhundert mit theils
griechischem theils oskischem Stadtnamen.
Aesernia, 263 lalinische Colonie, prägt Kupfer, die
Aufschrift ist lateinisch mit oskischen Anklängen.
Aquilonia prägt Kupfer mit oskischem Stadtnamen.
Beneventum, 268 latinische Colonie, prägt Kupfer
1) J. Fiiedländer, Die oskisclien Münzen, Leipzig 1850.
76
Einleituns
mit lateinischer, vor 268 griechischer und oskischer
Aufschrift.
Freotaner: Frentrum (Anxanum) prägt Kupfer mit oskischer
Aufschrift.
45. Larinum prägt Kupfer mit lateinischem Stadtnamen.
Lucanien: Die Volksgemeinde prägt zwischen 320 und 210
Silber und Kupfer mit griechischer Aufschrift.
Posidonia von etwa 500 reiche Silberprägung, seit
273 latinische Colonie Paestum Anfangs noch Silber,
bald auf Kupfer beschränkt das noch unter Tiberius
gemünzt wird. Die Aufschrift erst spät lateinisch.
Hyele (Velia) von etwa 530 reiche Silber-, seit 350
auch Kupferprägung mit griechischem Stadtnamen.
Pyxus münzt Silber um 500.
50. Laos münzt Silber im 6. und 5. Jahrhundert, Kup-
fer seit 390 mit griechischem Stadtnamen.
Syharis reiche Silberprägung im 6. Jahrhundert,
wieder vorübergehend um 450. Hierauf entfaltet
die Nachfolgerin Thurii eine entsprechende Thätig-
keit 443 — 282 in Silber und Kupfer, endlich schlägt
Copia, 193 latinische Colonie, Kupfer mit lateini-
schem Stadtnamen.
Siris münzt Silber um 500.
Heradea prägt seit 432 Silber, vereinzelt Gold, nach
330 auch Kupfer mit griechischem Stadtnamen.
Metapontum reiche Silberprägung 550 — 300, seit
350 auch Kupfer mit griechischem Stadtnamen.
Bruttium: 55. Die Volksgemeinde münzt im 3. Jahrhundert Gold
Silber und Kupfer mit griechischer Aufschrift.
Nuceria prägt Kupfer mit griechischem Stadtnamen.
Temese münzt Silber um 500.
Terina prägt 480 — 380 Silber, dann ein Jahrhun-
dert lang Kupfer mit grieehischem Stadtnamen.
Vibo (Hipponmm) prägt Kupfer seit 356 mit oski-
scher oder griechischer Aufschrift, seit 192 latini-
sche Colonie Valentia auf romischen Fufs mit latei-
nischem Stadtnamen.
60. Mesma prägt Kupfer um 340 mit griechischem
Stadtnamen.
§ 7. Mafs und Münze.
77
Reghm münzt Silber 530—200, Kupfer 400—89
mit griechischem Stadtnaraen.
Locri münzt Silber und Kupfer seit 344 mit grie-
chischem Stadtnamen.
Caulonia reichhaltige Silberprägung 550 — 388 mit
griechischem Stadtnamen.
Mysiiae und Hyporon münzen um 300 Kupfer.
65. Croton 550 — 300 sehr reiche Silber-, seit 440 auch
Kupferpräguug mit griechischem Stadtnamen.
Petelia münzt Kupfer 280 — 89 mit griechischem
Stadtnamen.
Pandosia prägt 450 — 400 Silber und Kupfer mit
griechischem Stadtnamen.
Consentia prägt 400 — 330 Kupfer mit griechischem
Stadtnamen.
Calabrien: Tmentum 530 — 212 reichste Münzstätte Italiens
in Gold Silber Kupfer mit griechischem Stadtnamen.
70. Aletinm münzt Silber um 350 mit messapischer
Aufschrift.
Uzentum münzt römisches Kleinkupfer mit messa-
pischer Aufschrift.
Brnndisium, 244 latinische Colonie, münzt 244 — 89
römisches Kleinkupfer mit lateinischem Stadtnamen.
Graxa unbekannter Lage münzt römisches Kupfer
mit griechischem Stadinamen.
Stulnium"? unbekannter Lage münzt römisches Kup-
fer mit griechischer Aufschrift.
75. Orra (Uria) münzt römisches Kupfer mit messapi-
schem Stadinamen.
Äzetium münzt im 3. Jahrhundert Kupfer mit grie-
chischem Stadtnamen.
Grumum münzt um 300 Kupfer mit griechischem
Stadtnamen.
Butonti münzt um 300 Kupfer mit griechischem
Stadtnamen.
Apuliea: Neapolis münzt um 300 Kupfer mit griechischem
Stadtnamen.
80. Caelia prägt 300—269 Silber, 269—200 Kupfer
mit griechischem Stadtnamen.
78 Einleitung.
Barium prägt um 200 römisches Kleinkiipfer mit
griechischem Stadtnamen.
Rnhi prägt um 300 Silber, bis 200 Kupfer mit
griechischem Stacitnamen.
Canusium prägt um 300 Silber, bis 200 Kupfer
mit griechischem Stadtnamen.
Salapia prägt 250—210 Kupfer mit griechischem
Stadtnamen.
85. Ausculum prägt vor und nach 300 Kupfer mit os-
kischem Stadtnamen.
Herdom'ae prägt vor 210 Kupfer mit griechischem
Stadtnamen.
Arpi prägt von 300—213 Silber und Kupfer mit
griechischem Stadtnamen.
Teate prägt vor 300 Silber bis 210, und Kupfer
noch nach 217 mit oskischem Stadtnamen.
Hyrium prägt nach 250 Kupfer mit griechischem
Stadinamen.
90. Matinum? prägt römisches Kupfer vor 217.
Die vorstehende Liste führt 90 Münzstätten auf: die namen-
losen eingerechnet, wird das Hundert erreicht oder gar überschritten.
Ihre Bedeutung im Einzelnen ist sehr ungleich. Nahezu die Hälfte
beschränkt sich auf Kleinkupfer, also auf die engen Grenzen eines
Stadtgebiets und veranschauUeht, wie im Laufe des 4. und 3. Jahr-
hunderts das Geld für den inneren Verkehr der südUchen Land-
schaften allgemeines Bedürfnifs geworden ist. Die Prägung der
Edelmetalle reicht weiter zurück. Sie wird ungefähr gleichzeitig in
der letzten Hälfte des 6. Jahrhunderts von 12 hellenischen und 3
etruskischen Städten aufgenommen; im nächsten Jahrhundert kommen
4 hellenische hinzu. Um den Handel zu erleichtern und die gegen-
seitige Annahme ihrer Münzen zu verbürgen, treten die Städte zu
gröfseren Vereinigungen zusammen die sich gleicher Gewichtsnormeo
bedienen. Derartige Münzconventionen haben im Norden für Etru-
rien, im Süden für Grofsgriechenland gegolten. Immerhin beginnt
die gröfsere Verbreitung des Geldwesens erst mit dem Niedergang
der hellenischen und dem Aufschwung der oskischen Nation. Wie
Pilze nach einem warmen Regen aus dem Boden schiefsen einhei-
mische Prägstätten hervor und erfüllen die Landschaften bis in die
Nähe des alten Latium. Man könnte meinen dafs Rom sich 344
§ 7. Mafs und Münze. 79
zur AusmUnzuDg seines Seh werkiip fers verstanden habe, weil es von
der nämhchen Strömung ergriffen ward. In Wirklichkeit sucht es
durch diese Mafsregel sich ihrer zu erwehren. Wenn die Colonisten
von Venusia und Luceria ihre Pfundas, die Bauern im Falernergau
ihre mehrpfündigen Barren gössen, während bei den Nachbarn im
Umkreise handHche Tauschmittel umliefen, so hat die Einrichtung
ähnhch wirken müssen wie das Eisengeld in Sparta. Die römische
Regierung sicherte ihren Schutzbefohlenen den inneren Markt durch
die Verschiedenheit der Währung, erschwerte Verkehr und Gemein-
schaft mit den Umwohnern nach besten Kräften. Capua war unter
Fortdauer seiner Gemeindeverfassung in den römischen Bürgerver-
band eingetreten. Es prägte Gold und Silber. Da hierin nach der
Anschauung des Altertums ein Oberhoheitsrecht zum Ausdruck ge-
langt, so trugen die Stücke folgerichtig den römischen Stempel.
Aber als nun Rom 269 nach der Unterwerfung des Südens notge-
drungen Silbermünzen schlug, folgte es nicht etwa dem campani-
schen oder tarentinischen Fufs. Beileibe nicht: der leitende Grund-
satz seiner Münzpolitik kommt immer und unter allen Umständen
darauf hinaus, dafs Rom nur dem eigenen Gelde gesetzliche Gültig-
keit zuerkennt, das Geld seiner Verbündeten dagegen als Waare
behandelt und nach Belieben einschätzt. Was die Edelmetalle be-
trifft, hatten die etruskischen und die meisten griechischen Prägstätten
ihre Thätigkeit schon vor dem Ausbruch der punischen Kriege
eingestellt. 3Iit der Niederlage Hannibals schieden Tarent Capua
Phistelia Arpi der brettische und lucanische Bund aus. Um die
übrig gebliebenen Schmelzöfen auszublasen bedurfte es keiner Ge-
walt oder Drohung: im Zeitalter der makedonischen Kriege mufste
jeder halbwegs zurechnungsfähige Stadtrat sich sagen, dafs auch der
bescheidenste Wettbewerb mit der Herrin der spanischen Silber-
gruben unthunlich wäre. Einige wenige prägten noch kupferne
Scheidemünze für den eigenen Gebrauch, und Paestum hat damit,
einer unerklärten Laune des Schicksals gemäfs, bis in die Anfänge
unserer Zeitrechnung fortgefahren. Wie völlig aber das Land vom
römischen Gelde unterjocht wurde, zeigt das Verhalten der Bundesge-
nossen bei der Erhebung von 91: ihre Denare unterscheiden sich
von denen des Feindes ledighch durch die Aufschrift, manchmal
auch das Gepräge. Italien wurde mit dem Erwerb der Weltherr-
schaft durch die Macht der Thatsachen zu einer Münzeinheit um-
80 Einleitiingr-
gebildet ; die Ausdehnung des Bürgerrechts an den Po und die
Alpen verlieh dieser Entwicklung ihren gesetzlichen Abschlufs.
§ 8. Die Volkswirtschaft.
In einer 1893 erschienenen und zum Gebrauch der Volks-
schule bestimmten Landeskunde wird der Stoff in drei Abschnitte
getheilt: der erste giebt unter dem Titel lialia hella die Beschrei-
bung, der zweite handelt von den Bodenerzeugnissen und ist über-
schrieben Italia ricca, der letzte enthält einen geschichtlichen Abrifs,
Italia gloriosaA) Die Vorstellung von dem natürlichen Beichtum
Italiens stammt aus dem Altertum. Sie ward ins Leben gerufen
durch die Erfolge der hellenischen Colonien (I 59 fg.)^ von Sophokles
und Herodot verkündet, nährte jene überspannte Politik die für
Athen und Hellas ebenso verhängnifsvoll ausfiel wie die Römerzüge
unserer Kaiser für Deutschland. Sodann wurde zunächst durch
Alexander den Grofsen die Aufmerksamkeit der gebildeten Welt auf
lange hinaus vom Westen abgelenkt (I 11). Erst nachdem die Herr-
schaft ihren Sitz am Tiber aufgeschlagen hatte, wurde das verblafste
Bild aus der Erinnerung hervor geholt und neu aufgefrischt. Poly-
bios spannt den Rahmen weiter, schliefst die Ebene am Fufs der
Alpen ein. Die grofsen Flüfse und Wälder, der Segen an Wein
und Korn, die kräftigen kampfesfrohen Männer, die Weisheit der
Staatsleitung — das sind die Farben die er mischt. Dem Meister
eifern die Schüler nach. Sie entlehnen nicht blos: wenn die Ge-
lehrten des Ostens in diesem grünen waldfrischen von Behagen
strotzenden Lande weilten, so flöfste der unwillkürliche Vergleich
mit der eigenen dürren abgewirtschafteten Heimat ihren Schilde-
rungen die überzeugende Sprache der Wahrheit ein. Aber der
wirksamste Zug ist dem Preise Italiens von dessen Sühnen einge-
fügt worden, und nicht im Gegensatz zum Orient sondern zum
unholden INorden. Wer unter dem trüben Himmel Germaniens
acht Jahre lang ein Reiterregiment befehligt, die friesischen Moore
und die Watten der Nordsee kennen gelernt hatte, wie der alte
PUnius, konnte füglich nicht umhin sein Vaterland für das schönste
und beste auf Erden zu erklären. Die Gründe, welche Varro Ver-
gil Phnius zum Beweise ihrer Ansicht vorbringen (I 372), mögen
1) Angelo De Gubernatis, La patria nostra, Roma 1893.
§ 8. Die Volkswirtschaft. 31
UDS an der Wende eines grofsen Jahrhunderts zum Lächeln nötigen,
sie sind ehrlich gemeint und haben bei den Nachfahren aufrichtigen
Glauben gefunden. In all den langen Zeiten der Unterdrückung
und Knechtschaft bot die Vergangenheit den festen Anker dar, au
dem die Hoffnungen auf eine bessere Zukunft emporrankten. Das
ganze Unheil der Gegenwart, die schweren Schäden die das Land
offensichtlich zur Schau trug, wurden den Barbaren und ihrem
Helfersheller, dem Papsttum Schuld gegeben. i) Die Sonne der Frei-
heit ist endlich über dem Appennin aufgestiegen, aber ihre Strahlen
haben statt zu heilen die Krankheil in das grelle Licht des Tages
gerückt. Keine Rhetorik vermag die Thatsache zu entkräl'ten dafs
die Hälfte des italischen Bodens unbebaut oder unbebaubar ist, dafs
das arbeitende Volk trotz Fleifs und Geschick, Geduld und Mäfsig-
keit buchstäbhch am Hungertuch nagt. Durch die Entfesselung der
Wildwässer (I 294) die Ausbreitung der Malaria (I 416) die greu-
liche Waldverwüstung (i 435) hat Italien an seiner natürlichen Aus-
stattung unermefsliclien Schaden genommen. Die Tribute der unter-
worfenen Nationen, die Ablafsgelder der Christenheit, aus denen
Colosseum und Peterskirche aufgethürmt wurden, fliefsen nicht mehr.
Wenn die Barbaren als Touristen mit einem Betrage steuern der
den Wert der Gelernte übertrifft, so bringen sie durch ihre Capi-
talmacht die erlittene Einbufse mit Zins und Zinseszinsen heim.
Die Rollen sind vertauscht: in den Provinzen deren ganzen Geld-
verkehr die Römer an sich gerissen hatten, suchen jetzt die Enkel
durch harte Handarbeit ihr Brot zu verdienen. Der Traum ist
verflogen dafs die Freiheit mit einem Zauberschlag das goldene Zeit-
alter des Saturn zurückführen würde. Indem das Auge der Wirk-
lichkeil ins Antlitz schaut, wird es zugleich geschärft um die bunte
Hülle der Dichtung zu durchdringen, die Nord und Süd mit einander
welleifernd um die Geschichte jenes Zeitalters gewoben haben.
1) In den Clemens VII. gewidmeten Istorie Fiorentine schreibt Machiavelli
bei Gelegenheit des päpstlichen Hiiifsgesuchs an die Franken 752: dimodoche
tutte le guerre che dopo questi tempi furono da' barbari falle in Italia, furono in
maggior parte dai Pontefici causate, e tutti i barbari che quella inondarono,
furono il piü delle volle da quelli chiamati. II quai modo di procedere dura
ancora in questi nostri tempi, il che ha tenuto e liene Tllalia disunita ed in-
ferma. Ein Jahrhundert später schliefst Cluver p. 37 von seiner Bewnndernng
Italiens den Süden mit der Erklärung aus: sed Neapolitanum regnum non
tarn civilia bella jtosterioribut hisce saeculis quam varia exterorum imperia
divexarunt.
Nissen, Ital. Landesktmde. II. 6
82 Einleitung.
Die wirtschaftliche Entwicklung Italiens ist von der Viehzucht
ausgegangen und trägt in Sprache und Recht diesen Ursprung an
der Stirn. 1) Das private Eigentum wird durch familia pecuniaque
d. h. Sklaven und Vieh ausgedrückt, der Eigenlumserwerb durch
mancipium d. h. HandgrilT, das Machtverhältnifs in dem der Herr
zu seinem Eigentum steht, durch potestas manus mancipium. Alle
diese Ausdrücke sind auf bewegliche Dinge, zunächst auf lebende
Wesen gemünzt, werden nur künstlich auf unbewegliche Dinge über-
tragen. Die Natur weist den Viehzüchter auf ein Wanderleben hin :
er zieht im Sommer zu Berg, im Winter zu Thal, je nachdem die
Flur den Heerden Nahrung beut. Wol nimmt der einzelne Gau,
das einzelne Geschlecht bestimmte Weidegründe für sich in An-
spruch, und so schwankend auch die Grenzen sein mögen, werden
die Ansprüche von den Nachbarn anerkannt. Aber das Nutzungs-
recht steht allen Genossen zu, ein Sondereigentum an Grund und
Boden ist auf dieser Stufe der Entwicklung ausgeschlossen. Die
Ueberlieferung läfst das Sondereigentum an Grund und Boden zu-
gleich mit der Einführung des Ackerbaus und der Schöpfung des
Staats entstehen. Ein Göttersohn, Italus Romulus Caeculus oder
wie er heifsen mag, sammelt Hirten und heimatlose Leute um sich,
gründet eine Stadt und theilt jedem Bürger 2 Morgen als Erbgut
zu. Die betreffenden Legenden sind nicht sehr alt und verlegen
bekannte geschichtliche Verhältnisse in die Vorzeit zurück. Indefs
kann nicht bezweifelt werden dafs der Ackerbau in Italien von Hause
aus auf Feldgemeinschaft beruhte. Die an die Colonisten ausge-
Iheilten Landlose reichen noch im 4. Jahrhundert für den Unterhalt
einer Famihe entfernt nicht aus (S. 26) und erlangen nicht vor
dem 2. das erforderliche Mafs (S. 28). Damit hängt zusammen dafs
der Staat wie die Gemeinde von den Römern als eine vermögens-
rechtliche Gemeinschaft aufgefafst wird, an der alle Bürger beiheiligt
sind. Die Auffassung ist immerdar festgehalten worden, obwol sie
zu verhängnisvollen Ergebnissen führte; denn nach ihr gehört der
Grund und Boden in den Provinzen dem römischen Volke und wird
den bisherigen Inhabern nur auf Widerruf gegen eine Abgabe zur
Benutzung überlassen: anderseits ist es ganz folgerichtig wenn der
Reinertrag aus diesen Landgütern des Volks (praedia populi Romani)
zu dessen Gunsten verwandt, sogar in der Form einer Staatsrente
1) Mommsen, Staatsrecht III 1,22.
§ 8. Die Volkswirtschaft. S3
an die Bürger ohne die mindeste Gegenleistung gezahlt wird. Wie
die Samtwirtschaft in der durch ihren riesenhaften Umfang beding-
ten Entartung von der römischen Gemeinde betrieben wurde, schil-
dert eine reichhaltige Ueberlieferung; für die Anfänge jedoch aus
denen sie hervorgegangen, die einfachen Verhältnisse auf die sie
berechnet war, versagen die Quellen völlig. Dagegen ist die Um-
wandlung der Allmende in Privatbesitz, die Verdrängung der ge-
meinsamen durch Einzelwirtschaft ohnehin verständlich. Wenn die
Legende keinen Staat ohne Ackerbau und Sondereigentum anerkennt,
so leiht sie dem durchaus zutreffenden Gedanken Worte dafs beides
untrennbar zusammen gehört: der Bauer geht mit dem Boden den
er urbar gemacht, mit dem Garten den er bepflanzt hat, einen in-
nigen Bund ein. Deshalb wird die zunehmende Verbreitung des
Ackerbaus und namentlich der Baumzucht die Feldgemeinschaft
immer mehr einschränken und verdrangen ; dazu kommt das Ueber-
gewicht des Adels. Vor dem Gesetz sind alle Römer gleich. Dies
hindert nicht dafs bei Coloniegründungen der Centurio und Reiter ein
doppelt und dreimal so grofses Ackerlos erhält wie der gemeine
Soldat (S. 28). Als das claudische Geschlecht 504 in den Staats-
verband aufgenommen ward, erhielt jeder Gentile 2, der Führer
Appius 25 Morgen angewiesen. i) Die aristokratische Gliederung
der Gesellschaft, die bei den Römern stärker ausgebildet ist als bei
anderen Völkern, wurzelt in der Vorzeit. Nach der Legende setzt
Romulus den Rat der Aeltesten ein, der für alle Zukunft als Träger
der Regierungsgewalt galt. In Wirklichkeit ruht die italische wie
die griechische Verfassung auf dem Geschlecht: von den 17 Tribus,
welche die römische Feldmark zu Anfang der Republik umfafste,
sind 16 nach Geschlechtern benannt. Man kann den Vorstehern
dieser Geschlechtsdörfer oder Gaufürsten eine ähnhche Stellung zu-
schreiben, wie die Könige bei Homer und Hesiod oder die Häupt-
linge keltischer Clans einnehmen. Sie überragen die Genossen
weitaus an Besitz von Knechten und Heerden, ziehen aus der All-
mende ungleich gröfseren Nutzen als jene. Zahlenmäfsig läfst sich
das nicht belegen; aber der Grundrifs des S. 10 beschriebenen
Pfahldorfs aus der Provinz Parma klärt uns über die Ausdehnung
der Wohnfläche auf, die dem Fürsten innerhalb der Befestigung ein-
geräumt wird : sie umfafst ein Sechstel des ganzen Areals, volle 2 ha.
1) Plut. Publ. 21,6.
84 Einleitung.
während die Hülle eines gewöhnlichen Bürgers auf 20—30 Gm
beschränkt bleibt.
Im Lauf der Geschichte ist ItaHen aus einem Wald- ein Korn-
land (I 431), aus einem Korn- ein Wein- und Oelland geworden
(l 450). Damit geht ein Wechsel der politischen und wirtschaftlichen
Lebensformen Hand in Hand. Auf politischem Gebiet wird die Gau-
durch die Stadtveifassung verdrängt, auf wirtschaftlichem Gebiet
wird das Sondereigentum an Grund und Boden rücksichtslos durch-
geliihrt, so dafs es an Beweglichkeit der fahrenden Habe gleich-
küiniDt. üeber viele Jahrhunderte erstreckt sich diese Bewegung,
gelaugt hier früher dort später ans Ziel, im Norden erst unter Au-
gustus. Sie geht aus von der Küste. Die aufblühenden Städte üben
die nämliche Wirkung auf das umliegende Land aus, die unter ver-
änderter Weltlage seit den Staufern sich wiederholen sollte. Sie
ziehen mit Güte und Gewalt die Gaufürsten in den Bereich ihrer
Mauern, wandeln den Landadel in einen städtischen Patriciat um,
bilden den Typus der herrschenden Classe aus der dem Süden im
Gegensatz zum Norden eignet. Der Patricier ist nicht nur Grofs-
grundbesitzer sondern auch Grofskaufmann. Ein Volksbeschlufs von
219 untersagte ihm den Handel. i) Aber das Gesetz blieb ein todter
Buchslabe: das Institut der Clientel bot die bequemste Handhabe
um den äufseren Anstand zu wahren ohne den Gewinn zu ver-
schmähen; vor und nach jenem Gesetz hat der regierende Adel in
Geriebenheit und Härte mit dem gewerbsmäfsigen Wucherer gewett-
eifert. Zunächst wird der Bodenertrag durch die Städle bedeutend
gesteigert, Acker und Garten auf Kosten von Wald und Weide er-
weitert, durch neu eingebürgerte Culturen gehoben, endlich von
dem Bann der Feldgemeinschaft befreit. In Rom ist der Uebergang
der Allmende in PrivatbesiU unter den Tarquiniern weit gediehen.
Die dem Servius Tullius beigelegten Censussätze stammen freilich
aus der Zeit der punischen Kriege, und es wäre verlorene Mühe
erraten zu wollen wie sie vorher und anfänglich gelautet haben.
Aber die Eintheilung der Bürgerschaft nach dem Vermögen ist ohne
durchgeführte Privatwirtschaft undenkbar, und ein Erbgut von 2
Morgen genügte keinesfalls um dem Inhaber Stimmrecht in der ersten
1) Liv. XXI 63 ne quis Senator cuive Senator pater fuisset, maritimam
navem quae plus quam, trecentarum amphorarum esset [7,86 Tons] haberet. id
satis habitum ad fructus ex agris vectandos : quaestus omnis patribus indeco-
rus VISUS.
§ 8. Die Volkswirtschaft. 85
(blasse zu verleihen. Urkundlich tritt denn auch im Landrecht von
450 der Geist des crassesten Capitalismus verkörpert entgegen. —
Durch die ganze Geschichte der Repubhk zieht sich der Kampf
zwischen Adel und Volk hin, der weit mehr socialer als politischer
Natur ist. Als vornehmste Streitobjecle kehren die Schuldenlast und
das Gemeinland immer wieder. In älterer Zeit handelt es sich bei
der Verschuldung besonders um Waaren: noch unter den Kaisern
hören wir von einem Geschäft, wo der Bauer im Winter 10 Scheffel
Korn entleiht und nach der Ernte 15 zurück erstattet. Für Geld-
darlehen beschränkt das Landrecht der 12 Tafeln den Zinsfufs auf
10 Procent. Er ward 347 um die Hälfte ermäfsigt, stand 54 auf
4 Procent und stieg wieder auf das Doppelte. Ein fafslicher Durch-
schnitt läfst sich nicht angeben, aber unter allen Umständen ist der
Zins in der republikanischen Epoche hoch und wird wenn der Zahlungs-
termin verstreicht, zum Capital geschlagen, so dafs dieses in wenig
Jahren lawinenhaft anschwillt. Im ersten Jahrhundert nach Ver-
treibung der Könige haben die römischen Waffen oft ohne Glück
gefochten: es ist verständlich wie die Verwüstuügen des Krieges und
die schweren Steuern die er im Gefolge hatte, den Bauern in Schul-
den stürzen mufslen. Die Schulden trieben ihn von Haus und
Hof, beraubten ihn auch der Freiheit; denn die Schuldknechtschaft
alten Rechts ist erst 326 abgeschafft worden. So bescheiden auch
die Masse der Capitalien mit späteren Zeiten verglichen damals sein
mochte, darf man sie gleichwol nicht unterschätzen. Das Lösegeld
für die GalHer im Betrage von 1000 Pfund Gold ist 389 ohne
Mühe beschafft worden; gegen den Aulwand bei Leichenbegäng-
nissen mufste das Landrecht bereits 450 einschreiten. Zum Schutz
gegen den Patriciat hat die Bauerschaft 494 auf dem heiligen Berg
die Einsetzung der Volkstribunen erzwungen.
Die Verwaltung des Gemeindevermögens liegt dem Rat und der
Magistratur ob. In einem jüngeren Sladtrecht wird der Bewerber
um Duovirat und Quaestur, d. h. die beiden Aemter die mit der
Leitung der Gasse betraut waren, verpflichtet vor der Wahl Bürg-
schaft zu stellen und zu schwören dafs er sich nicht an öffentlichem
Gelde vergreifen werde. i) Anderswo wird statt der Bürgschaft die
nötige Sicherheit in dem Census gesucht an den der Eintritt in den
Stadtrat geknüpft ist: dieser beträgt für Comum 100000 Sesterzen,
1) Lex. Mal. c. 60. 57.
86 Einleitung.
für Rom 1 Million (218 000 Mark). Das Gemeindevermögen er-
reicht in der Regel eine solche Höhe, dafs mit den Einkünften der
laufende Haushalt bestritten werden kann. Dies gilt auch nach Auf-
iheilung der Allmende von Rom zur Zeit des Ständekampfes. Inner-
halb der servianischen Mauer gehört dazu der ganze vom Pomerium
ausgeschlossene Raum, also z. R. der Aventin bis 456 wo er an
die Plebs aufgetheilt ward, ferner die Liegenschaften am Capitol
deren Verkauf für die Rüstungen gegen Mithridrates 88 v. Chr.
einen Erlös von 9000 Pfund Gold (8 Millionen Mark) einbrachte.
Auch das Häusermeer der Kaiserstadt stand zum Theil auf öffent-
lichem Grunde und hatte demgemäfs Bodenzins an den Staat zu
entrichten. Aulserhalb der Mauer hat die Gemeinde seit Alters Weiden
Wälder Salinen und Ackerland besessen. Obgleich genauere An-
gaben fehlen, kann der Besitz nicht gering gewesen sein; denn 200
V. Chr. ist im Umkreis von 50 Millien Gemeinland genug verfüg-
bar um eine 10 Jahr zuvor aufgenommene Kriegsanleihe zu decken.
— Die endlosen agrarischen Streitigkeiten nun die sich von Sp.Cassius
bis Caesar hinziehen, sind alle auf dieselbe Melodie gestimmt. Die
Plebs fordert Antheil an dem Gemeinland in Gestalt von Ackerlosen
die ihr zum erblichen Eigentum überwiesen werden. Der Adel
sucht aus allen Kräften dies zu hintertreiben, zum Besten der Stadt-
casse und zum eigenen Besten. Nach der Eroberung eines feind-
lichen Gebiets pflegen beide Parteien ein Abkommen zu treffen.
Den VolkswUnschen willfahrt die Regierung einerseits durch Anlage
von Colonien. Zu den Gründungen latinischen Rechts können auch
römische Bürger herangezogen werden; aufser den Landlosen für
die Ansiedler wird das neue Gemeinwesen mit ausreichendem Grund-
besitz ausgestattet um selbständig wirtschaften zu können. Die Lose
in den Bürgercolonien sind in der älteren Zeit viel kleiner (S. 29),
aber die Colonisten nehmen in den von ihnen besetzten Städten den
Rang von Palriciern ein und ziehen aus dem Gemeindevermögen
einen Nutzen der die Beschränkung ihres Sonderguts aufwiegt. Immer-
hin ist der Plebejer keineswegs immer mit Begeisterung dem Rufe
gefolgt, der ihn in die Ferne auf einen gefährdeten Posten führte.
Beliebter war die Landanweisung die aufser Beziehung zu einer
Colouie stand; denn beim ager viritanus oder viritim assignalus
werden die Lose reichlicher bemessen und können leichter ver-
äufsert werden. Wie S. 29 bemerkt, ist die Hauptmasse der römi-
schen Empfänger auf diesem Wege bedacht worden. Bei aller Frei-
§ 8. Die Volkswirtschaft. 87
giebigkeit gegen den gemeinen Mann durfte das Ganze keinen
Schaden leiden : die Regierung hat unverbrüchlich an dem Grund-
salz fest gehalten dafs der Staat aus dem eroberten Lande ebenso
gut Gewinn zöge wie die Plebs. Selbst die Gracchen und Sulla
haben trotz aller Schroffheit ihres Vorgehens den Grundsatz aner-
kannt und aus Rücksicht auf den öffentlichen Haushalt die einträg-
liche campanische Domäne verschont. Erst Caesar vertheilte sie im
Hinblick auf die neu eröffneten Einkünfte aus den Provinzen. Seinen
Gewinnantheil verwertet der Staat auf verschiedene Weise: er ver-
kauft Land das damit in Privatbesitz übergeht, oder läfst es bei der
alle 5 Jahre wiederkehrenden Feststellung des Budgets durch die
Censoren verpachten, stellt es endlich zur vorläufigen Nutzniefsung
frei. — Das zuletzt erwähnte Verfahren hat den Anlafs zur Revolu-
tion der Gracchen gegeben, ist aber von Hanse aus ganz verständig
und berechtigt. INach der vorzüglichen Darlegung die Appian von
diesen Dingen bewahrt hat i), wurde das bebaute Land vertheilt
verkauft und verpachtet. Das unbebaute, das in Folge der Verwüs-
tungen des Krieges in Masse vorhanden war, bis auf Widerruf in
Besitz zu nehmen forderte eine öffentliche Bekanntmachung Lieb-
haber auf. Die Occupanlen hatten den Zehnten vom Korn, ein
Fünftel vom Ertrag der Baumpflanzung, aufserdem ein Weidegeld
für jedes Stück Vieh alljährlich an den Staat abzuführen. Es leuch-
tet ein, dafs nur vermögende Leute ein solches Geschäft wagen
konnten: zur Einrichtung verwüsteter Ländereien gehörte Capital,
und dies ging verloren wenn der Staat nach beliebiger Frist von
seinem unverjährbaren Recht Gebrauch machte und das Land wieder
einzog; ob er in solchem Falle eine Entschädigung für Gebäude und
Verbesserungen bewilligen würde, hing ledigUch vom guten Willen
ab, einen Anspruch hatte der Besitzer nicht. Die ungeheuere Aus-
dehnung dieser Occupationen haben wir S. 30 kennen gelernt: sie
befafsten 130 v. Chr. 100 deutsche Quadratmeilen die zu Unrecht be-
sessen wurden. Wie hoch aufserdem der Betrag der durch das
Gesetz gestatteten Occupationen zu veranschlagen sei, bleibt ganz
im Dunkeln. Die Beschränktheit des ältesten Freistaats setzte der
Entwicklung des Grofsgrundbesitzes ziemlich enge Grenzen; die
Eroberung Veji's die nahezu den doppelten Zuwachs brachte, öffnete
t) Appian b.civ.I 7.
88 Einleitung.
die Baho.i) Allen die sich meldeten, Hausvätern wie -söhnen wurden
Ackerlose von 7 Morgen angewiesen: ein Mafs das auch 290 und
280 wiederkehrt und als die Norm bei den Viritanassignalionen der
allen Repuhhk gegolten hal.2) Auf das unvertheilte Gemeinland
warf sich das Capital mit solcher Gier, dafs Licinius Slolo ein Ge-
setz 377 ein- und 367 durchbrachte, das die Occupation von mehr als
500 Morgen und mehr als 100 Stück Grofs- oder 500 Stück Klein-
vieh auf die Weide zu treiben verbot. Sein Urheber ward 357 ver-
urtheilt weil er es selbst übertreten hatte.^) Man kann vermuten
dafs Gaius Flaminius bei der 232 entfesselten agrarischen Bewegung
an das Gesetz angeknüpft habe. Aber bald wurde es durch die
Ereignisse wieder überholt: die Grenze rückte an den Po vor, im
Süden zog Rom nach der Niederlage Hannibals grofse Gebietstrecken
ein, erweiterte seinen Besitz in Italien auf rund 1000 deutsche Quadrat-
meilen, das Fünfziglache von dem was er zu Anfang der Republik
betragen hatte. Die Regierung konnte die Masse des erworbenen
Neulands so wenig bewältigen dafs sie, was gar nicht römische Art
war, den verbündeten Gemeinden einen ansehnlichen Theil überhefs:
z. B. erhielten Atella und Arpinum Grundbesitz im Poland, Cales
in Lucanien, Luca im ligurischen Appennin^}; viele Verleihungen
sind von den Gracchen zurückgefordert worden. Dafs der römische
Adel bei den Occupationen sich selbst nicht vergafs, ist klar. In-
dessen hat der Ervverb der Provinzen mehr zur Ausbreitung der
Latifundien beigetragen als die Unterwerfung Itahens.
In den beiden Menschenallern die auf den hannibalischen Krieg
folgen, hat die Appenninhalbinsel den Uebergang zur Geldvvirtschaft
vollendet. Der Grundsatz alle Einnahmen und Ausgaben des Staates
ötfenlhch auf dem Forum zu verdingen macht Rom zur Weltbörse
und zieht in deren Strudel die vermögenden Kreise, ja auch die
1) Nach Beloch, Der italische Bund p. 69., umfafste das römische Gebiet
500 V. Chr. 983 Dkm. Aus den Eroberungen in Südetrurien wurden 383 die
laleinischen Colonien Sutrium und Nepet mit 298 D^m ausgestattet. Den 387
eingerichteten 4 Tribus schreibt Beloch p. 75 je 200 Dkm zu. Dies ist hoch
gerechnet; denn darnach wären mindestens 40 000 Ackerlose ausgelheilt worden.
Aber selbst bei solchem Ansatz bleiben nach p. 70 noch 420 Dkm Gemeinland
übrig und boten für Occupationen einen weiten Spielraum.
2) Schwegler, Rom. Gesch. II 418 fg.
3) Liv. VII 16; auch später kommen häufige Verurtheilungen auf Grund
des Gesetzes vor, Liv. X 13. 23. 47 XXXIII 42 XXXV 10 Ovid Fast. V 285.
4) Cic. ad Fam. XllI 7. 11 CIL. X 3917 XI 1147.
§ 8. Die Volkswirtschaft, 89
unteren Schichten der Nation hinein. Am Ende dieses Zeitraums
stellt Polybios die römische Verfassung als eine Mischung von mo-
narchischen aristokratischen und demokratischen Gewalten dar, die
harmonisch in einander gefügt sich gegenseitig bedingen. Die De-
mokratie schildert er also^): ,,Der Senat hängt ganz vom Volke ab,
umgekehrt ist aber auch das Volk dem Senat verpflichtet und mufs
sich nach diesem in öflentlichen und privaten Dingen richten. Denn
da viele Arbeiten in ganz Italien von den Censoren für die ver-
schiedenartigsten Staatsbauten vergeben , desgleichen viele Flüsse
Häfen Pflanzungen Bergwerke Ländereien, kurz was in die Hand
der Römer gefallen ist, verpachtet werden, liegt die ganze Ausfüh-
rung und Verwaltung davon bei den Gemeinen, und nahezu Alle
sind durch die Pachtungen und den daraus entspringenden Gewinn
gebunden; denn die einen treten bei den Censoren als Unternehmer
auf, die anderen sind Partner, wieder andere leisten Bürgschaft für
die Unternehmer oder verpfänden auch dem Staat ihr Vermögen. In
allen diesen Fragen hat der Senat die letzte Entscheidung: er kann
den Zahlungstermin verlängern, bei Unglücksfällen Nachlafs gewäh-
ren und wenn eine höhere Macht die Leistung verhindert, den
ganzen Vertrag auflösen. Und es giebt viele Gelegenheiten, wo der
Senat den Steuerpächtern empfindlichen Schaden oder Nutzen zu-
fügt; denn er bildet die oberste Instanz. Was aber die Hauptsache
ist, aus ihm werden die Richter genommen für die meisten Pro-
cesse des Fiscus wie der Privaten, wenn es sich um ein grofses
Streitobject handelt". Der Stand der Steuerpächter begegnet schon
im hannibalischen Krieg und wird bei steigendem Einflufs immer
mehr gleichbedeutend mit dem sogen. Ritterstand d. h. den Bürgern
die einen Census von 400000 Sesterzen (87000 Mark) besafsen.
Sie brachten nach und nach das Geldgeschäft im Umkreis des Mittel-
meers an sich. Ein Zins von 12 Procent galt aufserhalb Italiens
als mäfsig, Verres nahm in Sicilien 24, M. Brutus (der Befreier) in
Cypern gar 48. Unter derartigen Umständen konnte eine Anleihe
von 20 000 Talenten (90 Millionen Mark), welche die Provinz Asien
84 v. Chr. um die von Sulla ausgeschriebene Kriegssteuer zu decken
bei römischen Bankiers aufgenommen hatte, im Verlauf von 14
Jahren auf die sechsfache Höhe wachsen. Der goldene Segen lockte
zahllose Scharen in die Fremde, das Bürgerrecht gewährte seinem
1) Pol. VI 17.
90 Einleitung.
Träger innerhalb wie aufserhalb des römischen Machtbereichs wesent-
liche Vortheile.i) Der mercanlile Sinn der Nation wird durch die
Nachricht erläutert, dafs die Soldaten 196 v. Chr. ihren Urlaub be-
nutzten um in Griechenland undier zu ziehen und zu schachern 2) |
desgleichen durch die 46 von Caesar erlassene Verfügung die jedem
Bürger zwischen 20 und 40 Jahren untersagte mehr als 3 Jahre
hinter einander von Italien abwesend zu sein. 3) Wenn er sich auch
nicht berechnen läfst, war der Procentsatz der im Ausland thätigen
Römer sehr beträchtlich: bei dem Blutbad das 88 v. Chr. Mithrida-
tes unter ihnen anrichtete, wurden an einem Tage 80 oder gar
150000 Menschen italischen Stammes in Kleinasien hingemetzelt
bald darauf weitere 20 000 in Delos. Italische Kaufleute weilten
112 in Cirla der Hauptstadt Numidiens in solcher Menge, dafs sie
den Platz mit Erfolg gegen lugurtha verlheidigten, freilich nach der
unbedachten Uebergabe über die Klinge springen mufsten. Nach
allen Himmelsgegenden hin eilt der Kaufmann als Pionier den
Legionen weit voraus, dringt an der norwegischen Küste bis zum
Polarkreis, in Germanien bis nach Samland, Nilaufwärts bis zu den
grofsen Seen ja bis zur Breite von Madagascar vor, spielt sich an
indischen Fürstenhöfen und schliefslich in China als kaiserlicher
Gesandter auf. Es ist sein Werk und sein Verdienst, wenn am Aus-
gang des Altertums das Erdwissen zwei Drittel der östlichen Halb-
kugel umspannt.
Das Geldgeschäft beherrscht nach Polybios die Comitien, man
kann getrost hinzufügen die ganze grofse Politik. Die meisten aus-
wärtigen Kriege, die Zerstörung Karthago's wie die Eroberung Gal-
liens^), sind ohne triftige Gründe und weniger aus Ehrgeiz als aus
Gewinnsucht unternommen worden. Nach der Herrenmoral der
Allen stand es dem mit der Majestät des römischen Namens um-
kleideten Statthalter durchaus frei, draufsen die Kosten einzubringen
die er daheim für die Erlangung des Amtes aufgewandt hatte. Bei
der Verwaltung der Provinzen waren allerdings die Vorschriften
einer einsichtigen Wirtschaft zu beobachten, die Kaiser Tiberius tref-
fend mit den Worten wiedergiebt: „Ein guter Hirte scheert die Schafe,
schindet sie nicht". Aber die Versuchung war zu grofs, und obwol
1) Cic. Verr. V 166 fg.
2) Liv. XXXIII 29 vgl. V 8 Paul, an Timoth. II 2,4.
3) Sueton 42.
4) Bonner Jahrb. XGVI (1895) 4 fg.
§ 8. Die Volkswirtschaft. 91
seit 149 ein eigener stark in Anspruch genommener Gerichtshof
die Klagen der Unterthanen wegen Erpressung aburtheilte, sind die
Schuldigen vielleicht meistens, sicher oftmals straflos ausgegangen.
Dem regierenden Adel flofs der Löwenantheil aus dem Ertrag der
Herrschaft zu. Durch Gesetz und Herkommen war der Adel ge-
halten den Hauptstock seines Vermögens in Land anzulegen. Selbst
ein Speculant wie M. Crassus hat Güter im Wert von 200 Millionen
Sesterzen (43,6 M Mark) besessen. i) Rechnet man den Morgen zum
hohen Satz von 1000 Sesterzen 2), so ergiebt die Summe eine Acker-
fläche von 500 D km ; das Inventar ist dabei nicht berücksichtigt,
doch wird dieser Posten reichlich durch den Umstand aufgewogen
dafs die Weide, woran es nicht gefehlt haben kann, viel billiger
kam als Ackerland. Also mag die Zahl als Beispiel für die Anhäu-
fung von Grundbesitz in einer Hand zur Zeit der Repubhk dienen.
L. Domitius der 49 v. Chr. 30 Cohorten Mann für Mann 4 Morgen
aus seinen Gütern verhiefs, läfst schliefsen dafs solche Anhäufung
nicht selten vorkam. 3) Als Beispiel für den Umfang der Weidewirt-
schaft wird ein Freigelassener Caecilius Isidorus angeführt der nach
seinem Testament 8 v. Chr. hinterhefs: 4116 Sklaven 3600 Gespann
Ochsen 257 000 Schafe (ungefähr so viel wie heute in der apuli-
schen Ebene weiden) an baarem Geld 60 Millionen Sesterzen (13 Mill.
M.).'*) — Der Kauf und die Occupation von Gemeinland ist die
eine Ursache für dieEntstehung der Latifundien gewesen, verhängnifs-
voller hat die zweite, das Legen der Bauern gewirkt. Das Legen
wird begünstigt durch die allgemeine Landflucht, die nach dem lian-
nibalischen Kriege einreifst und theils in die Städte (S. 46) theils
in die Provinzen (S. 90) gerichtet ist, begünstigt durch den wirt-
schaftlichen Umschwung, aber in vielen Fällen mit List und Gewalt
erzwungen. Die Gutswirtschaft wird ausschliefslich im kaufmänni-
schen Sinne geführt, und zwar mit einer Umsicht und Folgerichtig-
keit die Achtung abnötigen müfste, wenn sie nicht jeder sittlichen
Unterlage entbehrt halte. Sie arbeitet nur mit Sklaven, weil diese
von der Aushebung befreit sind und wie das übrige Inventar mit
einer bestimmten Summe in Rechnung gebracht werden können.
Freie Tagelöhner finden in ungesunden Gegenden (1 416) und allen-
1) Plin. XXXIII 134, niedriger Plut. Grass. 2,2.
2) Colum. 111 3,8.
3) Caes. b.civ. 1 17 vgl. 44. 56 Dio XLI 11.
4) Plin. XXXIII 135.
92 Einleitung.
falls bei der Ernte Verwendung. — Als die vorlheilhafteste Capital-
anlage ist vom alten Cato wie seinen Nachfolgern die Viehzucht
betrachtet worden i): die Wolle lieferte nämhch dem rasch aufblü-
henden Tüchmachergewerbe den Rohstoff. An zweiter Stelle kam
der Weinbau, von dessen grofsartiger durch staatliche Mafsnahmen
geforderter Entwicklung früher die Rede war (I 452). Sodann
nennt Cato Gemüsebau (I 457), ferner den auch heule (z. R. am
Rhein) sehr einträglichen Weidenbau. Wenn derselbe Fachmann
dem Oelbaum erst den fünften Platz einräumt 2), so mufs sich das
Verhältnifs ein Jahrhundert später wol geändert haben, als das ita-
lische Oel einen wichtigen Ausfuhrartikel abgab (I 454). An sechster
Stelle folgt Getreide das wegen Mangels an Strafsen (S. 56) an
manchen Orten fast umsonst zu haben war, an anderen durch die
Einfuhr aus den Provinzen im Preis gedrückt wurde. Auf letztere
blieb Italien anch späterhin angewiesen (I 450): immerhin erscheint
nach unseren Regriffen der Kornbau nicht schlecht zu rentiren, da
das Retriebscapital mit 6 Prozent verzinst wird. 3) Weiter führt Cato
Schlagwald und Obstgarten auf: letzterer brachte in der Kaiserzeit
hohen Gewinn (1 455.57). Am wenigsten warf der Eichenwald ab,
dessen Frucht zur Schweinemast diente. Daraus erklärt sich dafs
die Rodung zum allgemeinen Schaden eifrig fortgesetzt wurde (I 434).
Im ersten Theil unserer Darstellung haben wir immer und wieder
auf die schweren Wunden hinzuweisen gehabt, die der römische
Capitalismus dem Lande schlug. Zum Theil sind sie von den Alten
selbst richtig erkannt worden, aber Jahrhunderte später als der Tanz
ums goldene Kalb begonnen hatte. Dagegen ist schon zwei Men-
schenalter nach dem hannibalischen Kriege die Einsicht durchge-
drungen, dafs der Staat durch die neue Wendung der Dinge in den
Wurzeln seiner Kraft bedroht sei.
Im Altertum beruhte die Wehrkraft auf dem Grundbesitz, der
Dauer füllte die Reihen der Legionen. *) Seit dem Erwerb der
Weltherrschaft nimmt bis 159 die Zahl der Waffenfähigen zu, um
1) Cic. Off. II 89 Colum. VI praef. Plin. XVIII 30.
2) Cato RR. 1.
3) Colum. III 3,9.
4) In der Einleitung preist Cato die Vorzüge des Ackerbaus gegenüber
dem Handel: at ex agricoUs et viri f'ortissimi et milites strenuissimi gignun-
tur, maximeque pius quaestus stabilissimusque consequilur minimeque invi-
diosus ; minimeque male cogitanies sunt qui in eo studio occupali sunt.
§ 8. Die Volkswillschaft. 93
fortab zu sinken. Die Ursache ist klar. Auf ein Ackergut von 200
bis 240 Morgen das Gate als Norm hinstellt, rechnet er 10—15
unverheiratete Knechte, je nach dem Betrieb. Dasselbe Grundstück
reichte bequem aus, um ebenso viel mittlere oder doppelt so viel
kleine Bauern nebst Kind und Kegel zu ernähren. Bei einem aus-
schhefslich auf Viehzucht berechneten Gut, dessen Gröfse von 800
Morgen ab durch keine obere Grenze beschränkt ist, wird das Ver-
hältnifs noch viel schreiender. Man könnte meinen, dafs die vom
Lande verdrängte freie Bevölkerung ähnlich wie in der Neuzeit bei
der Industrie beschäftigt worden wäre. Allein diese ist entweder
ein Anhängsel der Gutswirtschaft, wie Ziegelei Kaiköfen Walker-
gruben, oder wird auch in der Stadt von Sklaven und Freigelassenen
betrieben. Für den römischen Bürger kennt Cato zwei Ervverbs-
arten, Handel und Landwirtschaft: das Handwerk bleibt aufser Frage.
Der Handel hat eine Masse und zwar die strebsamsten Kräfte der
Plebs aufgesogen. Was übrig blieb und durch die Last der Schul-
den sowie die Arglist des Gutsnachbarn aus seinem Erbe gestofsen
wurde, verfiel dem Lose des Landstreichers. Tiberius Gracchus hat
es in ergreifenden Worten geschildert: „Die Thiere des Feldes in
Italien haben ihr Lager und ihre Höhlen. Den Männern die für
Itahen kämpfen und fallen, gönnt man Luft und Licht, sonst nichts.
Mit Weib und Kind irren sie umher ohne Haus und Heerd. Die
Feldherren lügen, wenn sie vor der Schlacht ihre Soldaten anfeuern
Gräber und Heiligtümer gegen den Feind zu schützen. Keiner von
so viel lausend Bömern hat einen Altar seines Vaters oder ein Grab
seiner Vorfahren gerettet. Sondern für fremden Beichtum und
fremde Schwelgerei ziehen sie in Kampf und Tod, heifsen Herren
der Welt und haben keine einzige Erdscholle zu Eigen ". — Im
ganzen Verlauf seiner Geschichte hat der Freistaat daran gearbeitet
einen freien Bauerstand zu erhalten. Der fortgesetzten Colonisation
verdankt er seine Wehrkraft und seine Erfolge. Aber wie die stei-
gende Sonne den gefallenen Begen verzehrt und das Erdreich aus-
dörrt, werden alle zur Hebung des Volkes gemachten Anstrengungen
schwäcner und aussichtsloser, je mehr der Beichtum in Italien an-
wächst. Die Schuld liegt nicht ausschliefslich auf Seite der Beichen.
Die Begierung hat zu den verschiedensten Mitteln gegriffen um die
Ansiedler dauernd an die Scholle zu fesseln. Sie hat die Gröfse der
Ackerlose von 7 auf 10, 15, 20, 30, 50 Morgen erhöht, so dafs
der Empfänger nicht mehr wie der alte Gincinnatus den Pflug mit
94 Einleitung.
eigener Faust zu lenken braucht, sondern als Herr die grobe Arbeit
seinem Knecht überläfsf. Sie hat die Lose auf Erbpacht verliehen,
für unveräufserlich erklärt, den Verkauf vor Ablauf von 20 Jahren
verboten — bald sind die Gesetze entweder wieder aufgehoben oder
von Niemand beachtet worden. Der berühmte Falernergau war 340
v. Chr. in Stücken von 3 Morgen an die römische Plebs aufge-
theilt worden. Dafs die Ansiedlung in den folgenden Kriegsstürmea
zusammen schmolz, ist leicht verständlich. Dann aber hat Sulla
hier eine neue Colonie gestiftet und diese wird in kurzer Frist von
grofsen Weingütern verschlungen, die dem Namen seinen Weltruf
errangen. Praeneste ward durch Sulla von Grund aus neu besie-
delt: seine Feldmark befindet sich 17 Jahr darauf in wenigen Hän-
den. Mit den Veteranen der Kaiserzeit die bei ihrer Entlassung in
Italien Land erhielten, machte man dieselbe Erfahrung. — Der Unter-
gang der Bauerschaft ist hier früher, dort später eingetreten und
hängt im Allgemeinen von der städtischen Entwicklung ab. Die
Landschaften alter Cultur, Grofsgriechenland Apulien Latium Etru-
rien sind ihm verfallen , während der Norden und das ehemals
bundesgenössische Gebiet im Appennin vergleichsweise weniger be-
rührt wird. Auch die Ausdehnung des Bürgerrechts und die Um-
wälzungen der Bürgerkriege haben den Unterschied nicht ganz
verwischt. In dieser Hinsicht sind die beiden Alimentartafeln, die
ligurische aus Samnium von 101 n. Chr. und die wenig jüngere
von Veleia bei Placentia recht lehrreich, nebenbei bemerkt die
einzigen Urkunden die einen Einblick in die Vertheilung des Grund-
besitzes innerhalb italischer Gemeinden verstatten. i) Sie führen uns
eine Anzahl Besitzer vor, die für empfangene Darlehen des Kaisers
Grundstücke unter Angabe des Schätzungswertes verpfänden. Auf
der ligurischen Tafel schwankt der Wert zwischen 14 000 und
501000 Sesterzen, von den 50 Eigentümern sind nur 10 höher
als 100000 Sesterzen eingeschätzt. Viel weiter ist die Bildung von
Latifundien in der Aemilia gediehen: von 52 Eigentümern bleiben
nur 25 unter der Grenze von 100000, die andere Hälfte geht auf-
wärts bis über 1 ^[2 Millionen. Die einzelnen Grundstücke tragen
im Kataster den Namen des ursprünglichen Besitzers, der sie vom
römischen Staat durch Schenkung oder Kauf erworben hat. Die
Eintragung kann im vorliegenden Fall spätestens am Ausgang der
1) Mommsen Herrn. XIX 393 fg.
§ 8. Die Volkswirtschaft. 95
Republik erfolgt sein. In der Zwischenzeit bis Traian ist die Zahl
der Besitzer in Samnium von 90 auf 50 zurückgegangen, in der
Aemilia viel stärker: letzteres durch die bessere Verkehrslage und
Fruchtbarkeit der Landschaft veranlafst. Uebrigens hat, wie später
zu erwägen sein wird, die Abnahme der Bevölkerung einen wesent-
lichen Antheil an der Verschiebung der Besitzverhältnisse gehabt.
Während der blutigen Wirren die den Freistaat zur Monarchie
hinüber leiteten, wächst das Machtgebiet des römischen Volkes
stetig an, erreicht unter Augustus das Vierfache des ümfangs den
es zur Zeit der Gracchen eingenommen hatte. Entsprechend wächst
auch das Nationalvermögen. Hatte ein Volkstribun um 104 v. Chr.
behaupten können es gäbe in der ganzen Bürgerschaft keine 2000
wolhabenden Leute i), so traf dieser Ausspruch zu Anfang unserer Zeit-
rechnung nicht mehr zu. Rom beherbergte einen Senat von 600
Millionären, eine Ritterschaft von über 5000 Mitgliedern, also eben-
so viel Vermögen von mindestens 400 000 Sesterzeo (87 000 Mark).
Letztere sind auch im Lande ausgiebig vorhanden, zählte doch allein
Patavium ihrer 500. Ferner kann man rund 40000 italische Stadt-
räte mit einem Census von 100 000 Sesterzen in Ansatz bringen,
zum Beweise dafs der Mittelstand nicht ganz gefehlt hat. Allein der
Mittelstand wird durch das Magnatentum an die Wand gedrückt.
Es hält nicht schwer aus der neueren Geschichte Beispiele von der
Anhäufung gröfserer Schätze, von ähnlicher Thorheit und Ver-
schwendung zu sammeln wie sie das alte Rom in solcher Fülle
darbietet. Aber die damalige Welt befafste nur einen kleinen Bruch-
theil der heutigen, die Erscheinungen die auf einer beschränkten
Bühne gespielt haben, müssen im Zusammenhang mit ihrer Umge-
bung erklärt werden. In der That läfst sich kein Mafsstab zum
Vergleich des Geldwertes zwischen einst und jetzt auffinden, so ein-
leuchtend es auch ist dafs die 300 Millionen des Philosophen Seneca
und die 400 Millionen Sesterzen seines Zeitgenossen, des kaiser-
lichen Freigelassenen Narcissus, unter Nero mehr bedeuteten als
nach dem Goldwert umgerechnet 65 und 88 Millionen Mark in der
Gegenwert. Von dem Reichtum der hohen Gesellschaft gewährt die
Sitte die sich ausgebildet hatte alle Freunde und Bekannte letzt-
wiUig zu bedenken, einen selbst für moderne Anschauungen über-
raschenden Eindruck: aus derartigen Vermächtnissen hat Augustus
1) Cic. Off. II 73.
96 Einleitung.
in den letzten 20 Jahren seines Lebens 1400 Millionen (305 Mil-
lionen Mark) bezogen. Es sei lerner daran erinnert dafs Tiberius
Ersparnisse im Betrag von 2700, nach anderer Angabe 3300 Mil-
honen Sesterzen (587 bezvv. 718 Million Mark) hinterhels, die Cali-
gula im Verlauf von 9 Monaten vergeudete. Der gröfste Geldsack
hatte Anspruch auf den Thron, bei der Besetzung pflegten die
ßetheiligten, Adel Armee FMebs ein gutes Geschält zu machen. Es
ist sogar vorgekommen dafs der Thron in öffentlicher Auction an
den Meistbietenden losgeschlagen wurde: was trotz der anstöfsigen
Form dem Wesen des kaiserlichen Staatsrechts einen zutreffenden
Ausdruck lieh. So grofse Vorsicht nun auch in der Abwägung von
Altertum und Gegenwart gegen einander geboten erscheint, hegt es
doch auf der Hand, dafs Italien unter dem Hause Savoyen viel ärmer
ist als da ihm die Provinzen steuerten, unter den Caesaren. — Aber es
hat seinen Reichtum durch üeppigkeit und Schwelgerei verschwendet.
Was an Edelmetallen für Bernstein Pelzwerk Daunen über die Nord-
grenze des Reiches, für Elfenbein über die Südgrenze abflofs, fiel
nicht ins Gewicht. Bedenklicher war der Passivhandel mit Indien
und China 1): das Reich bezog Pfeffer und Gewürze, Perlen, etwas
Elfenbein, chinesische Seide, wolriechende Oele, Diamanten und
Saphire, endlich Schildpatt; führte Juwelen, Stickereien, Korallen,
Glaswaaren, Kupfer, Zinn, Blei, ein wenig Wein und grobes Leinen
aus, dazu an baarem Geld eine Summe welche die niedrigste Schät-
zung um 70 n. Chr. jährlich auf 100 MiUionen Sesterzen (22
Millionen Mark) bezifferte. Der Bergbau des Reiches brachte den
zur Erhaltung des Gleichgewichts erforderlichen Ueberschufs nicht
hervor, die Ausluhr der Edelmetalle nahm ständig zu: chinesische
Seide, die noch im 3. Jahrhundert mit Gold aufgewogen wurde,
mithin reichlich das Fünfzigfache kostete wie heute, hatte im 4.
Jahrhundert aufgehört ein Vorrecht des Adels zu sein. Die Regie-
rung hat den Ausfall einzubringen versucht durch Verschlechterung
der Münze. Damit machte Nero den Anfang und setzte den Denar
von 3,9 gr Gewicht auf 3,41 gr herab. Von seinem Nachfolger Ves-
pasian wird die Aeufserung überliefert, er brauche 40 Milliarden
Sesterzen (8700 Millionen Mark) um den Staat auf feste Füfse zu
Stelleu. Traian führte mit der Eroberung Daciens dem Reiche neue
Goldquellen zu, dauernde Hülfe war hierdurch nicht geschaffen.
1) Bonner Jahrb. XCV (1894) 17%.
§ 8. Die Volkswirtschaft. 97
Der Feingehalt der Münzen wurde immer geringer, man lebte im
3. Jahrhundert unter einem fortgesetzten Staatsbankerott. Die all-
gemeine Verarmung machte nur vor dem grofsen Capital Halt. Zur
Zeit des tiefsten Verfalls besafs Tacitus bei seiner Wahl zum Kaiser
ein Erbgut von 280 MiUionen Sesferzen (61 Millionen Mark); nach
Verlegung der Hauptstadt wies der römische Senat zu Anfang des
5. Jahrhunderts noch Häuser auf die jährhch 40 Centner Gold
(3 650 000 Mark) aufser Naturalien im Wert von einem Drittel dieser
Summe bezogen, an zweiter Stelle Häuser mit einem Einkommen
von 10 bis 15 Centnern (913 600—1370 000 Mark).i)
Italien bildete den Provinzen gegenüber einen besonderen
Zollbezirk, war auch durch Befreiung von der Grundsteuer und
handelspohtische Vortheile sehr begünstigt (I 82). Trotzdem wird
die Bilanz zwischen dem herrschenden und den unterworfenen Län-
dern nicht besser gewesen sein als zwischen dem ganzen Reich und
Indien. Allzu viel kam darauf freilich zunächst nicht an; denn das
für Waaren abströmende Geld kehrte in Gestalt von Zinsen und
Steuern wieder zurück. An dem Hauptgewerbe der Landwirtschaft
zehrte der alte Krebsschaden fort, dafs die Grundherren einzig be-
dacht waren eine hohe Rente aus ihren Gütern herauszuschlagen.
Das Uebel wurde noch wesentlich durch die Unsitte verschlimmert
Sklaven Mietern und Altermietern den Betrieb zu überlassen: was
wiederum bei dessen Ausdehnung und der für einen reichen Römer
obwaltenden Unmöglichkeit sein ganzes Hauswesen selbst zu über-
sehen unvermeidlich geworden war. Die Wirkungen die das Sys-
tem auf die Bevölkerung geübt hat, sollen im nächsten Abschnitt
erwogen werden. Aber über den tiefen Schatten darf man auch
die Augen nicht gegen die Lichtseiten verschliefsen. Die Klagen
der Vaterlandsfreunde über die Abhängigkeit der Hauptstadt von der
Kornzufuhr aus Aegypten und Africa entbehren nach den Erfah-
rungen des heutigen Wellverkehrs einer stichhaltigen Begründung.^)
Der itahsche Landwirt war ganz aufser Stande sein Getreide zu
annähernd gleichem Preise nach Rom zu liefern wie die Provinzen:
aus zwei Ursachen. Einmal war der Bodenwert durch die Masse
der Capitalien die nach Gesetz und Sitte in Italien angelegt werden
mufsten, unverhältnifsmäfsig gestiegen. 3) Sodann wird nach der
1) vita Tac. 10 Olympiodor fr. 44 (FHGr. IV 67).
2) Tac. Ann. III 54 XII 43.
3) Plin.Ep. VI 19 vita Marci phil. 11,8.
Nissen, Ital. Landeskunde. II. 7
98 Einleilung.
üblicheu Lebenshaltung die Arbeit in Italien theurer bezahlt worden
sein. Der Tagelohn stand hier im Altertum viel höher als in der
Gegenwart. 1) Unter solchen Bedingungen war dem Landwirt der
Weg gewiesen : er baute Getreide für den eigenen Bedarf und das
nächsthegende Absatzgebiet, nahm auf dem Wein- und Oelmarkt
den Wettbewerb mit den Provinzen auf und errang den Sieg (I 450.
52.54). Wie in der Baumzucht sind auch in der Veredelung der
Viehracen gewaltige Fortschritte gemacht worden. Die italische
Wolle wurde die beste der Welt und rief eine blühende Industrie
ins Leben. Die Eroberung des Nordens eröffnete einen gewinn-
reichen Markt, nicht nur für Wein und Oel sondern für die man-
nichfachsten Erzeugnisse des Gewerbfleifses. Die Stempel der Ziege-
leien in der Gallischen Mark kehren an allen Küsten der Adria
wieder. Thongeschirr aus Arretium findet seinen Weg an den Rhein
und die Donau, Erz- und Silbergeschirr auch darüber hinaus. Mit
ihrer allmälichen Romanisirung machten sich die Provinzen nach
Kräften von fremden Bezugsquellen unabhängig. Selbst nach seiner
Entthronung jedoch kann die Ausfuhr Italiens nicht ganz unerheb-
lich gewesen sein. Der Maximaltarif Diocletians von 302 führt
unter den in der östlichen Reichshälfte gangbaren Artikeln aus
Itahen auf: Edelwein in 7 Marken, Tuche aus Mutina und Canu-
sium, Wolle von Tarent, lucanische Würste, marsische Schinken.
Was die Einfuhr betrifft, so befafst sie in erster Linie Korn und
Sklaven, sodann aber aus allen Himmelsgegenden in unabsehbarer
Fülle Gegenstände die dem Sinnengenufs dienen, für Nahrung und
Kleidung Wohnung und Schaulust. Es ist unnötig bei der mafs-
losen Prunksucht und Schwelgerei die den Verfall des Römertums
begleiten, zu verweilen. Das Jahrhundert von der Schlacht bei Actium
bis zum Sturze Nero's wird von Tacitus als die Zeit des ärgsten
1) Nach Cic. pro Roscio com. 28 betrug der gewöhnliche Tagelohn 12 As
65 Pfg., in der östlichen Reichshälfte Luc. Timon 6. 12 4 Obolen 58 Pfg. oder
Ed. DiocI. 7,1 25 Denar 45 Pfg. dazu im letzten Fall die Kost. In den unge-
sunden Reisfeldern am Po verdient heute eine Familie 450, höchstens 600 Lire
im Jahr. Der durchschnittliche Tagelohn des Landarbeiters wird auf weniger
als 1 Lira geschätzt. In einem Ort Apuliens entstanden im Frühjahr 1900 Un-
ruhen, weil die Bauern nicht länger für 35 c arbeiten wollten: der Führer der
bewafTiieten Macht liefs nicht auf die Menge schiefsen, sondern vermittelte zu
grofser Zufriedenheit einen Ausgleich der den Lohn auf 50 c erhöhte. Dabei
ist zu bedenken dafs die Besteuerung durch Staat und Gemeinde ein reichliches
Drittel des Lohns verschlingt.
§ 9. Die Bevölkerung. 99
Luxus betrachtet.!) Uns gilt es als die Zeit des gröfsten Reichtums
über den Italien jemals verfügt hat. Nunmehr meldet sich der
Rückgang in der fühlbaren Abnahme der Bevölkerung an. Die
Regierung hat dagegen angekämpft durch milde Stiftungen und
Ansiedlungen für die unteren Schichten, durch Ergänzung des
Reichsadels aus den Provinzen. Aber die neuen Geschlechter blieben
in der Heimat wurzeln und behandelten Rom als ihr Absteigequar-
tier. Der Aufwand geht fortan weit über die Mittel des Landes
hinaus. Die riesigen Bauten der folgenden Jahrhunderte sind aus
Herrscherlaune entsprungen, nicht aus Ueberschufs an xlraft. Und
wenn die grofsen Vermögen den Sturm der Zeiten bis zum Aus-
gang des Altertums überdauerten, so liegt darin nichts weniger als
ein Beweis von innerer Gesundheit des Landes. Denn die Gemein-
den ächzen seit dem 3. Jahrhundert unter der Last der Steuern
und büfsen ihre Selbstverwaltung bis auf den letzten Rest ein. Was
früher jedem wackern Kleinbürger als höchstes Ziel seines Ehr-
geizes vorgeschwebt hatte, die Aufnahme in den Stadtrat ist eine
harte Strafe geworden. Die Waffen zur Vertheidigung gegen die
Barbaren zu erheben gebrach es diesem verkümmerten Volke eben-
so sehr an Lust und Reruf wie an dem erforderhchen Mut.
§ 9. Die Bevölkerung.
Der Hochwald der in alten Tagen Italien erfüllte, hat niedrigen
Fruchtbäumen weichen müssen (1 430), ähnlich ist es mit den Men-
schen gegangen. Am Ende der Repubhk machte das Land den
Eindruck ein grolser Garten zu sein (1 453), aber die Verlheidiger
die es gegen fremden Angriff hätten schützen können, waren dünn
gesäet. Livius stellt unter dem J. 385 v. Chr. eine Betrachtung
darüber an, woher Aequer und Volsker nach so viel Niederlagen
immer wieder Soldaten auf die Beine gebracht hätten, er bezeichnet
als mögliche Erklärung dafs eine zahllose Menge von Freien in
Gegenden vorhanden gewesen wäre, die jetzt nur ein paar Rekruten
für die Aushebung bereit hätten und allein durch römische Sklaven-
horden vor der Verödung bewahrt blieben. Wo derselbe Gewährs-
mann 349 V. Chr. das Aufgebot von 10 Legionen, 42000 Mann
zu Fufs und 3000 Reitern berichtet, fügt er die Bemerkung hinzu,
der jetzige nahezu den Erdkreis umfassende Staat wäre bei plötz-
1) Tac. Ann. UI 55.
100 Einleitung.
lieh eintretender Gefahr mit Mühe einer solchen Machtleisiung fähig:
adeo in quae laboramus sola crevimus, divitias luxuriamqueA) In
der That tritt die miUtärische Schwäche Roms unter Augustus grell
zu Tage: bei dem pannonischen Aufstand und der Teutoburger
Schlacht 6 und 9 nach Chr. müssen die erforderlichen Verstärkun-
gen durch Veteranen Sklaven und Freigelassene beschafft werden,
weil die Pflichtigen Bürger den Dienst verweigern. 2) Als die Epoche
höchster Volkskraft sieht Polybios die Zeit des ersten punischen
Krieges an : ein Jahrhundert später nach Erwerb der Wellherrschaft
sei liom aufser Stande gewesen solche Flotten zu bemannen. 3) Im
vorigen Abschnitt ist die zersetzende Wirkung die der Reichtum
auf die Bürgerschaft ausübte, dargelegt worden. Der Hergang bietet
im Allgemeinen nichts Unverständüches oder Rätselhaftes; aber ihn
in wissenschaftlicher Weise d. h. zahlenmäfsig zu verfolgen ist uns
versagt. — Was die Ueberheferung an statistischen Angaben ent-
hält, ist wenig, und dies Wenige wird sehr verschieden gedeutet.
Ein auf diesem Gebiet so verdienter Forscher wie Beloch hielt es
1880 für möghch dafs der magere Boden der römischen Feldmark
459 V. Chr. 400 Köpfe auf den Quadratkilometer ernährt habe,
verfiel aber 6 Jahre darauf in das entgegengesetzte Extrem der Be-
völkerung Italiens unter Augustus nur eine Dichtigkeit von 22
Köpfen auf demselben Flächenraum zuzuschreiben. *) Er zieht das
heutige Sardinien mit 28 Bewohnern auf den Quadratkilometer zum
Vergleich heran, ohne zu bedenken dafs die Insel gegenwärtig eben-
so arm und herabgekommen ist, wie das kaiserliche Italien reich
und blühend war. Viel Beifall hat die Ansicht C. G. Zumpt's ge-
funden nach der die antike Menschheit und im Besonderen die
Bevölkerung Italiens seit dem hannibahschen Kriege in beständiger
Abnahme und allmälichem Aussterben begriffen gewesen wäre. 5) Aber
es khngt wenig glaubhaft, dafs ein aussterbendes Volk die Kraft
besessen haben soll nach und nach Oberitalien, Spanien, Gallien,
Britannien, die Donauländer, Nordafrica nicht blos zu unterwerfen,
sondern auch zu latinisiren. Und was die vermeinte Volksleere
1) Liv. VI 12 VII 25.
2) Vell. II 111 Suet. Aug. 23. 24 Dio LV 31 LVI 23 Plin.VH 149.
3) Pol. I 64.
4) Itai. Bund 92 Bevölkerung 442.
5) C. G. Zumpt, Über den Stand der Bevölkernng und die Volksvermehrung
im Altertum, Abb. d. Berl. Akademie 1840.
§ 9. Die Bevölkerung. 101
Italiens in der Kaiserzeit betrifl't, so bemerkt schon E. v. Wieters-
heira: wer die Ruinen der Städte kenne, dem werde sie nur ein
ungläubiges Lächein abzunötigen vermögen. i) Dieser Geschicht-
schreiber kommt zu dem Ergebnifs dafs die Bevölkerung unter den
Kaisern mindestens 11 MilUonen betragen habe, während der Statis-
tiker Dureau de la Malle sie nach dem Kornverbrauch auf 9^/2
Millionen bestimmte.^) Mommsen ist geneigt viel höher zu greifen
und keinen wesentlichen Abstand von der Gegenwart anzunehmen:
eine Auffassung die auch von Anderen getheilt wird. 3) Damit würde
die Volkszahl Italiens im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung
die Beloch auf 5 V2, höchstens 7 Millionen beschränkt, um das
Vierfache erhöht werden. Wenn die Gelehrten so weit von einander
abweichen, verspricht der Versuch eine Verständigung anzubahnen
geringen Erfolg. Trotzdem niufs der Versuch gemacht werden,
nicht so sehr deshalb weil die Bevölkerungsziffer den geläuGgen
Mafsstab bei der Beurtheilung eines Landes abgiebt, als weil die
Geschichte der Bevölkerung über den Gang der Begebenheiten Licht
verbreitet. Damit ist schon gesagt dafs die Zeiten streng zu son-
dern, die einzelnen Nachrichten in ihrem jeweiligen Zusammenhang
zu prüfen sind. Es kommt darauf an die Zeugnisse der Alten nach
Gebühr einzuschätzen, ferner dem Meinen und Beheben gegenüber
das Thatsächhche in sein Recht einzusetzen.
In der Geschichte der italischen Bevölkerung sind zwei Perio-
den zu unterscheiden, als deren Grenze das Jahr 200 v. Chr. dienen
kann. In der älteren wiegt wirtschafthch betrachtet der Kleinbetrieb
und die freie Arbeit vor: berühmte Heerführer wie Dentatus, Fahri-
cius, Regulus nennen nur ein Grundstück von 7 Morgen ihr Eigen
(S. 88). Zwar ist auch der Grofsbesitz für das 4. Jahrhundert
sicher bezeugt und kann mit hoher Wahrscheinhchkeit den An-
fängen der Repubhk, ja der Königszeit beigelegt werden. Jedoch
verwendet auch er in seinen Clienten und Knechten vornehmlich
einheimische Arbeiter. Nach dem hannibalischen Kriege tritt die
entscheidende Wandlung im Volksleben ein: die Naturalwirtschaft
1) Geschichte der Völkerwandenuig 1 190 fg.: so ungenügend aucii die
Ausführung ist, vermifst man sie in der neuen von F. Dahn besorgten Auflage
ungern.
2) Economie politique des Romains I 299, Paris 1840.
3) Mommsen Rom. Gesch. 11" 403, Nissen Hislor. Zeitschr. XIX 247, Schiller
Gesch. Nero's 500, Ihne Rom. Gesch. II 138. 401. Ebenso bereits Zumpt a. 0. 20.
102 Einleitung.
wird durch Geldwirtschaft verdrängt, der einströmende Reichtum
veranlafst die Bildung von Latifundien und den Grofsbetrieb mit
Sklaven, die letzten Reste der alten Samtwirtschaft verschwinden,
die Ansprüche des Bauern, wie aus dem Umfang der vertheilten
Ackerlose hervorgeht (S. 28. 29), sind derart gestiegen dafs er nicht
mehr allein mit Weib und Kind sein Gut bestellt, sondern einen
oder mehrere Knechte braucht. Es ist klar dafs diese beiden
Perioden in der Betrachtung streng aus einander zu halten sind.
Den Gegensatz heben für viele Landschaften die oben erwähnten
Worte des Livius treffend hervor: innumerabüem multüudinem lihe-
rornm capünm in eis fuisse locis quae nunc vix seminario exiguo
militum relicto servitia Romana ab solitudine vindicant. In der That
mufs die Bevölkerungsdichtigkeit unter der Herrschaft des Kleinbe-
triebs eine überraschende gewesen sein. — Das Mafs der Ackerlose
verstattet nur einen allgemeinen Schlufs; denn ihr Verhältnifs zur
Allmende, die Ausdehnung von Wald und Weide ist gänzhch un-
bekannt. Dagegen gewährt der Vergleich der latinischen Colonien
mit den ihnen zugewiesenen Gebieten einen festen Boden für statis-
tische Erörterungen. Da es sich um die Anlage von Festungen in
Feindes Land handelte, so sind unter den Colonisten weder Knaben
noch Greise, sondern Männer kräftigsten Alters zu verstehen; mit-
hin beträgt die Kopfziffer im heutigen Sinne das 4 — 5 fache der
Zahl der Ansiedler. Der Flächeninhalt der Stadtgebiete ist aller-
dings nur annähernd gegeben. Das militär-geographische Institut
hat die Berechnung der Kreise die es im Anschlufs an seine Arbeit
über das Königreich (S. 3 A. 1) unternommen, noch nicht beendet;
einstweilen ist man auf die vorläufigen Angaben des statistischen
Amtes angewiesen.^) Diese üngenauigkeit ist ohne Belang. Schwerer
fällt ins Gewicht dafs Grenzverschiebungen stattgefunden haben, die
aufzudecken Sache einer von der Gegenwart rückwärts aufsteigenden
geduldigen Ortsforschung wäre. Mit solchen Arbeiten haben wir in
Deutschland kaum erst den Anfang gemacht; es ist nicht zu hoffen,
dafs sie in Italien bald in Angriff genommen und rasch gefördert
werden sollten. 2) Das Ziel dem die Landeskunde zustrebt, schwebt
1) Annuario Statistico Italiano 1897 p. 6 1898 p. 8.
2) Auf meine Anregung hin beschlofs der Provinzialverband 1886 einen
Geschichtlichen Atlas der Rheinprovinz (eines Gebietes von rund 500 d. QM.)
herstellen zn lassen. Trotzdem es weder an äufseren Mitteln noch an tüch-
tigen Arbeitern fehlt, ist die Bearbeitung 1900 erst bei der Reformationszeit
angelangt.
§ 9. Die Bevölkerung. 103
also noch in weiter Ferne; vorläuOg ist sie zu einem ähnlich sum-
marischen Verfahren genötigt, wie es bei der Anordnung der latei-
nischen Inschriften eingehalten wurde. Dabei sind erhebliche Fehler
unvermeidlich. Ferner entbehren auf der anderen Seite die abge-
rundeten Zahlen der üeberlieferung gleichfalls der Bestimmtheit
welche die heutige Wissenschaft fordert. Die beiden Fehlerquellen
können einander aufheben , aber auch zusammenfallen und ver-
stärken. Wir können daher lediglich ungefähre Ergebnisse über
die Bevölkerungsziffer einzelner Territorien beibringen: nichts desto
weniger reichen sie zum Beweise für den obigen Satz aus.
Der Kreis Melfi mit dem Vulturgebirg (I 271) umfafst einen
bunten Wechsel von Hügeln tertiärer und vulkanischer Bildung,
mifst 1583 Dkm und ernährt durch Ackerbau rund 110 000 Seelen.
Er entspricht der Mark von Vennsia die 291 v. Chr. mit 20 000
Colonisten besiedelt ward. Damals kamen 12 — 13 Waffenfähige
50 — 60 Köpfe auf den Quadratkilometer, heute werden 72 gerechnet.
— Der Kreis Avezzaoo umschliefst die beiden Colonien Alba und
Carsioli die 303 und 298 auf aequischem Boden mit zusammen
10000 3Iann angelegt wurden. Er mifst 1925 Ckm: davon kommt
die gröfsere Hälfte für das Fuciner Becken und die marsischen Ort-
schaften Cerfennia, Marruvium, Supinum, Lucus in Abzug. Somit
wiederholt sich die Bevölkerungsziffer von Venusia oder ist unbe-
deutend geringer: 11 — 13 Waffenfähige 45 — 60 Köpfe auf den
Quadratkilometer, gegenwärtig 64. — Nicht mit Unrecht redet Livius
von der streitbaren Jugend der Volsker ohne Zahl. Dies bestätigt
ein Blick auf den Kreis Sora der 1381 Dkm 139000 Einwohner ent-
hält. Im Altertum lagen innerhalb seiner Grenzen 4 volskische
Municipien von hervorragender Bedeutung: Alma mit Cominium,
Arpinum mit Cereatae, Aquinum, Casinum; weiter die beiden lati-
nischen Colonien Interamna und Sora 312 und 303 gegründet,
jede mit 4000 Colonisten ausgestattet. Auf die beiden an erster
Stelle genannten Municipien deren Wehrkraft noch Cicero preist,
kommen rund 600 Dkm. Die Gemeindeflur des heutigen Sora wird
zu 78 Dkm angegeben. Theilen wir der antiken Vorgängerin
200 Dkm und ebenso viel der Schwestercolonie Interamna zu, so
würden beide die jetzige Dichtigkeitsziffer 100 erreichen. Zu hoch
ist das nicht gegriffen, eher zu niedrig. — 180 v, Chr. wurden
47000 Köpfe vom Stamme der ligurischen Apuaner in Samnium
104 Einleitung.
angesiedelt und bildeten hier zwei Gemeinden. Ihr Gebiet ent-
spricht dem Kreise San Barlolonimeo in Galdo mit 654 Dkm und
59 000 Einwohnern. Mithin kommen im Altertum 72, heute 90
auf den Ouadratkilometer. — Bereits I 512 ist der Nachricht gedacht
worden, dafs das Volk der Picenter 268 bei seiner üebergabe
360 000 Köpfe zählte: quinta regio Piceni est quondam uberrimae
multitudinis heifst es in der üebersicht bei Plinius. Die 5. Region
umfafst die Kreise Ancona, Macerata, Fermo, Ascoli Piceno, Teramo
mit 6482 Dkm und einer zwischen 89 und 139 schwankenden
Einwohnerziffer. Wollte man jene Angabe auf die ganze Region
beziehen , so würden im Altertum 55 Köpfe auf den Quadratkilo-
meter entfallen. Allein dies ist nicht möglich, weil der Süden, das
Gebiet der Praetuttier bereits 290 v. Chr. von den Romern unter-
worfen worden war. Der Kreis Teramo ist folglich bei Seite zu
lassen, der Flächeninhalt der vier anderen beträgt 4703 Dkm, die
antike Einwohnerziffer 77 und das nach einem unmittelbar voraus-
gegangenen Krieg. — Picenum ist ein fruchtbares Hügelland und
naturgemäfs dichter bewohnt als der Appennin, Wir erwarten eine
weitere bedeutende Steigerung in Campanien als dem gesegnetsten
Theil Italiens anzutreffen und finden uns nicht getäuscht. Beloch
setzt das Gebiet von Capua und den verbündeten Gemeinden auf
rund 1000 Dkm an. Zum Felddienst waren 216 v. Chr. 30 000 Mann
zu Fufs 4000 zu Pferde verpflichtet. Da auf den Ritterbürtigen
ein paar Knechte zu rechnen sind, so entfallen auf den Quadrat-
kilometer mehr als 150 Köpfe. Wahrscheinlich viel mehr; denn die
Unfreien müssen unter den Handwerkern stark vertreten gewesen
sein. In der That wurde 59 v. Chr. der Rest der campanischen
Domäne von rund 500 Dkm an 20 000 römische Bürger die 3 und
mehr Kinder hatten, aufgetheilt: dies ergiebt eine ländliche Be-
völkerung von reichlich 200 Köpfen auf den Quadratkilometer,
während der Kreis Caserto heute 213 zählt. — Die angeführten
Beispiele lehren, dafs die Volkszifler im Altertum unerheblich,
höchstens 20 — 25 Procent hinter der Gegenwart zurückbleibt. In-
dessen wäre es voreilig dies Ergehnifs zu verallgemeinern und auf
die ganze Halbinsel zu übertragen.
Aus dem Jahre 225 v. Chr. ist ein Verzeichnifs der italischen
Wehrmänner, d. h. der durch ein Alter von 18 — 46 Jahren zum
Felddienst befähigten, sowie durch ihren Besitz dazu berechtigten
§ 9. Die Bevölkerung. 105
Bürger und Bundesgenossen erhalten. i) iNach Abzug der Veneier
und Cenomanen verbleiben für den italischen Bund rund 680 000
Mann zu Fufs und 70 000 Reiter. Das Bundesgebiet befafst die
Halbinsel vom Rubicon und Arno ab, mit Ausschlufs von ganz
Bruttium und einigen hellenischen Städten wie Neapel und Velia,
nach heutiger Einlheilung die Landschaften Toscana (ohne die Kreise
Lucca und Massa-Carrara) Marken (mit Rimini) Umbrien, Latium,
Abruzzen, Campanien, Apulieu, Basilicata, an Flächeninhalt in runder
Ziffer 120 OÜO rkm. Mithin kommen auf den Quadratkilometer
6V4 Wehrmänner 31 Kopfe, auf den ganzen italischen Bund eine
freie Bevölkerung von 3,75 3Iillionen, während die Volkszählung
1881 11,46 Millionen ergab. Daraus darf man jedoch nicht den
Schlufs ziehen, dafs die Volksdichtigkeit 225 v. Chr. nur ein Drittel
der heuligen betragen habe; denn wir wissen weder wie hoch die
Sklaven noch die zum Heerdienst nicht berechtigten Freien io An-
satz zu bringen sind. Wenn die Liste 70 000 Reiter angiebl, so
sind darunter ebenso viel ritterliche Vermögen zu verstehen, üb
diese damals wie später zu 400 000 Sesterzen (87 000 Mark) normirt
waren, ist ungewifs: immerhin erforderte die Bewirtschaftung fremde
Arme. Am Stärksten sind die ritterlichen Vermögen in ApuHen-
Calabrien und den Abruzzen vertreten: dort verhallen sie sich zu den
bürgerlichen wie 1 : 3, hier wie 1 : 5. Beide landschaftlichen Gruppen
sind durch den gemeinsamen Betrieb der Schafzucht, den Wechsel
zwischen Winter- und Sommerweide eng mit einander verbunden:
bezeugter Mafsen gehörten die Hirten im 2. Jahrhundert v. Chr. dem
Stande der Unfreien an, vermutlich auch schon im 3. In den
Städten Apuliens blühte das Tuchmachergewerbe und behauptete
sein Ansehen bis zum Ausgang des Altertums (S. 98). Die grofse
Menge der Münzstätten (S. 77) lehrt wie sehr im Südosten Italiens
Geld und Verkehr zur Herrschaft gelangt waren. Damit steht das
Vorwiegen der ritterlichen Vermögen im besten Einklang und als
Kehrseile hiervon die militärische Schwäche. W'ir bedauern dafs
Polybios oder sein Gewährsmann nicht mehr ins Einzelne gegangen
ist, vermissen namentlich ein W^ort darüber aus welchen Theilen die
zur Fahne einberufenen Bundesgenossen stammten. Aber auch in
ihrer lückenhaften Fassung bestätigt die Urkunde eine in der Ge-
1) Fol. 11 2A u. a. Die Grundlage für die kiilische Verwertung des Ver-
zeichnisses ist klar und bündig von Mommsen Rom. Forsch. II 382 fg. gesichert
worden.
106 Einleitung,
schichte des Altertums oft wiederholte Erfahrung, dafs nämlich Ab-
nahme der Wehrkraft mit fortschreitender Arbeitstheilung Hand in
Hand gehl. Den tiefsten Stand zeigt Etrurien an. Das gesamte
Aufgebot der Sabiner und Etrnsker beläuft sich auf 50 000 Fufs-
gänger 4000 Reiter; wer unter den Sabinern gemeint und wie
stark sie waren , wissen wir nicht. Immerhin hat Etrurien mit
25 000 Dkm nicht mehr als 1 — 2 Wehrmänner vom Quadratkilo-
meter gestellt. Günstiger lautet die Ziffer für Lucanien, nämlich
3 — 4. Die Stammrolle enthielt 30 000 Fufsgänger 3000 Reiter:
ob dazu Feldtruppen kamen, ist zweifelhaft. i) Anderseits ist das
Gebiet I 535 vielleicht zu niedrig mit 10000 Dkm angesetzt worden :
es können auch 1 — 2000 mehr gewesen sein. Dann folgt Apulien-
Calabrien das nach Abzug der Stadtgebiete von Luceria und Brun-
disium rund 17500 Dkm befafst. Die Stammrolle enthielt 50 000
Fufsgänger 16 000 Reiter: von Feldtruppen ist nichts bekannt. 2)
Die Zahl der auf den Quadratkilometer entfallenden Wehrmänner
kann sich nicht weit von 4 entfernen. Indem wir das Gebiet der
mit den Etruskern vereinigten Sabiner um abzurunden mit 2500
Qkm in Rechnung setzen, so machen die drei aufgeführten Land-
schaften die unkriegerische Hälfte des Bundes aus: 55000 Dkm
130 000 Fufsgänger 24000 Reiter. Die wehrhafte Hälfte umfafst
Römer, Latiner, Samniten, Campaner, Abruzzesen, Umbrer: 65 000
D km 550 000 Fufsgänger 46 000 Reiter. Jene bietet kaum
3, diese 9 — 10 Wehrfähige auf den Quadratkilometer. Soll man
nun dies Verhältnifs auf die Dichtigkeit der Bevölkerung übertragen
und glauben , dafs die Culturlandschaften bereits 225 v. Chr. ver-
ödet gewesen wären? Etrurien hätte nach Mafsgabe seiner miU-
tärischen Leistung 5 — 10 Einwohner auf den Quadratkilometer,
3 — 500 auf die deutsche Quadratmeile gehabt, während die Ma-
remmen heute das Vierfache aufweisen und die Gegend am Arno
217 in üppiger Fülle prangte.^) Für Apulien reichen 1100 Ein-
1) Aeliiilicii wird die Släike der Lucaiier 390 auf 30 000 Fufsgänger 4000
Reiter angegeben Diod. XIV 101,4.
2) Der Sachlage nach sind die beiden in Tarent und Sicilien postirten
Legionen darauf angewiesen ihre bundesgenössischen Hülfstruppen aus Luca-
nien und Apulien zu beziehen. Vielleicht fehlt deren Erwähnung bei Polybios
weil sie in den Hauplsummen der Stammrolle stecken. Die Mannschaft der
Tarentiner (Liv. XXIV 13) ist unter den Apnlo-Messapiern mit einbegriffen.
3) Liv. XXII 3 7-egio erat in primix Italiae fertilis, Etnisci campi qui
Faesulas inter Arreliumque iacent, frumenti ac pecoris et omnium copia
rerum opulenti.
§ 9. Die Bevölkerung. 107
wohner auf flie Quadratmeile entfernt nicht aus: seine 4 Grofsstädte
(S. 37) lagen noch nicht in Trümmern, die oben hervorgehobene
Regsamkeit des Verkehrs ist mit der vermeintlichen Menschenarmut
unvereinbar. Wir wissen nicht nach welchem Census die Dienst-
pflicht bei den einzelnen Bundesgenossen geregelt war, dürfen in-
defs die Zahl der Ausgeschlossenen und Unfreien ziemlich hoch
rechnen. Vielfach wird die Ausdehnung der Sklaverei im 3. Jahr-
hundert V. Chr. unterschätzt, obwol Ronig Philipp 214 bezeugt, dafs
die Römer durch Freilassung die Mannschaft zur Gründung von
70 Colonien gewonnen hätten ([ 555). Was für Rom gilt, trifft
selbstverständlich auf alle Verkehrstädle zu. Bei den Helvetiern
machen die Waffenfähigen nach Caesar ein Viertel der Volksmenge
aus, im jetzigen Königreich Italien ein Zehntel.') Es wäre gleich
verkehrt diese oder jene Verhältnifsziffer zur Ermittelung der Ein-
wohnerschaft aus den Stammrollen von 225 zu verwenden; denn
damals hatte Italien die Culturstufe der Helvetier überschritten und
diejenige der Gegenwart lange nicht erreicht. Beloch veranschlagt
die Gesamthevolkerung der italischen Halbinsel im 3. Jahrhundert
auf höchstens 3V2 Millionen. 3Ian kann den Ansatz getrost ver-
doppeln: in diesem Falle kämen 6 Millionen aaf das eigentliche
Bundesgebiet, 1 auf Briittium nebst Neapel, Velia usw. Die Blüte
der Griechenstädte in Bruttium war längst dahin, aber diese Land-
schaft befindet sich auch jetzt in üblen Heften (I 336) und birgt
doch auf 15000 Dkm 1 1/3 Millionen Einwohner. Livius nennt den
hannibalischen Krieg den denkwürdigsten aller Kriege: von seinem
Standpunct aus mit vollem Recht. Es heifst die Geschichte ver-
zerren, wenn die Bevölkerungsziffer zu den militärischen Leistungen
Italiens in unlösbaren Widerspruch gebracht wird. Rom hat ein
Jahrzehnt und länger 20—23 Legionen im Felde und an 200 Deck-
schifTe in See gehalten. Zu den Streitern kam der Trofs der ge-
legenthch die Stärke jener erreichte.-) Von den Bundesgenossen
focht die Hälfte auf Seiten des Feindes und der Schauplätze waren
viele. Es mögen leicht an 4 — 500000 italische Männer ständig
mit dem Kriegshandwerk zu thun gehabt haben. Um eine Vor-
stellung von dem Menschenverlust zu erhalten genügt es nicht die
1) Gaes. b. Gall. I 29. Die Einwohnerzahl wird 1897 berechnet zu 31479 217,
die Controlstärke von Armee und Miliz zu 3 364 605: davon ist aber nur ein
Drittel kriegsmäfsig ausgebildet.
2) Pol. III 82,8 vgl. Liv. XXII 58.
108 Einleitung.
Ziffern der in den einzelnen Schlachten Gefallenen zu summiren.
Was im kleinen Krieg zu Grunde gingi), den Krankheiten und
Wunden erlagt), in die Sklaverei wanderte, mufs viel mehr betragen
haben. Es ist vollkommen begreiflich, dafs die Bürgerschaft er-
schöpft wurde, dafs Rom die unteren Stände, die Unfreien einge-
schlossen, ausgiebig zu Wasser wie zu Lande verwandt hat. 3)
Der Ausgang des Kampfes und die fernere Entwicklung Italiens
ist durch die Thalsache bedingt worden dafs der Norden, insonder-
heit das mit Hannibal verbündete keltische Flachland dünner be-
völkert war als die Halbinsel (I 74). In anderem Zusammenhang
wurde der Anstrengungen gedacht durch welche die Römer die
Niederungen urbar zu machen suchten (I 208). Ein Gesamtbild
wie jenes Verzeicbnifs von 225 für den Süden liefert, läfst sich
nicht entwerfen. Nur ein paar Daten dienen zur Erläuterung des
Gesagten. — Die beiden Pofeslungen Cremona und Placentia wurden
218 v. Chr. mit je 6000 Colonisten ausgestattet, was einer bürger-
lichen Einwohnerschaft von 30000 entspricht. Der erstere Kreis
mifst 979 Dkm mit 178 Seelen auf den Quadratkilometer, im
Altertum nur 31. Jedoch stellt sich die Dichtigkeitsziffer vielleicht
günstiger, weil die Flur von Cremona 41 v. Chr. auf Kosten Man-
tua's erweitert ward. Der Kreis Piacenza mifst 1623 Gkra mit
einer Dichtigkeit von 102 die 218 v. Chr. auf 17 herabgeht. Dabei
ist zu beachten dafs sich südlich vom Po grofse Sümpfe hinzogen,^)
sowie dafs vermutlich im Appennin eine Anzahl ligurischer Dörfer
der Colonie zugetheilt waren. Augenscheinlich waltet ein derartiges
Verhältnifs bei den anderen Gründungen in der Aemilia ob. Parma
erhielt 183 v. Chr. eine Colonie von 2000 Bürgern denen 4000 ha
Ackerland zugewiesen wurden. Der heutige Kreis umfafst 1590 Ckm
mit 100 Seelen auf den Quadratkilometer. Wenn er nun auch
ein kleines Municipium Forum Novnm umschlofs, so bleiben doch
13 — 1400 Dkm übrig die schwerlich als unbewohnter Wald ange-
sehen werden können. Aehnlich steht es mit der Schwestercolonie
Mutina. An die 3000 latinischen Ansiedler von Bononia gelangten
189 V. Chr. 400 Dkm zur Vertheilung. Der heutige Kreis mifst
2237 Dkm mit einer Dichtigkeit von 162. Letzlere Ziffer für das
1) Pol. III 86,10.
2) Liv. XXVII y.
3) Liv. XXII 57 XXiV 11. 16 XXVI 35 XXVII 38.
4) Suab. V 217 Liv. XXXIV 48.
§ 9. Die Bevölkerung. 109
Altertum auf 7 herunter zu drücken wäre diesem alten Culturboden
gegenüber reiner Unsinn. Indessen legt die heutige Mundart un-
trügliches Zeugnifs dafür ab dafs die Aemilia in den Römern wol
ihre Herren, nicht den Hauptstock ihrer Bewohner empfangen hat:
das lautliche Gepräge ist ein ausgesprochen gallisches (I 482). —
Das Küstenland im Osten liefs in seiner Entwicklung die nach den
Galliern benannte Mitte weit hinter sich. Strabo erwähnt dafs
Patavmm einst Heere von 120 000 Mann aufbieten konnte (I 491).
Man braucht die Nachricht keineswegs in das Gebiet der Fabel zu
verweisen. Wie auch sonst üblich steht die Hauptstadt für das
ganze Volk. Dafs aber die Veneter in den Tagen der Vorzeit, als
sie ihre Grenze gegen die Kelten zu vertheidigen hatten, eine solche
Menge von Streitern oder eine freie Bevölkerung von 5 — 600 000
gezählt hätten, liegt durchaus im Bereich des Möglichen. Die von
ihnen bewohnten Kreise Belluno Padua Rovigo Treviso Venedig
Vicenza enthalten rund 15000 Gkm, auf den Quadratkilometer kämen
also 40 Seelen, heute 152. Es ist ja richtig dafs Veneter und
Cenomanen 225 v, Chr. nicht mehr als 20 000 3Iann aufbrachten:
aber beide Volker gehurten nicht zu den abhängigen Bundesgenossen
Roms, die Veneter liefsen, soweit unsere Kunde reicht, Rom seine
Kriege allein ausfechten uud beschränkten ihren Beistand auf eine
wolwollende Hallung. Dies Beobachtungsheer hat mit der von den
Streitkräften der Halbinsel gegebenen Uebersicht nichts zu schaffen.
— Was den Westen betiiflt, so wird eine Menge ligurischer Cantone
namentlich erwähnt, und die Kopfzahl kann nicht ganz gering ge-
wesen sein. Dies be weifst schon die Verpflanzung der 47000
Apuaner nach Samnium deren S. 103 gedacht wurde. Das keltische
Volk der Salasser wurde 25 v. Chr. ausgerottet, indem es in Bausch
und Bogen 44000 Köpfe auf den Markt kam. Der Kreis Aosta
an dem ihr Name vermöge der alsbald erfolgten Gründung von
Angusta Praetoria Salassorum haftet, enthält 3266 Dkm 83 000 Ein-
wohner. Daraus ergiebt sich eine Dichtigkeit von 13 für das Alter-
tum, 25 für die Gegenwart. Wenn nur 3000 Praetorianer das Erbe
des Stammes antreten, so haben diese klärlich mit Knechten ge-
wirtschaftet. — Aus den besprochenen Einzelposten zu einem zu-
sammenfassenden Ergebnifs zu gelangen ist hinsichtlich des Nordens
noch schwieriger als bei der Halbinsel. Beloch schätzt die Be-
völkerung vor dem hannibabschen Krieg zu V2— 1 Million, so dafs
von 115 000 Gkm die des Augustus Grenzen umschhefsen, im
110 Einleitung.
Mitlei der Quadratkilometer von 4—9 Menschen bewohnt gewesen
wäre. Für das jenseitige Gallien giebt Caesar 2 — 4 mal so viel an.
Wenden wir in Ermangelung eines besseren den Mafsstab an den
Caesar darbietet, so kommt Belgica mit 94000 Dkm an Umfang
der für Oberitalien bestimmten Ziffer nahe. Diesem würde mithin
225 V, Chr. eine Bevölkerung von reichlich 2 Millionen zugeschrieben
werden, deren Dichtigkeit sich zu derjenigen der Halbinsel wie 1 : 3
verhält. Die lange Friedenszeit die mit dem 2. Jahrhundert v. Chr.
anbricht, hat das Verhältnifs der beiden Landeshälfien zu einander
von Grund aus umgestaltet. Darüber belehren uns urkundhche
Quellen.
Die rsachrichten über die Stärke der römischen Bürgerschaft
in älteren Jahrhunderten sind allem Anschein nach erdichtet. i)
Auch der von Niebuhr empfohlene Ausweg die Ziffern sowol Bundes-
genossen als Bürger umfassen zu lassen führt auf keinen festen
Boden : von dem Widerspruch der Gewährsmänner abgesehen, ergäbe
sich noch immer eine unglaubHche Dichtigkeit der Bevölkerung.
Die Annalisten, Fabius an der Spitze, verstehen die Zahlen ausdrück-
lich von den waffenfähigen römischen Bürgern 2), nach Dionys
machen diese ein Viertel der gesamten Einwohnerschaft aus.^)
Neben der übertreibenden Geschichtschreibung jedoch, die sorglos
die Einrichtungen der punischen Kriege den Königen beilegt, fehlt
es nicht an Aeufserungen nüchterner Kritik, welche die Census-
ziffern auf die ganze freie Bevölkerung bezieht. 4) Solche Auffassung
giebt die einzige Möglichkeit an die Hand um die Tradition zu
verlheidigen:
550 v. Chr. 80000 Fabius Liv. I 44, 84000 Eutrop I 7, 84700
Dion. H. IV 22.
508 130 000 Dion. H. V 20.
503 120000 Hieronymus a. Abr. 1513.
498 150 700 Dion. H. V 75.
493 110 000 Dion. H. VI 96.
474 133 000 Dion. H. IX 36.
465 104 714 civium capita censa dicuntur praeter orbos or-
basque Liv. III 3.
1) Schwegler Rom. Gesch. JI 679 fg.
2) Liv. I 44 111 3. 4 VI 6 Dion. H. IV 22 V 20. 75 VI 63 IX 25. 36.
3) Dion. H. IX 25.
4) Plin. XXX 111 16 capita libera.
§ 9. Die Bevölkerung. 111
459 117 319 Liv. III 24.
392 152 573 Plin. XXXIII 16.
Die Helvetier die auf einer niedrigeren Stufe der Entwicklung
standen, haben 58 v. Ciir. eine Volkszählung veranstaltet. Man
darf nicht bestreiten dafs solches im 5. und 6. Jahrhundert bereits
zu Rom geschehen sei, ebenso wenig dafs Berichte darüber den
Gallischen Brand überdauern konnten. In Erinnerung freilich an
die ungeheuerlichen Verlustangaben welche die Annalisten bei ihren
Schlachtbeschreibungen sich aus den Fingern sogen, wird das
äufserste Mistrauen rege. Nichts desto weniger verdient der Alter-
tumsforscher dem Plinius gefolgt ist, aufmerksames Gebor: er ver-
fügte über ein ungleich reicheres Material als wir, und der Zu-
weis von 152 713 freien Bewohnern an eine Grofsstadt mit einem
Gebiet von 983 Dkm (S. 88 A. 1) pafst zu den gegebenen Ver-
hältnissen vortrefflich. — Nach dem jähen Zusammenbruch seiner
Macht hat Rom in freigebigster Weise das Bürgerrecht ausgetheilt,
387 aus Vejentern Capenaten Faliskern 4 neue Tribus gebildet, 358
im Süden 2 weitere hinzugefügt.!) Die gewaltige Politik die es in
diesen Jahrzehnten einschlug, beruhte allein auf der Vermehrung
der Volkskraft. Es ist daher nicht zu verwundern wenn der nächste
Census auf den vierfachen Betrag des letztvorhergehenden anwächst;
denn die nach dem Gallischen Brande überlieferten Zahlen lassen
keine andere Deutung als auf die Waffenfähigen zu:
339 V. Chr. 160 000 Hieronymus a. Abr. 1677.
318 250 000 Liv. IX 19, irrig 150000 Oros. V 22,2.
Seit dem 3. Jahrhundert wird die Ueberlieferung reichhaltiger,
die Zweifel gegen ihre Zuverlässigkeit verstummen. 2) Wol konnten
in der handschrifthchen Fortpflanzung von Zahlen sich leicht Fehler
einschleichen die kein Scharfsinn aufspürt, desgleichen versagen
unsere Quellen die erwünschte Auskunft wie die Schwankungen
zwischen den einzelnen Aufnahmen zu erklären seien, aber im
Grofsen und Ganzen hat die Liste den Wert eines Actenstücks.
294 V. Chr. 262321 Liv. X 47.
289 272000 Liv. XI.
280 287 222 Liv. XIIL
1) Liv. VI 4. 5. VII 15.
2) Für die einzelnen Ziffern ist nur das entscheidende Zeugnifs beige-
bracht; das ganze Material bei C. de ßoor, Fasti censorii, diss. ßerl. 1873, vgl,
ßeloch Bevölkerung 339 fg.
112 Einleitung^.
275 271234 Liv. XIV.
265 29-2 331 Entrop H 18, irrig 382234 Liv. XVI.
252 297 797 Liv. XVlIl.
247 241712 Liv. XIX.
241 260000 Hieron. a. Ahr. 1773.
233 270 713 Liv. XX. Mommsen Rom. Forsch. II 398.
225 291300 Mommsen a. 0. 401.
208 137108 Liv. XXVII 36 minor aliquanto nnmerns quam
qui ante helbim fnerat; Ep. XXVII ex quo
nnmero apparnit quantmn hominum tot proelio-
rum adversa fortuna populo Romano abstulisset.
204 214 000 Liv. XXIX 37.
Was bedeuten diese Zahlen? Sie geben, lautet die Antwort,
die Summe der in den tahulae iuniorum verzeichneten Dienst-
pflichtigen an, aus denen die Legionen gebildet wurden. i) Die
Dienstpflicht beginnt mit dem vollendeten 17. und hört mit dem
abgelaufenen 46. Lebensjahr auf. Innerhalb dieses Zeitraums von
29 Jahren wird der Bürger zu 20 gewöhnlichen d. h. halbjährigen,
wenn Not an den Mann geht, zu 20 ganzjährigen Dienstleistungen
herangezogen. Aber nur der Besitz berechtigt zum Dienst in der
Legion: im 3. Jahrhundert wurde ein Vermögen von 11000 As
(957 Mark) verlangt, im 2. genügten 4000 As (348 Mark), seit
Marius kam auch diese Forderung in Wegfall. Was unter der an-
gegebenen Vermögensgrenze blieb, wurde zur Bemannung der Flotte
verwandt. 2) Man hat gemeint dafs die oben zusammengestellten
Ziffern auch die sem'ores, die älteren Jahrgänge von 48 — 60 mit
umfafst hätten : aber da diese sowol nach der Natur der Sache als
den Zeugnissen der Alten^) den Anstrengungen eines regelmäfsigen
Feldzugs nicht gewachsen waren, hätte ihre Aufnahme die praktische
Brauchbarkeit der Listen gestört. Nun hat Mommsen erkannt
dals die in der Uebersicht der italischen Wehrfähigen von 225 ent-
haltene Summe der römischen Bürger aufs Beste sich den über-
beferten Censuszahlen einfügt, und bat damit deren Deutung fest-
gestellt. Die ansehnliche Steigerung gegenüber dem vorausgehenden
Census um mehr als 20 000 Köpfe erklärt sich aus der Landan-
1) Liv. XXIV 18 Pol. VI 19 fg.
2) Liv. I 43, Dion. H. IV 18, Cassius Hemina fr. 21 Peter, Gell. N. A. XVI
10,11, Pol. VI 19,3.
3) Varro bei Censor. 14,2.
§ 9, Die Bevölkerung. 113
Weisung des Gaius Flaminiiis: die Ackergesetze des Tiberius Grac-
chus haben, wie S. 30 bemerkt, eine ähnliche Wirkung gehabt. Man
wendet gegen die hier vertretene Auffassung ein dafs bei solcher
Stärke der jüngeren Altersclassen der Mangel an Mannschaften un-
begreiflich wäre, den Rom im Verlauf des hannibalischen Krieges mit
allen Mittel zu bekämpfen hatte. Der Einwand ruht auf schwachen
Füfsen; denn Dienstpflicht und Tauglichkeit sind zwei verschiedene
Dinge, über jene entscheidet der Censor, über diese der Consul bei
der Aushebung. Im heutigen Italien werden von den Gemusterten
20 Procent als untauglich erklärt, ebenso viel zeitweise gleichfalls
wegen körperlicher Mängel zurückgestellt, ein in die Augen fallender
Theil (vor 1891 volle 27 Procent) aus Familienrücksichten befreit.
Im Altertum sind sicherlich nicht zwei Drittel der Gestellungspflich-
tigen sofort ausgeschieden: immerhin mufs die Stammrolle einen
grofsen Satz von Halb- und Ganzinvahden aufgewiesen haben. i)
Es wird erzählt dafs Rom in seiner Redrängnifs die untere Alters-
grenze nicht beachtete2), auch die gesetzhche Freiheit von der Aus-
hebung aufhob. 3) Für die Annahme aber dafs die Legionen aus
alten Männern zusammengesetzt gewesen wären, fehlt es an Zeug-
nissen.^) Hätten die Censusziffern wirklich, wie man meint, die
Summe von 43 Jahrgängen ausgedrückt, so möchte davon kaum
die Hälfte für den Felddienst brauchbar gewesen sein. Den tiefsten
Stand der Wehrkraft zeigt das Jahr 208 an: dabei ist indessen zu
beachten dafs das Ausschwärmen der Rürger in die Provinzen das
später sich so stark bemerkbar macht (S. 90), die Niedrigkeit zum
Theil erklärt. 5) Eine Schätzung der Verluste ist nicht möglich, aber
erst ein Menschenalter nach dem Kriege ist die Zählung von 225
überholt worden.
194 V. Chr. 143 704 Liv. XXXV 9 verschrieben für 243 704.
189 258 318 Liv. XXXVIH 36.
179 258 794 Liv. XLI.
174 269015 Liv. XLH 10.
1) Liv. XXIV 18.
2) Liv. XXII 57 XXV 5.
3) Liv. XXVII 38.
4) Liv. XLII 32 fg. machen die aushebenden Beamten vor dem 50. Lebens-
jahr nicht Halt; aber es handelt sich um Offiziere, die länger dienstfähig
bleiben, weil sie von der Last des Gepäcks verschont sind.
5) Liv. XX Vm 11 XXIX 37 Pol. III 82,8.
Nissen, Ital. Landesknnde. IL 8
114 Einleitung.
169 312805 Liv. XLV.
164 337 022 Liv. XLV], 337 452 Plut. Aem. P. 38.
159 328316 Liv. XLVIL
154 324000 Liv. XLVIIL
147 322000 Hieron. a. Abr. 1870.
142 327 442 Liv. LIV.
136 317933 Liv. LVL
131 318823 praeter pupillos et viduas Liv. LIX.
125 394 736 Liv. LX.
115 394 336 Liv. LXIIL
Um die Liste für das 3. und 2. Jahrhundert zur Ermittelung
der Volksdichtigkeit verwenden zu können, mufs zunächst die Frage
entschieden werden ob nur die Vollbürger oder auch die Bürger
ohne Wahlrecht in ihr enthalten sind. Die letzteren wurden von
den Censoren in einem besonderen Verzeichnifs {tabulae Caeritum)
geführt und konnten ebenso gut aus- wie eingeschlossen sein. Für
jene Annahme beweist die nach "fribus geregelte Aushebung, wie
Polybios sie schildert, nichts; denn als er schrieb, hatten die fiüheren
Halbbürgergemeinden Aufnahme in die Tribus erlangt. Dagegen
fällt ins Gewicht dafs die Cam))aner die doch minderes Bürgerrecht
besafsen, bei dem Census von 225 nicht mitzählen, vielmehr eigene
Truppenkörper bilden. i) Allein die Campaner nehmen eine so un-
abhängige Sonderstellung ein, dafs sie nicht selten geradezu als
Bundesgenossen bezeichnet werden. Campanische Legionen sind be-
zeugt; der Masse der Volsker, Etrusker, Sabiner usw. die des Wahl-
rechts entbehrten, läfst sich eine gleiche Selbständigkeit schwerlich
zuschreiben. 2) Wie dem auch sei, liefern die Censusziffern für sich
den Beweis dafs die Halbbürger mit Ausnahme der Campaner ein-
begriffen sind. Das römische Gebiet (mit Ausschlufs von Capua
und Bruttium) umfafste 225 v. Chr. rund 25000 Dkm und zählte
12 Waffenfähige auf den Quadratkilometer. Dafs es an Wehrkraft
nicht nur den italischen Bund in der Gesamtheit sondern auch
dessen stärkere Hälfte (S. 106) überragte, ist in der Ordnung; denn
die Bömer hatten sich mit Vorliebe fruchtbare Landstriche ange-
eignet, während das freie Hochgebirg weniger Menschen ernähren
konnte. Die Zählungen vor 225 steigen in ihren Ergebnissen auf
1) Pol. II 24,14 Fabius Gros. IV 13,7.
2) Dion. H. XX 1 scheint dies zu thun: ob mit Recht, steht dahin.
§ 9. Die Bevölkerung. 115
und ab. Die oiedrigen Ziffern 275. 247 verraten die Wirkung der
blutigen Kriege mit Pyrrhos und Karthago. Wenn sie umgekehrt
in die Höhe schnellen, geht eine bedeutende Erweiterung des Ge-
biets voraus. So hat der Latinerkrieg, die Zuverlässigkeit der über-
lieferten Angaben vorausgesetzt, die Bürgerschaft um 90000 ver-
mehrt. Die Eroberung der Sabina brachte einen Zuwachs von
10000, der gallischen Mark 15000, Picenums 21000. Seit dem
Tiefstand von 247 dagegen ist der Staat bemüht gewesen durch An-
weisungen aus dem Gemeinland das Bürgertum wieder zu heben.
Die Gründung der drei S. 28. 29 genannten Colonien sowie die Er-
richtung von zwei neuen Tribus 241 erklären die nächste Steigerung,
das Ackergesetz des Flaminius, wie S. 112 gesagt, die folgende die
den Niedergang nach Ausbruch des karthagischen Krieges nahezu
ausgleicht. So viel über die Schwankungen der Liste. Dafs sie
aber die Masse der etruskischen sabinischen latinischen hernikischen
volskischen ausonischen Halbbürger mitzählt, lehrt ein Blick auf die
Karte. Welcher Bruchlheil des zu 25 000 Dkm angenommenen
römischen Gebiets von ihnen bewohnt wurde, läfst sich nicht be-
stimmen. Beloch rechnete früher 85 Procent. Man mag den An-
satz für die Vollbürger von 15 auf 30, selbst 50 Procent erhöhen,
so wird die behauptete Thatsache nicht erschüttert. Sollen die
Censusziffern nur die Wahlberechtigten bezeichnen, so kämen 20 — 30
Wehrfähige, eine freie Bevölkerung von 100 — 150 Köpfen auf den
Quadratkilometer: eine Dichtigkeit die dem gesegneten Campanien
(S. 104), aber nicht den Bodenverhältnissen Miltelitaliens ansteht.
Der Sieg über Hannibal und dessen Verbündete verdoppelte
den Umfang des bürgerlichen Gebiets. In den nächsten 50 Jahren
sind 18 Bürgercolonien ausgesandt worden, wovon die nördlichen je
2000 Ansiedler erhielten. Die Annalen übergehen die vielen Markt-
flecken deren Ursprung gleichfalls mit Landvertheilungen zusammen-
hing. Die Campaner ferner, die Ligurer von Samnium fanden in
den Censuslisten Aufnahme, Latiner suchten sich einzuschmuggeln. i)
Der Vermögenssatz endUch wurde ermäfsigt (S. 112). Die Gründe
warum alle diese Mafsregeln keine raschere und entschiedenere
Steigerung der Censusziffern bewirkten, sind in dem S. 88 fg. er-
örterten wirtschafthchen Umschwung gegeben. Bei Pydna gewann
1) Liv. XLII 10.
s*
116 Einleitung.
Aemilius Paullus 168 die Schlacht die den Römern die Weltherr-
schaft verschaffte, derselbe trug 4 Jahre darauf die gröfste Zahl in
die Liste der Wehrmänner ein welche ein Censor bisher erreicht
hatte. Dann geht es langsam abwärts, bis die Gracchen rücksichts-
los eingriffen. Auf das plötzliche Emporschnellen scheint wieder
ein Sinken der Censusziffer zu folgen. Darüber werden wir nicht
unterrichtet, weil die Ueberlieferung erst bei dem grofsen durch die
Revolution herbeigeführten Wandel einsetzt.
86 V. Chr. 463 000 Hieron. a. Abr. 1932.
7U 900 000 Liv. XCVIU, 910000 Phlegon Phot. cod. 97.
2S 4 063000 Mon. Ancyr. c. 8.
8 4233000 eb.
14 n.Chr. 4937 000 eb.
47 5 984 072 Tac. Ann. XI 25, 6 944 000 Hieron. a. Abr. 2064.
Die an erster Stelle aufgeführte Ziffer ist zu unsicher über-
liefert um eine Erörterung zu gestatten. Dagegen steht die zweite
vollkommen fest. Mit dem Jahre 225 verglichen ist die Summe
der Wehrfähigen nur um 20 Procent gestiegen, obwol das bezügliche
Gebiet damals 120000 Dkm, jetzt ungefähr 180000 Dkm italischen
Rodens umfafste. Wenn man ferner erwägt dafs die Proletarier
seit Marius in der Legion dienten, also auch bei dem Census 70 v.
Chr. in die Stammrolle eingetragen wurden, so erscheint der Nieder-
gang der Volkskraft dem dritten Jahrhundert gegenüber in noch
grellerem Licht. Zwar haben die Wirren der beiden letzten Jahr-
zehnte, der Bundesgenossen- Bürger- und Sklavenkrieg breite Lücken
in der Bevölkerung Italiens gerissen. i) Aber die ganze Erscheinung
erhält doch erst durch den früher betrachteten wirtschaftlichen Um-
schwung ihr volles Verständnifs. — Durch die Aufnahme der Trans-
padana 49 v. Chr. wurde das Bürgergebiet in Italien abermals
(nach Abrechnung der Gebirgsdistricte minderen Rechtes) um rund
60000 Dkm erweitert. Aufserdem gab es bei dem ersten Census
des Augustus gegen 120, bei dem letzten gegen 150 Gemeinden
römischer Bürger innerhalb der Provinzen. Dieser zwiefache Zu-
wachs würde wol erklären dafs der Census von 28 trotz der vor-
ausgegangenen Bürgerkriege eine bedeutende Vermehrung aufwiese.
Aber er reicht keineswegs aus den Abstand zwischen beiden Zahlen
auszufüllen. Die Annahme dass es unter Augustus 4 — 5 Millionen
1) Vell. II 15 Diod. XXXVIII 15 Appian b. civ. I 93 Dio. XLIII 25.
§ 9. Die Bevölkerung. 117
wehrfähiger Bürger gegeben habe, von denen 3 Procent ihrer
Dienstpflicht genügten, fällt aufserhalb des Bereichs der Möglichkeit.
Deshalb müssen die kaiserlichen Censusziffern eine andere Bedeutung
haben als die republikanischen. Beloch meint: Augustus habe eine
Zählung der bürgerlichen Bevölkerung nach heutiger Weise unter
Einschlufs der Frauen und Kinder veranstaltet, und gelangt damit
zu jenem niedrigen Ansatz von dem S. 110 die Rede war. Allein
die Mittheilungen aus den Listen des Census von 74 n. Chr. der
sich ganz nach dem Vorbild des Augustus richtete, lehren dafs dieser
ein wesenthch anderes Verfahren eingeschlagen hatte. Unter den
Langlebigen der 8. Region Aemilia werden 52 Männer und 17
Frauen mit Namen aufgeführt, i) Aus dem Verhältnifs der beiden
Geschlechter zu einander ersieht man sofort dafs nur selbständige
Personen eingeschätzt worden sind: dafs Wittwen und Waisen eine
eigene Rubrik bildeten, wird schon 465 und 131 v.Chr. ange-
merkt. Die Annalen der Republik haben die tabulae iuniorum, die
Aushebungsliste überliefert. Seitdem die Bürgerschaft Italiens vom
Kriegsdienst thatsächlich befreit war, hatte es keinen praktischen
Zweck mehr über die Wehrpflichtigen besonders Buch zu führen.
Wol aber konnte die Hauptliste welche die Aufnahme des Vermögeos
enthielt, der Verwaltung wesentliche Dienste leisten, so z.B. für
die Durchführung der Ehegesetze, die Regelung der Koruzufuhr, die
öfl'entliche Wollhätigkeit. Unsere Nachrichten beschränken sich auf
Rom: indefs hegt auf der Hand dafs keine Gemeinde ohne einen
Ueberblick über ihre Glieder und deren Habe zu wirtschaften im
Stande war. Eine Zählung der Kinder hat aber sicherlich nicht
statt gefunden. Erst als die Menschenarmut in erschreckender
Weise sich fühlbar machte, hat Marc Aurel die Anmeldung der Ge-
burten innerhalb 30 Tage nach der Geburt befohlen. 2) Ungefähr
gleichzeitig und aus derselben Ursache wird das Recht des Vaters
die Kinder auszusetzen aufgehoben und die Aussetzung als ein Ver-
brechen betrachtet. 3) Mithin befassen die ca^pita civium Romanorum
des kaiserlichen Census annähernd 35 — 40 Procent der bürgerlichen
1) Phlegon ed. Keller p. 85 fg. Plin. VII 162 fg. Es liegt kein Grund vor
die allgemeine Richtigkeit dieser Angaben zu beanstanden.
2) Die Nachricht der Vita 9,7 wird durch die Inschriften bestätigt, wie
die umsichtige Untersuchung von Wilhelm Levison, Die Beurkundung des Civil-
standes im Altertum, Bonner Jahrb. ClI (1898) 1—82, gezeigt hat.
3) Paulus Dig. XXV 3,4 Mommsen Strafrecht 619.
118 Einleitung.
BevölkeruDg, Dämlich 1. alle Männer vom Eintritt der Mündigkeit
d. h. vom 15. — 18. Jahr ab, 2. verwittwete oder (wenn es solche
überhaupt gab, denn erwähnt werden sie nicht) unverheiratete
Frauen, 3. begüterte Waisen. Nach der Zahl der Gemeinden (wir
haben keinen anderen Vergleich) steht die aufseritalische Bürger-
schaft zur italischen im Verhällnifs von 1 : 3. Daraus folgt dafs
Italien zur Zeit des Augustus eine bürgerliche Bevölkerung von
9 — 10 Millionen enthielt. Die einzelnen Posten aus denen die
Rechnung aufgebaut ist, mögen noch so schwankend erscheinen,
das Endergebnifs ist nicht zu hoch gegriffen. Indem weiter die
Menge der im Lande lebenden Peregrinen berücksichtigt wird, d. h,
einerseits der fremden Händler und Handwerker in den Städten,
anderseits der attribuirten ßergstämme im Norden, so wird inner-
halb des rund 250000 Dkm betragenden italischen Gebiets eine
freie Einwohnerschaft von mindestens 10 Millionen anzunehmen sein.
Für die Ermittelung der unfreien Einwohnerschaft stehen keinerlei
zahlenmäfsige Angaben zu Gebote. Aus verschiedenen Aeufserungen
der Zeitgenossen wird geschlossen dafs sie an Umfang die freie
übertroffen habe.i) Auf viele Gegenden Italiens trifft der Schlufs
in der That zu. Die ausgedehnte Weidewirtschaft in Apulien Cala-
brien Lucanien und Bruttium wird seit Alters mit Sklaven betrieben
(S. 105); die Gesetzgebung hat verlangt dafs ein Drittel der Hirten
aus freigebornen Leuten bestehen müsse, aber ohne Erfolg. 2) Die
reichen Weizenfelder Etruriens werden von Unfreien bestellt. 3) In
Latium Campanien (S. 94) dem Volskerland (S. 99) ist der unab-
hängige Bauerstand nahezu ausgerottet. Wo er sich behauptet
hatte, wie im Appennin und dem Norden, ist auch er auf die Arbeit
von Knechten angewiesen (S. 93). Das Verhältnifs von Grofs- und
Kleinbesitz zu einander läfst sich nicht bestimmen: das Land als
Ganzes genommen, wiegt jener ohne Zweifel vor. Im Einzelnen
gelangt die geschichtliche Vergangenheit zum Ausdruck: so hat die
etruskische Plantagenwirtschaft auf ehemals keltischem Boden keinen
Eingang gefunden (I 438). — Um die Dichtigkeit der ländhchen
Bevölkerung aber nicht zu unterschätzen, mufs ein wichtiger Wandel
im Gutsbetrieb Berücksichtigung finden. Der alte Cato verwandte
1) Seneca de dem. I 24,1 Tac. Ann. IV 27 XIII 27.
2) Sueton Caes. 42 Appian b. civ. 1 8.
3) Liv. XXXIH 36 Piut. Tib. Gracch. 8,7 Martial IX 22,4 et sonet innumera
compede Tuscus ager.
§ 9. Die Bevölkerung. 119
nur ledige Knechte (S. 93). Dies war die Zeit wo das Legen der
Bauern blühte und auf Delos täglich die Menschenvvaare Myriaden-
weise nach Italien verschifft wurde. i) Die Creatur forderte ihr Recht,
die rohe Kraft zerschlug ihre Fesseln, durchbrach den Zwinger und
stürzte die Gesellschaft in ernsthafte Gefahr. Schliefslich mufste der
Aufstand des Spartacus 71 v. Chr. in Strömen von Blut erstickt
werden. Seitdem hören wir von derartigen bedeutenden Erhebungen
nicht wieder und fragen nach dem Grund dieses bemerkenswerten
Umschwungs. Er liegt augenscheinlich darin dafs dem ländlichen
Gesinde die Ehe in der Regel freigegeben wurde 2) : nicht etwa aus
Humanität, sondern weil der einsichtige Landwirt aus der Kin-
derzeugung gleichen Nutzen zog wie aus der Vermehrung seines
Viehstandes. •*) — In den Städten wird die öffentliche Arbeit ganz,
die gewerbliche gröfsten Theils von Sklaven geleistet (S. 93). Von
den Bedürfnissen des eigenen Marktes abgesehen, ist die Ausfuhr
gewerblicher Erzeugnisse als eine bedeutende zu betrachten (S. 98).
Dabei darf man nicht vergessen dafs die antike Industrie ebenso
verschwenderisch mit der Menschenkraft schaltet wie die antike
Marine (I 125), weil beiden vollkommene Maschinen fehlen. Endhch
kommt der Luxus in Rechnung. V^^as Staat und Gemeinde an
Fechtern und fahrendem Volk zur Kurzweil der Bürger brauchten,
stellt nach heutigen Begriffen einen hohen Posten dar, verschwindet
aber gegenüber den Ansprüchen die der Einzelne, soweit seine
Mittel es ihm erlaubten , an die Würde und Bequemlichkeit des
Haushalts erhob. Die Behauptung dafs viele Römer ihren 10 und
20000 Sklaven übersteigenden Besitz lediglich benutzt hätten um
glänzend aufzutreten, ist allerdings stark aufgetragen.^) Immerhin
geht der mit der Bedienung getriebene Aufwand ins Ungemessene.^)
Das Fehlen eines Sklaven ist ein Kennzeichen der Armut. 6) Der
Bedarf zum anständigen Leben schwankt zwischen 10 und 200.')
Den Verbannten werden 12 n. Chr. durch Gesetz 20 gestattet. 8)
1) btrab. XIV 668.
2) Varro RR. II 10 vgl. 1,26; anders der ältere Cato Plut. 5. 21,2.
3) Di[j. IX 2,2 Golum. I 8,19 Appian b. civ. I 7 (psQovarjs a/ia xal rrjaSs
rr/S üTTjGecos avroTs noXv xbqSos ex noXvnaiSias d'eqanövroiv.
4) Athen. VI 272 e.
5) Friedländer, Sittengeschichte III ^ 137 fg.
6) Lucil. fr. VI 22 Catull 23,1 24,5 Epiktet diss. III 22,45 Did.
7) floraz Sat. I 3,11.
8) Dio LVI 27.
120 Einleitung.
Wir erfahren gelegentlich dafs die Dienerschaft eines vornehmen
Hauses zu Rom 400 Kopfe umfafste.i) Wenn das ganze Land in
der ersten Kaiserzeit 600 senatorische, etwa 10 000 ritterliche und
40000 kleinere Vermögen aufwies (S. 95), so kann das zu persön-
lichen Diensten verwandte Gesinde gewifs nicht niedriger als eine
halbe Million veranschlagt werden. In Betreff der Menge der Er-
werbsklaveu tappen wir im Düstern, hegen jedoch gegen die neuer-
dings empfohlenen kleinen Zahlen ein berechtigtes Mistraueu.
Die Bevölkerung Italiens wurde für 225 v. Chr. auf 9 MiUionen ge-
schätzt, wovon 2 dem Norden (S. 110), 7 der Halbinsel zuzuschreiben
waren (S. 107). Seitdem hat ein steter Austausch an Menschen
zwischen dem herrschenden und den beherrschten Ländern an-
gehalten. Handel und Colonisation entführen jenem eine Masse
tüchtiger Kräfte die in der Fremde römische Sprache und Sitte ein-
bürgern. Umgekehrt arbeitet die Einwanderung, insonderheit die
Sklaveneinfuhr aus dem Orient an der Zersetzung des italischen
Volkstums (1 412. 420). Der zuströmende Reichtum hat den kernigen
wehrhaften freiheitlichen Sinn einfacherer Zeiten untergraben. Es
ist kein erhebendes Bild das die Staatsleitung nach der Niederlage
des Varus darbietet: kaum 15000 Römer waren gefallen , nicht ein
Hundertstel der dienstpflichtigen Bürgerschaft; aber statt eine Aus-
hebung anzuordnen und die befleckte Waffenehre in Blut rein zu
waschen , rannte der alte Kaiser wehklagend mit dem Kopf gegen
die Wand. Freilich war die allgemeine Wehrpflicht in Italien längst
ein leerer Schall geworden: und wenn die Quinten während der
Todeskämpfe der Republik zu Hause im Soldatenmantel einher-
stolzierten, so spielten sie Komödie. Den körperhchen Anforderungen
des Felddienstes konnten die Städter mit seltenen Ausnahmen über-
haupt nicht genügen. Aber auch die Bauern aus denen seit Alters
die Legionen ihren Ersatz bezogen (S. 92), folgten den Lockungen
des Werbeofficiers an die Grenze je länger desto spärlicher (I 84).
Schhefslich wird die Armee selbst durch den langen Frieden ver-
weichlicht: je üppiger die Ausstattung der Casernen im 2. Jahr-
hundert erscheint, desto niedriger die Tüchtigkeit der Insassen.
Der mihtärische Verfall Italiens beginnt seit dem hannibalischen
Krieg und erreicht durch die Begründung der Monarchie seine Höhe.
1) Tacit. Ann. XIV 43, vgl. Gic. pro Mil. 55 Seneca Dial. XII 11,3 Plin.
XXXIII 26.
§ 9. Die Bevölkerung. 121
Dafs die Abnahme der freien Bevölkerung mit diesem Verfall Hand
in Hand gegangen sei, wird vielfach geglaubt (S. 100): allein die
geschichtliche Erfahrung, ein Hinhlick auf die alten Culturreiche
Asiens, um von europäischen Verhältnissen abzusehen, straft die
Annahme Lügen als ob die Volksziffer eines Landes unmittelbar
mit dessen Wehrhaftigkeit zusammenhinge. Am Po betraten die
Römer jungfräulichen Boden: nach dem Empfang des Bürgerrechts
und der Unterwerfung der Alpen (1 75) entfaltet er eine prächtige
Blüte. Auch die Halbinsel bekundet in der Ausbreitung des Garten-
baus, der Veredlung von Wein Oel und Wolle entschiedene Fort-
schritte. Damit vollzieht sich ein Umschwung in der Wirtschaft
der bei Betrachtungen über die Volksdichtigkeit berücksichtigt
zu werden verdient. Nicht nur wird das Los der Sklaven
durch die Gewährung der Ehe gemildert (S. 119), sondern das von
Cato empfohlene rohe System der Ausbeutung auf den Gütern
macht immer mehr dem Colonat d. h, der Kleinpacht Platz. Zeitlich
betrachtet ist die Kleinpacht so alt wie die Clientel. Vom rein
kaufmännischen Standpunct gilt sie als weniger vortheilhaft.i) Aber
die bitteren Lehren des grofsen Sklavenkriegs hatten ihr am Aus-
gang der Republik eine weite Verbreitung verschafft.-) Sie dehnt
sich immer mehr aus und wird im 2. Jahrhundert n. Chr. als die
gewöhnliche Form des landwirtschaftlichen Betriebes hingesteUt.'^)
Sicherlich wird Niemand den Colonat eine mustergiltige Einrichtung
nennen, weder in seiner heuligen noch in seiner antiken Gestalt.
Immerhin leuchtet ein dafs die Volksvermehrung durch ihn befördert
worden ist.
Unter Auguslus hat sich die Einwohnerzahl Italiens dem Be-
stand von 225 V. Chr. gegenüber ungefähr verdoppelt. Der Zuwachs
kommt in erster Linie auf Rechnung der padanischeu Landschaften.
Das Vorrücken der Reichsgrenze an Rhein und Donau brachte ihnen
den unmittelbarsten Nutzen (S. 98). Die heutigen Mundarten legen
Zeugnifs ab von der Erhaltung der Stämme. Römische Cultur und
römisches Capital vermochten im Bunde mit einem kräftigen Bauertum
diesen Gegenden einen hohen Aufschwung zu verleihen. Dabei
wird die Periode der Unabhängigkeit zum Vergleiche herangezogen ;
1) Colum. IT vgl. Piin. Ep. III 19,7 VII 30,3 IX 37,2.
2) Cic. pro Caec. 94 Gaes. b. civ. I 34. 56 Horaz Ep. I 14 Seneca Ep. 123,2
Lucan 1 170 Tacit. Germ. 25 Marlial I 17 lU 58,33 XI 14 Xlll 121.
3) Dig. XX 1,32 XXXIII lit. 7 12,3 20,1.
122 Einleitung.
denn was die Gegenwart betrifft, so haben die vier padanischen
Regionen dessen Volksmenge schwerlich mehr als zur Hälfte er-
reicht. Im Unterschied von dem aufstrebenden Colonistenland am
Po gewährt die Halbinsel ein ungleichartiges Bild. Der eigenthche
Süden, Lucanien Bruttium nebst Samnium hat sich von den im
hannibalischen Kriege erlittenen Schäden nie wieder erholt. Besser
sieht es in den Abruzzen Picenum Umbrien Etrurien aus. Die
gröfste V'olksdichtigkeit weist die erste Region auf: Campanien bleibt
kaum hinter der heutigen zurück, Rom mit Latium übertrifft sie
mindestens um das Doppelte. — So unsicher und ungenau auch
derartige Schätzungen sein mögen , erscheint es doch nützlich das
Verhältnifs der Hauptstadt zum Lande durch Zahlen zu veranschau-
lichen. Setzt man die Gesamtzahl der Bewohner mit 16 Milhonen
an, so fallen auf Norditalien 7, die erste Region 3 — 4, die übrige
Halbinsel 5 — 6. Rom umfafst etwa ein Zwölftel der italischen Be-
völkerung (Kap. IX 4), besitzt also nicht das Uebergewicht wie heut
zu Tage London in England oder Kopenhagen in Dänemark. Aber
die Sache gewinnt ein anderes Ansehen, wenn wir uns daran er-
innern dafs die modernen Grofsstädte in rastloser Thätigkeit neue
Werte schaffen, während die Weltherrscherin am Tiber faullenzte.
Dazu kommt ein Zweites. Rom hatte die Mitte der Halbinsel unter
seiner Führung geeinigt, weil es die Mitbewerber an Ausdehnung
weit übertraf (S. 38). Diese seit den Königen eingenommene
Stellung ist im Lauf der Jahrhunderte verstärkt worden. Das
italische Festland besitzt gegenwärtig (Triest eingerechnet) 10 Städte
mit 100 — 500 000 Einwohnern. Für das Altertum fehlt ein fester
Mafsstab um die Grofsstädte aus der Masse der Municipien auszu-
scheiden. Der Mauerring der für die Kämpfe um die Hegemonie
zum Anhalt diente, hat nach der Entfestigung einerseits, der Ver-
ödung so vieler Orte anderseits seine Bedeutung in dieser Hinsicht
verloren. Nach den Aussagen der Schriftsteller und Denkmäler
mufs die Stufe welche den einzelnen Städten in der Bevölkerungs-
scala zukommt, bestimmt werden. Dabei sind Irrtümer kaum zu
vermeiden, und nur unter Vorbehalt können um den Beginn unserer
Zeitrechnung folgende Namen der obersten Classe zugetheilt werden :
Patavium Verona Mediolanum nördlich vom Po, Ravenna Bononia
Mutina in der Aemilia , Ostia bei Rom, Capua Puteoli Neapolis in
Campanien. Der Obergrenze kommen Aquileia Cremona Placentia
im Norden, Brundisiuni Canusium Beneventum auf der Halbinsel
§ 9. Die Bevölkerung. 123
nahe. Fragt man bei welcher Einwohnerziffer die Grenze zu ziehen
sei, so mufs man im Auge behalten dafs die Alten dicht gedrängt
wohnten, nicht blos innerhalb der Festungsmauern sondern auch
im Freien, ferner dafs z. B. für Neapel der Hochbau mit 4 — 5 Stock-
werken bezeugt wird. Dem ungeachtet ist in der Kaiserzeit eine
jede italische Stadt die 50 000 Bewohner zählt, als Grofsstadt an-
zusehen. Einzelne unter den genannten wie Capua und Puteoli
mögen 100000 erreicht, selbst überschritten haben: von der Mehr-
zahl — das spätere Wachstum von Mailand und Ravenna bleibt
aufser Betracht — gilt dies sicherlich nicht. Daraus entspinnt sich
eine anziehende Erwägung. Die heutigen Grolsstädte enthalten rund
3 MiUionen Menschen, wovon die eine Hälfte ziemlich gleich auf
Neapel Rom Mailand, die andere Hälfte mit Abstufungen auf Turin
Genua Florenz Venedig Bologna Triest Livorno entfällt. Die Ein-
wohnerschaft der antiken Grofsslädte stellt sich auf 2 — 21/4 Millionen:
von dieser Summe nimmt Rom annähernd drei Fünftel in Anspruch,
der Rest geht wie oben gesagt in 10 Theile. Vor dem hanuibalischen
Krieg konnte von einem Gleichgewicht der Landschaften und Städte
die Rede sein. Seitdem giebt es in Italien eine einzige urbs, mit
der in den Wettbewerb einzutreten den Municipien erst in der Zeit
des Verfalls möghch geworden ist. Im Uebrigen hat die römische
Politik aus allen Kräften die städtische Entwicklung auf Kosten des
flachen Landes befördert (S. 22). Dadurch wurde der geschäftige
Müssiggang vom Tiber in die Thäler des Appennin und an den
Fufs der Alpen verpflanzt (S. 48). Von örtlichen Bedingungen,
namenthch der Entfernung von Rom hing es ab wie rasch der
Krankheitstoff" um sich griff und seine Umgebung verseuchte.
Aufserdem bewiesen Gegenden die von dem unaufhörUchen Wechsel
des Grundbesitzes verschont geblieben waren (S. 26), eine ganz
andere Widerstandskraft als solche wo eine Colonie Veteranen die
andere abgelöst hatte. Im Allgemeinen tritt der grofse Unterschied
zwischen dem Norden und der Halbinsel zu Tage: dort machen die
Städte etwa ein Fünftel, hier die volle Hälfte der Gesamtbevölkerung aus.
Die von Augustus veranstalteten Zählungen erstrecken sich über
42 Jahre und zeigen in diesem Zeitraum ein Wachstum der Bürger-
schaft um 21 Procent. Das Königreich Italien hat in den letzten
27 Jahren 18 Procent, also etwas mehr zugenommen, nämhch statt
1/2 Procent jährlich 2/3. In beiden Fällen sind die äufseren Be-
dingungen für eine bedeuteude Zunahme der Bevölkerung gegeben.
124 Einleitung.
in viel stärkerem Mafse für das Altertum als für die Gegenwart.
Trotzdem verhält sich nach den angeführten Zifl'ern der Ueberschufs
der Geburten zwischen ihnen höchstens wie 3:4, in Wahrheit aber
viel ungünstiger für jenes. Denn zur Vermehrung der Bürgerschaft
liefern Heer und Flotte einen wesentlichen Beitrag, da die einge-
stellten Fremden entweder beim Eintritt oder beim Abschied Bürger-
recht erlangen. Noch höher ist der Posten den die Freilassungen
in Ansatz bringen. — In dem weitherzigen Verfahren mit dem die
Römer freigelassene Sklaven in den Bürgerverband aufnahmen, er-
blickte König Philipp 214 v, Chr. die Ursache ihrer Volksmenge
(S. 107). Söhne von Freigelassenen gelangten 312 in den Senat,
das Schwergewicht das diese Classe in den Comitien beanspruchte,
erhellt aus der Thatsache dafs die Landpartei 304 sie auf die vier
städtischen Tribus beschränkte.^) Seit 357 wurde eine Steuer von
5 Procent vom Wert der freigelassenen Sklaven erhoben und daraus
eine Rücklage für den äufsersten Notfall des Staates gebildet: als
man sie 209 angreifen mufste, enthielt die Rücklage 4000 Pfund
Gold (3 654 000 Mark). 2) Demgemäfs sind in der Zwischenzeit all-
jährlich im Durchschnitt etwa 1200 Sklaven zur Freiheit gelangt.
Das macht kaum ein Tausendstel der bürgerlichen Bevölkerung und
nach der heutigen Fruchtbarkeil berechnet ein Vierzigstel der freien
Geburten aus. Am Ausgang der Repubhk ist dieser Ansatz weit
überschritten. Die Haussklaven pflegte man nach sechsjähriger guter
Führung frei zu lassen. 3) Die humane Sitte griff bis zu einem
Grade um sich, dafs sie als Unfug betrachtet 4) und von der Gesetz-
gebung wiederholt bekämpft wurde. 5) Ein Gesetz 8 n. Chr. be-
schränkte die Zahl der testamentarisch gestatteten Freilassungen bei
3—10 Sklaven auf die Hälfte, bei 11—30 auf ein Drittel, bei
31 — 100 auf ein Viertel, darüber bis 500 auf ein Fünftel, indem
es über 100 hinauszugehen untersagte. Dergestalt wird das Bürger-
tum in steigender Fülle aus dem vierten Stand ergänzt, aber der
natürliche Nachwuchs nimmt mit dem eindringenden Reichtum lang-
sam ab. — Polybios stellt eine einsichtige Erörterung über die
damalige Kinderlosigkeit und Menschenarmut in Hellas an, die die
1) Liv. IX 46 Diod. XX 36, vgl. Appian b, civ. I 8.
2) Liv. VII 16 XXVIi 10.
3) Cic. Phil. VIII 32 vgl. Dio LVI 7,6.
4) Dion. H. IV 24 Suel. Aug. 42.
5) Gaius I 36fg. II 228 Justinian Inst. I 7 Sueton Aug. 40.
§ 9. Die Bevölkerung. 125
Städte verödete und das Feld unfruchtbar machte. Er findet die
Ursache nicht in Krieg Pestilenz oder äufseren Zufälligkeiten, sondern
in den Menschen selbst. Diese haben sich der Prahlerei Geldgier
und Vergnügungssucht in die Arme geworfen, scheuen entweder
überhaupt die Ehe, oder wollen, wenn sie heiraten, die Rinder
nicht aufziehen bis auf eins oder zwei, um solche reich zurück zu
lassen und in Ueppigkeit zu erziehen. Geht davon das eine durch
Krieg oder Krankheit zu Grunde, so müssen die Häuser notwendig
aussterben. Dagegen vermag nur die Umkehr der Sitten oder ein
Gesetz das die Aufzucht der Geborenen vorschreibt. Abhülfe zu
schaffen. Der Schriftsteller deutet verschiedentlich an dafs die hier
berührten Laster auch in Rom Fufs gefafst hatten. i) In der That
hat ein Zeitgenosse, der Gensor Metellus Macedonicus 131 die Ehe-
losigkeit von Amtswegen bekämpft.2) Wenn freilich der Sitten-
meister in einer berühmten Rede die Ehe als drückende Last kenn-
zeichnete, welcher der Bürger aus Rücksicht auf das Staatswol sich
unterziehen müfste, wenn diese Auffassung von der Nachwelt all-
gemein getheilt wurde, so versteht man warum die Ermahnungen
wenig fruchteten. Mit wirksameren Mitteln griff Augustus das Uebel
an, als er die Ehe- und Kinderlosen durch Vermogensnachtheile
und Ehrenstrafen zur Erfüllung ihrer staatsbürgerlichen Pflichten
anzuhalten suchte. Die Notwendigkeit solcher Mafsregeln wird durch
die Nachricht erläutert dafs die Consuln 9 n. Chr. deren Namen die
lex Papia Poppaea trägt, mitsamt der grofsen Mehrheit der römi-
schen Ritterschaft dem Gesetz verfallen waren. 3) Das Reispiel der
oberen Zehntausend hat die breiten Schichten, nicht nur der Ge-
treideerapfänger und Bummler in der Hauptstadt, sondern auch der
Municipien angesteckt. Auf seinen Reisen durch Italien pflegte
Augustus arme Bürger mit 1000 Sesterzen (218 Mark) für jedes
vorgeführte Kind zu belohnen.^) Freilich war die alte Fruchtbar-
keit dem Lande keineswegs abhanden gekommen. Am 11. April
5 V. Chr., wie in der Zeitung zu lesen stand, zog ein freigeborener
Mann aus Faesulae zum feierlichen Opfer aufs Capitol, gefolgt von
6 Söhnen und 2 Töchtern, 27 Enkeln und 8 EnkeUnnen, 18 Ur-
1) Pol. XXXVII 9, vgl. XXXII 11 I 64 II 21,8 VI 9,6 fg. 12,10.
2) Liv. LIX Suet. Aug. 89 Gell. N. A. I 6 Dio LVl 8,2.
3) Dio LVI 1—10 Suet. Aug. 34.
4) Suet. Aug. 46.
126 Einleitung.
enkeln.') Wir können es nicht ziffermäfsig nachweisen, aber trotz-
dem ebenso wenig bezweifeln dafs der Ueberschufs der Geburten
einen wesentlichen Antheil an der Volksvermehrung unter Augustus
gehabt hat. Immerhin lagen die Wurzeln des Uebels tiefer als dafs
Regentenweisheit sie auszurotten vermocht hätte.2)
Der unheimliche Wechsel des Grundeigentums bildet einen
Haupizug der italischen Bodengeschichte (S. 26). Damit geht Hand
in Hand der Wechsel in der Zusammensetzung der Bewohner. In
den älteren Jahrhunderten arbeitet Rom an der Auflösung der
Stämme und hat zu diesem Zweck ein paar Millionen Menschen
vernichtet vertrieben verpflanzt und angesiedelt. Und noch bevor
das Ziel erreicht ist, hebt im Schofs der Gemeinde die wilde Raserei
an die unter den Besten gründlich aufräumte. Aus dem alten Adel
der Republik hatten wenige Familien die Stürme der Bürgerkriege
überdauert, auch der neugebackene kaiserliche Adel schmolz rasch
zusammen. 3) Die Abneigung gegen die Bande der Ehe erwies sich
stärker als die Furcht vor dem Gesetz.4) Die Lücken wurden von
unten her ausgefüllt: der vom Gewinn gesättigte Kaufmann legt
sein Vermögen in Grundbesitz an und schafft damit das Sprungbrett
von dem aus der Sohn sich zu den Höhen des Lebens empor-
schwingen kann, s) Ein krankhafter Standesstolz beherrscht die
damalige Welt: der Senator sieht auf den Ritter, der Ritter
auf den Plebejer, der Stadtrömer auf den Municipalen, der Italiker
auf den Bürger in den Provinzen, der Bürger auf den Peregrinen,
der Freigeborne auf den Freigelassenen, der Freigelassene auf den
Sklaven als ein Wesen herab das einer fremden niederen Gattung
angehört. Alle streben nach oben. 6) Aber die lange Leiter wird
nicht schrittweise erstiegen, oft reifst eine Laune des Schicksals
den verachteten Knecht zum Gipfel des Reichtums hinauf. Vom
Kaiser angefangen lassen alle Magnaten ihr Vermögen durch ihr
Gesinde verwalten; wer aus diesem durch gute und schlechte Eigen-
schaften die Gunst seines Herrn zu gewinnen versteht, hat sich und
seinen Nachkommen eine glänzende Zukunft gesichert: der Frei-
1) Plin. VII 60.
2) Tac. Germ. 19 Bist. V 5.
3) Tac. Ann. I 2 Xill 27 Juvenal 1,34.
4) Tac. Ann. 111 25 Plin. Ep. IV 15,3 vgl. Plut. de amore prolis 2.
5) Cic. Off. I 151.
6) Epiklet diss. IV 1,33 fg.
§ 9. Die Bevölkerung. 127
gelassene wird Grofshändler, der Sohn Ritter, der Enkel Senator, i)
Durch den unablässigen Nachschub aus solchen Kreisen erklärt sich
warum die Haltung der hohen Gesellschaft unter dem Regiment
der Caesaren je länger desto bedientenhafter wird. In anderem
Zusammenhange ist ausgeführt worden wie die massenhafte Ein-
wanderung aus dem Orient die seit dem hannibahschen Krieg theils
mit theils ohne Zwang fordauert, das Volkstum in seinen Tiefen
ergreift und umbildet (I 410 fg.)- Dies gilt zunächst von den
grofsen Städten, länger erhält sich das abendländische Rlut auf dem
Lande. Aber die wirtschaftliche Abhängigkeit von den Städten (S. 48),
der Druck des Grofscapitals (S. 91) hat unter den iuhschen Kaisern
nicht minder auf dem Bauernstand gelastet als im Zeitalter der
Scipionen. Wir sahen (S. 95) dafs reichlich in einem Jahrhundert
die Zahl der Grundbesitzer bei den Ligurern in Samnium wie bei
den Veleiaten in der Aemilia um die Hälfte abgenommen hatte.
Die Verdrängten, die jüngeren Sohne wanderten aus, suchten und
fanden ihr Glück in den Provinzen. Ein Blutbad ähnlichen Um-
fangs wie einst Mithridates in Asien (S. 90) richteten die aufstän-
dischen Briten 61 n. Chr. unter den römischen Einwanderen an.
Wer das Geld dazu hat, kauft in Italien Grundstücke zusammen ohne
Mafs und Ziel, d']e pulchrüudo iungendi'^) veranlafst den Grolsen an
den Kleinbesitz Hand anzulegen. Gerade so strebt der Staat nach
Erweiterung seiner Grenzen um seine Angehörigen zu ernähren.
In alten Zeiten war der Bürger zufrieden gestellt, wenn er das täg-
liche Brot für Weib und Kind mit saurem Schweifs dem Boden ab-
gewann. Aber nachdem seine schwielige Faust alles was ihr in den
Weg kam niedergeschlagen hatte, nachdem die unselige Phrase von
der Wellherrschaft ihm in Fleisch und Blut übergegangen war, über-
läfst er den Knechten die Arbeit und widmet sich dem neuen
Herrscherberuf. Als dessen Ausübung einem Einzelnen anvertraut
wurde, bleibt für ihn kein anderer Lebensinhalt übrig als der Genufs.
Mit dem Sinken jedoch des Pflichtgefühls und der Leistungen für
den Staat wachsen seine Ansprüche ans Leben , und wächst der
Andrang der Bewerber die von den Früchten der Herrschaft mit-
zehren wollen. Augustus glaubte den Landhunger der Römer für
immer gestillt zu haben. In der Thal haben die Ungeheuern Er-
1) Juvenal 3,72 viscera magnarum domuum dominique futuri.
2) Plin. Ep. III 19,2.
128 Einleitung.
Werbungen die ihm und seinem Vater verdankt wurden, den glänzen-
den Aufschwung nach der Schlacht bei Actium ermöglicht. Frei-
lich die Eibgrenze liefs sich seit 9 n. Chr. nicht behaujjlen und der
Verzicht bedeutet zugleich die Wende der bisherigen Entwicklung.
Dem äufseren Schein nach entfaltet die von Augustus begrün-
dete Ordnung auch unter den nächsten Nachfolgern eine immer
reichere Blüte. Die ein Menschenalter nach seinem Tode abge-
haltene Zählung, die letzte deren Schlufssumme uns überliefert ist,
zeigt eine weitere Zunahme der Bürgerschaft um 20 Procent an
(S. 116). Ob und inwieweit Italien zur Vermehrung beigetragen
habe, läfst sich nicht ausmachen; vermutlich kommt der Hauptan-
theil auf die Ausdehnung des Bürgerrechts in den Provinzen. Wirt-
schaftlich geht nämlich das Stammland zurück. Bereits Augustus
halte zur Hebung des Ackerbaus daran gedacht die Kornspenden
in Bom aufzuheben. i) Unter Tiberius wird 33 n.Chr. verfügt dafs
die Gelddarleiher zwei Drittel ihrer Capitalien in italischem Grund-
besitz anzulegen hätten. 2) Die Klagen über Erschöpfung des Bodens
mehren sich (I 435): während Varro als Ertrag des Weizens das
10-, stellenweise das 15. Korn rechnet, erinnert sich Columella kaum
einer Ernte die für den grofseren Theil Italiens das 4. gebracht
hätte. 3) Dies Ergebnifs ist in der That höchst unbefriedigend
(I 449), findet aber nicht in der Abnahme der Fruchtbarkeit, son-
dern im Baubbau, der Unwissenheit und Trägheit der Stadtherren,
der Lotterwirtschaft auf den Gütern seine volle Erklärung.^) Mit
Neid blicken die italischen Senatoren 48 n. Chr. auf den Beichtum
der Barone in Gallien 5): der Aufschwung der Provinzen bereitete
ihnen schwere Sorgen. Die alte Bepublik hatte zum Vortheil ihrer
Bürger den Anbau von Weinslock und Oelbaum jenseit der Alpen
verboten. ö) Mit der fortschreitenden Bomanisirung wurde das
Monopol durchbrochen. Durch eine unausführbare Gewaltmafsregel
suchte Domitian es neu zu beleben, indem er die in den Provinzen
vorhandenen Weinberge mindestens zur Hälfte auszurotten befahl.
Allein wie vordem der italische Kornbau, so vermag jetzt auch der
1) Suet. Aug. 42.
2) Tac. Ann. VI 17 Suet Tib. 48.
3) Varro RR. I 44,1 Golum. III 3,4.
4) Colum. 1 praef. I 8.
5) Tac. Ann. XI 23.
6) Gic. Rep. III 16.
§ 9, Die Bevölkerung. 129
Weinbau den Wettbewerb der Provinzen nicht auszuhalten, i) Frei-
lich behaupten die Edelweine ihr Ansehen bis zum Ausgang des
Altertums (S. 98). Dagegen erobert Spanien den gallischen germa-
nischen britischen Markt und versorgt über ein Jahrhundert lang
Rom: die Krüge aus deren Scherben der M. Testaccio entstanden
ist (I 452), stammen aus Spanien und zwar aus den Jahren 140 — 251
n. Chr. 2) — Wirtschaftlicher und sittlicher Rückgang sind untrennbar
mit einander verbunden. Einsichtige Herrscher haben ihn bekämpft,
ein Caligula und Nero mächtig gefördert. Wann die Bevölkerungs-
ziffer zu sinken beginnt, läfst sich nicht genau ermitteln : nach dem
Sturz des iulisch-claudischen Fürstenhauses tritt die Abnahme des
Wolstandes wie der Bevölkerung fühlbar in die Erscheinung. Das
Neuland das die Flavier am Oberihein erwarben, wird von Galliern,
nicht von Italikern besiedelt. 3) Am Ende des Jahrhunderts spricht
Plutarch von der allgemeinen Menschenarmut auf Erden. *) Dies
mag, durch die Zustände Griechenlands veranlafst, übertrieben sein.
Aber wirklich ersehen wir aus den Alimentartafeln traianischer
Zeit dafs die Zahl der Eigentümer unter dem Regiment der Caesaren
auf die ursprüngliche Hälfte zurückgegangen ist (S. 95), hören
gleichzeitig nicht nur von der Entwertung der Güter sondern auch
von der Schwierigkeit Pächter für sie zu gewinnen. 5) Dem näm-
lichen Zusammenhang gehört es an dafs Nerva 96 v. Chr. 60 Millionen
Sesterzen (13 Mill. 31.) auswarf um arme Bürger mit Land zu ver-
sorgen.ß) Und beredter als alle sonstigen Nachrichten sprechen
die Stiftungen die seiner kurzen Regierung zur besonderen Zierde
gereichen. Von Nerva rührt der Plan her in einzelnen italischen
Gemeinden Capitalien hypothekarisch festzulegen, aus deren Zinsen
bestimmte Unterstützungen für freigeborene Kinder bis zur Mann-
barkeit gezahlt werden sollten. Traian hat den Plan ins Werk ge-
setzt, andere Kaiser haben ihn fortgeführt, Privatleute sind dem
kaiserhchen Beispiel gefolgt. Traian hat auch versucht durch Er-
oberungskriege grofsen Stils dem alternden Reiche neues Leben
einzuQöfsen. Aber gar bald versagte die für derartige Pohtik er-
1) Suet. Dom. 7. 14 Stat. Silv. IV 3,11.
2) Dressel CIL. XV 3691 fg. Bonner Jahrb. XCV (1894) 66fg.
3) Tac. Germ. 29.
4) Plut. de defectu orac. 8.
5) Plin. Ep. III 19 VI 3.
6) Dio LXVIII 2,1.
Nissen, Ital. Landeskunde. II. 9
130 Einleitung.
forderliche Kraft. Die kriegerische Aufwallung machte unter Hadrian
und Antoninus Pius tiefem Frieden Platz; dann kam die Pest und
scheuchte die Menschheit von ihrem beschaulichen Genufs auf.*)
Um 200 beträgt die Einwohnerschaft Roms noch nicht die Hälfte
des Bestandes unter Augustus (Kap. IX 4). Da aber Rom durch
den Zuzug aus allen Provinzen verstärkt wurde, hat aller Wahr-
scheinlichkeit nach die Bevölkerung Italiens in noch höherem Mafse
abgenommen. Pertinax stellte 193 Jedem frei Oedland sich anzu-
eignen, gleichviel ob es dem Kaiser oder Privatleuten gehörte, und
sprach es dem Bebaucr in aller Form zu, 2) Urkunden über Schen-
kungen die im 2. Jahrhundert in Spoletium Ferentinum Rudiae ge-
macht wurden, sind erhalten: die Ausführungsbestimmungen weisen
auf eine geringe Einwohnerzahl hin. Und als die Furcht vor den
Barbaren die offenen Städte zur Befestigung nötigte, entsprachen
die Mauerringe nicht mehr dem Umfang zur Zeit der Blüte. Um
400 ist die Bevölkerung Roms auf ein Zwölftel des ehemaligen Be-
standes gesunken , und sinkt immer weiter bis auf einen winzigen
Bruchtheil herab. Den Grad der Verödung der schliefslich das
ganze Land befallen hatte, zifTermäfsig auszudrücken fehlen die Mittel.
1) Gros. VII 15,5 Eutrop VIII 12 vita Marci ph. 17,2.
2) Herodian II 4,6.
KAPITEL I.
Ligurien.
Das alte Volk oach welchem die neunte Region benannt ist,
bewohnte in den letzten Jahrhunderten vor unserer Zeitrechnung
das Küstenland von der Rhone bis zum Arno (I 470). Sein poli-
tischer Zusammenhang der übrigens nie sonderlich stark gewesen
zu sein scheint, wurde durch die Ordnung der italischen Grenze
zerrissen. Die Römer huldigten der verbreiteten Auffassung die
Flufsläufe als Landmarken hinzustellen, seit Caesar vollzieht im
Volksbewufstsein der Var die Scheidung zwischen Italien und der
Provinz Gallia Narbonensis (I 77. 79). Da jedoch der römische
Resitz sich auf einen schmalen Küstensaum beschränkte und die
Seealpen erst 14 v. Chr. unterworfen wurden, konnte von einer
genau gezogenen Grenze zwischen beiden Ländern vorläufig keine
Rede sein. Die Geographen der Kaiserzeit betrachten als solche
den Kamm der Alpen. i) Aber politische Rücksichten veranlafsten
Augustus von dieser nahe liegenden Restimmung abzuweichen (I 79
82) und beide Abhänge des Gebirges bis zum M. La Levanna hin-
auf in zwei Provinzen Alpes Maritimae nnd Alpes Cottiae zu ver-
einigen. Damit mufste auch der Var auf sein Grenzamt, das der
Neuzeit lange (bis 1860) vertraut war, wieder verzichten. V^^o der
vom M. Viso kommende Po unweit Saluzzo in die Ebene hinaus-
tritt (I 184), bis etwa 10 km oberhalb der Einmündung des Tessin,
auf einer Strecke von 260 km bildet der Flufs die Nordgrenze der
neunten Region, zuerst gegen das Reich des Cottius, dann gegen
die Transpadana. Endlich von der siebenten Region Etrurien wird
die neunte im Südosten den natürlichen Verhältnissen entsprechend
(I 231) durch die Macra getrennt2), so dafs die Stadt Luna jener,
1) Strab. IV 179 Plin. lll 31.
2) Strab. V 222 Plin. III 49. 50 Ptol. III 1,3 Flor. I 19,4; Dante Paradiso
IX 89 Macra che per cammin corto lo Genovese parte dal Toscano.
9*
132 Kapitel 1. Ligurien.
ihr Hafen dieser angehören würde. Von der Macramündung bis
zum Po steht die Grenzhnie nur im Grofsen und Ganzen fest. Das
derart umschlossene Gebiet, welches bürgerliche Freiheit genofs,
(die heutigen Provinzen Porto Maurizio, Genua, Alessandria und zum
Theil Cuneo) nimmt einen Flächeninhalt von annähernd 14 000 Dkm
250 d. D IVI ein. — Die Ordnungen des Augustus erlitten am Aus-
gang des Altertums mehrfache Abänderungen.!) Diocletian hob die
Alpenprovinzen auf und machte die Wasserscheide zur Grenze
zwischen Gallien und Italien (I 85). Demgemäfs fielen die Seealpen
mit der Westhälfte der Cottischen an Gallien, die kleinere Ost-
hälfte der letzteren an Italien. In der Folge hat, durch uns unbe-
kannte Theilungen und Zusammenlegungen der Landschaften veran-
lafst, ein wunderlicher Namenwechsel stattgefunden. Schon am
Ende des 4. Jahrhunderts wird Liguria auf die Transpadana über-
tragen , und heifst Mailand Hauptstadt dieser Provinz. Die alte
Heimat des Namens gehört dazu, wird aber im 6. Jahrhundert ab-
getrennt und bildet bei den Langobarden unter der Bezeichnung
Alpes Cottiae die 5. der italischen Provinzen. 2) — Wir fassen hier
das Gebiet nach den Bestimmungen des ersten Kaisers ins Auge.
Die Seealpen und der sie fortsetzende Appennin sondern es in
zwei verschiedenartige Hälften: das schmale etwa 5000 Dkm um-
fassende Küstenland mit warmem Klima und das gröfsere dem Po
zugewandte Binnenland, welches einen weit mehr nordischen Charak-
ter aufweist (I 230). Unter den italischen Begionen eine der
kleinsten, hat sie an dem geschichtüchen Leben des Altertums ge-
ringen Antheil nehmen können. Das Gebirge das sie bis auf die
beiden Ebenen bei Alessandria und Cuneo ganz erfüllt, erschwerte
das Eindringen der Cultur. Die Schilderung welche Posidonios
von seiner Wildheit entwirft, ist früher (I 470) mitgetheilt worden.
Auch nach seiner vollständigen Unterwerfung unter Augustus er-
scheint es als Waldland (I 434) und bringt aufser Bauholz nur
die Erzeugnisse einer auf niedriger Stufe befindlichen Wirtschaft
auf den Markt. Strabo führt Vieh Felle und Honig an, ferner
Ponies und Maullhiere, endlich Mäntel und Böcke. Darnach mufs
die Schafzucht eine ziemlich ausgedehnte gewesen sein, erzeugte
1) Marquardt, Staatsverwaltung 1 81 fg. 127.
2) Paul. h. Lang. II 16 i Alter und Ursprung der Umnennung sind unbe-
kannt, Mommsen Ghron. min. I 536 (Mon. Germ. bist. auct. ant. IX).
Ligurien. 133
zwar nur eine grobe braune Wolle*), aber einen geschätzten Käse,
der in riesenhaften bis tausend Pfund schweren Laiben verschickt
wurde. 2) Oel und Wein mufsten eingeführt werden, nach Strabo
brachte das Land nur wenigen wegen seines herben Pechgeschmacks
auch später verrufenen Wein hervor.^) Die Rebe deren Anbau
für das zweite Jahrhundert v. Chr. bezeugt wird 4), hat dem ein-
heimischen Bier langsam den Boden abgewonnen, Phnius erachtet
die hier geübte Behandlung der Traube beachtenswert.^) Wann
der Oelbaum, der gegenwärtig nahezu ein Achtel des Areals ein-
nimmt und die reichsten Erträge liefert (1 436. 454), an der Riviera
eingebürgert wurde, darüber versagt die Ueberlieferungß.) Aber
mancherlei Anzeichen deuten darauf hin dafs die Oelgärten, welche
nach Hehns Worten „die ganze Küste wie ein endloses graues
schwellendes Meer bedecken", in ihren Anfängen bis in die Kaiser-
zeit hinaufreichen. — Bedeutende Städte hat diese Region nicht auf-
zuweisen, die Ligurer wohnten durchweg in Dörfern'^), die zahl-
reichen Stämme deren Namen wir kennen, lassen sich nur zum
Theil auf der Karte unterbringen. Die Censusliste weist 17 Ver-
wallungskörper auf_, so dafs im Durchschnitt auf den einzelnen
800 Dkm kommen. Ein einziger behauptet den Rang einer Colonie.
Der Schöpfung von Grofsgemeinden standen dte natürlichen und
geschichtlichen Verhältnisse im Wege. Die ligurischen Cantone
waren zu ganz verschiedenen Zeiten unterworfen und dem Rahmen
einer Municipalverfassung eingefügt worden. Im Uebrigen hat
Augustus nach Kräften sein im Norden eingeschlagenes Verfahren
(S. 8) auch hier festgehalten. — Die Beschreibung zerfällt natur-
gemäfs in zwei Abschnitte, zu denen wir einleitend die Provinzen,
insoweit sie innerhalb der natürlichen Grenzen Italiens fallen, hin-
zufügen; denn politisch sind sie wie gesagt während der Blütezeit
mit demselben nicht vereinigt gewesen.^)
1) Strab. IV 202 Colum. VII 2 Martial XIV 157. 58 Sil. It. VIII 597.
2) Plin. XI 241.
3) Martial 111 82,22.
4) Liv- XL 41 CIL. I 199.
5) Plin. XIV 68. 125 XV 66.
6) Dagegen verbreitet sie sich ausführlich über einen geschätzten dem
Bernstein ähnlichen Stein der hier gefunden wurde Strab. IV 202 Plin. XXXVII
33 fg. 99.
7) Strab. V 218.
8) Quellen: Strab. IV 201-3 V 218 Mela II 72 Plin. III 47-49. PtoL III
134 Kapitel I. Ligurien.
§ 1. Die Provinz der Seealpen.
Die ligurische Küste war den Einflüssen der Cultur leichter
zugänglich, früher und stärker ausgesetzt als das Binnenland:
Massalia halte eine Reihe von Niederlassungen an ihr gegründet,
die bequemste Verbindungstrafse zwischen Gallien und Italien lief
an ihr hin. Daher rührt die Unterscheidung zwischen Küsten- und
Gebirgsbewohnern die auch einen sprachlichen Ausdruck gefunden
hat. Die letzteren heifsen Capillati (I 474) ähnlich wie die Galli
Comati, oder auch MontaniA) Die Bezeichnung Montani ist in der
Kaiserzeit öfl"entlich anerkannt, da sie von einer in den Donau-
provinzen stehenden Cohorte geführt wird, die ursprünglich aus
dieser Landschaft recrutirte.2) Aeltere Annalen benennen die Berg-
bewohner zwischen den Bagienni und Ingauni ebenso.^) Die end-
giltige Unterwerfung erfolgte 14 v. Chr. und veranlafste die Er-
richtung einer Provinz.^) Der gröfsere Theil der Provinz erstreckt
sich am weslUchen Abhang der Alpen über die Departements Alpes
Maritimes und Basses Alpes bis in die Nähe der Durance. Ptolemaeos
weist ihr 4 Städte zu, deren Lage sämthch bekannt ist: im Canton
der Vediantii Cemenelum Cimella, und Sanitium Senez, im Canton
der Nerusii Vintium Vence, im Canton der Suetrii Salinae Castellane.^)
— Für uns kommt es darauf an die GrenzHnie zwischen der Pro-
vinz und Italien mögUchst genau zu ziehen. Sie beginnt an der
Küste zwischen Monoecvs Monaco und Albintimilium Ventimiglia.
Da das Flufsgebiet des Rutuba Roia zu der letztgenannten Stadt
gehört, ist es nicht ausgeschlossen dafs das Siegesdenkmal auf der
1,1—3. 37-41. — Mommsen CIL. V p. 825fg. H. Pais CIL. supplementa Italica
1 p. 126fg., Rom 1884. — Carta degli ex Stall Sardi In terraferma 91 Bl.
1852-71 mit Nachträgen 1:50000. Dieselbe in 6 Bl. 1841 mit Nachträgen
bis 1874 1:250000. Dies, in 1 Bl, 1846 1:500000. Die vom italienischen
Generalstab im Mafsstab 1:100 000 bearbeitete Carta topografica del Regne
d'ltaiia behandelt diese Landschaft auf 27 Blättern (54-59 66—71 78—84
90—96 102.3) und liegt seit 1896 vor. Sie dient im ganzen Umfang dieses
Bandes als Hauptquelle. Leider sind die im Handel befindlichen Blätter nicht
gleichmäfsig hergestellt und lassen manchmal an Deutlichkeit zu wünschen
übrig.
1) Plin. in 135 Tac. Hist. II 12.
2) CIL. III 4844 fg. p. 1152.
3) Liv. XXVIII 46 (Valerius Antias) XL 41.
4) Dio LIV 24.
5) Hirschfeld CIL. XII p. XIII p. 1 fg.
§ 1. Die Provinz der Seealpen. 135
Pafshöhe bei Turbia noch auf italischem Boden steht. Ausdrück-
lich bezeichnet das Reisebuch Alpe summa als den Punct wo Italien
aufhört und Gallien beginnt. i) Nördlich vom Col di Tenda stehen
zwei feste Anhaltspuncte zu Gebote: in der INähe von Borgo S.
Dalmazzo bei dem Austritt der Stura in die Ebene und in der Nähe
von Piasco bei dem Austritt der Varaita befanden sich Zollslätten.2)
Die Seealpen wie das Reich des Cottius waren nämlich dem gallischen
Zollbezirk zugetheilt, an dessen Grenzen die quadragesima Galliarum,
eine Eingangsteuer von 2V2 Procent erhoben wurde. Somit leuchtet
ein dafs das italische Gebiet nicht die grofse Einsenkung von Cuneo
überschreitet, welche die Westalpen von dem hgurischen Hügelland
trennt. Leider fehlen die Mittel um nach Norden die Provinz der
Seealpen von der cottischen mit urkundHcher Sicherheit zu scheiden.
Man pflegt den M. Viso als Grenze für die Anwendung der beiden
Benennungen auf den Gebirgszug hinzustellen (I 146). Der An-
satz rührt von Cluver her und hat in der Litteratur Bürgerrecht
erlangt.3) Aber es geht nicht an ihn als historisches Zeugnils zu
behandeln, z. B. mit Mommsen und Kiepert die Provinz der See-
alpen nach Norden bis 50 km Abstand von Turin vorzurücken.
Der zum Reich des Cottius gehörende Stamm der Vesubiani läfst
sich von dem Namen der 60 km langen Vesubia die hnks in den
Var einfliefst, nicht trennen : Lantosca ist Hauptort des Thals. Da-
raus folgt dafs die fragliche Provinz sich nicht bis zum Col di Tenda,
geschweige denn bis zum M. Viso, sondern kaum 30 km von der
Varmündung nordwärts erstreckt hat. Indem ferner nur ein paar
hundert Quadratkilometer Provinzialland östlich vom Unterlauf des
Var fallen, ist Augustus von der Volksanschauung die diesen Flufs
als Grenze betrachtete, nicht allzuweit abgewichen. — Der Flächen-
inhalt der Provinz mit 5 — 6000 Dkm wird von einzelnen Stadtge-
bieten Italiens erreicht. Hier wie dort ist die römische Politik
ihrem Grundsatz durch Abstufung der Rechte die Unterworfenen
zu theilen treu geblieben. Einzelne Stämme erhielten sofort la-
tinisches Recht, das dann 64 n. Chr. auf alle ausgedehnt wurde.*)
Ob das Bürgerrecht lange auf sich hat warten lassen, wissen wir
1) It. Ant. 296.
2) CiL. V 7852. 7643.
3' It. antiqua 336.
4) Plin. lU 135 Tac. Ann. XV 32.
136 Kapitel I. Ligurien.
nicht. 1) Durch Diocletian ist die Provinz nach Norden und Westen
vergröfsert, ihre Hauptstadt nach dem ehedem zum cotlischen Reich
gehörigen Eburodunum Embrun verlegt worden. Sie verbheb auch
damals mit Gallien, genauer der dioecesis Viennensts vereinigt.
Die Provinz umschlofs massaliotisches Gebiet, das so ziemlich
den ganzen Küstenstrich vom Var bis zur italischen Grenze befafst
zu haben scheint. Der Hauptort desselben NUaia Nicaea Nizza,
während des machtvollen Aufschwungs der Hellenen gegründet,
wird zuerst 154 v. Chr. erwähnt, als seine Bedrängnifs durch die
Ligurer den römischen Senat zum Einschreiten veranlafsle.^) Am-
mian gedenkt seiner in der geographischen Uebersicht die er von
Gallien giebt^), aber wol mehr des griechischen Ursprungs als der
Bedeutung wegen. Die FeldQur kann nicht weit landeinwärts ge-
reicht haben, und von Massalia abhängig, besals es kein eigenes
Gemeinderecht. Naturgemäfs vermittelte sein Hafen den Verkehr
der nur 5 km entfernten Hauptstadt der Provinz Cemenelum. Wir
erfahren aus kirchlichen Quellen , dafs der Hafen sich unabhängig
zu machen suchte und im 5. Jahrhundert Sitz eines Bischofs
wurde.4) Schliefslich hat er das volle Erbe der Hauptstadt ange-
treten, als die Festigkeit der Lage am Ausgang des Altertums die-
selbe Wichtigkeit erlangte wie vor der römischen Herrschaft. Am
linken Ufer des Palo oder Paulo (I 302) 8 km vom Var entfernt
erhebt sich ein 97 m hohes Vorgebirge, das eine 1706 zerstörte
Burg, ehedem die Niederlassung der Phokaeer trug. Oestlich be-
grenzt die Hafenbucht Limpia, westlich das breite Kiesbett des
Baches den Fufs des Burghügels, der im Süden gegen die See,
mit seiner Nordspitze gegen die Ebene steil abfällt. Man kann
nicht absehen wie weit der Bach durch seine Kiesmassen die Küste
seit dem Altertum vorgerückt hat: wo die jetzige Altstadt steht, mag
damals zum Theil Meeresboden und die natürliche Festigkeit des
Platzes eine noch gröfsere gewesen sein, als sie dem heutigen Be-
1) Aus der Heimat der Soldaten (Epti. ep. V 176) sowie den verschiedenen
cohortes I Montanorum (Gichorius, Pauly-Wissowa IV 316) ist kein sicherer
Schlufs möglich. Bei der erstmaligen Bildung dieser Truppen können ja auch
aus den an italische Municipien attribuirten Bergdistricten Montani ausgehoben
worden sein.
2) Strab. IV 180. 184 Pol. XXXIII 7 Liv. XLVII.
3) Amm. XV 11,15.
4) Mansi coli. conc. II 476 VII 930.
§ 1. Die Provinz der Seealpen. 137
schauer entgegentritt. Von der althellenischen Festung und ihren
Hafenanlagen sind keine Spuren vorhanden. — Aber 4 — 5 km
nördlich von Nizza am rechten Ufer des Paulo erstrecken sich die
Ruinen von Cemenelum Cimella Cimiez.i) Unter ihnen befindet sich
ein AnDphitheater (84 X 35 m) das nach neueren Berechnungen
6 — 7000 Zuschauer fafste, also klein aber immerhin die einzige
derartige Schaustätte in der Provinz war. Die Ortschaft gehörte
dem Gau der Vedtatitn, der bei der allgemeinen Unterwerfung 14 v.
Chr. bereits befriedet war. Sie erhielt latinisches Stadtrecht und
durch Claudius oder ISero romisches Bürgerrecht. Ihre Lage an
der grofsen Heerslrafse verschaffte ihr die Ehre rehgiöser Mittel-
punct der Provinz und Sitz des Statthalters zu werden, der als
kaiserlicher Hausbeamler ritterlichen Ranges den Titel Praefect, seit
Nero Procurator führt.^) Eine geringe Truppenmacht, die sich in
der Regel auf eine einzige Cohorte beschränkte, genügte um die
Ruhe der Bergdistricte aufrecht zu erhalten. 3)
Nur 4 km von Nizza entfernt bietet der tiefe von dem Vor-
gebirge M. Boron und der weit nach Süden vorspringenden Land-
zunge von Cap Ferrat oder Malalingua eingefafste Golf von Villa-
franca einen geräumigen und sicheren Ankerplatz, der zwar dem
Südwind ausgesetzt aber noch jetzt die beste Rhede auf der ganzen
Strecke von Toulon bis Genua ist. Partus Herculis hiefs sie den
Alten, wir hören dafs republikanische Heere sich hier nach Spanien
eingeschifft haben. ^j Indessen die Lage zum Binnenland war un-
günstig und dem Entstehen einer Stadt nicht förderlich. Der Name
Olivula, den der Hafen im Itinerariuni maritimum führt, deutet auf
Oelbau, der gerade hier einen vorzügUch geeigneten Boden findet.^)
Die nämliche Quelle zählt vor Monaco die beiden Häfen Anaone
und Avisione auf, ohne dafs wir sicher zu sagen wüfsten welche
Buchten gemeint sind. — Dagegen hat Monaco seinen uralten
Namen bewahrt: MovoUov Xi(xrjv portus Herculis Monoeci oderkurz-
1) CIL. V p. 915 Pais suppl. p. 138. Die Annahme einer etruskischen
Niederlassung an diesem Ort (1 473. 494) ist hinfällig, weil die bezüglichen
Inschriften, wie mir Pais schrieb, zweifellose Fälschungen sind.
2) CIL. V p. 902 Strab. IV 203.
3) Tac. Hist. II 14 CIL. V p. 903.
4) Ptol. III 1,2 Valer. Max I 6,7 Obs. 24 It. marit. 504.
5) It. mar. 504.
138 Kapitel I. Ligurien.
weg portus Monoeci, den schon der angebliche Hekataeos kennt. i)
Die Fabel von der Wanderung des Herakles aus Hesperien und
seinen Kämpfen mit den Ligurern ist an die früh bekannte Rüsten-
slrafse (1 150) verlegt und die Gründung der Burg dem Heros zu-
geschrieben worden. Der Name wird entweder auf die Einsamkeit
des Ortes oder auf den Tempel gedeutet, in welchem der Gott
ohne Mitwohner verehrt sein sollte.'-) Ein Vorgänger Strabo's liefs
hier die Alpen ihren Anfang nehmen, und auch in später Zeit, als
von irgend einer Bedeutung des IMatzes längst nicht mehr die Rede
war, wirkt sein Ansehen in der Litteralur fort. In der That war
dies Vorgebirge von derjenigen Beschaffenheit welche die Seevölker
in den Anfängen des geregelten Veikehrs für die Anlage ihrer
Factoreien liebten : ein schroff abfallender Fels von etwa 400 m
Länge und 50 — 60 m Höhe. Den Hafen am Fufs erklärt Strabo
mit Recht weder für grofse noch für viele SchifTe geeignet: er ist
seicht und hat nur einen Flächeninhalt von 25 Hektaren. Dafs
der Mistral allein seine Sicherheit beeinträchtigt, wird von Lucan 3)
treffend hervorgehoben :
quaque sub Herculeo sacratus numine portus
urget rupe cava pelagus: non corus in illum
ius habet aut zephyrus, solus sua litora turbat
circius et tuta prohibet statione Monoeci.
Ptolemaeos läfst das Gebiet der Massahoten landeinwärts von
Monaco bis auf die Pafshöhe der Seealpen sich erstrecken und
Tropaea Augusti Turbia einschliefsen.^) Von dem Dorf das nach
dem Siegesdenkmal fortan genannt wurde, mag dies seine Richtig-
keit haben. Aber das Denkmal welches Senat und Volk von Rom
7 oder 6 v. Chr. dem Kaiser zum Dank für die Unterwerfung der
Alpen errichteten, kann füglich nur auf italischem Boden, etwa
unmittelbar an der Grenze gestanden haben (S. 135). Der Platz war
weislich ausgesucht: bei einer Meereshöhe von 486 m fiel es weit-
hin in die Augen, wird doch an hellen Tagen Corsica von hier aus
1) Steph. Byz. Mövoixoe nöXts ^lyvaxixr]^ Exaraloe Ev^cönr], ro e&vixbv
Movoiy.ios. Strab. IV 201. 202 Ptol. III 1,2 Movoixov kifi^v. Pi'in. III 47 Tac.
Hisl. 111 42 It. marit. 503 portus Herc. Mon. Verg. Aen. VI 830 Lucan I 408
Sil. It. I 586 Amm. Marc. XV 10,9 Paneg. Lat. HI 4 arx Monoeci.
2) Serv. zu V. Aen. VI 831.
3) Lucan I 405.
4) Plin. III 136 CIL. V 7817 Ptol. 111 1,2.
§ 2. Die Riviera. 139
erblickt. Der Bestimmung in die Ferne zu wirken entsprach der
wuchtige Bau: auf einem 42 Schritt im Geviert messenden Sockle
ruhten zwei sich verjüngende Stockwerke, darüber eine von Säulen
getragene Kuppel, deren Spitze das colossale Kaiserbild einnahm.
Im Mittelalter in ein Castell umgewandelt, ist er jetzt bis auf un-
förmliche Trümmer verschwunden. Auch von seiner Inschrift, die
Plinius zum Glück mittheilt, sind nur wenige Buchstaben erhalten.
Sie nennt 46 bezwungene Völkerschaften, von denen Gallitae Guil-
lestre Nerusii Vence Suetrii Castellane in diese Provinz, aber aufser-
halb der natürhchen Grenzen Italiens fallen.
§ 2. Die Biviera.
Der Bogen den das Gebirge vom Var bis zur Macra beschreibt,
ist über 300 km lang, aber der Abfall zum Meer so schroff, dafs
die Breite des Küstenlandes im Mittel 12 km, an den Enden bis 36, an
vielen Orten nur 5 km beträgt. Seine Bewohner müssen auf der
See ihren Unterhalt suchen und haben sich hier früh einen Namen
gemacht (I 115. 468). ,, Ein braunes Sonnen- und Lichtland" nennt
es V. Hehn.i) ,,Der Sommer ist heifs und trocken, mit dem ersten
Gewitter im Herbst beginnen erquickende Begenschauer; nicht in
den Sommer wie bei uns, sondern in den Herbst und Frühling, ja
in den Winter fällt das Leben der Vegetation; breite Flufsbetten,
dicht voll Kies- und Kalkgeröll, ohne einen Tropfen Wasser, ziehen
quer aus den Bergen dem Meere zu; den Weg säumen riesige Agaven
mit halbabgebrochenen blauen Blättern und baumartigen Blüten-
spindeln; Stachelkraut aller Art, vom Staube unkennthch, hängt an
der Mauer und bricht aus den Bitzen heifser Felswände. Führt die
weifse blendende Chaussee im Auf- und Absteigen auf einen höhern
Punct, dann zeichnet sich tief unten im Lichtglanz eine gezackte
Landzunge, eine schwimmende runde Insel, ein vorspringendes
Vorgebirge . . . Die Bevölkerung führt ein Gärtnerleben, pflanzt
gräbt und schneitelt, mauert Terassen an felsigen Abhängen hin und
bewegt in der Abenddämmerung den Brunnenschwengel auf und ab,
um die Canäle zwischen den Beeten und um die Stämme der Frucht-
bäume herum mit W^asser zu füllen. W'ie Vogelnester drängen sich
die runden Ortschaften zusammen, bald unten in der Marina im
Grunde halbkreisförmiger Golfe, bald hoch oben auf den Gipfeln
1) Italien p. 3 fg. (Petersburg 1867, Berlin* 1892).
140 Kapitel I. Ligurien.
der Vorberge; drionen die Häuser mit zerbröckelnden Steintreppen,
ofl'enen Fensterhöhlen, feuchten Mauern und dunkeln Räumen; auf
den Gassen aber, an den Hecken, längs den Wegen geht das Menschen-
leben vor sich, jedem Blick offen, in mannichfachen Verrichtungen, in
wechselnden Scenen, bald naiv rührend, bald lächerlich, wol auch
anstöfsig durch Natürlichkeit." Für die spätere Kaiserzeit treffen
wesentliche Züge dieses anziehenden Bildes aus der Gegenwart zu;
je weiter wir uns in Gedanken zurückversetzen, desto mehr werden
Oel- und Weingärten durch Wälder, die Baumzucht durch Viehzucht
und Jagd verdrängt erscheinen. Das spärliche Auftreten römischer
Inschriften an der ganzen Hiviera gewährt einen Fingerzeig, dafs
von einer dichten Besiedlung wie heut zu Tage keine Rede war.
Die Beschreibung schliefst sich ungezwungen an die alte Küsten-
strafse an, um welche die Römer im 2. Jahrhundert v. Chr. mit den
Ligurern kämpfen mufsten (I 157). Die Römer haben zunächst die
besten Häfen in ihre Gewalt zu bringen gesucht: den Golf von
Genua in der Mitte, die Golfe von Spezia und Villafranca an den
beiden Enden des hgurischen Busens. Den allmählichen Fortgang
der Eroberung der dazwischen liegenden Landstriche erkennt man
aus der Wahl der Ortschaften, wo die nach Spanien bestimmten
Heere sich einschifften. Bis zum Ende des hannibalischen Krieges
geschieht dies in Pisa, 195 v. Chr. in Spezia, 137 in Villafranca.
Der Durchzug ist oft bestritten worden. Die Slrafse zerfällt in
mehrere Abschnitte, die zu verschiedenen Zeiten ausgebaut, mit ver-
schiedenen Namen benannt wurden. Das erste Stück gehört zu der
13 V. Chr. von Placenlia über Vada nach dem Var geführten, nach
Gallien und Spanien fortgesetzten via Julia AugustaJ) Einige 20
Meilensteine, theils vom Erbauer theils von den Wiederhersteilern
Hadrian (125 n. Chr.) und Antoninus Pius herrührend, sind erhalten,
ebenso grofse Strecken des alten Slrafsendammes. Augustus zählt
bis zur Grenze bei Turbia von Rom 604 Millien, womit nicht die
nächste Entl'ernung sondern der Umweg über Ariminum und Pla-
cenlia auf der Via Flaminia und Aemilia angegeben wird; Hadrian
zählt von Placentia bis zur Grenze 215 Milben. Das Poslbuch
rechnet 6 Milben vom Var bis Cemenelum, von hier bis zur Grenze
Alpe summa 9 Millien.^) Die Strafse lief von Cemenelum nach dem
1) CIL. V p. 828. 95.3.
2) lt. Anl. 296.
§ 2. Die Riviera. 141
Pafs durch das Thal von Laghetto nördlich von der heutigeo, der
berühmten Corniche. Auf der Höhe bei Turbia treffen beide wieder
zusammen und senken sich alsdann nach der Rüste hinab. — Das
erste italische Municipium ist Album Intmilium, auch Albintimilium
oder Intimilium genannt, östlich vom Rntuba Roia (I 302). zwischen
diesem und der Nervia gelegen. i) Es heifst im Itinerarium maritimum
Vintimilio, jetzt Ventimiglia.2) Die heutige Stadt liegt 1 — 2 km von
der antiken nach Westen, am rechten Ufer der Roia, nicht wie
diese am linken. Der Wolstand der allen Stadt wird im Gegensatz
zum Gebirg hervorgehoben, Strabo nennt sie ansehnlich: unter
ihren Ueberresten auf der Pianura di Nervia ist ein Theater er-
wähnenswert. Ihr Gebiet, das sich über 30 km an der Küste hin
und ebenso weit das Thal der Roia hinauf bis an den Tenda er-
streckte, mag an 1000 Dkm befafst haben. Es stellt den alten
Gau der Intimilii dar. Wir hören dafs der Gau noch 49 v. Chr.
in Fehde lebte. Wann er Rürgerecht erlangte und der falerniscben
Tribus zugewiesen wurde, entzieht sich unserer Runde. — Auf das
Thal der Nervia folgt dasjenige des Tavia Taggia, das entweder
den Intimiliern oder den benachbarten Ingaunern gehörte.^) An der
Mündung nahm ein inschrifthch erwähntes aber nicht benanntes
Castellum die Stelle des heutigen Caslel dell' Arma ein,^) Das Itinera-
rium maritimum allein erwähnt den porhis Maurici, noch jetzt
Porto Maurizio auf einem kühn aufstrebenden Vorgebirge (43 m)
mit kleinem Hafen. s) — In den anderen Itinerarien ^) werden die
Stationen Costa balenae (Walfischrippe, ein Wirtshauszeichen) und
Luco Bormani (die Verehrung dieses Gottes ist in Hgurischen Landen
weit verbreitet) angeführt, hierauf 47 Milben von InlimiUum ent-
fernt Album Ingaunum oder Albingaunum Albenga.') Die zahl-
reichen Wasserläufe welche die Strafse seit der Roia überschritten
1) Liv. XL 41 Cic. Fam. VIII 15,2 Strab. IV 202 Plin. III 48 Tac. Bist. II
13 Agric. 7 Varro RR. III 9; CIL. Vp. 900, Pais suppl. p. 132 Kaibel inscr.
Gr. 2276.
2) it. marit. 503. Guido 35 Avintimilium 79 Figentimüium.
3) It. marit. 503.
4) CIL. V 7809.
5) It. mar. 503.
6) It. Ant. 295 Tab. Peut. Geogr. Rav. IV 32 V 2 Guido 35. 79.
7) Strab. IV 202 Mela II 72 Plin. III 48 Tac. Bist. II 15 vita Proc. 12,1
13,5 CIL. V p. 894.
142 Kapitel I. Ligurien.
hat '), sind unbedeutend. Hier zuerst begegnet wieder eine ent-
wickelte Thalschaft, welche an diejenige von Ventimiglia erinnert
und deshalb in gleicher Weise den Mittelpunct eines grofsen Gaus
zu liefern geeignet war. Gabelförmig vereinigen sich die von Westen
kommende etwa 40 km lange Arosia und die von Nordwest kommende
halb so lange Genta um nach 3 km das Meer zu erreichen. Sie
halten auch im Sommer Wasser, treten häufig aus und versumpfen
ihre Ufer, so dafs die Malaria hier einen Sitz hat. Solcher Aus-
schreitungen gedenkt die poetische Inschrift welche die Herstellung
und Befestigung der Stadt durch Constantius (bald nach 353 n.
Chr.) schildert 2):
Constanti virtus Studium victoria nomen
dum recipit Gallos, constäuit Ligures,
moenibus ipse locum dixit, duxitque recenti
fundamenta solo, iuraque parta dedit,
cives tecta forum, portus commercia portas
conditor extructis aedibus instituit;
dumque refert orbem, me primam protulit urbem,
nee renuü titulos limina noslra loqui,
et rabidos contra ßuctus gentesque nefandas
Constanti m,urum nominis opposuit.
Eine Brücke (Ponte Lungo) ist das ansehnlichste Denkmal aus
römischer Zeit. Nach Strabo war die Stadt klein. Der Flufs an
dem sie lag, bot an seiner Mündung nur eine dürftige Rhede. Ihr
gegenüber hegt das nach seinen Wildhühnern benannte Eiland
Gallinaria (90 m).3) Die Stadtgemeinde war in der Tribus Publilia
eingetragen. Ihr Gebiet befafste nur einen Theil der alten Gau-
grenzen, innerhalb deren nicht weniger als dreifsigmal Ansiedlungen
von den Rumern vorgenommen sein sollen. 4) Die Ingauni, eines
1) Wie den I 302 nach Plin. 111 48 erwähnten Merula.
2) CIL. V 7781 Buecheler carm. lat. epigr. 893.
3) Varro RR. III 9 Golum. Vlll 2 Sulp. Sev. v. S. Martini 6,5 Sozom. Bist,
ecci. III 14,40. Diel 444 A. 1 erwähnte Deutung der gallinae rusticae als ver-
wilderte Haushühner stützt sich zwar auf ein antikes Zeugnifs bei Varro, aber
die Stütze ist morsch. Nach dem bewährten Uitheil Uiyssis Aldrovandi,
Ornilhologia Bonon. 1599, üb. XIll cap. 11 ist darunter Gallina corylorum, nach
heuliger Nomenclatur Bonnsa sylvestris, das Haselhuhn zu verstehen, wie mir
H. Ludwig mittheilt.
4) Plin. Ill 46 nee silus originesque persequi facile est Ingaunis Liguribus
(ut ceteri omiltantur) agro Iricies dato.
§ 2. Die Riviera. 143
der wichtigsten Völker Liguriens, nahmen einstens die gröfsere
Hälfte der Riviera di Ponente bis nach Genua hin ein.i) Sie
schlössen sich 205 v. Chr. dem Karthager Mago an, machten 201
mit Rom ihren Frieden, wurden 185 von Neuem bekriegt, endlich
181 durch Aemilius Paulus unterworfen. Bis dahin hatten sie zur
See den Handel von Massalia durch Piraterie arg belästigt. — Als
Stadt der Ingauner wird ein einziges Mal 205 v. Chr. das etwa
30 Mühen von Genua, 34 von Albenga entfernte Savo Savona er-
wähnt. 2) Seine heutige Blüte steht im Gegensatz zum Schweigen
der Ueberlieferung. Der Verkehr zog sich in römischer Zeit nach dem
4 Millien westUch gelegenen Vada Sabatia oder Sabata dem Strand-
see von Sabate.3) Den Namen erklärt Lucan ^) der nach der Be-
schreibung von Monaco fortfährt:
quaque tacet Htm dubium quod terra fretumque
vindkat alter nis vicibus, cum funditur ingens
Oceanus vel cum refugis se fluctibus aufert.
Als Knotenpunct des römischen Strafsennetzes nahm es in der
Geschichte des Wegebaus einen wichtigen Platz ein. Bis hierhin
wurde die Küslenstrafse von Rom aus 109 v. Chr. chaussirt. Von
hier führte über den Col di Cadibona oder dell' Altare die gleich-
zeitig erbaute Stiafse nach Placentia, von der später eine Strafse
nach Turin abzweigte. Der niedrige Pafs (490 m) galt den Alten
mit Recht als Grenze zwischen Alpen und Appennin (I 141. 220).
Der wichtigen Verkehrslage ungeachtet scheint die Ortschaft kein
Stadtrecht gehabt zu haben; wir wissen nicht welchem Gemein-
wesen sie zugetheilt war.^) In christlicher Zeit ist sie Bischofsitz
gewesen, aber durch Savona zurückgedrängt worden, jetzt ein blofses
Dorf Vado.
Die Küstenstrafse von Vada ab ist ein Theil der via Äemilia,
die vom Censor M. Aemilius Scaurus 109 v. Chr. über Pisa und
Luna am Meer hin bis Vada, sodann über den Appennin nach
1) Liv. XXVIIl 46 XXIX 5 XXX 19 XXXI 2 XXXIX 32 XL 18. 25-28.
34 Plut. Aem. P. 6 Flor, I 19.
2) Liv. XXVIIl 46,10 XXIX 5,1.
3) rada Cic. Farn. XI 10,3 13,2, Sabatia Mela II 72 Steph. Byz. r. Sabatia
vita Pert. 9,4 13,4; portus Fadorum Sabatinm Plin. III 48, Sabata Strab. IV 202
V216. 217 Ptol. III 1,41, Fadis Sabatis Hin.
4) Lucan I 409 Strab. IV 201 tä xah)ifuva 2aßarova8ae oneQ iari
rwäyr].
5) CIL. V p. 892. Steph. Byz. ^aßßtnla Kafiri KaXrtxri.
144 Kapitel I. Ligurien.
Dertona angelegt wurde. >) In Dertona mündele sie in die von
Genua nach Cremona lülirende via Postumia ein. Vom Consul
Sp. Fostumius 148 v. Chr. angelegt, ist dies die älteste Kunststrafse
welche die Rümer zur Verbindung des Polands mit der ligurischen
Küste erbaut haben. Man begreift dies ohne weiteres. Einerseits
läuft hier die kürzeste Linie zwischen Po und Miltelmeer, sinkt
die Kammhühe des Appennin am Pafs des mons loventio Colle de'
Giovi2) am tiefsten (472 m) ein. Anderseits stellt Genua, am
Schlufs des grofsen Bogens den das Gebirge beschreibt gelegen,
den natürlichen Mittelpunct des ganzen Küstenlandes dar. — Die
Mündung des Porcobera Polcevera (I 303) an dem die Postumia
ansteigt, im Westen ist von derjenigen des kleineren Fertor Bisagno 3)
im Osten 6 km entfernt. Das von ihnen eingeschlossene Hügelland
dacht sich von einer Höhe bis zu 516 m ziemlich rasch nach dem
Meer ab. Seine Ausläufer lassen eine halbkreisförmige Hafenbucht
frei, die zwar dem Südwest und der ihn begleitenden Brandung
ausgesetzt, aber im üebrigen sicher tief und geräumig ist. An ihr
liegt Genua^) Genova, das ähnlich wie Ancona vom Ellenbogen, von
genu dem Knie das die Küste hier bildet, benannt zu sein scheint. 5)
Der IName deutet auf eine italische Niederlassung hin, die unter
dem Schutz der römischen Waffen erfolgt sein mag. In den Kriegen
gegen Kellen und Ligurer diente es diesen im 3. und 2. Jahr-
hundert als Stützpunct (I 473). Durch Mago 205 v. Chr. zerstört,
wurde es mit römischer Hülfe nach zwei Jahren wieder hergestellt.
Aber mit dem Vorrücken der römischen Eroberungen nach Westen
verschwindet es aus der Geschichte. Wir wissen weder wann Genua
Bürgerrecht erlangte, noch wie seine Verfassung geordnet war.
Denkmäler und Inschriften lassen uns gleichfalls im Stich. Zwar
war es nach Strabo der Marktplatz von Ligurien , und wird seine
günstige Handelslage noch im 6. Jahrhundert n. Chr. betont. 6)
1) Stiab. V217 Aur. Victor d. vir. ill. 72.
2) CIL. I 199,17.
3) Plin. III 48 vgl. I 303.
4) Bewohner insclirifllich Genuates oder Genuenses. — Liv. XXI 32 XXVIII
46 XXIX 5 XXX 1 XXXII 29 Val. Max. 1 6,7 Strab. IV 202. 3 V 211 Meia U
72 Plin. III 48 Plol. III 1,3 Steph. Byz. Hin. CIL. V p. 884 fg.
5) Im Mittelalter (z. B. Liudprand antap, IV 5) Janua und deshalb von Janus
abgeleitet. Diese Form Prokop. b. Goth. III 10 ist zu beseitigeu, da eb. II 12
die richtige handschriftlich überliefert wird.
6) Prokop I). Goth. II 12 Tovaxias fiev iaxiv ia^fi^rr], naqaTtXov 8e naX<Ss
raXXcav TB xal ' lanavüv xslrat.
§ 2. Die Riviera. 145
Allein das Hinterland war zu ärmlich und klein. 3Iit dem gewal-
tigen Aufschwung den die padanische Ebene unter Roms Herrschaft
nahm, gewinnen die dem Flufslauf folgenden Verkehrslinien nörd-
lich vom Appennin eine überwiegende Bedeutung. Für die Reise
nach Galüen und Spanien war der Weg über die cottischen Alpen
ungleich bequemer als die alte Küstenstrafse mit ihrem ewigen An-
und Abstieg. 1) So blieb Genua im Altertum auf den Verkehr seiner
Landschaft beschränkt, wurde von den Küstenfahrern angelaufen
die Schutz suchen oder Wasser einnehmen wollten. Welthafen ist
es erst seit seinen Kämpfen wider die Saracenen geworden. Wie
weit das Stadtgebiet sich im Altertum erstreckte, ist nicht zu sagen.
Eine Urkunde von 117 v, Chr. nennt 5 von Genua abhängige Ort-
schaften, von denen aber nur das hauptsächlich in Frage kommende
Castellum der Langenses Viturii in dem 10 Millien oberhalb unweit
der Polcevera gelegenen Langasco mit Sicherheit erkannt ist. Rö-
mische Schiedsrichter stellen zu dessen Gunsten die Grenzen der
steuerfreien und steuerpflichtigen Flur genau fest (S. 48). Die
Fülle von Ortsangaben welche in der Urkunde vorkommen , hat
ausführliche Untersuchungen angeregt, deren Ergebnisse der Natur
der Sache nach sowol mancherlei Zweifel hervorrufen, als über-
haupt nicht in eine allgemeine Darstellung gehören,'-) Es steht fest
dafs die Oberhoheit von Genua bis auf die Pafshöhe des m. loventio
Colle de' Giovi reichte, minder fest dafs sie den Kamm des Appennin
überschritt. Aber die gröfste Ausdehnung des Gebiets mufs an der
Küste westwärts wie ostwärts hin gesucht werden. Man darf
schliefsen dafs die Langenser 197 v. Chr. durch Consul Minucius,
dessen Nachkommen den Spruch zu ihren Gunsten fällen, in die
Abhängigkeit von Genua gebracht worden sind. Darin Hegt ein
Zeugnifs für die Vortheile welche die Stadt aus ihrem Anschlufs
an Rom zog, zugleich auch für den bescheidenen Umfang der
Grenzen die ihr anfänghch um 200 v. Chr. gesteckt waren.
Die Riviera di Levante, die Küste von Genua bis Spezia bot
der städtischen Entwicklung noch gröfsere Schwierigkeiten als der
1) Um die Steilheit des Berges im Purgatorio zu schildern zieht Dante III
49 dieselbe an: Tra Lerici e Turbia la piü diserta la piü romita via e una
scala verso di quella agevole ed aperta.
2) CIL, I 199 V 7749. Topographisch erläutert von Serra, Memorie dell'
academia imp. di Genova 1809 II p. 89fg., am eingehendsten von Sanguineti
Grassi und Desimonis, Atti della societä Ligure di storia palria III p. 357 — 744.
Nissen, Ital, Landeskunde, ü. 10
146 Kapitel I. Ligurien.
bisher betrachtete Abschnitt. Die Berge treten näher an die See,
die Strafse hat bedeutende Steigungen zu überwinden. Von Genua
15 Millien entfernt springt das breite Vorgebirge von Portofino vor
(610 m), den Golf von Rapallo im Westen einschhefsend. An seiner
Südspitze am Ausgang des Golfs hat der kleine geschützte Hafen
von Portofino seinen alten Namen portus Delphini bewahrt. i) Die
gegenüber liegende Küste ist auf 10 Millien hin eben. Hier findet
sich die einzige bemerkenswerte Thalschaft, durch den 40 km langen
Enteila Lavagna mit seinen Zuflüssen gebildet. 2) Sie ist wegen
ihres vortrefflichen Schiefers berühmt, der die ligurischen Küsten
mit Dachplatten versorgt und solchen Ruf geniefst, dafs der Name
des Hauptorts den Italienern zur Bezeichnung des Materials dient
(lavagna). Die Ausbeute hat bereits im Altertum stattgefunden 3):
eine Ortschaft Tigulia oder Tegulata Ziegelbruch wird erwähnt"*):
ihr Ausfuhrhafen Segesta Tiguliorum ist das heutige Sestri Levante. &)
Ueber die politischen Verhältnisse des ganzen Strichs bleiben wir
ohne Nachricht. 6) — Nunmehr steigt die Strafse den das Thal des
Boactes Vara einfassenden Bergrücken hinan : die Pafshöhe in Alpe
Äpennina mifst 568 m.') Der Bergzug läuft in zwei Arme aus, die
den Golf von Spezia, einen der vorzüglichsten Häfen Europa's ein-
schliefsen. Portus Lunae hiefs er den Römern, die seine Gestalt
einer Mondsichel verglichen und hiernach auch ihre benachbarte
Colonie benannten. 8) Als Kriegshafen wird er zum ersten Mal
195 V. Chr. erwähnt und hat die Bewunderung der Zeitgenossen
erregt ^) :
1) Plin.III 48 Hin. marit. 502 It. Ant. 294.
2) Ptol.m 1,3.
3) Schieferdacli im Norden bekannt Plin. XXXVI 159, findet sich wenn
auch nicht häufig in Römerlagern am Rhein.
4) Tfgulata It. Ant. 294, Ligulia Mela II 72, Sigulia Plin. III 48, TiyovXUa
{Tiyovlla) Ptol. III 1,3. — TigtUa fl. Tab. Peut. einer der südlich von Sestri
mündenden Bäche.
5) Plin.III 48 It. marit. 501.
6) CIL. V p. 883. 1091 Pais suppl. p. 131.
7) Tab. Peut. in Alpepennino Geogr. Rav. IV 32 V 2 Guido 35. 79 Äpennina
{aspinina).
S) Strab. V 222 Martial XIII 30 Rutil. Nam. II 64 Schol. Pers. 6,1.
9) Pers. Sat. 6,6 Nepos Gate 1. Liv, XXXIV 8 XXXIX 21. 32 Strab. V
222, Plin. III 50 oppidum Luna portu nobile, Sil. It. VIII 480 Scrib. Larg. med.
comp. 163.
§ 2. Die Riviera. 147
mihi nunc Ligus ora
intepet hibernatqiie meum mare, qua latus ingens
dant scopuli et multa litus se valle receptat.
Lunai portum, est operae, cognoscite cives:
cor iubet hoc Enni.
Ennius wird ihn gesehen haben , als er 204 v. Chr. von Sar-
dinien nach Rom gebracht wurde. Es ist nicht zu bezweifeln dafs
die Römer im Lauf des ersten punischen Krieges oder bald nachher
sich hier festsetzten, wenn auch ihre Herrschaft erst durch die Ver-
treibung der Apuaner und die Gründung von Luna (I 474) endgültig
gesichert worden ist. Wie der Hafen heutigen Tages der Haupt-
sitz der Kriegsmarine Italiens ist, bot er im Altertum während des
3. und 2. Jahrhunderts v. Chr., so lange die Römer um das west-
liche Mittelmeerbecken zu kämpfen hatten, unschätzbare Vorlheile
dar. Mit der Unterwerfung der Gallier und Iberer sowie dem zu-
nehmenden Verfall des römischen Seewesens geht diese Redeulung
verloren. Die Lage zum Binnenland schliefst aber die Möglichkeit
aus, dafs ein friedlicher Verkehr in grofsem Umfang sich an dem
Golf entfalten konnte. Silius nennt Luna
insignis portu quo non spatiosior alter
innumeras cepisse rates et claudere pontum.
„Der einzig grofse und schöne Hafen, sagt Strabo, umfafst in
sich mehrere Häfen alle am Strande tief, wie nur der Stülzpunct
einer so weiten und langdauernden Seeherrschaft sein könnte.
Eingeschlossen wird der Hafen von (6 — 700 m) hohen Bergen, von
denen die Meere und Sardinien und ein grofses Stück der Küste
nach beiden Seiten hin sichtbar ist." Spuren der Etrusker an
welche Strabo bei diesen Worten denkt, sind in dem ganzen Land-
strich so gut wie nicht zu Tage getreten; im Uebrigen trifft seine
Beschreibung zu. Das Vorgebirge welches den Golf nach Südwest
schützt, ist in der Luftlinie 6 km lang und wird durch die marmor-
reiche Insel Palmaria (188 m) fortgesetzt. An der jetzt versandeten
Durchfahrt (I 303) lag und liegt portus Veneris Porto Venere.^) Auf
den äul'sersten Vorsprung, wo jetzt die verfallene Kirche S. Pietro
weithin sichtbar in das Meer hinausragt, verlegt die Tradition den
Tempel der schaumgeborenen Göttin: sicherhch könnte keine an-
gemessenere Lage gedacht werden. 2)
1) It. marit. 502 Gregor Mag. registr. V 17. 18.
2) In dem an der anderen Seite des Golfes liegenden Lerici H'ill man, wie
10*
148 Kapitel I. Ligurien.
Die Romerstrafse berührte den Golf uicht, sondern senkte sich
in das Thal des Boactes Vara i), folgte ihm bis unterhalb seines Zu-
sammenflusses mit dem Macra Magra. Dieser reifsende Bergstrom
(1 303) gilt seit Augustus als Grenze zwischen Ligurien und Etrurien
(S. 131); wir brechen demgemäfs ab, die Beschreibung von Luna und
seinen Marmorbrüchen auf einen späteren Abschnitt (Kap. V 1) ver-
schiebend.
§ 3. Das Reich des Cottius.
Unter allen Alpenstrafsen war seit dem Ausgang der Republik
die über den M. Genevre führende die wichtigste (I 157). Der
Widerstand den Caesar 58 v. Chr. bei seinem Uebergang antraf 2),
hat sich während seiner Statthalterschaft nicht wiederholt, in deren
Verlauf er den Weg wol 10 — 15 mal zurücklegte. Der hier re-
gierende König Donnus scheint in ein Freundschaftsverhältnifs zu
ihm getreten zu sein, das späterhin von den beiderseitigen Erben
erneuert wurde. Die Söhne des Donnus erhielten durch Augustus
römisches Bürgerrecht und Aufnahme unter den römischen Adel.^)
Einer von ihnen hat 9 oder 8 v. Chr. in Gemeinschaft mit den ihm
untergebenen Stämmen dem Kaiser in Susa einen noch vorhandenen
Ehrenbogen errichtet, auf dem er sich selbst bezeichnet als M. Julius
regis Donni filius Cottius praefectus civitatium quae subscriptae sunt.
Cottius wufste demnach dem Schicksal so vieler anderer Fürsten
zu entgehen und auf den Königstitel verzichtend, die angestammte
Macht auch nach der Unterwerfung der Alpen zu bewahren, viel-
leicht sogar zu vergröfsern. Durch Kaiser Claudius erhielt sein
Nachfolger mit weiteren Vergröfserungen den Königsnamen zurück,
aber unter Nero wurde das Reich nach dem Tode des letzten Cottius
in eine Provinz verwandelt und einem Procurator als Statthalter
unterstellt. 4) Den Bewohnern hatte bereits, wie es scheint, Augustus
latinisches Recht verliehen; wann sie in den Bürgerverband aufge-
1470 A. 1 erwähnt, einea porius Ery eis erkennen. Aber der heutige Name
scheint vielmehr von Hex abgeleitet (Promis, Luni p. 33); bei Ptol. Ill 1,3
fehlt er in den griechischen Handschriften, wird deshalb von dem neuesten
Herausgeber als interpolirt angesehen.
1) Die Namensform steht nicht fest: Boactes Ptol. IH 1,3, Boaceas iL kni
293, Boron Tab. Peut. Geogr. Rav. IV 32 V 2 Guido 35. 78.
2) Gaes. b. Gall. I 10.
3) Ovid ex Ponto IV 7 Plin. Ep. III 1. 10.
4) Dio LX 24 Suet. Nero 18 vita Aurel.21.
§ 3. Das Reich des Cottius. 149
nommen wurden , ist nicht überliefert. Die Provinz heifst Alpes
Cottiae oder Cottianae, aber daneben behauptet sich der Name
regnum Cottii, wie auf der Peutingerschen Tafel steht. i) Das An-
denken des ersten Cottius wurde noch in späten Jahrhunderten in
Ehren gehalten und blieb mit der von ihm gebauten Strafse und
dem ganzen Strich dieser Alpen unauflöslich verbunden. Mit der
Bestimmung seines Gebiets hängen verschiedene geographische Fragen
zusammen. 2)
Dafs der M. Viso nicht die Grenze der beiden Alpenprovinzen
abgegeben habe, ward S. 135 ausgesprochen. Plinius sagt dafs die
14 cottischen Gaue auf der Siegesinschrift von Tropaea fehlen, weil
sie nicht zu den Feinden gehört hätten. 3) In Wirklichkeit gilt dies
nur von der Mehrzahl: ihrer 5 werden unter den besiegten aufge-
führt. Es ist nicht unmöglich dafs Augustus diese erst dem Reich
des Cottius hinzugefügt hat.'*) Unter ihnen sind die Vesubiani durch
das Fortleben ihres Namens im Thal der in den Var einmündenden
Vesubia sicher bestimmt. Daraus erhellt dafs das Gebiet dieses
Fürsten über die Wasserscheide hinüber mehr als 80 km in der Luft-
linie weiter nach Süden reichte als man gewöhnhch annimmt. Wenn
es ferner von Strabo der ligurischen Nation zugerechnet wird_, so
trifft dies auf den südlichen Theil unzweifelhaft zu (I 472). — Jen-
seit der Wasserscheide ist die politische Grenze des Fürstentums
gegen Italien mit der im Allgemeinen bekannten Zollgrenze gegeben.
Nun befand sich ein Zollamt in Pedo Borgo S. Dalmazzo. Die Stadt
lag an der Kreuzung zweier Verkehrswege : einerseits führt der Weg
das Thal der Stura di Demonte hinauf über den bequemen Pafs
des Col deir Argentera (I 157) nach Gallien, anderseits über den
Col di Tenda (1875 m) naeh der ligurischen Küste. Die Stadt
wird von keinem Schriftsteller aufser Cassiodor, dagegen in mehreren
Inschriften erwähnt. 5) — Ein in der Nähe von Piasco bei dem
Austritt der Varaita in die Ebene gefundener Stein nennt ein zweites
1) VitruvVIII 3,17 Suet. Tib. 37.
2) Strab.IV204 Plin. 111 138 Ptol. 111 1,34-36 Ammian XV 10,2— 8 CIL. V
p. 808 fg. Pais suppl. p. 125. R. Rey, le royaume de Cottius, Grenoble 1898.
3) Irrig sind 15 Gaue statt 14 genannt; ferner ist § 137 Esubiani zn ver-
bessern in Fesubiani.
4) Strabo unterscheidet das Land des Donnus {iSeövvov oder dovdvov die
Handschriften) von dem des Cottius, als ob beide neben einander regiert hätten.
Der Hergang läfst sich nicht mehr enträtseln.
5) Cassiod. Var. 1 36 CIL. V p. 912.
150 Kapitel I. Ligurien.
Zollamt. 1) Der Pafs welcher aus dem Thal der Varaita in dasjenige
des Gull hinüber führt (Col di Agnello), liegt zwar 2744 m hoch,
wird aber viel begangen. — In dem folgenden Einschnitt der durch
das obere Thal des Po gebildet wird , dringt das italische Gebiet
weit ins Gebirge hinein, da die Quelle bei 1952 m Meereshöhe von
der Feldmark der Bagienni umschlossen wird.'-^) — Dann findet
sich noch eine Grenzangabe für das Thal der Dora Riparia.
Die Hauptstrafse des Reiches die I 157 beschrieben wurde,
durchschneidet dasselbe von Ost nach West. Dem rechten Ufer
des Dujia Dora Riparia 3) folgend, erreicht sie 16 oder 18 Milben
von Turin ad Fines das Zollamt an der Grenze 4), 20 Millien von
Turin den Grenzort Ocelum. Von hier wurde das Ende Itahens
gerechnet, insofern das Thal sich verengt und die Ebene der Tauriner
aufhört. 5) Das Dorf Chiusa de' Longobardi bezeichnet die Stelle,
Desiderius hat sie 774 durch Schanzlinien abgesperrt, Karl der
Grofse 806 zur Grenze zwischen Italien und Frankreich erhoben.
— Nach weiteren 20 Millien erreicht die Strafse Segusio Susa die
Hauptstadt des Reiches, von welcher aus die Entfernung auf den
Meilensteinen gezählt wird, an der Vereinigung der beiden Wege
über den M. Cenis (I 158) und den M. Genevre.^) Ihrer militärischen
Wichtigkeit entsprechend war sie im Altertum stark befestigt und
wird Italiae claustrum genannt. Die aus ein paar Cohorten be-
stehende Truppe, welche die Sicherheit des Verkehrs durch die
Wildnifs verbürgte, gab die Besatzung ab.') Die Könige, späterhin
die Statthalter hatten hier ihren Wohnsitz. Der 13 m hohe Ehren-
bogen den Cottius errichtete (S. 148), steht noch, sein Grabmal das
Ammian betrachtete, nicht mehr. Aber viele Inschriften zeugen von
der Stärke der römischen Cultur. Nach der Einziehung des Reichs
durch Nero hat Susa Bürger- und Stadtrecht erhalten. — Von Susa
(503 m) steigt die Strafse und erreicht nach 8 Millien das Dorf
Scingomagus in der Gegend von Exilles (Dorf 876 m Fort 1166 m),
1) CIL. V 7643.
2) Plin.IlI 117.
3) I 185. Strab. V 217 Plin. III 118 Geogr. Rav. IV 36.
4) Die Itinerarien sind zusammengestellt CIL. Vp. 811.
5) Caes. b.Gall. I 10 Strab. V 217 IV 179 Ptol. III 1,34 Geogr. Rav. IV 30
Guido 11.
6) Plin.IlI 123 Ptol. III 1,36 Paneg. Lat. IX 5 X 17. 21. 22 Ammian XV
10,3. 7 Hin. CIL. V p. 814.
7) Suet. Tib. 37.
§ 3. Das Reich des Cottius. 151
wo Artemidor die natürliche Grenze Italiens angesetzt hatte 519
Milhen von Rom entfernt J) Aber neben dieser auch bei Ammian
begegnenden Anschauung über den Punct wo Italien anfängt, findet
sich noch eine dritte in dem Pilgerbuch von 333, welches ihn
östlich von Susa zwischen dieser Stadt und dem 12. Meilenstein
sucht. 2) Nun durchmifst die Strafse eine ebene Thalfläche von
7 — 8 Millien Ausdehnung bis zur Station ad Mortis Oulx (1071 m)^)
an der Einmündung der Bardoneche in die Dora. Der letzteren
folgend steigt man nach Gaesaone Cesanne (1560 m)4) und gewinnt
endlich die Pafshöhe (1865 ra) in Alpe Cottia, früher Julia, später
auch nach den hier verehrten Matronae benannt.^) Ammian bezieht
den Namen mifsverständlich auf eine verunglückte vornehme Dame;
richtiger wird er auf den in keltischen Landen weit verbreiteten
Cultus der Matronen gedeutet. Die Ortsnamen an dieser Strafse
tragen wie bemerkt (I 472 A. 2) mehrfach ein keltisches Gepräge.
Trotz des regen Verkehrs ist die Strafse bis zum Bau der heutigen
(1802) äufserst beschwerlich gewesen, wie aufser von Ammian in
der poetischen Reisebeschreibung des Ennodius ausgeführt wird:
Matronas taceo scopulos atque invia dictas
in foribus blandas cetera diffiiciles.
Die Itinerarien rechnen von der Pafshöhe bis Eburodunum
Embrun (854 m) 41 Millien. Dies ist die Grenzstadt des Reiches
gegen Gallien, seine Ausdehnung von Ost nach West wie sie der
Reisende durchmafs, betrug 99 Millien. 6) Wie weit es sich nach
Norden hin erstreckte und in welchen Thälern die am Ehrenbogen
namhaft gemachten Gaue wohnten, ist nicht genau zu sagen. Caesar
hatte 58 v. Chr. den Uebergang über den M. Gen^vre gegen Ceu-
trones et (rraioceli et Caturiges zu erkämpfen. Der Name der letzleren
lebt in dem heutigen Chorges fort; ihnen gehört die Stadt Eburo-
dunum an.') Die Ceutronen bewohnten das obere Thal der Isöre.
1) Strab. IV 179 Plin. II 244 Agath. Geogr. 4,17.
2) Ämm. XV 10,6 It. Hier. 556.
3) Amm. XV 10,6 und lliner.
4) It. Gaditana Goesao und Gaesaeone Tab. Peut. Gadaone It. Hier. 556
Gesdaone.
5) Tab. Peut. m Alpe Cottia It. Hier. 556 Amm. XV 10,6 Ennod. carm. I 1,23.
Die Bezeichnung Julia Alpis Liv. V 34,8 steht allein, ist aber ganz richtig
nach dem römischen Namen des Königs gebildet.
6) Strab. IV 179 in Uebereinstimmung mit den Itinerarien.
7) Caes. s. Call. I 10 Ptol. III 1,35.
152 Kapitel I. Ligurien.
Der ISame der westlich von beiden sitzenden Graioceli hängt augen-
scheinhch mit den Alpes Graiae zusammen : er kommt nur bei
Caesar vor i), und es läfst sich nicht bestimmen ob der Kamm der
Alpen vom M. Cenis bis zum kleinen Bernhard dem Reich des Cottius
oder den Colonien Turin und Aosta zufiel. Rey setzt den M. La
Levanna (3669 ni) als Nordgrenze an. Da aber die Medulli in den
höchsten Erhebungen der Alpen dazu gehörten 2) , so hat es noch
einen Theii von Savoyen umfafst. Man wird den gesamten
Flächeninhalt nicht unter 15000 Dkm schätzen dürfen.
§ 4. Das Binnenland.
Der Bogen in welchem Alpen und Appennin den hgurischen
Busen umziehen, hat im Westen eine Kammhöhe von 3000 m, in
der Mitte 8—900 m, im Osten 15—1600 m. Mauerartig nach der
See abfallend, ist er allmälich zum Po hin abgedacht. So entsteht
ein Hügelland das im Westen an 120 km, weiterhin nur die Hälfte
sich von Süd nach Nord erstreckt. Eine etwa 70 km lange und
40 km breite Einsenkung trennt dasselbe von der Hauptkette der
Alpen. Po und Tanaro durchströmen die Senke in nördlicher
Richtung. Bei Turin biegt der Po (137 m) ostwärts um und be-
schreibt bis Valenza einen 110 km langen flachen Bogen, dessen
Sehne durch die Hügel von Monferrato dargestellt wird. Diese
Hügel voll mariner Bildungen und sandiger Strecken erreichen in
der Superga bei Turin eine Höhe von 653 m, in la Maddalena
712 m. Sie werden im Süden durch das Thal des Tanaro begrenzt,
der dem Po parallel gleichfalls in einem grofsen Bogen nach Osten
fliefst (I 186). Wo unterhalb Valenza bei 82 m Meereshöhe beide
Ströme sich vereinigen , hören die Hügel die bis dahin den Süd-
rand des Po eingefafst hatten, auf; eine weite Niederung dringt
golfartig in den Subappennin ein, so dafs hier au seiner schmälsten
und niedrigsten Stelle bei Genua die Breite des Appennins nur
35 km milst. Alsbald nach Südosten umbiegend wächst mit der
Höhe zugleich auch die Breite. Aus dem Gesagten wird die Ghederung
des Landes und der Lauf seiner grofsen Verkehrswege ersichthch.
An der Polinie nahmen Turin und Placentia beherrschende Stellungen
ein, dazu trat Mailand als Mittelpunct der lombardischen Ebene
1) Plin. III 134 Grai nach unbekannter Quelle.
2) Strab. IV 185. 203 Vitruv VIII 3,20.
§ 4. Das Binnenland. 153
hinzu. Die Hauptstrarseii setzen diese Plätze mit dem ligurischen
Meer in Verbindung, an ihnen liegen die von den Römern gegrün-
deten Städte. Die beiden Hälften und Gegensätze Liguriens haben
wiederholt ihre Rollen auf der geschichtlichen Rühne mit einander
vertauscht: in den Anfängen und seit den Kreuzzügen führt die
Küste das grofse Wort, unter den Caesaren das Rinnenland das eine
unverächtliche Reihe blühender Gemeinwesen aufweist.
Der Pafs des Colle di Tenda (1875 m von Mai bis September
schneefrei) verbindet auf kürzestem sicherstem Wege die Hgurische
Ebene im Westen mit der Küste. Der Weg führt von Älbintimilium
(S. 141) das Thal der Roia hinauf, dann der Vermenagna die in
den Gesso mündet, folgend hinunter nach Pedo (S. 149). Es
läfst sich nicht mit Restimmtheit sagen, ob diese Stadt zum cottischen
Reich oder zu Italien gehörte. — Einige 20 km nördlich, wir ver-
muten bei Rusca an der Ausmündung der beiden Thäler der Maira
und Varaita, lag eine nur inschriftlich erwähnte Stadt Forum Germa[
natium, orum, ici] deren letzte Namenshälfte unbekannt ist. i)
Mommsen ergänzt Germanorum. Da an eine Verpflanzung von
Deutschen in diese Gegend nicht vor Marc Aurel zu denken ist,
so müfste ein sonst verschollener einheimischer Stamm verstanden
werden. 2) Näher liegt es den Markt mit der Gründung einer
Strafse zusammen zu bringen und nach dem Urheber benennen zu
lassen. Allein die Ueberheferung versagt gleichermafsen für die
eine Annahme wie für die andere. — Von hier lief die Strafse am
Fufs der Alpen weiter über die zur Transpadana gehörenden Städte
Forum Vibi und Caburrmn (S. 164) nach Turin. Ihre Gesamt-
länge beträgt ungefähr 200 km. Die Anlage der beiden Fora,
welche nach den Inschriften dem letzten vor- oder dem ersten nach-
christlichen Jahrhundert zugewiesen werden mufs, hängt mit dem
Ausbau der Strafse zu einer Zeit zusammen, wo diese nur eine
landschaftliche Redeutung in Anspruch nehmen konnte.^) Als aber
der Schwerpunct des römischen Reiches von der Halbinsel nach der
Poebene, von Rom nach Mailand sich verschob, wurde sie eine
1) CIL. V p. 910 Pais suppl. p. 137. Ueberlieferl ist Foro Ger und rei-
publicae Gerina.
2) Wenn man will, ein Rest jener Germanen über die 222 v, Chr. die
Fasten einen Triumph verzeichnen.
3) Uebrigens deuten auf Wagenverkehr die plostralia (Kutscherfest) einer
Inschrift aus dem Sturathal CIL. V 7862.
154 Kapitel I. Ligurien.
wichtige Verkehrsader und durch kaiserhche Fürsorge in Stand
gesetzt. 1)
Ein anderer Weg über den Col di Cadibona (490 m) setzte die
hgurische Ebene mit Vada (S. 143) in Verbindung. Auf ihm suchte
M. Antonius im Mai 43 v. Chr. nach der Schlacht bei Mutina die
Poebene zu gewinnen; aber seine Reiter kamen vor PoUentia zu
spät an , das die Cohorten des D. Brutus von Aquae Statiellae aus
vermittelst einer kürzeren Querstrafse eine Stunde zuvor besetzt
hatten. 2) In der That ist der Weg für den Marsch von Reiterei
nicht günstig. Jenseits des Passes verläfst er im Thal der öst-
lichen Bormida die via Aemilia, steigt hinüber ins Thal der westlichen
Bormida, aus diesem ins Thal des Tanarus'^) (1 186) nach Ceva dem
Mittelpunct einer früheren Markgrafschaft. Der Käse der Gegend
ist berühmt und war es auch im Altertum ; denn man wird nicht
anstehen den gerühmten caseus Cebanus oder Coebanus auf diesen
Ort zu beziehen. 4) — Den Tanaro entlang senkt sich die Strafse
nach (349 m) Augusta Bagiennorum Bene (seit 1862 Bene Vagienna)
etwa 90 km von Savona entfernt. 5) Die Bagienni werden in der
Kriegsgeschichte nicht erwähnt.^) Ihr Gebiet dehnte sich mindestens
60 km von Ost nach West bis zu den Quellen des Po am M. Viso
aus (S. 150). Die Bergdistricte — sparst per saxa Bagenni'^) —
hatten nur latinisches Recht und waren der in die Tribus Camilia
eingetragenen Stadt in der Ebene untergeordnet. Augustus ver-
fuhr wie im übrigen Umkreis der Alpen, verheb auch der Gemeinde
seinen Namen, aber nicht das Recht einer Colonie: dafür reichten
Macht und Volkszahl nicht aus.^) Die Stadt lag 1 km von der
1) Auf der Strecke von Turin nach Cavour ist ein Meilenstein Gonstantins
erhalten CIL. V 8081; von demselben bei Genua 8082 und Nizza 8108.
2) Cic. Fam. XI 13 a vgl. Philipp. XI 14.
3) Plin. 111 118 Aelian de anim. XIV 29.
4) Plin. XI 241 Gluver p. 83 CiL. V p. 895, Cebula an der Riviera di Le-
vante Geogr. Rav. V 2 Guido 78.
5) Varro RR. I 51 Plin. III 47. 49. 117. 135 Ptol. III 1,31 CIL. V p. 873.
Pais suppl. p. 131 JVIuratori Atti delf Acc. di Torino 1865/66 p. 240 fg. 327 fg.
6) Wenn die Angabe Vell. I 15,5 dafs Eporedia Ivrea in Bagiennis ge-
gründet sei, nicht auf blofsem Versehen beruht, so hat dieser ligurische Stamm
einstmals das westliche Piemont inne gehabt, ist von den Kelten gesprengt
und grofsentheiis unterworfen worden. Aber auf die alten Völkerkämpfe am
oberen Po fällt kein Strahl der Ueberlieferung.
7) Sil. It. VIII 605.
8) Eph. ep. V p. 252.
§ 4. Das Binnenland. 155
heutigen entfernt und war planmäfsig errichtet, den Erfordernissen
und dem Geschmack der Kaiserzeit angepafst: mancherlei Ueber-
reste von einem Amphitheater (104 X 78 m) Theater Aquaeduct Bädern
und anderen BauHchkeiten bekunden einen gewissen Wolilstand.i)
— Indessen wurde sie von dem 16 km nördlicheren Pollentia
PoUenzo übertrofFen.2) Am Unken Ufer des Tanaro 2 km unterhalb
der Mündung der Stura di Demente bei dem Dorf Pollenzo (198 m)
breiten sich die stattHchen Ruinen eines Amphitheaters Theaters
Tempels aus, welche der von den Schriftstellern der Stadt beige-
legten Wichtigkeit entsprechen. Am Eingang der Thalrinne des
Tanaro, welche die Hügel von Monferrato und den Stock des hgu-
rischen Berglands von einander scheidet, beherrscht sie die nächsten
Verbindungen der Ebene mit dem mittleren Po (Ticinum Mailand
Placentia) , beherrscht anderseits die Strafse von Vada nach Turin.
Deshalb wird ihr Name in der Kriegsgeschichte erwähnt. Durch
die Besetzung Pollentia's zwang D. Brutus seinen Gegner den Küsten-
weg nach GaUien einzuschlagen. Hier lieferte Stilicho am Ostertag
402 die von Claudian verherrlichte Schlacht, welche die Gothen zur
Räumung Italiens bewog.3) Die günstige Lage rief einen namhaften
Handel und Gewerbfleifs ins Leben: hier wurde die braune Wolle
der hgurischen Heerden verarbeitet, hier Thongeschirr von vorzüg-
hcher Feinheit erzeugt. Von dem Uebermut und der Schaulust der
Bevölkerung wird berichtet dafs sie Kaiser Tiberius zu militärischem
Aufgebot nötigte.4) Die Stadt gehörte zur Tribus Pollia; ihre Ent-
fernung von Turin wird auf 35 Milben angegeben.^)
Dem Lauf des Tanaro folgend erreicht man nach 8 Millien das
am rechten Flufsufer (173 m) gelegene Alba Pompeia Alba.t^) Die
Bewohner Albenses Pompeiani waren in die Tribus Camilia einge-
tragen. Den Beinamen scheint die Stadt vom Consul des J. 89
1) Atti della Societä di Archeologia di Torino VII p. 38fg. 69fg. — eb.
p. 76 wird ein vicus Baginas bei Bastia 12 km S von Bene erwähnt.
2) Cic. Fam. XI 13a Pliilipp. XI 14; Colum. VII 2 Plin. III 49 VIII 191
XXXV 160 Sil. It. VIII 597 Martial XIV 157. 158 Ptol. III 1,41 Not. Dign. Occ.
121 CIL. V p. 866 ; Franchi-Pont, autichilä di Pollenzo, Atti dell' Acc. di Torino
1805/8 p. 321— 510.
3) Gros. VII 37,2 lord. Get. 154 Prosper und Cassiodor a. 402 Claudian b.
Get. 635 VI cons. Honorii 127. 202. 281.
4) Suet. Tib. 37.
5) Tab. Peut. Geogr. Rav. IV 33.
6) Plin. III 49 XVII 25 Ptol. lll 1,41 Peut. CIL. V p. 863.
156 Kapitel I. Ligurien.
V. Chr. Pompeiiis Strabo entlehnt zu haben (S. 61). Die Feldmark
kann nicht gering gewesen sein. Auf einem Gut im Appennin ward
Kaiser Pertinax als Sohn eines Holzhändlers geboren. i) Die hier
gebrochene Kreide und Thonerde galt als vorzüglicher Dung für die
Reben. — Heutigen Tages ist das 16 Millien entfernte Hasta Asti
(126 m) weinberühmt, im Altertum hatte sein Thongeschirr guten
Ruf. 2) Die Stadt gehörte zur Tribus PoUia. Ihr Ursprung ist un-
bekannt: Ptolemaeos nennt sie Colonie. Der erfolgreiche Wider-
stand den sie König Alarich 402 leistete, zeugt für ihre Stärke.^)
Sie liegt am linken Ufer des Tanaro. — Dann folgt 22 Mühen
weiter am rechten Ufer zwischen den Mündungen des Relbo und
der Bormida (97 m) Forum Fulvii Villa del Foro.4) Sein Ursprung
hängt mit dem Bau der via Fulvia, der Strafse von Dertona nach
Pollentia, die in der Peutingerschen Tafel verzeichnet ist, zusammen
und ist vielleicht auf den Consul des J. 179 v. Chr. zurückzuführen.^)
Die Lage wies ihm eine ähnliche Bedeutung zu, wie sie das 1168
gegründete Alessandria seither gehabt hat. Man erreichte von Forum
Fulvii ostwärts nach 20 Millien Dertona und den Anschlufs an
die Hauptlinie Genua-Placentia, nordwärts nach 14 Millien den Po
bei Valenza und weiter den Anschlufs nach Ticinum und Mailand.
Die Stadt war in die Tribus PoUia eingetragen und wird noch im
12. Jahrhundert unter dem Namen Forum erwähnt. Die Anlage
Alessandria's, zu der sie zahlreiche Mannschaft stellte, hat sie für
immer zum Dorf herabgedrückt. Nach Plinius hatte Forum Fulvii
den Beinamen Valentinum, welcher sich in der heutigen Stadt Va-
lenza am Po fortgepflanzt hat. Ob Valentia eine Zeit lang mit
Forum Fulvii vereinigt und später selbständige Gemeinde gewesen,
ist unsicher.
Die von der eben beschriebenen Strafse und dem Po einge-
lafsten Hügel von Monferrato enthalten mehrere antike Städte.
Eine solche findet sich nach Aussage der Inschriften im Westen
des bezeichneten Gebiets bei Chieri, das mit einiger Wahrschein-
1) Dio LXXIII 3 vita Pert. 1 Aur. Victor ep. 34.
2) Plin. III 49 XXXV 160 Ptol. III 1,41 Tab. Peut. Cassiodor Var. XI 15
CIL. V p. 857, Pais suppl. p. 130.
3) Claudian VI cons. Hon. 203.
4) Plin. III 49 Tab. Peut. Not. Dign. Occ. 121 Paul. Diac. bist. Lang VI 58
CIL. V p. 840 no, 7532—36.
5) Liv. XL 53 Q. Fulvms consul deditos in campestres agros deduxit
praeridiaque montibus imposuit vgl. Flor. I 19.
§ 4. Das Binnealand. 157
lichkeit für Correa mit dem Beinamen Potenlia erklärt wird.i) —
Am Po 20 Millien von Turin bei Monteü da Po, lag Industria,
welches Plinius unter die angesehenen Städte dieser Region rechnet,
mit ligurischen Namen der die Tiefe des Flufses andeutet (l 183)
Bodincomagum , zur Tribus Pollia gehörig. 2) Die Ausgrabungen
lehren dafs Industria unmittelbar an den Flufs stiefs, der sein Bette
jetzt 2 km nach Norden hin verrückt hat, bezeugen ferner die
Blüte der im 4. Jahrhundert, wie es scheint, verödeten Stadt, aber
lassen uns über die Zeit ihrer Entstehung in Stich, 3) — Südlich
von Casale bei Terruggia (198 m) lag die Stadt Vardagate '^) ; ver-
mutUch gleichfalls im Monfenalo die nur in Inschriften genannte
Stadt Dripsinum'' ) , deren Selbständigkeit sich aus der Zeit nach
Auguslus herschreibt.
Die dritte Hauptstrafse zwischen Mittelmeer und Po ist die von
Vada nach Placentia laufende 131 Milben lange via Julia Augusta
(S. 140). So heifst sie seit 13 v. Chr. 6): vordem gehörte das erste
79 Milben lange Stück zu der 109 v. Chr. bis Dertona geführten
via Äemilia, das zweite 52 Milben lange Stück von Dertona bis
Vhcenüa züY via Postumia die 148 v. Chr. erbaut wurde (S. 143.4).
Jenseits des Passes folgt sie, während der Weg nach Pollentia links
abzweigt (S. 155), dem Thal der östlichen Bormida und langt nach
50 Millien bei Aquae Statiellae Acqui (164 m) an.") Der Stamm der
Statellates oder Statielli dessen Andenken diese Stadt bewahrt, hatte
sich früh den Römern angeschlossen, ward trotzdem 173 v. Chr.
vom Consul M. Popillius überfallen und dann als Entgelt zum Theil
1) CIL. V p. 848 Plin. 111 49, Carreo [Leid. Correa] quod Potentia cogno-
minatur.
2) Plin. III 49. 122 CIL. V p. 845 Pais suppL p. 127 A. Fabretti, Atti della
Societä di Archeologia di Torino III p. 17 fg.
3) Die Inschriften zeigen dafs Bodincomagum ein eigenes Gemeinwesen
bildete und bestätigen scheinbar die Ueberlieferung der bessern Codices bei
Plinius oppidum iuxta Induitriam [al. Industria] vetusto nomine Bodincomagum.
Aber die Gensusliste kennt den Namen nicht; man mufs daher der minder be-
glaubigten Lesart den Vorzug geben und schliefsen dafs die Umtaufe vor 14
n. Chr. stattgefunden hat.
4) Plin. III 49 CIL. V p. 841, Pais suppl. p. 126.
5) CIL. V 4484 VI 2379, 6,43 Eph. ep. IV 887, 1,4.
6) CIL. V 8102. 3.
7) Strab. V 217 Plin. HI 49 XXXI 4 It. Ant. 294 Tab. Peut. Paul. bist.
Lang. II 16 Not. Dign. Occ. 121 CIL. V p. 850 Pais suppl. p. 130. Atti d. Soc.
di Torino V p. 30 fg.
158 Kapitel I. Ligurien.
mit Land nördlich vom Po bedacht, i) Wie weit seine ehemaligen
Gebietsgrenzen gereicht haben , läfst sich nicht erraten : jedesfalls
umfafsten sie die Thäler der beiden Bormida deren antiken Namen
wir nicht kennen, sowie das Thal der Orba die den Römern durch
den Namen Urbs auffiel.^) Warme und mächtige schwefelhaltige
Quellen haben die Ansiedlung hervorgerufen die von den Römern
Stadtrecht und Aufnahme in die Tribus Tromentina erlangte. Ueber-
reste römischer Badeanlagen sind noch vorhanden. 3) Im üebrigen
ist auch die Verkehrslage nicht ungünstig. Eine in der Peutinger-
schen Tafel verzeichnete Seitenstrafse verband die Stadt mit Alba
Pompeia und PoUentia: bei Gelegenheit der Operationen des D. Bautus
43 V. Chr. ward ihrer schon gedacht (S. 154). Die Entfernung von
Alba beträgt 32, von Dertona 28 Millien.
Die vierte und älteste Hauptstrafse ist die 147 v. Chr. erbaute
via Postumia von Genua nach Placentia, die sich von hier nach
Cremona und Verona fortsetzt (S. 144). Nachdem sie dem Thal der
Polcevera entlang den Col di Giove erstiegen hat (S. 144), folgt sie
der Scrivia (I 186). Wo diese in die Ebene hinaustritt, 26 Milben
von Genua bei dem Dorf Serravalle lag LibarnaJ) Die Stadt ge-
hörte zur Tribus Maecia und heifst auf einer Inschrift Colonie;
wem sie diese Eigenschaft verdankte, ist unbekannt. Ein kleines
Amphitheater weist ihr eine gewisse Blüte zu; auch erstreckte sich
ihr Gebiet nach Osten etwa bis zur Trebia, da es an dasjenige von
Veleia grenzte (Kap. IV 2). Die Alimenlartafel erwähnt von seinen
Gauen den pagus Eboreus und Martins, als zu beiden Städten ge-
hörend p. Moninas. — Immerhin gebührte der Vorrang dem 14 Millien
entfernten Dertona Tortona.s) Als Knotenpunct der Via Postumia
Aemilia und Fulvia die von hier nach 4 verschiedenen Richtungen
ausliefen, hat es vielleicht schon im zweiten Jahrhundert v. Chr.,
später durch Augustus eine Colonie erhalten und durch alle Wechsel-
1) Liv. XLII 7. 8. 22 Slatellates, D. Brutus bei Cic. Farn. XI 11 Statiellenses,
Piin. III 47. 49 StatielU, inschriftlich auch Statelli.
2) Glaudian b.Get. 555.
3) Liudprand antap. II 43 erwähnt sie als noch bestehend; über die Reste
Not. d. Scavi 1899 p. 417.
4) Pilo. III 49 Ptol III 1,41 It. Ant. 294 Tab. Peut. CIL. V p. 838.
5) Artemidor bei Sleph. Byz. Jsqxa'v Strab. V217; Cic. Fam. XI 10,5
Vell. I 15 Plin.lII 49; It. Ant. 286. 88. 94 Tab. Peut.; Not. Dign. Occ. 121 Ter-
tona; Cassiod. var. I 17 X 27 XII 27 Paul. bist. Lang. II 16; CIL. V p. 831
Pais suppl. p. 126.
§ 4. Das Binnenland. 159
fälle des Mittelalters hindurch sich als Stadt behauptet. Inschriften
wie Schriftsteller bekunden gleicher Mafsen dafs es an Alter und
Ansehen unter den Städten Liguriens eine der ersten Stellen ein-
nahm. — Von Dertona 10 Miliien entfernt folgt Iria Voghera
(95 m)i), am linken Ufer des Ira Staffora^), von dem die Stadt
wie so oft den Namen erhalten hat. Inschriftlich heifst sie colonia
Forum Julii Iriensium, indem Augustus hier das Forum der von
ihm erbauten Strafse von Placentia an den Var (S. 140) einrichtete.
Der Titel Colonie ist von einem späteren Kaiser verliehen worden,
von wem wissen wir nicht. Trotz solcher Auszeichnung hat der
Ort nicht gedeihen wollen, im 5 Jahrhundert rechnen die Schrift-
steller seine Feldmark zu Dertona.
1) Plin. III 49 Ptol.lll 1,31 CIL. V p. 828.
2) Jord. Get. 236 Chr. Rav. Marceil. unter d. J. 461 (Chron. min. I p. 305
II p. 88). Hist. Miscella XVI 1.
KAPITEL 11.
Die Transpadana.
Die Ebene am Südfufs der Alpen wird in älterer Zeit nach
ihren Bewohnern Gallia, von hellenischen Geographen auch nach
ihrem Hauplflufs benannt.*) Aus beiden Benennungen hat man in
der Neuzeit eine Unterscheidung von Gallia cispadana und trans-
padana abgeleitet welche den Alten schlechterdings unbekannt ist 2):
das Beiwort cispadanus kommt im Lateinischen überhaupt nicht vor,
transpadana nur in Verbindung mit Italia.^) Die wichtigen Gesetze
der Jahre 90 und 89 v. Chr. trennten allerdings die Provinz in
zwei ungleich gestellte Hälften, insofern die Landschaften südlich
vom Po in den Bürgerverband aufgenommen, die nördlichen nur
mit latinischem Recht bedacht wurden (I 75 fg.). Das Streben nach
vollem Bürgerrecht hat die nördlichen Landschaften zu treusten
Stützen Caesars gemacht. In den Jahren wo die Frage der Ver-
leihung drohend am politischen Himmel stand, taucht der Name
der Transpadani mit der Geltung eines Volksnamens auf, von dem
sich in der bisherigen Litteratur keine Spur findet.*) Während die
alte Bezeichnung Gallia seit 49 v. Chr. aus dem Sprachgebrauch
rasch verschwindet'»), hält die neue Stand fi) und wird von Augustus
1) Pol. 11 17,3 111 34,2 i] TisQi rov HaSov %cöqa; öfter II 19,13 III 39,10
44,5 47,4 48,6 54,3 56,3.6 61,11 t« tieqI rov näSov neSia.
2) Strab. V 212 giebt dafür einen schwachen Anhalt. In den Jahren
306 — 320 kommt vorübergehend ein corrector utriusque Itallae vor, worunter
die Ebene diesseits und jenseits des Po verstanden wird, Böcking Not. Dig.
Occp. 1181.
3) Plin. XVI 66 XVII 201 XVIII 66. 182 XIX 16 CIL. VI 1418.
4) Catull 39,13 Cic. Att. V 2,3 11,2 VII 7,6 Farn. II 17,7 VIII 1,2 XU 5,2
XVI 12,4 Off. III 88 Phil. X 10 Caes. b. civ. III 87 Liv. CX.
5) Vgl. I 78 A. 2. Mifsverständlich wendet Ptolemaeos III 1,42 den Aus-
druck Gallia togata auf die Aemilia an,
6) Plin. XVII 49 XVUI 127. 205 XXXVII 44 Solin 20,10.
Die Transpadana. 161
auf die elfto Region Italiens übertragen. i) Neben der üblichen
Adjectivbildung braucht man vereinzelt im 3. Jahrhundert als Haupt-
wort Transpadnm^) , das aber bald den Namen Itaha (I 86) und
Lignria (S. 132) Platz macht. — Die Grüfse des nordlich vom Po
belegenen Landes (1500 d. DM) veranlafste dessen Theilung in
zwei Regionen, was spvvol den natürlichen als den geschichtlichen Ver-
hältnissen entsprach. Wo der Po sich in mehrere Arme spaltet,
hört er auf ein dies- und jenseitiges Ufer zu scheiden, das Mündungs-
gebiet hängt in sich zusammen. Mit diesem venetischen Niederland
hat Aiigustus die Cenomanen vereinigt, welche als Verbündete Roms
seit Alters die keltischen Stammesgenossen bekämpft hatten. So
wurde der Name Transpadana auf die Gebiete der Tauriner Salasser
Insubrer um von den kleineren Stämmen zu schweigen beschränkt,
die heutigen Provinzen Turin Novara Pavia Mailand Como Sondrio
Bergamo und den Canton Tessin. Der Po bildet die Grenze im
Süden gegen Ligurien und Aemilia. Wie das obere Pothal am
M. Viso zu Ligurien, so scheinen die Thäler des Pehce und Clusone
zur Transpadana gehört zu haben. An der Dora Riparia befindet
sich die Grenze gegen das cottische Reich bei Avigliana 18 Milben
von Turin (S. 150). Im Thal der Dora Baltea reicht das italische
Gebiet bis an den Kleinen und Grofsen Beruhard. Die Angaben
über die Nordgrenze sind früher mitgetheilt worden (1 80). End-
lich im Westen gegen Venetien wird die Scheidung durch den I^o-
see den Mittellauf des Oglio und die Mündung der Adda bezeichnet.
In runden Ziffern befafst die elfte Region einen Flächeninhalt von
32000 Dkm 580 d. DM. — Dem Meer entrückt ist sie der Cultur
weit später erlegen als Venetien oder die Aemilia. unter den Re-
gionen Itahens nimmt sie an äufserem Umfang die zweite, nach der
Zahl der Städte die allerletzte Stelle ein. Im Ganzen lassen sich
ihrer nur 12 mit selbständiger Verwaltung nachweisen: davon haben
4 eine Feldmark gewöhnlicher Ausdehnung, während auf die 8
anderen Gebiete von durchschnittlich 3 — 4000 Ckra kommen. Der
Grund dieser aufserordentlichen Erscheinung liegt einmal darin dafs
die Nordalpen nicht im langsamen Verlauf der Zeiten wie Ligurien,
sondern 15 v. Chr. mit einem Schlage unterworfen und den an-
stofsenden Städten unterstellt wurden. Sodann aber hat Augustus
1) PliD. III 123 XIV 12 Tac. Bist. I 70 Plin. Ep. IV 6 CIL. V 1874. 3351.
4332. 4341. 8659. 8921.
2) CIL. III 249 VIII 822.
Nissen, ItaL Landeskunde. IL 11
162 Kapitel II. Die Transpadana.
planmäfsig die keltischen Stämme dem Rahmen eines städtischen
Gemeinwesens eingefügt und lebenskräftige Grofsgemeindcn ge-
schaffen (S. 22). Die Auswahl der Centren ward durch natürliche
Verhältnisse bestimmt. Die Städte liegen in der Regel nicht am Po,
sondern landeinwärts von den Ueberschwemmungen und Süinpfen
entfernt (I 208). Die Ufer der Ströme waren von gewaltigen
Forsleu eingerahmt, wie z. R. der Urbs Silva bei Pavia in welcher
die langobardischen Könige pirschten. i) Die Wirtschaft mit ihrer
Schweine- und Schafzucht ihrem Flachs und Hirsebau steht hier
auf keiner höheren Stufe als diejenige Liguriens.^) Die Fundorte
der lateinischen Inschriften geben den verschiedenartigen Anbau und
Culturstand wieder. Sie fehlen in den Alpenthälern fast ganz, be-
gegnen in den Niederungen selten, dagegen häufig in dem zwischen
beiden befindlichen Hügelland, welches die vollkommeneren Wirt-
schaftsformen des Südens, die Raumzucht und den Gartenbau 3) sich
rasch angeeignet hat. Das Gesamtbild ist ein erfreuhches; der rö-
mischen Herrschaft zum Trotz blieb die bäuerliche Freiheit und
Wehrkraft lange erhalten (I 483). Das Land erscheint in stetem
Fortschritt begriffen, der vom Ausgang des Altertums durch Mittel-
alter und Neuzeit hindurch sich steigern sollte. — Die Reschreibung
schliefst sich der natürlichen Gliederung an, welche durch die in
den Po einmündenden grofsen Alpeuströme hervorgerufen wird
und soweit wir sehen den Wohnsitzen der verschiedenen Stämme
entspricht.^)
1) Paul. h. Lang. V 37, 39 ad Urbem uastissimam silvam VI 58, der Name
kehrt bei dem Flufs Orba wieder (S. 158). Verg. Georg. I 481 Lucan II 409 Sid.
Ap. ep. I 5,4. Die grofse Ausdehnung des "Waldes im Mittelalter wird durch
Urkunden und Ortsnamen (Roboretum Carpinetum usw.) bewiesen vgl. Promis,
Torino p. 38.
2) 1 446 Strab. V 218 Pol. II 15 Varro RR. II 4.
3) Paulus h. Lang. II 15 erklärt den späteren Namen dieser Provinz Liguria
a legendis id est eolb'gendis leguminibus quoru?n satis ferax est.
4) Quellen: Pol. II 14-35 Strab. V 212. 13. 18 Plin. III 123fg. Ptol. lil
1,29—32; CIL. V p. 545-807 Pais suppl. p. 93— 124. In Betre« der Karten für
die piemontesischen Landschaften vgl. S. 134. Von der österreichischen General-
stabskarte Lombardo-Venetiens, Wien 1851, (1:86400) wurde ein handlicher
Auszug im halben Mafsstab auf 56 Bl. (Mailand o. J.) veröffentlicht. Die neue
italienische Generalslabskarle behandelt diese Region auf Bl. 5 — 8 15—19
•27-34 41—46 55—60, 67.68.
» § 1. Die Tauriner. 163
§ 1. Die Tauriner.
Die keltische Bezeichnung für Hochgebirge (l 138) hat dem
Volk am Fufs der cottischen Alpen den Namen verliehen, der in
der älteren nachträglich auf Noricum beschränkten Form Taurisci •),
in der jüngeren üblichen Form Taurini lautet.^) Unter allen kel-
tischen Stämmen ist dieser zuerst an den Po vorgedrungen, ge-
raume Zeit bevor die von der Sage aufgezählten Züge die Ebene
ostwärts in Besitz nahmen. Wenn er von einigen Schriftstellern
der alteinheimischen Nation der Ligurer zugezählt wird 3), so er-
klärt sich das aus dem Umstand dafs zahlreiche ligurische Gaue
unter gröfserer oder geringerer Abhängigkeit im westlichen Piemont
sitzen geblieben sind (I 472). Aber die keltischen Herren haben
schliefslich dem ganzen Lande den Stempel ihrer Eigenart aufge-
drückt. UrsprüngUch bedeutet ihr Name die Gebirgsbewohner und
wird von Cato auf Salasser und Lepontier ausgedehnt^); später er-
scheint er auf das Volk beschränkt das vom Clusone an die Thäler
des Duria Dora Riparia Stura'") Stura (I 185) und Orgm'^) Orco
(I 185) bis zur Einmündung dieser Flüsse in den Po bewohnte.
An dem grofsen Zug der Kelten gegen Rom im J. 225 v. Chr. nahm
es Antheil, stand aber beim Ausbruch des hannibalischen Krieges
auf römischer Seite. Fortab verschwindet es aus der Ueberlieferung
und lebt allein im Namen seiner Hauptstadt der colonia Julia Augusta
Taurinorum fort, die vermöge ihrer Lage an der Einmündung der
Doria Riparia in den Po den natürlichen Mittelpunct des west-
lichen Polands abgiebt.') Nach Plinius beginnt hier die Schiflbar-
keit des Po (I 213).^) Wichtiger war es dals von den verschie-
denen Weltgegenden aus Hauptstrafsen bei Turin sich vereinigen.
Die Eigenschaft der Stadt als Knotenpunct des Verkehrs soll zu-
nächst ins Auge gefafst werden.
1) Pol. II 15,8 28,4 30,6 dagegen III 60,8 TavQlvot, Steph. Byz. TavQlaxoi.
2) Taurinates zuerst Pan. Lat. IX 6. 7, bei Paulus neben Taurini Taun-
naies auch Taurinenses.
3) Strab. IV 204 Plin. III 123 gegen Polybios (vgl. Liv. V 34 XXI 38. 39)
im Widerspruch mit Orts- und Personennamen sowie den heutigen Dialekt-
grenzen.
4) Plin. m 134 vgl. Ammian XV 10,9.
5) Plin. III 118 Geogr. Rav. IV 36 Ennod. carro. I 1,39.
6) Plin. HI 118 Tab. Peut. Geogr. Rav. IV 36 Ennod. I 1,39.
7) C. Promis, Storia dell' antico Torino, Torino 1869.
8) Plin. III 123.
11*
164 Kapitel 11. Die Transpadana.
Die über den Col di Tenda führende Strafse, die kürzeste
Verbindung zwischen der westhchen Poebene und dem Mittehneer
ist oben S. 153 bis zum Po beschrieben worden. NürdHch vom
Po wu dieser in die Ebene hinaustritt, in der Gegend von Revello
lag Forum VibiiJ) Die Lage ist durch das Zeugnifs des Plinius
(I 185) annähernd bestimmt; die Gründung scheint auf C. Vibius
Pansa zurückzugehen, der 44 v. Chr. Oberitahen verwaltete. Es
gehörte zur Tribus Stellatina, ebenso wie das vor dem Thal des
Police belegene Caburmm'^) das heutige Cavoiir oder Cavorre, das
sich an einen isolirt aus der Ebene 150 m aufsteigenden Hügel
(459 m) anlehnt. Die Stadt kommt nur inschriftlich vor, aber be-
wahrt das Andenken der Caburriates, eines ligurischen Stammes der
179 v. Chr. vom Consul Fulvius Flaccus (S. 156) unterworfen
wurde. ■^) Caburrum ist 45 km von Turin entfernt. Ferner mündet
hier von dem 55 km entfernten Pollentia die Strafse ein, welche
einerseits nach Vada an der Rüste läuft (S. 155), anderseits nach
Aquae Statiellae abzweigt (S. 158). Von Osten her kommt die
grofse Reichstrafse , seit dem letzten Jahrhundert v. Chr. die wich-
tigste Verbindung zwischen Itahen und seinen westlichen Provinzen,
um bei Turin den Po zu verlassen und der Dora Riparia zu folgen,
welche zu den beiden Pässen über den M. Cenis und M. Gen^vre
hinleitet (S. 150). Endlich sind die drei Alpenthäler welche die
Stura entwässert, auf diesen Ort hingewiesen, der nur ein paar Kilo-
meter von der Mündung des Flusses in den Po abliegt. Dergestalt
ist ein natürliches Centrum für ein Gebiet gegeben das sich vom
M. Levanna bis Tenda in der Luftlinie reichlich 150 km von Nord
nach Süd^ vom Kamm der Alpen bis zu den Hügeln von Monferrato
etwa 110 km von West nach Ost erstreckt.
Diese Verhältnisse schufen frühzeitig eine Stadt und zwar die
Hauptstadt der Tauriner, welche unter dem Volksnamen Taurasia
1) Plin. in 117. 123 Solin 2,25 CIL. V p. 825.
2) CIL. V p. 825.
3) Die Lesung der Handschriften Plin. III 47 Cuburriates ist klärlich in
Caburriates zu ändern : Piiniu'; benutzt für diese Region das Verzeichnifs des
Augiistus nur als nebensächliche Quelle und greift in der Aufführung der
ligurischen Stämme weit über die Grenzen der 9. Region hinaus. Ferner ist
der Name bei Florus I 19 (Jord. Rom. 177) für el buriates (so der Bamber-
gensis) einzusetzen. Bei Livius XL 53 ist er in der Lücke unseres Textes aus-
gefallen.
§ 1. Die Tauriner. 165
bei Hannibals Einfall 218 v. Chr. erwähnt wird.') Freihch kann
sie weder grofs noch stark befestigt gewesen sein, da eine drei-
tägige Belagerung hinreichte sie zu bezwingen. Auch haben keinerlei
Spuren vorrümischer Ansiedlung sich erhalten. Um so bedeutsamer
steht die letztere vor unseren Augen. Denn so regelmäfsig und
modern die Bauart des heutigen Turin erscheint, hat der Kern des-
selben den Grundpian der Colonie des Augustus treu bewahrt. 2)
Die Bauthätigkeit des Mittelalters die anderswo die antiken Züge
bis zur Unkenntlichkeit verwischte, ist unerheblich gewesen: zudem
haben die Keller welche die Häuser dem nordischen Klima ent-
sprechend seit Alters her besafsen, das Vorrücken der Neubauten
sehr erschwert. Der ganze Umfang der romischen Mauer stand bis
1600 und mufste erst von da ab den Erweiterungen der piemon-
tesischen Fürsten zum Opfer fallen: um 1600 an der Süd-, 1650
an der Ost-, 1700 an der Westseite. Ansehnliche Strecken sind noch
jetzt nachweisbar, namentlich an der Nordseite mit einem prächtigen
Thor, der sogenannten Porta Palatina oder Romana. Ferner ist das
antike Polygonalpflaster an vielen Stellen in der Tiefe von 1 V2 — 2 m
unter dem heutigen angetroffen worden: ein urkundhches Zeugnifs
dafür dafs das Strafsennetz unverändert geblieben ist. Und so dient
diese Stadt geradezu als Muster um die Anlage einer Stadtfestung
des Augustus zu veranschaulichen. In keltischen Landen hebt mit
der Umwandlung der Gau- in die Stadtverfassung eine neue Periode
der Baugeschichte an. Der Lehm- wird durch Kalkmörtel, der
Holz- durch Steinbau ersetzt. Die Gründung erfolgt nach einheit-
lichem Plan auf gesäubertem Boden. Die Strafsen werden breiter
abgemessen als in den schicksalreichen Städten der Halbinsel üblich
war. Das Streben nach Licht und Luft das den Städtebau der
Kaiserzeit in ausgesprochenem Gegensatz zur Republik kennzeichnet,
tritt uns aller Orten entgegen. Die Caesaren hatten auf diesem
Felde in Alexander und den Diadochen ihre Vorgänger.
Der nach Nordnordosten fliefsende Po hat bei Turin eine Meeres-
höhe von 137,4 m, eine Breite von 160 m und einen mittleren
Abflufs von 140 Cubikmetern in der Secunde; die von Westen ein-
mündende Dora Riparia einen solchen von 57 (I 185). Dem Po
parallel zieht sich in 1 km Abstand eine Erhöhung hin, welche in
1) Pol. 111 60 Liv. XXI 39 Sil. lt. 111 646; den Namen bringt allein App.
Hann. 5.
2) vgl. Promis a. 0. dazu die Bemerkungen Rh. Mus. XXV 418 fg.
166 Kapitel II. Die Transpadana.
Urzeiten den linken Uferrand des Flufsbettes bildete und 25 m über
dem Flufsspiegel liegt. Sie setzt sich an der Dora hin fort, welche
gleichfalls einstmals an ihrem Fufs hinströmend auf kürzerem Wege
den Po erreichte als gegenwärtig. Dieser Erdrücken nahm die
nördliche und östliche Mauer der Stadt auf und zwang zugleich die
Nordost-Ecke nicht rechtwinklig anzusetzen sondern abzurunden.
Nach West und Süd senkt sich der alte Flufsrand und geht all-
mälich in die Ebene über. Diese beiden Seiten fordern zum An-
griff auf, während die Nord- und Ostseite durch die Flüsse und die
Höhenlage der Mauer vorzüglich geschützt sind. Die Colonie wurde
in einem regelmäfsigen Rechteck angelegt, in welchem nur der
nordöstliche vielleicht auch der südwestliche Winkel abgestofsen ist.
Sie läfst sich aus dem Plan des heutigen Turin einfach heraus-
schälen: im Westen stellt die Via della Consolata mit ihrer Ver-
längerung dem Corso, im Süden die Via Sa Teresa die Grenze dar,
im Norden eine von der Via Giulio aus, im Osten eine über Piazza
Carignano und Piazza Castello gezogene Parallele. Die Länge von
West nach Ost beträgt annähernd 2400 röm. Fufs 720 m, die Breite
669 m etwa 2220', der Flächeninhalt 45 ha 180 iugera. Eine Haupt-
sirafse der heutigen Stadt, die Via di Dora Grossa scheidet als De-
cumanus maximus die Fläche in zwei gleiche Hälften. Der Lauf
des Kardo maximus ist durch das oben erwähnte Thor, die Porta
Palatina bezeichnet. Ein Netz von 7 Decumani und 8 Kardines,
die in gleichen Abständen einander unter rechtem Winkel schneiden,
theilt Häuserblöcke von je 240' im Geviert oder 2 Juchert ab.
Derartige Blöcke scheint die Colonie 60 enthalten zu haben, so dafs
der dritte Theil der Grundfläche auf Strafsen Intervallum und öffent-
liche Gebäude entfiel. Die letzleren, spurlos verschwunden, werden
den nordöstlichen Theil, wo jetzt der Dom liegt, eingenommen haben.')
Die colonia Julia Augusta Taurinorum^) ist nach Ausweis ihres
Namens später als 28 v. Chr. gegründet worden, im Hinbhck auf
die Unterwerfung der Alpen welche der Kaiser sich als Ziel gesteckt
hatte. Sie beherrscht die Strafse über den M. Gen^vre, ähnlich wie
Aosta die Strafsen über den Grofsen und Kleinen Bernhard, wird
auch eine entsprechende Zahl (3—4000) Colonisten empfangen
1) Ein Theater Not. d. Scavi 1900 p. 3.
2) Gewöhnlicii sh^^kmzi Augusta Taurinorum so Plin. III 123 Tac. Hist.
II 66, seit dem 2. Jalirliundert Taurini so Ammian XV 8,18, Ernwohner Tatirini
und später auch Taurinates: die zahlreichen inschriftlichen Belege CIL. V p. 779.
§ 2. Die Salasser. 167
haben. Ibre strategische Bedeutung gab den Anlafs dafs sie ein
paar mal in der Kriegsgeschichte erwähnt wirdi): 70 n. Chr. kam
es hier zu Händeln unter den Truppen des Vitellius, wobei ein
Theil der Stadt eingeäschert ward ; 312 schlug Conslantin vor ihren
Mauern das Heer des Maxentius. In den Inschriften wiegt das
Militär entschieden vor, die Bürger sind in der Armee stark ver-
treten.2) Aufserdem scheint Turin seit dem 3. Jahrhundert eine
Besatzung gehabt zu haben ; später war es Hauptquartier für die in
der Gegend angesiedelten Sarmaten.3) Im Uebrigen schweigt die
Ueberheferung, von den Itinerarien abgesehen.'*) In Betreff des
bürgerlichen Lebens ist daher wenig zu sagen: die Stadt gehörte
zur Tribus Slellatina und hatte die herkömmliche Verfassung einer
Colonie.5) Die Mittel fehlen um die Grenzen ihrer Feldmark genau
zu umschreiben. Sie mögen an 50 d. D Meilen oder mehr be-
fafst haben: der heutige Kreis enthält 2657 Dkm. Und wenn auch
der gröfsere Theil auf Weidewirtschaft beschränkt war, entspricht
doch der äufsere Glanz der Stadt durchaus nicht dem Umfang des
Gebiets. In diesen entlegenen Landschaften hat eben die städtische
Cultur mit ihrem Aufwand und verfeinerten Leben nur laugsam und
allmälich Fufs fassen können.
§ 2. Die Salasser.
Die italischen Alpenthäler dringen senkrecht auf die Axe des
Gebirges ein und sind deshalb in ihrer Ausdehnung beschränkt.
Von dieser Begel giebt es im Ganzen nur zwei Ausnahmen: das
Veltlin und das Thal der Salasser. 6} Die höchste Erhebung der
Alpen vom Mont Blanc bis Monte Rosa, die Alpes Poeninae"^) fassen
das letztere an der nördlichen, die ihr wenig nachstehende Kette
des Gran Paradiso (4061 m) an der südlichen Seite ein, Die Alpes
Graiae (I 147) stellen zwischen beiden die Verbindung her. Die
gewaltigen Schneefelder welche die Dora Baltea (I 185) speisen,
1) Tac. Bist. II 66 Pan. Lat. IX 6. 7 X 22.
2) Eph. ep. V p. 252.
3) Not. Dign. Occ. 121 vgl. CIL. V 6998 fg.
4) Ptol. III 1,31 It. Ant.34l. 356 Hier. 556, Gaditana, Tab. Peut., Geogr.
Rav. IV 30.
5) CIL. V p. 770 Pais suppl. p. 123, 249 Kaibel inscr. Gr. 2278.
6) C. Promis, le antichitä di Aosta, Torino 1862. 4. Atti dell' acc. d. T. XXI.
7) Plin. III 123 Tac. Bist. I 87 IV 68 CIL. IX 5439.
168 Kapitel 11. Die Transpadana.
bewirkeu dafs ihre Wassermasse bei halb so grofsem Stromgebiet
(79 d. D M.) derjenigen des Po, da wo sie sich vereinigen, nahezu
gleich kommt. Der Beiname den der Fliifs von dem bei Aosta
einmündenden am iMalterhorn entspringenden ßuttier empfängt,
begegnet zuerst als Duria Bautica in der ravennatischen Kosmo-
graphie. 1) Der Umstand dafs die beiden Pässe über den Kleinen
und Grofsen Bernhard (l 158 fg.) aus dem Thal hinüber führen in
das Gebiet der Rhone, ist für seine Geschichte von entscheidender
Wichtigkeit gewesen. — Die Salasser werden zuerst von Cato er-
wähnt der sie dem tauriskischen Stamm d. h. den keltischen Ge-
birgsbewohnern zuzählt (S. 163). Andere nennen sie Kelten; ihre
Zugehörigkeit zu dieser Nation steht zweifellos fest (I 478). Das Thal
von Aosta hat den Namen der Salasser bewahrt; ob es den ge-
samten Umfang ihres Gebiets darstellt, ist nicht mit Sicherheit zu
sagen. Bei der Vernichtung des Stammes 25 v. Chr. wurden 44000
Köpfe, darunter 8000 Waffenfähige, zu Eporedia in die Sklaverei
verkauft: eine Menschenzahl die das Thal von Aosta bei den da-
maligen Culturverhältnissen recht wol ernähren konnte (S. 109).
Strabo berichtet nämlich von der Goldwäscherei der Salasser 2): „sie
hätten den Duria in Canäle abgeleitet und damit den unterhalb
wohnenden Bauern das W'asser für die Berieselung ihrer Felder ent-
zogen; dies habe den Anlafs zu unaufhörlichen Kämpfen gegeben;
als aber die Römer sich der Goldgruben bemächtigt hatten, mulsten
die Grubenpächter das Wasser von den Gebirgsleuten kaufen und
so dauerte der Streit fort und lieferte den Statthaltern nach Belieben
Anlafs zum kriegerischen Einschreiten". Gold ist noch jetzt bei
S. Marcel vorhanden und ist früher bei Courmayeur, Challant und
Bard gesucht worden. Aber das Bett der Dora liegt viel zu tief,
als dafs der Flufs zum Frommen der Goldgräber hätte abgeleitet
werden können. Eher mag die berichtete Thatsache auf den Cervo,
einen Nebenflufs der Sesia bezogen werden; denn bei Biella ist das
Metall in viel ausgedehnterem Mafse gefördert worden. Unter allen
Umständen weist die strabonische Schilderung auf eine aufserhalb
des Thals von Aosta belegene Oertlichkeit hin. Immerhin lehrt
sie dafs es den Salassern an einem lohnenden und viele Hände be-
schäftigenden Erwerb nicht gefehlt hat. Aber wie einstens die alten
1) Geogr. Rav. IV 36 Plin. III 118. Bautica in mittelalterlichen Urkunden,
Bautia ina heutigen Dialekt.
2) Strabo IV 205 Dio fr. 74,1.
§ 2. Die Salasser. 169
Stammgreozen gegen die Tauriner im Süden und Libiker Im Osten
gelaufen sind, entzieht sich unserer Kunde. — Der erste Kampf
mit den Römern wird unter dem J. 141 v. Chr. gemeldet; in ihm
erlitt Consul Appius Claudius eine schwere Schlappe die sein Triumph
nicht beschönigte. 1) Um die Salasser im Zaum zu halten, wurde
100 V. Chr. die Colonie Eporedia gegründet ohne viel auszurichten.
Während der Verwirrung die auf den Tod Caesars folgte, scheint
der Ueberniut des Völkchens seinen Gipfel erreicht zu haben (I 78).
In den dreifsiger Jahren hat es geraume Zeit die Feldherren Octavians
beschäftigt, bis endlich Varro Murena 25 v. Chr. alle Ueberlebeuden
(thne Rücksicht auf Alter und Geschlecht der Knechtschaft über-
lieferte. Fortan knüpft sich das geschichtliche Interesse ausschliefs-
Uch an die das Thal der Salasser durchziehenden Stralsen.
Die Reichstrafsen welche von Mailand oder Pavia aus nach
Vienna Strafsburg und Mainz führen, vereinigen sich in Vercellae.'*)
Die Reisebücher rechnen 33 Millien von hier nach Eporedia Ivrea.*)
Der keltische Name soll einen guten Pferdebäodiger bedeuten; um
die Salasser zu bändigen war wie gesagt die Colonie 100 v. Chr.
gegründet worden. Sie liegt fest an und auf einem Hügel (269 m)
und beherrscht den Ausgang der Dora , welche hier bei 234 m
Meereshöhe durch eine Enge sich hindurch zwängt nach der Ebene
zu. Die Rlüle der Stadt hebt mit der Vernichtung der Salasser an,
Tacitus rechnet sie zu den tüchtigsten (firmissimis) Municipien der
Transpadana. Ihr Gebiet kann nicht gering gewesen sein: heute
mifst der Kreis Ivrea 1515 Gkm. Sie gehörte der Tribus PoUia
an. Ein Theater dessen Bauart auf die Epoche der Antonine hin-
deutet, ist unter dem heutigen Haupiplatz am Fufs des StadthUgels
nachgewisen worden. 0) Der Unterbau einer zu Anfang des 18. Jahr-
hunderts zerstörten Steinbrücke welche die Stadt mit dem rechten
Ufer der Dora verband, ist noch sichtbar. Auch scheinen die Fels-
ufer die den Strom einengen, von den Römern künstlich erweitert
worden zu sein.
1) Liv. LUI Obseq. 21 üios. V 4,7 Dio fr. 74 Pliri. XVIII 182.
2) App. 111. 17 Dio XLIX 34. 38, Llll 25 Strab. IV 2Ü5 Liv. CXXXV Cassiodor
a. 729 u. c. Suet. Aug. 21 Plin. 111 137.
3) It. Ant. 344. 347. 350 Tab. Peut. Geogr. Rav. IV 30.
4) Vell. I 15 {in Bagietmis vgl. S. 154 A. 6) Plin. III 123 Strab. IV 205 Cic.
Farn. XI 20. 23 Tac. Hist. I 70 Ptol. 111 1,30 Not. Dign. Occ. 121; CIL. V p. 751,
Pais suppl. p. 119.
5) Atti d. Soc. di Arch. di Torino IV p. 87 fg.
170 Kapitel II. Die Transpadana.
Die alte Strafse von Ivrea nach Aosla niafs 46 Millien. Sie
lief am linken Ufer der Dora, durchweg hüher als die heutige, war
auch schmäler (16' rüm. der Fahrdamm, 20' mit den Gangsteigen)
und steiler, aher nicht hlofs kürzer sondern mit grofserer Vorsicht
angelegt. IVomis dem wir eine genaue Beschreibung verdanken,
will sie der Zeit der Gracchen zuschreiben. Indessen kann den von
ihm angeführten technischen Gründen keine Beweiskraft zugestanden
werden. Dagegen ist die Thatsache entscheidend dafs ein erhaltener
Meilenstein, ähnlich wie bei Susa (S. 150), die Meilen von Aosta
aus rechnet, also die Gründung dieser Stadt voraussetzt. Wir wer-
den mithin den kunstmäfsigen Ausbau der Strafse der nämlichen
Epoche, d. h. den zwanziger Jahren v. Chr. beilegen müssen. Unter
den erhaltenen Brücken verdient diejenige von Ponte S. Martino
mit einer Spannung von 35,64 m erwähnt zu werden. Bald darauf
binter Donnaz beginnt die Flufsenge von Bard: ein Meilenstein
giebt die Entfernung von Aosta auf 36 Millien an. Die Strafse ist
auf einer Strecke von 221 m bis zur Höhe von 12 m und darüber
aus dem Felsen ausgehauen. Dies schone Bömerwerk wurde im
Mittelalter dem Hannibal beigelegt und auf die Sprengung bezogen
welche von dessen Alpenmarsch berichtet wird i) : allein von einer
an sich wol denkbaren Sprengung des Felsens mit Feuer ist hier
keine Bede, sondern lediglich von einer Arbeit des Meifsels. Jen-
seit der Enge erreicht die Strafse 21 Millien von Ivrea das Dorf
Vüricium Verrez.2) Ungefähr 5 Millien weiter ändert der Flufs seine
Richtung: während er von hier bis zu seiner Einmündung in den
Po eine südsüdiistlicbe Richtung einhält, strömt er in seinem Ober-
lauf vom M. Blanc bis zu den Ausläufern des Malterhorn geradewegs
von West nach Ost. Die Ufer sind vielfach versumpft, unter den
Anwohnern der Cretinismus stark verbreitet (vergl. 1 172): jedoch
mifst die Thalsohle an der breitesten Stelle kaum mehr als 2 km.
Diese wird durch den Zusammenflufs des Bultier und der Dora be-
zeichnet, stellt die natürliche Mitte der Thalschaft und zugleich einen
Punct von hoher strategischer Wichtigkeit dar.
Zwischen dem Simplon und Grofsen Bernhard auf einer Strecke
von 120 km ist das Gebirge nur auf schwierigen Gletscherpässen
zu überschreiten. Durch diesen Umstand gewinnt der zwar steile
t) Liv. XXI 37 App. Hann, 4 Juvenal 10,153 Ammian XV 10,11 Plin. XXIII
57. — Liudprand Antap. I 35 Arnulf Gesta arcliiep. Mediol.ll 8 (MGH. SS, VIII).
2) It. Ant. 345. 47. 51 Tab. Peut., im Mittelalter Verecium.
§ 2. Die Salasser. 171
aber die kürzeste Verbindung mit dem Genfer See und dem Rhein-
thal von Basel abwärts bildende Saumplad per Alpes Poeninas über
den Grofsen Bernhard eine erhöhte Wichtigkeit. An dem Ort wo
der Pfad von der Fahrslrafse per Alpes Graias über den Kleinen
Bernhard abzweigt , hatte Varro Murena als er die Salasser aus-
rottete, sein Hauptquartier aufgeschlagen. Aus dem Lager schuf
Augustus 25 V, Chr. die colonia Aitgusta Praetoria Salassorum und
siedelte in ihr 30Ü0 Praetorianer an.') Die Stadigemeinde war
der Tribus Sergia einverleibt. — Das heutige Aosta (583 m) hat
nicht nur den alten Namen sondern auch die Mauer nebst ansehn-
lichen Resten aus der Epoche seiner Gründung bewahrt. Es stellt
ein regelmäfsiges Rechteck von 724 X 572 m (ca 2400 X 1920'
röm.) mit 41 ha Flächeninhalt dar. Der gewählte Platz ist vor
Hochwasser gesichert, geniefst aber von den Flüssen wirksamen
Schutz, indem die ostliche Schmalseite durch den Buttier, die süd-
hche Langseite durch die Dora gedeckt wird. Im Altertum hat
man es nicht für notwendig befunden die Festung gegen eine regel-
rechte Belagerung in Vertheidigungsstand zu setzen; denn ein
Graben fehlt. Um Ueberfälle der Gebirgsstämme abzuwehren, mit
denen der Gründer zunächst zu rechnen hatte, reichte die 8,57 m
(mit dem Zinnenkranz 10,37 ni) hohe Mauer vollständig aus. Sie
ist aus Gufswerk mit kleinen Quadern verkleidet und oben nur 6'
röm. dick. Die vier Ecken der Umfassung sind nicht abgerundet,
sondern von Thürmen eingenommen. Mit einem mittleien Abstand
von 169 m liegen an den Langseiten je 5, an den Schmalseiten je
6, mithin im ganzen Umkreis 14, die vier Thore eingerechnet 22
Thürme. Sie messen im Mittel 32' im Geviert und springen 14'
vor der Mauer vor. Die Thorthürme sind bei gleicher Fronlbreite
(10,2 m) 80' 23,52 m tief. Die Bestimmung dieser Festung als
Wegesperre zu dienen drückt sich in ihrer Anlage mit sprechender
Deutlichkeit aus. Promis hatte sogar angenommen dafs sie im
Unterschied von dem herkömmlichen Schema des Feldlagers und zur
grofsen Unbequemlichkeit ihrer ehemaligen Bewohner ursprünglich
nur an den Schmalseiten je ein Thor durch welches die Alpenstrafse
ein- und ausmündete, gehabt habe: erst im Mittetalter seien an den
Langseiten vier weitere Thore durchgebrochen worden. In Wirk-
1) Strabo IV 206 Dio Uli 25. 26 Plin. Ill 123 Ptol. III 1,30 CIL. V p. Töefg.
Pais suppl. p. 119 fg.
172 Kapitel II. Die Transpadana.
lichkeit aber entspricht die Anlage der Regel und mündet im letzten
Drittel die via principalis nach Nord und Süd durch Thore ausJ)
Den Thoren hat der Erbauer seine besondere Sorgfalt zugewandt.
Wenn der Angreifer auch die äufseren Fallgitter gesprengt halte, so
gelangte er damit zunächst in einen an beiden Seiten von mehr-
stückigen Thürmen bestrichenen und eingefafsten Hof den nach der
Stadt zu ein zweites Gilter verschlofs. Das westliche Thor ist seit
181U verschwunden, das östliche (von den Neueren mit Recht Porta
Praetoria benannt) mit drei Durchgängen steht noch als leuchtendes
Beispiel augustischer Baukunst da. Auch die alte Brücke über den
Buttier ist vorhanden, ferner zwischen ihr und dem Thor ein Ehren-
bogen: nach Promis' Vermutung derselbe den Roms Senat und Volk
nach der Unterwerfung der Salasser dem Kaiser weihte. Die Land-
slrafse durchzieht in der stattlichen Breite von 32' 9,46 m die
Stadt von Ost nach West und theilt sie als Decumanus maximus in
zwei gleiche Hälften. Der Decumanus wird unter rechtem Winkel
von den Kardines geschnitten welche die Thore und Thürme der
Langseiten mit einander in Verbindung setzen. Im Uebrigen ent-
zieht sich der Bebauungsplan unserer näheren Kunde: wir mögen
ihn nach der Art Turins ausgeführt denken. Die öffentlichen An-
lagen scheinen der Nordhälfte anzugehören: ein etwa 300' im Ge-
viert hallender an drei Seiten von Magazinen (horrea) umgebener
Marktplatz, Thermen, ein Theater, endlich in der nordöstlichen Ecke
der Umfassung ein Amphitheater (86,14 X 73,86 m).
Das Gebiet der Stadt wird wie der heutige Kreis 3266 Dkm,
an 60 d. D M. befafst und scheint wie bemerkt (1 80) bis auf die
Pafshöhe gereicht zu haben. Der Gang der Slrafse nach dem
Grofsen Bernhard ist unsicher: vermutlich stieg sie vom nördlichen
Stadtthor aus der heutigen Fahrstrafse entsprechend am rechten
Ufer des Buttier an. Von S. Remy ab, wo die in der Peutinger-
schen Karle verzeichnete Station Eudracmum gesucht wird, fällt sie
mit dem jetzigen Saumpfad zusammen: diese letzte steilste Strecke
ist auch heule nicht fahrbar. Die Entfernung von Aosla bis zum
Summus Poeninus wird richtig auf 25 Millien bezilfert.2) — Von
der Fahrstrafse nach dem Kleinen Bernhard sind verschiedene üeber-
reste, Brücken Felsdurchschnitte Unterbauten sichtbar. Sie ging
1) Not. d. Scavi 1894 p. 367, 1895 p. (J7, 1899,p. 108 mit verbessertem Plan.
2) It. Aiit. 351; Tab. Peut. fügt irrig weitere 13 Millien ein.
§ 3. Die Libiker. 173
bei Villeneuve auf das rechte Ufer dor Dora über, erreichte 25 Millien
von Aosta die Station Arebrigium Derby ^), wandte sich bei S. Didier
südwärts über Ariolicum Thiiile-) auf das Joch in Alpe Graia AI
Millien von Aosta. Von dem Namen des Jochs war I 147, von der
Strafse I 159, von der Ungevvifsheit wie die Grenze zwischen dem
cotlischen Joch und der Feldmark von Aosta zu ziehen sei , oben
S. 152 die Rede.
$ 3. Die Libiker.
Die poeninischen Alpen vom Mont Blanc (45" 50') bis zum
Monte Rosa (45'' 56') streichen in vvestüstlicher Richtung; von hier
bis zum S. Gotthard (46*^ 33') wendet sich die Hauptkette nach Nord
und Nordost. In Folge dessen sind die Thäler gen Süden geöffnet,
strömen die Flüsse nach derselben Himmelsgegend, nur dafs sie bei
ihrem Eintritt in die Ebene der allgemeinen Bodensenkung ge-
horchend ostwärts abgelenkt werden und unter spitzen Winkeln in
den Po einfallen. Unter allen Nebenflüssen des Po ist der JjcmMs')
weitaus der mächtigste (I 187). Seit dritthalb Jahrtausenden wird er
in der Kriegsgeschichte genannt 4): nach der keltischen Sage ward
in seiner Nähe die Schlacht geschlagen welche den Etruskern die
Lombardei entrifs; sein breites und tiefes Bette deckte 218 v. Chr.
den Rückzug der Römer nach der Niederlage die ihnen Hannibals
Reiterei beigebracht hatte. Er stellt einen natürlichen Abschnitt in
der padanischen Ebene dar. Wie er politische Bildungen der Neu-
zeit, Piemont und Lombardei, Mailand und Novara von einander
trennte, so spricht auch alle Wahrscheinhchkeit dafür dafs er einst
als Völkergrenze gedient hat. Freihch können wir nicht daran
denken die Sitze der alten Stämme genau zu umschreiben : aber die
Ueberlieferung gestattet die Ebene zwischen Dora und Ticino als
eine Einheit zu betrachten. — Als Hauptvolk diesseit der Alpen
nennt Polybios neben den Tauriskern die Agones.^) Man sieht den
Namen zu Unrecht als verderbt an; denn er hängt augenscheinlich
mit dem Flufs Agunia Agogna, an dem Novaria hegt, zusammen.
1) It. Ant. 345. 47 Tab. Peut. Geogr. Rav. IV 30 Guido 12.
2) Tab. Peut.
3) Polybios bei Strab. IV 209 nennt ihn fieyar. Die Schilderung Sil. lt.
IV 81 entspricht der Wirklichkeit nicht.
4) Liv. V 34,9 Pol. III 64fg. Liv. XXI 45fg.
5) Pol. II 15,8.
174 Kapitel II. Die Transpadana,
Aber das weitere Gedächtnifs dieses Volkes ist durch andere Stämme
verdrängt worden. An seiner Stelle treten die Libici oder Libui
um Vercellae und Laumellum hervor, Abkömmlinge der keltischen
Salluvier.i) Der Sage nach sind sie mit den Laevern am Tessin
zusammen eingewandert. Die Gründung von Novaria aber wird den
keltischen Vertamacori beigelegt 2) : ihr Name kehrt bei einem Gau
der Vocontier wieder und wird dort in dem heutigen Vercors ge-
sucht. In Novaria ist sowol eine keltische als eine griechische In-
schrift guter Zeit aufgefunden worden 3), zum vollgültigen Beweise
dafs die Cullur hier verhältnifsmäfsig früh Fufs gefafst hatte. —
Den Anlafs bot das Gold das nach den vorhandenen Spuren einst
bei Biella (410 m) gebaut wurde. Die Gruben waren, wie das Vor-
kommen dieses Metalls mit sich bringt, unter Augustus erschöpft:
für ihre vormalige Ergiebigkeit zeugt ein von den Censoren an die
Grubenpächter ergangenes Verbot mehr als 5000 Arbeiter zu be-
schäftigen.4) Der römische Staat hat diesen Schatz erst nach dem
hannibalischen Kriege sich dauernd aneignen können, aber bereits
vorher zu erfassen gesucht, wie auch die 218 aufgenommene Gold-
prägung bekundet. In dem 225 — 22 v. Chr. geführten Kriege welcher
die Eroberung des Polandes einleitete, halten die Römer den Markt
Victumulae befestigt, wo alsbald zahlreiche Ansiedler verschiedener
Stämme sich niederliefsen.ö) Hannibal zerstörte denselben im Winter
218/17 von Grund aus. In der Folge wird der Ort noch als Mittel-
punct des Minendistricts genannt, erlangte aber kein Stadtrecht und
mufste wie es scheint seine Bedeutung an die 100 v. Chr. ge-
gründete Colonie Eporedia abtreten. Es wäre namentlich für das
1) Pol. II 17,4 yteßsxioi, Plin. lil 124 Fercellae Libiciormn ex Salluis
ortae, Ptol. III 1,32 ylißixoi. Liv. V 35,2 (vgl. I 477 A. 1) XXI 38 XXXIII 37
Libui. Poiybios und Livius betonen die keltische Nationalität der Libiker.
Wenn die Stammväter die Salluvier Ligurer heifsen (Plin. III 47), bei Anderen
Gallier (Liv. LX), so rührt dies entweder daher dafs die älteren Hellenen die
Kelten unter dem Namen Ligurer mitbegreifen (I 468) und erst in jüngerer Zeit
beide Nationen unterschieden werden Strab. IV 203, oder auch daher dafs die
Ligurer als Unterthanen den Hauptstock der Bevölkerung ausmachten.
2) Plin. 111 124, Cato weist sie nach dem älteren Sprachgebrauch (S. 163)
irrtümlich den Ligurern zu.
3) CIL. V p. 720.
4) Strabo V 218 Plin. XXXIII 78.
5) Liv. XXI 57 handschriftlich Fictumvias zu verbessern nach Diod. XXV
n OvDtTOfisXav; Liv. XXI 45 Ficotumulis ; Strab. V 218 ' IxrovjuovXaiv; Plin.
XXXIII 78 Fictumularum ; Geogr, Rav. IV 30 Fictimula.
§ 3. Die Libiker. 175
Verstäodnifs der Kriegsereignisse von 218 von Wert die Lage genau
zu ermitteln: leider fehlen jedoch inschriftliche Zeugnisse und lauten
die Angaben der Schriftsteller unbestimmt. Der Name erinnert an
den ßuvius Victium (Cervo?) welchen die Peutingersche Karte öst-
lich von Vercelli verzeichnet. Ferner versetzt der Geograph von
Ravenna den Ort in die Mähe von Ivrea.i) Darnach wird man
ihn in nordwesthcher Richtung von Vercelli nach Biella hin zu
suchen haben. Er gehörte späterhin zur Feldmark von Vercellae,
wird aber von Livius nicht mit Unrecht dem Gebiet der Insubrer
zugewiesen, insofern die Hegemonie dieses Volks im J. 218 sich
bis an die Grenzen der Tauriner erstreckte. Der damals zwischen
Taurinern und Insubrern tobende Krieg war für Hannibals Ver-
halten mafsgebend-): nach der Erstürmung Turins rückte er zu-
nächst auf VicLumulae zu, mufste aber vorläufig diese Beute in Stich
lassen, als das römische Heer von Placentia her den Ticinus über-
schritten hatte. Die erhaltenen Berichte gestatten nicht die Be-
wegungen Schritt für Schritt zu verfolgen , noch das Schlachtfeld
ausfindig zu machen auf dem die rönniscbe Reiterei von der kar-
thagischen geworfen wurde. Die nämliche Unsicherheit herrscht in
Betreff des campus Raudius den Gaius Marius am 30. Juli 101 v.
Chr. mit dem Blut der Kimbern düngte: er lag im Gebiet von Ver-
cellae und war für die Entfaltung von Reiterei geeignet. 3)
Das Gebiet zwischen Dora Baltea und Tessin entspricht der
heutigen Provinz Novara und begreift einen Flächeninhalt von
6613 Dkm 120 d. QM. Davon entfällt reichUch die Hälfte auf die
Ebene. Die ausgedehnten Reisfelder welche Vercelh und Novara
umgeben, verkünden die Beschaffenheit derselben (I 415). Ohne
Zweifel ist die Niederung im Altertum weit sumpfiger gewesen als
heut zu Tage und hat die städtische Entwickelung vielfach gehemmt.
Die grofse Durchgangstrafse welche Italien mit Gallien verband,
läuft am nördlichen Uferrand des Po.^) Sie erreicht 23 iMillien
von Turin bei der Mündung der Dora Baltea die Ortschaft Qua-
1) G. R. IV 30 iuxta Eporeiam non longe ab Alpe est civitas quae dicilur
Fictimula, Guido 14.
2) Pol. III 60,8 Liv. XXI 39.
3) Plut. Mar. 25; ohne Angabe des Stadtgebiets Veil. II 12 Flor. I 38; un-
genau Oios. V 16,14, Hieron, ehr. a. Abr. 1915, Glaudian b. Get. 642.
4) It. Gadit. Anton. 340. 356. Hieros. 557. Tab. Peut. Geogr. Rav. IV 30 CIL.
V p. 950. Atti d. Societä di Arch. di Torino 111 p. 232 fg.
J76 Kapilpl 11. Die Transpadana.
drata^), nach weiteren 16 Millien Rigomagus Trino, überschreitet
den Sesites Sesia^) und trifft bei Cuttiae oder Cottiae^) Cozzo 63
Milli«'n von Turin mit der vom S. Bernhard herkommenden Strafse
zusammen. Von Cuttiae zahlt man 12 Millien bis Lanmellurn Lo-
mello.4) Nach diesem Ort wird zwar der ganze District Lomellina
genannt; jedorli hesafs er unter Augustus kein Stadtrecht, und es
ist keineswegs sicher dafs er solches von dessen Nachfolgern er-
langte. Den Alten hiefs die Gegend zwischen Tessin und Po regio
Aliana und war wegen ihres Flachses berühmt''): der Name lebt in
dem einige Millien nordöstlich von Lomello gelegenen Dorf Alagna
fort. Von Laumellum nach Ticinum werden 21 Millien gerechnet
(Turin — Ticinum 96).
Die Dora Baltea bei ihrem Austritt in die Ebene hat, wie 1 182
bemerkt wurde, ihren Lauf verändert. Aller VVahrscheinhchkeit
nach bestand hier im Altertum ein grOfserer See dessen Namen wir
nicht kennen. Nördlich von demselben lief die aus dem Thal der
Salasser kommende Alpenstrafse ') und erreichte 33 Millien von
Eporedia die Stadt Vercellae Vercelli (131 m).') Am rechten Ufer
der Sesia, die kurz vorher den Cervo und Elvo aufgenommen hat,
gelegen beherrscht sie ein weites Hinterland, das durch die Erhebung
«ler Alpenketle vom Verkehr nach Norden abgesperrt war. Die
Goldscliälze lockten die Fremden in diese Bergthäler, Die Cultur-
verhältnisse des Altertums werden durch den Umstand angedeutet,
dals römische Inschrilten im Gebirg zahlreicher angetrofl'en werden
als in der Niederung. Jedoch beschränkt sich das Gebirg nalur-
gemäfs auf Dörfer oder Flecken: wir kennen die Namen einzelner
1) Nach der Not. Dign. Occ. 121 waren Sarmafen hier angesiedelt.
2) Flin. III 118 Sesites Ennod. carm. I 1,39 Sessis torrens (vgl. I 180) Geogr.
Rav.IV36A7*/V/o.
3) Cnltiae It. Gad. CIL. XI 3281—84 Tab. Pent., Cottiae It. Ant. 340 Hieros.
557, Cosliae Geogr. Rav. IV 30.
4) Ptol. III 1,32 Ammian XV 8,18 Paul. h. Lang. III 35 Itinerarien CIL. V p.
715, Pais suppl. p. 115.
5) Plin. XIX 9.
ti) It. Anton. 344. 347. 350 Tab. Peut.
7) Cic. Farn. XI 19 Slrab. V 218 Plin. III 124 Ptol. III 1,32 Tac. Bist. 1 70
Plnt. Mar. 25 Martial X 12 Sil. It. VIII 597, Ammian XXII 3,4 rercellum Not.
Dign. Occ. 121 Hieron, Episl. I 3 CIL. V p. 735 Pais suppl. p. 118. Der Name
der Stadt kehrt im pagus f^ercellensis des Gebiets von Placentia wieder CIL.
XI p. 225.
§ 4. Die Insubrer. 177
wie pagus Agaminus Ghemme i) , die gesamte Landschaft zwischen
Dora Baltea und Tessin enthält nur zwei städtische Gemeinwesen
die als solche sicher bezeugt sind. Daher mag das Stadtgebiet an
60 — 80 d. DM. befafst haben. Nichts desto weniger heifst Vercelli
dem Strabo ein Dorf und erscheint erst bei Tacitus unter den an-
sehnlichsten Municipien der Transpadana. Als Hieronymus schrieb,
war es wiederum verödet. Die Bürgerschaft gehörte zur Tribus
Aniensis. Als Hauptgolt wurde Apollo verehrt.2) — Die günstige
Verkehrslage hat die Entstehung der Stadt bedingt: von hier läuft
die Alpenstrafse in südöstlicher Richtung nacli dem 14 MiUien ent-
fernten Cuttiae und weiter nach Ticinum, während sie sich ostwärts
nach Mailand wendet. An der letzteren Strecke 16 Millien von
Vercelli 33 von Mailand entfernt 3) liegt Novaria Novara (164 m)
das zweite Municipium welches der besprochene Bezirk aufweist. *)
Seines keltischen Ursprungs ward oben S. 174 gedacht. Es liegt
am Agunia Agogna der westlich an seiner Mauer vorbeiströmt.-^)
Der in der Nähe des kleinen Sees von Orta entspringende Flufs
steht zwar an Länge (140 km) der Sesia gleich, aber an Gebiet
(2190 Dkm) um ein Viertel nach. Dies natürliche Verhältnifs drückt
zugleich die gegenseitige Bedeutung von Vercellae und Novaria aus.
Beide werden von Tacitus zu den hervorragenden Municipien der
Transpadana gerechnet, aber jenes begegnet öfter in der Üeber-
lieferung. Novaria gehörte zur Tribus Claudia. Wie weit seine
Feldmark sich nach Norden erstreckt haben mag, ist nicht zu sagen.
§4. Die Insubrer.
Der westliche Teil der Centralalpen vom M. Blanc bis zum M.
Rosa den wir nach dem Poeninns benennen , sperrt einer un-
übersteigbaren Mauer gleich Italien gegen die Atifsenwelt ab.*») In
1) CIL. V 6587.
2) iMartial X 12 Apollineas Fercellas vgl. Stat. Silv. I 4,58.
3) It. Ant. 344. 350 Geogr. Rav. IV 30.
4) Plin. III 124 XVII 212 Tac. Bist. I 70 Suelon d. cl. rhet. 6 Ptol. III 1,29.
Not. Digr. Occ. 121. Prokop b. Goth. II 12. CIL. V p. 718. Pais suppl. p. 116.
5) Einen Flufs Novaria erwähnt die Peutingersche Karte irrig statt der
Stadt. Den alten Namen hat Geogr. Rav. IV 36 erhalten vgl. S. 173.
6) Freilich sind in der späteren Kaiserzeit auch Glelscherpässe begangen
worden, wie der am 24. August 1895 auf der Höhe des Matterjochs (3322 m)
gemachte Fund von 22 um 350 verlorenen Kupfermünzen zeigt (Edward
Whymper, Museum in Zermatt). V
Nissen, Ital. Landeskunde 11 . t2
178 Kapitel II. Die Transpadana.
den raeliscliLMi Alpen sinkt die Gipfel- und Kammhöhe beträchtlich.
Auf der 400 km langen Strecke vom M. Rosa bis zum Ortler finden
sich eine Reihe gangbarer Pässe, Simplon St. Gotthard Lukmanier
St. Bernhardin Splilgen Septimer Julier Bernina Stilfser Joch, von
denen (wie I 161 fg. ausgeführt wurde) fünf nachweisbar im Alter-
tum ausgebaut worden sind. Alle in diesem weiten Umkreis nach Italien
hineinführenden Strafsen münden in den beiden tiefen Einschnitten
aus, welche durch den Verbanus und Larius ausgefüllt werden und
nicht mehr als 50 km von einander abliegen. Die Landschaft die
von den Abflüssen der Seen , von Tessin und Adda umschlossen
wird, gewinnt hierdurch die Bestimmung als Durchgangsland zwischen
Nord und Süd zu dienen. Räumlich betrachtet fällt die Mitte der
langgestreckten Ebene von den Quellen bis zur Mündung des Po
weiter OslHch in die Gegend am Oglio und Mincio. Allein der ge-
samte Abschnitt zwischen Adda und Mincio hat kernen Ausweg
nach Norden. Ferner steht die von Tessin und Adda umflossene
Landschaft durch die Einsenkung des Appennins bei Genua in kürze-
ster und bequemster Verbindung mit der italischen Südsee. — Die
aufserordentliche Gunst der Verkehrslage wird durch den Reichtum
des Bodens unterstützt. Die mächtigen Alpenströme verleihen ihm
unerschöpfliche Fruchtbarkeit und werden zugleich durch die grofsen
Sammelbecken die ihre Gewässer aufnehmen, daran verhindert in
der Regenzeit verheerend über die Fluren der Niederung einzu-
brechen. „Dieses Herzogthumb — heifst es in einer Weltbeschreibung
von 1576 — wirdt für das beste Herzogthumb der ganzen Christen-
heit, gleichwie Flandern für die beste Graffschafl"! geacht." Die
natürlichen Verhältnisse erklären uns warum diese Landschaft von
den Völkern am heftigsten umstritten worden ist, warum sie das
machtvollste geschichlhche Leben aufzuweisen hat: in ihr schlägt
das Herz der padanischen Ebene. Während der älteren Jahrhun-
derte, als der ganze Norden in unabhängige Stammbünde zerfiel,
nahm ihr Bund den obersten Rang ein. Durch die römische Er-
oberung wird sie geraume Zeit in den Schatten gedrängt, da die
Politik Roms nach allen übrigen Weltgegenden, nur nicht nach
Mitteleuropa ausschaute. Aber nachdem 15 v. Chr. die Reichsgrenze
an die Donau vorgeschoben war, hebt ein stetiger Aufschwung an,
der politische Schwerpunct verschiebt sich allmälich von der Halb-
insel an den Po, Mailand wird für reichlich ein Jahrhundert die
Hauptstadt von Itahen. Später errichten die Langobarden ihre
§ 4. Die Insubrer. 179
Herrschaft und verleihen der Landschaft den Namen den sie seither
trägt. Fortab ist der Besitz der Lombardei in den wechselnden
Kämpfen von Mittelaller und Neuzeit für das Schicksal ganz Italiens
von entscheidender Bedeutung geblieben.
Die verschiedenen Nationen welche einander ablösten, haben
Spuren ihres Daseins zurückgelassen: Raeto-Etrusker, Kelten, Römer,
Germanen. In den. Alpenthälern sind etruskische Inschriften auf-
getaucht (I 487). Die heutige Volkssprache weist einen erhebUchen
Bestand altgermanischer Lehnwörter auf, aber ihr Grundcharakter
ist durchaus kelto-romanisch (I 475). Unter den gallischen Stämmen
haben die Insubres die Führung: die Sage zählt all die einzelnen
Bestandtheile auf aus denen diese Einwanderung zusammen gesetzt
war, und leitet den Namen von einem Gau der Aeduer her.i) Im
engeren Sinn wird er von den Schriftstellern auf die Stadt der
Insubrer und ihr Gebiet d. h. Mediolanum bezogen, im weiteren
Sinn auf den ganzen Umfang ihrer Hegemonie ausgedehnt. Wir
sahen (S. 175) dafs dieselbe 218 v. Chr. westwärts bis an die Grenze
der Tauriner reichte. Ptolemaeos schreibt den Insubrern die Städte
Novaria Mediolanium Comum Ticinum zu 2): aber nach besseren
Gewährsmännern werden drei davon anderen Stämmen beigelegt.
Wenn also Polybios die Insubrer das gröfste Volk der italischen
Kelten nennt, so ist dies von ihrer Clientel zu verstehen. Immer-
hin ist 222 v. Chr. der Widerstand der Transpadaner durch den
Fall von Mailand gebrochen, und gleichfalls 194 im Weichbild dieser
Stadt die Unterwerfung endgültig besiegelt worden. 3) — Am unteren
Tessin um Ticinum safsen die Laevi und Maria, die von Livius
und Plinius für Ligurer erklärt werden, während Polybios die Laever
mit den anderen Kelten einv^-andern läfst.*) OestHch davon um Lodi
safsen Boii, ein Zweig des mächtigen Stammes der in der Aemilia
wohnte. 5) Die nördlichen Nachbarn der Insubrer, die Comenses
werden in der Kriegsgeschichte selbständig neben jenen aufgeführt
und von Cato einem gröfseren Stamm der Orobii beigezählt dem
auch Bergomum Forum Licini und andere Berggemeinden angehört
1) Liv. V 34 Pol. U 17.
2) Ptol. III 1,29.
3) Pol. II 34 Liv. XXXIV 46.
4) Pol. II 17,4 yiäoi Liv. V 35,2 Plin. III 124 vgl. 1 473 A 2 477 A 1.
5) Plin. III 124.
12*
180 Kapitel IL Die Transpadana.
haben sollen.') Eine strenge Scheidung der Alpenvölker nach ihrer
Ikrkunit ist nicht durchführbar; soweit wir sehen, sind die Lepontti
Kelten (I 478). die oestlich vom Thal des Tessin wohnenden da-
gegen Haeter.
Seit der 396 v, Chr. erfolgten Zerstörung des etruskischen
Melpum (I 498) ist MedioJanium oder Mediolanum die Hauptstadt
des Land«»s.2) Der Sage nach wurde sie von den Insubrern sofort
bei ihrer Einwanderung gegründet: der Name ist keltisch und kehrt
bei einer ganzen Reihe von Völkerschaften im jenseitigen Gallien
und Britannien wieder. Bei späten Dichtern wird er von einem
Wolle tragenden Eber abgeleitet, ohne dafs wir über die zu Grunde
liegende V^orstellung näheres wüfsten.^) Die Oertlichkeit wurde im
Hinblick auf die Mündungen der Alpenthäler gewählt: sie ist 50 km
vom Süd-Ende des Verbanus, 35 km vom Süd-Ende des westlichen, 40 km
von dem des östlichen Arms des Larius entfernt; sie liegt am linken
Ufer des Olona^) der vom Lago di Varese herkommt, nicht weit
von dem Lambrus Lambro s) der aus dem lacus Eupilis (I 182)
kommt und jenen unterhalb aufnimmt (I 188). Vom Dach des
Mailänder Doms überschaut man das Hochgebirge in seiner ganzen
Ausdehnung vom Monte Viso bis zur Ortlerspitze, im Süden die
Ebene und den Appennin. Derart ist hier ein Mittelpunct des Ver-
kehrs gegeben von dem die Strafsen nach allen Weltgegenden hin
auslaufen. Der Abstand der nächsten Städte im Umkreis wird von
den Itinerarien so bestimmt: nach Novaria 33, Ticinum 22, Laus 16,
Bergomum 33, Comum 18 (28?) Millien. Die Grenzen des Stadtgebiets
diesen Nachbarn gegenüber genau festzustellen fehlen die Mittel.
Da Mediolanum sowohl als Comum zur Tribus Ufentina gehören, so
versagen die Inschriften, so zahlreich sie auch in dem Hügelland
südlich von den Seen begegnen, um das beiderseitige Eigentum zu
scheiden.^) Jedoch erfahren wir von dem Comenser Plinius dafs
1) Liv. XXXni36. 37; Piin. III 124 die Form des Namens den Alexander
Polyhistor mit o^oe und ßloe zusammenbrachte, ist nicht sicher überliefert.
2) Ueber das Schwanken der Namensform CIL. V p, 633.
3) Sidon. Ap. ep. Vil 17,20 lanigero de sue nomen habent; Claudian nupt.
Hon. Aug. 182 moenia Gallis condita lanigeri suis ostentantia pellem.
4) Das Alter des heutigen Namens wird allein durch Geogr. Rav. IV 36
bezeugt, aber durch ähnliche Flufsnamen beslätigl.
5) Piin. III 118. 131 Sidon. Ap. ep. I 5,4 ulvosum L. Tab. Peut. Geogr.
Rav. IV 36.
6) CIL. V p. 587. 1084 Pais suppl. p. 109 fg. 247.
§ 4. Die Insubrer. 181
die Insubrer d. h. Mailänder Feldmark bei 8 Millien Abstand vom
Larius aufhörte, i) Desgleichen ist das Hügelland westlich vom See
von Como bis zu dem von Varese der letzteren, nicht der Mailänder
Gemeinde zugewiesen. 2) Eine gewaltige Erweiterung wurde dieser
dagegen 15 v. Chr. zu Theil: wir müssen nämlich schliefsen dafs
der Verbanus und alle Thäler bis zum St. Gotthard hinauf an Mai-
land fielen, da nirgends eine selbständige Sladtgemeinde begegnet.
Der Flächeninhalt des Gebiets mag sich hierdurch auf 4500 Dkm
gestellt haben.
Das Wachstum Mailands war durch die allgemeinen geschicht-
lichen Verhältnisse bedingt. Als Hauptort der Insubrer ragte es in
dem städtelosen verkehrsarmen Lande bereits während der Epoche
der Unabhängigkeit hervor 3), konnte aber doch mit dem im Süden
geltenden Mafsstab gemessen für ein Dorf geachtet werden. 4) Der
Friede den die romische Herrschaft brachte, hob den Ort unmerk-
lich in die Höhe. Entscheidend wurde die Verleihung latinischeu
Rechts im J. 89 v. Chr.; denn damit war die Umwandlung der
Landes- in eine Stadtverfassung, die Abhängigkeit aller insubrischen
Dorfschaften von Mailand gegeben. Dann folgte 49 v. Chr. die Er-
theilung des Bürgerrechts und endlich die Erschliefsung der Alpen,
als Augustus hier gelegentUch sein Hauptquartier aufschlug.^) Dem
stufenweisen Fortgang angemessen nennt Strabo am Beginn unserer
Zeitrechnung Mailand und Verona ansehnliche Städte, gröfser als
Brescia Mantua Bergamo Como, mit Padua freihch nicht vergleichbar.
Im J. 70 n. Chr. erscheint Mailand an der Spitze der kräftigsten
Municipien der Transpadana.ß) Seine Bildungsanstalten werden von
der Jugend anderer Städte aufgesucht.^) Der Angriff der Germanen
1) Plin. N. H. X 77 vgl. vita Did. Jul. 1,2.
2) CIL. V p. 587.
3) Pol. II 34 MeSioldviov . . oansQ äari xv^tcöruTOS rönos ttjs xd>v
^ Jvaöußqatv xoiQas. Plut. Marc. 7 nohv /ueyiaTTjv xal TtoXvavd'QconordTriv täv
rahtti.y.öiv. MsSioXavov xaleirai xal firjrgonohv airfjv ol Trße KeXroi
vofiit,ovaiv. Oros. IV 13,15 ijiler mulla Insubrium oppida Mediolanium
quoque urbem florenlissimam cepit.
4) Slrab. V 213 'IvaovßQOi Se xal vir siai. MsSwXdviov S^ s'axov
ftrjzgojtoXtv, 7td?.ai fiav xcöfii]v {anavrse yaQ coxovv xoifirjSöv) vvv S' a^iöXoyov
nöXtv.
5) Sueton Aug. 20 vgl. de gramm. 30 p. 126 Reiff.
6) Tac. Bist. 1 70.
7) Plin. Ep. IV 13. Bereits Vergü scheint zum gleichen Zweck nach Mai-
land gegangen zu sein Suet. p. 43. 55 Reitf.
182 Kapitel II. Die Transpadana.
aut die nördliche Reichsgienze erhöht die Wichtigkeit des Platzes.
Die erste Anerkennung davon äufsert sich in dem Umstand dafs
zwei Kaiser nach einander — wir wissen nicht welche — das bis-
herige Municipium mit dem Rang und Titel einer Colonie aus-
statteten.') Ferner wird Mailand bei der Eintheilung Italiens in
Provinzen Hauptstadt von Ligurien (S. 132)2), nach der Reichs-
ordnung Diocletians Sitz des praefectus praetorio und vicarius Italiae ^)
und eins der grofsen Münzämler. Von dem nämlichen Kaiser unter
die Residenzstädte erhoben, sah es im Laufe des vierten Jahrhunderts
von Maximian bis Honorius den Hof weit häufiger in seinen Mauern
als Rom.^) Der weltlichen Macht entsprach die unabhängige Stellung
welche seine Kirche unter Ambrosius eingenommen und in der
Folge behauptet hat. Natürlicher Weise hat die Bedeutung der
Stadt sich in ihrem Aussehen offenbart. Beloch berechnet den von
der Mauer umschlossenen Raum zu 133 ha: freilich ist die Grund-
lage der Rechnung unsicher und das Ergebnifs wol viel zu niedrig.
Nach herkömmlicher Sitte gingen die Mitregenten Diocletians sofort
daran sie mit Prachtbauten zu schmücken.^) Den Glanz der Kaiser-
stadt malt Ausonius in seinem ordo urhium nobilium um das J. 390
aus und weist ihr nach Rom Konstantinopel Karthago Trier, vor
Capua und Aquileia ihren Platz an:
Et Mediolani mira omnia, copia verum
innumerae adtaeque domus facunda virorum
ingenia et mores laeti, tum duplke muro
amplificata loci species populique voluptas
circus et indusi moles cuneata theatri,
templa Palatinaeque arces opulensque moneta
et regio Herculei celebris sub honore lavacri:
cunctaque marmoreis ornata peristyla signis
moeniaque in valli formam circumdata limbo.
omnia quae magnis operum velut aemula formis
excellunt nee luncta premit vicinia Romae.
1) CIL. V p. 034.
2) Die Hunnen verwüsten .lord. Get. 222 Mediolanum quoque Liguriae
metropolim et quondam regiam urbem.
3) Gothofredus Topogr. cod. Theod. unter Med. Böcking zu Not. Dign.
<lcc. 440.
4) Gothofredus a. a. 0. Ammian XIV 10,16 u. o. Eutrop IX 27.
5) Aur. Victor Caes. 39,45.
§ 4. Die Insubrer. 183
Die Verlegung der Residenz nach Ravenna erfolgte 402 n. Chr.,
die Plünderung durch die Hunnen 452. Aber noch im Golhen-
krieg meldet Prokopi): „Mailand in Ligurien zwischen Ravenna
und der Alpengrenze, von beiden 8 Tagemärsche entfernt gelegen,
nimmt unter den Städten des Westens an Grüfse Einwohnerzahl und
Wolstand den obersten Rang nach Rom ein, ein Rollwerk des ganzen
romischen Reichs gegen Germanen und andere Rarbaren". Als die
Gothen 539 dasselbe bezwangen, metzelten sie die männlichen Re-
wohner, angeblich 300000 an der Zahl nieder, sandten die Weiber
in die Sklaverei und machten die Stadt dem Erdboden gleich.
Durch diesen vernichtenden Schlag wird sie geraume Zeit in den
Hintergrund gedrängt.
Mailand liegt in der Ebene 123 m ü. M. und war für seine
Rauten wesentlich auf Rackstein angewiesen. Es ist zu wiederholten
Malen, namentlich 1162 durch Friedrich Rarbarossa von Grund aus
zerstört worden und in unverwüstlicher Lebenskraft immer von
neuem aufgeblüht. Diese Umstände erklären warum von der alten
Herrlichkeit so wenig übrig gebUeben ist. Das hervorragendste
Denkmal ist eine Halle von 16 korinthischen Säulen bei S. Lorenzo
die wahrscheinlich zu den von Ausonius besungenen Hercules-
thermen gehörte. Die genannte Kirche scheint auf den Trümmern
dieser Anlage errichtet zu sein, wie auch die Gründung von S. Am-
brogio und S. Eustorgio ins 4. Jahrhundert zurückreicht. Ein be-
redtes Zeugnifs für den Wolstand des alten Mediolauum legen die
in grofser Zahl erhaltenen Inschriften ab.'-) Zugleich tritt aus ihnen
der keltische Charakter der Revölkerung entgegen, der sich einer-
seits in den Personen- und Ortsnamen anderseits in der eifrigen
Pflege des Matronen- und Mercurcults äufsert. Man hat die in der
Lombardei häufigen Ortsnamen welche auf ate endigen — sie kommen
bei mehr als 100 Gemeinden vor — aus dem Germanischen ab-
leiten wollen. Ihr keltischer Ursprung wird durch die Inschriften
erhärtet: die Einwohner von Modicia dem später als Krönungsstadt
berühmten Monza heifsen Modiciates 3), diejenigen des südlich vom
See von Varese belegenen Dorfs Montonate Montunates ^) , eines
anderen Dorfs unbekannter Lage Corogennates'^) usw. Eine keltische
1) Prokop b. Goth.117. 21.
2) CIL. V p. 617. 1086 Pais suppl. p. 112. 247. Kaibel inscr. Gr. 2293— 99.
3) Paul. h. Lang. IV 21 u. o. CIL. V 5742.
4) CIL. V 5604. 5) CIL. V 5907.
134 Kapitel II. Die Transpadana.
Ansiedliing am westlichen Ufer des Verbanus bei Chignolo der
Isüla bella gegenüber wird durch 5 Grabschriften erwiesen. i) Ferner
führt uns die Verbreitung der Inschriften die verschiedene Art des
Anbaus und der Besiedking in der Mailänder Feldmark anschauUch
vor Augen: sie begegnen in dem lieblichen für Baumzucht vor-
züglich geeigneten Gelände das südlich von den Seen hingelagert
ist, ebenso zahlreich wie in der auf Weidewirfschaft angewiesenen
Niederung selten. Die Lage folgender Ortschaften ist bekannt:
Modicia Monza 12 Millien Nordost von Mailand, Argentia an der
Strafse nach Bergamo in der Gegend des heutigen Gorgonzola 2),
Sibrium Castel Seprio südlich vom See von Varese^), Sebuinum
Angera am Ost-Ufer des Verbanus. 4)
Der lacus Verbanus wird selten von den Alten erwähnt''), weil
er vom grofsen Verkehr abseits lag. In Folge dessen giebt Polybios
die Länge zu klein auf 300 Stadien 53 km an : sie beträgt gegen-
wärtig noch 64,6 km (I 181. 87). Die auf ihn ausmündenden Thäler
sind erst 15 v. Chr. unterworfen worden. Mit den in der Sieges-
schrift genannten Focunates bringt man den Namen der Ortschaft
Vogogna im Thal des Toce (l 187) vermutungsweise in Verbindung.
Das Thal ist arm an Inschriften •>) ; doch befindet sich darunter die
wichtige welche für die Begehung des Simplon einen Anhalt ge-
währt (I 161). Das Hauptthal des am St. Gotthard entspringenden
Ticinus heifst Valle Leventina und bewahrt in diesem Namen das
Andenken an die Lepontü die gleichfalls 15 v. Chr. besiegt wurden.')
Nach Aussage der Alten entsprangen Rhein und Rhone in ihrem
Gebiet, Plinius betrachtet die in der Siegesinschrift selbständig auf-
1) Atti della Societä di Archeologia di Toiino VII p. 56. Die Inschriften
bedienen sich theils des einheimischen theils des lateiuischen Alphabets.
Lateinische Inschriften derselben Gegend CIL. V p. 732. 1088 Pais suppl. p.
118. 248.
2) It. Hier. 558.
3) Geogr. Rav. IV 30 CIL. V p. 610.
4) CIL. V p. 590. Pais suppl. p. 110.
5) Strabo IV 209 Plin. II 224 III 131 1X69, die Schreibung schwankt
zwischen Ferbatinus und f erbanus.
6) CIL. V p. 734. Den Namen des Thals Ossola mit dem Hauptort Domo
d' Ossola will man in Ptol. III \,'i^ ylrjTiovTiwv iv Koriiais'AXneaiv'OaxeXa
wieder erkennen. Allein in dieser verwirrten Angabe ist offenbar das cottische
Ocelum (S. 150) gemeint.
7) Caes. b. Call. IV 10 Slrab, IV 204. 20G. Plin. HI 134. 5. 7.
§ 4. Die Insubrer. 185
geführten Uberi an der Rhonequelle als einen Zweig der Lepontier:
mithin mufs sich dieser Stamm ziemlich weit erstreckt haben.
Einen anderen Zweig desselben dürfen wir in den Mesiates ') im
Val Mesocco, dem Thal der Moesa suchen, aus welchem die Römer-
strafse über den Bernhardin nach Chur führt (I 162). Unterhalb
der Vereinigung von Moesa und Tessin liegt Bilitio Bellinzona^),
die sich ausbreitende theilweise sumpfige Ebene hiefs campi Canini.^)
Zum Gebiet von Mailand gehörte auch der lacus Ceresiiis See von
Lugano ^) der durch die Tresa nach dem Verbanus abfliefsl. Die
Umgegend hat wenige lateinische aber mehrere etruskische Grab-
schriflen ans Licht gefordert: zum Beweis dafs hier die raetische
Nation sich behauptete (I 487). Am Südost-Ende des Sees bei
Riva S. Vitale lag eine Ortschaft der Subinates.'^) Von den Kelten
am Verbanus war oben die Rede.
Wichtiger als der Verbanus ist für die Alten der Larius ge-
wesen, da von ihm die drei Rümerstrafsen über Splügen Septimer
und JuUer ausliefen. Die Comenses wurden 196 v. Chr. in Gemein-
schaft mit den Insubrern vom Consul M. Claudius Marcellus be-
zwungen. 6) Die Stadt Comum soll von den Galliern nach Ver-
treibung der Etrusker gegründet sein ''), nach Cato von dem Stamm
der Orobier (S. 179). Sie hatte von den raetischen Bergstämmen
andauernd viel zu leiden. Gnaeus Pompeius Strabo siedelte hier
89 V. Chr. oder bald darauf eine latinische Colonie an, die nach-
träglich um 3000 Manu verstärkt wurde ohne dem Uebel steuern
1) Allein auf der Peutingerschen Karte erwähnt: trotz der Verzeichnung
derselben ist an der Richtigkeit der von Cluver p. 100 aufgestellten Gleichung
nicht zu zweifeln.
2) Gregory. Tours X 3, darnach Paul. Diac. h.Lang.III 31 ; Bellitiona Geogr.
Rav. IV 30, Bellinciona Guido 14.
3) Gregor v. Tours X 3 Sidon. Apoll, carm. 5,376; irrig an den Bodensee
verlegt von Ammian XV 4,1.
4) Die Beschreibung bei Gregor v. Tours X 3 ist mit Recht von Cluver
auf diesen See bezogen worden , da sie auf keinen anderen zutrifft. Die
Langobarden erwarten den von Beliinzona vorrückenden Feind in vortrefflich
gewählter Stellung an der Tresa die aus dem Luganer in den Langen See
einfliefst. Die Schreibung schwankt zwischen Cevesius und Coresius. Der
lacus Clisius der Peutingerschen Karte kann auf verschiedene andere Seen
gehen, nur nicht auf diesen.
5) Pais suppl. 1287.
6) Liv. XXXIU 36. 37.
7) Justin XX 5,8.
136 Kapitel II. Die Tianspadana.
ZU können J) Dann liat Caesar während seiner Statthalterschaft
eine Bürgercolonie angelegt, in deren Listen 5000 Ansiedler, darunter
500 angesehene Hellenen sich eintragen liefsen. Die Gegner haben
51 V. Chr. das Bürgerrecht der Leute bestritten, aber ohne Erfolg,
Seit dieser Umwandlung führt die Stadt bei den Zeitgenossen den
Namen Novum Comum'^) wie in den bekannten Versen CatuUs:
Poetae tenero meo sodali
velim Caecilio papyre dicas:
Veronam veniat Novi relinquens
Comi moenia Lariumque litus.
Den Zusatz läfst sie wiederum fallen , nachdem sie durch die
Ordnungen des Augustus nur als Municipium anerkannt wurde. 3)
Ihren Ruhm in der Kaiserzeit verdankt sie zwei in der Litteratur
ausgezeichneten Sühnen, dem älteren ^) und jüngeren Plinius. Der
letztere hat bedeutende Mittel zu gemeinnützigen Zwecken ver-
Avandt und in der Bethätigung seiner Heimatsliebe auch Nachahmer
gefunden.^) Die Bewohner der Gegend sind durch ihre Leistungen
im Bauhandwerk bekannt, in dem Grade dafs der Name Comacini
bei den Langobarden die allgemeine Bedeutung von Maurer an-
nimmt.^) Endlich war Haustein bequem genug zur Hand. Trotz
alledem sucht man in der anmutig am Seeufer gelagerten Stadt
(199 m) vergebens nach antiken Bauwerken: die in Menge ans Licht
geforderten Inschriften zeugen allein von der Römerzeit. 7) Am
Ausgang des Reiches Grenzfestung §), ist sie wiederholt erobert und
zerstört worden , hat aber auch in friedlichen Jahrhunderten ihrer
ganzen Lage nach nur ein Durchgangsplatz, nicht Sitz des grofsen
Verkehrs sein können. Um 400 n. Chr. befehligte in Comum ein
kaiserlicher Admiral.^) Aeltere Inschriften lehren uns eine Schiffer-
1) Strabo V 213. IV 206.
2) Cic. an Alt. V 11,2 Farn. XIII 35,1, Catull. 35 vgl. fr. 4, Strab. V 213,
Suet. Gaes. 28, Plut. Caes. 29, App. b. civ. II 26.
3) Gleichmärsig bei den Schriftstellern wie auf Inschriften der Kaiserzeit.
Vereinzelt Novocomensis im Leben des Plinius Suet. p. 92 Reifferscheid.
4) Plin. II 232 ill 124. 131. 132 IX 69 X 77 XXXIV 144 XXXVI 159.
5) CIL. V 5262. 79 Plin. ep. I 3 IV 13 V 11.
6) vgl. das edictum Liutprandi regis de mercedibus comacinorum, Mon.
Germ. bist, leges IV 176.
7) CIL. V p. 566 fg. 1083. Pais suppl. p. 94-109.
8) Cassiod. var. XI 14 munimen clauslrale provinciae.
9) Not. Dign. Occ. 118 dazu Böcking.
§ 4. Die Insubrer. 187
gilde, Weihungen an Neptun und die Wassergötter, sowie ein jährlich
dem Neptun gefeiertes Hauptfest kennen, i) In der That war der
See und die grofse Naturslrafse die er darbietet, für das Gedeihen
der Stadt von entscheidender Bedeutung.
Der lactis Larius, zuerst bei Cato und Polybios erwähnt 2),
heifst seit dem späten Altertum lacus Comacinus oder Comacenus.^)
Der Reisende welcher von Mailand nach dem Norden wollte *), be-
stieg in Comum, wenn er die umgekehrte Richtung einhielt, in
Summo lacu Samolaco s) ein Schiff. Die Länge der Fahrt wird von
allen Gewährsmännern von Cato bis Cassiodor^) auf 60 Millien
89 km angegeben statt 64 km. Polybios ermäfsigt zwar die Zahl
mit Recht auf 400 Stadien 71 km, theilt aber auch seinerseits den
verbreiteten Irrtum wonach der Larius gröfser sein sollte als der
Verbanus.'') Wie stark beide, insonderheit der erstere durch die
Thätigkeit der Flüsse im Lauf der Jahrhunderte verkürzt worden
sind, haben wir früher (I 180) dargelegt. Die den Larius einfassen-
den Berge steigen bis 2200 m an und fallen vielfach so schroff zum
Seethal ab, dafs der Landweg am Ufer von den Allen gar nicht
kunstmäfsig ausgebaut worden ist. Die Fahrt wird um den Anfang
des 5. Jahrhunderts®) so geschildert:
protinus, umbrosa vestit qua litus oliva
Larius et dulci mentitur Nerea ßuctu,
parva puppe laciini praetervolat ; ocius inde
scandit inaccessos hrumali sidere montes
Uli hiemis caelive memor.
Der Oelbaum dessen Pflege am Larius auch anderweitig ver-
bürgt wird 9), bedarf hier im Winter des künstlichen Schutzes:
1) CIL. V 5258.79.95.5911.
2) Strab. IV 209 Cato bei Servius V. Georg. II 159.
3) Zuerst It. Ant. 278, dann Paul. h. Lang. V 39.
4) Die Entfernung von Mailand nach Comum wird mit 18 Millien (It. Ant.
278) zu niedrig, mit 35 (Tab. Peut.) zu hoch angesetzt vgl. S. 180. Ein Meilen-
stein dieser Strafse CIL. V 8056.
5) It. Ant. 277.
6) Cato bei Servius Georg. II 159. It. Ant. 279. Tab. Peut. mit verstellter
Zahl. Cassiod. var. XI 14.
7) Vgl. S. 184 Verg. Georg. II 159 an erster Stelle te Lari maxime.
8) Claudian b. Get. 319.
9) Ennod- Ep. I 6 p. 14 Hartel riparum Larii conßnia canis ornasse
nemoribus. Cassiodor a. 0.
188 Kapitel II. Die Tianspadana.
nach Ansicht der Alten war sein Gedeihen an die Nähe des Meeres
gebunden (I 422). AVenn er nichts desto weniger am Ausgang des
Altpptums an lombardischen Seen eingebürgert erscheint, so erkennt
man darin die Ausdauer und das Geschick der römischen Pflanzer. Die
Schönheit der Ufer übte in der Kaiserzeit eine wachsende Anziehung
aus. IMinius meldet von Landhäusern auf der Höhe wie am Gestade:
die Angel wurde aus dem Fenster in den fischreichen See ge-
worfen.') Jedoch läfst er ihn noch von mächtigen Wäldern ein-
gefafst sein.-) Die Umwandlung der Walder in Gärten ging mit
dem Aufschwung Mailands Hand in Hand: die Weltstadt suchte in
dieser lieblichen Natur ehedem wie jetzt ihre Erholung. 3) Von den
Ortschaften des Larius erinnert Ossuccio an die Ausuciates^); ferner
Galliano an die Braecores Gallianates. •^) Ersteres liegt unweit der
kleinen insula Comacina die in der Geschichte der Langobarden als
Festung eine Rolle spielt.*^)
Das Gebiet von Comum ist 15 v. Chr. bis zur Kammhöhe der
Alpen ausgedehnt worden. Wir hören dafs das Volk der Bergalei,
dessen Name im heutigen Val ßregaglia Bregell oder Bergell, dem
Thal der Maira sich erhalten hat, von Comum abhängig war und
wie solches in vielen anderen Fällen wiederkehrt, unter der Regie-
rung des Tiberius und Claudius einen lange andauernden Rechts-
streit mit der Stadt führte.') Am Ausgang des Thals wo dieses mit
dem nach dem Splügen führenden Thal des Liro, Valle S. Giacomo
sich vereinigt, liegt Clavenna Chiavenna Cläven 8) (332 m ü. M.) als
Knotenpunct der Strafsen über Splügen Septimer und Julier von
Wichtigkeit (I 162). Die Ebene von hier bis Samolaco ist 10 km
lang; sie hat von den üeberschwemmungen des Liro und der Maira
viel zu leiden. Von der Thätigkeit des Äddua Adda^) war früher
1) Plin. NH. II 232 IX 69 X 77. Plin. Ep. I 3 II 8 IV 30 VI 24 VII 11 IX 7.
2) Plin. Ep. II 8 vgl. Ennod. p. 387 Hartel.
3) Ammiaii XV 2,8 läTst Constantius in Comum verweilen procudendi
iiigenii causa.
4) CIL. V 5227.
5) Pais suppl. 847.
6) Paul. h. Lang. IV 3 VI 19.21.
7) CIL. V 5050 Hermes IV 108fg.
8) lt. Ant. 278 Tab. Peut. Paul. h. Lang. VI 21.
9J Pol. II 32,2 XXXIV 10,20, Strab. IV 192. 204 V 213 (vgl. I 148 A. 3), Plin.
II 224 III 118. 131 , Tac. Hist. II 40, Sid. Apoll. Ep. I 5,4 caerulum Adduarn,
ClaudiaD VI cons. Honor. 195 Addua visu caerulut, Ennod. Ep. I 6 p. 15 Hartel.
§ 4. Die Insubrer. 189
die Rede (I 180. 88). Wie das grofse von ihm durchflossene
Veltliner Thal das durch den Berninapafs mit dem Engadin, durch
das Stilfser Joch mit dem Vintschgau in Verbindung steht (I 163),
im Altertum geheilsen habe, wissen wir nicht. Ein hier gefundener
etruskischer Grabstein (I 487) zeigt die Herkunft der Bewohner an.
Die berühmten Heilquellen von Bormio die am Fufs des Stilfser
Jochs 1450 m hoch entspringen, werden als Aguae Bormiae erwähnt '):
der voo einer Gottheit, wie es scheint, herrührende Name kehrt im
ligurischen Sprachgebiet wieder (S. 141).
Von Mailand nach Bergamo werden 33 Millien gerechnet."^) Die
Strafse überschreitet 20 Millien von Mailand die Adda. Die Brücke
mit einer anliegenden Poststation erhielt den Namen Pons Aureoli.
nach dem Gegenkaiser welcher hier 268 n. Chr. von Claudius ver-
nichtet wurde. 3) Das Dorf Pontirolo hat den Namen bis heute
bewahrt. Bergomum *) ist von den Kelten nach Vertreibung der
Etrusker gegründet und vielleicht nach einem Gott Bergimus, dessen
Verehrung in dem benachbarten Brixia Inschriften bezeugen, benannt
worden. Ptolemaeos theilt die Stadt den Cenomanen zu, Cato den
Orobiern: letzterer leitet die Bewohner von einer untergegangenen
Bergstadt Parra her. Wenn ihm die Lage von Parra mehr hoch
als glucklich zu sein schien, so läfst sich im Hinblick auf die lom-
bardischen Schwesterstädte das Gleiche von Bergamo aussagen. Es
thront hoch und fest mit weitem Ausblick auf einem Hügel (380 m,
die heutige Unterstadt 240 m ü. M.) und wird trotzdem kaum in
der Kriegsgeschichte erwähnt.'») Dies rührt daher dafs es keine
grofsen Verbindungstrafsen beherrschte. Immerhin hat die aus-
gedehnte Landschaft in alter wie neuer Zeit die Blüte des Gemein=-
wesens bewirkt, von der zwar keine römischen Bauwerke wol aber
Inschriften melden. 6) Bergomum war Älunicipium und gehörte zur
Tribus Voturia. Der umfang seines Gebiets war beträchthch: es
befafste das Hügelland zwischen Adda und Oglio vom östlichen
Arm des Larius bis zum Iseosee, die Thäler des Brembo und Sarins
1) Cassiodor var. X 29.
2) It. Ant. 127 Hieros. 558.
3) Vita XXX tyrann 11 Aur. V. Caes. 33 It. Hier. 558.
4) Streb. V 213 (wo Cluver 'Pr^yiov in BsQyofiov verbessert hat) Plin. III
124.25 Justin XX 5,8 Ptol. HI 1,27 CIL. V p. 548. Die heutige Form Bergamo
begegnet zuerst It. Hier. 558, sodann bei Paulus Diaconus neben Pergamus.
5) Bist, miscella XV 7 XVI 1 Prokop. b. Goth. 11 12.
6) CIL. V p. 547. 1081 Pais suppl. p. 93.
190 Kapitel II. Die Transpadana.
Serio ') Val Brembana und Seriana. Nach den Inschriften zu schliefsen
isl Clusone im Val Seriana vermutlich in Folge des Bergbaus auf-
geblüht: wir erfahren dafs in dieser Gegend Galmeigruben im
Betrieb waren. ^) Von bergomaüschen Dorfgemeinden sind bekannt
die Anesiates jetzt Nese und Bro{manenses\ jetzt Brumano, beide
oberhalb Bergamo 3), ferner Tellegatae Teigale 12 Millien östhch an
der Strafse nach Brixia.4) Das Forum Licini welches Cato den
Orobiern zuschreibt, ist verschollen»), ebenso das von Ptolemaeos
allein erwähnte Forum Jutuntornm.^)
Die Reisebücher zählen 22 Millien von Mailand nach TicinumJ)
Die Stadt liegt (82 m) am linken Ufer des Ticinus wenig oberhalb
der Einmündung in den ]*o über den im Altertum eine Brücke
führte S), an zwei Seiten durch die mächtigen Flüsse gedeckt, ein
ebenso fester als für die Kriegführung wichtiger Platz. Seit dem
5. Jahrhundert wird die Form Ticinus gebraucht 9), der dem Flufs
entlehnte Name weicht sodann in langobardischer Zeit dem heutigen
Papia Pavia.io) Der Wechsel wird mit der Tribus Papiria der das
Municipium angehörte, schwerlich etwas zu thun haben, sondern
aus dem Fortleben einer alten keltischen Ortsbezeichnung im Volks-
mund zu erklären sein. Von Laevern und Marikern gegründet
(S. 179), hat der Ort lange Zeit wenig zu bedeuten gehabt, wird
in <ler äUeren Kriegsgeschichte mit keiner Silbe erwähnt. Sein
Gebiet ist für oberitalische Verhältnisse beschränkt und beträgt nur
3 — 500 Dkm. Immerhin mufste der grofse Verkehr ihn in die
Hohe bringen: er lag 36 Millien von Placentia entfernt ^i), an der
Strafse welche über die cottische graische und poeninische Alp sich
1) Geogr. Ray. IV 36.
2) Plin. XXXIV 2 CIL. V 557.
3) CIL. V 5203.
4) lt. Hieios. 558.
5) Plin. 111 124.
6) Ploi.lll 1,27 dieLesung schwankt q>.' lovrovvrav* lovyovvrtov ^ Ivrovvxtov
JiovyowTciv.
7) It. Ant. 340. 347. 356. Hier. 557 nur 20 Millien.
8) Prokop. b. Golh. II 25 ; eine Brücke über den Ticinus wird nachgewiesen
Not. d. Scavi 1894 p. 73.
9) Namentlich von Ennodius der hier zu Hause war (seine Grabschrift CIL.
V 6464), Paulus Diaconus Stephanos v. Byzanz u. a.
10) Paul. Ii. Lang. II 15 Ticinus quae alio nomine Papia appellatur Geogr.
Kav. IV 30.
11) Strab. V 217 It. Gadit. Tab. Peut. Geogr. Rav. IV 30 CIL. V. p. 950.
§ 4. Die Insubrer. 191
verzweigend, Italien mit den westlichen und nördlichen Provinzen
verband; aufserdem begann hier mit dem Unterlauf eine regere Schif-
fahrt auf dem Po.i) In Folge dessen begegnet er seit Errichtung
der Monarchie mehrfach in der üeberheferung: ein dem Augustus
und dessen Angehürigen geweihter Ehrenbogen, von dem wir die
Aufschrift kennen, beweist dafs es an slatthchen Bauwerken nicht
gefehlt haben kann. 2) Aber etwa von der Angabe abgesehen dafs
hier um 400 n. Chr. eine kaiserliche Fabrik von Bogen bestand,
erfahren wir von dem städtischen Leben nichts Näheres als die
gewühnhchen Einrichtungen eines Muiiicipium.^) Von den Hunnen
452 zerstört ^) feierte es seine Auferstehung durch die Gothen.
Der festen centralen Lage wegen machte Theoderich es zum Boll-
werk seiner Herrschaft, erbaute eine neue Stadtmauer einen Palast
ein Amphitheater Thermen. 5) Später zwei Jahrhunderte lang König-
stadt der Langobarden, im Mittelalter die Stadt der hundert Thürme
hat Pavia in bewegten Schicksalen die Erinnerung an die bescheidene
Vergangenheit von Ticinum völlig eingebüfst: nur der regelmäfsige
Grundplan mit quadratischen Häuserblöcken gemahnt an eine römische
Anlage.
Von Mailand sind 16 Millien nach Laus Pompeia.^) Den Namen
welchen ihm die Boier bei der Gründung beilegten, kennen wir
nicht; seinen römischen') erhielt es 89 v.Chr. zu Ehren des Pompeius
Strabo (S. 61). Derselbe nimmt am Ausgang des Altertums die
Form Laude an, woraus das heutige Lodi entstanden ist.*) Die
heutige 1158 von Friedrich Barbarossa erbaute Stadt liegt am
rechten üfer der Adda, in der Nähe wo einst nach Ausweis der
Weihinschriften ein berühmter Tempel des Hercules sich befand.
1) Sidon. Apoll, ep, I 5,3 Cassiod. var. IV 45; vgl. Liudprand bist. Ott. 6
anlap. VI 4.
2) CIL. V 6416 Tac. Ann. III 5 Bist. II 17. 27. 30. 68. 88 Ammian XV 8,18.
Aur. Vict. Gaes. 33,28; Plin. III 124 Ptol. III 1,29.
3) Not. Digii. Occ. 43 CIL. V p. 707 Pais suppl. p. 114.
4) Jord. Gel. 222.
5) Exe. Vales. 71 vgl. CIL. V 6418; Chron. min. I p. 300. 18. 19. 24. 28. 34.
36. 37. 38 III p. 321 ; Cassiod. var. X 27 XII 27, Prokop b. Gotb. II 12. 24. 25. 30.
III 1. 3. 4 IV 33. 34. 35.
6) It. Ant. 98. 127. Hier. 617 (wo wegen des ad nonum VII in Villi zu ver-
bessern ist) Tab. Peut. CIL. V p. 949.
7) Plin. III 124 CIL. V p. 696 Pais suppl. p. 112.
8) Itinerarien, Paul. h. Lang. V 2 VI 20.
192 Kapitel II. Die Tianspadana.
Die alte von den Mailändern 1151 zerstörte Stadt lag 4 Millien
westlich davon, jetzt Lodi vecchio (82 m). Sie war Municipium und
gehorte der Tribus Pupinia an. Die Gegend besitzt vorzügliche
Wiesen die fünf- ja bis neunmal im Jahr geschnitten werden; aber
der Umfang des Gebiets ist ähnHch wie bei Ticinum beschränkt
gewesen. In der üeberlieferung spielt Laus keine Rolle. — In
Laus trafen mehrere Strafsen zusammen i): nach Placentia 24 Millien 2),
von dieser abzweigend nach Ticinum 23 Millien 3), endlich nach
Cremona 35 Millien. 4) An der letztgenannten 22 Millien von Laus,
13 von Cremona entfernt verzeichnet die Reisekarte Acerrae,^) Der
Name hat sich in Gera und der Niederung Gerondo (I 182 A.) er-
balten, ersteres bei Pizzighettone an der Adda gelegen ; die Angabe
der Entfernungen stimmt. Pizzighettone (46 m) beherrscht den
Uebergang über die Adda und ist als Bollwerk gegen Mailand von
den Cremonesen angelegt worden. Acerrae war in dem entschei-
denden Feldzug 222 v. Chr. Waffenplatz der Gallier, diente nach
der Einnahme wegen seiner günstigen Lage und Festigkeit den
Römern in gleicher Eigenschaft. In Friedenszeiten war der Ort
mit ungesunder Umgebung minder begünstigt, hat auch kein Stadt-
recht erlangt, sondern vermutlich zu Cremona und somit zur
10. Region gehört.
1) CIL. V p. 949.
2) It. Ant. 127 Hier. 617.
3) It. Ant. 283.
4) Tab. Peut. vgl. Geogr. Rav. IV 30.
5) Pol. U 34 Plut. Marc. 6 Zonaras VIIl 20 Strab. V 247.
KAPITEL in.
Yenetia und Histria.
Während die neunte und elfte Region des Augustus dem näm-
lichen Stamm, jene dem ligurischen, diese dem keltischen angehören,
ist von einer Stammeseinheit bei der zehnten nicht die Rede. Sie
befafst die Nationen der Kelten, Veneter, Raeter, Histrer in ziemhch
gleichmäfsiger Vertheilung neben einander. Die amtliche Bezeichnung
lautet Ve7ietia et Histria J) Es lag nahe den IVamen eines so alten
und angesehenen Culturvolks, wie die Veneter waren, über dessen
politische Grenzen hinaus auf das gesammte Mündungsland vom Po
bis zum Isonzo auszudehnen 2) und ihn dann weiter auf die neu-
gebildete Region zu übertragen. Minder begründet erscheint derZusatz
et Histria; denn durch die Zutheilung der istrischen Halbinsel bis zum
Flufs Arsia erhielt Italien nur einen Zuwachs von etwa 50 d. DM.
Aber vielleicht war der Zusatz ursprünglich in weiterem Sinne be-
rechnet: die illyrische Küste ist unter der Republik nicht als selbst-
sländige Provinz, sondern als Anhängsel von Oberitalien verwaltet
worden^) ; noch in den von Plinius benutzten Censuslisten werden eine
Anzahl von Bürgergemeinden Illyriens als zur zehnten Region ge-
hörig aufgeführt.^) ^'acbdem nun 14 n. Chr. die Landesgrenze an
den Arsia vorgerückt und Illyricum endgillig als Provinz eingerichtet
1) CIL. V 1582. 2818. 3332. 4327. 4328. 8987.
2) Skylax 20 Skymn. 391. Nach Liv. XXXIX 22 XLI 27 liegt nicht nur
Patavium sondern auch Aquileia in f'enetia.
3) Mommsen, Res gestae Divi Aug.- p. 98. 121.
4) Plin. III 130 Alutrenses Asseriatcs Flanonienscs Vanienses et Curici
Nedinates Farvari^ die dann unter etwas anderen Nanaensformen und nach
anderer Quelle bei Liburnien § 139 wiederkehren. Eine reinliche Scheidung
der plinianischen Quellen oder Zurückführung der einzelnen Nachrichten auf
bestimmte Gewährsmänner ist unmöglich, weil alle Anhaltspuncte fehlen.
Nissen, Ital. Landeskunde. IL 13
194 Kapitel III. Venetia und Histria.
wurde, blieb der einmal gewählte Doppelname im Gebrauch und
läfst sich bis zum Ausgang des Altertums verfolgen. 0 — Die Grenze
der zehnten Region wird im Süden durch den Po und nach der
Stromspaltung durch den nördlichen Hauptarm (S. 214) gebildet;
reicht im Westen an den untern Lauf der Adda^) Acerrae ein-
schliefsend (S. 192), befafst das Stromgebiet des Oglio; durchschneidet
im Norden das Thal der Etsch bei Partschins wenig oberhalb Meran,
das Thal der Eisack bei dem Engpafs Klausen (I 80), folgt hierauf
der Wasserscheide zwischen dem adriatischen und schwarzen Meer;
wird endlich nach Osten durch die Adria und den Kiistenflufs Arsia
bestimmt. Zu der Region des Auguslus gehören ganz oder theil-
weise vom heutigen Königreich Italien die Provinzen Cremona
Manlua Rovigo Ferrara Rrescia Verona Vicenza Padua Venedig Tre-
viso Relluno Udine, von Oesterreich Südtirol Gorz Triest und Istrien.
Der Flächeninhalt beträgt in runder Ziffer 51000 Dkm 930 d. DM.,
mithin ein Fünftel des ganzen Landes. In jüngerer Zeit gehört
auch Rergamo zu Venetien, so dafs die Adda vom Comer See ab
es gegen Ligurien begrenzt. 3) — So sehr diese Region alle übrigen
an Gröfse überragt, steht sie an Städten zurück. Sie zählt deren
einige zwanzig wie die achtmal kleinere fünfte, halb so viel wie
die fünfmal kleinere sechste. Freilich entfalten diese Städte mit
ihren ausgedehnten Feldmarken eine Lebenskraft, von der man in
Umhrien und Picenum nichts wufste. Nördlich vom Po standen der
Schöpfung von Grofsgemeinden keine Schranken hemmend im Wege.
Aber die Erfolge dieses Verfahrens treten in der zehnten Region
früher zu Tage als in der elften. Der Glanz welcher in der Kaiser-
zeit über dem italischen Norden liegt, strahlt zunächst von Venetien
aus. Es war mehrere Jahrhunderte früher als die Transpadana den
Einwirkungen der Cultur geöffnet gewesen, hatte römische Sprache
und Sitten früher und gründlicher sich angeeignet (l 492). Es war
auch von Natur weit günstiger gestellt als jene: nicht nur durch
die Nähe der See und die vielfachen Anregungen, welche der See-
handel mit sich brachte, sondern auch durch sein Verhältnifs zum
1) Paul. h. Lang. II 14 Fenetiae etiam Histria conectitur et utraeque pro
iina provincia liabentur.
2) Paul. h. Lang. II 14 Fenetia enim non soluin in paucis insulis quas
7iunc l nnetias dicimus conslat, sed eins terminus a Pannoniae ßnibus usque
yldduam fluvium. protelatur.
3) Paul. h. Lang. II 14 Bist. misc. XV 7 XVI 1.
§ 1. Die Cenomanen. 195
Binnenland. In der ganzen Alpenkette von Westen aus gerechnet
kommt, wenn man von der Küstenslrafse absieht, kein einziger Pafs
an Leichtigkeit dem Brenner gleich; noch bequemer als der Brenner
sind die Uebergänge nach Pannonien (I 150). Derart trug zur Blüte
der venetischeo Seestädte ein grofses reiches Hinterland bei das
den transpadanischen fehlte. Erst nachdem der Schwerpunct der
Vertheidigung gegen die Angrifle der Germanen sich an die obere
Donau verschob, hat Mailand kraft seiner centralen Lage Padua
Verona und Aquileia den Bang abgewonnen. — Wir theilen den
Stoff nach den oben genannten Völkern in vier Abschnitte: im
Ganzen genommen stimmen die Völkersitze mit der natürlichen
Gliederung des Landes überein. i)
§1. DieCeuomanen.
Nach der keltischen Wandersage hat Etitovius die Cenomani
über den M. Gen^vre geführt.^) Ihr Name kehrt in der alten Hei-
mat bei einem Stamm der Aulerker in der Gegend von Le Mans
wieder.3) Von den Schriftstellern wird er in engerem und weiterem
Sinne gebraucht. In engerem Sinn bezeichnet er den leitenden
Gau dessen Hauptstadt Brixia war 4)^ ähnlich wie Insubrer die Stadt
Mediolanium (S. 179), in weiterem Sinn den Bund an dessen Spitze
dieser Gau stand. Der Bund befafste im Allgemeinen das Gebiet
zwischen Venetern und losubrern oder von der Adda bis zur Etsch;
im Einzelnen mag sein Umfang starken Schwankungen unterworfen
gewesen sein. Ptolemaeos rechnet im Westen Bergomum (S. 189)
und Cremona dazu, letzteres auch wie es scheint Plinius.^) Allein
1) Quellen: Pol. II 17,5 18,3 23,2 24,7 Strab. V 212—218 Mela !I 59—63
Plin. 111 126—138 Ptol. III 1.21—28 Paul. li. Lang. II 14; CIL. V p. Ifg. Pais
suppl. p. 7fg:. C. Pauli, Allitalische Forschungen III, die Veneter und ihre
Schriftdenkmäler, Leipzig 1891. — lieber österreichische Karten vgl. S. 162.
Von der italienischen Generalstabskarte liegen vor Bl. 9. 11 — 14. 20 — 22.
24—26. 35—37. 39. 40. 47—53. 61—65. 73—77. 89.
2) Pol. II 17,4 Liv. V 35.1. Poiybios II 17,4 23,2 24,7 32,4 braucht die
Form rotofidvoi, Diod. XXIX 14 Stiab. V 216 Ptol. III 1,27 Kevofiavoi. Kel-
vins Cinna Gell. XIX 13,5 Genumana per salicla.
3) Caes. b. Gall. VII 75 Plin. IV 107 Ptol. II 8,8. Nach Cato bei Plin. III 130
ist der Stammsitz der italischen Cenomanen in der Nähe von Massilia gewesen.
4) Liv. XXXII 30 Brixia Caput gentis. Die römischen Hülfstruppen heifsen
XXI 25 ßrixiani, eb. 55 Cenomani.
5) Ptol. 111 1,27 Plin. 111 130. ßergomum wird auch später zur venetischen
Region gerechnet S. 194.
13*
196 Kapitel Hl. Venetia und Histria.
aus der Kriegsgeschichte erhellt dafs der untere Lauf des Ollius^)
Oglio 223 V. Chr. Insubrer und Cenomanen trennte.2) Im Osten
gehört Verona den letzteren, sie sind auch die Etsch erobernd vor-
gedrungen (1 479). Die Geschichte des Stammes beschränkt sich
auf seine Waifengemeinschaflt mit Rom; in den langen Kämpfen
welche seit 225 v. Chr. das letzte Viertel des Jahrhunderts aus-
füllen, hat er gegen seine kellischen Landleute gefochten. ^j Nach
der Niederlage Hannibals scheint auch bei ihm das Nationalgefühl
erwacht zu sein und Freiwillige in die Reihen der Insubrer getrieben
zu haben; aber die Regierung hielt an der römischen Freundschaft
fest.^) Während des nachfolgenden Friedens machte die Gesittung
rasche Fortschritte, bis die Unterwerfung der Alpen 15 v. Chr. den
Städten einen grofsen Zuwachs an Gebiet und einen entsprechen-
den Aufschwung des Verkehrs brachte.
Die Lage der Hauptstadt schildert CatuU ■'') mit den Worten:
Brixia Cycneae siipposüa speculae,
fuwos quam molli praemrrü flumine Mella,
Brixia Veronae niater amata meae.
Sie lehnt sich an die Vorhühen der Alpen an, wird im Norden
von dem Castell (245 ni) der alten Arx (Cycnea specula) überragt,
geht nach Westen und Süden auf ebenen Boden (140 m) über.
Die Mella (liefst 2 km von ihren Mauern westlich entfernt vorbei,
den alten Namen bewahrend.*») Die Gründung wird übereinstimmend
den Kelten zugeschrieben.') Der Name Brixia (in langobardischer
Zeit bei Paulus Brexia, jetzt Brescia) wiederholt sich u. a. in Bri-
xellum am südlichen Ufer des Po (Kap. IV 2) und der Völkerschaft
der Brixentes Brixen in Tirol. Es war die einzige Stadt in dem
1) Plin. II 224 III IIS. 131 Geogr. Rav. IV 36.
2) Die Römer ziehen sich von der Addamündung ostwärts in der Richtung
der späteren Via Poslumia über einen Flufs in das Gebiet der Cenomanen
zurück. Poiybios II 32,4 nennt den Flufs Klovaiov Tab. Peut. Cleusis Geogr.
Rav. IV 36 Clesus jetzt Ghiese, überträgt also augenscheinlich auf den Haupt-
flufs den Namen des nicht viel kürzeren Nebenflusses (I 189): ob irrtümlich
oder einem allen Sprachgebrauch folgend, ist nicht zu entscheiden.
3) Pol. II 23. 24. 32 Strab. V 216 Liv. XXI 25. 55.
4) Liv. XXXI 10 XXXII 30 XXXIII 23 XXXIX 3 Diod. XXIX 14.
5) Cat. 67,32 mit falscher Lesung percurrit flumme Mella, Gluver It. ant.
412 verbessert sie.
6) Verg. Georg. IV 278 dazu Schol. Geogr. Rav. IV 36.
7) Liv. V 35,1 Justin XX 5,8.
§ 1. Die Cenomanen. 197
Landstrich zwischen Oglio und Mincio i): in Folge dessen wurden
bei der Verleihung latinischen Rechtes 89 v. Chr. sämmtliche Dorf-
schaften dieser Gemeinde einverleibt. Augustus siedelte eine Colonie
an, die nach Aussage ihres Namens colonia civica Augusta Brixia
nicht dem Heer, sondern der bürgerlichen Bevölkerung entstammte.^)
Wir erfahren dafs derselbe Kaiser und sein Sohn Tiberius die
Colonie mit Trinkwasser versorgten: auch das heutige ßrescia wird
in der Güte und dem Reichtum seiner Quellleitungen vun keiner
italienischen Stadt aufser von Rom übertroffen. — Den unmittel-
baren Anlafs zur Verstärkung des Romertums scheint die Eroberung
der Alpenlhäler gewährt zu haben. Die Bewohner derselben, der
euganeischen oder raetischen Nation zugerechnet, erhielten latinisches
Recht und eine gewisse Selbstverwaltung, wurden aber der Hoheit
von Brixia unterstellt. Dies gilt von den Camunni deren Name im
Val Camonica fortlebt 3): der Oglio durchströmt das Thal in einer
Länge von 81 km um alsdann in den lacus Sebinus*) Iseo See
(I 189) einzumünden. Die Camunni werden in der Siegesinschrift
von Tropaea (S, 138) 7/6 v. Chr. aufgeführt. — Ebenso die Trum-
flini im Thal der Mella das noch jetzt Val Trompia heifst.^) In
Betreff der letzteren wird berichtet, sie wären mitsammt ihrem Ge-
biet verkauft worden. Dies ist jedoch nicht buchstäbhch zu nehmen,
da nach den Inschriften ein Gemeinwesen des Namens fortbesteht,
auch vereinzelt eine in demselben ausgehobene Cohorle vorkommt.^)
— Einen dritten Canton die Sabini im Thal des Chiese Val Sabbia
lernen wir allein aus Inschriften kennen.") Der Ort Idro der dem
kleinen vom Chiese durchflossenen See (I 189) den Namen verleiht,
scheint im Altertum Edrum geheifsen zu haben. S) — Ein vierter
zu Brixia gehöriger Canton sind die Benacenses am westlichen Ufer
1) Liv. XXXII 30 schickt der Gonsul 197 v. Chr. in vicos Cenomanorum
Brixiamque quod Caput gentis erat.
2) CIL, V 4212. 4309 vgl. Momnisen a. 0. p. 439 Pais, suppl. 1273. Brixia
war in die von Augustus begünstigte Tribus Fabia (Suet. 40) eingetragen.
3) Dio UV 20. Nach Cato bei Plin. III 134 Euganeer, nach Strabo IV 206
Piaeter. CIL. V p. 519 über die Rechtsstellung. Pais suppl. 1284.
4) Plin. II 224 111 131, die Lesung schwankt Sevinnus Sevinus Sebinnus.
5) Plin. III 134. 136 CIL. V p, 515. Nach den Inschriften steht als Namens-
form Trumplini oder Tnumpilini fest.
6) Allein bezeugt CIL. V 4910.
7) CIL. V p. 512.
8) Wie Cluver p. 108 aus CIL. V 4891 schliefst.
198 Kapitel III. Venetia und Histria.
des Benacus; sie hatten zahlreichen Inschriften zufolge in Toscolano
den Sitz ihres Gemeinwesens. 9 — Etidlich kommt ein fünfter Canton
dessen Namen wir nicht kennen, am nördlichen Seeufer und im
Sarcalhal hinzu: in Riva dem natürlichen Hafen für die obere
Hälfte des Sees wird eine Gilde der Schiffer von Brixia erwähnt.2)
Obwol eine scharfe Bestimmung der Grenzen nicht möglich ist,
ersieht man doch dafs das Stadtgebiet von Brixia 100 d. D M. oder
darüber befafste: ein Flächeninhalt der von keiner andern Stadt
Italiens erreicht wird. Nichtsdestoweniger zählte sie nur zu den
Städten zweiten Ranges wie Mantua Bergomum Comum, kam weder
Verona noch Mailand gleich.'^) Der Grund hierfür ist durch ihre
ungünstige Verkehrslage gegeben. Die nach Norden laufenden
Alpenthäler führen zu keinem leichten oder bequemen Pafs: vom
Oglio aus gelangt man an den M. Tonale (1875 m) oder durchs
Velllin an das Stilfser Joch (2797 m), die beide unseres Wissens
von den Alten nicht begangen worden sind (I 163), vom Chiese
aus auf langem Umweg nach Trient an die Brenn erstrafse. Im
Altertum waren die grofsen Verkehrslinien nach Süden auf Rom zu
gerichtet. Wol lief eine Reichslrafse von Mailand über Bergomum
und Brixia nach Verona — Brixia ist von Bergomum 32, von Verona
42 Millien entfernt^) — aber sie ist erst seit der letzten Hälfte des
dritten Jahrhunderts von den Kaisern hergestellt und damit als eine
Hauptverbindung betrachtet worden. In Folge davon schweigt die
Litteratur von der Stadt. — Freilich genügen die Denkmäler für
den Nachweis dafs sie zur Römerzeit ein reiches blühendes Leben
entfaltete. Bauwerke treten weniger zu Tage, weil der heutige
Boden sehr ansehnlich erhöht ist. Man unterscheidet ein Theater,
mehrere Kirchen sind über ehemaligen Tempeln errichtet. Am
Meisten fällt ein dreizelliger Tempel am Abhang der Arx in die
Augen der 1822 fg. aufgedeckt wurde. Die bei diesen Ausgrabungen
gefundene schöne Victoria aus Erz kündet in stummer Weise den
Kunstsinn der Brixianer. Gesprächiger sind die überaus zahlreichen
Inschriften, ') Wir hören dafs die Bürgerschaft zur Tribus Fabia
gehörte, wie üblich von Duovirn regiert wurde, den Cultus der ver-
1) CIL. V p. 507. 1080.
2) CIL. V p. 524, Pais suppl. p, 89.
3) Strab. V 213.
4) It. Ant. 127 Hier. 558 Tab. Peut. CIL. V p. 9421g.
5) CIL. V p. 426. 1079 Pais suppl. p. 87. 243. Kaibel inscr. Gr. 2302 fg.
§ 1. Die Cenomanen. 199
götterten Kaiser eifrig pflegte. Wir hören von mancherlei Zünften,
z. B. Filzmachern (lanarii coaclores) Wollkrämplern (lanarii pecti-
narii) Apothekern (pharmacopolae publici), auch von einer jüdischen
Gemeinde.!) Am Bemerkenswertesten ist das lange Fortwirken
der keltischen Nationalität, die sich in den Eigennamen und be-
sonders im Gottesdienste äufsert: nicht nur begegnen Mercur und
die Matronen in den Weihungen , sondern ganz unbekannte Gott-
heiten wie Bergimus (S. 189) und Alus oder Dens Alus Saturnus.
Auch ist die einheimische Sprache noch in römischer Zeit geschrieben
worden (I 479). Unter den Langobarden Sitz eines Herzogs, im
Mittelalter kraftige Freistadt hat Brescia den ihm gebührenden Rang
allzeit behauptet.
Die Gunst der Verkehrslage kam seinen Nachbarn im Osten und
Süden zu statten. Den besiegten Insubrern nahmen die Römer
den Landstrich zwischen Po Oglio und der untern Adda ab um Cre-
tnona (47 m) zu gründen, das auch in den Kämpfen der Hohen-
staufen seine ererbte Feindschaft gegen Mailand bethätigt hat. Der
Name sieht keltisch aus und ist möglicher Weise einer bereits be-
stehenden Ortschaft entlehnt.2) Placentia und Cremona wurden
218 V. Chr. bei Ausbruch des hannibahschen Kriegs in grofser Eile
angelegt 3) als Colonien latinischen Rechts^) mit je 6000 Mann Be-
satzung. Ihre Aufgabe war die Polinie zu decken und die Ver-
bindung zwischen Insubrern und Boiern zu zerreifsen.^) Sie haben
der Aufgabe in dreifsigjährigen Kämpfen vollauf genügt, wenn auch
unter so schwerer Einbufse dafs 190 v. Chr. 6000 Familien zum
Ersatz in die beiden Städte gesandt werden mufsten.*^) Cremona
war ein Knotenpunct des römischen Strafsennetzes: hier mündete
die 148 v. Chr. erbaute von Genua aus 122 Millien lange via
Postumia (S 144) ein und setzte sich alsdann über Mantua ostwärts bis
1) CIL. V 4411 Coeliae Paternae malri synagogae Brixianorum.
2) Strab. V 247 App. Hann. 7 KQBfioiv, Strab. V 216 Pol. III 40,5 u. A.
KQSficövri, Ptol. III 1,27 KQeutovia. Der Name erinnert an Cremonis iugum
(I 147).
3) Pol. III 40 Liv. XX XXI 25 Vell. I 14 Tac. Hist. I!I 34.
4) Liv. XXVII 10 XLIV 40.
5) Liv. XXXI 48 velut clauslra ad cohibendos Galileos tumuUus oppo-
sitae Tac. Hist. III 34 (Cremona) condita erat . . . propugnaculum adversus
Gallos trans Padurn agentes et si qua alia vis per Alpes rueret.
6) App. Hann. 7 Liv. XXVII 10 XXVIII 11 XXXI 10. 21 XXXIV 22 XXX VII
46. 47.
200 Kapitel 111. Venelia und Histria.
A<|iiili'ia fort'); <lie jüngeren Reisebücher verzeichneo eine von Mai-
land ül)er Laus Acerrae kommende, sowie eine über Brixelliim
Regium Mulina nach Roiionia gebende Strafse.2) — Eine vielbesuchte
Herbstmesse wurde und wird noch heutigen Tages in Cremona ab-
gehahen. ') An der Verbreitung romischer Cultur nahm es hervor-
ragenden Antheil; seine Bildungsanstalten wurden von der Jugend
benachbarter Städte aufgesucht. 4) Durch dasjulische Gesetz 90 v.Chr.
in den Bürgerverband und die Tribus Aniensis aufgenommen, wurde
Cremona sei es wegen seiner INeutralitäi nach Caesars Tode, sei
es wegen seiner Parteinahme für die Republik, den Veteranen der
Triumvirn 41 v. Chr. ausgeliefert^) und führt fortan den Titel
Tolonie.*) In der Kaiserzeit galt es als eine reiche grofse und
glänzende Stadt: die schweren Goldgeräte der Tempel, die hohen
die Mauer überragenden Häuser, die anmutigen Villen vor den
Thoren legten davon Zeugnifs ab.') Die Herrlichkeit ward von dem
Strudel des Bürgerkriegs 69 n. Chr. verschlungen. Die strategische
Wichtigkeit des Platzes forderte im Frühjahr den Angriff der Rhein-
armee des Vitellius, im Herbst den Angriff der Donauarmee des
Vespasian heraus. In der Nähe wurden die beiden Schlachten ge-
schlagen, welche den Thron des Otho wie den des Vitellius stürzten.
Nach der letzten Schlacht erstürmten dieVespasianer Ausgang October
die Stadt, die Soldateska schwelgte in Raub und Mord und Brand.
Vier Tage lang dauerte es, bis die Flamme alle Gebäude, den vor-
städtischen Tempel der Melitis ausgenommen, zerstört hatte. „Dies
war das Schicksal Cremona's — fügt Tacitus hinzu — im 286. Jahre
seines Bestehens. Es war unter dem Consulat des Tib. Sempronius
und l\ Cornelius da Hannibal Italien bedrohte, gegründet worden
als Bollwerk gegen die transpadanischen Gallier und sonstigen über
die Alpen einbrechenden Angrifl'. So wuchs es heran und blühte
durch die Menge der Ansiedler, die günstige Flufslage, die Frucht-
barkeit seines Gebiets, durch Verkehr und Verschwägerung mit den
1) CIL. V 8U45. 7749,8 fg. p. 827. Pais suppl. 125. Tac. Hist. III 21.
2) Tab. Peul. II. Ant. 283.
3) Tac. Hist. III 30 magna pars llaliae slato in eosdem dies [Ende Oclober
ti9 n. Chr.] mercatu congregata vgl. c. 32.
4) Leben Vergils Suet. p, 55 ReifT.
5) Probus zu V. Ecl. p. 6 Keil Servius Vorr. zu Bucol. u. Aeneis.
6) Plin. III 130 Tac. Hist. 111 19. 32 Ptol. III 1,27 Feldm. p. 30. 170 Lachm.
7) Slrab. V 216 Plut. Otlio 7,1 Tac. Hist. 111 30 fg. Dio LXV 15.
§ 1. Die Cenomanen. 201
umwohnenden Vülkerschaften, von äufseren Kriegen unberührt, im
Bürgerkrieg vom Glück verlassen." Wol ist die Stadt nach jenen
Schreckenstagen wieder aufgebaut worden, aber die spärhche Zahl
der erhaltenen Inschriften deutet an, dafs der ehemahge Wolstand
nicht zurückkehrte. 1) Später wurde sie 603 von den Langobarden
dem Erdboden gleich gemacht.^) Die Kämpfe des Mittelalters, das
Fehlen von Haustein erklären warum antike Ruinen vermifst werden.
Das Gebiet von Cremona läfst sich zwar nicht genau um-
schreiben, mufs aber zuletzt mindestens einige 20 d. D M. enthalten
haben, da es die ganze Niederung zwischen Adda (S. 192) und Ogho
befafste und 41 v.Chr. auf Kosten Mantua's bedeutend erweitert wurde.
Für die Zeit der Gründung nahmen wir (S. 108) einen geringeren
Umfang an. — Die Zwillingstadt Placentia ist auf der Via Fostumia
20 Millien entfernt; ob letztere mittelst einer festen Brücke den
Po bei Cremona überschritt, wird nicht überliefert. Der Poübergang
bei Brixellum ist 30, derjenige bei Hoslilia 63 Millien von Cremona
entfernt; ferner nach Norden Brixia 34 Millien. 3) Die Via Postumia
nimmt in den Kämpfen des Vierkaiserjahres, die Tacitus nicht ohne
arge Flüchtigkeiten schildert 4), eine wichtige Stelle ein. Die Be-
wegungen der Heere waren um so mehr an sie gebunden, als die
anstofsende Niederung dem Durchmarsch vielfach Schwierigkeiten
bereiten mufste.^) Am 12. Meilenstein bei Cremona lag im Walde
ein Tempel des Castort*), am 20. oder nach genauerer Angabe 22.
das Dorf Bedriacum oder Betriacum unweit des Oglio, das mit Recht
in der Nähe des heutigen Calvatone (30 m) gesucht wird.') Dafs die
beiden Schlachten des April und October 69 n. Chr. nach ihm be-
1) CIL. V p. 413 Pais suppl. p. 242. Soldaten häufig Eph. ep. V p. 253.
2) Paul. h. Lang. IV 28 vgl. Zosim. V 37,3, Exe. Val. 53, Chron. min. I p. 339.
3) Tac. Hist. III 27 Brixiana porta.
4) Hagge, Bemerkungen zu dem Feldzuge des Vitellius und Olho, Kiel
1864.4. Mommsen, Hermes V 161 fg.
5) Tac. Hist. III 17. 21. 23.
6) Tac. Hist. 11 24 Suet. Otlio 9 Gros. VII 8,6.
7) Bedriacum Tac. Hist. II 23 fg. (an 15 Stellen) Plin. X 135luvenal 2,106
Gros. VII 8,6 Joseph, b. Jud. IV 9,9; Betriacum Suet. Gtho 9 Vit. 10. 15Vesp. 5
Plut. Gtho 8. 11. 13 Eutrop. VII 17 Aur. Viel. ep. 15; Velriacum Hieron. ehr. p.
157 Schoene; Brediaco Geogr. Rav. IV 30; Beloriaco Tab. Peut.; Bebriacum
Schol. Juv. 2,99. 106. Der Sclioliast giebt die Entfernung zu 20, die Reise-
karte zu 22 Millien von Crcmona an. Inschriften aus Calvatone CIL. V p. 411
Pais suppl. p. 86. 243.
202 Kapitel III. Venelia und Histria.
naiint sind, erklärt sicli aus der strategischen Lage des Ortes, der
zwei StralseDübergänge über den Oglio beherrschte. Von der Via
Poslumia die nach dem 40 Millien entfernten Hostilia führte, zweigte
hier nämlich eine ebenfalls 40 Millien lange Strafse nach Verona
ab: auf ihr rückten die Donaulegionen gegen Cremona an.*)
Bei Cremona beginnen die fortlaufenden Deiche welche die
Flufsufer bewohnbar machen. Auf ihre erste Anlage durch die
Eingeborenen , ihren weiteren Ausbau durch die Römer fällt kein
Strahl der Ueberlieferung (I 208 fg.). Die eigentümlichen Formen
der Ansiedlung welche dies Sumpfland ins Leben rief, treten in
Mantua (20 ni) anschaulich entgegen. 2) Gleichwie die Bewohner
der Alpen um der Sicherheit willen ihre Dorfer auf Pfahlgerüsten
in den Seen anlegten, haben die allen Elrusker eine Insel ausge-
sucht die nach Westen Norden und Osten durch seeartige Erwei-
terungen des Mincius 3), im Süden durch Sümpfe gedeckt
propter aquam, tardis ingens ubi ßexihus errat
Mincius et tenera praetexit harundine ripas,
und nur durch lange Holzbrücken zugänglich war. Die Festigkeit
gab für die Wahl des Ortes den Ausschlag, bewirkte auch dessen
Fortbestand bis auf die Gegenwart herab (I 182) allen Fiebern
und allen Nachtheilen der Verkehrslage zum Trotz. In den Kriegen
des Altertums wird die Festung nicht erwähnt. Es wäre wenig
von ihr zu sagen, wenn nicht Vergil ihren Namen der Vergessen-
heit entrissen hätte. Den etruskischen Ursprung feiert er in den
Versen *):
nie etiam patriis agmen ciet Ocnus ab oris,
fatidicae Mantus et Tusci filius amtiis,
qui muros matrisque dedit tibi Manttia nomen
(Mantua dives avis, sed non genus omnibus unum :
gens Uli triplex, populi sub gente quaterni,
ipsa Caput populis, Tusco de sanguine vires).
Dem Dichter scheint die regelmäfsige Anlage seiner Vaterstadt
1) Tac. HisU III 15 II 23 B. itiler Feronam Cremonamque situs est vicus
2) Slrab. V 213 Plin. 111 130 Ptol. III 1,27 CIL. V p. 406. 1078 Pais suppl.
p. 85.
3) Strab. IV 209 Plin. II 224 Hl 118. 131 IX 75 Liv. XXIV 10 XXXII 30
Verg. Ecl. 7,13 Georg. III 15 Aen. X 206 Sidon. Ap. ep. I 5,4 pigrum Mincium
Claudian epilii. Pall. 107 avine quieto.
4) V. Aen. X 198fg. mit Scliol.
§ l. Die Genomanen. 203
die wie andere alte Grüadungen durch das Netz von Decumani und
Kardines in 3 Drittel, jedes zu 4 Quartieren zerfallen sein wird,
vorgeschwebt zu haben. Der Name mag von dem etruskischen
Todtengott Mantus abgeleitet sein. Indessen ist uns nicht gestattet
bei den Lösungsversuchen zu verweilen, zu denen alte und neue
Erklärer durch jene Rätselworte aufgefordert worden sind. So sehr
auch der Ort geeignet war die Erinnerungen der Vergangenheit zu
pflegen, hat doch lange vor der Geburt Vergils romische Art ihren
Einzug gehalten. Wenn nicht alles trügt, haben die Römer in den
grofsen Keltenkriegen des 3. Jahrhunderts diese uneinnehmbare
Festung durch eine Riirgercolonie in Resitz genommen.') Sie ge-
hörte zur Tribus Sabatina. Die Einziehung der Cremoneser Feld-
mark 41 V. Chr. verurtheilte sie zur Mitleidenschaft: Mantua vae
miserae nimium vicina Cremonae. Nach verschiedenen VVechselfällen
wurde der gröfsere und bessere Theil ihres Gebiets der benach-
barten Veteranencolonie zugesprochen. Ein Jahrzehnt später widmete
ihr Vergil die schöne Schilderung 2J:
et qualem infelix amisit Mantua campum
pascentem niveos herboso flumine cycnos:
non liquidi gregibus fontes, non gramina derunt;
et quantum longis carpent armetita diebus,
exigua tantiim gelidus ros nocte reponet.
Der vom Dichter genannte Flufs ist der Mincio: nach den
Erklärern wurde die Grenze um 15 Millien bis in die unmittel-
bare Nähe der Stadt zurückgeschoben.'^) Damit stimmt die durch
ihr Alter, nicht durch Urkunden verbürgte örtliche Ueberlieferung
welche den Geburtsort Vergils Andes in dem 2 Millien südöstlich
1) In den Annalen steht das nicht: viele Gründungen fehlen in unserer
lückenhaften Ueberlieferung, deren Dasein unzweifelhaft bezeugt ist. Dagegen
wird 214 v.Chr. aus .Mantua ein Prodigium berichtet (Liv. XXIV 10), was be-
kanntlich nur aus Bürgergemeinden geschieht. Ferner vermag ich mit Cluver
p. 256 das 17. Gedicht Catulls o colonia quae cupis ponte ludere longo
schlechterdings auf keine andere Stadt zu beziehen. Der Titel wird unge-
wifs wann durch Augustus beseitigt: CIL. V 4059 nennt noch Duovirn. Endlich
verdient Erwähnung dafs der Keltenkrieg 197 v. Chr. am Mincio spielt Liv.
XXXU 30, sowie dafs Polybios unter dem J. 201 oder 200 der Stadt als
einer römischen gedenkt XVI 40,7: übrigens giebt die neuere Geschichte für
Mantua's militärische Bedeutung Belege in Fülle.
2) V. Georg. II 198 fg. vgL Ecl, 9,27 fg. Aen. XI 458.
3) Serv. V. EcL 9,7 fg. Donat praef. buc. p. 5 Müller.
204 Kapitel III. Venetia und Histria.
vun Mantiia gelegenen Pietole sucht. •) iNach diesem vernichtenden
Sciilage wird das Municipiiim nur von Litteraturfreunden erwähnt-) :
tantum magna suo debet Verona Catullo,
qiumhim parva suo Mantua Vergüio;
bis ein kriegerisches Zeitalter anhebt, das die Vorlheile seiner Lage
zu erneuter Geltung bringen sollte.'*) Antike Bauwerke sind gar
nicht, Inschrilten spärlich erhalten.
Mantua galt als kleine Stadt gegenüber dem 40 km nach
.Norden zu entfernten Verona.*) Der Name ist keltisch^): von
IJrixia aus haben die Cenomanen sich des Platzes bemächtigt. 6)
Aber mit gutem Grund wird sein Ursprung hoher hinauf gerückt
(1 479. 486).") Die Nachricht dafs das Bergland bei Verona von
llaetern bewohnt war, erhält durch die Inschriften volle Bestätigung.^)
— Etwa 12 km nordwestlich von Verona liegt der weinberühmte
Landstrich Val Policella, in welchem einst die Octavier begütert
waren : den raetischen Wein, den Auguslus bevorzugte (I 168), wird
er aus den väterlichen Besitzungen von hier bezogen haben. Die
eingeborene Bevölkerung bildete der von Verona abhängige pagus
Arusnatium, der neben dem neuen Kaisercultus den altväterlichen
Glauben eifrig pflegte; in den Weihungen begegnen ganz uner-
hörte an etruskische anklingende Götternamen: Cuslanus, Juppüer
Felvennis, Ihamnagalle, Sqnnagalle, der raetische Saturnus, ferner
unter den Priestertümern ein mannisnavins, ein pontifex sacrorurn
1) Donat (Suet. p. 51 Reifi") Hieron. a. Abr. 1948: in pago gut Andes
dicilur et abäst a Mantua 7ion procut. Probus : vico Andibus qui abest a
Mantua milia passuum XXX, weil verschrieben für III; denn es ist ganz un-
glaublich dafs die Feldmark nach irgend einer Richtung und vollends nach
Cremona hin sich je so weit erstreckt habe. Dante Purg. XVIII 82: queW
ombra genlil, per cid si noma Pietola piii che viila Ma?itovana.
2) Martial XIV 195 I 61 Ovid Am. III 15,7 Stat. Silv. IV 2,9 Sil. It. VIII
593 Auson. Mos. .375 Paul. h. Lang. II 23.
3) Chron. min. I p. 339. Prokop b. Goth. HI 3 Paul. h.Lang. II 14 IV 28.
4) Scipione MalTei , Verona illustrata, 4 voll. fol. und 8., V. 1731 (Opere
IV— VIII, Venezia 1790 und andere Ausg.). CIL. V p. 327.
5) Strab. IV 206 V 213 Ovr,Qa>v, Prokop. b. Goth. II 29 III 3 IV 26. 33
Beqoivri. vgl. die keltischen B^qwves Str. III 158. 162 b. Alex. 53 Ptol. II 6,55
Liv. fr. XCI und die zahlreichen mit Fero oder Firo anhebenden keltischen
Ortsnamen.
6) Gatull. 67,34 Liv. V 35,1 Justin XX 5,8.
7) Plin. III 130.
8) Strab. IV 206 CIL. V p. 390. 1077 Pais suppl. p. 84. 241.
§ 1. Die Cenomanen. 205
Raettcorum; ein Gebäude lieifsL udisna Angusta. Dafs die Nation
deren Spuren wir in diesen Spracliresten wahrnehmen, ehemals
nicht nur die Umgegend sondern auch die Stadt selbst innegehabt,
läfst sich kaum von der Hand weisen. — Wo die Etsch aus den
Bergen in die Ebene hinaustritt und ihren Unterlauf beginnt, ist
ein natürlicher Mittelpunct des Verkehrs gegeben. Hier kreuzen
sich zwei Hauptsfrafsen: von Norden her die Brennerstrafse (I 164),
die kürzeste und sicherste Verbindung zwischen Po und Donau,
lange vor der römischen Eroberung begangen, seit 15 v. Chr. zu
den Reichslrafsen gezählt; von West nach Ost der Richtung des
Landes folgend der alte Handelsweg der padauischen Völker, der
erst spät von der römischen Regierung ausgebaut (S. 198), nament-
lich in frühen Zeiten belebt sein mufste, da er die sumpfigen Flufs-
ufer meidend, die höher gelegenen und dichter bewohnten Gegen-
den durchschnitt. Zugleich ist dieser Ort von seltener Festigkeit:
im Besitz des Südens die gewiesene Stütze der Vertheidigung gegen
den über die Alpen einbrechenden Feind, im Besitz des Nordens
eine Zwingburg für das zu Füfsen liegende Flachland. Die Etsch
bei ihrem Austritt in dasselbe (50 m ü. M.) beschreibt einen spitzen
Bogen nach Norden zu, dessen Sehne 900 m, dessen Höhe 1200 m
mifst. Der 112 m breite 3 — 4 m tiefe Flufs schützt den Umkreis;
an der offenen Seite konnte man ohne sonderliche Mühe, wie König
Theoderich that, einen Graben ziehen, vom Flufs anfüllen lassen
und derart die Halbinsel in eine Insel umwandeln. i) Während der
Boden nach den übrigen Himmelsgegenden eben ist (59 m), treten
im Nordosten beherrschende Hügel hart an den Flufs heran, die
etwa 100 m von seinem Spiegel ansteigen. Diese Abhänge am
linken Ufer sind allem Anschein nach stets mit der Insel verbunden
gewesen: die Höhe wird die Arx der Raeter und Gallier getragen
haben, wie sie später die Burg Theoderichs trug und gegenwärtig
die Castelle der Neuzeit trägt.
Verona erhielt 89 v. Chr. durch Pompeius Strabo, wie es heifst^)
eine Colonie, jedesfalls latinisches Recht. CatuU und Aemilius Macer
haben ihm alsbald einen Namen gemacht. 3) Mit dem Vorrücken
1) Vgl. I 192. — Sil. It. Vill 595 f^erona Atesi circumßua Sid. Ap. ep.
I 5,4 Glaudian VI cons. Hon. 196 velox Atesin. Seine militärische Bedeutunsf
Paneg. iat. IX 8.
2) Paneg. Iat. IX 8.
3) Suet. Caes. 73 rel. p. 39. 43 ReilT.
206 Kapitel DI. Venetia und Histria.
der Iloiclisgrenze an die Donau beginnt seine Blüte: Strabo nennt
sie eine grofse, Tacitus eine reiche Stadt. i) Sie geborte zur Tribus
PobHUa und wurde in der ersten Kaiserzeit mit dem Titel einer
(Kolonie beehrt, der durch Gallienus erneuert 265 n. Chr. colonia
Augusta Verona nova Gallieniana lautet. 2) Die Aussage der Schrift-
steller wird durch die Denkmäler bestätigt: durch die Zahl der In-
schrilten-^) und noch mehr die Pracht der Bauwerke, welche in
Oberitalien ihres Gleichen nicht findet. Für ihre Erhaltung fiel der
Umstand ins Gewicht, dal's ein schöner rötlicher Marmor in der
.Nähe bricht — Verona macht einen stattlichen Eindruck, der ge-
krümmte reil'seude Flufs, die drohenden Hügel deren Fufs er be-
spült, im Vordergrund die wellige Ebene, weit hinten die grauen
Bergspitzen umrahmen es in wirksamer Weise. Wir vermögen das
Bild das die alte Stadt darbot, in seinen Hauptzügen uns zu ver-
gegenwärtigen. Aul' der Höhe des Castel S. Pietro (155 m), wie
vermutet der alten Arx, lag das Capitolium mit dem Juppitertempel
und anderen Heiligtümern; am Abhang nahe beim Flufs ein grofses
Theater, das heute überbaut aber noch kenntlich ist. Die Brücke
welche die Höhe mit der Insel verbindet (Ponte della Pietra), ruht
zum Theil auf antiken Pfeilern. 4) Als Wahrzeichen seiner Gröfse
hat Verona bereits im Mittelalter das am südlichen Ende der Insel
befindliche mit Marmor bekleidete Amphitheater (154 X 123 m
Arena 76 X 44 m) angesehen. Von den 72 Bogen der äufseren
Umfassung (480 m) sind nur 4 vorhanden, die Sitzreihen im Inneren
zwar vollständig, aber neueren Ursprungs: man berechnet die Zahl
der Sitzplätze auf 25 000. Maffei setzt die Erbauung, wie ich glaube
1) Stral). V 213 Tac. Bist. III 8.
2) Colonie 69 n. Clir. bei Tacitus a. 0., in der Censusliste Plin. III 130
vou Auguslus als Municipium aufgeführt.
3) CIL. V p. 319. 1074 Pais suppl. p. 79. 240. Kaibel inscr. Gr. 2305—13.
4) Liudprand antap. II 40 fluvius Athesis sicut Tiberis Romam mediam
civilatem Vcronam percurrit. super quem ingens marmoreus miri operis
miraeque magniludinis pons est fabricalus. a leva autem parte flumijiisy
quae est aquiloneTii versus posita, civitas est difficili arduoque colle munita,
adeo ut si ea pars civitatis quam memoratiis ßuvius dexteram alluit, ab
hostibus capiatur, ea tarnen viriliter possit defendi. m huius vero collis
summitate preciosi operis est aeclesia fabricata^ in honore beatissimi Petri
apostolorum pvincipis conseerata, ubi et prupter aeclesiae amomilatem
locique munitionem Hulodoicus rnanebat (a. 905). lieber das Capitol Maffei
IV 228 VIII 2 Venedig.
§ 1. Die Cenomanen. 207
mit Recht, an den Ausgang des ersten Jahrhunderts n. Chr. Da-
mals hatte die Stadt ihre Rüstung ahgelegt, sich mit Villen und
Gärten umgeben: als die Donaulegionen sie 69 n. Chr. zum Waffen-
platz erkoren, mufsle eine Feldbefestigung den erforderlichen Schulz
gewähren. 1) — Zwei Jahrhunderte später, naclidem die Alamannen
Italien verwüstet hatten, wurde sie wieder ummauert. In der Haupt-
strafse steht ein Ehrenbogen (Porta de' Borsari) mit der nachträg-
lich eingehauenen Meldung dafs die Mauer auf kaiserlichen Befehl
in der Zeit vom 3. April bis zum 4. December 265 errichtet worden
sei. 2) Das Werk entspricht der eilfertigen Ausführung: der Ehren-
bogen wurde in ein Stadtlhor umgewandelt, ebenso an der östlichen
Flufsseile ein anderer Ehrenbogen (Arco de' Leoni); die Mauer
massig aber roh aus den Steinen des Amphitheaters und zerstörter
Denkmäler aufgeschichtet. Die Mauer springt in rechtem Winkel
bis an das Amphitheater vor, das den Winkel als riesiger Eckthurm
deckt. Sie umschliefst nach Belochs Berechnung nur einen Flächen-
raum von 45,6 ha: ein merkwürdiges Anzeichen für die gesunkene
Zahl der Einwohner im dritten Jahrhundert (S. 130). Später als
Verona Dietrichs Bern wurde, hat die Einwohnerzahl sich wieder
gehoben. Der Konig rückte die Mauer bis dahin wo die Flufs-
krümmung beginnt (Castel vecchio) vor, verstärkte sie durch einen
aus dem Flufs abgeleiteten Graben (Adigelto), befestigte auch den
Höhenzug am östlichen Ufer: S. Stefano liegt aufserhalb der Be-
festigung, der Umkreis der Insel bheb nach wie vor offen. Theoderich
hat hier öfter Hof gehalten, für sich einen Palast, für die Bürger
Thermen erbaut und die seit langem zerstörte Wasserleitung her-
gestellt.3) INach ihm haben langobardische Herzöge und Könige den
Palast bewohnt. Die Wassersnot am 14. Oct. 589 (I 210) und
zwei Monate darauf eine Feuersbrunst verheerte die Stadt, ohne ihr
Gedeihen dauernd zu gefährden. In der Kriegsgeschichte der Re-
publik wird ihr Name nicht genannt, um so häufiger während
unserer Zeitrechnung. Verona wurde u. a. 312 von Constantin,
542 von den Byzantinern belagert.*) Die Umgegend, wie die Alten her-
vorheben^), war für Entfaltung von Reiterei geeignet und lieferte
1) Tac. Hist. III 10. 11, das Hauptquartier in hortis.
2) CIL. V 3329.
3) Exe. Val. 50. 71. 81fg. Paul. ti. Lang. II 28fg. lU 23.30.
4) Paneg. lat. IX 8 Prokop b. Gotli. III 3 IV 33.
5) Tac. Hist. III 8 Prokop b. Gotti. III 3.
208 Kapitel III. Venelia und Histiia.
mehr als ein Schlachtfeld: Conslantiii hesiogte hier 312 die Truppen
des Maxentius, Theoderich 489 den Odoaker.i)
Das Gebiet von Verona kann kaum weniger als 80 d. D M.
betragen haben, wovon reichlich die Hälfte auf die Ebene entfiel.
Es reichte südwärts bis an den Po und befafsle den 30 oder 33
Miilien enlfernlen Vicus Hostilia der noch jetzt Ostiglia heifst (13 m).*)
Der Ort liegt an einem wichtigen Flufsilbergang: Strafsen von Cre-
mona und iMantua (S. 202) sowie Verona mündeten hier ein um
sich jenseits nach ßononia fortzusetzen. Aufserdem bestand hier
eine viel benutzte Schiffstation für die Fahrt nach Havenna.^) Der
Flecken wird durch die Erzählung gekennzeichnet, dals seine Be-
wohner zu Schiff Bienenzucht trieben und stromauf fuhren um den
Bienen die Nahrung zu bieten welche der sumpfige Boden der Heimat
versagte. — im Westen trennte der Mittellauf des Chiese die Sprengel
der Bischöfe und auch die Stadtgebiete von Verona und Brixia.^)
Der Oberlauf ferner und das Westufer des Benacus gehören der
letzteren, .das südliche und ein Theil des Ostufers der ersteren
Stadt an, so dafs der ganze See unter diese beiden vertheilt war.
Halbwegs zwischen ihnen verzeichnet das Reisebuch eine Poststation •>)
benannt nach der Landzunge die Catull besungen hat:
Paemnsularum Sirmio insularumque
ocelle quascumque in liquentibus stagnis
marique vasto fert nterque Neptmms,
quam te libenter quamque laetus inviso.
V^on Landhäusern die diesen lieblichen Erdenflieck seit des Dichters
Tagen einnahmen, sind ausgedehnte Reste erhalten. Vermutlich lag
auch hier ein Fischerdorf wie das heutige Sermione. Die Festung
Peschiera am Ausflufs des Mincio aus dem See vertritt die Stelle
des alten Arilica, dessen Schiflergilde den Verkehr auf dem Flufs
(I 190) wie auf dem See besorgen konnte, aufserdem ein äufserst
1) Paneg. lat. IX 8 Cassidor chion. (dir. min. II p. 159) Jord. Get. 293.
2) IL Ant. 282 Tab. Peut. Plin. XXI 73 Tac. Hist. II 100 III 9. 14. 21. 40.
Not. d. Scavi 1884 p. 289 fg.
3) Tab. Peut. aO Hoslilia per Padum Ravenna Rescript Theoderichs
Gassiod. var. 11 31.
4) CIL. V p. 403. 940.
5) lt. Ant. 127 Catull 31 CIL. V p. 402. 943.
§ 1. Die Cenomanen. 209
ergiebiger Platz für Fischerei, i) Der lacus Benacus -) wird zuerst von
Polybios erwähnt, der wie die Alten iusgesammt dessen Ausdehnung
überschätzte (500x130 Stadien = 88,7 x 23 km, in Wirklichkeil
52 X 16,5 km vgl. I 190). Das Westut'er ist geschützter und war
in Folge dessen im Altertum dichter bewohnt als das östliche,
welches von dem laugen Rücken des Moute Baldo (2200 m) ein-
gefafst wird. Am Südfufs des M. Baldo liegt die Ortschaft Garda,
von der der See jetzt den Namen führt. 3) Die genannte ßergmasse
scheidet den See und das von der Brennerstrafse durchzogene Thal
der Etsch; die Veroneser Feldmark erstreckt sich jenseit der Klause
(1 193) noch ziemlich weit nach Norden, etwa bis Ala oder Mori, kann
aber nicht mit Sicherheit gegen die Tridentiner abgegrenzt werden. *)
Ebenso wenig ist dies nach Osten gegen Vicetia und Ateste möglich.
Die Brennerstrafse (I 164) erreicht 60 oder 62 Millien von
Verona ») Tridentum, auch wol Tridente^) genannt (218 m). Dasselbe
bildete gewisser Mafsen ein Vorwerk 'der Etschfestung und geht auf
den nämlichen Ursprung zurück: von den Raetern gegründet, kam
es späterhin in die Hände der Cenomanen.'') Die raetische Natio-
nalität der Gegend äufsert sich in den zahlreichen Weihungen an
Saturnus: von diesem Stamm abgesehen, wird der Gott fast nur
noch auf africanischen Inschriften erwähnt; in Africa stellt er den
Bai Moloch dar, sein raetischer Name ist verschollen. 8) Die Stadt
war bereits 24 v. Chr. von den Römern besetzt 9) und wird ver-
muthch als Waffenplatz für die Unterwerfung der Alpen gedient
1) Die Inschriften CIL. V p. 400 haben die Form Arilica und Arelica,
Tab. Peut. ArioUca, Geogr. Rav.IV30 Ariolita; vgl. Piin. IX 75, Ver^. Aen. X 206.
2) Strab. IV 209 Schol. V. Georg. II 160. Aen. X 205 Plin. II 224 III 131
IX 75 Aur. Victor ep. 48 vita Probi 24,1 Glaudian carm. min. 20,18 25,107.
3) Geogr. Rav. IV 30.
4) CIL. V p. 398. 1078 Pais suppl. p. 84. 242. P. Orsi, La topografia del
Trentino all' epoca romana, Rovereto 1880.
5) It. Ant. 275 giebl 60, Tab. Peut. 62 Millien; auf der Eisenbahn sind es
92 km.
6) Ptol. III 1,27 und zwei Inschriften CIL. V p. 530, Iredente Tab. Peut.
Bei Paulus Diac. kommt neben Tridentum auch Trientum und Tredentum als
Uebergang zum heutigen Trento vor.
7) Den Raetern schreibt sie Plin. III 130, den Galliern Justin XX 5,8, den
Cenomanen Ptol. III 1,27 zu.
8) Jordan zu Preller, Rom. Myth. IP 10. Jung, die roman. Landschaften
des RR. p. 425.
9) CIL. V 5025.
Nissen, Ital. Landeskaade. IL 14
210 Kapitel III. Venetia und Histria.
haben. Sie gewann dadurch einen gewissen Rnf, so dafs das um-
hegende Gebirge als Alpes Tridentinae (I 149) und die Bergvölker
als Tridentini^) bezeichnet werden. Sie ist in Gestalt eines Halb-
kreises am 1. Ufer der Etsch erbaut, die hier früher einen Bogen
beschrieb (I 193): von ihrer unter Theoderich aufgeführten Mauer
sind noch grofse Stücke erhalten. 2) Als Municipium in die Tribus
F'apiria eingetragen, hat Trient etwa im Laufe des 2. Jahrhunderts
den Titel Colonie bekommen. Kaiser Claudius beehrt das Muni-
cipium zwar mit dem Beiwort glänzend (splendidum municipium),
auch beziffert sich der Flächeninhalt seines Gebiets auf etwa 60 d. DM.:
nichts desto weniger tritt es im Altertum ähnlich wie die unter
entsprechenden Verhältnissen gegründeten Colonien Turin und Aosta
durchaus in den Hintergrund, wird in der Ueberlieferung selten
erwähnt und hat einen bescheidenen Bestand an Inschriften auf-
zuweisen.3) Unter den Langobarden lenkt es als Herzogsitz die
Blicke auf sich.
In Trient vereinigt sich die von Altinum kommende via Claudia
Äugnsta (I 163) mit der Brennerstrafse: an jener hin hat die Feld-
mark kaum die Wasserscheide überschritten, da das Suganathal zu
Fellria gehurt. Um so weiter erstreckt sie sich nach ^'orden und
Westen. — Erwähnung verdient das Val di Non 4) oder Nonsberger
Thal , das von der Noce durchströmt und durch den Tonalpafs
(1875 m) vom Val Camonica (S. 197) getrennt wird. Hauptort ist
Cles (652 m), war es auch ehedem als hier ein Saturntempel
stand •''); die Märtyreracten schildern anschaulich wie der Gott im
Frühling (29. Mai) durch Bittgang Gesang und Opfer gefeiert wurde.
Aus dem Tempel ist ein Erlafs vom J. 46 auf uus gelangt, durch
welchen Kaiser Claudius den Anauni Tulliasses und Sinduni, die
bisher theils Unterlhanen des Kaisers theils der Tridentiner gewesen
waren, das längst angemafste und thatsächlich ausgeübte Bürgerrecht
in aller Form bestätigt. Der heutige Name Non ist aus demjenigen
1) Strab.lV204.
2) Cassiodor var. V 9.
3) Phlegon fr. 53 (III 623 Müller) Ammian XVI 10,20 XXIX 2,22 CIL. V
p. 531 Pais suppl. p. 90.
4) CIL. V p. 537. 1081 Pais suppl. p. 91 Acta Sanctorum zum 29. Mai
p. 38 fg. Hermes IV p. 99fg.
5) Arch.- epigr. Mitth. aus Oesterreich XVI p. 69 fg.
§ 2. Die Veneter. 211
der Anauui entstanden i), die beiden anderen Cantone sind ver-
schollen, mögen sie nun ini Hauptthal oder Seitenthälern gewohnt
haben. Das westlich abzweigende Seitenthal von Vervö bewahrt
das Andenken an die Vervasses deren castellum in demselben lag.2)
— Von Trient geht die Brennerstrafse über Salurnis Salurn 3)
Endidae Egna (deutsch INeumarkt) 4) nach dem Thalkessel von Bau-
zanvtn Bozen. s) Während sie von Verona ab sich ununterbrochen
auf dem 1. Ufer gehalten hatte, folgt sie nunmehr dem Isargus
Eisack (1 192)6), überschreitet bei der Station Pons Dnisi Blumau "^
denselben, durchbricht die den Flufs einengenden Porphyrfelsen
auf einer Strecke von 10 Millien und erreicht bei Sublavio Sehen
bei Klausen ^) das Zollamt und die etwa 60 Millien von Trient ent-
fernte Grenze. — Die Via Claudia Augusta läuft von Bozen ab mit
der Etsch weiter durch den nach den Yenostes benannten Vintschgau
Val Venosta 9) ; ungefähr bei Partschins wenig oberhalb Meran war
die Grenze.
§2. Die Veneter.
Die Mitte der zehnten Region nimmt der Stamm ein der ihr
den Namen verüehen hat. Seit Alters bewohnt er die Niederlande
von der nördlichen Mündung des Po bis zu den Lagunen von Con-
cordia. Die heulige Grenze zwischen der venezianischen und fur-
ianer Mundart fällt annähernd mit der ehemaligen Grenze zwischen
Venetern und Carnern zusammen (I 484); Strabo bestimmt sie
durch den Tagliamento, aber Concordia liegt nach der richtigen
Angabe des Ptolemaeos auf carnischem Gebiet ^o); (jjes ist eben eine
Gründung der Römer, die innerhalb des eigentlichen Venetiens
1) Ptol. III 1,28 'udvaivtov Paul. h. Lang. III 9 Anagnis castrum quod
super Tridentum in confinio llaliae positum est, jetzt Nano am rechten Ufer
der Noce.
2) CIL. V 5059.
3) Paul. h. Lang. III 9.
4) It. Ant. 275, 24 Millien von Trient.
5) PeuI. h. Lang. V 36.
6) Gonsol. ad Liviam 386 nach der Verbesserung von Zeufs, die Deutschen
p. 237. Das Volk heifst nach den Handschriften Plin. 111 137 Isarchi.
7) Tab. Peut. I
8) It. Ant. 275 Tab. Peut. beide mit verderbten Zahlen, Paul. h. Lang. III
26. 31 Sabio oder Savio, CIL. III p. 707 V p. 542. 949.
9j Plin. III 136 CIL. V p. 543 v^l. ßöcking, Not. Dign. Occ. 779.
10) Strab. V 214 Plin. 111 126. 130 Plol. IIl 1,25. 26.
14*
212 Kapitel III. Venetia und Histria.
keinen Platz hatte. Die Veneter sind alterprobte Bundesgenossen
denen Landabtretungen nicht zugemutet werden konnten, daher auch
die Namen ihrer Städte einheimischen Ursprungs. Die südliche
Sprachgrenze am jetzigen Hauptarm des Po (I 475) entspricht der
antiken: nach Skylax sitzen in diesem Theil des Delta Kelten, die
Eigennamen der hier gefundenen Inschriften bestätigen die Aus-
sage, i) Wie die Stammgrenzen dem Binnenland gegenüber verlaufen
sind, läfst sich um so weniger sagen, als die venezianische Mundart
in neuerer Zeit eine weite V^erbreitung gewonnen hat (I 488). —
Die frühe Blüte der Nation welche die Bewunderung der Hellenen
hervorrief, ist in anderem Zusammenhang geschildert worden. Der
Anschlufs an Born hat dieselbe erhöht. Indem die Veneter dessen
Oberhoheit anerkannten, Kriegsfolge leisteten, ihm das Durchzugs-
recht durch ihr Land und die Schlichtung innerer Streitigkeiten
überliefsen, bezog Bom die Wacht gegen die Barbaren. Damit erhielt
das Leben einen anderen Anstrich. Zu einer Zeit, als sie jeden
Augenblick bereit sein mufsten an die ringsum bedrohte Grenze zu
reiten, haben die Veneter als Pferdezüchter grofsen Buhm erlangt.
Davon erzählte man unter Augustus wie von einer verklungenen
Sage. Aus den Bittern sind Patricier geworden, desgleichen in den
neueren Freistaaten Italiens leibhaftig vor unseren Augen stehen,
Kauf- und Fabrikherren, die ihre Tuche nach allen Märkten ver-
senden und aus Grund und Boden die höchsten Erträge erzielen.
Der Wechsel spricht sich in deutlicher Weise darin aus, dafs zur
Kaiserzeit die Bossezucht in den verödeten Landschaften des Südens
gedeiht, die einst Weizen gebaut hatten, während die Binder und
Schafe Venetiens gelobt werden und seine Fabrikate massenhaft den
Weg nach Bom finden. 2)
Die Grenzfestung Aquileia wurde 181 v. Chr. angelegt und wie
ihre Sicherheit erheischte, an das italische Strafsen- und Festungs-
netz angeschlossen. Die kürzeste Verbindung lief an der Küste hin
nach Ariminum als dem Centrum für die Vertheidigung gegen Norden.
Die Strafse ist alsbald abgesteckt und ausgemessen worden : Polybios
giebt die Entfernung richtig auf 178 Millien an. 3) Kunstmäfsig aus-
1) Skyl. 18 CIL. V 2380 fg. Die Widmung an Saturn 2382 deutet auf
raetischen Einflufs hin (S. 209).
2) Colum. VI 24 VII 2 Strab. V 213 Martial XIV 143. 155.
3) Polybios giebt nach Strab. VI 285 die Entfernung vom iapygischen
"Vorgebirge eis UCkav vtoXiv auf 562, von hier bis Aquileia auf 178 Millien
§ 2. Die Veneter. 213
gebaut wurde sie 132 v. Chr. vom Consul P. Popillius, was ein bei
Atria aufgefundener Meilenstein mit der Ziffer 81 bezeugt. i) Von
Ariminum führte sie auf dem Lido nach dem 33 Millien entfernten
Ravenna. Hier bestieg der Reisende in der Kaiserzeit ein Schiff,
um auf den von Augustus und Vespasian eröffneten Canälen bis
Altinum zu fahren (I 200), so dafs der Landweg auf dieser Strecke
kaum benutzt wurde. Immerhin verzeichnet die Reisekarte die einzelnen
Poststationen, auch vollführte Narses auf ihm 552 den von den
Gothen für unmöglich gehaltenen Marsch von Aquileia nach Ravenna.^)
Im Uebrigen war der Gang der via Popillia durch den alten (nicht
den heutigen) Uferstreifen bestimmt (I 204).
Rei TrigaboU in der Nähe von Ferrara 3) theilte sich der Po
(I 191), der südliche Hauptarm Padua oder Padusa Po di Primaro ^)
hatte zwei Mündungen: Messanicus oder Padusa bei Ravenna und
etwa 12 Millien nördlich bei S. Alberto ostium Eridanum oder
Spinetkum. Die letzteren Namen weisen darauf hin dafs Hellenen
hier in frühen Zeiten verkehrt haben. Spina war dem Hellanikos
und Eudoxos bekannt, besafs in Delphi ein eigenes Schatzhaus, galt
sogar als eine griechische Gründung.^) Die Auffahrt von der See
auf dem ^rclvog oder ^Ttivrjg Ttorafxog betrug nach damaliger
Rechnung im 4. Jahrhundert ß) 20 Stadien 372 km, zu Strabo's
Zeit lag die Stadt 90 Stadien 16 km von der See als Dorf im
Rinnenland, wie man annimmt bei Longastrino: doch ist der Ort
durch Funde noch nicht sicher gestellt (I 205). — Nach der allen
Küstenbeschreibung wohnten nördlich von Spina bis Atria Kelten.
an. Nach Cluver p. 608 wird für das sinnlose e. UiXav 7t. etq Ilfivav nöXiv
geschrieben. Allein es handelt sich hier um eine zuverlässige amtliche Mes-
sung, für welche lediglich ds " ^Qifiivov (vgl. III 61,11) pafst. Damit wird
auch die Abweichung gegen die auf anderem Material beruhende Berechnung
II 14,11 angemessen vermindert, bleibt aber gerade grofs genug. Die palaeo-
graphisch nahe liegende Aenderung eis ^TiTvav n. ist sachlich kaum an-
nehmbar.
1) CIL. V p. 939 It. Ant. 126 Tab. Peut.
2) Prokop b. Goth. IV 26.
3) Pol. II 16,11 CIL. V p. 225 Pais suppl. p. 62.
4) naSöa Pol. H 16,11, Padua Catull 95,7, Padusa Verg. Aen. XI 457
Plin. 111 119, vgl. Jord. Get. 150.
5) Stcph. Byz. Dion. Hai. I 18. 28 Slrab. V 214 Justin XX 1,11 Fun. III
120. 125.
6) Der Name Spina ist Skyl. 17 nur nach einer wahrscheinlichen Ver-
mutung eingefügt.
214 Kapitel III. Venelia und Histria.
Die fossa Augusta lief von Ravenna nordwärts, durchschnitt den
Arm von Spina, folgte hierauf dem Landstreifen zwischen Valle del
Mezzano und Valle Fossa di Porto, mündete schliefslich in den Sagis
ein (l 205). Der Sagis zweigte von dem zweiten Hauptarm Volane
Po di V^olano in der Nähe von Ostellato ab, flofs mit reichlichem
Wasser in südöstlicher Richtung auf die Insel von Comacchio (0,8 m)
zu, die nach deu Inschriflenfunden zu schliefsen in römischer Zeit
bewohnt war (I 205), mündete endlich in dem ostium Caprasiae
Porto di Belocchio und Sagis Porto di Magnavacca aus. Am Sagis')
befand sich die Station ad Padum 24 Millien von Ravenna: von
dieser Station fuhr man in der Kaiserzeit stromauf nach Hostilia
(S. 208) Placenlia Ticinum. — Dagegen führte nach Norden ein
Canal der ursprünglich von den Eingebornen angelegt, von Nero^)
und Vespasian erneuert wurde und seitdem fossa Flavia heifst.
Seine Richtung steht nur im Allgemeinen fest. Er traf zuerst
(Argine Trebha?) auf den nach Polybios allein schiffbaren Hauptarm
Olana oder Volane Po di Volano^j der in der Nähe von Pomposa
mündete (I 205). Sei es der Volane oder sein Ableger Sagis hiefs
im Altertum Padus Magnus, ähnlich wie der Po di Venezia gegen-
wärtig Po Grande oder della Manstra heifst. *) Der Canal lief weiter
wie der heutige Canale di Mezzogoro zwischen den Valli d' Ambrogio
und Valli di Mezzogoro auf Ariano zu und traf auf einen neuen
Arm, den Po di Ariano oder di Goro, dessen verstopfte Mündung
Carbonaria hiefs, endlich auf den Wasserlauf der Atria mit dem
Meer verband.
Die Grenze zwischen den Stadtgebieten von Ravenna und Atria,
damit zugleich zwischen der achten und zehnten Region wird ge-
bildet durch Sagis und Volane, die reichste Wasserader der römischen
Zeit. Die Laguuen von Atria, Septem Maria genannt, beginnen am
Sagis und enden an der Etsch.^) Der Vergleich mit dem Delta
1) Und zwar wenn die Tab. Peut. genau ist, am südlichen Arno Caprasia.
2) Man darf die Theiinahme dieses Kaisers aus dem Namen der Station
Neronia folgern welche die Reisekarte am Volane ansetzt: sie kann auch
weiter nördlich liegen, da auf der Karte Stationen ausgefallen sind.
3) Pol. II 16,11 Plin. 111 120 Volane quod ante Eolane vocabatur.
4) Mela 11 62.
5) Plin. III 119 qua largius voviit Septem Maria dictus. 120 iii Atria-
norum paludes quae Septem Maria appellantur. Nach Tab. Peut. lag die
Station Septem Maria an der Etsch. Uebrigens bestätigen die Inschriften dafs
das Gebiet von Ravenna bis in die Gegend von Ferrara reichte CIL. V 2381
vgl. mit CIL. XI 199.
§ 2. Die Veneter. 215
des Nil ist ursprünglich in Atria aufgestellt worden und auf die
Gemarkung dieser Stadt beschränkt; später übertrug man ihn auf
die sieben Mündungen des Pol) oder auf das gesamte Gebiet der
Lagunen von Ravenna bis Aliinum.'-) Im Hinblick auf die Ver-
änderungen, welche die Oertlichkeit seit dem Altertum erfahren
hat, nehmen wir biUiger Weise von jeder Erörterung darüber Abstand,
welche 7 Lagunen die Atriaten und welche 7 Mündungen die
Römer im Sinne gehabt haben mögen (I 204). Das heutige Adria
ist im kürzesten Abstand 22 km vom Meer entfernt und liegt im
Binnenland (4 m). Der Boden des alten Atria ^) ist über 3 m, ja
bis 6 m unter den heutigen gesunken.^) Es lag am Westrand
einer Lagune 12 km vom Meer entfernt 3): dafs östlich von der
Stadt im Altertum Lagune war, kündet das Fehlen antiker Funde
deutUch an. Der Lido hatte zwei Einfahrten: fossiones und nördlich
davon fossa Philistina oder Tartarus Porto di Loreo oder Porto
Viro (1 206). Der Tartarus Tartaro oder Canale Bianco 6) entwässert
die Niederungen zwischen Po und Mincio auf der einen, Etsch auf
der anderen Seite, fliefst bei Atria vorbei und wird danach in
seinem Unterlauf auch i/nanws genannt.') Der Name der Stadt hat
eine weite Geltung erlangt: mit ihm bezeichnen wir die italische
Nordsee (1 89), bezeichneten die äheren Hellenen das Land der Veneter *).
Ihre Gründung wird von den römischen Gelehrten den Etruskern ^),
von griechischen entweder Dionys I von Syrakus^oj oder den Kelten
und zwar den Boiern^i), endlich von Theopomp dem zeitlich ersten
1) Mela II 62 Herodian VIII 7,1.
2) Herodian a. O.It. Ant. 126.
3) lieber die Namensform I 91 A. 4.
4) Not. d. Scavi 1879 p. 88 fg.
5) Wie Strabo V 214 richtig andeutet.
6) Plin. III 121 Tac. Hisl. lU 9 Geogr. Rav. IV 36.
7) Ptol. III 1,21 Tab. Peut., vgl. Hekataeos fr. 58 bei Stepli. Byi.WSQ.
Theopomp bei Strab. VII 317.
8) Steph. Byz. Herod. I 163 IV 33 V 9 Eurip. Hippol. 736 Arist. hist. anim.
VI 1 de gen. anim. III 1 Theophr. hist. plant. IV 5,6 Theopomp fr. 143
M. Athenaeos VII 285 d.
9) Varro LL. V 161 Fest. p. 13 M. Liv. V 33 Plin. III 120 Piut. Cam. 16,1.
Das mare Tiiscum und das atrium tu$canium legten die Annahme sehr nahe.
10) Etym. M. 'iSQias Justin XX 1,9; vgl. Schöne, le antichitä del museo
Bocchi di Adria, Roma 1878, p. IX.
11) Hesych 'AS^iavoi Steph. Byz. l^r^ta.
216 Kapitel III. Venetia und Histria.
unserer Gewährsmänner den lllyriern i) zugeschrieben. Da die
Veneter nach Ansicht Ilerodots, der dem Theopomp als Vorbild
diente, lllyrier sind, so wird damit die Zugehörigkeit der Stadt zu
diesem Volke ausgesprochen. Solche kann auch füglich nicht in
Zweifel gezogen werden, denn in Adria finden sich keine etrus-
kischen, sondern die nämlichen venetischen Inschriften wie in Padua
(1 492); so auch wird die Gleichsetzung von Stadt und Land bei
den altgriechischen Schriftstellern befriedigend erklärt; mit gutem
Grund endlich rechnen jüngere Geographen Atria zu den venetischen
Städten.-) Ob es vorübergehend von den Kelten erobert worden,
ist nicht zu sagen. Dagegen gewähren die beschriebenen Vasen
den urkundlichen Beleg für die Anwesenheit hellenischer Kaufleute
seit der letzten Hälfte des 5. Jahrhunderts v. Chr. (I 491). Der
Verkehr der Hellenen reicht aber viel weiter zurück (I 174.183):
in dem frühen Auftreten der Hühnerzucht (I 444) und der be-
sonderen Race, welche die Aufmerksamkeit des Aristoteles erregte 3),
erkennen wir ein vereinzeltes Beispiel von dem Einflufs dieses alten
Verkehrs auf die Volkswirtschaft. Die grofsen Wasserbauten, die
Canäle nach dem Sagis, der Etsch und dem Meer bekunden, wie
kraftvoll die Stadt die feindlichen Naturmächte bekämpft hat. In
der Kaiserzeit befafs sie noch freien Zutritt zum Meer und eine
eigene Schiffergilde'), war aber inzwischen mit dem Fortschreiten
der Anschwemmung von anderen Häfen völlig überflügelt worden.
Die lateinischen Inschriften sind an Zahl gering, ihrer Form nach
schlicht und altertümlich ^): sie verraten die gesättigte Bildung, aber
auch den Stillstand und Rückgang eines ehedem blühenden Gemein-
wesens. Es war Municipium und gehörte zur Tribus Camilia.ß)
Sein Gebiet mag eine Fläche von 20 d. D M., meist Sumpf
und Lagune umfafst haben. Es stöfst im Westen und Norden an
1) Theop. fr. 140 und die Zeugnisse bei Schöne a. 0. p. VIII; ähnlich
Eudoxos V. Rhodos Möller IV 407,
2) Strab. V 214 Plol. III 1,26. Dafs der Pataviner Livius der stadtrömischen
Ansicht huldigend die Nachbarstadt den Etruskern zuweist, ist allerdings merk-
würdig, kann aber auf mancherlei Weise erklärt werden, fällt jedenfalls den
angeführten Gründen gegenüber nicht ins Gewicht.
3) Arist. bist. anim. VI 1 de gen. anim. III 1 Steph. ßyz. Fun. X 146 u. a.
vgl. I 491. Weinhandel von Atria Plin. XIV 67 XXXV 161.
4) Strab. V 214 Tac. Bist. III 12 CIL. V 2315.
5) Die Namen sind zum Theil illyrisch: Mommsen zu n. 2327.
6) CIL. V p. 220. 1072 Pais suppl. p. 61.
§ 2. Die Veneter. 217
dasjenige von Ateste Este. Der Atesis welcher im Lauf der Zeiten
sich immer weiter südwärts wandte (I 193), scheint der Stadt den
Namen verliehen zu haben. Sie liegt (13 m) am Südfufs jener
vulkanischen Hilgelgriippe die in der Neuzeit den Namen Colli Eu-
ganei erhalten hat (I 253. 486. A. 5.). Das Alter der Ansiedlung
wird durch ausgedehnte Grabfelder bekundet. i) Auch ersehen wir
dafs die einheimische Schrift sich neben der lateinischen behauptet
und nur allmälich den Platz geräumt hat. 2) Der Name der Stadt
erscheint zuerst auf den Grenzsteinen, welche angeben wie nach
Beschlufs des römischen Senats die Proconsuln 141 v. Chr. gegen
Patavium, 135 v. Chr. gegen Vicetia die beiderseitige Gemarkung
abstecken. 3) Die Grenze reicht im Nordwesten bis Lobia bei Lonigo
westlich von den Mouti Berici, wird im Westen gegen Verona durch
die Etsch gebildet, dringt im Süden weit über diesen Flufs vor,
wird im Osten durch die Feldmarken von Atria und Patavium von
der Lagune ferngehalten und läuft endlich auf der Höhe der sog.
euganeischen Hügel hin. Das umschriebene Gebiet wird 15d. DM.
oder mehr betragen haben. In demselben sind nach der Schlacht
bei Actium Veteranen aus verschiedenen Legionen versorgt worden,
wonach Ateste Colonie heifst (S. 32). Im üebrigen wird es selten
erwähnt. 4) Dem grofsen Verkehr war es angeschlossen durch die
Strafse die von Aquileia über Patavium nach Mutina und Bononia
lief. Die Entfernung von Patavium nach Ateste wird ziemlich genau
zu 22 Millien angesetzt: für die folgenden Stationen aber zu hoch.
Die Strafse, ungefähr dem Lauf der Eisenbahnlinie Padua-Bologna
entsprechend, mündet nicht in Hostilia (S. 208), sondern langte
weiter üsthch am Po wenig oberhalb Ferrara an, wo damals die
Stromspaltung war. Auf dieser Linie ist das allein von Tacitus bei
Gelegenheit des Feldzuges von 69 n. Chr. erwähnte Forum Älieni
(etwa bei Lendinara an der Etsch) zu suchen. •'^) Das heutige Mon-
selice scheint die Stelle eines antiken Vicus einzunehmen ; es kommt
1) Prosdocimi, Not. d. scavi 1882 p. 5 fg. mit Plänen.
2) CIL. V p. 241 fg. Pais suppl. p. 62 fg. 239. Ghirardini seit 1883 und
Prosdocimi berichten in den Notizie, fast in jedem Jahrgang, über den gedeih-
lichen Fortgang der Eslenser Ausgrabungen.
3) CIL. I 547—49 V 2490—92. Die Grenzen des Gebiets werden von
Mommsen a. 0. im Einzelnen bestimmt.
4) Plin. in 130 XVII 122 Tac. Bist. III 6 Martial X 93 Ptol. III 1,26. It.
Ant. 281.
5) Tac. Bist. III 6.
218 Kapitel III. Venetia und Histria.
als Moiis Silicis schon 569 u. Chr. vor.i) Atesle war in die Tribus
Romiha eingetragen.
Der Trihns Menenia gehört das benachbarte Municipium Vicetia
an 2): seit dem 2. Jahrhundert n. Chr. wird daraus in Anlehnung
an die auf entia auslautenden Städtenameu welche südlich vom Po
so häufig begegnen, Vicentia gemacht'^), jetzt Vicenza. Es liegt
(36 m) am Nordlufs der BasalthiJgel M. Berici (1 253) am Bacchig-
lione, der hier aus der Vereinigung mehrerer Bäche entsteht, an
Padua voibeifliefst und von Vicenza an schifTbar (1 194) ist. Eigentlich
ist der Ostliche Quellarm Astagus Astico länger und bedeutender. Mit
derselben Willkür sah man im Altertum den kleinen von Westen her
bei der Stadt einfliefsenden Eretetms Reteyio Retroji Relrone, durch
den Sprachgebrauch der Vicetiner veranlafst, als Hauptstrom an:
eine Schilderung des in demselben betriebenen Aalfangs ist erhalten.^)
Auf den Unterlauf oder Bacchiglione ist der Name Togisonus zu be-
ziehen.^) Die Gründung Vicetia's wird vereinzelt den Kelten zuge-
schrieben 6) ; gemeinhin und mit Recht gilt es als venetisch. 7) Gelegent-
lich eines Streites zwischen der Bürgerschaft und ihren Unterthanen wird
die Stadt zuerst 43 v. Chr. erwähnt^), zählte in der Folge nur zu den
Plätzen dritten Ranges. 9) Von Gebäuden ist ein Theater aufgefunden
worden.
Vermöge seiner centralen Lage war Patavium zum Haupt der
venetischen Städte bestimmt. Die grofse Strafse von Verona mifst
33 Millien bis Vicetia, von hier 22 bis nach Patavium: die halb-
wegs auf der letzteren Strecke befindliche Station ad Finem zeigt
die Grenze der beiderseitigen Feldmark an.i^) Die Strafse setzt sich
1) Paul. h. Lang. II 14 IV 25.
2) So durchweg in den Inschriften und bei den älteren Autoren, Mommsen
CIL. V p. 306.
3) Ptol. 111 1,26 Justin XX 5,8. — It. Ant. 128 Hieros. 559 Tab. Peut. Paul,
h. Lang. II 14 V 23 auch Fincentia.
4) Aelian de nat. anim. XIV 8. Venant. Fort. Vita Mart. IV 677 Reteno,
Geogr. Rav. IV 36 Retron quod Redenovo dicebatur. Ders. bezeugt allein den
antiken Namen Astaf^us, übergeht aber Togisonus.
5) Plin. 111 121. In seinem Bereich sind vielleicht die unbekannten Togienses
Plin. III 130 zu suchen.
6) Justin XX 5,8.
7) Plin. Ill 130. 132 VI 218 Ptol. III 1,26.
8) Cic. ad Fam. XI 19.
9) Strab. V 214 Tac. Hist. Ill 8 Plin. Ep. V 4. 13 Suet. de grannm. 23.
CIL. V p. 304. 1074 Pais suppl. p. 77. 240 Kaibel inscr. Gr. 2314.
10) If. Ant. 128 Hieros. 559 Tab. Peut. CIL. V p. 940.
§ 2. Die Veneter. 219
nach dem 33 Millien entferolen Allinura fort. Vou der südwärts
über Ateste nach Mutina führende Strafse war S. 217 die Rede.
Aufserdem war die Stadt zu Wasser zugänglich. Ihr gehörten die
Lagunen an, welche niirdlich auf diejenigen von Atria folgen. Zu-
nächst schliefst an die fossa Philistina (S. 215) die Einfahrt von
Brundulum Brondolo *) an, durch welche die Etsch ausmündete
(I 206); die betreffende Lagune ist in der Neuzeit durch die Brenta
ausgefüllt worden (I 203). Dann kommt der portus Aedro"^) Chioggia
mit der fossa Clodia, die beiden Mündungen des Mednacus: minor
Porto Secco (?) und maior Malamocco. Es ist früher (I 202) dar-
gelegt worden, wie die Beschreibung welche Livius von der seiner
Vaterstadt benachbarten Lagune giebt, im Wesenthchen noch jetzt
zutrifft. Die Auffahrt vom Meer aus zur Stadt wurde zu 30 Millien
45 km gerechnet. — Die Altstadt (12 m ü. M.) lag und liegt auf
einer vom BacchigHone (S. 218) umflossenen Halbinsel die ungefähr
1 km lang und am Fufs 650 m breit ist. Eine von Nord nach
Süd laufende Hauptstrafse scheidet sie in zwei Hälften ; die weitere
Einlheilung scheint in derselben Weise planmäfsig gewesen zn sein.
Die offene Südseite war durch einen querüber gezogenen Canal
gedeckt, so dafs das Wasser den ganzen Umkreis der Stadt schirmte.
Der Meduacus oder Brinta welcher im Altertum in gröfserer Nähe
als gegenwärtig an der Nord- und Ostseite vorbeiflofs (I 194), er-
höhte die Festigkeit der Lage. Das heutige Padua ist mit einem
Netz von Wasserläufen übersponnen: von seinen 46 Brücken gehen
4 auf antiken Ursprung zurück. 3) Ein Flächeninhalt von 65 ha
weist bereits der venetischen Stadt nach den Verhältnissen des
Nordens eine hervorragende Bedeutung zu (S. 38). In der Friedens-
zeit unter den Römern dehnt sie sich weiter aus: dies lehrt z. B.
das Amphitheater dessen Umfang noch wahrnehmbar ist (99,26 X
62,56 m Arena 74,3 X 36 m).4) Im Uebrigen hat die wiederholte
Zerstörung unter den alten Bauwerken gründhch aufgeräumt.
Die Stadt beansprucht ein hohes Aller.») Sehen wir von der
1) Plin. III 121.
2) So Plin. III 121, Ebrone Tab. Peut. Die Inschriften von Chioggia CIL.
V p. 219.
3) Vgl. CIL. V 2845.
4) Not. d. Scavi 1881 p. 154. 225.
5) Der Nanae hängt, wie I 183 A. 1 bemerkt, wahrscheinlich mit Padus
zasammen. Ebenso Servius V. Aen. I 247 der noch zwei andere Ableitungen
beifügt.
220 Kapitel III. Venetia und Histria.
Fabel ab welcbe den troischen Antenor als Gründer feierte (I 490),
so erinnerten lakonische Beutestücke im Tempel der Juno und ein
alljährlicher Wettkampf auf dem Fliifs in der Stadt ') an die 301
V. Chr. gelungene Abwehr des Königs Kleonymos (I 175). Was
von ihren Kämpfen mit den Kelten berichtet wird, ist in anderem
Zusammenhang, da die ältere Geschichte der Stadt mit der Geschichte
der Nation zusammenfällt, mitgetheilt worden (I 491 fg.) Aus dem
Jahre 174 v. Chr. hören wir von inneren Streitigkeiten, die durch
das Eingreifen Roms geschlichtet werden mufsten.2) Sie wurde
49 V. Chr. römisches Municipium und in die Tribus Fabia aufge-
nommen. Sie entrann glücklich den Wirren des Bürgerkriegs 3),
galt unter Augustus als die reichste Stadt Italiens nach Rom und
fand in dieser Hinsicht innerhalb der Bürgerschaft ihres Gleichen
nur in dem spanischen Gades.*) „Patavium — schreibt Strabo —
in der Nähe der Lagunen gelegen, übertrifft alle Städte des Nordens.
Bei dem jüngsten Census (14 n. Chr.) wurden, heifst es, 500 Männer
ritterlichen Vermögens (400000 Sesterzen = 87 000 M.) hier geschätzt,
vor Alters steUte es 120 000 Mann ins Feld. Auch zeigt die
Masse der nach Rom versandten WoU-'') und sonstigen Waaren
die Dichtigkeit und Kunstfertigkeit der Bevölkerung an. Die Auf-
fahrt von der See auf einem durch die Sümpfe fliefsenden Flufs
ist 250 Stadien (45 km) lang und geht von einem grofsen Hafen
aus, der ebenso wie der Flufs Meduacus heifst." Patavium hat
nichts von dem Wesen eines Emporkömmlings das so viele römische
Städte kennzeichnet, erinnert an manche Reichsstädte unserer
Heimat. In seinen altgefestigten Verhältnissen bewahrte es die
Ehrbarkeit der Sitten «), mied kleinbürgerliche Prahlerei^), führte
1) Liv. X 2 Patavii monumentum 7iavaH$ pvgnae eo die quo pugnatum
est, quotannis solenmi certamine navium in flumine oppidi media exercetur:
zugleich ein Zeugnifs für die zu Livius Zelt vollzogene Erweiterung der Stadt
vgl. CIL. V 2856. 2878.
2) Liv. XLI 27.
3) Plut. Caes. 47 Gell. N. A. XV 18 Dio XLI 61 Lucan VII 193 CIc!
Philipp. XII 10.
4) Strab. V 213 III 169, Mela II 60 opulentissima.
5) Martial XIV 143 Strab. V 218.
6) Plin. Ep. I 14,6 Martial XI 16,8.
7) Mommsen a. 0. p. 268 id ipsum eliam tituU lestantur numero multi,
sed anliquae fere simplicilatis, item mira paucilas tituloTnim honorariorum.
CIL. Vp. 263. 1073 Pais suppl. p. 75. 239 Kaibel 2315—17.
§ 2. Die Veneter. 221
bei dem alle 30 Jahr zu Ehren Antenors gefeierten Gründungsfeste
Tragoedien auf.^) Den ehrenhaften Charakter der Vaterstadt spiegeln
Livius, Asconius, Thrasea in der Litteratur wieder: die Selbständig-
keit mit der er in Worten und Wendungen (I 492) vor allem in
seiner ganzen Haltung auftrat, galt hauptstädtischem Dünkel als Pata-
vinitas.'^) In dem Krieg 69 n. Chr. erwähnt 3), wird Patavium in
der Folge von anderen Städten, namentlich Mailand und Aquileia
überholt.4) Die Langobarden zerstörten es mit Feuer und Schwert. 5)
Aus der Menge der erhaltenen Inschriften geht hervor dafs
die Umgegend dicht bewohnt war; auch in den Niederungen wurde
Weinbau getrieben.®) JNach den Alpen zu versagen die Inschriften:
das Gebiet von Patavium scheint sich bis zu den Quellen des Astico
erstreckt '') und einen Flächenraum von 40 — 50 d. D M. enthalten
zu haben. — Am Ostfufs der sog. euganeischen Hügel entspringen
in Abano, S. Pietro, Monte Grotto, Battagha warme Schwefelquellen
die im Altertum wie in der Gegenwart starken Zuspruch fanden.
Der erstgenannte von Padua 11 km entfernte Badeort ist der be-
suchteste, in seinem griechischen Namen Aponus an die alte Bildung
dieser Landschaft erinnernd. 8) Herakles hatte mit dem Pflug den
schmerzstillenden Quell ans Licht gebracht. Ein Orakel das man
mit Würfeln befragte, war mit der Heilstätte verbunden. 9) Claudian
hat sie besungen, Cassiodor ausführlich beschrieben. — Der Ort wo
Antenor zuerst gelandet sein sollte, hiefs nach Livius Troia und
danach eine Dorfschaft pagus Troianus; derselbe erwähnt ohne
Namenangabe drei patavinische Dörfer an der Lagune.io)
1) Tac. Ann. XVI 21 Dio LXII 26 vgl. CIL. V 2787 Pais 599.
2) Ouintil. 15,56 VIII 1,3.
3) Tac. Hist. 11 100 III 6 fg.
4) Es wird seit dem 2. Jahrhundert kaum genannt: Not. Dign. Occ. 121.
5) Paul. h. Lang. II 14 IV 23.
6) Plin. XIVllO.
7) Plin. III 121 accedentibus Atesi ex Trideniinis Alpibus et Togisono
ex Patavinorum agris.
8) Lucan VlI 192 Sil. It. XII 218 Martial VI 42,4 AnthoL lat. 36 Riese
Auson.XIX 161 Claudian carm. min. 26,89 felices proprium qui te meruere coloni
fas quibus est Aponon iuris habere su>. Cassiod. Var. II 39 Aponum Graeca
lingua nominavit antiquitas, Plin. II 227 XXXI 61.
9) Suet. Tib. 14 vgl. CIL. I p. 267 fg. Die Formel A. A. in den Weihin-
schriften CIL. V 2783 fg. 8990. 3101 ist doch wol nach den Veroneser Scholien
zu Aen. I 247 Apollini Apono aufzulösen; Mommsen zieht Apono Augusto
oder aquis Aponi vor.
10) Liv. I 1,3 X 2,7.
222 Kapitel 111. Venetia und Histria.
Die Reisekarte verzeichnet die einzelnen Wegstrecken auf dem
Lido die hei den zahlreichen Mündungen kurz ausfielen und durch
Fähren unterhrochen waren. Sie rechnet von der Mündung des
Meduacus Maior 3 Millien bis ad Porhim den oben von Strabo er-
T^rähnten Hafen Pataviums, vermutlich die heutige Ortschaft Mala-
mocco im Unterschied von der Einfahrt gleichen Namens; von hier
16 Mdlien bis Altinum. So heifst noch jetzt die nördUch von
Burano am Rand des Festlands unweit des Suis Sile i) befindliche
Trümmerstätte (2 m). Der kleine Flufs (I 194) hat rüstig an der
Ausfüllung der Lagune geschafft; denn die alte Stadt war auf einem
Pfahlrost innerhalb der Lagune erbaut, wie das damalige Ravenna
und das heutige Venedig.'^) Von Hause aus wahrscheinlich ein
Fischerdorf — seine Muscheln halten späterhin weiten Ruf^) —
erscheint es am Ausgang der Republik als Municipium der Tribus
Scaptia.4) Die nordische Politik des Augustus und seiner Nach-
folger hat dessen Aufblühen mächtig gefördert. Seit der Anlage des
Kriegshafens zu Ravenna und der Herstellung der Wasserstrafsen
führte die kürzeste und bequemste Verbindung zwischen dem Nord-
osten und der Halbinsel über Altinum (S. 213). Ungefähr gleich-
zeitig wurde von hier aus die Via Claudia Augusta erbant, welche
die Rrennerstrafse schneidend und wie es scheint am Bodensee aus-
mündend (I 163), die kürzeste Verbindung zwischen dem oberen
Rhein- und Donauthal einerseits, der Adria und Rom anderseits
herstellte. Derart liegt Altinum an der Kreuzung der von Nord
nach Süd und von Ost nach West laufenden Hauptstrafsen, von hoher
Bedeutung für den Handelsverkehr wie für kriegerische Unter-
nehmungen.s) Seine Feldmark kann nur eine bescheidene Aus-
dehnung gehabt haben: wenn deshalb von seiner Schaf- und Vieh-
zucht die Rede ist 6), wird dies vorwiegend auf die Ausfuhr des
Hinterlandes zu beziehen sein. Die Machthaber wandten der durch
Tüchtigkeit ausgezeichneten Gemeinde ihre persönliche Gunst zu ^) :
1) Plin. III 126 Geogr. Rav. IV 36.
2) Vitruvl 4,11 Slrab. V 214.
3) Plin. XXXII 150.
4) Veil. II 76,2 Plin. III 119 VI 218 Ptol. III 1,26 CIL. V p. 205. 1070 Pais
p. 58. 238 Einwohner Allinntes.
5) Vell. 11 76,2 Tac. Hist. III 6 Herodian VIII 7,1 vita Ver. 9,11 Zosim.
V 37,2.
6) Colum. VI 24 Vil 2 Martial XIV 155.
7) CIL. V 2419 Plin. Ep. III 2.
§ 2. Die Veneter. 223
das milde Klima mochte sie fesseln, wenn sie gezwungen waren
den Winter im Norden zu verbringen. Die Umgebung wurde mit
Landhäusern bedeckt, deren Pracht mit Baiae wetteifern konnte. i)
Altinum ward 452 durch Attila zerstört 2): die geflüchteten Bewohner
siedelten sich auf geschützteren Inseln an und legten damit den
Grund des heutigen Venedig.^)
Nach Aussage der Meilensteine verband die Via Claudia Augusta
Altinum oder den Po mit der 350 Millien entfernten Donau. Sie
führte zunächst nach dem 12 Millien landeinwärts am Sile (15 m)
gelegenen Tarvisium Municipium der Tribus Claudia, jetzt Treviso.^)
Es wird erst am Ausgang des Altertums in der Kriegsgeschichte
mehrfach erwähnt und war Sitz eines langobardischen Herzogs. —
Noch weniger ist über das 25 Millien von Treviso in nordwestlicher
Richtung entfernte Municipium Acelum Asolo (207 m) zu sagen. ^)
Dasselbe wird ausdrücklich den Venetern zugeschrieben und scheint
nicht ganz unbedeutend gewesen zu sein. — Von Treviso bis Feltria
Feltre (327 m) sind ungefähr 40 Millien. Die Strecke von Altinum
bis hierher wird in den Itinerarien nicht erwähnt, so dafs die durch die
Via Claudia Augusta eröffnete Verbindung nicht in dem Mafse benutzt
zu sein scheint wie man hätte erwarten sollen. Am Plavis Piave,
von dessen Veränderungen früher die Rede war (I 195), vereinigt
sich die Strafse mit der von Opitergium kommenden. Feltria
war venetischen Ursprungs und gehörte als Municipium der Tribus
Menenia an.^) Sein Gebiet dehnt sich über das Suganathal bis zur
Wasserscheide gegen Trient hin aus.') Das von der oberen Brenta
(I 194) durchflossene Suganathal heifst in langobardischer Zeit
Alsuca; das Reisebuch nennt 30 Milben von Feltre, 23 von Trient
1) Martial IV 25 aemula Baianis Altini litora villis, Cassiod. var. XII 22.
2) Bist. Miscella XV 7 vgl. Jord. Get. 222, Geogr. Rar. IV 30 Guido 20.'
3) Erste Erwähnung Paul. h. Lang. II 14.
4) Plin. III 126. 130 Geogr. Rav. IV 30 Venant. Fort. v. S. Mart. IV 665
(Tarvisvs) Cassiod. var. X 27 {Tarvisiani) Prokop b. Golh. II 29 III 1. 2 Paul. h.
Lang. IV 3 V 39 CIL. V p. 201 Kaibel 2322. 23. Die Einwohner Tarvisani, ver-
einzelt Tai'visiüJii.
5) Plin. III 130 Ptol. III 1,26 "AxsSov, Bischofsitz nach Paul. h. Lang. III 26
Acilium, CIL. V p. 198. 1068 Pais p. 56. 238.
6) Plin. III 130 Fertini, zu lesen Feltrini , so Cassiod. var. V 9 Paul. h.
Lang. III 26. It. Ant. 280 Geogr. Rav. IV 30. Die Inschriften sowol Feltria als
Feltriae CIL. V p, 196. 1068 Pais p. 56. 238.
7) Wie bezeugen Cassiod. var. V 9 Paul. h. Lang. III 31.
224 Kapitel III. Venetia und Histiia.
Ausugum, was auf den Ilauptort Borgo di Val Sugaoa (375 m) zu-
trilTt.') — Das obere Thal der Piave hat seinen Miltelpunct in
Bellunnm Belluno'-^), das an der Vereinigung von Ardo und Piave
hegt (385 m). Es wird den Venetern beigelegt und war als Muni-
cipium in der Tribus Papiria eingetragen. Weiter aufwärts im Val
Cadore hewahrt Castell Lavazzo seinen alten Dorfnamen : dies lehrt
eine Inschrift^), laut welcher zu Ehren des Kaisers Nero den Dorf-
genossen eine Sitzbank mit daran angebrachter Sonnenuhr gestiftet
wird (horilogium cum sedibus pagam's Laebactibus dederunt).
Die Liquentia Livenza (I 195)^), bildete die Grenze zwischen
Venetern und Carnern: an ihrer Mündung befand sich ein Hafen
gleichen Namens, jetzt Caorle.^) In dem von Piave und Livenza
umrahmten Landstrich ist Opüergium Oderzo (16 m) die Haupt-
stadt ♦>), von Altinum und Concordia je 20 Millien entfernt, Das
Reisehandbuch erwähnt die Verbindung mit diesen beiden Städten
nicht, statt dessen eine Strafse nach Feltria die an die Via Claudia
Augusta anschlofs: es giebt die Entfernung nach Feltria zu 56 MiUien
an, das ist um 10 zu hoch. Die Reisekarte läfst eine Strafse von
Vicelia über Opitergium nach Concordia und Aquileia gehen. Die
Gemeinde wird zum ersten Mal in dem Bürgerkrieg 49 v. Chr. er-
wähnt wegen des Heldenmuts mit dem ihre Söhne gegen die Pom-
peianer fochten. Da alle den Tod der üebergabe vorzogen, ge-
währte ihr Caesar Freiheit von der Aushebung für 20 Jahre und
eine Gebielsvergröfserung von 151 Dkm. Die Stadt gehorte der
Tribus Papiria an. Sie wird unter Marc Aurel von den Marco-
manen, im 7. Jahrhundert von den Langobarden von Grund aus
zerstört, — Etwa 20 Millien nördlich von Opitergium liegt Ceneta
Ceneda.^) Dasselbe wird im 6. Jahrhundert als Bistum genannt,
1) It. Ant. 280 Paul. h. Lang. III 31 CIL. V p. 536. Pais 1065 p. 91.
2) Plin. in 130 Felunum, Ptol. III 1,26 BeXoivov , Paul. h. Lang. III 26
VI 26. Die Namensfoi m steht durch Inschriften fest CIL. V p. 192. 1068 Pais p. 55. 238.
3) CIL. V p. 191. 1068.
4) Plin. III 126 Serv. V. Aen. IX 679 Tab. Peut. (Licenna) Paul. h. Lang.
V 39 Geogr. Rav. IV 36.
5) Plin. 11! 126 CIL. V p. 185.
6) Liv. CX Lucan IV 462 dazu Schol. Bern. Flor. 11 13; Strab. V 214 Plin.
III 130 Ptol. III 1,26; Tac. Hist. III 6 Ammian XXIX 6,1; It. Ant. 280 Tab.
Peut. Geogr. Rav. IV 30; PauL h. Lang. IV 38. 45 V 28; CIL. V p. 186. 1066
Pais p. 54. 234.
7) Venanl. Fort. v. S. Marl. IV 668 Agathias II 3 Geogr. Rav. IV 30 Paul,
h. Lang. II 13 V 28 VI 24 CIL. V p. 1067.
§ 3. Die Carner. 225
kann aber erst in der späten Kaiserzeit Stadtrecht erlangt haben,
da es bei älteren Schriftstellern nicht vorkommt. — Unbekannt
ist die genaue Lage der Stadt Berua der Plinius raetischen Ursprung
beilegt. 1) Da sie in Verbindung mit Feltria und Tridenlum auftritt,
wird die Gegend, wo sie zu suchen, wenigstens angedeutet.
§ 3. Die Carner.
Die Landschaft zwischen den Carnischen Alpen und dem Meer,
der Livenza sowie der oberen Piave im Westen und dem Isonzo
im Osten heifst FriauK benannt nach Forum Julii, wo die Lango-
barden bei ihrer Einwanderung 569 ihr erstes Herzogtum einge-
richtet hatten. Etwa 125 d. □ M. grofs bildet sie, von einem
venezianischen Bruchtheil zwischen Livenza und Tagliamento, ferner
einem slavischen Bezirk im Nordosten abgesehen, eine Sprachein-
heit, die wir nach der Ansicht Ascoh's und anderer namhafter
Sprachforscher der raetischen Familie zugewiesen haben (I 484).
Um diese Thatsache zu erklären bleibt kein anderer Ausweg übrig
als den Grundstock der Bevölkerung für raetisch zu halten. Neuer-
dings ist vermutet worden, die Raeter seien aus Tirol seit Karl dem
Grofsen in das verödete Land eingewandert: jedoch fehlt bislang
ein Versuch die Vermutung irgendwie zu begründen.^) Wir haben
keinen Anlafs von der früher (I 487) aufgestellten Meinung abzu-
gehen, dafs die Gallier in Friaul den herrschenden Theil, die Raeter
die unterworfene Masse ausmachten. 3) Gleicher V^'eise sind die an-
stofsenden Japudes deren Name keltisch ist, nach dem Zeugnifs der
Alten aus Illyrern und Kelten gemischt.^) Aehnlich scheint es im
westlichen Piemont mit Ligurern und Kelten gewesen zu sein (S. 163).
1) Plin. in 130 CIL. V p. 537.
2) Carl Freiherr v. Czoernig, die alten Völker Oberitaliens, Wien 1885,
p. 54. Der Beweis müfste sich aus den Ortsnamen führen lassen, wenn die
Vermutung richtig wäre. Freilich erscheint die Annahme des Verf. dafs Friaul
186 v. Chr. und abermals in langobardischer Zeit unbewohnt gewesen wäre,
recht unglaublich. Eher würde man an eine ausgedehnte Verpflanzung raetischer
Bevölkerung durch Augustus denken können, nach Dio LIV 22.
3) Eine eingehende Untersuchung über die inschriftlich erhaltenen Eigen-
namen Oberitaliens würde für die Aufhellung der Stammesverhältnisse von
Nutzen sein. Es fehlt nicht an Bezügen zwischen raetischen und furlaner
Namen z. B. Clavenius CIL. V 1920 Clavenna ; Truttidia eb. 1946 in Ateste
und Verona wiederkehrend.
4) üeber den Namen I 507 A. Strab. IV 207 VII 313. 315.
Nissen, Ital. Landeskunde. II. 15
226 Kapitel lil. Venetia und Hislria.
Das Einilringcn der Germanen in das römische Reich kann der-
artige Hergänge veranschaulichen und zeigen wie das herrschende
Volk die Sprache und Art des besiegten annimmt. Im Jahre 186 v.
Chr. wanderte eine Schar von 12 000 waffenfähigen Galliern in die
Nähe von Aquileia und begann sich hier anzusiedeln, räumte aber
auf den Befehl Roms hin das besetzte Land.i) Frühere Versuche
mögen von besserem Erfolg begleitet gewesen sein. Die Besitz-
nahme des Friaul durch Gallier ist allem Anschein nach spät er-
folgt: es ist wol möglich dafs, wie behauptet wird (S. 225 A. 2), die
Veneter einst bis zum Timavus reichten und durch den Druck der
kellischen Massen zum bedingungslosen Auschlufs an Rom getrieben
wurden. — Die Carner werden bei Erwähnung eines 115 v. Chr.
über sie gefeierten Triumphes als GaUier bezeichnet. 2) Zeufs leitet
den IVamen vom keltischen carn (lat. cornu deutsch Hörn) ab'^),
das ähnlich wie das deutsche Hörn (Breithorn Matterhorn Schreck-
horn usw.) von Bergspitzen gebraucht wird: mithin würde er das-
selbe bedeuten wie Taurisker Tauriner (S. 163), die Bergbewohner.
Die Ausdehnung des Volkes steht im Allgemeinen fest: es wird im
Westen durch die Livenza von den Venetern (S. 224), im Norden
durch die Alpes Carnicae auf denen die Save entspringt, von den
Norikern geschieden, umfafst im Osten noch Tergeste.*) Dafs Carner
im Gebiet der letzteren Stadt wohnten, wird urkundlich bezeugt.
Trotzdem ziehen Plinius und Plolemaeos in ihrer Darstellung die-
selbe nicht zu den carnischen Städten. Wir folgen ihnen; denn
einmal erhält Italien am äufsersten Nordende der Adria, dem Busen
von Monfalcone, wo das Niederland aufhört und das Gebirge hart
an das Ufer tritt, seinen natürlichen Abschlufs; sodann ist hier bis
auf Caesar die politische Grenze gelaufen (I 77 A. 3). Während
der Republik war Aquileia Grenzstadt und Zollamt : kurz hinter
dem Timavus, bei Duino sul Carso am Golf von Monfalcone befand
sich die Zollstätte und damit auch die Grenze Italiens.^)
1) Liv. XXXIX 22. 45. 54.55. Plin. III 131,
2) Fasten (CIL. I p, 460) de Galleis Karneis; Liv, XLIII 5 scheint Carner,
Hislrer, Japuden von den Galliern zu unterscheiden.
3) Zeufs p. 248.
4) Liv. XLlll 5 Mela II 59 Plin. III 127. 147 Strab. IV 206 VII 292. 314Ptol.
III 1,25.
5) Caes. b. Call. I 10 Cic. pro Font. 2 CiL. V 703. 704. 792. Strabo V 215
bezeugt die Grenze zwischen Italien und Istrien.
§ 3. Die Carner. 227
Die Städte in Friaul tragen romische Namen und führen ihren
Ursprung auf die Römer zurück. Daraus geht schon hervor, dafs
die Entwicklung einen wesenthch anderen Gang genommen hat als
bei den Insubrern Cenomanen und Venetern. Der Plan Künig
Phihpps von Macedonien, einen grofsen Einfall barbarischer Völker
in Italien von Osten her ins Werk zu setzen i) , hat die römische
Regierung genötigt eine feste Stellung am Fufs der Ostalpen ein-
zunehmen. Angeblich soll bereits 187 v. Chr. der Consul M. Aemi-
lius Lepidus mit Umgehung der Niederungen am Saum der Alpen
hin eine Slrafse von Rononia nach Aquileia erbaut haben. 2) Dies
kann nicht richtig sein, da Aquileia erst 181 v. Chr. gegründet
wurde. Aber die im Reisebuch verzeichnete Strafse zwischen beiden
Städten kann füglich im zweiten Consulat des Lepidus 175 v. Chr.
entstanden sein. Sodann wurde die Grenzfestung 148 v. Chr. mit
Genua in Verbindung gesetzt durch die Anlage des Sp. Postumius,
deren Renennung für den Anfang bei Genua, für die Strafse von
Cremona nach Redriacum, endlich für die Einmündung in Aquileia
überliefert wird (S. 200 A. 1). In Altinum nahm sie die 132 v. Chr.
erbaute Via PopilHa auf. Die Entfernung von Altinum beträgt 60
oder 62 Millien.3) Während der Republik hat hier ein ähnliches
Verhältnis obgewaltet wie an der ligurischen Küste (S. 140): die
Herrschaft erstreckt sich nicht weit über den Strafsendamm hinaus,
und das ganze binnenländische Friaul geniefst der Unabhänigkeit.
Es liegt in der Natur der Dinge dafs Uebergriffe von der einen wie
der anderen Seite nicht ausgeblieben sein können. Wo ihr Name
zum ersten Mal auftaucht, 170 v. Chr. führen die Carner im Senat
Reschwerde, 115 v. Chr. werden sie besiegt, 52 v. Chr. überfallen
sie Tergeste.4) Die üeberheferung bekümmert sich kaum um das
Völkchen. Aber wir erkennen doch dafs Octavian das Schicksal
desselben endgiltig bestimmt hat. Nachdem Caesar im Westen die
1) Liv. XXXIX 35 XL 21. 57.
2) Strab. V 217 hat vielleicht Aquileia mit Placentia, Alpen mit Appennin
verwechseU. Aber da Aquileia aller Wahrscheinlichkeit nach bald an das
italische Strafsennetz angeschlossen wurde, da anderseits Lepidus zu den
Venelern Beziehungen hatte (Liv. XLl 27), so hat man guten Grund ihn als
ersten Urheber der lt. Anton. 281 beschriebenen Strafse anzusehen. Der kunst-
mäfsige Ausbau mufs aber viel später erfolgt sein (S. 53).
3) It. Ant. 126. 128. 281 Hieros. 559 Tab. Peut. CIL. V p. 935 fg.
4) Liv. XLIII 1.5, Triumphalfasten, Hirt. b. Call. Vlll 24, Strab. IV 206
V 216.
15*
228 Kapitel III. Venetia und Histria.
Reichsgrenze an den Rhein und Canal vorgeschoben hatte, ging
sein Sohn, sohahl die Umstände es gestatteten, daran Italien nach
Osten hin zu sichern. Er unterwarf die Carner 35 v. Chr. und
führte alsbald diejenigen Einrichtungen durch, welche wir in der
Kaiserzeit antreffen. ')
Halbwegs zwischen Altinum und Aquileia gründete Octavian
unter den Namen Julia Concordia eine Colonie die er mit der
Herrscliaft über das westliche Friaul zwischen Livenza und Taglia-
mento betraute. 2) Ein älterer römischer Vicus lag an der Stelle,
wie begreiflich durch den Verkehr ins Leben gerufen. =^) Jedoch
zeugt der Grundplan der Colonie von grofser Regelmäfsigkeit.4)
Die Stadt hat ihren Namen bis auf die Gegenwart bewahrt, ist aber
wieder zum Flecken herabgesunken (2 m). Das Flüfschen Lemene
— wie es einst hiefs, wissen wir mit Sicherheit nicht'') — setzt
sie mit dem anstofsenden Lagunengebiet in Verbindung. IVach dem
Binnenland laufen zwei Strafsen von ihr aus: erstens nach dem
20 Millien entfernten Opitergium •>) und damit weiter über Feltria
(S. 223) und Trient nach Rhein und Donau; sodann hat Augustus
2/1 V. Chr. von Concordia eine Strafse erbaut die sich mit der von
Aquileia ausgehenden vereinigt und vom oberen Thal des Taglia-
raenlo über M. Croce wie über den Saifnitzpafs (I 165) nach
Noricum verzweigt."^ Daraus erhellt sofort dafs der Platz eine
militärische Bedeutung gehabt hat. Solche tritt namentlich im 4. und
1) Appian III. 16. Dafs die Unterwerfung erst 15 v. Chr. vollendet wurde,
darf man nicht aus Strabo IV 206 schliefsen : die Carner werden in der Sieges-
inschrift nicht genannt und die Stadtgründungen in Friaul fallen vor 27 v.Chr.
Ebensowenig darf man sie Caesar beilegen, da nichts von seinem Vorgehen
in diesen Gegenden bekannt und eine Befriedung derselben vor dem Jahr 35
ausgeschlossen ist.
2) Strab. V 214 Mela II 61 Plin. III 126 Ptol. III 1,25 CIL. V p. 178. 1035
Pais p. 50. 237 Kaibel inscr. Gr. 2324-36.
3) CIL. V 1890 dazu Pais.
4) Not. d. Sc. 1880 p. 411 tav. 12, leider ohne Mafsstak
5) Wie I 196 A. 1 bemerkt, ist das flumen ReaUnuvi Plin. III 126 wahr-
scheinlich der Lemene, der Hafen gl. N. vielleicht Porto di Falconera.
6) Bezeugt durch einen Meilenstein CIL. V p. 937.
7) Nach den Meilensteinen CIL. V p. 936. Die beiden Strafsen von Con-
cordia und von Aquileia sind nahezu gleicher Länge und vereinigen sich in
der Gegend von Pers (166 m) bei S. Daniele unweit des Tagliamento. Im CIL. wird
Pers (495 m) am Fufs des M. Chiampon (1709 m) östlich von Gemona ver-
standen, was in mehrfacher Hinsicht unmöglich ist.
§ 3. Die Garner. 229
5. Jahrhundert zu Tage, als hier eine kaiserhche Fabrik von Pfeilen
bestand, und wie die kürzlich entdeckte Gräberstätle beweist, ver-
schiedene Truppenkürper lagerten. i) Die Feldmark der Gemeinde
mag an 40 d. D M. enthalten haben.'-) Jedoch hat sie den Ver-
kehr der Nachbarn in Altinum und Aquileia lange nicht erreicht.
Sie war der Tribus Claudia einverleibt; über ihr Stadtrecht werden
wir durch Fronto unterrichtet. 3)
Der Tiliaventus Tagliamento *) scheidet die West- von der Ost-
hälfte Friauls (I 195). In dieser nimmt Aquileia eine ähnliche
Stellung ein wie Concordia in jener, hat aber als Ausfuhrhafen
der Alpenländer einen ganz anderen Aufschwung genommen, ja
den Rang einer Grofsstadt im römischen Reich bekleidet. Um 390
singt Ausonius^):
Notia inter ciaras Aquileia cieberis urbes
Itala ad Illyricos obiecta colonia montes
moenibns et portu celeberrima.
Sie hegt am Rand der Lagune (5 m) ungefähr 10 km vom
Meer entfernt.**) Mehrere Flüsse münden in die Lagunen ein: im
Westen der kleine Alsa Ausa'), im Osten der Natiso Natisone^)
mit dem Turrus Torre.'J) Es wurde früher bemerkt (I 196) dafs
der Natiso nicht wie jetzt in den Sontius Isonzo lO) einmündete,
sondern nahe bei Aquileia vorbeiflofs: er schützte dasselbe gegen
1) Not. Dign. Occ. 43 CIL. V p. 1035 Kaibel 2324—36; vgl. Cod. Theod.
XI 39,1 1 XVI 7,5 Eutrop VllI 10 Zosim. V 37 Nol. d. Scavi 1883. 86. 93.
94. 95.
2) Cassiod. var. XII 26.
3) Fronto ad amicos II 6. 7.
4) Plin. III 126, Ptol. I 15. 4 111 l,t. 22 Tilavenlus, Tab. Peut. Tiliabfnte,
Venant. Fort, praef. 4 vita S. Mart. IV 655 Teliamentus , Paul. h. Lang. II 13
Tiliamentus, Geogr. Rav. IV 36 Taliamentus.
5) Auson. ordo urb. nobil. 65. Voraus gehen Rom Constantinopel Gar-
thago Antiochia Alexandria Trier Mailand Capua; es folgen Arelate Hispalis
Athen usw.
6) Strab. V 214 richtig 60 Stadien, während Plin. III 126 irrig die Zahl
verdoppelt.
7) Plin. III 126 Hieron. a. Abr. 2356 vgl. Eutrop. X 9 Bist, misceiia XI 17.
8) Strab. V 214 Mela II 61 Flin. III 126 Ptol. lil 1,22 Annmian XXI 12,8;
Hist. niisc. XV 7 Jord. Get. 219 Natissa; Paul. h. Lang. V 23 Natisio.
9) Plin. III 126.
10) Vgl. 1 196 A.2Tab. Peut. Cassiod. var. I 18 Jord. Get. 293 Exe. Vales. 50;
Cassiod. ehr. a. 489 Isontius (Chr. min. II 159. 233).
230 Kapitel III. Venetia und Histria.
den von Osten her anrückenden Feind und setzte es in unmittel-
bare Verbindung mit dem Meer. Das alte Flufsbett bei der Stadt
ist noch in dem wasserreichen Bach Natissa vorhanden. Dieser
natürUche Graben , dazu die Feuchtigkeit des Bodens welche die
Anliige von Minen uimiOglich machte, gewährte eine ungewöhnliche
Festigkeit'), die mehrfache Proben bestanden hat 2): unter Marc
Aurel gegen Quaden und Marcomannen, 238 gegen Maximious,
361 gegen Julian, 452 gegen Attila. Nach neueren Berechnungen 3)
betrügt der von der Mauer umschlossene Raum nur 64 ha: ebenso
viel wie in Pompeji (S. 37), halb so viel wie in Mediolanum (S. 182).
Indefs sieht der Umfang keineswegs völhg fest, und die aufgedeckten
Mauerstrecken stammen frühestens aus der Zeit Marc Aureis.
Uebrigens würde der angegebene Flücheninhalt für die ursprüng-
liche Zahl der Ansiedler sehr gut passen. Der Senat beschlofs
183 V. Chr. die Anlage einer latinischen Colonie, die 181 v. Chr. in
der Stärke von 3000 Mann aufser Centurionen (60) und Beilern
(300) entsandt wurde. ^) Der Mann bekam 50, der Centurio 100,
der Reiter 140 Juchert zugelheilt: mithin sind im Ganzen an
50 000 ha 9 d. DM. Ackerland angewiesen worden. Auf wieder-
holte Vorstellungen erhielten die Ansiedler 169 v. Chr. eine Ver-
stärkung von 1500 Familien.^) Wenn nun Aosta mit 41 ha Flächen-
inhalt auf 3000 Praetorianer berechnet war, so würden 64 ha einer
Besatzung von gegen 5000 Mann entsprechen. Ein Adler der
Glück verheifsend bei der Gründung erblickt wurde, hat der Stadt
den Namen verliehen. 6) Ihre Gemarkung war zunächst dasjenige
Land, welches die oben erwähnte keltische Wanderschar 186 v. Chr.
in Besitz genommen und wieder geräumt hatte. Durch Octavian
ist das Gebiet auf ungefähr 50 d. D M. erweitert worden. Die
Bedeutung Aquileia's in Krieg und Frieden wird durch den Um-
stand gekennzeichnet, dafs nicht weniger als 6 Hauptstrafsen von
hier auslaufen: 1. die via Postumia nach Allinum welche den Ver-
1) Ammian XXI 11,2 12,8 Herodian Vlil 2,6.
2) Lukian. Alex. 48 Ammian XXIX 6,1; Herodian VIII 2 fg. vita Maximin. 22;
Ammian XXI 12: Jord. Get. 219fg. Hist. misc. XV 6 Prokop b. Vand. I 4; vgl.
Tac. Hist. H 46. 85 III 6. 8.
3) Belocli, Bevölkerung p. 488.
4) Liv. XXXIX 55 XL 34 Vell. I 15 CIL. V 873.
5) Liv. XLHl 1. n vgl. XLI 1. 5.
R| Julian or. II 72a.
§ 3. Die Garner. 231
kehr mit Italien vermittelt i); 2. über ad Trkesimum Tnge&imo Julium
Carnicum Zuglio nach Yeldidena Wüten bei Innsbruck (I 165, 13);
3, über den Tarvispafs nach Virunum Klagenfurt und weiter Lauri-
acum Lorch an der Donau'^); 4. über den Birnbaumer Wald nach
Emona Laibach und Sirmium Mitrovvitz '^j ; 5. nach Tarsalica bei
Fiume und weiter Siscia Sissek*); 6. nach Ter^es/e Triest und der
islrischen Küste. s)
Die um 150 v. Chr. fallende Entdeckung der Goldfelder bei
Klagenfutt (I 167) brachte die Stadt in Aller Mund.^) Jedoch ist
sie während der Republik zu keiner friedlichen Entwicklung ge-
langt und von den Japuden noch während Caesars Statthalterschaft
heimgesucht worden.'} Erst nach den Eroberungen Octavians
35 V. Chr. konnte sie die Gunst ihrer Lage voll ausnutzen. — Die
ganze Umgegend war vortrefflich angebaut (I 453 A 5), sandte Aepfel
nach Rom *), Wein nach Pannonien.'') Die hölzernen Weinfässer
welche zu Wagen über die Ocra (I 149) von Maullhieren geschleppt
und in Nauportus auf der Save verschifft wurden, haben die be-
sondere Aufmerksamkeit der südlichen Berichterstatter auf sich ge-
lenkt. Aus Italien werden Wein Oel und die Erzeugnisse des
Gewerbfleifses , aus den Donauländern Sklaven Vieh Häute aus-
geführt. Dieser Handel sammelte in Aquileia ungezählten Reichtum. lO)
Die oben mitgelheilte Angabe über den von der Mauer umschlossenen
Flächenraum entspricht der wirklichen Grüfse durchaus nicht. ^i)
Die alte Mauer war 238 u. Chr. niedergerissen und wurde eilfertig
hergestellt, indem man die Vorstädte preisgab. Namentlich nach
der Lagune hin müssen diese sehr ansehnlich gewesen sein. Ein
1) lt. Ant. 126. 128. 281 Hieros. 559 Tab. Peul. vgl. S. 200 A. 1.
2) Vgl. I 165,14; It. Ant. 276 Tab. Peut. Mommsen CIL. Vp. 935 ver-
mutet in ihr die n. 1008a. 7992 erwähnte Fia Amiia und schreibt dem Consui
von 153 oder 128 v. Chr. den Bau zu.
3) Vgl.I 166,15; lt. Ant. 129 Hieros. 560 Tab. Peut.
4) Vgl. I 166,16; It. Ant. 272 Tab. Peut.
5) lt. Ant. 270.
6) Polybios bei Strab. IV 208.
7) Appian 111. 18 Caes. b. Gali. 1 10 Cic. in Vatin. 38.
8) Athen. III 82 c.
9) Strab. IV 207 V 214 VII 314 Herodian VIII 2,3 4,4. 5 Julian or. II 72 a.
10) Mela II 61 ditem Aq. Julian or. II 71 d eftnoQtov nQoe d'aXärrri fiaXa
evSatfiov xai nXovioJ ßgiov.
11) Herodian VIII 2,3 /xeyioTTi nö/.is iSiov St]fiov Ttolvävd'^cojto, , Prokop
b. Vand. I 4.
232 Kapitel III. Venelia und Histiia.
redendes Zeiignifs für die Ilülie der Bevölkerung liel'eru die erhaltenen
InsclirÜten, deren Zahl uiigeLlhr 2000 beträgt. i) — Als latinische
Colonie gestiftet, hat Aqiiileia 90 v. Chr. das Bürgerrecht und Auf-
nahme in die Tribiis Velina erlangt. Durch Augustus wurde es
zum Hang einer Colonie erhoben, büfste denselben aber wieder
ein und erlangte ihn später zurück 2): seine höchsten Beamten
lieifsen durchweg Quattuorvirn. Die Fülle von Gottheiten welche
in den \yeihiiischriften begegnet, spiegelt die bunte Zusammen-
setzung der durch den Handel vereinigten Einwohnerschaft wieder.
Ilaupigolt ist der als Apollo bezeichnete Belenus oder Belinus dessen
Verehrung die Grenzen der Carner nicht überschreitet, deshalb auch
innerhalb derselben entstanden sein wird.*) Der Schutz den er
238 gegen Maximin geleistet haben soll, hat ihm einen geschicht-
lichen Ruf verschafft. ') Sein Tempel stand südöstlich von Aquileia
bei Beligna das vom Gott den Namen führt. — Während die meisten
Städte am Ausgang des Altertums im Sinken begriffen sind, ist hier
das Gegentheil der P'all. Aquileia wird Hauptstadt der Provinz
Venetien^), Kriegshafen und Münzamt"), erhält einen Palast in
welchem die Kaiser seit Diocletian häufig weilten ") , sein Bischof
wird Patriarch. Mit der Zerstörung durch Attila 452 ist die Blüte
für immer dahin; bei dem Einfall der Langobarden 568 siedelt
der Patriarch nach der Insel Gradus^) über, von wo er 1450 seinen
Sitz nach Venedig verlegte. Dafs auf der Insel Grado bereits im
Altertum ein Hafenort lag, ist so gut wie gewifs, aber fraglich ob
er denselben Namen hatte. Mit seinem Aufschwung im Mittelalter
geht der Verfall Aquileia's Hand in Hand. Im Umkreis der zu
1) CIL. V p. 83. 1023. 1096 Pais p. 14. 225 Kaibel inscr.Gr. 2337—78 Arch.-
epigr. Mitlh. aus Oesterreich I 36 fg. IX 248 XIX 205.
2) Colonie Plin. III 126 Ptol. III 1,25 CIL. V 1084. 1127 Pais 93. 198. 211. —
Municipium Vitruv I 4,11 CIL. V 903. 968.
3) Mommsen zu CIL. V 732. Tertullian apolog. 24 ad. nat. II 8 nennt ihn
einen norischen, Ausonius prof. 5,9 11,24 einen keltischen Gott, vgl. Ihm,
Pauly-Wissowa Encycl. III 199.
4) Hcrodian VIII 3,8 vila Maxim. 22.
5) Jord. Get. 219 Paul. h. Lang. II 14.
6) Not. Dign, Occ. 47. 48. 118 Tab. Peut. Die Münzstätte .hat eine um-
lassende Thäligkeit entfaltet, Mommsen Salicis Zeitschr. XV 239 fg.
7) Paneg. Lat. VI 6 Gothofredus Top. Cod. Theud. Justinian Nov. XXlX
praef. Bevejias iv ah Stj xal ^^KvXrjia nöXii roöv inl rijs eansQas fieyCotr]
y.aTujxiaTai xal ßaaihxrjv noXkäxis Süuxav Se^a/ievrj.
8) Paul. h. Lang. 11 10 III 26 IV 4. 33 V 17.
§ 3. Die Carner. 233
einem ärmlichen Dorf gewordenen Stadt hat die Malaria, befördert
durch den Reisbau, sich eingenistet. Seit Jahrhunderten haben
die alten Prachtbauten Tempel Circus Amphitheater Theater usw.
als Steinbruch gedient.^)
Von Aquileia bis Triest sind 26 Minien.2) Halbwegs bei S.
Giovanni di Duino entspringt der Timavus, welcher die Einbildungs-
kraft der Alten viel beschäftigt hat.^) Das Karstgebirge (I 149) ist
eine einförmige Hochfläche, die mit einem Absturz von 350 m am Golf
von Triest endigt. Innerhalb derselben ist die Bildung von Längslhälern
in der Richtung von Nordwest nach Südost zwar begonnen, aber
nicht vollendet worden. Die Flüsse strömen in unterirdischen Ein-
senkungen, deren Decke nur stellenweise eingebrochen ist. So der
Reka oder Recca, dessen Quellen nördlich von Fiume liegen: er
läuft 5 d. Meilen über der Erde, verschwindet zeitweilig, wird
wieder sichtbar, fällt bei S. Canzian (253 m) in eine tiefe Schlucht,
um 5 Meilen weiter am Rand des Gebirges bei S. Giovanni 2 km
vom Meer entfernt hervor zu brechen. Die Alten reden von 7 oder
9 Quellen des Timavus.^) Cluver zählt 6 bei S. Giovanni; eine
siebente kommt aus einem Sumpf, aufserdem achtens der Abflufs
des 4 km entfernten Lago di Pielra Rossa latus Timavi-^) hinzu:
alle ergiefsen sich in einem Bett vereint ins Meer. Polybios be-
hauptet dafs die Quellen bis auf eine einzige salziges. Andere be-
haupten dafs alle süsses Wasser hätten. Beide Theile haben Recht:
bei niedrigem Seestand sind die Queilen süfs; bei hohem Seestand
dringt das Seewasser durch unterirdische Verbindungspalten in die
Quellen und macht sie brakisch, die eine ausgenommen, welche
oberhalb der genannten Kirche entspringt. Zu diesen Naturwundern
kam noch hinzu, dafs etwa 2 km nach West entfernt heifse Quellen
am Meer zu Tage treten (Bagni di Monfalcone), die von den
Römern wie ihren Nachkommen zu Badezwecken benutzt wurden.^)
1) Maionica, Aquileia zur Römeizeit, Görz 1881; ders. Fundkarte von
Apuileia, Görz 1893,
2) lt. Ant. 270. 273 rechnet je 12 vom Timavus nach Aquileia und Triest,
Tab. Peut. richtiger 14 nach Triest. Strab. V 215 180 Stadien zu niedrig,
Flin.III 127 33 Millien zu hoch.
3) Ausführlich und einsichtsvoll behandelt von Cluver It. ant. I89fg.
4) Polybios bei Strab. V 214 Martial IV 25,6 Serv. V. Aen. I 244 geben 7,
Vergil a. 0. Mela II 61 Claudian VI cons. Hon. 197 geben 9 an.
5) Liv. XU 1 Claudian III cons. Hon. 120.
6) Plin. II 229 HI 151 verlegt sie lalschlich auf eine Insel statt einer Halb-
insel. Tab. Peut.
234 Kapitel III. Venetia und Histria.
In Anlehnung an alte weit verbreitete Anschauungen (I 103) suchten
die Lniwohner an dieser Stelle die Quelle und Mutter des Meeres.')
Den Geographen gab sie den Anlafs zu jenem Zerrbild von der
Gabelung «ler Donau, welches vom vierten Jahrhundert v. Chr. bis
in die Kaiserzeit hinein in der Lilleratur begegnet (I 10). Die
Dichter verknüpfen den Timavus mit den Fahrten der Argonauten
und der Helden von Troia.^j Mit dem Vordringen der römischen
Waffen wird der wahre Zusammenhang der merkwürdigen Er-
scheinung den Naturkundigen im letzten Jahrhundert v. Chr. ge-
läufig.^) Die Heiligkeit des Ortes (and in einem dem Timavus
geweihten Tempel seinen Ausdruck; aus Inschriften erfahren wir
dafs in römischer Zeit der Minerva und Spes Augusta Capellen
errichtet worden sind.^) Der Timavus wird noch vom Gebiet
Aquileia's eingeschlossen ^), liegt aber nahe bei der Grenze gegen
Istrien, der alten Landesgrenze Italiens (S. 226 A. 5). Am Timavus
zweigt von der Küsten- die binnenländische Strafse nach Finme
ab (S. 231).
Die grofse pannonische Strafse*») läuft am rechten Ufer des
Isonzo und überschreitet ihn auf dem Pons Sonti 16 Millien von
Aquileia wenig oberhalb der Einmündung der Wippach.') Dem
Thal des Frigidus fluvius der Wippach **) folgend , steigt sie zur
Pafshöhe in Alpe Julia an. 9) In der Kriegsgeschichte wird die
Strafse häufig erwähnt: der Isonzo dessen Brücke die Aquileienser
238 zerstört halten, hielt den Maximin 3 Tage lang auf; an dem-
selben erfocht Theoderich 489 seinen ersten Sieg über Odoaker;
an der Wippach wurde Eugenius 394 von Theodosius geschlagen.
1) Polybios bei Strab. V 214 Varro bei Serv. V. Aen. I 246.
2) Strab. 1 46 (Arisl.) de mirab. ausc. 105 Veig. Aen. 1 244 Ecl. 8,6 Georg.
III 475 Martial IV 25,6 VIII 28,7 Lucan VII 194 Auson. ordo uib. nob. 162.
3) Posidonios bei Strab. V 215 Plin. II 225.
4) Strab. V 214 CIL. V 706 fg. Eine Weihinschrift an Timavus in der
Fremde Pais 380.
5) Plin. II 225 iMartial IV 25,5 Vib. Sequ. fontes.
6) Alfons Müllner, Emona, Laibach 1879, p. 109 fg.
7) CIL. V 79S9 Tab. Peul. Herodian VIII 4,1 vita Maximin. 22,4; Gassiod.
var. I 18 ehr. a. 489 Exe. Vaies. 50 Jord. Gel. 293.
8) It. Ant. 128 Tab. Peut. Glaudian III cons. Hon. 99. Sokrates h. eccl. V 25
Pbilostorg. h. eccl. XI 2 Hist. misc. XIII 14.
9) Die Grabschrift eines im Kampf mit den Räubern in ^l/jes Jul{ias) loco
qtind apellatur Scelerata gefallenen Soldaten ist erhalten Pais 58 = 1110.
§ 3. Die Carner. 235
Der Pafs wie die anstofsenden Alpen sind nach Octavian benannt
(I 149). Das Pilgerbuch von 333 verzeichnet auf der Pafshöhe
eine Station ad Pirum zum Birnbaum ^): an dies "Wirtshauszeichen
(S. 59) knüpft die heutige Benennung Birnbaumer Wald an,
welche die ehemalige Ocra'^) verdrängt hat. Jenseit der Pafshöhe
folgt die Station Longaticum Loitsch, dann Nauporttis Oberlaibach
und Emona Laibach (F 166). Wie weit die Feldmark Aquileia's auf
der Hochfläche sich erstreckt habe, ist nicht zu sagen. Zwischen
derselben und der Station ad Fines 20 Milben westlich von Siscia
befindet sich ein Bezirk mit der Hauptstadt Emona, welcher eine
ähnliche Sonderstellung zwischen Pannouien und Italien einnimmt
wie die Seealpen und das cottische Reich zwischen diesem und
Gallien. 3) Er hat in langobardischer Zeit den Namen Carniola
Kleincarnia, von seinen slavischen Bewohnern den Namen Rrain
(Grenzland) erhalten.'*) Im dritten Jahrhundert wird er unzwei-
deutig als zu Italien gehurig betrachtet; ob und seit wann er dessen
Rechtstellung getheilt hat, lassen wir auf sich beruhen, da in der
früheren Kaiserzeit solches nicht der Fall war.^)
Die norische Strafse verband Aquileia mit Virunum und der
Donau (S, 231). Ihr Gang läfst sich genauer bestimmen als I 165
geschehen ist. Sie führte den Natiso aufwärts nach dem 30 Millien
entfernten Forum Julii Cividale d' Austria oder del Friuli (135 m),
dessen Name deuthch mit einer Strafsenanlage zusammen hängt. ß)
Diese Gründung Octavians welche zur Unterscheidung von Iria in
Ligurien (S. 159) den Beinamen Transpadanorwn bekommen hat,
fällt 35 V. Chr. oder kurz darauf, hat aber nach dem Vorrücken
der Reichsgrenze an die Donau ihre Wichtigkeit verloren. Wenn
daher Ptoiemaeos die Stadt Colonie nennt, so kann dieser Rang
höchstens von den Mafsnahmen eines späteren Kaisers herrühren.
1) It. Hieros. 560.
2) Strab. IV 202. 207 V 211 VII 314 Ptol. II 12,1 III 1,1. Plin. III 131
bezieht den Namen wol mirsverständlicii auf eine untergegangene Stadt der
Carner.
3) Ptol. II 14,5 Mommsen CIL. III p. 483. 489 Detlefsen Herrn. XXI 552 fg.
4) Zeufs, die Deutschen 620.
5) Emona fehlt in den augustischen Gensuslisten von Italien die Plinias
giebt, steht vielmehr unter Pannonien III 147. Zu Italien gerechnet Herodian
"VII 12,8 VIII 1,4.
6) Plin. III 130 Ptol. in 1,25 Cassiodor var. XII 26 Geogr. Rav. IV 30. 31
V 14 Paul. h. Lang. II 14 und oft. CIL. V p. 163. 1051 Pais p. 47, Kaibel 2379.
236 Kapitel III. Venetia und Histria.
Die Bilrgerschalt war in die Tribus Scaptia eingetragen. Dafs die
I>angobarden den Ort berühmt machten, wurde S. 225 angedeutet.
— Das Reisebuch giebt die Entfernung von Aquileia nach Viruuum
zu 108 Milben an. Dies Mals ist lür den Weg aus dem Thal des
Tagliamenlo und Fella über den Saifnitzpafs nach Tarvis zu klein.
Dafs der letztere einer Romerstrafse entspricht, wird nicht be-
stritten: aber das Reisebuch bezieht sich auf eine andere. Von
Forum Jiilii läuft nämlich eine Strafse den Naliso hinauf, auf be-
quemem Uebergang an den Isonzo, von diesem über den Predilpafs
(1165 m) nach Raibl und das Schlitzathal abwärts nach Tarvis.
Diese kürzeste Verbindung zwischen Aquileia und Virunum triflt
allein auf die Angaben des Reisebuchs zu ; die angeführten Stationen
sind bisher noch nicht ermittelt worden. i) — Der Zug den die
Reisekarte verzeichnet, ist auf einen Umweg sei es durch das Thal
des Tagliamento oder wol eher des Isonzo zurückzuführen.
Die raetische Strafse wird bei Venantius von Aguontum Lienz
an der Drau ausgehend so beschrieben:
hinc pete rape vias uhi Julia tendüur Alpes
altivs adsurgens et mons in nubila pergit.
inde Foro Juli de nomine principis exi
per rupes Osope tuas, qua lamhilur nndis
et super instat aquis Reunia Teliamenti.
hinc Venetum saltus campestria perge per arva
submontana quidem castella per ardua tendens
aut Aquiliensem si forte accesseris nrbem ...
Von dem Irrtum abgesehen dafs der Dichter Julium Carnicum
mit Forum Juhi verwechselt, ist seine Schilderung vollkommen
klar,2) Das Reisebuch erwähnt als erste 30 Millien von Aquileia
entfernte Station ad Tricesimum die ihren alten Namen Tricesimo
(197 m) nördlich von Udine bewahrt hat.-^) Von hier wendet sich
die Strafse nach West dem Tagliamenlo zu und vereinigt sich mit
1) F. Pichler, Virunum p. 106 fg., Graz 1888. — Als erste Station von
Aquileia 30 Millien entfeint wiid genannt ^lawi öeleio f . heloio F. bellono:
es mufs Forum Julii heifsen. Wie die Verderbnils entstanden sei, läfsl sich nicht
erraten. Die zweite Station Aarrce fällt an den oberen Isonzo ; der Name mag
ähnlich wie ad Pirum (S. 235) von einem Wirtshauszeichen herrühren.
2) Venant, vita S. Martini IV 651 fg. Paulus der den Inhalt dieser Verse
h. Lang. II 13 wiedergiebl, hat den Irrtum bemerkt; denn er läfst bei der Auf-
zählung der berührten Ortschaften verständiger Weise Forum Julii weg.
3) II. Ant. 279 CIL. V p. 167 Pais p. 48.
§ 4. Die Hislrcr. 237
der von Concordia kommenden (S. 228 A. 7). Die von Venanlius auf-
gezählten Ortscliaften Reunia Ragogna (235 m) am Tagliamento bei
S. Daniele und Osopus Osoppo (185 m) nürdlich davon kommen bei
älteren Schriftsteilern nicht vor.') Abseits von der Strafse liegt
das gleichfalls von keinem antiken Schriftsteller erwähnte Glemona
Gemona (307 m) das nach einer Inschrift später Stadtrecht erlangt
zu haben scheint. 2) Weiler gabelt sich die Strafse: der rechte Arm
führt über den Saifnitzpafs (I 165, 14) und erreicht bei Pontebba
die Zollgrenze gegen Illyrien^); der linke Arm erreicht 60 Millien
von Aquileia Julinm Carnicum Zuglio (430 m) 6 km nördlich von
Tolmezzo.^) Nach der ausdrücklichen Angabe des I'tolemaeos nimmt
die Stadt eine Sonderstellung zwischen Italien und Noricum ein.^)
Bei der Unterwerfung der Carner 35 v. Chr. hat Octavian in diesem
castellum oder conciliabulum — auf eine derartige Eigenschaft deutet
die neutrale Form des Namens hin — das Centrum für die Ver-
waltung des Gebiets am oberen Tagliamento geschaifen. Als Kaiser
hat er ihm Stadtrecht verliehen, da der Ort in den Censuslisten
bei Plinius vorkommt. Weiter wird er vor Claudius' Tod colonia
Julium Carnicum und Sitz des procurator in Norico; seine Beamten
heifsen Duovirn, seine Bürger geboren der Tribus Claudia an. Das
Gebiet wird im Norden durch die Wasserscheide begrenzt und stiefs
im Süden an dasjenige von Aquileia. In der Langobardenzeit war
Julium Carnicum noch Bischofsitz, ist aber jetzt nur ein Dorf.
Von hier läuft die alte Strafse den But aufwärts auf die Höhe des
M. Croce (1 165, 13) und erreicht die Zollgrenze.'-)
§ 4. Die Histrer.
Die 64 d. GM. grofse Halbinsel welche dem venetischen Niederland
gegenüber vorspringt, trägt denselben Charakter wie das angrenzende
Karstgebirge. Ihre höchsten Erhebungen liegen an der Ost-Seite,
1) Wol aber bei Paulus b. Laug. IV 37 II 13 der auch Arlenia Artegna
(189 m) in der Nähe anführt.
2) Paul. h. Lang. IV 37 CIL. V p. 169. Die Uebereinstimmung der Tribus
zeigt dafs es früher zu Julium Carnicum gehörte.
3) CIL. V 8650.
4) Piin. m 130 Ptol. II 13,3 VIII 7,5 It. .\nt. 279 Paul. h. Lang. II! 26 CIL.
V p. 172. 1053 Pais p. 49.
5) Detlefsen Herrn. XXI 547 fg.
6) CIL. V 1864.
238 Kapitel 111. Venelia und Histria.
wo tier M. xMaggiore 1396 ni ansteigt. Von hier fällt sie stufen-
lörniig ohne durchgefüinte Thalhildiing nach Westen ab: die Flüsse
verlieren sich streckenweise iu unterirdischen Betten, das Meer
dringt in schmalen Führden tief in das Land ein. Der Kalkboden
aus dem es besteht, ist dem Oelbaum dienlich : durch seine Pflege
hat die istrische Halbinsel (I 454) wie die verwandte apulische ihren
Wolstand begründet. Freilich mufs die Schilderung welche das
Klima loht, den Reichtum an Oel Wein und Weizen hervorhebt,
Istrien als das Campanien Ravenna's bezeichnet^), auf den West-
Rand beschränkt werden: die Hochflächen im Innern haben von
der Bora (I 384) viel zu leiden. — Der Zusammenhang des illyrischen
Stammes, dem Hislrer wie Veneter angehörten (I 493), ist durch
das Vordringen der Kelten zerrissen worden. Auf der Halbinsel
eingeengt, machten die histrischen ähnlich wie die ligurischen oder
die anderen illyrischen Gaue die See unsicher, bis ihnen von Rom
das Handwerk gelegt wurde. Da die römische Herrschaft von der
Liveriza ab über einen schmalen Küstensaum nicht hinausreichte,
so sah die Regierung der Republik in der Regel davon ab einen
eigenen Statthalter nach Illyrien zu entsenden. Am Timavus war
die italische Grenze: Aquileia war die erste italische (S. 226), Ter-
geste die letzte iflyrische Stadt.^) Caesar rückte die Grenze Italiens
6 Mühen südlich von Tergeste an den kleinen Formio Risano oder
Reka^) bei Capo d' Istria an den Fufs der Halbinsel vor (1 77 A. 3).
Im Anschlufs an die Ordnungen der Republik lassen Strabo und
Ptolemaeos Istrien am Timavus beginnen, während Plinius der durch
Caesar veranlafsten Aenderung folgend, den Formio für den Timavus
einsetzt. Als Ostgrenze Istriens g<'gen Liburnien betrachten alle
drei den Arsia Arsa^), der nach einem von Nord nach Süd gerich-
teten Lauf von 40 km durch einen an der Mündung nur 600 m
breiten, aber nicht weniger als 17 km in das Land einschneidenden
Meerescanal fortgesetzt wird. Diesen Einschnitt hat Augustus kurz
vor seinem Tode (I 81 A. 1), als gleichzeitig die illyrischen Provinzen
neu eingerichtet wurden, zur Grenze von Italien gemacht, die auch
im Altertum nicht überschritten worden ist.
1) Cassiodor var. XII 22.
2) Mela II 57.
3) Plin. III 127 Ptol. III 1,23; Geogr. Rav. IV 36 Rusano.
4) Flor. I 21,1 Plin. III 44. 129. 132. 139. 150.
§ 4. Die Histrer. 239
Nicht weit vom Timavus — Cluvcr vermutet an der Stelle von
Castel Duino — lag castellum Pucinum, dessen vorzüglichem Wein
die Gemahlin des Augiistus ihre S2 Lebensjahre zuschrieb. i) Die
Strafse von Aquileia erreicht nach 26 Millien (S. 233 A. 2) Tergeste
Triest.2) Die Stadt liegt am Abhang des vom Castell gekrönten
Hügels (94 m) an einer nach Nordwest geöffneten Bucht. Der gute
Hafen hat naturgemäfs den Verkehr angelockt: eine alte Strafse
führte über die Ocra hinüber nach Nauportus^), sich mit derjenigen
von Aquileia vereinigend. Um 100 v. Chr. wird der Ort zum ersten
Mal von Artemidor genannt.^) Wie der Ueberfall 52 v. Chr. lehrt ^),
hatte er die benachbarten Alpenvölker zu fürchten. Von solcher
Furcht wurde er durch die Siege Octavians befreit. Octavian
stiftete hier eine Colonie, errichtete 33 v. Chr. Mauer und Thürme
zu ihrem Schutz, verlieh ihr die Herrschaft über Stämme der Carner
und Cataler.6) Der Eigenschaft als Colonie entsprechend heifsen
die Beamten Duovirn; die Bürger gehören der Tribus Pupinia an.
Dergestalt wurde Tergeste in den Gürtel von Festungen ein-
gefügt, welche der Kaiser nach und nach zur Sicherung Italiens
und zur Wahrung der eigenen Macht gegründet hat. Allerdings
kam es der Mehrzahl weder an Bedeutung noch an Gebiet gleich.
Die Feldmark mit etwa 30 d. DM. erstreckte sich über das Ge-
lände vom Timavus bis zum Formio, weiter über die tributpflich-
tigen und erst durch Antoninus Pius mit latinischem Recht be-
dachten Stämme der Catali im Innern der istrischen Halbinsel und
der Carni auf dem Karst.') Davon kann aber nur der kleinere
Theii als fruchtbar gelten. Als Ausfuhrhafen stand Tergeste eben-
so weit hinter Aquileia , wie im Mittelaller hinter Venedig zurück.
1) PÜD. III 127 XIV 60 XVU 31 Ptol. III 1,24.
2) Artemidor (bei Steph. Byz. Te'yeaT^a) Ptoi.III 1,23 T^'^/eaT^«)»' Marinos
bei Ptol. I 15,4 TsoyeoTOv Dion. Per. 382 Tsyear^dioi. Bei den Römern Ter-
geste Tergestini.
3) Strab. VII 314 eis SXoe Aovyeov xahivftsvov d. h. das grofse Laibacher
Moos, vgl. Veli. II HO.
4) Bei Steph. Byz., nach ihm Stiab. VII 314 xio^r} Kuqvixti V 215
tpQOVQlOV.
5) Hirt. b. Call. VIII 24.
6) Plin. III 127 Ptoi.III 1,23 CIL. V p. 53. 1022 Kaibel 2383.
7) Plin, III 133 CIL. V 532. Der Name des zwischen Görz und Fiume
liegenden Gebirges m. Carmadins Carso Karst scheint von den Carnern her-
zurühren.
240 Kapitel III. Venelia und Histria.
Der von ilim bedeckte Flächenranm, die heulige Altstadt über-
schreitet kaum 20 lia. Sein Aufschwung beginnt erst im 18. Jahr-
hundert.
Von Triest führt die 78/79 n. Chr. erbaute via Flavia nach
dem 78 Milben entfernten Pola, wo sie endigt. •) Unter den Küsten-
plätzen wird von fMinius Agida als von römischen Bürgern bewohnt
erwähnt: darunter scheint das auf einer Insel befindliche mit dem
Festland durch einen Damm verbundene Capodistria verstanden
werden zu müssen, weil es den gröfsten Bestand an Inschriften auf-
weist. 2) — An der Mündung des 48 km langen Quieto liegt Neapolis
Cittanuova, das nach den Inschriften zu schliefsen in der späteren
Kaiserzeit Stadtrecht besafs.^) — Die Via Flavia die sich vom Formio
ab landeinwärts gehalten hatte, tritt bei Parentimn Parenzo wieder
an die Küste.'*) Die Stadt heifst colonia Julia: Pliuius kennt sie nur
als oppidum, mithin wird wol die Erhebung zur Colonie dem Kaiser
Tiberius verdankt. Die Bürgerschaft war der Tribus Lemonia zuge-
theilt. Der Hafen ist im Altertum wie im Mittelalter viel besucht
worden; an ihm erhob sich ein Tempel des Neptun. — Von Parenzo
bis Pola werden 31 Millien gezählt. Die Strafse berührt südUch
von der Mündung des 43 km langen in engem und tiefem Spalt
fliefsenden Lerne den blühenden Ort Bovigno der durch seine Oel-
und Weinausfuhr bekannt ist. Er wird als Ruginium Ruignum
Revingum in der ravennatischen Rosmographie erwähnt und gehörte
zum Gebiet von Pola.'') — Ein dichter Saum von Eilanden und
Klippen fafst die ganze Küste ein, die überlieferten Namen lassen
sich nicht auf der Karte mit Sicherheit unterbringen. ,,Pola, schreibt
Strabo, ist an einem Golf der einem Landsee gleicht und kleine
Inseln mit guten Ankerplätzen und fruchtbarem Boden enthält, ge-
gründet." Die grüfste Insel heifst jetzt Brioni, bei den Alten
Pullaria.*') Ein mit Sklaven und anderem Besitztum ausgestatteter
Tempel der Minerva lag auf der insula Minerma wo den Apsyrios
Jason getödtet und Medea bestattet hatte: sie stiefs an die Insel
1) It. Ant. 271 Tab. Peut. CIL. V p. 934.
2) Plin. III 129 CIL. V p. 49. 1022 Pais p. 13. 224.
3) Geogr. Kav. IV 30. 31 V 14 CIL. V p. 39. 1021 Pais p. 11.
4) Plin. III 129 Ptol. III 1,23 Steph. Byz. H. Anl. 271 Tab. PeuL Geogr. Rav.
IV 30. 31 V 14 CIL. V p. 35. 1020 Pais p. 10. 223.
5) Geogr. Rav. IV 30. 31 V 14 CIL V p. 33. 1020 Pais p. 10.
ii) Plin. III 151 Tab. Peul.: Strab. V 215.
§ 4. Die Histrer. 241
CanlaJ) Welche aus der Brioni umgebenden Gruppe gemeint sind,
wissen wir nicht. Dagegen begegnet die derselben angehörige Orzera
als Ursaria auf der Reisekarte verzeichnet, Man kann den Namen
Absyrtides auf die Brioniinseln beziehen, aber mit gleichem Recht
auf andere Orte des illyrischen Archipel an denen die Medeafabel
haftet. 2) Noch unbestimmter sind die in ihre Nähe verlegten
Electrides oder Bernsteininseln, die in älterer Zeit an den Po-
mündungen gesucht wurden. 3)
Die Fahrten der Argonaulen in denen das Erdwissen des alten
Hellas seinen dichterischen Ausdruck erhielt, wurden seit dem
Wachstum des Verkehrs im vierten Jahrhundert über das Nordende
der Adria ausgedehnt. Die verfolgenden Kolcher verzichteten auf
Heimkehr und gründeten am sinns Polaticus *) Tlölai wie Kalli-
machos sagt^):
Ol (.iBV STt ' IkkvQioio nÖQov oxoioaavreg kgerfia
Xäa naga ^avd^fjg '^Q/novitjg räcpiov
aatvQOv tKTiaaavTO, x6 x€v g)vyädojv rig eviOTtoi
Fguixog, araq xslviov ylwao^ ovofxrjve IloXag.
Wol war es nach den Worten des Dichters ein Städtchen; denn
die von der Mauer umschlossene Fläche mifst wenig über 16 ha. 6)
Heute ist es auf denselben Stand zurückgekehrt und nur wegen
seiner vorzüglichen Rhede die von keiner anderen an der oberen
Adria erreicht wird, als oesterreichischer Kriegshafen bekannt.
Dagegen hat es in der Kaiserzeit eine Epoche des Glanzes durch-
lebt von der die Schriftsteller schweigen, die Denkmäler reden.'')
Den Römern hiefs die Stadt Pola, die Einwohner Polates^) später
Polenses. Etwa gleichzeitig mit Tergeste 34 v. Chr. wurde sie zur
Colonie erhoben, nach Piinius unter dem Namen Pietas Julia, nach
einer Inschrift colonia Julia Pola Pollentia Herculanea, wozu die
Bezeichnung der städtischen Freigelassenen Pollentii stimmt. 9) Aus
t) CIL. V 8139 vgl. 170. 244 Hygin fab.23.
2) Smb. VII315 Plin. 111151 ApoUon. IV 4SI.
3) PliD. III 152 Strab. V 215 Skylax 21 Skymnos 374.
4) Mela II 57.
5) Bei Strab. I 46 V 215 vgl. Lykopli. AI. 1021 fg. Mela li 57 Fliii. lU 129.
6) Kandier, Notizie di Pola, Parenzo 1876.
7) CIL. V p. 3. 1016 Pais p. 8. 222 Kaibel 2384—88.
8) Steph. Byz. CIL. V 8184.
9) Plin. HI 129 Mela II 57 CIL. V 8139.
Nissen, Ital. Landeskunde. IL 16
242 Kapitel III. Venetia und Histria.
deo Inschriften geht hervor dafs eine ausgedehnte Doniänenver-
wahung in Pola ihren Sitz hatte, dafs Pola hohen Gefangenen zum
Aufeiilhalt diente, endlich seine Ergehenheit gegen den Kaiser jeder-
zeit beflissen kund gab. Die spärhchen Erwähnungen in der Littera-
lur nehmen ausschhefslich auf seine Eigenschaft als Hafenplatz Be-
zug.i) Als solcher halte es für den Verkehr zwischen Italien und
der dalmatinischen Küste eine ungleich gröfsere Wichtigkeit als
Tergeste. Von seiner Blüte zeugt am Lautesten das stattliche Amphi-
theater aus istrischem Marmor (Umfang 138 X 1^3 m Arena 70 X
45 m) das zu den bedeutendsten Bauwerken dieser Gattung zählt.
Erhalten ist ferner ein nach 2 v. Chr. der Roma und Augustus er-
richteter Tempel, ein anderer zum Rathaus umgebauter Tempel, ein
Ehrenbogen aus augustischer Zeit, ein Theater, zwei Thore. Die
Stadt dehnte sich weit über den ihr durch die Mauer angewiesenen
Raum hinaus. Ihr Niedergang war entschieden, sobald der politische
Schwerpunct von der italischen Halbinsel fortgerückt wurde. Im
Mittelalter diente sie den neu erblühenden Seestädten als Steinbruch.
Die Halbinsel endigt im promunturium Polaticum'^) Punta di
Promontore 45^ 14'. An der Ostseite in der Nähe von Altura am
Val Bado lag Nesactium, sei es von Pola abhängig oder ein selbst-
ständiges Gemeinwesen. 3) Im Inneren wohnten von Pola bis Tergeste
die Stämme der Fecusses, Siibocrini, Catali, Menoncaleni, Carni*):
Cataler und Carner waren bezeugter Mafsen Unlerthanen von Ter-
geste (S. 239); in ähnlicher Weise werden die übrigen Pola und
Parentium zugelheilt gewesen sein. Einer von ihnen hatte in Pi-
quenlum Pinguente eine städtische Vereinigung.^) Die zahlreichen
Grabschriflen mit ihren barbarischen Namen zeigen anschauUch, dafs
die illyiische Nationalität in diesem abgelegenen Landstrich bis tief
in die Kaiserzeit sich behauptete.
1) Ptin. 111 129. 140 It. Ant. 271. mar. 496 Tab. Peut. Geogr.Rav. IV 30.31
V 14 Plol. III 1,23 Prokop. b. Golh. III 10.
2) Sleph. Byz, Strab. VII 314.
3) Piin. III 129. 14U Ptol. III 1,23 Geogr. Rav. IV 31 V 14 CIL. V p. 2. 1015
Pais p. 7. Bei Liv. XLI 11 mit einiger Wahrscheinlichkeit aus et maltius
hergestellt.
4) Piin. III 133.
5) Ptol.IU 1,24 CIL. V p. 44. 1022 Pais p. 12.
KAPITEL IV.
Die Aemilia.
Die achte Region wird im Norden vom Po und nach der Strom-
spaltung vom Hauptarm Volane (S. 214), im Osten von der Adria,
im Süden durch den Flufs Crustumium Conca i), im Westen durch
den Appennin und den Ira StalTora (S. 159) begrenzt. Sie ent-
spricht annähernd der heutigen Landschaft Emilia mit den Provinzen
Piacenza Parma Reggio Modena Bologna Ferrara (zum Theil) Ravenna
Forli und einem Flächeninhalt von rund 355 d. Q M. 19500 Dkm.
Sie reicht so weit nach Süden wie die Ebene des Po und endigt
ungefähr da, wo der Subappennin an die Küste herantritt. Ihre
grofse Verkehrsader ist die Strafse deren Namen sie trägt. Die
via Aemilia 187 v. Chr. vom Consul M. Aemilius Lepidus erbaut,
verbindet die Grenzfestung der Halbinsel Ariminum mit der Pofestung
Placentia.2) Diese 176 Millien lange Strafse einem riesigen Decu-
manus vergleichbar scheidet das Land in zwei Hälfien: rechts nach
Nordost die dem Meer zugeneigte Ebene, links nach Südwest das
ansteigende Hügelland des Appennin. Die Ebene theilt die Frucht-
barkeit der venelischen und transpadanischen, ist aber der Halbinsel
viel näher gerückt. Während die Gewässer nördlich vom Po den
Alpen entströmen und in die fremdartige Gebirgswelt Mitteleuropa's
hineinführen, schneiden zahllose Querlhäler in den Stamm des
Appennin ein und erleichtern den Uebergang zu den Gestaden der
tyrrhenischen See. Der Umstand dafs die Aemiha einen Breilengrad
südlicher liegt als die Transpadana, offenbart sich in der geschicht-
lichen Entwicklung. — Sie weist uralte Städte auf, wie Spina
1) Plin. III 115, Lucan II 406 rapax, Tab. Peul., Vib. Sequ. p. 147 Riese.
2) Strab. V 217 It. Gadit. Ant. 99. 126. 286 Hier. 615 Tab. Peul. CIL. I
535—37 Liv. XXXIX 2; die Angabe Strab. V 217 von dem Lauf der Via Aemilia
nach Aquileia beruht auf Verwechslung (S. 227).
16*
244 Kapitel IV. Die Aemilia.
RavoDDa Bononia Ariminum, die voo der erstgenaunteu abgesehen
alle Slilrme überdauert haben. Die See übt ihre bildende Kraft
aus. Ein Durchgangsland für alle Wanderscharen ist es von Um-
brern und Elruskern umstritten worden, bis die Kelten in breiten
Massen im fünften Jahrhundert v. Chr. Besitz ergriffen: die Änamari
im Nordwesten am Po, die 112 Gaue der Boii, die Lingones in den
Niederungen am Meer, die Senones südlich vom Ulis Montone
(1 477), Daneben erhielten sich einzelne ligurische umbrische und
etruskische Gemeinden. Im dritten Jahrhundert dringen die Römer
erobernd vor, fassen 268 mit der Gründung einer Colonie in Ari-
minum am Südende, 218 mit der Gründung von Placentia am
Nordende festen Fufs, nehmen den Boiern 191 ihre halbe Feldmark
ab und verleihen durch umfassende Ansiedlungen dem Lande das
romanische Gepräge welches seitdem Stand gehalten hat (I 76. 482).
Damit geht die Anlage von Städten Hand in Hand. Die Census-
listen des Augustus zählen 26 selbständige Gemeinden in dieser
Region, so dafs sie die Mitte hält zwischen den grofsen Verwaltungen
des Nordens und den kleinen der Halbinsel, zwischen der Armut und
dem Reichtum an Städten. Auch ist das römische Btirgerrecht bereits
90 V. Chr. bis an den Po ausgedehnt worden, 40 Jahre früher als
es den Fufs der Alpen erreichte. Die Blüte der Städte eilt der-
jenigen in der Transpadana zeitlich weit voraus und wird erst im
Lauf der Kaiserzeit von jener übertroffen. Zum Schlufs wechselt
das Blatt wieder: im fünften Jahrhundert mufs Mailand hinter Ra-
venna zurücktreten, aus dem allgemeinen Verfall der italischen
Städte leuchtet Ravenna in strahlendem Glänze. — Ein unter-
scheidender Name hat dieser Landschaft lange gefehlt. In älterer
Zeit heifst dem Römer das von Kelten bewohnte Land innerhalb
der Alpen schlechthin Gallia oder provincia Ariminum.^) Die ein-
zelnen Theile werden nach den Stämmen bezeichnet, der südlich
vom Po gelegene Theil nach den Boiern, dem mächtigsten Stamm,
ohne dafs doch ein fester Sprachgebrauch sich ausgebildet hätte.2)
Vorübergehend von Sulla bis Caesar hat der Rubicon Italien und
Gallien getrennt (I 76). Die Eintheilung des Augustus entsprach
den natürlichen Verhältnissen besser; auch mag wol ihr Urheber
1) Liv. XXIV44XXVIII 38. 46 XXIX 5 XXX 1 XXXII l XXXVIII 42 XL 18.
2) Wunderlicher Weise schreibt Ptolemaeos III 1,20 die Küste vom Rubicon
bis zur Pomündung den Boiern zu und bezeichnet eb. 42 das Binnenland als
Gallia Togata.
§ 1. Die Küste. 245
absichtlich mit der von Sulla herrührenden Tradition gebrochen
haben. Im Volksmund kommt sodann die Uebung auf die Region
nach ihrer Hauptslrafse zu benennen: in amtlicher Sprache wird
sie im zweiten Jahrhundert angenommen, i) Durch Marc Aurel oder
Diocletian wurde der Küstenstrich um Ravenna abgetrennt und nur
kurze Zeit um 399 n. Chr. wieder mit ihr vereinigt.^) In der
Langobardenzeit gilt die Aemilia als zehnte Provinz Italiens. — Die
heulige Mundart erinnert durch ihr ausgesprochen gallisches Ge-
präge daran dafs die Gallier den Hauptstock der Revölkerung gestellt
haben. Aber im Unterschied von der Transpadana (S. 22) ist der
Zusammenhang der Stämme südlich vom Po durch die Politik Roms
völlig zersprengt worden. Deshalb läfst sich die in den vorigen Kapiteln
eingehaltene Gliederung des Stoffes nach Stammgebieten bei dieser
Region nicht durchführen. Die natürlichen Verhältnisse geben eine
Zweitheilung an die Hand. Die gesonderte Rehandlung von Küste
und Binnenland erscheint um so mehr gerechtfertigt, als diese
beiden Naturgegensätze zu wiederholten Malen verschiedene Bahnen
in der Geschichte eingeschlagen haben.
§ 1. Die Küste.
Die Aemilia wird auf einer 100 km langen Strecke vom Meer
bespült; die grüfsere Hälfte ihrer Küstenentwicklung gehört dem
adriatischen Lagunengebiet an. Die Thätigkeit der Flüsse hat dessen
Aussehen gründlich verändert und die hohe Bedeutung die ihm einst
zukam, für den flüchtigen Betrachter verwischt (1 200). Zu An-
beginn der Geschichte ging der Abflufs des Po nicht wie jetzt nach
Ost sondern nach Südsüdost, eine seitdem ausgefüllte Lagune, aus-
gedehnter als die von Comacchio (I 204) , reichte bis in die Nähe
des Rubicon. Die Fischerei und der von Natur gebotene Schutz
hat die Besiedlung der Laguneninseln veranlafst (I 207). An den
Orten wo die grofsen Verkehrswege zusammenstiefsen, sind die
Fischerdörfer zu Städten angewachsen. Dies war an den südlichsten
Lagunen der Fall, insofern der Po auf der einen, die Appennin-
5) Martial III 4 VI 85,6; CIL. VI 332 VIII 597.5354 X 5178. 5398.
6) Paul. h. Lang. 11 18 CIL. VI 1715.
7) Quellen: Strab. V 216—18 Plin. III 115. 16 Ptol. III 1,20.42 CIL. XI 1.
Galindri, Dizionario topografico della provincia ßolognese, 6 vol. Bologna
1781 fg. Von der italienschen Generalslabskarte kommen in Betracht die Biälter
59-65. 71—77. 84-89. 98—101.
246 Kapitel IV. Die Aemilia.
thäler auf der anderen Seite hier ausmündeten. Der Aufschwung
dieser Städte fallt in sehr frühe Zeil: Spina war bereits dem Hella-
nikos bekannt (S. 213), seine Gründung wie diejenige Ravenna's
wurde den Hellenen beigelegt. Ihre Macht kann nicht ganz gering
gewesen sein: wenn auch die Kelten den Zugang zum Meer er-
kämpften (S. 212), scheinen einzelne ihre Unabhängigkeit gerettet
zu haben. Hom fand in den erhaltenen umbrischen und etrus-
kischen Gemeinden natürliche Verbündete, gewann zunächst die
Küste, um seiner aller Orten befolgten Politik gelreu von dieser aus
in das keltische Binnenland vorzudringen. In der Zwischenzeit
welche nach der Colonisirung Ariminums 268 und vor dem Aus-
bruch des grofsen Kriegs 225 v. Chr. fällt, hat es das Ziel erreicht
das Mündungsgebiet bis zur carnischen Grenze seiner Bundes-
genossenschaft einzuverleiben. Als seine Waffen sodann den Sieg
errungen hatten, und seit dem Anfang des zweiten Jahrhunderts
V. Chr. der Friede im Korden heimisch wird, konnten die Seestädte
ungestört alle die Vortheile geniefsen, welche die Ausfuhr eines
reichen Hinterlandes ihnen verschaffte. In demselben Mafse wie
der Po die nordlichen Flüsse an Länge und Verzweigung seines
Systems überragte, waren auch die aemilianischen Häfen vor den
venelischen bevorzugt. Ravenna wird der beherrschende Platz an der
nördlichen Adria, mit der Auflösung des Reichs die Hauptstadt Italiens.
Die Erscheinung dafs Küste nnd Binnenland abgesonderte Bahnen
beschreiben, begegnet wo die geschichtliche Kunde anhebt, und
wiederholt sich am Schlufs einer tausendjährigen Entwicklung.
Jene wird vom römischen Kaiser in Byzanz bis zur Mitte des achten
Jahrhunderts behauptet.
Unter den Gewässern welche in zahlloser Menge vom Appennin
herabkommen , hat keines die Aufmerksamkeit in alter und neuer
Zeil so gefesselt wie der Rubicon: nicht so sehr weil er ein Menschen-
alter lang (I 76) Italien und Gallien begrenzte i), als weil Caesars
Uebergang die Vernichtung der Republik einleitete und als die
Wende in den Geschicken Roms betrachtet wurde.2) Die Alten
leiten den Namen von der Farbe seines Kiesbettes her 3);
1 ) Cic. Phil. VI 5 VII 26 Sirab. V 217. 227 Plin. III 1 15 Ptol. III 1,20 Tab.
Peut. Vib. Sequ. p. 150 Riese.
2) Piut. Pomp. 60,2 Caes. 20,1 32,4 Appian b. civ. II 35 III 61. 88 Suet.
Caes. 31. 81 Vell. II 49.
3) Liican I 214 Sidon. Ap. ep. I 5,7.
§ 1. Die Küste. 247
Fönte cadit modico parvtsque impellüur undis
puniceus Rttbicon, cum fervida canduü aestas,
perqne imas serpü volles et Gallka certus
limes ab Ausoniis disterminat arva colonts.
Zwischen RimiDi und Cesena fliefsen 3 Bäche welche um die
Ehre streiten der wahre Rubicon zu sein : der Uso bei S. Arcangelo,
der Fiumicino bei Savignano, der Pisciatello unweit Cesena. Die
Ansprüche der verschiedenen Gemeinden sind in einem Dutzend
Schriften, sogar vor Gericht verfochten worden und haben viel
Staub aufgewirbelt, ohne dafs doch eine derselben unbedingt Recht
behalten hätte. Der Uso (dem die Generalstabskarte rälschiich den
Beinamen Hubicone zuschreibt) kommt überhaupt nicht in Betracht;
mit den beiden anderen sind erhebliche Aenderungen vorgegangen.
Der Oberlauf des Pisciatello heifst ürgone oder Rugone, noch in
Urkunden des 11. und 12. Jahrhunderts Rubigone, hing aber ehe-
dem mit dem Pisciatello genannten Unterlauf gar nicht zusammen.
Vielmehr wandle sich der Urgone unterhalb Montiano ostwärts (die
Generalslabskarte bezeichnet ein Pisciatello und Fiumicino verbin-
dendes Bette als Rubicone Cesenate), nahm den Rigossa oder Rubi-
cossa, endlich den Fiumicino auf und mündete in dem vom letzteren
inne gehabten Bett ins Meer. An der Via Aemilia 12 Millien von
Ariminum verzeichnet die Reisekarle eine Station ad Conßuentes,
so benannt nach der Vereinigung von Rubicon und Fiumicino.
Unterhalb derselben bei Savignano ist eine aus 3 Bogen bestehende
Brücke der Aemilia erhallen, die auf ganz andere VVassermengen
berechnet erscheint, als der Fiumicino gegenwärtig mit sich führt.
Ferner bestimmt die Reisekarle an der Küslenstrafse den Rubicon
durch die Angabe der Entfernung von Ariminum zu 12 Millien.
Auch diese Angabe trifft genau zu, wenn man berücksichtigt dafs
die antike Strafse 4 km mehr landeinwärts lief als die heutige.
Endlich erklärt sich in befriedigender Weise wie Strabo den Flufs
in die Nähe von Caesena, Vibius in die Nähe von Ariminum ver-
legen konnte: jenes ist vom Oberlauf, dieses vom Unterlauf gesagt
vollkommen richtig. Die Gesamtlänge des Rubicon im Altertum
betrug etwa 30 km.
Die ehemalige Landesgrenze am Rubicon und die spätere Re-
gionengrenze am Crustumium (S. 243) schliefsen die Feldmark von
248 Kapitel IV. Die Aemilia.
Ariminum ein deren Grüfse 513 Ci^m 9 d. D M, belrägtJ) Die
Stadt lag am Meer welches seitdem nahezu 1 km zurückgewichen
ist. Ihr Hafen wird in der Geschichte öfters erw;ihnt2): die leichte
Ziigänglichkeit desselben bezeugen die erhallenen Rümerbauten, die
Hrücke und der Bogen desAuguslus, für welche die Quadern aus
Istrien herbei geholt worden sind. Zwei Flüsse die bei ihrer
Mündung einander bis auf den geringen Absland von 300 m nahe
kamen, bestimmten den Platz der Ansiedlung: der 60 km lange
Ariminus (MaricIa) Marecchia nach dem die Stadt benannt ist (S. 61),
im Westen ^), der kleine Aprusa Ausa im Osten. 4) Die Hauptslrafse
des heutigen Rimini in der Länge von 880 m 3000 rom. Fufs stellt
den Dccumanus maximus dar: im Osten durch den Ehrenbogen den
die römische Regierung dem Augustus 27 v. Chr. für die Herstellung
der Via Flaminia weihte 5), im Westen durch die von demselben
Kaiser begonnene, von seinem Nachfolger 20 n. Chr. vollendete
prächtige Brücke über die Marecchia (5 Bogen mit 8,75, der mitt-
lere 10,5 m Spannung) bezeichnet. Am Schnittpunct von Decumanus
und Kardü maximus war das Forum, die jetzige Piazza. Im üebrigen
ist der Grundplan durch das Mittelalter regellos geworden. Nicht
einmal der Umfang steht fest. Zwar ist eine Mauer die bei 2600 m
Länge eine Fläche von 34 ha einschliefst, erkennbar, aber die gröfsere
Nordhälfte derselben ist mit Steinen vom Amphitheater und anderen
antiken Gebäuden errichtet, so dafs solche frühestens dem Ausgang
des Altertums entstammen kann. Ueberhaupt hat es den Anschein
dafs ursprünglich nur die Süd- oder Landseite ummauert war,
während sonst die Flüsse und das Meer genügende Deckung ge-
währten, die bei einer Belagerung leicht durch Pfahivverk verstärkt
werden konnte. Es giebt keine Festung des alten Italiens die so
oft in der Kriegsgeschichte dem Leser begegnet: am Ende der pa-
danischen Ebene gelegen, beherrscht sie die Küsten- (Via Popillia)
1) Luigi Tonini, Rimini avanli il principio dell' era volgare, Rimini
1848. R. dal principio dell' era volgare all' anno 1200, R. 1856. CIL.
XI p. 73fg.
2) Liv. XXI 51,7 Eulrop V8 Appian b. civ. I 91 Strab. V 217 Tac. Bist. III
42 Ravenn. Chr. a. 492 (Chr. min. 1 p. 319). Den Verkehr mit Aquileia deutet
die Weihinschrift an Belenus an CIL. XI 353.
3) Fest. 25 Müller Strab. V 217 Plin. III 115 Sfeph. Byz. Maricia 8chon
Geogr. Rav. IV 36.
4) Plin. 111 115.
5) CIL. XI 365 Dio LIII 22 Suct. Aug. 30 Mon. Ancyr. c. 20.
§ 1. Die Küste. 249
wie die Binnenland&trafse (Via Aemilia), aufserdem mit der Via
Flamioia den Zutritt zur Halbinsel. Aber dies zum Ausfall wie zur
Verlheidigung gleich geeignete Bollwerk ist von Hause aus auf keinen
seemächtigen Feind berechnet. Als man die Seeseite durch eine
Mauer sicherte, war es mit der römischen Seeherrschaft längst vorbei.
Eine Gründung der Umbrer ') ist Ariminum 268 v. Chr. in eine
latinische Colonie umgewandelt worden.-) Als solche hat es in
Kupfer gemünzf^), ist überhaupt die nordhchste der autonomen
Münzstätten Italiens (S. 72). Diese Thalsache weist darauf hin
dafs es nicht nur ein Waffen- sondern auch ein Handelsplatz werden
sollte. Von seinem Handel wissen wir wenig: in der Kaiserzeit
unterhielt es ^Yeinlager in Rom und verschiffle die Erzeugnisse
seiner Ziegeleien an alle Küsten der Adria.*) Der fortschreitende
Ausbau der Heerstrafsen, der Flaminia 220, der Aemiha 187, der
Popillia 132 v. Chr. kam dem Verkehr zu statten. Die weit über-
wiegende Masse des Landverkehrs zwischen Rom und den europä-
ischen Provinzen schlug den Weg über Ariminum ein: deshalb
wird dasselbe ungemein häufig erwähnt '") >achdem die Stadt in
den ^cUen des hannibalischen Kriegs treu ausgehallen hatte, erlangte
sie 90 V. Chr. das Bürgerrecht und Aufnahme in die Tribus Aniensis.^)
Im Bürgerkrieg 82 von den Marianern besetzt, wurde sie von den
Sullanern geplündert und durch die Ansiedlung einer Militärcolonie
bestraft (S. 31 A. 1).") Mit der Ueberrumpelung Ariminums 49
bahnte sich Caesar den Zugang zur Halbinsel. Unter den 18 reich-
sten Städten derselben welche die Triumvirn 43 zur Relohnung
ihrer Truppen auswählten , befand sich auch diese.^) Augustus
machte sie zu einer der Säulen seiner Macht in Italien und ver-
ewigte in ihr seinen Namen. Man sieht dafs er die Stadt nach
27 neu colonisirte, insofern sie den Titel colonia Äugusla Arminensis
1) Strab, V 217. Herkömmlich wird der Tyrrhenerkönig Arimnestos Paus.
V 12,5 mit der Stadt in Verbindunng gebracht, aber ohne Gewähr.
2) Vell. I 14 Liv. XV Eulrop II 16. Der oberste Beamte heifst Consol
CIL. XIV 4269.
3) Mommsen, Rom. Münzwesen 250 fg.
4) CIL. VI 1101. Xi p. 1023fg.
5) It. Gadit. Hieros. 615, Cic. Alt. V 19,1 Farn. VIII 4,4 Quint. fr. II 12,1,
Sidon. Ap. ep. I 5,7.
6) Liv. XXVII 10 Plin. X 50 CIL. XI p. 76.
7) Appian b. civ. I 87 Cic. Verr. II 1,36 pro Caecina 102.
8) Appian b. civ. IV 3.
250 Kapitel IV. Die Aemiiia.
annahm. Von ihm wird auch die Einlheilung der städtischen Plebs
in 7 vici herrühren, deren Namen aus Rom entlehnt sind (wir
kennen ihrer 5: vicus Aventinensis Dianensis Cermalus Velabrensis
For\ensisl]) und an die neue Ordnung der Hauptstadt erinnern.
Seiner grofsartigen Bauten ist bereits gedacht worden. Von dem
jungen Gaius Caesar meldet eine Inschrift dafs er sämtliche
Strafsen 1 n. Chr. pflastern liefs. Im Bürgerkrieg 69 n. Chr. ward
Ariminum von den Flavianern angegrifl'en , in den Gothenkriegen
wiederholt belagert. i) — Während der langen Friedensepoche war
die Stadt bedeutend angewachsen. Das in derselben erbaute Amphi-
theater (120 X 91 m, Arena 76 X 47 m) dessen steinerne Stufen
an 12000 Sitzplätze enthalten, giebt eine richtigere Vorstellung von
der Einwohnerzahl als die in den Zeiten des Verfalls und der Ent-
völkerung aufgeführte Ringmauer. Aus einer im zweiten Jahrhundert
gemachten Stiftung darf man schliefsen dafs die städtische Plebs
damals 17 — 1800 freie Männer befaföte.2) Für das Ansehen der
Stadt zeugt der Umstand dafs der aus der Flaminia Umbrien und
Picenum gebildete Gerichtssprengel hier seinen Mittelpunct halte 3j,
sowie dafs ein viel besuchtes Concil 358 hier tagte. Ariminum
war eine der 5 Seestädte die den Byzantinern bis auf König Pipin
verblieben.
Die Via Popillia verbindet Ariminum mit dem 33 Millien ent-
feroten Ravenna.*) Sie läuft einige Kilometer hinter der jetzigen
Küste, um welchen Betrag diese seit dem Altertum vorgerückt ist.
Nördlich vom Rubicon hei Bagnarola (1 204) begann der über 50 km
lange Strandsee, den die einmündenden Appenninflüsse mitsammt
dem Po inzwischen ausgefüllt haben: der Sapis Savio s) Bedesis
RoDco *>) Ulis oder Utens Montone ") Anemo Lamone '') Sinnius Senio ^)
1) Tac. Bist. III 41. 42 Prokop b. Gotli. II 10. 17 III 37 IV 28 Zosim. V 37,3.
2) CIL. XI 379 den Zinsfufs wie in Veleia zu 5 p. C, die normale Spende
nach der Inschrift zu 4 Sesterz gerechnet.
3) CIL. XI 376. 377.
4) It. Ant. 126; 37 Millien nach Tab. Peut. wo die einzelnen Stationen auf-
gezählt werden; 30 Millien nach Zosim. V 48,2.
5) Strab. V 217 Plin. III 115 Lucan II 406 Sil. lt. VIII 448 Geogr. Rav. IV
36; Tab. Peut. Sabis.
6) Plin. III 115, An. Vales.54 Bedeute.
7) Liv. V 35 ab Ulenle, Plin. III 115 rHet.
8) Plin. III 115, Tab. Peut. /inimo an falscher Stelle.
9) Tab. Peul. Sinnum.
§ 1. Die Küste. 261
Vatrenus oder Satenms Santerno.i) Die unablässig fortschreitende
Umgestaltung des Bodens, die durch dessen Erhöhung und den
Wechsel der Abflüsse und Canäle bedingt wird, erschwert die Er-
kenntnifs der ehemaligen Verhältnisse. „Ravenna — schreibt Strabo'^
— ist die gröfste Stadt in den Lagunen, ganz aus Holz erbaut und
von Wasser durchflössen, in seinem Verkehr auf Brücken und
Fähren angewiesen. Es nimmt nicht wenig Meerwasser bei der
Flut auf, so dafs sowol von der Flut als von den Flüssen aller
Unrat fortgespült und die Luft gereinigt wird. Die Gesundheit des
Ortes ist durch Erfahrung so erprobt, dafs die Fürsten ihre Gladia-
toren hier aufziehen und ausbilden lassen." Im 6. Jahrhundert
war Ravenna 400 m vom Rand der Lagune, 6,4 km vom freien
Meer abgerückt, heutigen Tages nach Ausfüllung der Lagune 8 — 9 km.
Die Küste ist gegenwärtig von der Pineta, dem berühmten Pinien-
wald eingenommen, der bei 4 — 5 km Breite sich 50 km entlang
zieht und wesentlich die jetzt sehr schlechte Luft der Gegend ver-
bessern soll. Der Wald war, wenn auch nicht in der heutigen
Ausdehnung, bereits im Altertum vorhanden; die Pineta d. h. der
alte Lido war ungefähr 3 Milben 4 — 5 km von der Stadt entfernt.^)
Da auf dem Lido die einzige Kunststrafse lief, welche die Stadt mit
dem italischen Strafsennelz in Verbindung setzte, hat derselbe in
der Kriegsgeschichte eine hohe Bedeutung gehabt. Auf ihm rückte
Caesar 49 v. Chr. in den Bürgerkrieg, Theoderich 490 und Narses
552 gegen Ravenna; er stellte die natürliche Basis für jeden An-
griff gegen die Meereskönigin dar. Vom Festland führte nur ein
schmaler gangbarer Streifen der wie ein Thor abgesperrt werden
konnte, durch die Sümpfe zu ihr. Man sieht, die Hauptzüge des
Bildes kehren in Venedig wieder und dürfen danach im Einzelnen
1) Plin. III 120, Tab. Peut. Satemum an falscher Stelle.
2) Strab. V 213 Vilruv I 4,11 II 9,11. 16 Plin. III 115. 119 Ptol. III 1,20
Sidon. Ap. ep. I 5,5 I 8 Prokop b. Golh. 11 II 29 Jord. Get. 148 fg. 293 Geogr.
ßav. IV 31 V 1. Annalen v. Ravenna a. 379 — 572 hergestellt von 0. Holder-
Egger, Neues Archiv f. d. G. I p. 347 fg. vgl. Mommsen Chron. min. I p. 249 fg.
(M. G. H. auclores antiquissimi IX). CIL. XI 1 fg. Kaibel 2280. 81. — Hiero-
nymi Rubel Italicarum et Ravennatum historiarum libri XI, Venedig 1571,
Graev. Thes. VII 1. Fiebiger, Leipziger Studien XV (1894).
3) Jord. Get. 293 An. Vales. 37. 53. 54 Ravenn. Chr. a. 476. 491 vgl. Snet.
Caes. 31. In griechischer Uebersetzung Strovilia Peucodis Agnellus Chron.
min. I p. 313.
262 Kapitel IV. Die Aemilia.
ausgemalt »erden; in Bezug auf ihr Verhallen zu den FiUsseu
jedoch gleichen sich die beiden Städte nicht (I 203).
In ältester Zeit mündete die Masse des Po in zwei Armen aus:
Messanicus oder Padusa bei Ravenna und etwa 12 Millien nürdlich
Eridanus oder Spines bei Spina (S. 213). In der Kaiserzeit war
Ravenna der Ilauplhafen für die Holzausfuhr der Alpen (I 170):
da die Flofse füglich nicht durch Canälc gefördert werden konnten,
mufs der Flufsarm damals noch ofl'en gewesen sein. Wie Spina
soll auch Ravenna von Hellenen und zwar von Thessalern gegründet
sein; indem sie aber die Unbilden der Etrusker nicht ertrugen,
heifst es^), nahmen sie freiwillig umbrische Mitwohner auf, über-
liefseu diesen das Gemeinwesen und fuhren selbst nach Hause. Des-
halb gilt es gemeinhin als italischen Stammes.'^) Den Kellen gegen-
über behauplele es seine Selbständigkeit und schlofs sich wie die
übrigen Seestädte an Rom an. Sein altes Bündnifs ist vermutlich
erst 49 v. Chr. mit dem Bürgerrecht verlauscht worden.^) Die Er-
oberung des Polands befürderle den Aufschwung der Stadt: während
seiner Stalthalterschalt hielt sich Caesar im Winter öfters in ihr
auf und errichtete eine Gladiatorenschule 4); aus dieser Zeit mag
die Statue des Marius stammen, die Plulaich hier sah und beschrieb.^)
Immerhin lag sie von der grofsen Wellslrafse abseits, solange die
römische Politik ihre Thätigkeit fast ausschliefslich dem Westen zu-
wandle. Dies änderte sich als Oclavian seine Waffen siegreich nach
Osten trug: die kürzeste Verbindung mit den Donauländern führte
eben über Ravenna. Bereits 38 v. Chr. hatte er an diesem grofsen
und geschützten Holzmarkt eine Flotte ausrüsten lassen.**) Nach
der Schlacht bei Aclium schuf er sodann den grofsen Kriegshafeu
für die Adria und das gesamte östliche Mittelmeer.') Der Ort
war im Hinblick auf die Reichsgreuze gewählt, da er im Mitlel-
punct eines vom ßodensee bis nach Macedonien reichenden Kreises
liegt, von allen durch Augustus eroberten Provinzen gleichmäfsig
entfernt ist. Der Hafen bot Unterkunft für 250 Kriegsschiffe, die
1) Strab. V 214 Zosim. V 27.
2) Piin. 111 115 schreibt es den Sabinern zu, Strab. V 217 den Umbrerii.
3) Es blieb &9 foederirt Cic. pro Balbo 50.
4) Cic. Farn. 1 9,9 VllI 1,4 Alt. Vll 1,4 Caes. b. civ. I 5 Suet. Caes. 31.
5) Plut. Mar. 2.
ti) Appian b. civ. V 8U. •
7) Suel. Aug. 49 Tac. Ann. IV 5 Vegel. IV 31. 32.
§ 1. Die Küste. 253
Besatzung der classis praetoria Ravennas war in 10 Cohorten ge-
theilt, deren Sollstand 10000 Mann betrug. Zur sicheren Ver-
bindung mit den venetischen Lagunen einer- dem Mittellauf des Po
anderseits liefs der Kaiser die fossa Augusta graben. Dieser 40 km
lange Canal führte vom Sagis an in südlicher Richtung durch die
Lagune von Comacchio (S. 214), durchschnitt den Po von Spina,
führte an der Landseite von Ravenna vorbei und mündete im Süden
von der Stadt, da wo die 5 km entfernte Basilika S. Apollinare in
Classe die Stelle des ehemaligen Kriegshafens anzeigt. Nördlich von
der Stadt lief die fossa Asconis i), vielleicht ein ursprünglicher Arm
des Po der nachher, wir wissen nicht durch wen, ausgebaggert
wurde, und leitete zu dem Handelshafen dessen Stelle gegenwärtig
durch die Basilika S. Maria in Porto fuori 3 km vom Thor bezeichnet
wird. Die Einfahrt durch den Lido wurde durch einen Leucht-
thurm erbellt, den einzigen der im Norden des alten Italien nam-
haft gemacht wird.^) Man begreift ohne weiteres wie aus den
Anlagen des Kriegshafens eine Stadt erwuchs, die bei den späteren
Schriftstellern seit Prokop kurzweg den Namen Classis führt. Alt-
und Neustadt sind in dem Mosaik von S. Apollinare nuovo dargestellt.
Sie waren mit einander durch die vta Caesaris verbunden, die
als dritte Stadt Caesarea betrachtet wurde 3) und bis in die Neuzeit
in der Kirche S. Lorenzo in Cesarea fortlebte: jetzt erinnert eine
Säule (la Crocetta) an die 1553 abgebrochene Kirche. Die An-
schwemmung machte sich allerdings nach einigen Jahrhunderten
fühlbar, so dafs ein unbekannter Gewährsmann des Jordanes sagen
konnte: was einst Hafen gewesen, sei jetzt ein geräumiger Obst-
garten. Doch ist der in stetem Vorrücken begriffene Hafen (Porto
Candiano)4) in dieser Gegend bis zum 18. Jahrhundert verblieben
und erst 1737 der heutige Porto Corsini 10 km weiter nördlich an-
gelegt worden.
Durch Augustus war Ravenna ein Waffenplatz geworden der
in den ivriegen der Kaiserzeit mehrfach erwähnt wird, auch zur
1) Allein Jord. Get. 149 und Agnellus 79 (Chr. min. I p. 335) erwähnt. Die
Verzweigung der Canäle in und um die Stadt bestätigt Sidon. ep. I 5,5.
2) Plin. XXXVI 83.
3) Sidon. ep. I 5.5 Jord. Get. 151 Geogr. Rav. IV 31 Prokop b. Goth. II 29.
4) Cassiodor (II p. 159) Jordanes Get. 147 a. 491 erwähnen einen poTis Can-
didiani, Agnellus (I p. 319) einen campus Candiani vgl. Cluver p. 306.
264 Kapitel IV. Die Aemilia.
Unterbringung von Gefangenen diente, i) Hiervon ist die bürger-
liche Freiheit nicht unberührt gebheben. Die Stadt gehörte zur
Tribus Camiha und hatte die herkömmUche Municipalverfassung, nur
dafs die obersten Beamten fehlen: die Gerichtsbarkeil scheint des-
halb, was bei der starken Garnison sich empfeldcn mochte, den
Händen des Admirals anvertraut gewesen zu sein. 2) Die Feldmark war
nicht eben ausgedehnt 3), aber IrefTlich angebaut*): mit berühmter
Spargelzucht (I 457) und reich an Reben, die freilich alle 4 — 5
Jahre erneuert werden mufslen.^) Dafs die Fischerei blühte, ver-
steht sich von selbst.^) Das Handwerk war stark vertreten: der
Flachs des Folands wurde in einer kaiserlichen Fabrik verarbeitet
(I 449); nirgends zählt die Zunft der Zimmerleute so viele Ab-
Iheiluiigen wie hier.') Prokop schildert den regen Verkehr der
mit Flut in die Stadt einlaufenden Schiffe. Der Wechsel der Ge-
zeiten wurde den Südländern hier vertraut 8);
Dtxü et antiquae muros egressa Ravennae
Signa movet; iamque ora Padi porlusqiie relinquit
fJummeos, certis übt legibus advena Nereus
aestuat et yronas piippes nunc amne secundo
nunc redeunte vehit, nudataque litora flnctu
deserit, Oceani lunaribus aemnia damnis.
Der Mangel an Trinkwasser, die Mücken und Frösche prägten
sich gleichfalls dem Gedächtnifs der Reisenden ein.'J) Es war ein
wertvolles Geschenk das Traian der Stadt mit einer Wasserleitung
machte, die aus reichlich 30 km Entfernung von Süden, von Teo-
dorano her ihr Quellwasser zuführte. Die Leitung verfiel im Laufe
der Zeiten und ward 503 von Konig Theoderich erneuert^*); einige
1) Tac. Ann. I 58 II 63 IV 5. 29 XIII 30 Hist. II 100 III 6. 40. 50 Dio LXXI
11 LXXill 17 Vita Maximini 24.
2) Böcking zu Not. Dign. Occ. 118. Aehnlich in Köln, Bonner Jahrb.
XCVIII 163.
3) CIL. XI p. 70. Ob sie den fruchtbaren ager Uritanu» Appian b. civ. I
89 Feldm. p. 29. 262 Lachm. umfalste, ist sehr fraglich.
4) Colum. III 13 Fallad. 11 13.
5) Sliab. V 214 Fun. XIV 34 Martial 111 56.
6) Plin. IX 169.
7) CIL. XI p. 6.
8) Claudian VI cons.HonAM Prokop. b.Golh. 1 1 Sidon. ep. I 5,6 Cassiodor
var. XII 24.
9) Mailial 111 56 Sidon. ep. I 5,6 8,2 carm. IX 298.
10) Cassiodor chron. An. Vales. 71.
§ 1. Die Küste. 255
Bögen sind im Bett des Ronco noch vorhanden. — Fafst man die
Gesamtentwicklung ins Auge, so bewegt sich diese in aufsteigender
Linie. Während Ravenna unter Caesar nur auf den Namen einer
blühenden Mittelstadt Anspruch machen konnte, wird sie nach dem
für das Altertum giltigen Mafsstab (S. 122) durch Augustus zur
Grofsstadt erhoben. Den Wechsel ihrer Schicksale in den nächsten
Jahrhunderten vermögen wir nicht im Einzelnen zu verfolgen. In
einer Inschrift von 399 heifst Ravenna Hauptstadt von Picenum.i)
Als 404 das Kaisertum in ihren Sümpfen Schutz suchte, wurde sie
die Hauptstadt von Italien, an Rang Rom gleichgestellt, an Bedeutung
dasselbe übertreffend. Diese Periode höchsten Glanzes hat andert-
halb Jahrhunderte gedauert: sie ist es die zu dem Besucher redet.
Allein die märchenhafte Pracht der erhaltenen Bauwerke welche
römische Kaiser, deutsche Könige, byzantinische Statthalter aus dem
edelsten Material des Miltelmeers errichtet haben 2), ist nicht ge-
eignet das Bild der antiken Stadt zu veranschaulichen. Wir ziehen
Venedig zum Vergleich heran und erinnern uns dafs die Konigin
der Adria ihre Gröfse eigener Kraft verdankte, Ravenna seinen
Herrschern. Und dann hat in dem Jahrtausend das zwischen dem
baulichen Aufschwung beider Städte in der Mitte liegt, die Ent-
waldung im Süden gewaltige Fortschritte gemacht. Mit gutem
Grund erscheint nach den Inschriften die Feuerwehr in Ravenna
besonders zahlreich. Wenn es in der Chronik heifst: „455 am 15.
März brannte Ravenna, und viele Güter wurden vom Feuer ver-
zehrt" oder „489 in der Osternacht brannte die Apollinarisbrücke
ab", so folgern wir dafs die Rrücken von Buden eingenommen
waren wie am Rialto in Venedig und Ponte vecchio in Florenz,
dafs der Holzbau im 5. Jahrhundert noch ebenso vorherrschte wie
nach Strabo's Aussage im ersten. Es hält schwer in den weilen
von Gärten erfüllten Mauern der heutigen Stadt das Gedränge der
alten dem geistigen Auge vorzuführen. Als die Langobarden 761
den oströmischen Statthalter vertrieben und Classis dem Erdboden
gleich gemacht hatten, war der frühere Glanz für immer verblichen.
Die Reisekarte setzt 6 Millien nördlich Butrium an, auch eine
Gründung der Umbrer und in der Kaiserzeit selbständiges Muni-
1) CIL. VI 1715.
2) Ueber die Baugeschichte vom 5. Jahrhundert ab Agnellus (um 840)
Über ponlificalis ecclesiae Ravennatis, M. G. H. scr. Langob, p. 265—397. —
Zirardini, degli, antichi edifizj profani di Ravenna, Faenza 1762.
256 Kapitel IV. Die Aemilia.
cipium, aber durch Ravenna völlig in den Schatten gedrängt. i) Die
Lage ist noch unermillelt. Dafs mit Spina das Gleiche der Fall
sei, haben wir oben (S. 213) angemerkt.
§ 2. Das Binnenland.
Die Mannichlaltigkeit welche bei aller Uebereinstimmung in den
Hauptzügen dem nördlichen Poland eignet, wird im südlichen ver-
mifst. Die Gliederung des einen ist durch die Alpen, die Gliederung
des anderen durch den Appennin bestimmt. Die Ost- oder Aufsen-
seite des italischen Gebirges bekundet einen ermüdend regelmäfsigen
Aufbau. Die politische Eintheilung des Augustus schliefst sich an
die natürliche an: südlich von Ariminum beim Flufs Crustumium
tritt der Appennin hart an die Küste, und mit dem Ende der Po-
ebene fällt zugleich die Grenze der Region zusammen; das Gleiche
ist westlich von Placentia der Fall, wo ein Ausläufer des Gebirgs
an den Flufs vorspringend, die aemilische von der ligurischen Ebene
scheidet. Auf dieser 300 km langen Strecke streicht die Hauptkette
mit Gipfeln von 1600—2000 m in Südost-Richtung; davor dacht
sich der Subappennin in einer Breite von 50 km nach der Niede-
rung ab. In das Gebirge schneiden etwa 30 Querthäler ein, Bäche
und Flüsse entsendend welche nach Nord ©der Nordost dem Po zu-
strömen. Indem wir uns vergegenwärtigen dafs im Altertum der
Strandsee von Ravenna noch nicht ausgefüllt, sowie dafs der Po
nach Südost gewandt war, dürfen wir den Lauf desselben als einen
flachen um das Gebirge beschriebenen Bogen betrachten. In der
Mitte an breitester Stelle mifst die Niederung zwischen Gebirg und
Flufs etwa 70 km, an den beiden Endpuncten bei Placentia und
Ariminum sinkt die Ausdehnung auf 5—10 km herab. — Der Ein-
förmigkeit in der Bodengestallung entspricht das geschichtliche Leben.
Als die Römer festen Fufs fafsten, war die Ebene noch zum grofsen
Theil mit Wald und Sumpf bedeckt^): die silva Litana brachte
einem römischen Heer den Untergang 3); die Dörfer waren zum
Schutz gegen die Feuchtigkeit des Grundes auf Pfahlrosten errichtet,
1) Streb. V 214 Plin. III 115 Ptol. III 1,27 Stepli. Byz. Tab. Peut. CIL. VI
2379 a 5,51 XI p. 70.
2) Pol. II 15,3 III 40,12 Strab. V 217 Liv. XXI 25 XXXIII 37 XXXIV 48
Fronlin Strat. II .S,39.
3) Liv. XXIII 24 XXXIV 22. 42 (daraus Frontin Strat. I 6,4 Zonar. IX 3), die
Lage ist ungewifs.
§ 2. Das Binnenland. 257
der Verkehr hatte nur spärliche Städte hervorgebracht. Fast zwei
Jahrhunderte lang, von der Gründung .\riminums 268 bis zur Er-
theilung des Bürgerrechts 90 v. Chr. hat die römische Cultur damit
zugebracht die Wildnifs zu bändigen, bevor ihre Arbeit einen ge-
wissen Abschlufs erreichte. Trotzdem erscheint das Ergebnils wie
nach einem einzigen zielbewufsten Plan vollendet. Mit wenig Ab-
sätzen zieht die 176 Millien lange Via Aemilia in schnurgerader Linie
durch das Land, bildet die Basis für die Vertheilung der Aecker
wie für die Anlage der städtischen StrafsenJ) Das Walten der
römischen Feldmesser ist noch heutigen Tages zu verspüren : die
Flurgrenzen zeigen vieler Orten das Mafs der Centurie (I 204), die
Städte werden durch die aemilische Strafse nach alter Regel in
gleiche Hälften zerlegt. Die Städte haben alle ein gleichmälsig
nüchternes Aussehen, und so wenig sichtbare Reste des Römertums
dem Beschauer entgegen treten, um so mehr fühlt er sich inner-
halb dieser Mauern vom Geist desselben angeweht. Ihre Zahl ist
ziemlich grofs, die Zahl sowol als die Lage durch die ausmündenden
Appenninthäler gegeben. Wo die Via Aemilia von anderen Ver-
kehrstrafsen gekreuzt wird, die zu bequemen Uebergängen über den
Po einer- den Appennin anderseits hinleiten, finden sich die ältesten
und wichtigsten Gründungen. Im Uebrigen haben die römischen
Feldherren im Lauf der Zeiten der fortschreitenden Gesittung durch
Anlage von Marktflecken Rechnung getragen, die entweder Stadt-
recht erhielten oder sich solches anmafsten, jedenfalls in seinem
Besitz von Kaiser Augustus anerkannt worden sind. Unsere Be-
schreibung beginnt im Süden.
Der Utis Montone schied die keltischen Stämme der Senonen
und Boier von einander. Mit der Vernichtung der Senonen und
der Gründung einer Colonie in Ariminum ist die römische Macht
um 268 V. Chr. bis zu dieser Grenze vorgedrungen. Im Gebirge
oberhalb des bezeichneten Landstrichs halte sich ein umbrischer
Gau, die tribus Sapinia behauptet, dessen Wohnsitze gemäfs der
Namensgleichheit im Thal des Sapis Savio (S. 250) zu suchen sind,
aber auch in die 6. Region hineinreichen. 2) Demselben gehört
1) Die Stationen sind in 11 Itinerarien überliefert: den 4 Silberbecliern von
Gades (CIL. XI 3281—4) It. Ant. 99. 126. 2S6 Hieros. 615 Tab. Peut. Geogr, Rav.
IV 33 Guido 37. Mit den erhaltenen Meilensteinen, deren älteste der Erbau-
ung IS" V. Chr. angehören, zusammen gestellt CIL. XI p. 1001 fg.
2) Liv. XXXI 2 XXXIII 37.
Nissen, Ital. Landeskunde U. 17
268 Kapitel lY. Die Aeroilia.
vielleicht das am Ausgang des Thals gelegene Caesena Cesena an.i)
I)ie Stadt ist von Ariminum 20 Millien entfernt. Sie lehnt sich an
einen Hügel an, so dafs die Reisebücher ihr das Beiwort bucklig
Curva Caesena anheften 2), wird in ruhigen Zeiten ihrer Weine, in
den Gothenkriegen ihrer Festigkeit wegen erwähnt. ümbrisch
scheint ferner das in den Kämpfen mit den Boiern erwähnte castrum
Mutibim gewesen zu sein, das Cluver in Meldola am Eingang in
das Thal des Bedesis Ronco (S. 250) wiederfinden will. 3) — Hinter
Caesena durchläuft die Via Aemilia vier Städte deren Name sofort
den römischen Ursprung ankündet. Zuerst Forum Popili Forhm-
popoli im 2. Jahrhundert v. Chr. von einem der Consuln dieses
Geschlechts (173. 172. 132) angelegt.*) — Sodann 13 Millien von
Caesena entfernt Forum Livi ForlL^). Am Ulis Montone gelegen,
ist der Platz für den Verkehr geeignet: flufsaufwärts führt ein Weg
über den bequemen Pafs von S. Godenzo ins Arnothal (1 231), flufs-
abwärts ein Weg nach Ravenna. In der Kriegsgeschichte scheint
derselbe eine Rolle gespielt zu haben : ihn schlug vermutlich An-
tonius für die Ueberrumpehing von Arretium am 14. oder 15. Januar
49 V. Chr. ein. 6) Die Anlage des Forums wird man dem Consul
von 188 C. Livius Salinator zuschreiben dürfen.'') — Häufiger be-
gegnet in der Ueherlieferung das 10 Millien entfernte Faventia
Faenza^) am linken Ufer des Ayiemo Lamone (S. 250). Von hier
führt das Thal hinauf über den Pafs von Casa Alpe eine von den
Römern ausgebaute Strafse an die Sieve nach Florenz und Luca:
der Abstand zwischen Faventia und Luca wird zu 120 Millien an-
1) Cic. Farn. XVI 27; Strab. V 217 Plin. III 116 XIV 67 Ptol. III 1,42; lt.
Gadit. Anton. 100. 126. 286 Hier. 615 Tab. Peut. Geogr. Rav. IV 33; Sidon. Ap.
ep. I 8 Prokop b. Goth. I 1 II 11. 19. 29 III 6; CIL. XI p. 108.
2) It. Gadit. IV Anton. 286 Tab. Peut.
3) Liv. XXXI 2 XXXIII 37 Cluver p. 279.
4) Plin. III 116 CIL. XI p. 111. Im Uebetgang zur heutigen Form Forum
Populi It. Hier. 616 Tab. Peut. Geogr. Rav. IV 33 Paul. h. Lang. V 27.
5) Plin. III 116 It. Gadit. Anton. 287 Hieros. 616 Tab. Peut. Geogr. Rav. IV
33, CIL. XI p. 115.
6) Caes. b. civ. I 11 Lucan II 462 Flor. II 13,19 Eutrop VI 19 Bist. Zeitschr.
N. F. X 98.
7) Liv. XXXVIII 35 ohne von seiner Amtsthätigkeit in Gallien etwas zu
berichten.
8) Strab. V 217 Plin. III 116 VII 163 Phleg. macrob. 1. 2 Ptol. Hl 1,42; vita
Hadr. 7 Helii 2,8 Ver. 1,9; Jord. h. Rom. 379 Prokop b. Goth. III 3; Steph. By^.
It. Gadit. Anton. 100. 126. 287 Hieros. 616 Tab. Peut. Geogr. Rav. IV 33. CIL.
XI p. 120.
§ 2. Das Binnenland. 259
gegeben: die ersten Stationen sind noch nicht bestimmt.i) Die
Strafsenkreuzung bewirkt dafs die Umgebung der Stadt mehr als
einmal das Schlachtfeld geliefert hat: am bekanntesten ist die Nieder-
lage die Metellus 82 v. Chr. den Marianern hier beibrachte.2) Eine
römische Bürgergemeinde war in dieser fruchtbaren Feldmark
bereits vor dem Bundesgenossenkrieg angesiedelt worden : der Zeit-
punct ergiebt sich aus dem Umstand dafs sie zur Tribus PoUia
gehörte, in die des guten Omens wegen älterer Zeit die Gemeinden
an der gallischen Grenze eingetragen wurden. 3) Der überschweng-
liche Ertrag ihrer Reben wird gepriesen 4), desgleichen ihr Flachs
und ihre Pinien
undique sollers
arva coronantem nutrire Faventia pinum.
INach 10 Millien folgt Forum Corneli Imola dessen Gründer von
Prudentius^) erwähnt wird:
Sulla forum statuit Cornelius, hoc halt urbem
vocitant ab ipso conditoris nomine.
Die Stadt auch Forum Comelium genannt gehörte zur Tribus
Pollia.6) Sie liegt am linken Ufer des Vatrenus Santerno (S. 251)
und wird zuerst 43 v. Chr. bei Gelegenheit des Kriegs gegen An-
tonius erwähnt.') In der Langobardenzeit heifst ihre Burg Imolas^):
durch diese Bezeichnung ist die frühere verdrängt worden. — Die
Via Aemilia überschreitet den Silarus Silaro^) und erreicht 13 Millien
von Imola, 10 von Bologna das in der Tribus Pollia eingetragene
Municipium Claterna oder Claternae, zuerst 43 v. Chr. erwähnt. i<>)
1) It. Ant. 283 vgl. Appian b. civ. I 91.
2) Liv. LXXXVIII Vell. II 28 App. b. civ. I 91.
3) Bormann, Arch.- ep. Mitlh. a. Oesterr. X (1886) 227 fg. Kubitschek
imp, Rom. 93.
4) Varro RR. I 2,7 (Colum. III 3,2) vgl. Appian b. civ. I 91; Plin. XIX 9
Sil. It. Vm 595.
5) Prud. passio Gassiani Forocorn. peristephanon 9,1.
6) Plin. III 116. 120 Martial III 4 Phlegon macrob, 1. 2. 3; Strab. V 216
Ptol. III 1.42; Prokop b. Goth. II 19 Hist. misc. XIII 28; It. Gadit. Anton. 100.
127. 287 Hieros. 616 Tab. Peut. Geogr. Rav. IV 33; CIL. XI p. 126.
7) Cic. Fam. XII 5,2 Dio XLVI 35.
8) Paul. h. Lang. II 18 Agnellus 1. pont. S. Petr. XXI 47.
9) Tab. Peut.
10) Cic. Fam. XII 5,2 Phil. VIII 6; Strab. V 216 Plin. III 116 Ptol. III 1,42;
lt. Gadit. Anton. 287 Hieros. 616 Tab. Peut. Geogr. Rav. IV 33; Ambros. ep. II 8
CIL. XI p. 128.
17*
260 Kapitel IV. Die Aemilia.
Die Nachbarschaft von Bologna hat seinen Aufschwung gehemmt.
Nach Slrabo unbedeutend, ist das Städtchen später untergegangen
und hat seinen Namen nur in dem FluTs Quaderna und der Kirche
S. Maria di Quaderna fortgepflanzt. i)
NVo die Ebene sich verbreitert, werden die Aenderungen in
den Flufsläufen bedeutender. Der kleine Idex Idice 2) strömte ehe-
dem gerades Weges zum Po. Ebenso mündete der ÜÄemts Reno ^)
mit dem Scultenna Panaro (1 190)4) vereint oberhalb Ferrara in
den Po ein (I 191). Unter den Bächen welche der Reno an seinem
linken Ufer aufnimmt, wird der Lavinius Lavino erwähnt. s) Bei
seiiitr xMündung apud Confluentes zwischen Perusium[?] und Bononia
schlössen Octavian und Antonius im October 43 v. Chr. ihren Bund.
So lautet die genaueste Ortsangabe; Appian setzt dafür eine kleine
niedrige Insel des Lavinius in der Gegend von Mutina, Dio eine Insel
des bei Bononia vorbeifliefsenden Flufses, Dio wie Plutarch die
Gegend von Bononia.*) Die Frage wo denn eigentlich die bedeu-
tungsvolle Zusammenkunft stattgefunden habe, ist in der Neuzeit
vielfach erörtert worden. 7) — Sie läfst sich ohne Schwierigkeit
lösen, wenn man die scheinbaren Widersprüche der Schriftsteller
in Uebereinstimmung mit einander bringt. Zunächst ist klar dafs
die betreffende Insel von einer Strafse durchschnitten war, da von
beiden Seiten Brücken hinüberführten. Diese Strafse ist aber nicht
die aeniilische, sondern die von Aquileia kommende, deren Lauf
wir S. 217 bis zum Po begleitet haben. 8) An ihr lag 18 Millien
1) Not. d. Scavi 1892 p. 133 1898 p. 233.
2) Tab. Peut. verschrieben hex.
3) Plin. III 118 XVI 161 Sil. It. VIII 599.
4) Plin. III 118 Liv. XLI 12. 18 Strab. V 218 Frontin Strat. III 13,7 14,3
Paul. h. Lang. IV 45.
5) Appian b. civ. IV 2.
6) Flor. II 16 Perusium cod. Bamberg. Perusiam cod. Nazar. Appian b.
civ. IV 2 Dio XLVI 55 Plut. Cic. 46 Ant. 19 vgl. Suet. Aug. 96.
7) Calindri, Dizionario VI vertritt zuerst die übliche Meinung dafs der
Zusannmenflurs von Reno und Lavinio nicht wie jetzt 23 km Nord von Bologna,
sondern in gröfserer Nähe war.
8) Die Kenntnifs dieser Strafse verdanken wir allein It. Ant. 281, wo
freilich die richtige Einsicht in den Gang derselben durch Schuld der Ab-
schreiber verdunkelt ist. Sie lassen die Strafse sinnloser Weise von Padua
nach Bologna gehen. Vielmehr hat sie sich bei f^ico Sernino getheilt, so
daTs ein Arm nach dem 23 .Millien entfernten Mutina, der andere Arm nach
dem IS .Millien entfernten Bononia führte. Nach diesen Mafsangaben mufs
§ 2. Das Binnenland. 261
nördlich von Bononia bei Galliera, wo die Inschriften das Dasein
eines alten Vicus erwieseo haben ^), der Vicus Sernmus; von hier
10 Millien weiter Vicus Varianus Vigarano 2) wahrscheinlich am
früheren F'o und zwar am rechten Ufer bei Vigarano Mainarda,
wenig oberhalb der Stromspaltung bei Ferrara (I 191). Bei dem
Vicus Serninus gabelte sich die Strafse, insofern ein Arm nach
Bononia, ein zweiter nach dem 23 Millien entfernten Mutina lief.
Der letztere mufste zuerst den Reno hierauf den Lavino oder die
Samoggia überschreiten. Es ist bereits anderweitig nachgewiesen
worden, dals in der unmittelbaren Nähe von Bologna keine wesent-
lichen Aenderungen'der Flufsläufe eingetreten sind.^) Unsere Er-
wägung führt zum nämlichen Ergebnifs. In der Gegend von Bagno,
südlich von welchem noch jetzt ausgedehnte Sümpfe vorhanden
sind, wird die Errichtung des Triumvirats anzusetzen sein. Der
Weg von Mutina hierher ist nur 5 Millien weiter als von Bononia.
Ein Gewährsmann im Lager des Antonius — aus einem solchen
hat Appian geschöpft — bestimmte die Oertlichkeit naturgemäfs
nach Mutina seinem Hauptquartier und nach dem überschrittenen
Flufs Lavinius. Mit gleichem Rechte benannten die auf Octavians
Seite stehenden Geschichtschreiber die Insel nach dem Rhenus und
Bononia. Die Lesung apud Confluentes inter Perusium [Periisiam]
et Bononiam ist vielleicht richtig, da ein Ort des INamens in der
Gegend von Modena gelegen zu haben scheint 4), vielleicht verderbt.
Dem Sinn nach würde auch passen tnter Otesiam et Bononiam; denn
dies halb verschollene Municipium lag bei S. Agata Ost von Modena.^)
die Strafsentheilung bei Galliera stattgefunden haben. Der Umstand dafs die
Handschriften die letzten Ziffern genau erhalten haben (die Entfernung von
Mutina nach Bononia beträgt 25 Milien) ermöglicht eine sichere Deutung.
Der Strecke Vicus Serninus-Mutina gehören die Meilensteine 6646.47 an: sie
scheinen von Patavium aus zu rechnen.
1) CIL. XI 804 fg. Die Ortsbezeichnung macht nur auf annähernde Genauig-
keit Anspruch.
2) Es giebt zwei Vigarano nördlich und südlich vom alten Po. Die Lage
des Vicus Varianus wird durch Zosim. V 37,2 bestimmt: eis ti t^s Bovoiviae
OQfirj'irjQiov TjX&ev o xaXovaiv Otxovßa^iav. Das Reisebuch giebt irrig 20
statt 10 Millien.
3) Frati, Atti della deputazione di storia patria per le province di
Romagna, 1868 p. 1. Not. d. Scavi 1896 p. 125.
4) Darauf führt die uva Perusinia Plin. XIV 39.
5) Plin. III 116 Phlegon macrob. (fr. 29,1 Müller III 608) 'O^jiota ^ircu'aia
CIL. V 5126 XI p. 151 an. Calindri, Dizionario VI 19 fg.
262 Kapitel IV. Die Aemilia.
Dafs die Strafse von Bouonia nach Aquileia 175 v. Chr. erbaut
wurde, haben wir S. 227 vermutet. Die Strafse von ßononia nach
Arrelium, als deren Fortsetzung sie betrachtet werden kann, stammt
aus dem Jahre 187 v. Chr. und ist vom Consul Gaius Flaminius,
dem Collegen des Aemihus Lepidus angelegt.') Die kürzeste Ver-
bindung mit Arretium ungefähr 150 km läuft die Savena aufwärts
über den Pafs la Futa (975 m) und Faesulae. Aus der Litteralur
läfst sich ihre Benutzung nicht vor dem 9. Jahrhundert belegen.
Dieser Umstand berechtigt indefs keineswegs zu dem Schlufs das
Dasein der Strafse im Altertum zu leugnen. — Bequemer aber
länger ist der Weg welcher durch das Thal dfes Reno die Wasser-
scheide (1007 m) oberhalb Pistoria am Nordende des Beckens von
Florenz erreicht. Am Reno ist bei Marzabotto 27 km von Bologna
eine etruskische Niederlassung entdeckt worden die leider für uns
namenlos bleibt. 2) Jenseit des Reno unterbricht der im M. Cimone
2165 m aufsteigende Gebirgsstock den Verkehr zwischen Etrurien
und der Aemilia. Demnach lag Bononia (55 m) am Ausgang der
beiden an den mittleren Arno führenden Appenninstrafsen, von der
Theilung des Po etwa 45 km entfernt und stellt die natürliche Ver-
mittlerin zwischen beiden Flufsgebieten dar. In alten Zeiten, heifst
es 3), war sie als Felsina das Haupt der etruskischen Städte des
Nordens, von Aucnus aus Perusia gegründet:
Ocni prisca domus parvique Bononia Rheni.
Die reiche Ausbeute innerhalb der Stadt (S. 11) und besonders
aus der bei der Certosa aufgefundenen Gräberstadt, welche jetzt
das stattliche Museum füllt, beweist die frühe Blüte des Gemein-
wesens.*) Wann dieselbe geknickt wurde, ist nicht zu sagen. Wo
die geschichtliche Ueberheferiing anhebt, 196 v. Chr. erscheint
Felsina im Besitz der Boier, welche die Elrusker vertrieben hatten.
Die Boier ihrerseits mufsten den Römern Platz machen: 189 v.Chr.
wurde eine latinische Colonie in der Stärke von 3000 Mann ange-
siedelt, der Reiter mit je 70, der Fufsgänger mit 50 Juchert aus-
gestattet. 5) Also sind über 40 000 ha Ackerland vertheilt worden,
1) Liv. XXXIX 2,6.
2) Gozzadini in mehreren Abhandlungen, Bologna 1865. 70.
3) Piin. III 115 Bononia Fehina vocitatum cum princaps Etruriae esset
Serv. V. Aen. X 198 Sil. It. VIII 599.
4) Zannoni, gli scavi della Certosa, 2 v. Bologna 1876 fg.
5) Liv. XXXIII 37 XXXVII 57 Vell. 1 15.
§ 2. Das Binnenland. 263
zu deren Bestellung die Ansiedler nicht ausreichten, sondern augen-
scheinlich die bisherigen Inhaber, kellische Bauern herangezogen
werden mufsten. Fortan wechselt die Stadt ihren Namen , der in
keltischen Landen mehrfach begegnet, also weder von bonus noch
von den Boiern abgeleitet scheint. Die Ringmauer umschliefst einen
Flächenraum von 83 ha, doppelt so viel als in Aosta: man könnte
daraus folgern dafs neben den Colonisten eine an Zahl gleiche ältere
Bevölkerung sefshaft gewesen sei, wenn das Alter der Umwallung
sicher verbürgt wäre, i) Nach der Ueberwältigung der Bergstärame2)
und der Anlage der grofsen Verkehrstrafsen ist Bononia so rasch
emporgeblüht, dafs es der lateinischen Litteratur Vertreter schenkte.-*)
Mit dem Bürgerrecht 90 v. Chr. begabt, wurde es der Tribus Lemonia
zugetheilt.4) Beziehungen zum Hause der Antonier haben bedeutsam
in seine Geschicke eingegriffen. M. Antonius machte die Stadt
43 V. Chr. im Krieg mit D. Brutus zu seinem wichtigsten Waffen-
platz ^), siedelte hierauf in ihr Colonisten an, zu denen Octavian
später neue hinzufügte. 6) Der Eigenschaft als Colonie entsprechend
heifsen die obersten Beamten des Gemeinwesens Duovirn. Reiche
Gunstbezeugungen sind aus dem Verhältnifs zum Kaiserhause ge-
flossen. Augustus verheb eine 18 km lange Wasserleitung aus dem
Setta, einem Nebenflufs des Reno, die neuerdings hergestellt worden
ist.^) Claudius gewährte nach einem Brande 53 v. Chr. eine Unter-
stützung von 10 Millionen Sesterzen (2 175000 M.).*) Unter den
binnenländischen Städten der Aemilia nahm Bononia wenn nicht
die erste, so doch eine der ersten Stellen ein. Dies erhellt sowol
aus den Aussagen der Schriftsteller 9) als daraus dafs das Reisebuch
willkürlich die Strafsen nicht nur nach Aquileia, sondern auch
1) Gozzadini, studi archeologico - topografici sulla cittä di Bologna,
B. 1868.
2) Liv. XXXIX 2 Oros. V 6,2.
3) Suet. p. 38,13 Reiff. Cic. Brut. 169.
4) Fest. p. 127 Müller CIL. XI p, 132.
5) Cic. Fam. XII 5,2 XI 13,2 Dio XLVI 36 Appian b. civ. III 69. 73.
6) Suet. Aug. 17 Dio L 6 Plin. XXXllI S3 Hl 115. CIL. XI 720 divtu
Augustus parens (coloniae),
7) Gozzadini, intorno all' acquedotto ed alle terme di Bologna, B. 1864.
8) Tac. Ann. XII 58 Suel. Nero 7.
9) Strab. V 216 Mela II 60 urbium. quae procul a mari hobitantur,
opulentistimae sunt ad sinistram Patavium Mutina et Bononia, ad dextram
Capua. Tac. Bist. II 53 Plin. VII 159. 163 Phlegon fr. 29,1. 2. 4 Ptol. III 1,42.
264 Kapitel IV. Die Aetnilia.
nach Verona und Cremona von ihr statt von Mutina ausgehen
lälstJ) Es unlerhegt keinem Zweifel, dafs Bononia im Altertum
wie in der Gegenwart zu den Grofsstädten Itahens zählte (S. 122).
Die Lust der Bewohner an Fechterspielen hebt der mit dieser Land-
schalt vertraute Martial hervor 2):
Stit07' cerdo dedit tibi culta Bononia munus,
fullo dedit Mutinae: nunc nbi copo dabit?
Die nicht gerade reichlich vorhandenen Inschriften 3) lehren
die Verbreitung grofsstädlischer Gottesdienste kennen; z. B. stand
ein Tempel der Isis in der Nähe von S. Stefano. Die Feldmark
erstreckte sich an der Via Aemilia nur über eine Breite von etwa
25 km vom Idice bis zur Samoggia, dagegen bezeugter Mafsen
(S. 261 A. 2) bis an den Po und vermutlich bis auf die Hohe des
Appennin, so dafs sie an 40 d. D M. enthalten haben mag (S 108);
der heutige Kreis enthält 2237 Dkm. Die Stadt hat in den Zeiten
des allgemeinen Verfalls sich zu behaupten gewufst, widerstand 410
dem Konig Alarich und wurde von Paulus zu den wolhahendcn
Gemeinwesen der Aemilia gerechnet.^)
Mit der gröfseren Erhebung welche der Appennin nordwest-
lich vom Reno annimmt, werden auch die Pässe schwieriger (I 231).
Aus dem Thal der Scullenna führt um den M. Cimone herum der
Pafs von Fiumalbo (1388 m) nach Luca ; aus dem Thal des Gabellus
Secuta oder Secia Secchia &) (I 190) der Pafs von Sassalbo (1261 m)
nach Luna. In der Mitte zwischen beiden Flüssen liegt Mutina
Modena (34 m) an der aemilischen Strafse, 75 Mühen von Placentia,
25 von Bononia, 101 von Ariminum entfernt. Denkt man sich
die sildpadanische Ebene als eine halbe Ellipse deren Durchmesser
die Via Aemilia bildet, so werden die beiden Brennpuncte durch
Mutina und Bononia bezeichnet. Diese Stadt ist durch ihre bessere
Verbindung mit Etrurien bevorzugt, jene beherrscht drei Slrafsen-
ilbergänge über den Po. — Die Stralse von Aquileia welche nach
1) It. Ant. 281.282.283. 99Hieros. 616 It. Gadit.Tab. Peut. Geogr. Rav.lV33.
2) Marl. III 59 Tac. Bist. II 67. 71.
3) Naciiträge zum CIL, Not. d, Scavi 1896 p. 146 1897 p. 330; griechische
Kaibel 22S2fg. Soldaten sind zahlreich Eph. ep. V p. 252.
4) Zosim. V31.33.37VI10Prokopb.Golh.IIlll Paul.h.Lang.II 18 VI49.54.
5) CIL. XI 826 meldet die von den Kaisern 260 vollzogene Herstellung
an der Aemilia des pons Secul\ae] vi ignis constimplus. Reste des Neubaus
sind noch vorhanden. It. Hieros. 616 mulaiio Ponte Secies, Plin. III 118
Gabellus nach einem anderen Dialekt.
§ 2. Das Binnenland. 265
beiden Städten auslief, haben wir oben S. 261 betrachtet. Von
dem Uebergang bei Vicus Varianus bis zu dem von Hostiiia (S. 208)
sind 40 km in der LuflHnie. In dem Zwischenraum darf man die
in den Censuslisten des Augustus stehende Gemeinde der Padinates
suchen: Cluver hält das heutige Bondeno für PadinumA) Die Wich-
tigkeit von Hostiiia als Knotenpunct des Verkehrs ist früher dar-
gelegt worden. Auf dasselbe führt von Mulina eine Strafse die
nach Ausweis eines Meilensteins von Augustus ausgebaut worden
ist. Das Reisebuch giebt die Entfernung mit 50 Millien um 10 zu
hoch an. Es nennt halbwegs den Ort Colicaria dessen Lage durch
die Kirche S. Possidonio (zwischen Mirandola und Concordia), wo
Inschriften zufolge ein antiker Vicus war, angezeigt wird.'^) Von
Hostiiia bis zum nächsten Uebergang bei Brixellum mifst man in
der Luftlinie ungefähr 50 km. Der Po machte im Altertum bei
Guastalla nicht jene scharfe Wendung nach Norden wie jetzt, sondern
flofs bei Gonzaga vorbei (1 189). In dieser Gegend wird die eine
oder andere von den verschollenen Gemeinden des plinianischen
Verzeichnisses gelegen haben. 3) In Brixellum mündete die Strafse
von Cremona ein und erreichte von hier aus über Regium nach
35 Millien Mutina. Nach dem Gesagten begreift man ohne weiteres
warum dieser Name in der Kriegsgeschichte so oft begegnet. —
Verschiedene Stämme stiefsen bei Mulina auf einander. Die Appennin-
thäler befanden sich im Besitz der Ligurer.*) Am Austritt der
Secchia in die Ebene lagen die Campi Macri, deren Name in
dem heutigen Dorf Magreta 7 km westlich von Modena fortlebt. Sie
werden mehrfach erwähnt, des berühmten Viehmarkts wegen der
hier alljährlich bis zur Regierung Nero's abgehalten wurdc^) Die
Boier hatten die Ebene an sich gerissen, während Mutina wie es
scheint etruskisch geblieben war.^) Es schlofs sich vor dem hanni-
balischen Kriege an die Römer an, erhielt 183 v. Chr. eine Colonie
von 2000 römischen Bürgern und ward nach damaliger üebung
(S. 259) der Tribus Pollia zugetheilt. In den ersten Jahrzehnten
1) Pliii. III 116 Cluver p. 282.
2) It. Anton. 282 CIL. XI p. 170 eb. 665U. Dieser Stein (bei S. Martino
Carano 2 km W von Mirandola gefunden) giebt mit lier Ziffer 19 die Ent-
fernung von Mutina an. Auf dieselbe Strafse beziehen sich 6651. 52.
3) CIL. XI p. 171.
4) Liv. XLI 12. 18.
5) Liv. XLI 18 XLV 12 Vaiio RR. II praef. 6 Colum. VII 2,3 Strab. V 21G
CIL. X 1401 XI p. 170 A. 6) Liv. XXXIX 55.
266 Kapitel IV. Die Aemilia.
nach der Niederlage Hannibals ist oft in seiner Umgebiiog gekämpft,
ja die Stadt selbst 177 von den Ligurern erobert worden, bevor
die Verbältnisse sich beruhigten. i) Man erkennt, unter wie ganz
anderen Bedingungen Mutina colonisirt worden ist als Bononia:
die Ansiedler wurden in ein bereits bestehendes Gemeinwesen ein-
geschoben und bekamen nur je 5 Juchert Land. Mithin sind hier
nicht mehr als 250U ha welche die Boier ehedem den Etruskern
abgenommen hatten, eingezogen und vertheilt worden, während in
Bononia 40 000 verfügbar waren. In der That blieb das Stadtge-
biet auch späterhin ein beschränktes.'-^) Gegen Regium bildet die
Seccbia die Grenze. Nach Norden lag in der Gegend von Carpi
ein Gemeinwesen dessen Name verschollen ist; nach Osten Otesia
bei S. Agata (S. 261). An der Via Aemilia reichte nach Südost
die Feldmark bis zur Samoggia welche sie von der bologneser
trennte. Sie umschlofs nach dieser Seite den 8 Millien von Mutina,
17 von Bononia gelegenen Vicus Forum Gallorum bei dem heutigen
Castelfranco, wo Antonius im April 43 v. Chr. siegte und geschlagen
ward. 3) Nach Südwest erstreckte sie sich sicher bis Sassuolo, wo
Erdülquellen und ein erloschener Krater (Salsa nach Montegibbio
zu) sind: der Ausbruch dem der letztere seine Entstehung 91 v.
Chr. verdankt, wird ebenso wie andere vulkanische Erscheinungen
ausdrücklich dem Gebiet von Mutina zugeschrieben. 4) Aber da das-
selbe aufserdem eine schwimmende Insel enthielt^), und Seen sich
nur in der Nähe der Hauptkette fanden, wird man annehmen
müssen dafs die ligurischen Stämme von der Seccbia und Scoltenna
bis zur Wasserscheide der Stadt unterstellt gewesen sind. Sie be-
trieb ansehnlichen Weinbau, fertigte geschätzte Thonwaaren und
lieferte nach Strabo die feinste Wolle (S. 98) in ganz Italien. f')
Durch ihre günstige Verkehrslage erwarb sie einen Reichtum der
mit demjenigen Bononia's wetteiferte''), sah ihn aber oftmals ge-
1) Pol.Ill40,8Liv.XX125XXVlI 21 XXXV 4. 6 XXXIX 55 XLl 12. 14. 16.18.
2) CiL. XI p. 151.
3) Cic. Farn. X 30 Appian b. civ. 111 70 Frontin Strat. II 5,39 Tab. Peut.
Geogr. Rav. IV 33.
4) Pliu. II 199. 240.
5) Plin. II 209.
6) Plin. XIV 39 XXXV 161 Slrab. V 218 vgl. Martial III 59 Blümner zu Ed.
Diocl. 19,13.
7) Mela II 60 Cic. Philipp. V 24 firmüsima et splendidissima populi
Romani colonia Appian b. civ. III 49 nöXiv elSaifiova. Griechische Inschriften
Kaibel 2287. 88. Soldateninschriften Eph. ep. V p. 255.
§ 2. Das Binnenland. 267
fährdet. In ihren Mauern setzte sich Gnaeus Pompeius 78 v. Chr.
gegen Brutus fest, Cassius 72 gegen Spartacus, D. Brutus 43 gegen
Antonius, Maxentius 312 n. Chr. gegen Constantin, tagte der Senat
69 n. Chr. während des Krieges zwischen Olho und VitelHus.i) Sie
gehörte zu den Städten welche von den Triumvirn den Truppen
nach der Schlacht bei Phihppi (S. 32) ausgeliefert wurden. 2) Wir
tragen kein Bedenken der Liste italischer Grofsstädte ihren ISamen
einzureihen (S. 122). In der Langobardenzeit war sie ganz ver-
ödet, ein Gedicht aus dem Ende des 7. Jahrhunderts preist ihre
Herstellung durch König Cunincpert.3)
Der Erbauer der aemilischen Strafse legte 17 Millien von
Mutina, 18 von Parma ein Forum an, das vereinzelt Forum Lepidi,
öfter Regmm Lepidum oder Lepidum Regium, gewöhnlich kurzweg
Regium, jetzt Reggio (53 m) genannt wird. 4) Die Entstehung des
Namens bleibt dunkel. Mit dem Lateinischen hat er nichts zu
thun, sondern ist der Landessprache entnommen, wie denn die
Veleiates (S.275) Regiates heifsen. Die Gemeinde gehörte zur Tribus
Pollia und erlangte nach dem Zeugnifs des Ptolemaeos den Titel
Colonie, den sie in der Censusliste des Augustus noch nicht führt.
Strabo rechnet Regium zu den kleinen Städten ; auch kann sein
Gebiet nicht ausgedehnt gewesen sein, aber da die Strafse von
Cremona hier iu die aemiüsche einmündet, ist es einerseits von
kriegerischen Ereignissen berührt worden, hat anderseits einen
gewissen Wolstand erworben , der bis in langobardische Zeit fort-
dauerte.^) — Es liegt im gleichen Abstand wie von Parma und
Mutina so auch von Brixellum Brescello (24 m). ^) Diese der
1) Plut. Pomp. 16; Flor, II 8,10; Appian b. civ. 111 49 Frontin Strat. III
14,3 13,7 Dio XLVI 35 fg. u. a.; Tac. Hist. II 52; Pan. Lat. X 27.
2) Plin.lll 115.
3) Carmen de synodo Ticinensi (Anhang zu Paul. h. Lang. Hannover 1878).
Paulus erwähnt die Stadt nicht.
4) Forum Lapidi Fest. 270 M. ; Regium Lepidum Strab. V 216 Tac. Hist.
II 50 Ptol. III 1,42 CIL. XI 972; Lepidum Regium CIL. XI p. 173 It. Gadit. I.
m Tab. Peut. Geogr. Rav. IV 33; Regium Lepidi Cic. Fam. XII 5,2 It. Gadit. II ;
Regienses a Lepido Plin. III 116; nöXecos Baadsiae Phlegon fr. 29,1;
Regium Cic. Fam. XI 9,2 Fest. 270 Ammian XXXI 9,4 Üros. V 22,17 It. Ant.
99. 127. 283. 287 Gadit. IV Hier. 616 u. a.
5) Oros. V 22,17 vgl. Plut. Pomp. 16; Cic. Fam. XII 5,2 XI 9,2; Paul. h.
Lang, n 18.
6) It. Ant. 283 giebt irrig 40 statt 18 Millien an.
268 Kapitel IV. Die Aemilia.
Namensform ') nach kellische Stadt heifst in der Censusliste des
Augustus Colonie — ein Beweis dafs ihre Feldmark ziemlich er-
heblich Nvar — und gehörte der Tribus Arnensis an. 2) Die Po-
schifler hielten hier Rast, indem bei der Thalfahrt der aemilische
Ruderer den venetischen ablöste.^) Sodann führte vom jenseitigen
Ufer eine Strafse nach dem 30 Millien entfernten Cremona (S. 200).
Die militärische Wichtigkeit des Platzes tritt in der Ueberlieferung
des Jahres 69 n. Chr. zu Tage, als Otho in demselben sein Haupt-
quartier aufgeschlagen hatte. Nachdem die Entscheidung bei Betria-
cum (S. 201) gefallen war, gab sich der Kaiser in Brixellum den
Tod: Plutarch beschreibt sein bescheidenes Denkmal.^)
Von gröfseren Gewässern folgt auf die Secchia der Flufs Inda
Enza.ä) Vor dem Flufs erreicht die Via Aemilia 10 Millien von
Regium Tannetum, jetzt ein kleines Dorf Taneto bei S. llario, das
bereits 218 v. Chr. als befestigter den Römern freundlicher Ort vor-
kommt f»), später Stadtrecht besafs.^) Der nächste Flufs ist der
Parma Parma«), sodann der Tarus Taro 9) mit einem Stromgebiet
von 38 d. D M. (I 189). — Am rechten Ufer der Parma 35 Millien
von Mutina, 40 von Placentia, wie alle diese Städte von der Via
Aemilia in der Mitte durchschnitten — die alte Brücke auf welcher
sie die Stadt verüefs, ist noch erkennbar — liegt die nach dem
Flufs benannte Colonie Parma. Die Colonie sperrt nicht nur die
Via Aemilia, sondern auch eine bequeme Verbindung zwischen dem
Po und dem tynhenischen Meer. Ihr Abstand von Biixellum am
Po beträgt 18 Millien, von Forum novum Fornovo am rechten Ufer
des Taro wo der Ceno in ihn einmünder, 14 Millien. Dies letztere
allein durch eine Inschrift bekannte Municipiumio) hängt seiner Ent-
1) Regeimäfsig Brixellum, vereinzelt ßrixillum, Paul. III 18. 19 IV 28
Brexillus.
2) Plin. III 115 VII 163 Phlegon fr. 29,1.3 Ptoi. III 1,42 Geogr. Rav. IV 33
CIL. XI p. 183.
3) Sidon. Ap. ep. I 5,5.
4) Plut. Oth. 5. 10. 18 Tac. Bist. II 33. 39. 51. 54 Suet. Oth. 9.
5) Plin. III 118 Geogr. Rav. IV 36 Entiajni/s.
6) Pol. III 40,13 Liv. XXI 25. 26 XXX 19.
7) Plin. III 116 Phlogon fr. 29,2 Plol. III 1,42 It. Ant. 287 Hieros. 616
Tab. Peut. Geogr. Rav. IV 33 CIL. XI p. 181 Paul. h. Lang. II 2 (?).
8) Geogr. Rav. IV 36 Tab. Peut. verschrieben Paala.
9) Plin. III 118 Geofir. Rav. IV 36.
10) CIL. XI p. 201. Plin. III 116 nennt es nicht, dafür aber zwei unbe-
stimmte Fora Forum Cloäi und Licini, mit deren einem es vielleicht identisch
§ 2. Das Binnenland. 269
stehung nach mit der Strafse zusammen die von Parma über den Pafs
la Cisa (1040 m, auch nach PontremoH benannt) in das Thal der Macra
nach Luna und Luca führt. Ihre Länge von Parma nach Luca be-
stimmt das Postbuch zu 100 MiUien.i) — Ehedem haben die Etrus-
ker an beiden Seiten des Appennin geboten, sind aber in der Folge
im Westen von den Ligurern, im Osten von den Boiern bedrängt
worden. Aehnhch wie Mutina wird auch Parma als etruskische
Gründung zu betrachten sein. Zuerst 183 v. Chr. erwähnt, wurde
sie gleich jener römische Biirgercolonie in der Tribus Pollia.2) Die
2000 Ansiedler bekamen je 8 Juchert, so dafs im Ganzen 4000 ha
den Boiern abgenommenen Ackers vertheilt wurden (S. 108). Die
Feldmark erstreckte sich zwischen Taro und Enza bis an den Po,
stiefs landeinwärts am Taro an diejenige von Forum novum; ihre
Ausdehnung thalauf an der Parma ist nicht bekannt. Immerhin
hat sie genügt um eine grofsarlige Schafzucht ins Leben zu rufen,
die dem Martial als Beispiel zur Veranschaulichung des Beichtums
dient, während er an anderer Stelle die Feinheit ihrer Wolle lobt 3);
magnaque Niliacae sermt tibi gleba Syenes
tondet et innumeros Gallica Parma greges. —
velleribus primis Appulia, Parma secundis
nobilis: Altinnm tertia laudat ovis.
Von den Schicksalen der Stadt hören wir wenig*): 176 v. Chr.
ist sie Hauptquartier des römischen Statthalters gegen die Ligurer;
43. V. Chr. wird sie von L. Antonius bei dem Abzug von Mutina
grausam geplündert. Mit der Ansiedlung neuer Bürger durch
Augustus nimmt die colonia Julia Augusta Parmensis ihren Platz
unter den bevorzugten Gemeinwesen Italiens ein^): Theater und
Amphitheater welche Ausgrabungen am Südende bei S. Udalrico
kennen gelehrt haben 6), bekunden den äufseren Glanz des Lebens.
ist. Auch das unbestimmte Fonnn Druentinorum wird nach der Inschrift
CIL. XI 1059 in dieser Gegend eher als bei Bertinoro CIL. XI p. 112 zu
suchen sein.
1) It. Ant. 284.
2) Liv. XXXIX 55 CIL XI p. 188.
3) Mart. V 13,7 XIV 155 Colum. VJI 2,3.
4) Liv.XLI17; Plut.IVlar.27; Cic. Phil.XIVSfg. Fam.X 33,4 XI 13b. XII5,2.
5) Strab. V 216 Plin. III 115 VII 163 Phlegon fr. 29,1. 2_Ptol. III 1,42
Steph. Byz.; Geogr. Rav. IV 33 Julia Chrisopolis quae dicitur Parma. Dem
kaiserlichen Heer liefert sie viel weniger Rekruten als Mutina t-ph. ep. V p. 25S.
6) Bull, deir Instituto 1844 p. 168.
270 Kapitel IV. Die Aemilia.
Während Mulina verfiel, wird Parma von Paulus zu den begüterten
Städten der Aemilia gezählt i) , von den Byzantinern Chrysopolis
benannt.
Der Tarus empfängt in seinem Unterlauf von links her mehrere
Zuflüsse unter denen der Sesterio Stirone') der gröfste ist. Am
rechten Ufer des Stirone 15 Millien von Parma erreicht die Via
Aemilia eine nach Ausweis ihres Namens von den Römern gegründete
Stadt Fidentia. Der Sieg den M. LucuUus hier 82 v. Chr. über
die Demokraten unter Garbo erfocht, hat ihr ein Andenken in der
Ueberlieferung verschafl't."*) Ihre Feldmark kann nur eine geringe
Ausdehnung gehabt haben. Noch unter Vespasian selbständig'*),
ist das Gemeinwesen wie es scheint bald darauf aufgehoben und
als vicus Fidentiola dem benachbarten Parma einverleibt worden.")
Borgo S.Donnino nimmt gegenwärtig dessen Stelle ein. — 10 Millien
weiter folgt der Ort Florentia oder Florentiola Fiorenzuola^) an der
Arda. Sodann überschreitet die Strafse den Clenna Chiavenna')
und dessen Zuflufs Rtgonus Riglio®), hierauf den Nure Nure^) und
langt endlich 40 Millien von Parma bei Placentia Piacenza an. Da
Ueberreste von Bauwerken nicht vorhanden sind^o), erinnert allein
der regelmäfsige Grundplan an die alte Römerfestung. Ihr Abstand
von der Nure im Osten beträgt ungefähr 8, von der Trebia im Westen 4,
vom Po im Norden kaum 1 km. Wir wissen nicht ob der Po sein
altes Bett genau bewahrt hat, doch kann der Hafen von der Stadt
nicht wesentlich weiter abgelegen haben. Der Hafen war befestigt; von
ihm aus wurde eine ziemlich lebhalte Schiffahrt betrieben. '') Die
1) Paul. h. Lang. II 18 IV 20. 28 Ammian XXXI 9,4 Agathias b. Goth. I 14 fg.
2) Der Name zuerst bezeugt Liudprand antapod. I 41 und Acta S. S.
zum 9. October.
3) Liv. LXXXVIII Vell. II 28,1 Plut. Sulla 27,7 vgl. Appian b. civ. I 92.
4) Piin. III 116 Phlegon fr. 29,1 Ptol. III 1,42.
5) It. Anton. 99. 127 Hieros. 616 ; It. Ant. 288 Tab. Peut. Geogr. Rav. IV 33;
CIL. XI p. 202.
6) It. Gadit. Anton. 288; das Deminutiv Geogr. Rav. IV 33; Hieros. 616
7nansio ad Fonteclos; CIL. XI p. 203.
7) Geogr. Rav. IV 36.
8) Tab. Peut.
9) Geogr. Rav. IV 36.
10) Not. d. Scavi 1899 p. 124 über den Juppitertempel.
11) Liv. XXI 57 Tac. Bist. II 17. 22 Appian Kann. 7 Strab. V 217 vgl.
Plin. III 119 Sidon. Ap. ep. I 5,3 Cassiod. var. IV 45 Liudprand bist. Ott. 6
antap. VI 4.
§ 2. Das Binnenland. 271
Stadt (61 m) liegt an einem der wichtigsten Knotenpuncte des
italischen Strafsennetzes: einmal endigt hier die Via Aemilia und
wird jenseits des Po (über den keine Brücke führte) nordwärts
über Laus nach Mailand (40 Millien S. 191) westwärts über Laus
nach Ticinum (47 Mühen S, 192) fortgesetzt; sodann wird diese
Haupthnie von Nord nach Süd durch die West und Ost, Genua
mit Aquileia verbindende Via Postumia (S. 199) geschnitten. —
Wir haben S. 158 den Gang der Via Postumia von Genua bis Iria
Voghera verfolgt. 7 Milben weiter in Clastidium Casteggio (90 m)
befinden wir uns innerhalb der achten Region und der Feldmark
Placentia's, zu welcher dieser Vicus gehörte, i) Er war wie die Um-
gegend von Hause aus von dem Volk der Anamaren bewohnt, das
223 V. Chr. die römische Partei ergriff (l 473 A. 2 477). Unter
seinen Mauern erfocht M. Marcellus im nächsten Jahr einen glän-
zenden von Naevius verherrlichten Sieg.^) Die Römer hatten dort
21.8 grofse Getreidevorräte aufgespeichert, die Hannibal wegnahm. 3)
Der Ort diente ihm nun als Stützpunct in dem Winterfeldzug,
der mit der Schlacht an der Trebia abschlofs, wurde erst 197 von
den Römern zurück gewonnen und in Brand gesteckt.'*) Bei dieser
Gelegenheit, darf man annehmen, erfolgte seine Zutheilung an Pla-
centia. Von späteren Schriftstellern wird er kaum noch erwähnt ^),
auch in den Reisebüchern übergangen, die statt seiner 16 Millien
von Iria, 25 von Placentia Comillomagus Broni (88 m) nennen. 6)
Immerhin mufs Clastidium ziemlich belebt gewesen sein : es liegt
etwa 8 Millien vom Po entfernt, über den im Altertum eine feste
Brücke nach Ticinum führte (S. 190). Die Entfernung Ticinums
von Placentia betrug auf der Via Postumia über Clastidium 47 Millien:
ebenso viel wie über Laus am nördlichen Flufsufer. — Da der
1) CIL. V p. 828.
2) Fast, triumpli. Gapit. Pol. II 34,5 Plut. Marc. 6,3 Liv. XXIX 11,14 Cic.
Tusc. IV 49 Val. Max. I 1,8 Varro LL VII 107 IX 78.
3) Pol. III 69,1 Liv. XXI 48,9 Nepos Mann. 4.
4) Liv XXXII 29. 31. Die neben Clastidium genannte ligurische Stadt
Litubium bringt Cluver p. 78 mit den lina Retovina Plin. XIX 9 zusammen.
Die Lage der Gegend ist durcti die Nachbarschaft von Alagna (S. 176) bestimmt.
Cluver findet den Namen in Retorbido (170 m) S von Voghera SW von Casteggio
wieder: was in der That recht gut pafst.
5) Strab. V 217.
6) Tab. Peut. Cameliomagus und Comeli jnagus , lt. Ant. 288 Comillo-
magus, CIL. V p. 827.
272 Kapitel IV. Die Aemilia.
Ticirius bei seiner EinmUnduog in den Po diesem an Wassermenge
ziemlich gleich kommt (1 187), so begreift man dafs oberhalb ihrer
Vereinigung der gewiesene Ort für den üebergang vom nördlichen
nach dem südlichen l*oul'er war.*) Ihn haben die Insubrer 222 v.
Chr. ausgesucht, als sie sich auf ClasUdium warfen und die Rück-
zugslinie der Römer nach Genua bedrohten. Hier schlug 218 v.
Chr. Hannibal eine Schiffbrücke, nachdem er den Consul Scipio zum
Rückzug nach Placentia gezwungen hatte. Die späterhin bei Ticinum
befindHche stehende Brücke ermöglichte 539 n. Chr. den Einfall der
Franken in die Aemilia. Heutigen Tages hören am Lambro die
Furten im Pobett völlig auf (I 183). Durch die Tiefe des Flusses
war Placentia gegen einen Angriff von Norden her gut geschützt.
Ferner war es im Osten durch Cremona gedeckt. Dagegen bot
sich von Westen eine natürliche Marsclilinie für den Angreifer dar.
Bald hinter dem oben erwähnten Ort Comillomagus, bei Stradella
treten die Hügel des Subappennin bis auf 3 km an den Po heran.
Dann wird die Ebene wieder breiler und erreicht bei Placentia eine
Ausdehnung von 15 km vom Flufs bis an den Fufs der Hügel.
Dies flache Schwemmland ist von einer Reihe von Bächen durch-
zogen, die mit ihren Kiesmassen tiefe und breite Betten ausge-
waschen haben. Der bedeutendste unter ihnen ist die Trebia
Trebbia.2) Die früher (I 188) angeführten Daten kennzeichnen
dies Wild Wasser: die Brücke auf welcher die heutige der Via Postu-
mia entsprechende Strafse es überschreitet, mifst 425 m. Das
mehr als 1 km ausgebreitete Flufsbelt umschliefst ebenso wie die
benachbarten Bäche zahlreiche mit Buschwerk bestandene Werder,
die zum Hinterhalt vorzüglich geeignet sind.^) Es vermag ein feind-
liches Heer wegen der geringen Wassermenge nicht aufzuhalten;
doch bietet der hohe Uferrand dem Vertheidiger unschätzbare Vor-
theile. Die Bewegungen welche dei' blutigen Niederlage der Römer
im December 218 v. Chr. vorausgingen, sind vollkommen deutlich;
auch stimmen die Schlachtbeschreibungen mit der Oerthchkeit gut
1) Pol. II 34,5 111 64,1 66,1 fg. Liv. XXI 45,1 fg. 47,2 fg. Prokop h. Goth.II ?5.
2) Pol. 111 67 fg. Liv. XXI 48 fg. Appian Kann. 6 Strab. V 217 Plin. III118
Trebi'am Placentirium u. a.
3) Liv. XXI 54 erat in medio rivus pej-altis utrimqiie clausus ripis et
circa obsilus palustribus lierhis et quibus incuUa forme vesliuntur, virgultis
vepribuxque, vgl. Pol. lil 71,1.
§ 2. Das Binnenland. 273
tiberein, wenn man von einem vereinzelten Irrtum absieht.^) Consul
Scipio hatte Anfang October westlich von Placentia (etwa bei
Stradella) eine Brücke über den Po, sodann (etwa bei Pavia) über
den Tessin geschlagen und nach dem unglücklichen Reitergefecht,
dessen Platz auf der Karte sich nicht näher angeben läfst (S. 175),
seinen Rückzug auf das südliche Poufer auf dem nämhchen Wege
bewerkstelligt. Er blieb zunächst in ziemlicher Entfernung von
Placentia stehen, um die Verbindung mit Clastidium und zugleich
mit Genua offen zu halten, mufste aber wiederum weichen und über
die Trebia zurück gehen. Er bezog jetzt etwa 10 km südlich von
Placentia auf den Anhohen am rechten Ufer der Trebia ein Lager,
das den Anmarsch gegen die Festung zwar frei gab, aber die offene
Flanke und den Rücken des Angreifers bedrohte. Von hier aus
hat sich der Verlauf der Dinge in übersichtlicher Weise abgespielt.
Die Anwohner suchen das Schlachtfeld bei Campremoldo und den
Hinterhalt der Karthager in einem der Betten des Lurettabaches.
Im Einzelnen wolle man sich daran erinnern dafs alle diese Geröll-
betten mannichfachen Aenderungen unterworfen und damals weit
schmäler gewesen sind als heut zu Tage. In den Quellen wird
nicht ausdrücklich erwähnt dafs die Abtheilung des römischen Heeres
welche sich nach Placentia durchschlug, die Trebia durchschreiten
mufste: in der Nähe der Mündung war dieselbe ohne Schwierig-
keit zu durchwaten. Ob hier eine Holzbrücke für die grofse Strafse
nach Genua und Pavia im Jahre 218 sich befand, ist nicht zu sagen;
gab es eine solche, so wird sie vor der Schlacht von den Römern
zerstört worden sein. — Während die Placentiner Feldmark nach
Westen das 34 Millien entfernte Clastidium umfafst, reicht sie im
Osten bis Cremona das 20 Millien abliegt, vielleicht noch weiter am
Po entlang. Desgleichen scheint ihre Grenze nach Südost an der
Via Aemilia jenseit Florentia (S. 270) bei 20 oder mehr Millien
Abstand gewesen zu sein. Somit wird sie 15 — 20 d. D M. ebenes
Land enthalten haben, von dem freihch Sümpfe einen guten Theil
einnahmen. 2} Dazu kam ein Saum der subappenninischen Hügel,
dessen Ausdehnung wir wenigstens an einer Stelle bestimmen können.
1) Liv. XXI 56,8 läfst die Besatzung des römischen Lagers nach der
Schlacht auf Fiöfsen die Trebia überschreiten um nach Placentia zu gelangen :
eine arge Flüchtigkeit die bei den neueren Gelehrten viele Verwirrung ange-
stiftet hat.
2) Strab. V 217 Liv. XXXIV 48.
Nissen, Ital. Landeskunde. II. 18
274 Kapitel IV. Die Aemilia.
Im Thal der Trebia 20 Millien aufwärts sliefs das Gebiet von Pla-
cenlia an dasjenige von Veleia. Hier lag bei Travo oder Travi
(171 ni), vermutlich an der Stelle der berühmten Kirche S. Maria
di Travi, ein gefeiertes Heiligtum der Minerva memor oder medica
Cabardiacensis, wie sie in den Weihinschriften heifst.i) Das Beiwort
das auch in einem fundus Cabardiacus begegnet-), hat sich in dem
heutigen Caverzago erhalten. Die veleiatische Alimentartafel nennt
als zu IMacentia gehörend die pagi Apollmaris Briagontinus Cerialis
Farraticanus Herculanius Julius Mitiervius Noviodunus Sinnensis
Yalentinus Vercellensis Yeronensis. während Salutaris Valerius Vene-
rius von der Grenze beider Städte durchschnitten wurden. Der Kreis
Piacenza mit seinen 1623 Qkm ist ungleich dichter bevölkert als
im Altertum (S. 108).
Immerhin entspricht der Ausdehnung der Feldmark die Wich-
tigkeit der Stadt. Sie ist 218 v. Chr. gemeinschaftlich mit Cremona,
aber nicht wie diese an einem von Kellen bewohnten Ort (S. 199),
sondern nach Ausweis ihres Namens von Grund aus neu angelegt
worden. 3) Zur Beherrschung des Polaufs bestimmt und mit 6000
Ansiedlern (darunter 200 Reitern) ausgestaltet, hatte sie alsbald die
Angrille Hannibals und Hadrubals sowie der mit ihnen verbündeten
Kelten auszuhalten 4), wurde schliefslich 200 v. Chr. von den letzteren
genommen und zerstört. &) Sie erhob sich schnell wieder aus ihrer
Asche, hatte indessen in den drei ersten Jahrzehnten ihres Bestehens
die volle Hälfte ihrer Einwohnerschaft eingebüfst, so dafs 190 v. Chr.
eine aufserordentliche Ergänzung nötig wurde. ^) Mit dem Bau der
Via Aemilia und der Sicherung des Friedens beginnt ein entschie-
dener Aufschwung: die Bürgerschaft nimmt Gallier in ihre Mitte
auf) und stellt Vertreter zur lateinischen Litteratur.^) Das Jahr
90 brachte ihr das römische Bürgerrecht und die Zutheilung zur
Tribus Voturia.^) Im Bürgerkrieg 87 fiel Placentia den Demokraten
1) CIL. XI p. 253.
2) CIL. XI 1147. 2,48.
3) Pol. III 40 Liv. XX XXI 25 Ascon. Pis. 2 Kiefs. Vell. I 14 Plaut.
Caplivi 162.
4) Pol. III 66. 74 Liv. XXI 56. 57. 59. 63 XXVII 10. 39. 43 Appian. Kann.
5. 7 Plin. VII 105.
5) Liv. XXXI 10.21.
6) Liv. XXVIII 11 XXXIV 22. 56 XXXVII 46. 47 vgl. XLI 1 XLIV 40.
7) Cic. in Pis. 53. 67 Ascon. Pis. 3.
8) Cic. Brut. 172 Quintilian I 5,12. 9) CIL. XI p. 242.
§ 2. Das Binnenland. 275
in die Hände •), die fünf Jahr später bei Fidentia von Luculi ge-
schlagen wurden (S, 270). Es verwandte sich für den verbannten
Cicero 2) und ward von den Märschen der caesarischen Truppen oft
berührt. 3) Augustus machte es zur Colonie und damit zur Stütze
seiner Macht.*) Der Glanz der Stadt wird mehrfach erwähnt 5):
als das Amphitheater vor den Thoren bei den Kämpfen zwischen
Otho und Vitellius 69 n. Chr. in Flammen aufging, meinte man
neidische Nachbarn hätten es angezündet, weil ganz Italien kein
Gebäude gleicher Gröfse aufzuweisen habe. 6) Die spätere Kriegs-
geschichte bietet gleichfalls Anlafs genug des Namens zu gedenken:
hier schlug Aurelian 271 mit den Marcomannen/); hier ward
Orestes 476 auf Odoakers Befehl enthauptet 8); die starke Festung
mufste sich 546 den Gothen ergeben. 9) Zeitweise verfallen, wird
sie unter den Langobarden zu den ansehnhchen Städten der Aemiha
gerechnet. lOj
Von den Gemeinden im Gebirg haben mehrere ihre Unab-
hängigkeit bewahrt und werden als selbständige Verwaltungskörper
fortgeführt. Plinius erwähnt unter den Hgurischen Stämmen die
Veleiates^ unter den Municipien der achten Region dieVeletatescognomine
veteri RegiatesJ^) Darnach scheint ein Theil des Stammes mit dem
nämlichen Beinamen den wir bei Forum Lepidi kennen lernten
(S. 267), als eigenes Gemeinwesen eingerichtet und der Tribus
Galeria zugetheilt worden zu sein. Desselben geschieht nur noch
bei der Volkszählung Vespasians Erwähnung, wegen der vielen alten
Leute die sich hier vorfanden. Erst als 1747 in der Nähe von
Macinesso am rechten Ufer der Chiavenna oder wie sie im Ober-
1) Val. Max. IV 7,5 VI 2,10 App. b. civ. I 92.
2) Cic. in Pis. fr. 3.
3) Cic. ad Qu. fr. II 13,1 ad Att. VI 9,5 Suet. Gaes. 69 App. b. civ. II 47.48
Dio XLI 26 XLVIII 10.
4) Plin. III 115 Tac. Hist. II 19 coloniam virium et opum validam
CIL. XI 1217. Es ist im Heer vertreten Eph. ep. V p. 256, aber schwächer als
Cremona Mutina und Bononia.
5) Streb. V 216. 17 Plin. VI 218 VII 163 VllI 144 Tac. Ann. XV 47 Phlegon
fr. 29 It. Gadit. Ant. 98. 127. 288 Hier. 616 Tab. Peut.
6) Tac. Hist. 11 21. 36. 49.
7) vita Aur. 21 Hist. misc. X 35. —
8) An. Vales. 37 Hist. misc. XVI 10 Ennod. p. 356 Hartel.
9) Prokop b. Golh. III 13. 16.
10) Ambros. Ep. 1 39 Paul. h. Lang. II 18 IV 51 V 39.
11) Plin. m 47. 116 Vn 163 Phlegon fr. 29 CIL. XI p. 204.
18*
276 Kapitel IV. Die Aemilia.
lauf heifst Chero, etwa 35 km südlich von Placentia die Alimentar-
tafel entdeckt wurde, tauchte der Name von Veleia aus der Ver-
gessenheit auf. Diese gröfste aller beschriebenen Erztafeln des
Altertums (1,38 X 2,86 m) enthält das Verzeichnifs der für ein
kaiserliches Darlehen zum zehnten Theil ihres Wertes verpfändeten
Güter aus den Gemarkungen von Veleia Libarna (S. 158), Placentia
Parma und Luca (S. 288). Traian hat zuerst (vor 102 n. Chr.)
72000, dann aber (nach 102 und vor 113 n.Chr.) 1 044 000 Sesterzen
hergegeben, die mit 5 vom Hundert verzinst zum Unterhalt von im
(ianzen 266 Knaben und 36 Mädchen dienen sollten: jene erhalten
16 diese 12 Seslerz monatlich; unter der Zahl befinden sich je ein
unehelicher Knabe und Mädchen die 12 bez. 10 Sesterz bekommen.
Das Vorhandensein ähnlicher Stiftungen am Ort wird durch Bruch-
stücke von Erztafeln erwiesen. Von ihrer Zweckbestimmung war
S. 129 die Rede, desgleichen S. 94 von den Aufschlüssen über
die Bildung von Latifundien, die wir der umfangreichen Urkunde
verdanken. Aufserdem aber enthält sie eine wahre Fülle von Orts-
angaben, u. a. die Namen von 32 pagi. Die zu Placentia gehörigen
wurden S. 274 aufgeführt; veleiatisch sind Albensis (an der Grenze
von Libarna und Luca) Ambitrebius (an der oberen Trebia) Bagiennus
Dianius Domitius Floreivs Junonius Laras Medutius Moninas (theil-
weise hbarnisch) Salvius (theilweise parmensisch) Salutaris (theil-
weise placentinisch) Slatiellus Sulcus Valerius (theilweise placentinisch)
Velleius Venerius (theilweise placentinisch). Der Versuch die Gaue
nebst 12 Vici und reichlich 500 Gutsbezeichnungen topographisch
fest zu legen bietet geringe Aussichten auf Erfolg, würde auch
wenn dies anders wäre, die Aufgabe dieses Handbuchs überschreiten. i)
— Die Auffindung der Alimentartafel gab den Anstofs zu Aus-
grabungen 1760 — 65 die das Museum von Parma mit reichem In-
halt anfüllten, später oftmals (zuletzt 1876) ohne wesentUche Aus-
beute wieder aufgenommen worden sind. Sie gewähren ein anschau-
liches Bild von der Stadtanlage, welche die Ligurer etwa im letzten
vorchristlichen Jahrhundert als Mittelpunct ihres Gemeinwesens nach
allen Regeln der Kunst geschaffen haben. 2) Das Forum ist nach
Vitruvs Vorschrift anderthalb mal so lang als breit (30 X 20 m),
1) Die neuere Litteratur führt Bormann CIL. XI p. 219 an und beurtheilt
sie p. 222 in gleichem Sinne.
2) Giov. Antolini, le rovine di Veleia misurate e disegnate 2 p. fol.
Milano 1819. 22.
§ 2. Das Binnenlantl. 277
mit Statuen geschmückt, von einem Tempel einer Basilica und an-
deren öffentlichen Gebäuden eingefafst. Freilich zeigt die Kleinheit
der Verhältnisse, die ungefähr ein Achtel derjenigen von Pompeji
betragen, dafs für die freie Entfaltung von Handel und Verkehr in
diesen Bergen keine Stätte war. Das älteste datirle Denkmal ist
die 49 v. Chr. oder bald nachher erlassene Gerichtsordnung für
Oberitalien (S. 8), das jüngste eine Inschrift von 276 n. Chr.
Der Untergang des Ortes wird herkömmlich auf einen Bergsturz
zurückgeführt (I 297); die Richtigkeit der Annahme ist neuerdings
bestritten worden. i)
In ähnlicher Weise wie die Veleiaten sind andere Gemeinden
nach den augustischen Censuslisten als Saltus Galliani qui cognomi-
nantur Äquinates zu einem Municipium vereinigt worden.'^) Die
Lage ist unbekannt; dafs sie im Gebirg zu suchen sei, beweist der
Name. Das Gleiche gilt von den Solonates die wir im Süden dieser
Region in der Nähe von Ariminum und Sassina ansetzen müssen^):
der zwischen beiden Städten gelegene Ort Sogliano den man in
Vorschlag gebracht hat, pafst recht gut.
1) Not. d. Scavi 1876 p. 98 1877 p. 158 mit Plan.
2) Plin. III 116.
3) Plin. III 116 CIL. XI 414.
KAPITEL V.
Etriirien.
Das Volk der Etrusker hat der siebenten Region den Namen
verliehen. Der Name Rasenna den das Volk sich selbst beilegte,
ist verschollen'); den italischen Anwohnern (1496) hiefs es Tusci
Etrusci. Während die Römer beide Formen gleichmäfsig neben ein-
ander verwenden, wird für das Land ausschliefslich die Bezeichnung
Etruria gebraucht, die Bezeichnung Tuscia geradezu verpünt.2) Aber
am Ausgang des zweiten Jahrhunderts n. Chr. ist die letztere aus
dem Volksmund in die amtliche Sprache eingedrungen 3), greift auch
in der Litteratur um sich ■*) und verdrängt am Ausgang des Alter-
tums das classische Etruria völlig.^) Den wechselnden politischen
Verhältnissen des Mittelalters angepafst, ist sodann Tuscien auf das
heutige Toscana beschränkt worden. Augustus hatte ihm weitere
Grenzen gesteckt. Die Macra trennt die siebente Region von
Ligurien, der Appennin von der Aemilia, der Tiber von Umbrien
der Sabina und Latium. Sie umfafst das heutige Toscana (24 104Dkm)
ganz, ferner Theile des heutigen Ligurien (Sarzana) Umbrien (Perugia)
und Latium (Civitavecchia Viterbo). Sie steht mit 31000 Dkm
560 d. DM. Flächeninhalt der Transpadana ungefähr gleich. — Der
in bedeutender Höhe nach Südost streichende Appennin schützt das
Land gegen die Rauheit des Nordens (I 379); die ihn begleitenden
1) Allein bezeugt durch Dion. H. I 30.
2) Serv. V. Aen. X 164 Isidor XIV 4,32.
3) Aeltesle Beispiele CIL XI 2106 XIV 2922 III 1464.
4) Varro LL. V 32 hat Scaliger Tuscia in Tusci verbessert. Zuerst findet
eich Tuscia unter Claudius bei Scrib. Larg. med. comp. 146, sodann Flor. I 5,5
Tertull. Apol. 40, Ammian XXI \.,\.Q Etruria nach alten Quellen, 5,12 und sonst
von seiner Zeit Tuscia; Eutrop. I 11 111 9 VII 3.
5) Paul. h. Lang. 11 '20 f^aleriae pars occidua quae ab urbe Roma initium.
capit, olim ab Elruscorum populo Etruria dicta est.
Etrurien. 279
Züge des Antiappennin (I 232 fg.) bewirken dafs die Halbinsel bier
ibre grofste Breite von 3ü d. M. und darüber erreicbt. Aber eine
natürlicbe Einheit feblt durcbaiis. Vier Hauptabscbnitte sind zu
unterscbeiden. Die Abbänge des Appennin mit dem Tbal des Arnus
stellten eine Grenzmark dar die sich grofstentbeils in liguriscben
Händen befand: die Etrusker vermocbten allein von Faesulae und
Arretium aus die binüenländiscben Verbindungen mit ihren Stammes-
genossen in Felsina und Mutiua zu behaupten. Die Einsenkungen
des Arnus- und Clanisthals umscbliefsen im Norden und Osten das
toscanische Hügelland mit seinen Metallschätzen (I 233), welches
im Süden an das in weit jüngerer Epoche durch vulkanische
Thätigkeit entstandene Tafelland (I 254) anstöfst. Der vulkanische
Theil, durch gröfsere Fruchtbarkeit des Bodens und übersichtliche
Gestaltung vor seinem Nachbar ausgezeichnet, hat den Alten als die
Wiege der etruskischen Cultur gegolten, ist jedenfalls der wichtigste
Sitz der etruskischen Macht gewesen , deren Verwicklung mit der
Geschichte Roms einen erhöhten Reiz ausübt. Immerbin zerfällt
dieser Theil in zwei gesonderte Abschnitte, das Tolfagebirge und
der ciminische Wald bilden die Grenze. Die Landschaft welche
sich von den genannten Bergzügen nach dem Tiber hin abdacht
(1 259), ist den etruskischen Waffen nie vollständig erlegen, von den
Römern als Weichbild ihrer Stadt mit Recht betrachtet und früh-
zeitig erobert worden. — Die Censuslisten weisen dieser Region
49 selbständige Verwaltungskorper zu, von denen nach Abzug der
römischen Gründungen einige dreifsig auf etruskischen Ursprung
zurückgeben. Das angrenzende ümbrien enthält ebenso viele Ge-
meinden und doch nur ein Drittel der Bodenfläche. Aber mit
gutem Grund haben alte Gelehrte Tvqoi]voI als die Städtebauer er-
klärt i); denn die Etrusker haben, wie die S. 37 gegebene Ueber-
sicht lehrt, Grofsstädle geschaffen und die Landschaften diesen unter-
stellt. Aehnlich wie bei den loniern in Kleinasien nahm ein Bund
von zwölf Städten die Leitung der Nation in Anspruch 2); dessen
Vertreter kamen beim Tempel der Voltumna im Gebiet von Volsinii
zur Beschlufsfassung über Bundeskriege und gemeinsame Ange-
legenheiten zusammen. Das Fest und die Messe welche mit der-
1) Dion. H. I 26. 30, während Ttisci von d-vaiv abgeleitet wird Plin. III50
und die S. 278 A. 2 angeführten Stellen.
2) Dion. H. VI 75 TvQQTjviav anaaav eis dcöSexa vsrs/xrjfievrjv rjyefiovias,
Liv. 18 IV 23 V 1. 33.
280 Kapitel V. Etrurien.
artigen Vereinen gewöhnlich verbunden waren, bestanden noch im
4. Jahrhundert nach Chr., aber die Zahl der theilnehmenden Städte
war in der Kaiserzeil auf fünfzehn, vielleicht in Folge der Scheidung
von Arreliuni in drei, von Clusium in zwei Gemeinden erhöht
worden.') Mit Wahrscheinlichkeit kann für die Epoche der Unab-
hängigkeit die Liste der zwölf berechtigten folgender Mafsen bestimmt
werden : Arrelinm -) Caere 3) Chtsium ^) Cortona ■') Perusia ^) Rusellae ')
Veii^) Vetulontum^) Fo/«'**) VoJaterrae^^) Volsinii^'^) Tarquinii i^).
Ihre geographische Anordnung ist beachtenswert. Die eine Reihe
liegt im Bereich der Küste: Volaterrae Rusellae Vetulonium Volci
Tarquinii Caere, die zweite im Bereich des Clanis: Arretium Cortona
Clusium Vülsinii (Orvieto) und Tiber: Perusia Veji, während das
innere Hügelland vergleichsweise wenige, auf weiten Strecken gar
keine Ueberreste etruskischer Cultur zu Tage fördert. Mit der ver-
einzelten Ausnahme von Perusia sind alle diese Stadtgebiete der
Malaria entweder noch jetzt verfallen oder erst seit dem 18. Jahr-
hundert (I 299) entrissen worden. Wie sehr haben die Lebens-
bedingungen des Landes sich verändert! Mit zäher Kraft hatten
Umbrer und Etrusker in unvordenklichen Zeiten die Niederungen
bemeistert deren fetter Boden fünfzehnfaltigen Weizen trug, i^)
Toscana wird von den Alten als Kornland betrachtet i^), Wälder
1) An der Spitze des Festveibandes steht ein Praetor und Aedil CIL. XI
2116. 3364. 3257, praetor Elruriae XV yopulorum 2114. 2699. In der späteren
Kaiserzeit nahm Umbrien an der Feier Theil CIL. XI 5265. 83.
2) Liv. IX 37 a. 308 Perusia et Cortona et Arretium . . ferme capita
Etruriae populorum ea tempestate erant Diod. XX 35 Dion. H. III 51.
3) Herod. 1 167.
4) Liv. II 9 Dion. H. III 51 V 21.
5) Liv. IX 37 Diod. XX 35.
6) Appian b. civ. V 49 nennt es ausdrücklich eine der Zwölfstädte
vgl. A. 2.
7) Dion. H. III 51.
8) Liv. V 1 Dion. H. IX 18.
9) CIL. XI 3609 Dion. H. III 51.
10) CIL. XI 3609.
11) Dion. H. III 51.
12) Liv. X 37 Etruriae capita Folsinii Perusia Arretium Val. Max. IX l
ext. 2 Plin. 11 139.
13) CIL. XI 3609.
14) Varro RR. I 9. 44. Plin. XVIII 66 vgl. Golum. II 6 Strab. V 226.
15) Diod. V 40,3 Liv. II 34 IV 12 XXVIII 45.
Etrurien. 281
nahmen die Stelle der heutigen Wein- nnd Oelgärten ein.^) Durch
Ackerbau sind die Etrusker grofs geworden -), ihre Sage läfst Tages
den Schopfer der Cullur durch den Pflug ans Licht gezaubert
werden. Freilich würde die Fruchtbarkeit des Bodens ihnen nicht
diejenige Bedeutung verschafft haben, welche sie für die Entwicklung
Italiens beanspruchen. Solche wird vielmehr zunächst den unter-
irdischen Bodenschätzen verdankt. Auf dem Bergbau der später
beschrieben werden soll, beruhte der grofsarlige Aufschwung
von Gewerbe und Handel der die Schrift mit so vielen anderen
Elementen der Gesittung verbreitet hat.
Die Ursachen welche den Zusammenbruch der etruskischen
Macht veranlafsten , liegen klar zu Tage. Dem Stammland fehlte
die beherrschende Mitte; statt einträchtig gegen Rom und die Kelten
zusammen zu halten gingen Ost und West ihre eigenen Wege.
Das Beispiel der Hellenen in Lydien wie in Lucanien lehrte dafs
ein Städtebund gegen die nachhaltige Kraft eines freien Bauern-
volks einen schweren Stand hat. Im Altertum beforderten Handel
und Gewerbe aller Orten das Wachstum der Sklaverei, bei den
Etruskern bot kein freier Bauernstand das erforderhche Gegen-
gewicht, herrschte ausschhefslich der Adel und bewirtschaftete seine
Güter mit umbrischen Leibeigenen (I 499). Daraus entsprang die
mihtärische Schwäche der >'ation: 225 v. Chr. betrug der vereinigte
Landsturm der Etrusker und Sabiner nicht mehr als 4000 Reiter
und 50 000 Mann zu Fufs^); auf der ganzen Halbinsel stand die
W'ehrkraft nirgends so lief wie hier (S. 106). Unter den Fittichen
Roms ergab sich die Nation jenem früher (I 501) geschilderten
Stillleben, das nur gelegentlich durch einen Sklavenaufstand gestört
wurde. 4) Nachdem Rom die Grenzwacht im Norden übernommen
hatte, ging der Grofshaudel in dessen Hände über; die Eroberung
Sardiniens und Spaniens entwertete die Bergwerke der Maremmen.
Als Tiberius Gracchus 137 v. Chr. diesen Strich durchreiste, waren
Hirten wie Ackersleute lauter aus der Fremde eingeführte Knechte,
rief die Einöde den Plan der socialen Reform in seiner jungen
1) Strab. V 222 Liv. XXVIIl 45. Oelbau wird nicht erwähnt, Weinbau
Dion. H. 1 37 Plin. XIV 67 Athen. XV 702 b.
2) Verg. Georg. II 533 sie foriis Etruria crevit.
3) Polyb. II 24,5.
4) Bürgerkrieg in Arretium 301 Liv. X 3, in Volsinii 265 Zonar. VIII 7,
Sklavenaufstand 196 Liv. XXXIII 36.
282 Kapitel V. Etruiitn.
Seele wach.') Die Eriheiluag des Bürgerrechts 89 v. Chr. leitete
die vollige Latitiisirung des Landes ein (1 495) , aber der nach-
folgende Bürgerkrieg schlug ihm entsetzliche Wunden, Die demo-
kratische Sache ist in Etrurien am hartnäckigsten verlheidigt, die
Umwälzung der Besitzverhältnisse durch den siegreichen Sulla am
gründlichsten betrieben worden, die Schilderhebung Catihna's fand
hier 63 v. Chr. geeigneten Boden.^) Mit der Monarchie hebt eine
Nachblüte an. Freilich gestattete die veränderte Weltlage nicht die
grofse Vergangenheit früher Jahrhunderte ins Leben zurück zu
rufen, die Sklaverei bleibt in voller Härte bestehen (S. 118), in
ihrem Gefolge schleicht die Malaria geräuschlos heran um von den
Stätten die eine alte Cultur künden, dauernd Besitz zu ergreifen. —
Die Beschreibung ist, wie oben angedeutet ward, in 5 Theile ge-
gliedert.3)
§ 1. Die N ordmark.
Der Zug nach Norden welchen die italische Geschichte im
Grofsen offenbart, wiederholt sich im Kleinen an Etrurien. Der
Arno ist seit dem Mittelalter die Lebensader Toscana's, bildete da-
gegen in den letzten vorchristlichen Jahrhunderten dessen politische
Grenze (I 71) und Schutzwehr (I 303). Ehedem als sie auf der
Hohe ihrer Macht standen, hatten die Etrusker darüber hinaus ge-
griffen und ebenso wie die nordlichen Abhänge des Appennin bei
1) Plut. Tib. Gr. 8,7.
2) Sali. 28,4 56 Cic. in Cat. 11 20 fg.
3) Slrab. V 219-227 zum Theii als Augenzeuge, Plin. III 50—52, Plol. III
1,4. 43. CIL. XI (Bormann) p. 258-594. C. I. Etrusc. ed. C. Pauli (und
A. Danielsson) Lips. 1893 fg. (bis jetzt 9 Hefte und 4737 Nummern). — Tar-
gioni Tozzetti, Relazioni d' alcuni viaggi fatti in diverse parli della Tos-
cana per osservare le produzioni natural! e gli antichi monumenti dl essa
11 vol. ed. 2 Fir. 1768 fg. E. Repetti , Dizionario geografico fisico storico
della Toscana 6 vol. Fir. 1833 fg. Micali, Italia avanti il dominio dei
Bomani Fir. 1810 und Storia degli antichi popoli Italiani 3 vol. mit Atlas
Fir. 1832. L. Canina, L'antica Etruria marittima, 2 vol. fol., Roma 1846.51.
George Dennis, Tlie cities and cemeteries of Etruria 2 vol. (1848) 3 ed.
London 1883. Noel Des Vergers, 1' Etrurie et les Etrusques 2 vol. Paris 1865.
0. Müller s. I 493 A. 11. — Die italienische Generalstabskarle stellt diese Region
dar auf Bl. 95—98. 104-107. 111—114. 119 — 122. 126—130. 135 — 137.
142—144. 149. 150. Im Anschlufs daran war vor Jahren eine archaeologische
Fundkarte Etruriens von der Generaldirection der Ausgrabungen in Angriff ge-
nommen worden.
§ 1. Die Nordmark. * ' 283
Parma Modena Bologna (S. 262) auch die südlichen besetzt: der
Golf von Spezia (S. 147) und die Küstenebene zwischen Macra und
Arno waren einst in ihren Händen. i) Aber der ligurische Stamm
dev Apuani hat ihnen den Besitz wieder entrissen 2): die etruskische
Cullur konnte in dem ganzen Gebiet so wenig tiefe Wurzeln schlagen
dafs einzig und allein eine Inschrift aus dem Thal der Vara (I 303)
von ihr Zeugnifs ablegt.^) In der That hat erst das Schwert der
Römer eine dauernde Herrschaft begründet, ^^achdem sie sich
während der punischen Kriege am Golf von Spezia eingenistet und
180 V. Chr. 47000 Apuaner nach Samniura abgeführt hatten,
gründeten sie 177 die Bürgercolonie Luna.*) Die der Tribus
Galeria angehörenden Ansiedler waren 2000 Mann stark und er-
hielten Jeder 5IV2 Juchert zugewiesen. Um 25 750 ha Ackerland
zu beschaffen mufste die Feldflur weithin an der Küste ausgedehnt
werden; da diese durch die andauernden Ueberfälle der Bergbe-
wohner zu leiden halte und sich vermuthch in arg verwüstetem
Zustand befand, konnten Grenzstreitigkeiten mit den Pisanern ent-
springen, deren Austrag 168 v. Chr. den römischen Senat beschäf-
tigte. In den ersten Jahrzehnten ihres Bestehens hat die Colonie
den Feind oft auf ihren Fluren gesehen: eine erhaltene Inschrift
ist dem Consul Marcellus geweiht der 155 v. Chr. einen Triumph
über die Apuaner feierte.^) Die geschichtlichen Verhältnisse er-
klären die Wahl des Orts die von den Römern für ihre Ansiedlung
getroffen wurde. Sie führt den Mond im Stadtwappen und ist nach
der sichelförmigen Gestalt des Golfs von Spezia benannt.**) INichis-
destoweniger ist sie durch einen Bergrücken der im ■promunturium
Lunae Punta Bianca '^) ausläuft, und eine Entfernung von 8 km dem
Golf entrückt. Am linken Ufer des Macra (I 303) 3 km von dessen
Mündung gelegen beherrschte Luna (4 m) das ganze Stromgebiet,
namenthch auch die nach Parma und Reggio hinüber leitenden
Pässe (I 231). Wie der Augenschein lehrt, als Zwingburg des Ge-
1) Liv. XLl 13.
2) Liv. XXXIX 2. 20 XL 1. 38. 41 Triumphalfasten d. J. 599 u. c.
3) Fabretti Gl It. 101.
4) Liv. XLI 13 CIL. XI p. 258fg. C. Promis, Memoiie dell' antica cittä
di Luni, Turin 1839, 2. Ausg. Massa 1857.
5) Liv. XXXIV 56 XLI 19 XLIII 9 XLV 13 CIL. XI 1339.
6) Martial XllI 30 SchoL Pers. 6,1 Rutil. II 64.
7) Ptol. 111 1,4.
284 • Kapliel V. Etrurien.
birgs gegrüodet, ist sie mit dem Namen des bekämpften Volkes so
eng verwaclisen dafs die Umgegend vielfach auch dann noch als
ligurisch bezeichnet wird, seitdem sie durch Augustus politisch mit
Etrurien vereinigt war.') Sie hat ihre Bestimmung den Frieden im
Gebirge heimisch zu machen erfüllt und tritt fortab weniger in der
Ueberlieferung hervor, als man ohnehin zu erwarten geneigt wäre. 2)
Luna heifst in den Berichten der Kaiserzeit eine kleine oder gar
verlassene Stadt. 3) Die 1 — 2 m unter der heutigen Oberfläche be-
findlichen Ueberreste, ein Amphitheater (Arena 63 X 37 m) und
Theater, die aus der Epoche des Augustus der Antonine und Dio-
cletians gefundenen Münzen bekunden zwar einen gewissen Wol-
stand. Allein die Vorbedingungen für eine kräftige Entfaltung
städtischen Lebens fehlten: der grofse Landverkehr nach Norden
und Westen mied die unbequeme KUstenstrafse (S. 145), in unmittel-
barer Nähe der Stadt war kein Hafen für die Verschiffung der
wertvollen Bodenerzeugnisse vorhanden. Und wenn Rutilius den
Marmorglanz ihrer Mauern preist, so strafen die Ausgrabungen den
Dichter Lügen; denn durchweg ist ein gewohnlicher brauner Bruch-
stein verwandt. Nach mehrfacher Heimsuchung durch Langobarden
Saraceuen und Normannen siechte Luna langsam dahin, bis die
Malaria im 13. Jahrhundert die Üebertragung des Bischofsitzes nach
dem 5 km entfernten Sarzana und die Verödung der Stätte ver-
anlafste.4)
Die Feldmark umfafste soviel wir sehen das Stromgebiet der
Macra nebst der Küste etwa bis Pietrasanta, d. h. einen Flächen-
inhalt von 30 — 40 d. D M, Ihre Ausdehnung lockte die Triumvirn
zur Ansiedlung von Veteranen s): in Folge dessen nennen sich die
Bürger in der Kaiserzeit Colonisten, ihre Vorsteher Duovirn; auf
einer Inschrift heifst der Triumvir Octavian Patron. Als Allein-
herrscher jedoch hat Augustus Luna nicht zu seinen Colonien ge-
rechnet: in der Censusliste steht es als Municipium.^) Die Berg-
weiden ernährten zahlreiche Herden : die mit dem Mond gestempelten
1) Mela II 72 Juvenal 3,257 Stat. Silv. IV 3,99.
2) Obseq. 22. 27. 43 Plin. III 50 VI 217 Ptol. 111 1,4 Serv. V. Aen. VIU 720
Paul. h. Lang. IV 45.
3) Strab. V 222 Lucan I 586 desertae moenia Lunae,
4) Dante Paradiso XVI 73.
5) Feldmesser 223 CIL. XI 1330. 31 fg.
6) Plin. III 50.
§ 1. Die Nordmark. 285
Käse fielen diircli ihre Gröfse auf dem römischen Markt in die
Augen, da einzelne Laihe tausend Pfund (327 kg) wogen. i) Auf
den Vorbergen wurde der beste Wein in ganz Etrurien gebaut. 2)
Aber seinen Weltruf verdankte Luna dem Marmor. Die Apuaner
Alpen sind vermöge ihrer W'ildheit der Cultur spät erschlossen
worden (I 232): ein sprechender Beweis hierfür liegt in dem Um-
stand dafs kein Stück carrarischen Marmors in einem etruskischen
Grabe gefunden wird. Als die römischen Grofsen im letzten Jahr-
hundert V. Chr. anfingen ihre Paläste mit marmornen Säulen und
Wandtafeln zu schmücken, hat man diese Bezugsquelle entdeckt die
durch gröfsere Nähe den Vorzug vor Africa und Griechenland ver-
diente: um 50 V. Chr. wird zum ersten Male ihre Verwendung be-
zeugt. 3) Mit der Monarchie steigt der Verbrauch in gewaltigem
Umfang, und wenn Augustus sich rühmen konnte Rom aus einer
Lehm- in eine Marmorstadt umgewandelt zu haben, so haben ihm
die Brüche von Luna die Mittel dazu gewährt. ,, Brüche von
weifsem und bläulichem Stein — schreibt Strabo — die Quadern
und Säulen aus einem Stück liefern , sind in solcher Menge und
Ausdehnung vorhanden, dafs die meisten hervorragenden Bauten in
Rom und anderen Städten von hier das Material beziehen; denn
der Stein läfst sich auch leicht ausführen, da die Brüche oberhalb
in der Nähe des Meeres liegen, vom Meer aus aber der Tiber die
Zufuhr vermittelt." Von den beiden unterschiedenen Arten ist der
weifse oder Statuenmarmor später zur allgemeinen Anerkennung
gelangt, als der gewöhnliche der einen Stich ins BläuHche zeigt. Erst
seitdem in der Zeit des Plinius Gänge aufgeschlossen wurden deren
Glanz den parischen übertraf, erringt derselbe in der bildenden
Kunst jene Herrschaft die er noch immer behauptet: der Apollo
von Belvedere ist aus ihm gearbeitet. Dafs Italien und manche
Provinzen aus Luna Marmor bezogen, berichten die Schriftsteller*)
und noch deutlicher die Denkmäler selbst. Juvenal hat so Unrecht
nicht wenn er ligurische Berge durch Rom schleppen läfst, enthält
doch allein die Grabpyramide des Cestius 2300 Cubikmeter dieses
Gesteins Das Pantheon ist der älteste erhaltene Bau an dem es
1) Fun. XI 241 Marlial XIII 30.
2) Plin. XIV 68 CIL. IV 2599 fg. Lun(ense) vet(us).
3) Plin. XXXVI 48. 135 vgl. 14. Bruzza, Ann. dell' Inst. d. corr. arch.
1870 p. 166 fg.
4) Strab. V 222 Serv. V. Aen. VIII 720 Suet. Nero 50 Sil. It. VJII 480 Juvenal
3,257 Stat. Silv. IV 2,29 3,99.
286 Kapitel V. Etrurien,
verwandt wurde. Weiter begegnet lunensischer Marmor am Tempel
der Concordia und auf dem Palatin, vor allem aber auf dem Forum
Traians: das Gewicht der aus demselben gebildeten Säule berechnet
Promis zu 28295 Centner. In der Epoche von Vespasian bis
Commodus steht die Nachfrage auf der Hübe; unter Septimius
Severus wendet sich der Geschmack bunten Steinarten des Aus-
landes zu, seit Constantin wird der Bedarf durch Zerstörung älterer
Bauwerke befriedigt. — Den plötzlichen Abbruch der Arbeiten in
den Bergen Luna's kündeten die vielen Säulen und Blöcke an, die
nach Biondo's Angabe im 15. Jahrhundert herrenlos umher lagen,
da Jeder die Kosten des Transports scheute. Der Marmor wird
heutigen Tages im Thal der Avenza an Carrara und Avenza vorbei
an den Strand hinabgeschleift und hier verschifft: anders kann es
im Altertum nicht gewesen sein; der Name des Flüfschen Aventia
steht auch auf der Peutingerschen Karte. Die Ausbeute beschränkte
sich indefs auf einen kleinen Theil der verfügbaren Naturschätze.
Die auf der Insel Palmaria und im ganzen Umkreis des Golfs von
Spezia vorhandenen Adern sind von den Römern unberührt ge-
hliehen. Nachweisbar wurden hauptsächlich die vier Gruben von
Poggio Domizio, del Polvaccio, Canal grande und Fanti scritti aus-
gebeutet, von denen die beiden erstgenannten Statuenmarmor, die
beiden anderen gewöhnlichen Marmor Ueferten. Die Werkzeuge
und das Vorgehen der Alten weicht von dem heutigen nicht wesent-
lich ab, nur dafs jene die fehlenden Sprengstoffe durch bedeutende
Vermehrung der Menschenkraft ersetzen mufsten. Da ferner die
Ausfuhr aus Carrara in der Kaiserzeit die gegenwärtige vielleicht
übertrifft, so wird die Zahl der damals in den Gruben beschäftigten
Arbeiter hinter der heuligen Ziffer von 6000 gewifs nicht zurück
geblieben sein. Auch das Sägen Schleifen Aushauen der Marmor-
blöcke das fast ganz Carrara und zum guten Theil die Umgegend
bis Massa und Serravezza hinunter beschäftigt, ist nach Ausweis
unvollendeter Statuen und Bauglieder geradeso an Ort und Stelle
betrieben worden wie heute. Das Volk von Steinmetzen und Berg-
leuten das in diesen Thalschluchten zusammengepfercht war, bestand
begreiflicher Weise aus Sklaven, denen man eine bescheidene Selbst-
verwaltung gönnte. Die Gruben sind aus dem Privatbesitz dem sie
nach Ausweis der Inschriften ursprünglich angehörten, in llavischer
Epoche wenigstens zum Theil an den Fiscus übergegangen. i)
Ij OIL. XI 1 3 19. 20. 27. 56 VI 8484. 85.
§ 1. Die Nordmark. 287
Die 109 V. Chr. von Aemilius Scaurus erbaute Kilstenstrafse
verbindet Luna mit dem 35 Millien entfernten Pisa. Dazwischen
liegen die Stationen Taberna frigida ^) bei Massa und Fossae Papi-
rianae-) bei Viareggio. Südlich von diesem Ort ziehen sich sumpfige
Niederungen (Lago di MassaciucoH) nach dem Arno hin : der Name
bewahrt das Andenken an einen Canal der während der Republik
wir wissen nicht wann zur Entwässerung der Gegend angelegt
wurde. — Zum Schutz der Nordmark führten die Römer eine
33 Millien lange Strafse von Luna nach Luca 3); das halbwegs
zwischen beiden Colonien befindliche Forum Clodii kündet den
Namen des Erbauers der vielleicht für den Sieger des Jahres 155
v. Chr. (S. 283) gehalten werden darf. Der Flecken wird allein von
der Peutingerschen Karte erwähnt, ist auch nicht durch Denkmäler
nachgewiesen; jedoch fehlt das Recht an seinem Dasein zu zweifeln.
— In demselben Jahr 177 v. Chr. wo Luna eine Bürger-, erhielt
Luca eine latiniscbe Colonie.^) Die Lage beider Festungen zeigt
eine bemerkenswerthe Aehnlichkeit: wie jenes den Lauf der Macra,
beherrsrht dieses den Lauf des Ausar Serchio (I 306). Es liegt
(16 m) am linken Ufer bei dem Austritt des Flusses in die Ebene.
Die Wichtigkeit welche es in den Augen der Alten hatte, leuchtet
sofort aus dem Reisebuch ein das nicht weniger als fünf Strafsen
von hier ausgehen läfst^): 1. nach Pisa 14 Millien; 2. nach Luna
33 Millien; 3. nach Parma 100 Millien; 4. nach Faventia 120 Millien;
5. nach Rom 239 Millien. In Wirklichkeit sind es nur drei; denn
4 und 5 laufen bis Florenz zusammen und die Strafse nach Parma
bat über Luna und den Cisapafs (S. 269) geführt. 6) Aber trotz
dieser Einschränkung bleibt Luca ein Kreuzpunct in den nordsUd-
lichen und westüstlichen Verbindungen der Halbinsel. Die erste
Erwähnung stammt aus dem Jahr 218, als Consul Sempronius seinen
1 ) Tab. Peut. Geogr. Rav. IV 32 V 2.
2) Ptol. III 1,43 Tab. Peut. Geogr. Rav. IV 32 V 2, Papiriana It. Anl. 293.
3) It. Ant. 289 Tab. Peut.
4) Vell. I 15 Liv. XL 43. Durch die Namensähnlichkeit verführt hat
Velleius die eine, Livius die andere Colonie ausgelassen, wie Bormann CIL. XI
p. 295 richtig ausführt.
5) lt. Ant. 283. 284. 289 Tab. Peut. Geogr. Rav. IV 36.
6) So sehr auch die Appenninstrafsen noch der Aufhellung durch topo-
graphische Specialstudien bedürfen, scheint eine andere Deutung kaum möglich,
da der Weg durch das Thal des Serchio und den Pafs von Sassalbo das an-
gegebene Mafs erheblich übersteigt.
288 Kapitel V. Etrurien.
Rückzug von Placentia hierhin richtete. i) Der Ort scheint zu Pisa
gehört zu haben und 180 für die Gründung einer lalinischen Colonie
abgetreten worden zu sein. Diese erhielt 89 Bürgerrecht und damit
Aufnahme unter die Municipien^), verbHeb aber aufserhalb der Grenze
Italiens (I 76). Die Zusammenkunft welche die Triumvirn 56 in
ihr abhielten, brachte die Stadt in Aller Mund. 3) Der Umstand dafs
Caesar sie zum Winterquartier auswählte sowie dafs sein Sohn sie
den Veteranen zweier Legionen überwies (S. 32), beweist genugsam
ihre Blüte. Luca heifsl seitdem Colonie und gehört zur fabischen
Tribus.4) In der UeberHeferung wird endlich noch der tapferen
Vertheidigung aus dem Gothenkrieg 553 n. Chr. gegen Narses ge-
dacht. 5) Das heutige Lucca bewahrt Ueberreste eines Theaters und
eines grofsen Amphitheaters aus der ersten Kaiserzeit (124x96 m
Arena 80X53 m): das letztere ein mächtiger Steinbau lag aufser-
halb der Thore. In den Kirchen sind antike Säulen in grofser Zahl
vorhanden als sprechender Beweis für die glänzende Entfaltung des
städtischen Lebens. Auch ist in dem Grundplan die römische An-
lage noch kenntlich : sie bildet ein regelmäfsiges Rechteck (von an-
nähernd 800 X 1200 m) mit zwei in rechtem Winkel sich schneidenden
Haupt- und entsprechenden Nebenstrafsen ; die Mitte nimmt das
Forum die Piazza S. Michele ein. — Das Stadtgebiet hat an Um-
fang demjenigen Luna's schwerlich nachgestanden: es umschlofs
die Niederungen zwischen den Monti Pisani und dem M. Albano
(I 305) und das Thal des Ausar nebst den angrenzenden Bergzügen.
Nach der Alimentartafel besafs die Gemeinde aufserdem Weiden in
der Gegend von Veleia (S. 276): diese müssen indefs eine abge-
sonderte Enclave gebildet haben, weil es ganz undenkbar ist dafs
die Feldflur sich zusammenhängend über den Kamm des Appennin
120 km von der Stadt nach Norden erstreckt haben sollte.
Seit 177 V. Chr. fiel die Grenzwacht gegen die Ligurer den
Colonien Luna und Luca zu, vordem der alten Stadt Pisae.^) Sie
bildet das Gegenstück zu Ariminum: wie in den Annalen das öst-
liche Armeecommando provinda Gallia oder Ariminum, heifst das
1) Liv. XXI 59.
2) Fest. 127 Cic. Fam. XIFI 13.
3) Cic. Fam. 1 9,9 Suet. Caes. 24 Plut. Caes. 21 Grass. 14 Pomp. 51.
4) Plin. III 50 VI 217 Ptol. III 1,43 Strab. V 222 CIL. VI 1460 XI p. 296.
5) Agathias I 12 fg.
6) Targioni Tozetti a. 0. 11 1 fg. IX 271 fg. CIL. XI p. 273.
§ 1. Die Nordmark. 289
westliche provincia Lignres oder Pisae (I 74). Die natürliche Festig-
keit des Platzes leuchtet dem Besucher nach den grofsen durch die
Thätigkeit der Flüsse und der Menschen bewirkten Veränderungen
nicht ohne Weiteres ein. Er lag am rechten Ufer des Arno an
der Stelle der jetzigen Altstadt (3 m). Freilich sind die Bauten der
Romer durch die ruhmreiche Entwicklung des mittelalterlichen Frei-
staats hinweg gefegt worden: doch sieht man noch Reste von
Thermen bei dem nach Lucca führenden Thor, Reste eines Tempels
im Archivio del Duomo; die Umgebung der Piazza de' Cavalieri auf
alten Fundamenten ruhend entspricht genau den Aufsenmauern eines
Theaters, das in den Hauptplatz der mittelalterlichen Stadt umge-
wandelt ward. Aber während diese nur durch eine Mauer geschützt
ist, war die alte Stadt an drei Seiten vom Arno und Serchio um-
flossen und entbehrte nur nach Osten des natürlichen Schutzes. i)
So schildert es Rutilius:
Alpheae veterem contemplor originis urbem
quam cingnnt geminis Arnus et Ausur aqiiis;
comim pyramidis coeuntia ßumina dncunt,
intratur niodico frons patefacta solo:
sed proprium retinet commnni in gurgite nomen
et pontum solus scilicet Arnus adit.
Märchenhafte Kunde drang über den Zusammenflufs zu den
Hellenen: in solch'er Wildheit sollten die Ströme aufeinander stofsen
und solche Schaummassen aufwirbeln dafs man nicht vom einen
zum anderen Ufer hinüber sehen könne. In Wirklichkeit war die
Marsch durch die der Arno in drei Armen ausmündete, von Ueber-
schwemmungen bedroht und der Plan den Ausar abzuleiten , wie
er seit dem 12. Jahrhundert 8 km nördlich von Pisa sein eigenes
Bette bewahrt, den Alten nicht unbekannt. Die Anschwemmung
hat im Lauf unserer Zeitrechnung den Boden erhobt und um 6 km
gegen das Meer hin vorgeschoben (I 306). Greifen wir zwei Jahr-
tausende zurück, so war Pisa auf einer 4 km langen Flufsfahrt von
der See zu erreichen und bot ein Bild ähnlicher Festigkeit und
ähnlicher Lebensbedingungen wie wir im Podelta kennen gelernt
haben. Unter Augustus führt es Weizenmehl von hervorragender
Güte, Speltgraupeu, Wein, Marmor aus den Monti Pisani, Bauholz
1) Rutil. I 565 Strab. V 222 (Arist.) de mirab. ausc. 92 Plin. III 50.
Nissen, Ital. Landeskunde. 11. 19
290 Kapitel V. Etrurien.
für Rom und dessen Villen ausJ) Der Verkehr folgte damals nicht
dem kürzesten sondern dem südlichsten 12 km langen Arm des
Arno, Der Portus Pisanns hefand sich noch im Mittelalter nördlich
VCD Livorno bei der Kirche S. Stefano und ist inzwischen völlig
verlandet. 2) Ein Meilenstein der ihn mit der Stadt verbindenden
Nebenstrafse ist bei S. Pietro in Grado 3), an Ort und Stelle aufser
anderen Ueberresten eine Anzahl römischer Inschriften aufgefunden
worden. Rulilius beschreibt den Hafen als ganz offen und nur
durch Bänke von Seetang gegen den Anprall der Wogen geschirmt.
Er erwähnt ferner eine daran stofsende Villa Triturrita deren Bau-
grund dem Meere abgewonnen war; dieselbe hat als Turrita^woh auf der
Reisekarte Aufnahme gefunden. Aufser der Hafenstrafse liefen solche
von Luna (S.287) Luca (S. 287) Florenz (S. 292) und Rom (S. 299) in
Pisa ein. — An dem Punct wo das ganze 180 d. Geviertmeilen
grofse Stromgebiet mit dem Meer in Verbindung trat, mufste früh
eine Ansiedlung entstehen und aufblühen. Welchem Volk dieselbe
ihren Ursprung verdankte, läfst sich nicht sagen. Der alle Cato
bekannte seine Unwissenheit 4); die Uebereinstimmung des Namens
mit dem elischen Pisa verlockte die Griechen in verschiedener Weise
die Gründung mit ihrer mythischen Geschichte zu verflechten. s)
Die griechischen Vasen alten Stils welche in den Gräbern gefunden
wurden, lehren dafs der Verkehr mit Hellas hoch hinauf reicht. 6)
„Die Stadt — schreibt Strabo — scheint einst vom Glück begünstigt
gewesen zu sein, hat auch jetzt noch Ruf wegen ihrer Feldl'rüchte
Steinbrüche nnd Bauhölzer. Das Holz verwandten sie in alten
Zeiten für ihre Flotte; denn sie waren streitbarer als die Elrusker,
dazu nötigte die schlechte Nachbarschaft der Ligurer aus nächster
Nähe." Pisa für etruskisch zu erklären oder gar den Zwölfstädten
zuzurechnen, wie oft geschieht, gestatten weder die Denkmäler noch
die Geschichtschreiber. Nach der älteren Ueberlieferung liegt es
1) Strab. V 223 Plin. XIV 39 XVIII 86fg. 109; CIL. XI 1415 marmorari,
1436 collegium fabruyti navalium Pisanorum.
2) Cic. ad Qu. fr. II 5,3 It. marit. 501 Tab. Peut. Rutil. I 531 Claudian b. Gild.
483 CIL. XI p. 293.
3) CiL. XI 6665.
4) Cato Or. II 13 Jord. Dion. H. I 20 schreibt sie den Pelasgerii zu.
5) Lykophr. AI. 1241. 1359 Verg. Aen. X 179 dazu Serv. Strab. V 222
Justin XX 1,11 Plin. III 50 Rutil. I 565 Claudian b. Gild. 483.
6) Bull, deir Inst. 1849 p. 22.
§ 1. Die Nordmark. 291
in Ligurieni), nach der späteren in Etrurien.2) Wenn seine Er-
oberung durch die Etrusker gemeldet wird 3), so hat solche ebenso
wenig Bestand gehabt wie deren Herrschaft am Busen von Luna;
denn weder wird Pisa's Name in den Bundeskriegen mit Rom er-
wähnt, Docli sein Gebiet von der italischen Grenze umschlossen
(1 71). Seit wann Pisa mit Rom verbündet war, wissen wir nicht:
im Zeitalter der punischen Kriege, zuerst im Jahre 225 erscheint
der Hafen als wichtiger Stützpunct für maritime Unternehmungen.^}
In der ersten Hälfte des zweiten Jahrhunderts verheerten die Ligurer
oftmals die Fluren, bedrohten sogar gelegentlich die Mauern der
Stadt.») Die römischen Waffen gewährten zwar wirksamen Schutz,
aber auf Kosten bedeutender Gebietsabtretungen für die Colonien
in Luna und Luca. Damit ist die selbständige Rolle Pisa's in der
alten Geschichte ausgespielt. Es wird eine behäbige Landstadt, er-
hält 89 V. Chr. mit dem Bürgerrecht Aufnahme in die Tribus Galeria,
durch Augustus eine Colonie.^) Die Beschlüsse welche die colonia
Opsequens Julia Pisana zu Ehren von dessen Söhnen , ihren ver-
storbenen Patronen L. und C. Caesar gefafst hat, eröffnen einen
Einbhck in die Verhältnisse dieses blühenden Gemeinwesens.')
Seine Feldmark reichte etwa 70 km bis zum Grenzflufs Eine an der
Küste hin ohne doch sich landeinwärts entsprechend auszudehnen.
Gegen Luca stellten die Monti Pisani eine natürliche Scheidewand
dar. 8) Am westlichen Fufs befinden sich die aquae Pisanae die
Bäder von S. Giuliano (10 m).^) Nach Ausweis der Inschriften lag
eine Ortschaft bei S. Pietro in Grado: diese alte Kirche wird von
der Tradition mit einem Hafen, vermutlich also einer der drei
Mündungen des Arno in Verbindung gebracht.
Wir haben am Po gesehen dafs die älteren Ansiedlungen seine
Ufer meiden. Die gleiche Erscheinung wiederholt sich am Arno:
von Pisa aufwärts ist Florenz die einzige Stadt in unmittelbarer
1) Justin XX 1,11 (Arist.) de mirab. ausc. 92 Lykophr. AI. 1359.
2) Pol. 1116,2 Mela II 72.
3) Lykophr. AI. 1359 vgl. Serv. Veig. Aen. X 179.
4) Poi.I! 27,1 28,1 III 41,4 56,5 96,9 Liv. XXI 39.
5) Liv. XXXIII 43 XXXV 3 XXXIX 2 XL 17. 43 XLI 9 XLIII 11 XLV 13.
6) Fest. 127 Fun. VII 181 Ptol. III 1,43 Ciaudian b. Gild. 483 Agathias 1 11.
7) CIL. XI 1420. 21.
8) Dante Inferno XXXIII 30 raonte, per che i Pisan veder Lucca
non ponno.
9) Plin. II 227 CIL. XI 1418.
19*
292 Kapitel V. Etrurien.
Nähe des Stroms und Florenz ist von den Römern gegründet.
Die Thalsohle wird aller Orten durch den abgelagerten Schutt den
die Gebirgsbäche mit sich führen, erhobt, aber es bedarf langer
ungestörter Arbeit um die Wildwasser zu bändigen und die Sümpfe
auszutrocknen. Als Hannibal 217 in Etrurien einfiel, brauchte er
4 Tage und 3 Nächte um den in der Lulllinie 35 km langen Marsch
vom Fuls des Appennin bis zu den Höhen am Arno zurück zu
legen: in einen so grundlosen Zustand war die Florentiner Ebene
durch die Frühjahrsregen versetzt worden J) Erst nachdem der
Bauer die P'urcht vor den Unholden des Gebirgs verlernt hatte,
konnte geduldige Arbeit Wandel schalTen.^) Die Thalkessel von
Lucca Pescia und Florenz (I 305) wurden durch die Römer für die
Cultur erobert. Freilich deutet das s|)ärliche Auftreten römischer
Inschriften darauf hin dafs sie ihre Blüte erst in einer jüngeren
Epoche entfalten sollten. — Zwei Strafsen heutigen Eisenbahnlinien
entsprechend erschliefsen dies Neuland, indem sie von Pisa aus-
laufen, in Florenz wieder zusammen treuen. Die kürzere ist 123
V. Chr. ausgebaut worden. 3) Ihren Gang kennen wir allein aus den
unvollständigen Angaben der Karten 4): sie mifst 75 km, folgt dem
südlichen Ufer des Arno über Yalvata Cascina? Inportti (Emporium
Empoli?)^) und geht bei der Golfolina 15 km von Florenz auf das
nördliche Ufer über. Die zweite Strafse verhält sich zur ersten
wie der Bogen zur Sehne. Sie führt zunächst von Pisa nach dem
14 Milben entfernten Luca (S. 287); erreicht von hier über die
halbwegs in der Gegend von Pescia gelegene Station ad Martis^)
nach 25 Milben Pistoriae Pistoia (65 m).^) Trotz der überaus
spärlichen Funde scheint die alte Stadt keine andere Stelle als die
heutige eingenommen zu haben. Sie liegt am Ombrone dessen
Name vermutlich aus dem Altertum stammt und der ebenso wie der
1) Pol. m 79 Liv. XXII 2, dazu meine Ausführung Rhein. Mus. XXII 574.
2) Liv. XXXIX 2 unter dem J. 187 Iranslalum ad A/manos Ligures
bellum , qui in agruvi Pisanum Bononiensemquc ita incursaverant ut coli
71071 passet.
3) CIL. XI 6671.
4) Tab. Peut. Geogr. Kav. IV 36.
5) Die Gleichung rührt von Cluver 511 her.
6) Tab. Peut. Geogr. Rav. IV 36; vom lt. Ant. 284. 285 übergangen.
7) Diese Form scheint durch die Inschriften bezeugt CIL. XI p. 298. Plin.
111 52 Pisloriu?/!, Ptol. III 1,43 JJiaxcoQia, It. Ant, 284. 85 Pistures, Tab. Peut.
Pistotns, Geogr. Rav. IV 36 Pislurias.
§ 1. Die Nordmark. 293
Bisemio (Visentus 2) den Thalkessel von Florenz durchströmt, liegt
ferner am Ausgang der bequemen Strafse welche durch das Thal
des Reno nach Bologna läuft (S. 262). Man darf annehmen dafs
in diesem Theil des Appennin wie am Fufs von Hause aus um-
brische Stämme safsen. Das Alter des Orts erhellt aus dem Scherz
des Plautus:
multis ei muUigeneribus opus est tibi
militibus: primumdum opus Pistoriensibust;
eorum aliquot genera sunt Pistoriensium ;
Paniceis opus est, opus Placentinis quoque,
opus Tnrdetanis, opus est Ficedulensibus.
Die Erklärung des Namens als Bäckersheim mag auf sich be-
ruhen. Eher denken wir an einen umbrischen Gau der seine
Selbstverwaltung dauernd rettete und als Municipium in den Census-
listen steht. Die Stadt wird kaum erwähnt') aufser bei der Ver-
nichtung Calilina's 62 v. Chr. Dieser Bandenführer ward bei einem
Versuch den üebergang nach Bologna zu gewinnen von zwei Heeren
der Regierung in die Mitte gefafst, da Metellus Celer das Thal des
Reno besetzt hielt, Antonius von Süden heranrückte. Die Ent-
fernung von Pistoia nach Florenz geben die Reisebücher derjenigen
von Luca nach Pistoia gleich zu 25 Millien an 2); die heutige Eisen-
bahn rechnet unbedeutend weniger 34 km.
Die älteste 187 v. Chr. ausgebaute Kunststrafse zwischen der
Aemilia und Etrurien umgeht die sumpfige Niederung und hält die
gerade Richtung über den Pafs la Futa und die Berge des Mugello
ein (S. 296). Diese Berge im M. Giovi 979 m ansteigend scheiden
das Florentiner Becken von dem Thal der Sieve. Wo sie nach
Süden gegen den Arno abfallen, thront das alte Faesulae Fiesole. 3)
Die Lage ist sehr fest 4): der Stadthügel erhebt sich etwa 150, an
seinem höchsten Punct 200 m über der Thalsohle und besitzt nach
allen Seiten natürliche Deckung, die stärkste nach Nordwesten wo
der Mugnone in tiefer Schlucht sein Bett bereitet hat. Die Mauer
1) Plaut. Captivi 160 Sali, Cat. 57 Ammian XXVII 3,1 Priscian IV 28.
2) It. Ant. 284. 285 Tab. Peut. Geogr, Rav. IV 36.
3) Flor. I 5.8 II 6,11 Obseq. 49. 51. 53 Plin. MI 52 VII 60 Ptol. III 1,43 Geogr.
Rav. IV 36 CIL. XI p. 298.
4) Prokop b. Goth. II 24 ol Se . . noho^xoivres tw fiiv TtsQtßöXco ngoa-
ßäXXeiv rj äyxtaxd nov avrov Wvat oiSafirj el^ov SvanQoaoSov yao rovro
TiavTaxod'ev to ipgovQiov tjv.
294 Kapitel V. Etrurien.
aus hartem Sandstein (Macigno) in unregelmäfsiger Quaderform
errichtet, steht zum Theil und läfst sich in ihrem ganzen 2570 m
messenden Umfang verfolgen. Sie zeigt annähernd die Gestalt eines
Trapez dessen Basis (950 m) dem Appennin in gerader Linie zu-
gekehrt ist, während die Südseile sich dem Abhang anschmiegt. Die
Schmalseiten messen jede gegen 400 m. Die Ecken sind nicht ab-
gerundet, Thürme fehlen. Der umschlossene Raum von 35 ha In-
halt gliedert sich in zwei Kuppen mit verbindendem Sattel den das
ärmliche Städtchen der Gegenwart einnimmt. Die West- Kuppe
(345 m) trägt ein Franciscanerkloster und lockt den Besucher durch
ihre Aussicht an. Sie stellt die Arx dar, die unerachtet des jähen
Absturzes nach dem Mugiione stellenweise durch eine dreifache
Mauer geschirmt ist. Unterhalb des Klosters liegt die Kirche
S. Alessandro mit antiken Cipollinsäulen vermutlich auf der Stätte
eines Tempels. Endlich verdient das jüngst ausgegrabene Theater
Erwähnung. — >Yenn die Annalen schweigen, reden die Steine.
Faesulae ist als Bollwerk Etruriens im ISorden um das Gebirge zu
beherrschen und die Verbindung mit Felsina zu sichern gegründet
worden : sicherlich nicht als eine der zwölf Städte sondern als
Colonie des Bundes oder einzelner seiner Glieder (S. 37). In der
Eigenschaft einer Sperrfestung begegnet es 225 v. Chr. bei dem Ein-
fall der Kelten, 217 bei dem Einfall Hannibals, 405 n. Chr. bei dem
Einfall des Radagais. i) Sodann wird es unter den Städten aufge-
zählt, welche im Bundesgenossenkrieg mit Feuer und Schwert ver-
wüstet wurden. Den von Sulla 78 entsandten Colonisten leisteten
die ihrer Aecker beraubten Eigentümer bewaffneten Widerstand.
Grofse Räuberbanden suchten die Gegend heim. Die Zerrüttung
aller Verhältnisse machte 63 Faesulae zum Hauptquartier für die
Schilderhebung CatiHna's.2) Endlich hat sich 539 n. Chr. die Festig-
keit seiner Mauern erprobt, als die Gothen nur durch Hunger zur
Uebergabe genötigt werden konnten. 3) Die Gemeinde gehörte zur
Tribus Scaptia.
Unter der Herrschaft des Faustrechts suchen die Städte die
schirmende Berghöhe auf, unter der Herrschaft des Landfriedens
das dem Verkehr zugängliche Thal (S. 58). Die mittelalterliche
1) Pol. II 25,6 III 82,t Liv. XXII 3 Sil. It. VIII 476 Oros. VII 37,13.
2) Flor. II 6,11 Gran. Licin. p. 42 Bonn Gic. Cat. II 14. 20 fg. III 14 pro
Mur. 49 Sali. Cat. 24. 27. 28 Appian b. civ. II 2 Dio XXXVU 30. 33. 39.
3) Prokop b. Goth. II 23. 24. 27.
§ 1. Die Nordtnark. 295
Tradition welche den Ursprung von Florenz auf Fiesole zurück
führt, drückt diesen auf den ersten Blick einleuchtenden Gedanken
aus.i) Die Geschicke beider sind unzertrennlich verwoben, der
Aufschwung der einen bedeutete den Niedergang der anderen. Nach
Ausweis des Namens ist das etrurische Florentia ebenso wie das
aemilische (S. 270) und die vielen anderen auf -entia auslautenden
Städte von den Römern gegründet worden. 2) Mit einiger Wahr-
scheinhchkeit darf die Gründung zu der 154 oder 125 v. Chr. er-
folgten Anlage der Via Cassia in Beziehung gesetzt werden, welche
nach einem Meilenstein Hadrians hier endigte. 3) Die Gunst der
Lage hat ihr Wachstum im Altertum wie im Mittelalter bedingt.
Aehnlich wie in Mailand die Strafsen der Alpen, laufen von einem
150 km langen Bogen des Appennin alle Strafsen in Florenz als
dem gegebenen Centrum ein. Die Reisebücher führen an die von
Pisa und Luca (S. 292) sowie die von Faenza (S. 258) und von
Rom über Arezzo kommenden Strafsen 4): zu diesen vier fügen wir
drei Appenninstrafsen eine von ForÜ (S. 258) und zwei von Bologna
(S. 262) hinzu, deren eine nach der Ueberlieferung von den Romern
ausgebaut worden ist. Trotz ihrer Lage in der Ebene entbehrte
die Stadt keineswegs des natürlichen Schutzes. Der Arno war noch
im Mittelalter nicht in ein einziges Bett gezwängt, sondern bildete
Sümpfe und Werder. Florenz (55 m) lag am rechten Ufer des
Hauptarms; aus diesem zweigte sich nach einer mittelalterlichen
Chronik bis 586 n. Chr. ein Nebenarm ab, der an der Nordseite
mit dem Mugnone zusammen sliefs. Der Mugnone aber hat seine
Mündung gegen 5 km nach Westen verschoben: während er jetzt
unterhalb der Cascinen mündet, flofs er ehemals an der Stadtmauer
hin zwischen Ponte S. Trinitä und Ponte Carraia in den Arno ein.
Derart war die Ansiedlung rings von fliefsenden Gräben umgeben.
Anderseits verstehen wir dafs den Florentinern 15 n. Chr. die Ver-
mehrung der Wassermenge durch Ableitung des Clanis in den Arno
(1321) als eigenes Verderben erscheinen konnte. 3) Der Grundplan
1) Dante Inferno XV 60 ma quell' ingrato popolo maligno,
che discese di Fiesole ab antico
e tiene ancor del monte e del macigno.
2) CIL. XI p. 302 fg. 0. Hartwig, Quellen und Forschungen zur ältesten
Geschichte der Stadt Florenz 1 p. 73 (Marburg 1875) Plan II (Halle 1880).
Milani Mont. ant. d. Lincei VI l fg.
3) CIL. XI 6668.
4) It. Anton. 284 Tab. Peut. Geogr. Rav. IV 36. 5) Tac. Ann. I 79.
296 Kapitel V, Elrurien.
der Römerstadt läfst sich in den Hauptzügen herstellen: sie bildete
ein Rechteck von annähernd 400 X 600 m und 25 ha Flächen-
inhalt, hatte 4 Thore an den Enden des Decumanus (Via Strozzi
Via del Corso) und Kardo Maximus (Via Calimara), in der Mitte am
Schnittpunct lag das Forum (Mercato vecchio). Zu diesem ver-
hältnifsmäfsig beschränkten Kern sind Ansiedlungen vor den Thoren
hinzugekommen , wie das ausgedehnte in der Nähe von S. Croce
gelegene Amphitheater vor dem Ost-Thor beweist. Der Grund und
Roden von Florenz gehörte von Hause aus zur Feldmark von Faesulae.
Zwischen beiden Gemeinden blieb eine engere Verbindung bestehen:
sie waren beide in der Tribus Scaptia eingetragen, hatten Heilig-
tümer und Priestertümer mit einander gemein. Wenn es nun in
der ältesten Erwähnung von Florenz heifsti): Sulla habe die
blühendsten Landstädte Italiens Spoletium Interamnium Praeneste
Florentia versteigert, so ist dasselbe klärlich den nach Faesulae
entsandten Veteranen ausgeliefert worden, die nach einer bestimmten
Angabe in Dörfern oder Flecken der Feldmark angesiedelt wurden.
Von dem Veikommen dieser Colonie liefern die Rerichte über
Catilina's Verschwörung ausreichende Kunde. Nach der Schlacht
bei Philippi hat Octavian eine neue Vermessung und Vertheilung
der Flur an Veteranen vorgenommen und Florenz hat Colonialver-
lassung gehabt, wenn es auch in der Censusliste unter den bevor-
rechteten Colonien fehlt. 2) In der Ueberlieferung begegnet sein
Name selten, zuletzt im Gothen krieg wo es 542 den Gothen wider-
stand, später die Thore öffnete, 553 sich dem Narses ergab. 3)
Die Ausdehnung der Feldmark zu bestimmen oder gar zwischen
Faesulae und Florenz abzugrenzen sind wir aufser Stande. Das
Mugello oder Sievethal durch das die Strafse nach Faenza führte,
als Mucella in den Gothenkriegen erwähnt, gehörte dazu.*) Der
Name des oberen Arnolhales Casentino (1 304) rührt vermutüch
von der zur sechsten Region gehörenden umbrischen Gemeinde der
Casuentillani her.^)
1) Flor. II 9,27.
2) Feldm. 212. 213. 214. 223. 225. 349 Plin. III 52 XIV 36 Ptol. III 1,43.
Colonie Tac. Ann. I 79 CIL. XI 1617. 1600.
3) Prokop b. Golh. III 5. 6 Agath. I 11.
4) Prokop b. Golh. III 5. Mucelli auct. Marc. Chr. min. II p. 107,5.
5) Plin. III 113.
§ 2. Das Erzgebirge. 297
§ 2. Das Erzgebirge.
Die Bildung des toscanischeo Hügellands ist früher (I 232)
beschrieben worden. Mit dem Auftreten von Bruchstücken aus der
ursprünglichen zertrümmerten Hauptgebirgszone (1 222) hängt der
verhältnifsmäfsig grofse Reichtum an Metallen zusammen der diesen
Theil Italiens vor allen anderen auszeichnet. i) An erster Stelle ist
als das verbreiteste Nutzmetall des Altertums das Kupfer zu nennen.
Es kommt im Gefolge basischer Eruptivgesteine (Gabbro rosse und
Serpentin) vor. Beyer unterscheidet vier Formen des Auftretens von
Kupfererzen: „1, man trifft sie eingesprengt in den Eruplivmassen;
2, als Ausfüllung von Verwerfungen in den Eruptivgesteinen (Gänge);
3, im Contact zwischen zwei Eruptivmassen (Conlactgänge); 4, im
Contact zwischen den Eruptivkuppen und den überlagernden Sedi-
menten (Contactlager). Die Vorkommnisse 2. 3. 4. sind oft durch
nachträgliche Verschiebungen im Gebirge zerrüttet und zertrümmert.
Gerade diese Brecciengänge und Lager sind besonders reich." Die
Minen Hegen in der Gegend von Volterra Massa Marittima und
Campiglia d. h. in den alten Stadtgebieten von Volaterrae Populonium
Vetulonium, möglicher Weise auch — da scharfe Grenzen sich nicht
ziehen lassen — Rusellae: in den genannten Städten haben wir die
Sitze des etruskischen Bergbaus zu suchen. Die ergiebigste Grube
unseres Jahrhunderts ist diejenige von Monte Catini bei Volterra
welche jährlich 1—2000 (1860 sogar 3000) Tonnen Erze mit
30 p.c. Gehalt, also 3 — 600 Tonnen Kupfer liefert. Sie ist den
Alten schwerlich unbekannt geblieben; alle Anzeichen führen in-
dessen darauf dafs die reichste Ausbeute von ihnen bei Campigha
und Massa gewonnen wurde. Beyer beschreibt ihr Verfahren wie
folgt: „die etruskischen Verhaue zeichnen sich vor denen des Mittel-
alters durch besonders enge und unregelmäfsig verlaufende Schachte
aus. Auch die Strecken (enge tunnelartige Gänge im Berg) folgen
regellos dem Verlauf der Erzvorkommnisse. Wo grüfsere Massen
harter Gesteine von Erz durchschwärmt waren , da wurde Feuer
gesetzt. Grofse Hohlräume sind durch diese Methode des Abbaues
entstanden. Die Männer welche in neuer Zeit die alten Bergwerke
1) E. Reyer, Aus Toscana, geologisch -technische und kulturhistorische
Studien, Wien 1884. G. vom Rath, Zeitschrift der deutschen geologischen
Gesellschaft 1865. 68. 7o. 73.
298 Kapitel V. Etrurien.
wieder aufgenommen haben, waren beim ersten Betreten dieser
Räume überrascht von der Ausdehnung der alten Arbeiten und von
der Pracht des Anblicks. Die Brandweilungen waren ausgekleidet
mit schönen blauen Stalaktiten, der Boden war in gleicher Weise
von blauem Sinter (Gips durch Kupfersalz blau gefärbt) überdeckt
und überwuchert. Auf einer Strecke von mehreren hundert Metern
und in einer Breite von 10—30 m beherrschen diese prächtigen
Abbauräume das ganze Gebiet der Cava del Temperino bei Campiglia.
All diese Gesteinsmassen deren Härte selbst unseren modernen Werk-
zeugen bedeutenden Widerstand entgegengesetzt, sind in jenen frühen
Zeiten durch die Gewalt des Feuers bezwungen worden. Noch
heute lassen sich die Schlackenhalden II/2 km weit verfolgen, viele
kleine Schmelzöfen wurden im selben Gebiet aufgefunden. Soweit
man aus den Besten der Erze und aus dem Befund der Halden
schliefsen kann , haben die Etrusker selbst ziemlich arme Erze zu
Gute gemacht, eine Erscheinung welche Hand in Hand gehl mit
dem hohen W'ert des Kupfers in der allen Zeit. Anderseits ist es
charakteristisch für jene frühe Cultur dafs der Abbau sich immer
nur auf die obersten Horizonte beschränkt hat. Die schlechten engen
Schachte und Strecken und die mangelhaften Mittel der Wasser-
hebung und Ventilation gestatteten ein Vordringen in die Tiefe nicht."
Von der hohen Vollendung zu der die elruskische Metallarbeit ge-
dieh, zeugen die noch erhaltenen Werke. Ihr Absatz reichte zu
Lande bis nach Dänemark und Schweden, bis Ungarn und Irland,
eroberte sich auf den alten Kunstmärkten des Ostens einen Platz.
Im fünften Jahrhundert v. Chr. rühmt sich ein reicher Athener alles
Erz das zu irgend einem Gebrauch sein Haus schmücke, sei etrus-
kischer Herkunft.i) In allen Ländern, bemerkt Plinius^), sind tus-
canische Bildsäulen aus Erz zerstreut; ihrer 2000 sollen die Römer
in Volsinii erbeutet haben. Der Bergbau mufs mit vielem Eifer
betrieben worden sein um den nötigen Rohstoff für dies blühende
Gewerbe zu beschaffen. Aber nach der Eroberung Sardiniens und
Spaniens kam er in Etrurien wie in anderen Landschaften Italiens
zum Stillstand , weil das Erzeugnifs der provincialen Gruben viel
reichhaltiger und billiger ausfiel.^) Strabo sah bei Populonium ver-
1) Alhenaeos I 28b. XV 700c.
2) Plin. XXXIV 34 Hör. Ep. II 2,180.
3) Streb. V 218. 223 Verg. Georg. II 165 Plin. XXXVII 202.
§ 2. Das Erzgebirge. 299
lassene Werke. Dies isl die einzige Notiz welche die antike Litteratur
über diesen wichtigen Erwerbszweig enthält. — Auch Silber ist
nach den vorhandenen Spuren von den Etruskern gefordert worden :
silberhaltiger Bleiglanz tritt im krystallinischen Kalk bei Montieri
und Massa auf. Während die Kupfergruben durchweg ruhten, war
das Silberwerk von Montieri seit dem frühen Mittelalter in Betrieb.
Die mittelalterliche Arbeit übertriflt in technischer Hinsicht die
etruskische, wird doch sogar die für die damaligen Mittel erstaun-
hche Tiefe von 90 m erreicht. Die ins sechste Jahrhundert v. Chr.
hinauf reichende Silberprägung des Bundes wie einzelner Städte
(S. 73) ist als Ausflufs des Bergbaus zu betrachten. Wenn da-
gegen gleichfalls alte Goldmünzen vorkommen, so ist das Gold wol
eher aus den Alpen eingeführt (I 167) als im Lande selbst gegraben
zu denken. — EndHch verdient der Betrieb der Eisengruben Elba's
(I 367) Erwähnung. Wegen der Schwierigkeit seiner Bearbeitung
ist das Eisen später als das Kupfer in den allgemeinen Gebrauch
gelangt. Diese bekannte Thatsache erhält in der Ueberlieferung dafs
die Gruben Elba's zuerst Kupfer, späterhin nach dessen Erschöpfung
Eisen geliefert hätten, ein mythisches Gewand.') In Wahrheit gehört
die Insel zu den jüngeren Eroberungen der Etrusker. Wenn ihr
Name Ilva bei dem liguriscben Stamm der Ilvates in der Gegend
von Placentia wiederkehrt 2) , so wird man dieser Nation den ur-
sprünglichen Besitz zuweisen müssen. Auch ist die Stadt Populonium
welche die Erze verhüttete, nach der Errichtung des etruskischen
Bundes gegründet worden. Ungleich der Gewinnung von Kupfer
hat diejenige von Eisen in römischer Zeit fortgedauert und den
Wellmarkt beherrscht. Aber das Metall wurde zur Verarbeitung
nach anderen Städten verschickt, und die Schmelzhütten haben das
Bild des Verfalls welches der einst so blühende Minendistrict dem
Besucher unter der Regierung des Augustus darbot, nicht wesentlich
beleben können. 3)
Die grofse Strafse welche die etruskische Küste durchzieht, ist
die Via Aurelia nach dem Censor des J. 241 C. Aurelius Cotta be-
nannt.*) Sie reichte anfänglich von Rom wol nur bis Cosa (S. 311),
1) (Aristot.) de tnirab. ausc. 93.
2) Liv. XXXI 10 XXXIl 3t.
3) Diod. V 13 Strab. V 223.
4) Cic. Gatil. II 6 Phil. XII 22.
300 Kapitel V. Etrurien.
wurde später bis Pisa, 109 v. Chr. bis Genua und Dertona (S. 143)
geführt. Der ursprüngliche Name wurde auf diese Fortsetzungen,
ja sogar auf die ganze Strecke bis Arles in Gallien ausgedehnt. i)
Unter den von Pisa ab verzeichneten Stationen gedenken wir der
auf der Reisekarte erhaltenen ad Eines welche die alte Landesgrenze
Italiens anzudeuten scheint (I 71). Sie ist ungefähr 24 Milben von
Pisa entfernt; 30 Milben von Pisa Hegt Vada Volaterrana, wie der
Name besagt, der Hafen der mächtigen Etruskerstadt.2) Das heutige
Torre di Vada (2 m) nördlich vom Flufs Cecina bewahrt sein An-
denken, aber im üebrigen hat die Gegend ihr Aussehen sehr ver-
ändert (I 306). Der von Ost nach West strömende 78 kui lange
Caedna'^) entwässert ein Gebiet von 937 Dkm. Die Hügel welche
dasselbe zu neun Zehntel einnehmen, steigen gegen das Meer hin
bis 619 m an. Die höheren Kuppen sind durch eruptive Massen
gebildet, an deren Flanken sich Sedimente zumeist Mergel abgelagert
haben. Den Charakter der Landschaft beschreibt Reyer also: „zu-
hüchst ragen die dunklen eruptiven Waldkuppen , die oberen Ge-
hänge bestehen aus harten Mergeln und sind von Cultur überkieidet,
tiefer unten folgt das flache junge Mergelland schlecht bewachsen
misfarbig und zerrissen. VVeifsgrau ist dieser Mergelboden, weich
und schlammig wenn es regnet, hart und rissig nach langer Dürre.
Jeder Bach , ja jeder Wasserfaden reifst in diese Massen tiefe
Schrunden. Dann werden die Gehänge lose und rutschen nach.
Die Wasser stauen sich und dringen tiefer ein. Da wird das ganze
Erdreich breiig und bewegt sich als träger Schlammstrom durch die
Schrunden. Der Pflanzenwuchs kann gegen diese unaufhörliche
Verwüstung nicht aufkommen und so trägt das ganze Land jahraus
jahrein den Stempel der Aenderung und Zerstörung." Aus dem
Gesagten erklärt sich die Mächtigkeit der Anschwemmung, indem
der kleine Caecina eine Bucht von 30 km Länge und 5 km mittlerer
Breite ausgefüllt hat. Im Altertum war der Hafen nach Ausweis
seines Namens noch von Lagunen umgeben. Ich kann mir nicht
versagen die nalurwahre Schilderung die Rulilius von der Einfahrt
giebt, an dieser Stelle zu wiederholen:
1) lt. Ant. 289.
2) Cic. pro Quinct. 24 Plin. III 50 Rutil. I 453 It. knL 292 It. mar. 501
Tab. Peut. Geogr. Rav. IV 32 V 2 CIL. XI p. 325.
3) Plin. III 50; von Mela II 72 fälschlich als Stadt aufgefafst.
§ 2. Das Erzgebirge. 301
in Volaterraniim vero Vada nomine trachim
iyigressns duhii tramitis dita lego.
despectat prorae custos davumque sequentem
dirigit et puppim voce monente regit.
incertas gemina discriminat arbore fauces
defixasque offert limes nterque sudes:
Ulis proceras mos est adnectere lauros
conspicuas ramis et fruticante coma,
ut praehente viam densi symplegade limi
servet inoffensas semita clara notas.
Die Verse welche die in den Lagunen von Volterra betriebene
Gewinnung von Seesalz beschreiben, sind früher (I 107) mitgetheilt
worden. — Der traurige Anblick den die Gegend jetzt darbietet,
kann ihr im Altertum nicht geeignet haben. Erst durch die Aus-
rottung des Waldes sind die Abhänge entblüfst und den Angriffen
des Regens schulzlos preisgegeben w^orden. Mag auch der Salz-
gehalt des iMergels an vielen Orten zur Verkümmerung der Pflanzen
beitragen, so hat doch Volterra im hannibalischen Kriege den Scipio
Africanus mit Weizen unterstützt und hätte ohne ergiebigen Acker-
bau niemals seine stolze Hübe erringen können. Zwischen dem
Caecina und der nordwärts zum Arno fliefsenden Era, 20 Millien
von der Küste entfernt erhebt sich 531 m der Stadthügel welcher
auf seinem Scheitel Volaterrae, etruskisch Velaihri, Volterra trägt.i)
Die Stadt ist von allen Seiten viele Meilen weit sichtbar, ihr Ge-
sichtsfeld umfafst im Norden die Apuaner Alpen, im Westen die
tyrrhenische See mit zahlreichen Inseln und dem Gebirgsrücken
Corsica's. „Die Feldmark von Volterra — schreibt Strabo — wird
vom Meer bespült, die Stadt nimmt den oberen Gipfel eines aus
tiefer Schlucht hoch aufsteigenden abschüssigen Hügels ein. Der
Aufstieg zu ihr vom Fufs ist 15 Stadien lang, ganz steil und
schwierig." Die heutige Fahrstrafse vertheilt die Steigung nicht
wie die Alten auf 2660 m sondern auf mehr als die dreifache Länge
(8 — 9 km). Der Umfang der Mauer mifst 7280 m, annähernd das
dreifache der gewöhnlichen Durchschnittslänge italischer Stadtmauern
(S. 39). Die unregelmäfsige Form des Hügels bewirkt freilich
dafs der eingeschlossene Raum den Umfang an entsprechender
Gröfse nicht erreicht, da er nur etwa 130 ha beträgt. Von der
1) Strab. V 223 Plin. 111 52 X 78 Plol.III 1,43 CIL XI p. 324.
302 Kapitel V. Etruiien.
Mauer sind zwei Thorburgen und viele Stücke bis 12 m Höhe und
4 m Dicke erhalten: sie ist aus rechtwinkligen Blöcken eines gelb-
lichen Kalksteins (Panchina) geschichtet der an Ort und Stelle
bricht; denn eine Kalkplalte bedeckt auf dem ganzen Höhenzug
die tertiären Mergel. Ferner werden aus römischer Epoche eine
Piscina, unbedeutende Reste von Thermen sowie einem Theater
oder Amphitheater gezeigt. — Das Stadtbild hat seit dem Altertum
seine Züge mannichfach verändert. Die Scheitelfläche war ehedem
ausgedehnter: namentlich an der West- doch auch an der Nordseite
wäscht das Wasser den Mergel aus und bringt die unterhöhlte
Kalkplatte mit den aufstehenden Gebäuden zum Einsturz; stellen-
weise gähnen 100 m tiefe Abgründe. Aber wenn auch minder
stark als der Augenschein des heutigen Tages lehrt, besafs der
Platz doch eine Festigkeit die allen Angriffsmitteln einer früheren
Zeit Hohn sprach. Angesichts ihrer Mauern begreifen wir alsbald
wie diese königliche Stadt ein Gebiet beherrschte, dem an Aus-
dehnung kein anderes in Etrurien gleich kam. Dasselbe wird kaum
weniger als 50 d. D M. befafst haben: landeinwärts begegnet bis zu
dem in der Luftlinie 80 km entfernten Arretium keine etruskische
Stadt; nach Norden reichte es noch in römischer Epoche bis an
oder über den Arno^J Jna Süden ist Populonium eine Colonie
Volaterrae's, hat sich aber früh losgerissen. Für die Begrenzung
im Süden gewährt die Münze einen wichtigen Anhalt; Kupferstücke
mit dem etruskischen Stadtnamen sind ziemlich häufig, auch mögen
die seltenen Goldmünzen einseiliger Prägung und ohne Aufschrift
aus Volaterrae stammen, aber Silber ist hier nicht geschlagen worden
(S. 73): ein deutlicher Beweis dafs die Silbergruben bei Montier!
und Massa anderen Herren angehörten. — Die römische üeber-
lieferung erwähnt Volaterrae in der Epoche der Könige, läfst die
Römer 298 v. Chr. in der Nähe eine Schlacht gewinnen, berichtet
205 dafs Scipio Weizen und Holzwerk für seine Schilfe geliefert
erhielt. 2) Sodann ist die Stärke der Mauer 82 — 80 erprobt worden,
als Geächtete und Etrusker in ihnen eine zweijährige Belagerung
aushielten und schliefslich unter Vertrag abzogen. 3) Ein Gesetz
Sulla's nahm den Volaterranern das Bürgerrecht und einen grofsen
1) CIL. XI 1745 p. 325.
2) Dion. H. III 51 Liv. X 12 XXVIII 45 interamenla navium.
3) Cic. pro Kose. Amer. 20. 105 Liv. LXXXIX Gran, Lic. p. 38 Bonn
Strab. V 223.
§ 2. Das Erzgebirge. 303
Theil ihrer Feldmark. Das Bürgerrecht in der Tribus Sabatina
blieb unaogetastet, aber das Schicksal des Gebiets ist erst nach
langen Streitigkeiten, in denen Cicero 63 und Caesar 59 beide als
Consuln für die Geschädigten eintraten, endgültig geregelt worden, i)
Die Colonie Saena wurde mit den eingezogenen Ländereien aus-
gestattet (S. 312). — Das verbreitetste Geschlecht der Stadt führte
vom nahen Flufs Caecina den Namen : drei Grabstätten desselben
mit etruskischen und lateinischen Inschriften sind im 18. Jahrhundert
aufgefunden worden. Der Name wiederholt sich Öfter in der Ueber-
lieferung2): Cicero hat in der erhaltenen Rede den A. Caecina ver-
theidigt und war mit dessen Sohn befreundet der Streitschriften
gegen Caesar und theologische Tractate verfafste; ein anderer wird
als Gefolgsmann Octavian's erwähnt; für die verschiedenen Träger
des Namens im ersten Jahrhundert n. Chr. fehlt das ausdrückliche
Zeugnifs volaterranischer Herkunft; aber der Stadtpraefect von 414
war noch in der Heimat begütert und wurde 416 von Rutilius
auf seiner Villa besucht. In der romischen Dichtung wird ferner
als ihr Bürger Persius aufgeführt: Grabschriften von Geschlechts-
genossen sind erhallen. 3) Im Uebrigen wissen wir wenig von
Volaterrae zu sagen. Die Umgegend birgt Lager weifsen und
bunten Alabasters, dessen Verarbeitung gegenwärtig den Gewerb-
fleifs des Städtchens beschäftigt. Aus ihm sind zumeist die 1 m
langen Aschenkislen gefertigt welche Grabungen in der nahen Ne-
kropoHs zu Hunderlen an den Tag gefordert haben. Sie ent-
stammen der jüngsten Entwicklung der etruskischen Kunst, etwa
dem 2. Jahrhundert v. Chr., die Darstellungen gewähren lehrreiche
Aufschlüsse über das Eindringen griechischer Mythen wie über die
einheimischen Anschauungen. Während der Kaiserzeit wird die
von den grofsen Verkehrswegen abseits gelegene Stadt kaum ge-
nannt, von ihrer Uebergabe an Narses 511 abgesehen. 4) Auch als
sie im Mittelalter wieder aufblühte, hat sie nur ein Drittel der von
den Etruskern errichteten Ringmauer ausgefüllt.
1) Cic. pro domo 79 pro Caec. 18. 102 ad Alt. I 19 Fam. XIII 4.
2) Cic. pro Caec. Ifg. Orat. 102 Fam. VI 6,3; Cic. Fam. VI 5—8 X 25,3
XIII 66 Suet. Caes. 75 b. Afric. 89 Plin. I 2 XI 197 Sen. Nat. Qu. II 39,1 49,1
56,1; Cic. Alt. XVI 8,2 Appian b. civ. V6Ü; Plin. X 71 Tac. Ann. I 72 XIII 20
Hist. I 52 u. a. — Rutil. I 466.
3) Sueton p. 50. 72 Reiff. CIL. XI 1784. 85.
4) Agath. 111.
304 Kapitel V. Etrurien.
Von Vada bis Popdonium sind 30 Millien.') Dies 286 m
ansteigende 9 km lange Vorgebirge ist durch die Thätigkeit der
Cornia deren antiken Namen wir nicht kennen, landfest geworden
(I 306). Aehnlich wie der M. Argentaro hing es ehedem durch zwei
Nehrungen mit dem Continent zusammen. Die dazwischen befind-
liche Lagune deren Fischreichtum Rutilius und Cluver rühmen, ist
verschwunden, ebenso die Hafenbucht von porlus Faleria oder Falesia
Porto Falese 1 Millie nördlich von Piombino.^) Auf der Nordspitze
(79 m) wo das Vorgebirge nach drei Seiten steil zum Meer abfällt,
thront die demselben gleichnamige Stadt Popnloniwn, etruskisch
Pupluna.^) Die Aussicht scheint durch die kaufmännischen Be-
sucher in der hellenischen Welt Ruf erlangt zu haben. Während
Eratosthenes die Sichtbarkeit Sardiniens und Corsica's vom Fest-
land aus leugnet, Artemidor ihre Entfernung auf 1200 Stadien
erhöht, behauptet Strabo er habe Corsica in einem Abstand
von 600 Stadien deutlich, in gröfserer Ferne Sardinien schwach
mit eigenen Augen wahrgenommen. Die erste Hälfte seiner
Aussage trifft zu, die zweite beruht auf einem Irrtum: wenn auch
das Auge bei hellem W'etter die 20 d. M. entfernten Berge von
Spezia erspäht, so wird doch die Richtung nach dem 30 d. M.
entfernten Sardinien durch das massige Elba völlig verdeckt. Der
Umkreis der Mauer mifst reichlich 272 km und läuft in einer ziem-
lich unregelmäfsigen birnenföimigen Gestalt 25 ha umschliefsend
(S. 37). Die insulare Lage der Stadt welche in Etrurien ohne
gleichen ist, weist klar darauf hin dafs sie nicht von Ackerbauern,
sondern als Seeburg zur Beherrschung des benachbarten Elba das
ein an schmälster Stelle 9 km breiter Sund vom Festland trennt,
gegründet ward. Damit stimmt die Ueberlieferung in ihren ver-
schiedenen Fassungen überein: die eine läfst Populonium nach Er-
richtung des Zwölfstädtebundes von einem aus Corsica kommenden
Stamm, die andere als Colonie Volaterrae's erbaut, eine dritte den
Corsen durch Volaterrae entrissen werden. Die Erwähnung der
1) So It. mar. 501; It. Ant. 292 giebt 25, Tab. Peut. nur 12 an. Geogr.
Rav.IV32 V2.
2) Rutil. I 371 f?. It. mar. 501 Cluver 475.
3) Ptol. 111 [,A no7T?.Cbviov nöXi-s nonlciviov äxoov; (Aristot.) de mir. ausc.
93 Diod. V 13 Strab. V 222 fg. Steph. ßyz.; Liv. XX VIII 45 XXX 39 Plin. III
50. 81 XIV 9. Die Form Populonia findet sich Mela II 72 Verg. Aen. X 172
dazu Serv. Rutil. I 401; Frontin Str. I 2,7 nur durch Conjeclur die sachlich
verfehlt ist (S. 306 A. 5). CIL. XI p. 412.
§ 2. Das Erzgebirge. 305
Corsen wird verständlich, wenn wir daran erinnern dafs die Ueber-
fahrt nach dem den Etriiskern vom 6. bis 4. Jahrhundert zins-
pflichtigen Waldland (I 365) von diesem Hafen aus stattfand. i) Von
der Mutterstadt Volaterrae mufs sich Populonium bald unabhängig
gemacht haben. Darauf führt die auf seinen Namen geschlagene
altertümliche Münze, wie es denn die wichtigste Prägstätte Etruriens
in Silber und Kupfer gewesen ist (S. 73). Im Kampfe mit den
Hellenen, z. B. 453 als eine syrakusische Flotte vorübergehend Elba
eroberte 2), Gel ihm die Rolle eines Vorkämpfers zu. Am Fufs des
Stadthügels öffnet sich die geschützte Hafenbucht Baratti, wo die
fremden Kauffahrer das jedem Wettbewerb trotzende Eisen von
Elba einluden. Dafs die Hellenen auch unmittelbar von der Insel
Erze geholt haben, lehrt der von ihnen benannte portus Argous
Porto Ferraio (I 368). Aber in den erhaltenen Berichten hat
Populonium durchaus den Betrieb der Gruben in der Hand und
liegen die Schmelzen auf dem Festland. 3) Aufserdem besafs es einen
guten Theil des festländischen Minendistricts: 10 km entfernt bei
der Eisenbahnstation Campiglia liegen die heifsen Quellen le Caldane
Aquae Populoniae, noch jetzt zu Badezwecken verwandt. *) Wie
weit sich indessen sein Gebiet erstreckte, läfst sich bei der äufser-
sten Seltenheit lateinischer Inschriften in diesen wenig durchforsch-
ten Strichen nicht bestimmen. — Nach Vergil kamen dem Aeneas
600 Mann von Populonium, 300 von Ilva zu Hülfe; 205 ward für
Scipio's Rüstung das erforderliche Eisen beigesteuert. Wie in Vo-
laterrae haben die Gegner SuUa's auch hier hartnäckigen Wider-
stand geleistet: von der Zeit schreibt sich der Niedergang der
Stadt her. Strabo fand sie bis auf die Tempel und wenige Häuser
verlassen, dagegen den Hafen mit zwei Werften ziemlich belebt.
Er sah die Schmelzöfen für die ilvatischen Erze in Thätigkeit, er-
wähnt auch eine Warte zur Ausschau nach den Zügen des Thun-
fisches (I 111). Vier Jahrhunderte später schildert Rutilius die
Verödung: agnosci tiequennt aevi momimenta prioris,
grandia C07isumpsit moenia tempus edax.
sola manent intercepti's vestigia muris,
1) Liv. XXX 39 Slrab. V 223 lt. mar. 513 wo die Entfernungsangabe von
600 Stadien zeigt dafs Gorsica ausgefallen ist.
2) Diod. XI 88.
3) (Aristot.) de mir. ausc. 93 Varro bei Serv. V. Aen. X 174 Strab. V 223.
4) Tab. Peut. Geogr. Rav. IV 36.
Kissen, Ital. Landeskunde. II. 20
306 Kapitel V. Etruiien.
ruderihus latis tecta sepnlta iacent.
non indignemur mortalia corpora solvi:
cernimus exemplis oppida posse mori.
Der HafeDort hat sich länt^er behauptet und ist Bischofsitz ge-
wesen 1), bis die Wildheit der Zeiten den Schutz der Hohe aufzu-
suchen nötigte: ein mittelalterhches Castell liegt jetzt innerhalb der
Etruskerfeslung.
Von der Via Aurelia zweigte eine Strafse über Aquae Populo-
niae nach dem 56 Millien entfernten Siena ab. Dieselbe durch-
schnitt den eigentlichen Bergwerksdistrict von Campiglia Massa
Marittinia und Montieri; aber die antike Topographie der ganzen
Gegend liegt im Unklaren, und die zweite dieser Ortschaften für
Massa Veternensis auszugeben ist reine Willkür, da der IName Massa
an vielen Stellen Toscana's wiederkehrt. 2) Das Vorgebirge Popu-
lonium begrenzt nach INordwesten den halbkreisförmigen Golf von
Piombino oder FoUonica; ihm gegenüber bei 20 km Abstand im
Südosten springt das Vorgebirge Troia vor. 3) Der letztere Stock
steigt im M. Ballone 630 m, weiter westlich im Hügel von Colonna
12 km vom Meer 345 m an. Neuere Forschungen haben gelehrt
dafs der Hügel von Colonna eine ansehnliche elruskische Stadt trug,
die bei einem Mauerring von rund 5 km und einem Flächeninhalt
von 120 ha unbedenklich den Grolsslädlen Etruriens wie Italiens
(S. 37) zuzurechnen ist. 4) J. Falchi hat 1881 zuerst in ihr das
lange vermifste und an vielen Orten gesuchte Vetulonmm erkannt 5):
die spärlichen Anhaltspuncte zur Bestimmung der Lage trelfen zu,
das entscheidende Zeugnifs einer Inschrift steht noch aus. Seinen
Ruhm bei der Machwelt verdankte Vetulonium dem Silius der den
Verfall innerhalb der verödeten Mauern vielleicht aus eigener An-
1) Gregor M. Reg. 1 15.
2) Animian XIV 11,27.
3) Ptol. III 1,4 nennt an dieser Stelle Tqdiavov Xifiiyv; jedoch ist der
Name vermutlich verschoben und auf Centumcellae oder Porliis, nicht auf Troia
zu beziehen.
4) Notizie degli Scavi 1882 p. 251 fg. 1885 p. 9Sfg. mit Plan.
5) Der Name der Bürger Vetulonenses steht inschriftlich fest CIL. XI p,
414, nicht der Stadtname: Vetulonü Plin. II 227 Vutulonia Sil. It. VIII 483
Velulonhim Ptol. III 1,43. Der Name wird Frontin Str. I 2,7 für das hand-
schriftliche oppidiim vel coloniam einzusetzen sein. Der erzählte Vorgang
bezieht sich auf den Feldzug von 225 der bei Telamon zum Abschlufs kam
(S. 309).
§ 2. Das Erzgebirge. 307
schauuDg kannte und nun zur Steigerung des Gegensatzes die In-
signien der römischen Magistratur, Lictoren curulischen Sessel Pur-
purtoga und Kriegstrompete von hier ableitete, i) Sein Rang als
Zvvolfstadt ist unbestritten (S. 280), auch ist es Municipium in der
Tribus Scaptia gewesen und hat Rekruten zur Besatzung des kaiser-
lichen Rom gestellt 2); aber da seiner in der Ueberlieferung histo-
rischer Zeiten nirgends gedacht wird, mufs die Bedeutung früh auf-
gehört haben. 3) Seit dem ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung
(I 417 A. 7) hat das Fieber von der ganzen Gegend Besitz ergriffen
und die Beute nicht wieder fahren lassen. Die Oede und Schreck-
nifs der Maremma hat die Herrlichkeit der alten Etrusker in einem
Grade unversehrt erbalten der sich nirgends wiederholt. Nachdem
der Schleier des Geheimnisses gelüftet ward, haben die fortgesetzten
Ausgrabungen das Museum von Florenz um eine schier unüberseh-
bare Fülle von Gerätschaften bereichert.*) Der bereits (I 44) vor-
gesehene Fall dafs der monumentale Thatbestand das fehlende
Zeugnifs der Schrift ersetzen kann, liegt hier zweifellos vor. In-
dessen beschränkt sich der geschichtliche Gewinn der den Gräber-
schätzen enthoben wird, auf ein paar allgemeine Umrisse. Die
etruskische Cultur zeigt in Vetulonium die altertümhchsten Formen.
Ihre Blüte ist vor dem Eingreifen der Römer geknickt worden.
Man erstaunt über die Masse von Goldschmuck die den Todten als
Mitgift gesteuert wurde^): im Leben ist das edle Metall nicht in
den Dienst des Verkehrs gestellt worden wie andere Schwesterstädte
gethan haben. Vetulonium hat nur Kleinkupfer gemünzt (S. 73).
Daraus läfst sich der Scblufs ziehen dafs es bereits früh im 5. Jahr-
hundert von schweren Schlägen heimgesucht und ins Hintertreffen
gedrängt wurde.
Zwischen den Vorgebirgen von Troia und Talamone drang
ehedem eine Bucht von etwa 20 km Länge und Breite ein die
1) VIII 483 Maeoniaeque decus quondam VeUdonia genlis.
2) Epii. ep. V p, 258.
3) Diori. H. IJI 51 Plin. III 52.
•1) Die ziemlich umfassende Litleratur beginnt mit Falchi, Ricerche di
Vetulonia, Piato 1881, und setzt sicli in den Zeitschriften, namentlich den
Not. d. Scavi 1882 — 1900 fort. Seine Berichte aus den Notizie hat Falchi
Firenze 1892 gesondert herausgegeben.
5) G. Karo, Le oreficerie di Vetulonia in Milani's Studi di Archeologia,
Firenze 1901.
20*
308 Kapitel V. Etrurien.
nachgerade fast völlig ausgefüllt oder in Sumpf umgewandelt ist.
Daran arbeiten im Norden die kleine Bruna (Prilis?) im Süden der
reifsende Umbro Ombrone (I 307)J) Der erstgenannte Flufs mündete
in den lacus Prilins die grofse Lagune von Castiglione ein. An
der Mündung des Ombrone befand sich im Altertum ein sicherer
Hafen. In dem zwischen beiden Flüssen vorspringenden Höhenzug
nahm Rusellae auf einem abgestumpften Kegel (184 m) gelegen eine
die Umgegend beherrschende Stellung ein. 2) Es ist in der Luft-
linie nur 15 km von Vetulonium entfernt und scheint, obwol nur
halb so grofs, diesem in historischen Zeiten den Rang abgelaufen
zu haben. Die Ringmauer in verschiedener Bauart und zum Theil
aus gewaltigen Blöcken geschichtet, steht stellenvveis bis zur Höhe
von 7 — 10 m. Ihr Umfang mifst 3150 m. Sie beschreibt ein
längliches Viereck mit verschiedenen Ausbuchtungen und umschUefst
eine Fläche von reichlich 60 ha. Sechs Thore sind kenntlich, ferner
Ruinen aus römischer und Gräber aus etruskischer Zeit vorhanden.
Rusellae wird unter den Zwullstädten genannt und hat an den
Kämpfen gegen Rom Theil genommen : 294 v. Chr. hören wir ward
sie mit grofser Einbufse an Menschen von den Römern erobert.
Die von ilir 205 dem Scipio geleistete Beisteuer von Getreide und
Bauholz läfst Ackerbau und Waldwirtschaft als ihre vornehmsten
Erwerbszweige erkennen. Für die Ausdehnung und Güte der Feld-
mark zeugt der Umstand dafs eine Colonie sei es von den Triumvirn
sei es von Augustus hier angesiedelt wurde (S. 32). Die Ueber-
heferung schweigt über deren Sciiicksale, aber die langsame Zu-
nahme der Malaria (1417) kündet nichts Erfreuliches.^) Bis 1138
hat die Stadt fortbestanden: damals ward das Bistum nach dem
5 Millien entfernten Grosseto übertragen und der alte Cullursitz
der Wildnifs des Waldes preis gegeben.
Südlich vom Ombrone streicht an der Küste 15 km lang eine
Bergkette hin die bis 415 m ansteigt und im promnntiirium Telamon
Punta di Talamoue (35 m) endigt.4) Das Vorgebirge wird nach
dem gleichnamigen Hafen bezeichnet. Talamoue ist gegenwärtig
1) Plin. 111 51 Rutil. I 337 Steph. Byz. II. mar. 50ü Tab. Peut. Geogr. Rav.
IV 32 V 2.
2) Dion. H. III 51 Liv. X 4. 37 XXVIII 45 Plin. III 51 Plol. III 1,43 CIL.
XI p. 414.
3) Gregor M. Reg. 1 15 V 57 a subscr.
4) Ptol. III 1,4.
§ 2. Das Erzgebirge. 309
ein armseliges Nest mit versandeter Rhede. Die aus römischer Zeit
vorhandenen Ruinen beu'eisen dafs dieser verfieberte Strand einst
mit Villen bedeckt war. Wenn die Kupfermünzen mit der etrus-
kischen Aufschrift Tla^ wie man mit gutem Grund annimmt (S. 73),
wirklich Telamon angehören, so kann die Stadt nicht unbedeutend
gewesen sein. Zum gleichen Ergebnifs führt die Ueberlieferungi):
Timaeos kannte den Ort und brachte ihn mit der Fahrt der Argo-
nauten in Verbindung; in der Nähe ward 225 v. Chr. der grofse
Sieg über die Kelten erfochten; in diesem Hafen landete Marius
87 bei seiner Rückkehr aus Africa. Von den Erwähnungen bei
den Geographen abgesehen, verschwindet er sodann bis zum 14.
Jahrhundert. Freilich kann der Hafen in romischer Zeit kein selbst-
ständiges Gemeinwesen gebildet haben, das ihm von Stephanos von
ßyzanz beigelegt wird. Allein grofse Umwälzungen haben in dieser
Gegend stattgefunden. Eine verschollene Stadt lag 10 km von der
Küste bei Magliano, wo Dennis die Spuren einer grofsen etruskischen
Anlage entdeckt hat. 2) — In dem durch das Vorgebirge von Tala-
mone und dem M. Argentaro begrenzten Golf ergiefsen sich das
Flüfschen Osa Osa 3) und die Albinia Albegna ^) : Ueberreste der
Römerbrücke sind in der Osa noch sichtbar. Der mons Argenta-
rius^) ist der letzte unter jenen Gebirgstocken der etruskischen
Küste, die vermöge ihrer älteren Gesteinbildung als Trümmer der
teklonischen Hauptaxe Italiens betrachtet werden (I 222). Er steigt
steil in zwei Gipfeln bis zur Höhe von 635 m an. Rutilius hat
seinen Umfang nahezu um das doppelte überschätzt:
tenditur in niedias mons Argentarius undas
ancipitt'que iugo caerula curva premit;
transversos colles bis ternis milibus artat,
circuitu ponti ter duodena patet.
1) Diod. IV 56,6 (aus Timaeos); Pol. II 27,2; Plut. Mar. 41,2; Steph. Byz.
Mela II 72 Plin. III 51, It. mar. 500 Talamon, Tab. Peut. Geogr. Rav. IV 32 V 2.
2) Dennis II 263 fg. nimmt sie für Vetulonium in Anspruch. Eher wäre
an Calelra zu denken Plin. HI 52 Liv. XXXIX 55.
3) Dafs Ptol. III 1,4 unter den Flüssen Elruriens aufser dem Arno nur
diesen winzigen Bach namhaft macht, ist Zufall, die Nennung indefs ein be-
merkenswertes Zeugnifs für die Ausführlichkeit seiner Vorlagen.
4) Tab. Peut. Geogr. Rav. IV 32 V 2; It. mar. 500 Alminia.
5) Rutil. I 315. Nach Gluvers Vermutung Cosanum promunturium Tac.
Ann. 11 39 (cod. coram, Lipsius Cosam).
310 Kapitel V. Etrurien.
Von den Nehrungen die ihn mit dem Festland verbinden und
der von diesen umschlossenen Lagune ward schon früher (I 307)
berichtet. Auf der Spitze der mittleren liegt, an drei Seiten vom
Wasser geschützt (der Damm nach dem Argenlaro stammt aus neuerer
Zeit), das Städtchen Orbelello. Es hat eine antike Mauer im Poly-
gonalstil, antike Gräber werden auf dem Isthmus wie innerhalb
der Stadt selbst gefunden : den Namen der antiken Ortschaft wissen
wir leider nicht. An der Nordspitze des Argentaro liegt der portus
Incüaria Porto S. Stefano i), an der Südspilze der portus Cosatms'^)
oder portus Hercuh's ^) Porto Ercole genannt. Letzterem gegenüber
auf dem Festland wo der Lido, Tombolo di Feniglia an dasselbe
stufst, erhebt sich ein 114 m hoher Kegel mit den Ruinen von
Cosa.*) Wiewol die Tradition seit Karl dem Grofsen ihnen den
Namen Ansedonia beilegt, gestattet die Beschreibung Strabons keinen
Zweifel über ihre Zugehörigkeit. „Nach Populonium folgt Cosa eine
Stadt ein wenig oberhalb des Meeres; es befindet sich am Golf ein
hoher Hügel, auf diesem die Anlage; darunter liegt Herculeshafen
und in der Nähe eine Lagune und an dem Vorgebirge über dem
Golf eine Warte zur Ausschau nach den Zügen der Thunfische."
Die Anlage bildet ein unregelmäfsiges Viereck von 1470 m Um-
ang und 14 ha Flächeninhalt (S. 39). Die 2 m dicke Mauer steht
noch stellenweise in einer Hohe von 10 m; sie ist aus vieleckigen
Blöcken die in den oberen Schichten in Rechtecke übergehen, mit
höchster Sorgfalt errichtet. Die Angriffseite nach dem Meer zu
wird durch 8, die Südseite durch 6 Thürme verstärkt; aufserdem
linden sich ihrer an der Ost- 2, an der schmalen Nordseite 1 ; von
2 von Innen an die Mauer angelehnten Rundthürmen abgesehen,
sind die übrigen viereckig in die Mauer eingebaut und springen
4 — 5 m aus der Flucht vor. Die Stadt hat 3 Thore, jede Seite
eins, nur die Seeseite bietet eine ununterbrochene Wehr. Die Aus-
rüstung mit Thürmcn weist die Mauer einer jüngeren Epoche zu;
wir dürfen ihre Entstehung den Römern und der ersten Hälfte des
dritten Jahrhunderts v. Chr. unbedenklich zuschreiben. Das Gebiet
1) it. mar. 499.
2) Liv. XXII 11 XXX 39 Geogr. Rav. IV 32 V 2.
3) Sirab. V 225 Rutil. I 293 It. mar. 499 Tab. Peut.
4) Streb. V 222. 225 Mela 11 72 Plin. 111 51. 81 Solion 14 (FHGr. IV 437);
Ptol. III 1,4 Köaaai Verg. Aen.X 168 Cosac dazu Serv. u. Macrob. Sat. V 15,4. 7;
It. Ant. 292. 300 lt. mar. 514 Tab. Peut. Geogr. Rav. IV 32 V 2 CIL. XI p. 415.
§ 2. Das Erzgebirge. 311
ist den 280 besiegleu Volcienteru abgenommen, die Stadt 273 als
latinische Colonie gegründet worden. i) Der Augenschein lehrt dafs
die Stadt nicht die Gesamtheit der Ansiedler aufnahm, sondern
vielmehr als Waffenplatz zur Beherrschung der Häfen des Argeniaro
dienen sollte. Für die ihm zuerkannte Wichtigkeit zeugt der Um-
stand dafs er durch die Via Clodia unmittelbar mit Rom verbunden
war; für seine politische Bedeutung zeugt der Umstand dafs er in
Kupfer gemünzt hat (S. 73). Die Stürme des hannibalischen
Krieges hindurch hielt die Colonie standhaft zu Rom und schmolz
schhefslich so zusammen dafs sie nach einer 199 vergeblich vorge-
brachten Bitte um Verstärkung 197 wirklich 1000 neue Ansiedler
zugestanden bekam. 2) In der Folge werden nur die Häfen und
zwar ziemhch oft erwähnt.^) Inschriften der Gemeinde aus dem
3, Jahrhundert n. Chr. sind erhalten, aber die Stadt sah Rutilius
verödet: ceinimus antiqnas nullo custode ruinas
et desolatae moenia foeda Cosae.
Am Fufs des Stadlhügels künden romische Ruinen den Ort
Succosa an, wo die binnenländische Via Clodia mit der an der Küste
hinlaufenden Via Aureha zusammen traf.^)
Der Flufs Armenta Fiora^) stellt die ungefähre Grenze des
vulkanischen Gebiets dar (I 257). Durch das zu der eben be-
schriebenen Küste gehörende Hinterland führte keine grofse Römer-
strafse von Süden nach Norden; auch hat die Natur solche weiter
ostwärts in der Einsenkung des Tiber und Clanis vorgezeichnet.
Dem toscanischen Hügelland fehlt die übersichthche Ghedernng
(1233): demgemäfs sind die binnenländischen Städte durch Neben-
strafsen die den Flufsläufen folgen, mit den Haupllinien verbunden.
Unsere Kenntnifs dieser wenig besuchten Gegenden ist recht dürftig.
— Am linken Ufer der Albegna 30 km von der Küste nimml Saturnia
einen Bergkegel (290 m) ein.ß) Der heutige kümmerliche Ort bean-
1) Vell. I 14 Liv. XIV Plin. 111 51.
2) Liv. XXVII 10 XXXII 2 XXXIII 24.
3) Vgl. S. 310 Ann. 1—3. Sallust Hist. fr. I 82 (p. 22. 37 Maurenbrecher),
Caes. b. civ. 1 34 Cic. Alt. IX 6,2 9,3. An die Güter des Domitius erinnert die
Domitiana positio am nördlichen Lido, Tombolo della Giannella It. mar. 499
sowie CIL. XI 2638.
4) Tab. Peut. Geogr. Rav. IV 32 V 2.
5) Geogr. Rav. IV 82 V 2; Armenita Tab. Peut.: Amine It. mar. 499.
6) Plin. III 52 Ptol. III 1,43 Tab. Peut. Geogr. Rav. IV 36 V 2 CIL. XI p. 419
Not. d. Scav. 1882 p. 53 fg.
312 Kapitel V. Etrurien.
sprucht nur einen kleinen ßruchtheil der alten Umwallung. Diese
in der Länge von 3 km sclilofs ein uuregelmäfsiges Viereck mit
50 ha Fläche (S. 37) ein. Die vorhandenen Mauerreste weisen die
nämliche Bauart wie in Cosa auf. Allerlei Ruinen aus römischer
Zeit sowie ein ausgedehntes Gräberfeld mit eigentümHchen rohen
Steinsärgen sind vorhanden. Aus den Thoren führen Sirafsen mit
tlieilweise erhaltenem antiken Pflaster südwärts nach Rom zu, in
südweslUcher Richtung die Albegna hinunter, in nordwestlicher nach
Rusellae, in nördlicher nach Siena, in östlicher nach Volsinii. Es
ist klar, die Stadt kann nicht unbedeutend gewesen sein. Nach
der Ueberheferung i) stammt sie aus der Epoche vor Ankunft der
Etrusker und ist von diesen später erobert worden. Immerhin
schreibt sich der Name Saturnia von der römischen Colonie des J.
183 v. Chr. her, während er vordem Anria gelautet halte. Auch
ist sie vordem nicht selbständig, sondern von Caletra (S. 309 A. 2)
abhängig gewesen. Die römische Colonie bestand aus Bürgern der
Tribus Sabatina, von denen Jeder ein Los von 10 Juchert zuge-
wiesen bekam. Dafs die Colonie einem fremden Gemeinwesen ein-
gefügt wurde, erhellt auch daraus dafs nicht von Beamten eigener
Wahl, sondern von Praefecten die der Praetor aus Rom alljährlich
entsandte. Recht gesprochen wurde. Wie lange die Scheidung in
zwei Gemeinden innerhalb derselben Mauer gedauert habe, ist nicht
zu sagen: jedesfalls hörte sie mit der allgemeinen Erlheilung des
Bürgerrechts an die Italiker auf. In den Listen des Augustus steht
Saturnia unter den Municipien, erhielt aber später den Titel Colonie.
— Zwischen dem Quellgebiet des Ombrone einer- und der nach
Norden in den Arno fliefsenden Elsa anderseits auf einem Hügel-
rücken liegt Saena oder colonia Julia Saena Siena 319 m ü. Meer. 2)
Von einer älteren etruskischen Ansiedlung fehlt jede Spur; alle
Wahrscheinlichkeit spricht dafür dafs die Stadt auf dem den Vola-
terranern abgenommenen Gebiet (S. 303) von Octavian gegründet
worden sei (S. 32). Wie eine Erzählung bei Tacitus beweist, hat
es den Bewohnern an Selbstgefühl nicht gebrochen. Sie gehörten
zur Tribus Ufentina. Mit den Ueberresten des Altertums hat im
Uebrigen der glorreiche Aufschwung des Mittelalters gründlich auf-
geräumt.
1) Dion. H. 1 20 Liv. XXXIX 55 Fest. 233 iM. App. b. civ. I 89.
2) Plin. III 51 Tac. Bist. IV 45 Ptol. III 1,43 Tab. Peut. Geogr. Rav. IV 36
CIL. XI p. 332.
§ 3. Der Osten. 313
§ 3. Der Osten.
Das toscanische Hügelland wird im Norden durch das Arno-,
im Osten durch das Chianathal begrenzt (! 232). Der Arno flofs
ehemals nach Süden und vereinigte sich mit dem Tiber bei Orvieto
(I 304). In Folge dessen hängen die grofsen inneren in der Rich-
tungsaxe des Appennin streichenden Längenthäler unter einander
zusammen und bestimmen damit zugleich den Gang des Verkehrs.
Drei Hauptstrafsen führten und führen von Rom nach iNorditalien:
die Via Aureha an der tyrrhenischen, die Flaminia an der adriatischen
Küste, in der Mitte durch Etrurien die Cassia.i) Die letztgenannte
ist die jüngste unter ihnen: während die Küstenstrafsen aus den
Jahren 241 und 220 v. Chr. stammen, ist diese sei es 154 oder
wahrscheinlicher 125 vom Censor Cassius gebaut worden. Die
Römer haben der Flaminia als der bequemsten den Vorzug ge-
geben 2), da sie nur den Pafs von Scheggia zu überwinden hat und
sonst ohne plötzhche Steigungen in der Ebene hin läuft. Aber sie
macht einen Umweg von etwa 40 km gegenüber der Cassia. Wenn
daher in der Gegenwart die kürzeste und wichtigste Verbindungs-
linie zwischen Rom und dem Norden die Mitte der Halbinsel ein-
hält, so mufs solche auch für das Altertum von hervorragender
Wichtigkeit gewesen sein. Insonderheit erhellt dies aus der Kriegs-
geschichte: von Brennus bis auf Hannibal sind all die gallischen
Heerscharen welche die Freiheit Itahens bedrohten, durch das Chiana-
thal gezogen. Der W^eg selbst konnte nach Beute lüsterne Gesellen
iinlocken; was 217 v. Chr. von dem Anfang ausgesagt wird, gilt
vom Ganzen'^): „die Gegend gehörte zu den fruchtbarsten Italiens, das
etruskische Gefilde zwischen Faesulae und Arretium, mit Getreide
und Heerden und allen Bedürfnissen reichUch ausgestattet." In
wechselnder Breite von 4—10 km erstreckt sich das Thal 70 km
von Nord nach Süd: auf seiner Fruchtbarkeit beruhte vornehmhch
der Ruf dessen Etrurien als Kornland bei den Allen genofs (S. 280).
Wenn es durch lange Verwahrlosung versumpft, im Mittelalter ein
einziger Fieberherd geworden war (I 299), so stand es zur etrus-
kischen Zeit in kräftiger Blüte: eine Fülle von Nekropolen kündet
1) Cic. Philipp. XII 22.
2) Strab. V 226.
3) Liv. XXII 3 von Pol. III 80,3 82,1 auf das Chianathal bezogen.
314 Kapitel V. Etrurien.
(las Dasein von Ortschaften deren Namen wir nicht kennen, deren
Wolstand durch die Ausstattung der Gräber bezeugt wird. Die
günstige Verkehrslage rief einen bedeutenden Gewerbfleifs ins Leben,
der noch in der Kaiserzeit auf dem Weltmarkt seine Geltung be-
hauptete. Ein volles Drittel von den zwölf herrschenden Städten
fällt auf diesen Theil des Landes. Sie verfolgen in der Regel eine
Sonderpolitik, von den Seestädten durch die ausgedehnten Waldungen
der toscauischen Hügel geschieden und darauf angewiesen sich der
andrängenden ümbrer und Kelten zu erwehren.
Die Via Cassia von Florenz bis Arezzo mifst 50 Millien. Halb-
wegs bei S. Giovanni verzeichnet das Heisebuch die Station ad
Fines sive Casas Caesarianas ^) : die erste Bezeichnung erinnert an
die alte Grenze des italischen Bundes (I 71), die zweite an die
Landanweisungen Octavians (S. 296); zugleich wird hier die Grenze
zwischen den Gemarkungen der beiden genannten Städte anzu-
setzen sein. Die übrigen Gewährsmänner theilen den Weg nach
anderen Stationen ab: ad Aquilam Wirtshaus zum Adler^j und einer
Ortschaft unsicherer Lesung.^) — Während der römischen Herrschaft
nimmt Arretium unter den ostetrurischen Städten den obersten
Platz ein.-i) Die Bodengestaltung sicherte ihm eine hervorragende
Wichtigkeit im Krieg wie \n\ Frieden. Am Nordende des Chiana-
thals wo der Arno seine rückläufige Wendung um den Stock des
I'ratomagno beginnt (I 304), lehnt es sich an den Gebirgszug der
die Chiana von dem oberen Tiber scheidet. Indem derart zwei
Einsenkungen wie die Zinken einer Gabel au den langen südwärts
gerichteten Spalt der Chiana ansetzen, hat die kürzere, das Casen-
tino, keine bequemen Pässe nach der adriatischen Küste aufzu-
weisen. Dagegen münden alle Uebergänge welche an die Sieve und
an den mittteren Arno führen, naturgemäfs in das Chianathal aus:
zumal in einer Epoche als die Ufer des unteren Arno noch ver-
versumpft waren (S. 292) und keine grofse Heerstrafse die tosca-
nische Waldlandschaft durchschnitt. Aufserdem aber sinkt der den
1) IL Ant. 285.
2) Tab. I^eut. ad Aquileia Geogr. Rav. IV 36 Equilia Ptol. III 1,43
"AxovovXa (Paris. A).
3) Tab. ^evii. Bituriza Geogr. Rav. IV 36 Delurnis Ptol. III 1,43 BirovQyia
Guido 52 Veturris.
4) Strab. V 222. 226 Plin. IM 52 Ptol. III 1,43 Steph. Byz. It. Ant. 285 Tab.
Peut. Geogr. Rav. IV 36 CIL. XI p. 336.
§ 3. Der Osten. 315
Tiber und Clanis trennende Bergzug bei Arezzo lief ein, so dafs
man ohne wesentliche Steigung sei es nach Anghiari und Borgo
S. Sepolcro (beides wie es scheint antike Ortschaften unbekannten
Namens) sei es weiter unterhalb geradewegs nach Tifernum gelangt.
Da begangene Pässe vom oberen Tiber an den Ariminus und Me-
taurus hinüber leiten, so führt eine ununterbrochene Verbindung
zwischen den beiden italischen Meeren an den Mauern Arretiums
vorbei. Nach dem Gesagten versteht man dafs dasselbe für die
Vertheidigung der Halbinsel einen ähnlichen Stützpunct im Westen
wie Ariminura im Osten des Appennin abgab. Im 3. Jahrhundert
V. Chr. war es Grenzfestung gegen den feindlichen Norden , unter
deren Schutz die Römer 283 und 217 den Angriff der Kelten er-
warteten, i) Die Grenzfestung ward 49 von Caesar besetzt, um nach
der Ueberrumpelung von Ariminum auch die zweite Anmarschlinie
auf Rom in seine Gewalt zu bringen. 2) Sie diente 82 den Marianern,
40 dem Octavian als Waffen platz. 3) — Ihr Gebiet hat sich weithin
erstreckt. Nach Norden behaupteten zwar die Umbrer im Casentino
ein selbständiges Gemeinwesen (S. 296); aber im Nordosten ent-
sprang der Tiber auf Arretiner Grund und Boden der auch ein gut
Stück abwärts nach Tifernum zu reichte.^) Im Nordwesten nahmen
wir die Grenze gegen Florenz bei S. Giovanni am Arno an (S. 314);
indessen ist recht wol möglich dafs sie in etruskischer Zeit viel
weiter hinausgriff, sogar Faesulae als Colonie einschlofs (S. 294).
Nach Westen stiefs sie mit derjenigen von Volaterrae zusammen
(S. 302). Endlich gehörte ein ziemlicher Theil vom Chianathal hinzu.
Im Jahre 108 v. Chr. richtete eine Ueberschwemmung des stagnum
Arretimim schweres Unheil an 5): diese Niederung wird am Clanis
zu suchen sein. Letzterer heifst bei Pliuius Arretinus^): der Ab-
flufs nach dem Tiber mufs also jedenfalls nördlich von Cortona
begonnen haben. Aber bei der völligen Umgestaltung des Bodens
im vorigen Jahrhundert (I 305) wird es schwer halten das ehemahge
Verhältnifs von Sumpf- und Ackerland zu einander festzustellen.
1) Pol. II 16,2 19,7 III 77,1 80,1 Liv. XXII 2. 3 Gic. Div. I 77.
2) Caes. b. civ. I 11 Gic. Fam. XVI 12,2 Lucan II 462 Flor. II 13,19.
3) Appian b. civ. I 91 III 42.
4) Plin. III 53 CIL. XI 1843.
5) Obseq. 40 vgl. 49. 52. 53. 54.
6) Plin. III 54. Der Aulaut schwankt zwischen Media undTenuis: Glanis
Plin. a. 0, App. b. civ. I 89 Clanis Strab, V 235 Tac. Ann. I 79.
316 Kapitel V. Etrurien.
Die Fruchtbarkeit ist die gleiche wie am oberen Tiber (I 463): der
Weizen der im Altertum hier Jahraus Jahrein gebaut wurde (I 449),
war berühmt; auch der auf den Hügeln gezogene Wein stand in
gutem Ansehen.^) — Neben dem Ackerbau unterhielt Arretium ein
ausgedehntes Gewerbe: 205 v. Chr. lieferte es an Scipio 3000 Schilde,
ebenso viel Helme, 50 000 Lanzen und Wurfspiefse , Aexte Spaten
Sicheln Kürbe Älühlen für 40 Schiffe, 120 000 Scheffel Weizen nebst
einer Beisteuer für das Zehrgeld der Ruderer. 2) Dafs die Metalle
des Erzgebirges hier verarbeitet wurden, hat offenbar darin seinen
Grund dals die Stadt einen Hauplmarkt der inneren Halbinsel dar-
stellte. Dem entsprechend hat sie auch aller Wahrscheinlichkeit
nach in Kupfer gemünzt. Das Florentiner Museum bewahrt be-
achtenswerte Beispiele (Chimaera, Minerva) der in der Metallarbeit
erreichten Vollendung. Mit dem Aufhören des etrurischen Berg-
baus wendet Arretium sein ganzes technisches Können der Töpferei
zu. Der Diluvialboden der Umgegend birgt reiche Thonlager vor-
züglicher Güte. Daraus ist jenes rote Arretiner Geschirr gefertigt,
das in der römischen Welt eine ähnliche Verbreitung erlangte wie
bei uns in Deutschland Meifsner Porcellan.3) Die getriebene Arbeit
in Silber wird hier von griechischen Künstlern mit Glück auf Thon
übertragen : einzelne Stücke zeugen von wahrer Schönheit. Ein
Dutzend gröfsere Werkstätten sind im Umkreis der Mauer, auch
wol in weiterer Entfernung, festgestellt worden. Ihre Thätigkeit
läfst sich vom zweiten vor- bis ins erste nachchristliche Jahrhundert
verfolgen. Ihr Absatzgebiet umfafst Italien Spanien Südfrankreich
Rheinland, weniger die übrigen Provinzen.'*) — Die Ueberlieferung
erwähnt die Stadt in der Epoche der römischen Tarquinier.^) Die
Furcht vor den Kelten hat sie vermutlich von der Betheiligung an
den Bundeskriegen gegen Rom abgehalten. Der 310 v. Chr. abge-
schlossene Vertrag wurde zwar 301 durch einen Aufstand der das
Herrschergeschlecht der Cilnier zu stürzen suchte, gestört aber
bereits 294 wieder erneuert. c) Als der hannibalische Krieg sich in
1) Plin. XVllI 87 XIV 36 CIL. X 8056,1. — Plin. XXVI 87 Nepos AU. 14,3
Tibull IV 8,4.
2) Liv. XXVIII 45.
3) Plin. XXXV 160 Martial I 53,6 XIV 98 Isidor Or. XX 4,5 Antli. Lat. 259
Riese Macrob. II 4,12 iaspi figulo/'um.
4) Ihm CiL. XI p. 1081 — 1160. Ders. Bonner Jalub. GII (1898) p. 106fg.
5) Dion. H. III 51.
6) Liv. IX 32. 37 Diod. XX 35 Liv. X 3. 37.
§ 3. Der Osten. 317
die Länge zog, drohte der Abfall und mislang nur durch das
schleunige Eintreffen römischer Truppen.') Arretium ergriff in der
Folge die Partei der Marianer und wurde mit Gebietsverlust sowie
der Entziehung des Bürgerrechts bedroht. Letztere kam nicht zur
Ausführung, dagegen hat Sulla Veteranen angesiedelt und mit Land
ausgestattet.2) Somit war ein neuer Nährboden für Catilina's Um-
triebe bereitet.3) Späterhin hat Octavian gleichfalls Colonisten her-
geführt, so dafs die Stadt in die drei Sondergemeinden der Arretini
Veteres Arretini Fidentiores Arretini Julienses zerfiel.^) Die Ab-
grenzung der Sonderrechte innerhalb der gemeinsamen Verfassung
ist unbekannt: die Vertretung durch Duovirn und Decurionen, die
Zugehörigkeit zur Tribus Pomptina erstreckt sich auf alle gleich-
mäfsig. Unter der Monarchie hat Cilnius Maecenas Arretium berühmt
gemacht; gelegentlich wird das Selbstgefühl seiner Bewohner ver-
spottet. 5) — Die Topographie bietet eine wesentliche Schwierigkeit.
Arretium war nach Vitruv's Zeugnifs von einer alten Mauer aus
Luftziegeln umgeben 6); dafs diese spurlos verschwunden ist, kann
die Vergänglichkeit des Materials sowie wiederholte Zerstörung und
Neubau im Mittelalter erklären. Das heutige Arezzo liegt in der
Ebene und steigt nur nach Norden beim Dom 30—40 m an.
Mancherlei Ueberreste zu denen ein Amphitheater gehört, beweisen
unzweideutig dafs die römische Stadt die nämliche Stelle einnahm.
Nicht minder beweisen zahlreiche etruskische Gräber die innerhalb
derselben aufgedeckt wurden, dafs dieser Boden in älterer Zeit nicht
ummauert war. Nun hat der verdiente Localforscher Gamurrini
Beste einer Quadermauer entdeckt, die in unregelmäfsiger Gestalt
um die heutige Fortezza streicht und eine Länge von ungefähr
2 km erreicht.") Die Bichtigkeit der Beobachtungen vorausgesetzt,
wird man in dieser Citadelle die Altstadt mit etwa 15 ha Flächeninhalt,
den Sitz der herrschenden Geschlechter, der Cilnier und später der
1) Liv. XXVII 21.22.24.
2) Cic. pro Caec. 97 pro Mur. 49 Att. I 17,4.
3) Sali. Cat. 36 Cic. pro Mur. 49.
4) Feldm. 215 Laclim. Plin. III 52. CIL. XI 1849 decuriones Arretinorum
veteriian) eb. 6675,1 Ziegelstempel {reipublicae) col{onorum) F id(entiorum).
5) Sil. It. VII 29 Pers. 1,129.
6) Vitr. II 8,9 daraus Plin. XXXV 173.
7) Vgl. die Kartenskizze CIL. XI p. 1082 Not. d. Scavi 1883 p. 262
1887 p. 437.
318 Kapitel V. Etriiiieii.
romischen Coloiiisten zu erblicken haben. Dazu müfsle denn in
etruskischer Zeit eine bedeutende Stadterweiterung gekommen sein,
zu deren Schutz die erwälinte Lehmmauer diente. Andere haben
den Ort wo die Zwülfstadt in ihrer Machtfülle gestanden hat, in
der Ferne gesucht: der von Dennis in Vorschlag gebrachte 4 km
nach Südost gelegene Hügel Poggio di San CorneHo genügt den
Erwartungen nicht. Eine Verlegung kann wie in anderen Fällen
sei es auf Rechnung der römischen Politik, sei es auf die in Folge
des Landfriedens gesteigerten Bedürfnisse des Verkehrs geschoben
werden. Der ortlichen Untersuchung bleibt eben eine wichtige
Aufgabe zu lösen übrig.
Abseits der grofsen Landstrafse 28 km südlich von Arezzo liegt
die ßergstadt CortonaJ) Mit einem Umfang von etwa 2700 m und
einem Inhalt von 40 ha (S. 37) ein langgezogenes Rechteck bildend,
steigt ihre aus grofsen Sandsteinbl()cken wagerecht geschichtete
Mauer bis zum Gipfel der Anhöhe hinaul', den die Arx die heutige
Fortezza einnimmt (660 m). Von der Mauer abgesehen sind nur
geringfügige Baureste erhalten; aber ein Kronleuchter im Museum
von Cortona liefert einen neuen Beweis für die Vortrefflichkeit
etruskischer Erzarbeit. Der Name der Stadt ist von den Hellenen
ihrer mythischen Geschichte früh einverleibt worden : Theopomp
läfst den Odysseus hier seine Tage beschliefsen 2) ; nach den Dichtern
hat Corylhus der Sohn Juppiters die Stadt besessen, Corythus Sohn
ist Dardanus der Gründer Troia's.^) Wie ihr etruskischer Name
gelautet habe, wissen wir nicht: die Kupfermünzen die ihr ver-
mutungsweise beigelegt werden, sind nur durch den Anfangsbuch-
staben C bezeichnet. Die älteren Hellenen geben ihn durch die
ihnen geläufige Form Kqotiov wieder.'*) Nach der durch Hellanikos
vertretenen Ueberlieferung des 5. Jahrhunderts v. Chr. haben die vom
Po einwandernden Etrusker die Stadt den Umbrern entrissen und
zum Stützpunct für die Eroberung des ganzen Landes gemacht.'')
1) Pün. III 52 Ptol. III 1,43.
2) Lykophr. AI. 8ü5f^. dazu Scliol. Theopomp fr. 114 wie Lykophron geben
die Form roQXvpaia.
3) Verg. Aen. lil 170 VII 209 IX 10 X 719 dazu ScIiol. Sil. It. IV 720
V 123 Rutil. I 600.
4) Dion. H. (Hellanikos) I 20. 26. 28. 29 Theopomp. (A. 2) Poorwaia Pol. IH
82,9 KvQrcüviov.
5) Dion. H. a. 0. Steph. Byz. TvQprjvias ftrjxQonoXi?.
§ 3. Der Osten. 319
Sie gehörte wie Perusia und Arretium zu den herrschenden Bundes-
gliedern und schlofs gleich jenen 310 v. Chr. Frieden mit Rom.i)
In der Folge wird sie nicht mehr erwähnt, fehlt auch unter den
Gemeinwesen welche 205 die Rüstung Scipio's unterstützten: ein
deutlicher Beweis dafs sie weder durch Gebiet noch durch Reichtum
hervorragte. Ob Cortona gleich seinen Nachbarn zu den Marianern
hielt und zur Strafe Veteranen Sulla's aufnehmen mufste, ist zweifel-
haft. 2) Die spärlichen Inschriften weisen die Bürgerschaft der Tribus
Stellatina zu. 3)
Bei Cortona gabelt sich die Einsenkung des Chianathales: der
längere und schmälere Westarm reicht bis zum Tiber, der kürzere
Ostarm endigt im Trasimener Becken. Der lacns Trasumenus be-
deckt eine Fläche von 120 Dkm. 4) Seine rundliche und durch
Buchten belebte Gestalt mifst in gröfster Ausdehnung von Nord
nach Süd und von West nach Ost je 15 km. Zwei Vorgebirge,
die Landzunge von Castiglione von Westen , der Monte del Lago
von Osten her engen ihn in der Mitte ein: in der südlichen Hälfte
liegt die Isola Polvese, in der nordlichen die Isola Maggiore und
I. Minore. Die Schwemmstoffe der einmündenden Bäche haben die
Tiefe nachgerade auf 7 m vermindert, so dafs seine bereits von
Napoleon I, geplante Austrocknung nur eine Frage kurzer Zeit ist
(I 298). Bei einer Meereshohe von 257 m ist das Becken rings
von Hügeln eingefafst die mit Olivenhainen bepflanzt, im Süden bis
600 , im Norden bis 670 m ansteigen. Nur im Nordwesten bei
Borghetto reicht in einer Breite von 3 km das Chianathal unmittel-
bar an den See; sonst stellt er sich dem Auge des Beschauers der
ihn von einem höheren Standort überblickt, durchaus als einge-
schlossenen Kessel dar. Da ein natürlicher Abflufs fehlt, ist sein
Wasser auf Verdunstung angewiesen; um den Ueberschufs zur
Regenzeit abzuführen ist an der Südostecke ein unterirdischer
Stollen gegraben worden (I 298). — Der Name des Sees rief den
1) Diodor XX 35,5 Liv. IX 37.
2) Allenfalls aus Dion. H. I 26 zu folgern, wenn nicht eine Verwechslung
mit Kroton vorliegt.
3) CIL. X! p. 349.
4) Pol. III 82,9 TaQotfievrj; die Schreibung der besten Handschriften ist
Trasumenus oder Trasumenntis Cic. Brut. 57 pro S. Roscio 89 de deor. nat. II 8
de divin. II 21 Liv. XXII 4 Strab. V 226 Quintil. 1 5,13; daneben Trasymenus
und Ti-asimenus Flor. 1 22,13 Val. Max. I 6,6 III 7 ext. 6 IV 8 ext. 1 IX 11
ext. 4 12,2 Oros. IV 15,5 fg. SiL It. V 8 fg. Plin. H 200. 241.
320 Kapitel V. Etrurien.
Römern die Mederlage ins Gedächtnifs, der Consul FInminius mit
seinem Heere im Frühjulir 217 zum Opfer fiel. Das Schlachlfeld i)
ist am Nordufer zu suchen, an dem die Strafse von Cortona nach
Perusia hinläuft. 2) Hier haben die Bergwasser mit ihren Schult-
massen eine ehemalige Seebucht ausgefüllt und eine kleine Ebene
geschaffen. Die Ebene im Westen vom M. Giialandro, im Osten
von der Anhöhe mit dem Capuzinerkloster vor Passignano begrenzt,
ist 6 — 7 km lang und 1 — 3 km breit. Ihre Form kann man einem
Bogen vergleichen; denn wie bei diesem der Handgriff zwischen
zwei gekrümmten Bogenarmen vorspringt, so schnürt die Berghöhe
welche das Dorf Tuoro trägt, den Thalgrund in der Mitte zusammen,
zu beiden Seiten zwei gröfsere Ausbuchtungen frei lassend. Wenn
man verfolgt wie die Bäche (namentlich der grüfste unter ihnen,
der Macchiarone oder Sanguinetlo zwischen M. Gualandro und Tuoro)
dem See andauernd Boden abgewinnen, zunächst in schilfbewach-
senen Sumpf umwandeln, allmählich erhöhen und austrocknen, so
erscheint es unzweifelhaft dafs der Uferrand vor zwei Jahrtausenden
weit schmäler war als er gegenwärtig ist. Das Verständnifs der
Schlacht bietet keine Schwierigkeit. Hannibal war an dem römi-
schen Lager vorbeigerUckt, halte das Chianathal verwüstet und sich
scheinbar am nördlichen Ufer des Trasimeniis nach Umbrien zu
gewandt um die von Ariminum her im Anmarsch begriffene Ost-
armee der Römer abzufassen. Wie seine Pflicht war, folgte Flami-
nius dem Feinde, wurde aber frühmorgens, am freien Umblick durch
einen über dem See lagernden Nebel verhindert, bei dem Durch-
zug zwischen M. Gualandro und Tuoro überfallen. Hannibal hatte
seine Kernlruppen auf der Höhe von Tuoro, daran anschliefsend
nach Osten die Leichlbewaflneten aufgestellt, während die Kelten
mit der Reiterei am M. Gualandro standen. Der gröfste Theil der
römischen Marschcolonne hatte bereits den Durchgang zwischen M.
Gualandro und dem See passirt und näherte sich dem Centrum
Hannibals, als dieser das Zeichen zum Angriff gab. Seine Reiterei
warf sich auf den Nachtrab in der Ebene bei Borghetto aufserhalb
1) Rliein. Mus. XXII 580 fg.
2) Dennis II 2 413: happy tlie man who witli mind open to Ihe influences
of Nature journeys on a briglit day froin Cortona to Perugia! He passes
ttirougli some of ihe most beauliful scenery in all beautiful Italy, by the most
lovely of lakes, and over ground hallowed by events among ttie most memo-
rable in the history of the ancient world.
§ 3. Der Osten. 321
der Enge und trieb ihn in die Enge hinein. Sein Fufsvolk fiel
den Legionen in die Flanke, deren tapferer Widerstand an dem
Schicksal des Tages nichts zu ändern vermochte. Solches war durch
die Oertlichkeit von vornherein besiegelt. ^
Der Trasimenus liegt an der Grenze der Stadtgebiete von Cor-
tona Clusium und Perusia. Die Entfernung von Cortona nach
Perusia beträgt reichlich 30 Millien. Der Weg läuft das ganze
INordufer des Sees entlang, überschreitet dann den Monte del Lago
und langt im Thal des Caina an, von dem aus der lange Anstieg
beginnt. Perusia'^), die Altstadt des heutigen Perugia, thront auf
einem Hügelknoten 520 m ü. M., während der Tiber an seinem
Fufs bei Ponte S. Giovanni, der nach Umbrien hinüber führenden
Brücke, eine Meereshöhe von 166 m hat. Die Länge der alten
Mauer mifst ungefähr 2800 m; viele Reste davon, vereinzelt bis zur
Höhe von 10 — 15 m, sind vorhanden, auch 6 Thore kenntlich.
Die unregelmäfsige Form der Stadt wird durch das Zusammenstofsen
zweier Hügel bewirkt: sie nimmt einen von INNO nach SSW ge-
richteten Rücken mit ungefähr 750 m Länge und 300 m Breite ein,
dazu einen zweiten nach Wi\W gewandten mit einer quadratischen
Erweiterung von 300 m Seitenfläche. Der von der Mauer um-
schlossene Raum stellt sich auf etwa 32 ha: wahrscheinlich kamen
ausgedehnte Vorstädte hinzu. Die hochragende Stadt ist in den
umbrischen Gauen weithin sichtbar. Dafs der Tiber sie von diesen
ausschliefsen soll, beruht auf Willkür; die Stellung als Hauptstadt
Umbriens die sie im Mittelalter wie der Gegenwart einnimmt, kommt
ihr von Natur zu. In ihrem Bereich trifft das grofse umbrische
Thal mit dem des Tiber zusammen; von hier gehen wichtige V^er-
kehrswege nach allen Richtungen der Windrose aus: nordwärts die
beiden Strafsen nach dem Chianathal, südlich vom Trasimenus nach
Clusium, nördlich vom Trasimenus nach Cortona, sodann nordwärts
nach dem oberen Tiberthal, nordöstlich nach Iguvium und dem
Appenninübergang von Scheggia, südöstlich durch die städtereiche
umbrische Ebene, südwärts den Tiber hinab. Damit ist zugleich
die strategische Wichtigkeit des Platzes ausgesprochen, die durch
eine ungewöhnliche Festigkeit gesteigert wurde. Die Ueberlieferung
1) Pol. m 82 fg. Liv. XXII 4 fg. App. Hann. 10 Ov. Fast. VI 765 Plin. II
241 Sil. It. V 1 fg.
2) Strab. V 226 Plin. III 52. 53 Ptol. III 1,43 Tab. Peut. Geogr. Rav. IV 33
CIL. XI p. 352.
Nissen, Ital. Laadeskonde. IL 21
322 Kapitel V. Etrurien.
welche seine Besiedlung den Sarsinaten, dem grofsen nördlichen
Ast des umbrischen Stammes zuschreibt, verdient allen Glauben. i)
in der Folge haben die Etrusker sich seiner bemächtigt und eine
Zwingburg der umbrischen Lande daraus gemacht. Dies erhellt
aus der Geschichte der Samniterkriege.^) Durch das verbündete
Umbrien dringt Consul Fabius 310 v. Chr. gegen die ostetrurischen
Städte vor und nötigt sie durch harte Schläge zum Frieden. Perusia
bricht ihn sofort, mufs sich aber nach einer neuen Niederlage 309
ergeben und römische Besatzung aufnehmen ; 295 ist es wieder unter
Waffen und läfst erst nach blutiger Lehre vom Widerstand 294 ab.
Die Herrschaft über die kleinen Nachbargemeinden jenseit des Tiber,
Arna Asisium ürvinum Vettona usw. war damit zu Ende. Immerhin
verbheb der alten Zwölfstadt (S. 280) ein ansehnliches Gebiet; sie
stellte 216 eine Cohorte von 460 Mann zum Bundesheer, unter-
stützte Scipio 205 mit Getreide und Bauholz. 3) Die umliegenden
Gräber, unter denen dasjenige der Volumnier besonders bekannt ist,
zeugen von Wolstand wie zähem Festhalten an heimischer Sprache
und Sitte. Die Etruskerstadt ging ini März 40 v. Chr. zu Grunde.
L. Antonius nahm im Herbst 41 in der Festung seine Zuflucht,
wurde von Octavian mit 7 Millien langen Werken eingeschlossen
und durch Hunger bezwungen. Die Stadt ward mit einziger Aus-
nahme der Tempel des Vulcan und der Juno eingeäschert, der Bat
dem Henker überantwortet, die Bevölkerung gröfstenteils vernichtet.
Der Sieger gab die Brandstätte nebst einem Umkreis von einer Millie
zur beliebigen Besitznahme preis. 4) Nach dem Ausweis von In-
schriften hat er später als Kaiser das Gemeinwesen wieder her-
gestellt.^) Andere Inschriften lehren dafs der von hier gebürtige
Kaiser C. Vibius Trebonianus Gallus (251 — 53) die Heimat zum Bang
einer Colonie erhob: Colonia Vibia Augusta Perusia heifst sie auf
einem Stadllhor.6) Schon vorher führten die Bürgermeister den
1) Serv. V. Aen. X 201, eb. 198 etruskischer Gründer. Justin XX 1,11
führt den Ursprung auf die Achaeer zurück.
2) Diod. XX 35. 44 Liv. IX 35. 37. 40 X 30. 31. 37.
3) Liv. XXIIl 17 XXVIII 45.
4) App. b. civ. V 32—49 Dio XLVIII 14 L 9 Liv. CXXVI Flor. II 16 Oros.
VI 18,2 Vell. II 74 Suet. Aug. 14. 15. 96 Tib. 4 Tac. Ann. V 1 Hist. I 50 Plin. V I
148 Seneca de dem. I 11,1 Prop. II 1,29 Lucan I 41 Serv. V. Aen. VI 833 und
die Schleuderkugeln Ephem. ep. VI p. 52 fg.
5) CIL. XI 1922.23.
6) CIL. XI 1926 fg.
§ 3. Der Osten. 323
Titel Duovirn ; die Gemeinde gehürt zur Tribus Tromentina ; von
anderen Einzelheiten sehen wir ab.i) Im 6. Jahrhundert, als Gothen
und Oströmer um den Besitz kämpften, wird Perusia die erste Stadt
Tusciens genannt 2); unter den Langobarden Herzogtum wird es zu
Umbrien gerechnet, mit dem wie oben bemerkt ursprüngliche Stammes-
gemeinschaft bestanden hatte. 3)
Die Peutingersche Karte verzeichnet eine Strafse die von Clusium
über Perusia am linken Tiberufer hinab nach Tuder und Ameria
führt; die Entfernung der beiden Zwölfstädte von einander beträgt
38Millien. Der westliche Arm des Chianathals, durch einen 3 — 400m
hohen Rücken vom Trasimenus getrennt, schrumpft nach Süden
zu bis auf eine Breite von 2 km ein. Zwischen den länglichen
Seen von Montepulciauo (3 Dkm) und Chiusi (8 Gkm) ist gegen-
wärtig die Wasserscheide zwischen Arno und Tiber künstlich herge-
richtet (I 305). Der von Strabo erwähnte lacus Clusinus umfafste
beide Becken und stellte eine natürliche Thalsperre dar die der
Stadt ihren lateinischen Namen verlieh.^) Chisntm hiefs ehedem
Camars ^): die ihm beigelegten etruskischen Kupfermünzen (S. 74)
tragen die Anfangsbuchstaben Cha; die Uebereinstimmung des
Namens mit demjenigen der Camerter weist ihm einen umbrischen
Ursprung zu (I 506). In der ältesten annalistischen Ueberlieferung
ist er noch gebraucht, aber um die Mitte des zweiten Jahrhunderts
V. Chr. durch den lateinischen verdrängt gewesen. Wie weit sich
der See ehedem über seine jetzige Ausdehnung hinaus nach dem
Stadthügel zu erstreckt habe, ist nicht zu sagen. Die Stadt Hegt
147 m höher als der See auf einem von Nordwest nach Südost
lang hingestreckten Rücken der sich nach einer Einsattlung weiter
nach Norden fortsetzt. — Die Stadt beherrscht den Durchzug durch
das Chianathal und damit überhaupt den geraden Weg nach Rom.
Man kann sie nur mit grofsem Zeitverlust umgehen. Nach Westen
erheben sich die Berge von Cetona (1142 m) und daran anschliefsend
derM. Amiata (1732 m), die Strafse welche heute dies unruhige Berg-
1) Plin. XXVI 3 CIL. XI p. 353.
2) Prokop b. Goth. I 16. 17 II 11 III 6. 12. 23. 25. 35 IV 33.
3) Panl. h. Lang. II 16 IV 8 VI 54.
4) Strab. V 226. Die gleiche Namenbildung am Velinus Clusiolum supra
Interamnam Plin. III 114, an der latinischen Küste Clostra Romana eb. 57.
5) Liv. X 25 Pol. II 19,5. Der letztere hat die Identität der KafisQxicov
xdqa mit dem c. 25,2 erwähnten KXov<hov nicht erkannt.
21*
324 Kapitel V. Etrurien.
land (I 254) von Nord nach Süd durchschneidet, hat eine Höhe von
910 in zu überwinden. Ini Osten bietet die Hügehnasse zwischen
Chiana und Tiber ein Hindernifs. Wenn im Altertum der Weg bei
Clusium verlegt war, blieb einem auf Rom zu rückenden Feind
nichts übrig als entweder nach der etrurischen Seeküste oder nach
Umbrien abzuschwenken. Die strategische Bedeutung wird durch
die Kriegsgeschichte erläutert. Als die Kelten 391 Clusium be-
lagerten , mischten sich die Römer ein und lulirten dadurch die
Zerstörung der eigenen Vaterstadt herbei. i) Der innere Zusammen-
hang der Operationen des entscheidenden Jahres 295 wird nicht
überliefert; aber das erste Treffen vor der Schlacht bei Sentinum
erfolgt bei Clusium.2) Bis hierher gelangen die Kelten bei dem
grofsen Einfall 225.'') Im Bürgerkrieg 82 haben die Marianer bei
Clusium Stellung genommen und zwei blutige Schlachten geliefert.'*)
Endlich im Gothenkrieg spielt die Festung wieder eine Rolle. ^)
Ihre Entfernung von Rom beträgt auf der Via Cassia 102 Millien.^)
— Von der alten Mauer sind Reste vorhanden; jedoch reichen sie
nicht aus um den Umfang von Clusium zu bestimmen der den-
jenigen des heutigen Chiusi weit übertraf. Im Mittelalter hatte das
Fieber das in der ganzen Thalspalte seinen Hauptsitz aufgeschlagen,
den Ort entvölkert (1 299); auch jetzt noch tragen die Ausdünstungen
der Seen keineswegs zur Gesundheit bei. Aber die Fruchtbarkeit des
Bodens ist aufserordentHch : Getreide trägt in der Regel 10 — 12 fach;
es kommen auch Ernten von 20, ja Ausnahmsweise von 40 Körnern
vor. Im Altertum wurde vortrelflicher Spelt gebaut, war ferner
der Wein bekannt.'') Von der Dichtigkeit der Besiedlung gewähren
die Nekropolen ein überraschendes Bild. Nach ihrem Ausweis haben
Ortschaften in Montepulciano Chianciano Sarteano Cetona bereits in
früher Zeit bestanden. Es würde zwecklos sein all die einzelnen
Fundstätten im Chianathal die das Dasein von Dörfern oder Flecken
bezeugen, aufzuzählen , da wir deren Namen nicht kennen. Aber
Erwähnung verdient dafs die neue Sammlung der etruskischen In-
1) Diod. XIV 1 13 Liv. V 33 fg. Dion. H Xlü 11 Plut. Cam. 17 App. Kelt. 2.
2) Liv. X 25 Pol. II 19,5.
3) Pol. 11 25,2.
4) App. b. civ. 1 89. 92 Vell. II 28 Liv. LXXXVIII Plin. VIH 221.
5) Piokop b. Golh. II 11. 13.
6) Strab. V 226 II. Ant. 285 Tab. Peut. Geogr. Rav. IV 36.
7) Colum. II 6 Plin. XIV 38 XVIII 66. 87 Martial XIII 8.
§ 3. Der Osten. 325
Schriften unter Chiusi die unerhörte Zahl von nahezu 3000 ver-
zeichnet. Nicht minder bekundet die Ausstattung der Grabkammern
den von den Alten gepriesenen Reichtum der Landschaft. Von dem
mafslosen Aufwand mit dem die Etrusker die äufsere Erscheinung
der Gräber schmückten^ dient die ausführliche Beschreibung die
Varro von dem sog. Labyrinth, dem Denkmal des Königs Porsena
entworfen hat, als Beispiel. i) Dasselbe war schon zur Römerzeit
verschwunden; für uns gilt dies von allen ähnlichen Prachtbauten.
Dankbar begrüfsen wir die althellenischen Vasen die den Todten
mitgegeben wurden, als Denkmäler der Kunst sowol als des Ver-
kehrs. Die Culturentwicklung die aus den Grabfunden erschlossen
wird, reicht hoch hinauf, sichere Zeitbestimmungen fehlen. Immerhin
steht die monumentale Ueberlieferung im besten Einklang mit der
litterarischen und bestätigt den hohen Rang den diese der Stadt in
der Epoche als die Könige zu Rom herrschten , zuschreibt.^) —
Es genügt die einzelnen Daten anzudeuten. Clusium gehörte zu
den Zwölfstädten (S. 280). Sein König Porsena stand an der Spitze
des Heerzugs der Rom demütigte 3), wird sogar geradezu König der
Etrusker genannt.*) An den Kämpfen des Jahres 295 nahm es
Theil, lieferte 205 dem Scipio Holz und Getreide.^) Nach Ver-
leihung des Bürgerrechts der Tribus Arnensis zugewiesen, wurde
die Stadt von Sulla mit Gebietsverlust bestraft und zerfällt fortan
in die beiden Gemeinden Clusini novi und Clusini veteres, die in-
defs später verschmolzen zu sein scheinen. 6) Die Inschriften welche
die hohe Ziffer von 500 erreichen, erwähnen u. a. einen Schiffbauer
und Purpurfärber: für die Blüte von Handel und Gewerbe spricht
noch mehr das Auftreten des Christentums. Die Grabschrift eines
322 verstorbenen Bischofs ist erhalten.') Chiusi besitzt zwei Kata-
komben die gleich den römischen im Tuff ausgehauen, freilich von
viel bescheidenerem Umfang sind: die Katakombe von S. Mustiola
1) Plin. XXXVl 90 fg.
2) Inghirami, Monumenti etruschi, Fiesole 1826fg., 10 vol.; zahlreiche
Berichte in den Schriften des Arch. Instituts und den Not. d. Scavi. Dennis IP
p. 290—373.
3) Liv. II 9fg. Dion. H. V 21 fg. Plut. Publ. 16fg. Sil. It. VIII 478. — Aeitere
sagenhafte Erwähnungen Verg. Aen. X 167.655 Dion. H. Iil 51.
4) Flor. I 4 DioD. H. V 26. 28. 36 VI 74.
5) Liv. X 25. 27. 30 XXVIII 45.
6) Plin. III 52 CIL. XI p. 372.
7) CIL. XI 2548. Gregor M. Reg. X 13 XI 3.
326 Kapitel V. Etrurien.
der Schutzpatronin aus dem 4. und von S. Caterina aus dem 3. Jahr-
hundert, jene 1 km Ost diese 1^2 km Süd von der Stadt.i) Die-
selbe ist und war ein Knotenpunct des Verkehrs. Aufser den schon
erwähnten Strafsen nach Perusia und Rom verzeichnet die Reise-
karte drei weitere: 1, nach Saena 57 Mühen und weiter nach Popu-
lonium (S. 306); 2, von der Westseite des Chianathals ohne Arezzo
zu berühren nach Fh)renz das laut der Aussage eines Meilensteins
82 Millien von der clusinischen Feldmark entfernt war; 3, mit dem
Umweg über Arezzo nach Florenz 87 Millien. 2)
§ 4. Das Tafelland.
Die Fiora im Westen und die Paglia im Osten dienen zur
Grenzbestimmung des vulkanischen Etrurien. Seine Entstehungs-
geschichte (I 254 fg.) erklärt die gröfsere Fruchtbarkeit des Rodens
und das zahlreiche Vorkommen von Städten gegenüber dem los-
canischen Hügelland. Von den herrschenden zwölf Städten ent-
fallen nicht weniger als fünf auf den vulkanischen Theil, obwol
derselbe kaum ein Fünftel des Rundesgebiets ausmacht; der Mauer-
ring dieser Städte übertrifft denjenigen der nördlichen an Aus-
dehnung weitaus. Von den selbständigen Gemeinden aber welche
die Censuslisten des Augustus aufführen, gehört ihm reichlich die
Hälfte an. Wir haben früher daran erinnert dafs die Zerklüftung
des Rodens das Zusammensiedeln befördert und zugleich den ein-
zelnen Anlagen ein übereinstimmendes Gepräge verliehen hat. Die
Städte liegen durchweg auf Landzungen die durch zwei unter
spitzem Winkel sich vereinigende Räche gebildet werden. Die senk-
recht bis zu bedeutenden Tiefen ausgewaschenen Schluchten ge-
währen einen starken natürlichen Schutz (I 256), freilich auch ein
nicht zu unterschätzendes Hindernifs für den Verkehr. Der Wanderer
erblickt eine Stadt in absehbarer Entfernung und vermeint sie in
einer kurzen Spanne Zeit zu erreichen, bis er an der Schlucht
angelangt wider Erwarten zu einem stundenlangen Umweg genötigt
wird um zum Ziel zu gelangen das ihm schon so lange greifbar
vor Augen gaukelte. In Folge dessen ist die Richtung der Verkehrs-
strafsen weit mehr durch die Wasserläufe eingeengt als man in
einem anscheinend so ebenen Lande bei oberflächlieher Retrachtung
1) CIL. XI p. 403. — Andere Erwähnungen Hör. Ep. I 15,9 Ptol. III 1,43.
2) It. Ant. 285 CIL. XI p. 1011.
§ 4. Das Tafelland. 327
glauben sollte. — Das südliche Etrurien ist eio Land der Todten:
seine ehemalige Herrlichkeit vermelden die Gräber welche der
Spaten des Schatzfinders myriadenweise im verflossenen Jahrhundert
geöfl'net hat. Die Ausbeute an Thongeschirr Schmuck und Waffen
die frommer Sinn den Geschiedenen in ihre Gruft gestiftet, erregt
durch ihre Massenhaftigkeit um so mehr Erstaunen, als die Nekro-
polen noch immer schier unerschöpflich sind. Die statistischen
Theorien welche die Bevölkerungsziffer der alten Welt möglichst
herabzudrücken suchen, werden hier nachdrückhch Lügen gestraft.
Mit dem Eintritt der römischen Herrschaft beginnt die Blüte der
Städte zu welken; im Laufe des Mittelalters gehen die meisten,
grofse wie kleine zu Grunde; in der weiten dem Fieber verfallenen
Einüde begegnen nicht wenige Stätten die im Altertum nach dem
Befund der Gräber ansehnliche Ortschaften trugen, ohne dafs wir
im Stande wären deren Namen zu ermitteln.
Wir beschreiben in diesem Abschnitt die vulkanische Land-
schaft bis zu der Scheidewand die im Ciminer Wald und Tolfa-
gebirge aufgerichtet ist. Auf die jenseit gelegene Grenzmark trifft
zwar die oben gegebene Charakteristik auch zu; indefs erheischt
dieselbe aus historischen Gründen eine abgesonderte Behandlung.
Das bezeichnete Gebiet in seinem nördlichen Theil 3 — 500 m ü. M.,
fällt gegen das Tiberthal schroff", gegen die Rüste allmäUch ab
(I 257). Es wird von drei römischen Heerstrafsen durchzogen, an
welche unsere Darstellung sich unmittelbar anschUefst. — Wir
beginnen mit der Küstenstrafse der Via Aurelia, die in Succosa von
der Clodia abzweigt (S. 311). Die Reisebücher nennen 25 Millien
von Cosa das vom Erbauer der Strafse gegründete Forum iwre?«».')
Stadtrecht hat der bei der Abreise Catilina's von Rom erwähnte
Ort nicht erlangt. Er mufs in der Nähe von Montalto am linken
Ufer der Fiora nach dem Bach Arrone zu gelegen haben. — Land-
einwärts in der Lufthnie 10 km von der Küste entfernt, ist die
Stätte von Yolci der ehemaligen Herrin eines ausgedehnten Gebiets.2)
1) lt. Ant. 291 Tab. Peut. Cic. Catil. 1,24.
2) Als ältestes geschichtliches Zeugnifs sind die Wandmalereien eines 1857
aufgedeckten Grabes aus dem 4. Jahrhundert zu nennen, die Kämpfe mit den
Römern in der Königszeit darstellen, G. Körte Jb. d. D. arch. Inst. XII (1897)
p. 57 fg. Fest, 355 (nach Müllers durch diese Malereien bestätigter Ergänzung)
Arnob. adv. nat. VI 7 ; Pol. bei Steph. Byz. "OXxiov fast. Gap. a. 280 Plin. III
51. 52; Plol. III 1,43 CIL. XI p. 447. Das Ethnikon Folcientet, seltener
yolcentani.
328 Kapitel V. Etrurien.
Sie nimmt am rechten Ufer der Fiora eine mäfsige Anschwellung
des Bodens (etwa 73 m ü. M.) ein und besitzt nur an der Flufs-
seite natilrliclien Schulz, ihr Umfang mifst etwa 6 km, Reste der
Ringmauer und Spuren von 5 Tiioren werden unterschieden. Die
zu Tage tretenden Gebäude gehören der römischen Epoche an.
Erwähnung verdient der Ponte della Badia (80 m) oberhalb der
Stadt, welcher zugleich Brücke und Wasserleitung in kühnem Bogen
die Fiora überspannt (Höhe über dem Wasser 30 m Spannung
20 m Gesamtlänge 80 m Breite 3 m). Freilich werden die sicht-
baren Ueberreste an Bedeutung weit überlroffen durch die in der
Erde verborgenen Schätze. Mit der 1828 begonnenen Ausbeute
der Nekropole die sich oberhalb über beide Flufsufer erstreckt,
hebt die griechische Vasenkunde an; denn das den Todten mit-
gegebene Geschirr ist grofsentheils aus Griechenland eingeführt. i)
Die Ausdehnung des Todtenfeldes mag eine Schätzung des Jahres
1856 veranschaulichen, nach der bis dahin über 1500U Grab-
kammern geöffnet worden waren. Das Andeuken dieser reichen
kunstliebenden Etruskerstadt ist in der Ueberlieferung nahezu ver-
schollen. Auf die nackten Tlialsachen dafs sie zur Königszeit Be-
ziehungen mit Rom unterhalten , 280 in Gemeinschaft mit Volsinii
im Kampf gegen Rom den kürzeren gezogen, für die römische
Colonie Cosa (S. 310) Land abgetreten hat, beschränkt sich unsere
litterarische Kunde. Ihren Rang unter den zwölf Hauptstädten
Etruriens bezeugt ein unserer Zeitrechnung angehöriges Denkmal
(S. 280). Aber nach Ausweis der spärlichen Inschriften konnte sie
damals keinesfalls zu den blühenden Gemeinwesen gerechnet werden.
Die Bürgerschaft war in der Tribus Sabatina eingetragen. Der Ort
wird noch als Bischofsitz erwähnt 2) und hat nach völligem Verfall
wenigstens den Namen g(;rettet: Piano di Voce. — Nach Nordost
in einer Entfernung von 8 km steigt der M. Canino, eine Kalk-
steinmasse aus der vulkanischen Umgebung 434 m auf: nach den
Gräbern zu schhefsen lag an seinem Fufs eine etruskische Ortschaft.
Der nächsleansehnlicheW^asserlaufist der mit seinen Krümmungen
zu 75 km geschätzte Abflufs des Sees von Bolsena, jetzt wie im
1) Berühmt ist E. Gerhard's Rapporto intorno i vasi Volcenli, Ann. dell'
Inst. III (1831). Neuerlich St. Gsell, Fouilles dans la N<^cropole de Vulci
Paris 1891.4.
2) Holste zu Cluver 515,10.
§ 4. Das Tafelland. 329
Altertum Marta benaunt.^) Er durcliströmt in ganzer Länge das
Gebiet des mächtigen Tarquinii das sich noch in römischer Zeit bis
an den See von Bolsena erstreckte 2) und vordem an die Gebiete
von Volci und Caere grenzend 40 d. DM. und mehr umlafst haben
mag. Am hnken Ufer des Flusses bei 8 km geradem Abstand von
der Küste liegt die Stadt. Die Lage entspricht dem allgemeinen
Typus den wir für diese Gegenden aufgestellt haben. Ein läng-
hcher 169 m ü. M. ansteigender Hügelrücken wird von zwei Thälern
eingefafst die gabelförmig an der Marta zusammenstofsen und von
Bächen durchzogen sind. Der Rucken mifst an seinem breiten Ost-
ende etwa 1 km und läuft bei 3 km Länge nach Westen spitz zu.
Seit 1307 völlig verlassen, bewahrt er noch den Namen Turchina
oder Piano di Civita. Die Mauer dem Absturz des Hügels folgend er-
reicht ungefähr einen Umfang von 8 km. Am höchsten Ort im
Osten (er heifst Ära della Regina) wird die Arx anzunehmen sein.
Die vorhandenen Reste der Mauer und öflentlicher Gebäude fallen
wenig in die Augen. Aber die Gröfse der Stadt drückt sich deulhch
durch ihre Ausdehnung aus. Sie besafs auch aufserhalb des Rings
mehrere gesonderte Vorwerke: so nach Nordost auf der Höhe la
Castellina^), nach Südwest im heutigen Corneto. Im Süden durch
den Thalgrund getrennt, zieht sich der lange Rücken Monterozzi
(157 m) hin, bedeckt mit prächtigen Grabkammern, nach der Marta
zu in einem Vorsprung (149 m) endigend, auf dem die Bewohner
Tarquinii's vor den Saracenen Schutz suchten und Corneto grün-
deten. Die Ihurmreiche mittelalterliche Stadt nimmt wie bemerkt
die Stelle einer etruskischeu Niederlassung ein. Es scheint sogar
dafs dies der ursprüngliche Herrschersitz war und dafs die Grofs-
sladt auf Piano di Civita (S. 37), dem servianischen Rom vergleich-
bar, einer Neuschöpfung ihr Dasein verdankt.^) Corneto ist die
Königin der römischen Maremma, wie einst Tarquinii gewesen war.
Weit reicht der Blick von der verlassenen Trümmerstätte, bei klarem
1) It. Ant. 291 Tab. Peut. Auch der Landeplatz It. mar. 499 wird statt
des überlieferten Maltanuvi vielmehr Martanum geheifsen haben.
2) Der See heifst lacus Tarquiniensis Plin. II 209, bestätigt durch Vitruv
11 7,3 Plin. XXXVI 168.
3) Westphal, Ann. dell' Inst. 1830 p. 37.
4) Cozza und Pasqui, Not. d. Scavi 1885 p. 513 fg. Die Annahme dafs
Corneto die alte etruskische Stadt sei und die Ansiedlung auf Turchina erst
unter römischem EinfluTs gegründet sei, erscheint ganz unglaublich.
330 Kapitel V. Etrurieii.
Weller die Berge von Elba, landeinwärts Monlefiascone und den
Ciminer Wald, im Süden das Tolfagebirg umspannend. — Die Sage
hat die Vorzeit Roms aufs Engste an diesen Ort geknüpft, läfst von
ihm das Geschlecht seiner mächtigsten Könige abstammen, von
ihm die äufsere Ausstattung der Magistratur, den Triumph, die
Lictoren, die Trompete, die ofTenlliche Einrichtung des Opfers,
Mantik und Musik entlehnt sein.') Folgerichtig weist sie Tarquinii
unter den Zwülfslädlen (S. 280) den vornehmsten Plalz zu: der
Eponymos Tarchon wird Sohn oder Bruder des Tyrsenos der die
hungernden Lyder nach Italien führte, genannt und soll aufser
Tanjuinii auch die übrigen Zwölfslädte erbaut haben. 2) Daneben
begegnet eine Nachricht die den Thessalern den Ursprung der Stadt
zuschreibt. 3) Aber bedeutsamer als derartige Fabeln ist die That-
sache dafs die etruskische Theologie auf ihren Boden die Offen-
barung der Zeichenschau verlegte: in der Kaiserzeit bestand hier
noch ein Collegium von 60 Ilaruspices.^) — Der einheimische Name
dieser allen Gründung ist nicht überliefert: von den Griechen wird
er vereinzelt Tag/coviov ^), gewohnlich im Anschlufs an die latei-
nische Form durch Taq-Kwia TaQy,vvLOL wiedergegeben. Sie stand
bereits, heifst es, in voller Blute, als Demaralos aus Korinlh mit
einer Schar von Handwerkern einwanderte und griechischen Kunst-
fleifs einbürgerte.*') In Gemeinschaft mit Veji machte sie 509 den
Versuch dem vertriebenen Tarquinius Superbus den Thron zurück
zu gewinnen.") Dann schweigt die Ueberlieferung bis zu der ein-
silbigen aber darum nicht minder beredten Schilderung der im
4. Jahrhundert geführten Kriege s): im Jahre 358 fallen 307 römische
Soldaten den Tarquiniensern in die Hände und werden den Göttern
t) Strab. V 220 vgl. Posidonios bei Dlod. V 40 Liv. I 8 Flor. I 1,5 Sali. Cal.
51,38 Dion. H. III 61 u.a.
2) Cato bei Serv. V. Aen. X 179. 198 Strab. V 219 Eustath z. Dion.
Per. 347.
3) Justin XX 1,11. Tarchon heifst Enkel des Herakles Lyk. AI. 1248
Steph. Byz. Taq%üüvtov .
4) Cic. Divin. II 50 Censorin. d. die nat. 4,13 Lydus Ostent. 3 CIL. XI 3382
vgl. 3370.
5) Steph. Byz. Ellinikon Taoxoivlvos laoxoviEve. Derselbe Tagxvvia mit
TaQxi/vios TaQxvvievs, lat. stehend Tarquiniensis.
6) Cic. Rep. II 34 Strab. V 220 Liv. I 34 Dion. H. III 46 Plin. XXXV 152.
7) Liv. II 6 Dion. H. V 3. 14 fg.
8) Diodor XVI 45 XX 44 Liv. V 16 VI 4 VII 12. 15. 17. 19. 2^^ IX 41.
§ 4. Das Tafelland. 331
auf dem Markt geopfert; zur Sühne werden vier Jahre nachher
358 tarquinische Adhche in Rom gestäupt und enthauptet. Durch
planmäfsige Verwüstung wird die Stadt 351 mürbe und erlangt einen
vierzigjährigen Waffenstillstand, der ohne dafs wir von einer Auf-
lehnung hören, 308 für die gleiche Frist erneuert wird. Vermutlich
hat sie an dem Aufstand welcher der Landung des Pyrrhos voraus-
ging, Theil genommen; denn sie wurde durch Gebietsabtretungen
bestraft. Damit wurde die Colonie Graviscae ausgestattet, auch
später von den Gracchen eine Ansiediung armer Bürger versorgt. i)
— Ob Tarquinii selbst mit minderem Recht in den romischen
Bürgerverband eintrat 2) oder bis 90 v. Chr. zu den Bundesgenossen
zählte, ist unsicher. Seit der Ertheiluug des Bürgerrechts gehört
es zur Tribus Stellatina. 3) Die Inschriften erläutern das allmäliche
Erlöschen der heimischen Sprache. Sie zählen fast 200 Nummern
und beweisen die Fortdauer eines gewissen Wolstands. Bei den
Schriftstellern ist von dem römischen Municipium selten die Rede*) :
es lag einige Millien von der Küstenstrafse abseits, war dagegen
durch die hier einmündende Via Clodia mit Rom verbunden. s) Er-
wähnt wird der Flachsbau sowie der Waldreichtum seiner Feld-
mark.6) Ein halbes Dutzend Ortschaften die ansehnliche ausgedehnte
Nekropolen und gelegentlich auch Festungswerke besitzen, lassen
sich innerhalb derselben nachweisen. Aber leider bleiben sie für
uns namenlos. Nur das 50 Millien von Rom entfernte castellum
Axia ist mit Wahrscheinlichkeit auf das durch seine stattlichen Grab-
fafaden ausgezeichnete Castellaccio oder Castel d' Asso (8 km westlich
von Viterbo) bezogen worden.")
Auf dem abgetretenen Rüstensaum gründeten die Romer 181
V. Chr. die Bürgercolonie Graviscae; die Ansiedler erhielten je
5 Juchert 1^4 ha angewiesen.^) Dafs Vergil den Ort schon zur Zeit
des Aeneas bestehen läfst, scheint nur auf Willkür des Dichters zu
beruhen.^) Cato ein Zeitgenosse der Gründung leitet ihren Namen
1) Feldmesser 219.
2) Liv. XXVI 3 XXVII 4.
3) aL. XI p. 510 fg.
4) Cic. pro Gaecina 11 Val. Max. V 3,3 Plin. III 52 Plol. III 1,43.
5) It. Ant. 300 Tab. Peut. Geogr. Rav. IV 36.
6) Liv. XXVIII 45 Vairo RR. lil 12 Plin. VIII 211 IX 173 Stat. Silv. V 2,1.
7) Cic. pro Gaecina 20 Steph, Byz. 'A^ia.
8) Liv. XL 29 XLI 16 Vell. I 15 CIL. I p. 279.
9) V. Aen. X 184 Macrob. Sat. V 15,4 Sil. It. VIII 473.
332 Kapitel V. Etnirieii.
von der schweren Luft die über ihr la^rert, ab.i) Unter Augustus
und Tiberius sind neue Ansiedler zugeführt worden.^) Aber unbe-
achtet einer bedeutenden Weinausfuhr und der von ihr betriebenen
Korallenfischerei hat die Stadt in der ungesunden Umgebung nicht
gedeihen wollen. Sie gehörte zur Tribus Slellatina.^) _ Man hat
sie theils am Nordufer der Marta halbwegs zwischen Corneto und
dem 3Ieer, theils südlich vom Flufs bei Porto Clementino am Meer
gesucht: beide Stätten weisen antike Ueberreste auf. Die zweite
Annahme verdient den Vorzug, da Graviscae abseit von der Via
Aurelia, nach Strabo 300 Stadien = 30 Millien von Cosa, 180 Stadien
= 18 Millien von Pyrgi entfernt, endlich am Meer zwischen den
beiden Flüssen Mignone und Maria gelegen war.'') Rutilius erwähnt
den verödeten Ort^):
inde Graviscarnm fastigia rara videmus
qnas premit aestivae saepe paludis odor:
sed Jiemorosa vir et densis vidnia lucis
pineaque extremis ßucluat umhra fretis.
8 km von der Marta überschreitet die Via Aurelia den Minio
Mignone der vom Ciminerwald herkommend in grofsem nach Norden
gewandten Bogen das Tolfagebirge umfliefst.^) 10 km weiter er-
reicht sie Centumcellae CWxld. vecchia.'^) Der Mangel an natürhchen
Hsfen an dem die ganze Küste vom Argentarius bis zum Vorgebirge
der Circe herab leidet, hat zu künstlichen Anlagen aufgefordert.
Unter diesen gilt eine noch immer als Muster, ist von dauerndem
Erfolg gekrönt worden, giebt auch heuligen Tages den Ausfuhr-
hafen Roms ab: das von dem baulustigen Kaiser Traian um 106/7
ins Leben gerufene Centumcellae. UrsprüngHch befand sich hier
nur eine oflene Bucht, in der Nähe eine von den Kaisern im 2. Jahr-
hundert viel besuchte Villa.*') Dies bot den Anlafs und den Anhalt
1) Serv. V. Aen. X 184.
2) Feldmesser 220.
3) CIL. XI p. 511 Plin. XIV 67 XXXII 21.
4) Dig. XXXI 30 Slrab. V 225. 26 Plin. III 51 Mela II 72 Ptol. III 1,4 It.
mar. 498. 99 Tab. Peul. Geogr. Rav. IV 32.
5) Rul. Nam. I 281.
6) Verg. Aen. X 183 dazu Serv.; Vib. Sequ. Tab. Peut. Geogr. Rav. IV 32
V 2. — Rutilius I 279 hat die Form Mjinio.
1) Plin. Ep. VI 31 Rutil. Nam. I 237 fg. It. Ant. 291. 300 It. mar. 498 Tab.
Peut. Geogr. Rav. IV 32 V 2 Gregor M. Registr. I 13.
8) Fronto an Marcus III 20 V 59 vita Comm. 1.
§ 4. Das Tafelland. 333
für die Schöpfung eines unmittelbar für die Aufnahme der Kriegs-
marine, weiterhin auch Handelszwecken dienenden Hafenbeckens,
das mit 6 m Tiefe eine Überfläche von 13 ha aufweist. Bei der
Anwesenheit des jüngeren PHnius war der Süd-iMolo fertig, der
nordUche sowie die den Eingang deckende Insel im Bau begriffen.
Butihus schildert den Hafen also:
ad CentumceUas forti defleximus austro :
tranqinlla puppes in statione sedent.
molihis aequoreum concluditur amphitheatrnm
angustosqne adilus insula facta tegit;
attollit geminas tnrres hißdoque meatu
faucibus artatis pandit ntrumque latns.
nee posuisse satis laxo navalia portu,
ne vaga vel tntas ventilet aura rates,
interior medias simis invitatus in aedes
instabilem fixis aera nescit aquis.
Von den 100 Docks oder Anlegestellen abgesehen, die ihm den
Namen verliehen, trifft die Beschreibung noch jetzt zu; denn die
Grundmauern der heutigen Anlage stammen aus traianischer Zeit.
Grabschrilten lehren , dafs Abtheilungen der Flotten von Misenum
und Ravenna hierhin commandirt waren. ^) Daraus erklärt sich auch
dafs dieser Platz ebenso wenig wie die beiden anderen eine eigene
Selbstverwaltung gehabt hat. Seine Bedeutung mufste sich freilich
andauernd heben, je weiter die Versandung der Tibermündung fort-
schritt, indem er an Stelle von Ostia und Portus der eigentliche
Hafen der 47 Millien entfernten Hauptstadt wurde. Centumcellae
heifst im sechsten Jahrhundert eine grofse und volkreiche Seestadt,
deren Besitz von Gothen und Byzantinern hart umstritten worden
ist. 2) Von den Saracenen 812 zerstört und von seinen Bewohnern
verlassen erhielt es seinen heutigen Namen, als nach vierzigjähriger
Verödung wieder Ansiedler sich einfanden. 3). Mancherlei Spuren
von Traians Thätigkeit sind noch vorhanden: namentlich eine
Wasserleitung die aus 20 Millien Entfernung den Hafen mit treff-
lichem Ti'inkwasser versorgt. In politischer Beziehung hat dieser
1) CIL. XI p. 525 fg.
2) Prokop b. Goth. II 7 III 13. 36. 37. 39 IV 34 Agath. I 11.
3) Nach Alberti p. 36 hat sich im 16. Jahrhundert der Name Cincelle noch
behauptet, verschwindet aber im 17. nach Cluver p. 482.
334 Kapitel V. Etrurien,
Landstrich ehedem zur Gemeinde der Aquenses Taurini gehört, die
im Verzeicbnifs des Augustus aufgeführt vvird.i) Den Mittelpunct
der Gemeinde gab der Badeort Aq%iae Tauri ab, der drei Millien
oberhalb Civita vecchia's nach dem Tolfagebirg zu gelegen ist.
Ruinen (147 m) sind erhalten, er führt jetzt den Namen Bagni di
Ferrata, seine Schwefelquellen werden geschätzt.^) Dieselben sollen
nach Rulilius von einem Stier zu Tage gescharrt worden sein;
solche Fabel wurde durch den Namen nahe gelegt. Woher der Name
rührt, wissen wir nicht. Aber nach Ausweis der Gräber ist der
frühere Sitz der Gemeinde in etruskischer Zeit weiter landeinwärts
im Gebirge bei Tolfa zu suchen.
Die Rüste streicht bis zum Cap Linaro nach Südost oder Süd-
südost und nimmt alsdann eine östliche Richtung an, so dafs dies
Vorgebirge passend als Grenze zwischen Mittel- und Südetrurien
betrachtet werden kann. Eine Landsenkung hat hier stattgefunden
da die Mauern römischer Bauten bei Torre Chiaruccia unter Wasser
liegen. Dieselben gehören der römischen Colonie Castrum novum
an die 4 — 5 Millien von Centumcellae die Nordseite des Vorgebirges
einnahm.^) Ehemals müssen in dieser Gegend die Herrschaften
von Caere und Tarquinii zusammen geslofsen sein. Die Römer
haben sich zu Anfang des dritten Jahrhunderts anscheinend die
ganze Rüste abtreten lassen und nicht lange nach 290 Bürger in
der genannten Festung angesiedelt. Die Bezeichnung neu hefs an
einen älteren vorausgegangenen Ort denken, als welchen die Er-
klärer Vergils fälschlich das in der Aeneis beiläufig erwähnte und zu
Ardea gehörige Castrum Inui ausgaben *): Dennis weist nach dafs
der alte Ort ein wenig landeinwärts auf dem Puntone del Castrato
(auch Guardiola genannt) zu suchen sei. Viel bedeutet hat die
Colonie zu keiner Zeit: Augustus erkennt ihren Rang als solche
nicht an, obwol sie von Caesar oder einem der ersten Nachfolger
durch Ansiedler verstärkt worden ist und seitdem colonia Julia
Castronovom auf Inschriften heilst. Zu Anfang des 5. Jahrhunderts
war sie verödet, wie Rutilius bezeugt:
1) Plin. III 52 Rutil. Nam. 1 249 fg. Tab. Peut. Geogr. Rav. IV 36 Aquepurgo
Gregor M. Dial. IV 55.
2) Hierauf bezieht sich Scrib. Larg. med. comp. 146.
3) Liv. XI XXXVI 3 Mela II 72 Plin. III 51 Ptol. III 1,4 It. Ant. 291. 301
lt. mar. 498 Tab. Peut. Geogr. Rav. IV 32 V 2 CIL. XI p. 530.
4) Verg. Aen. VI 775 dazu Serv. Rutil. Nam. I 227 fg.
§ 4. Das Tafelland. 335
stringimus hinc canens et fluctu et tempore Castrum:
index semiruti porta vestusla loci.
Die Mitte des Tafellandes nimmt der runde fischreiche locus
Volsiniensis Lago di Bolsena eiu.i) Bei einer Meereshöhe von
305 m und einer Tiefe von 140 m bedeckt er einen Flächenraum
von 114 Ckm. Diese vulkanische Einsenkung (I 258) wird von
einem 15 — 20 km im Durchmesser haltenden Randgebirge eingefafst,
das im Süden wo die Marta aus dem See ausfliefst, sich verflacht,
dagegen im Südosten bei Montefiascone 633 m, im Westen 639 m
ansteigt. Von dem Bergrund laufen strahlenförmig in tief ausge-
waschenen Betten die Bäche nach West Südwest und Süd dem Meer
zu, nach Ost in den Tiber. Auf der Wasserscheide zwischen Meer
und Tiber ist die Via Cassia angelegt. — Die Landschaft westlich
vom See nach der Fiora hin wird von keiner grofsen Strafse durch-
zogen 2) uad hat wenig römische Ueberreste aufzuweisen. Wol
finden sich Nekropolen bei Castro, Farnese, Ischia, Piansano, aber
wir wissen diese Niederlassungen weder auf einen etruskischen noch
einen lateinischen Namen zu taufen. In ihrem Bereich hat die
Gemeinde der Statonienses gewohnt die als Praefectur bezeichnet
wird: das Städtchen Statonia gab den Mittelpunct des Sprengeis
ab. 3) Die Lage wird annähernd bestimmt durch den locus Stato-
niensis der kein anderer sein kann als der kleine Lago di Mezzano
(455 m) 9 km West vom See von Bolsena.4) Vom Lago di Mezzano
14 km weiter westlich ist jüngst bei Pitighano eine kleine etrus-
kisch-römische Stadt entdeckt worden, für die man mit allem Grund
den Namen Statonia in Anspruch nimmt. 5) Der Weiu den die Ge-
meinde auf den Markt brachte, war gut angesehen. — Nur 4 km
nördlich von Pitigliano liegt durch tiefe Schluchten geschirmt Suana
Sovana.6) Sein Umfang von IV2 km weist auf einen ehemahgen
1) VitruvII 7,3 Colum. VIII 16 Streb. V 226 Plln. XXXVI 168 Liv. XXVll 23.
2) Die Peutingersche Tafel läfst die Via Clodia über Tuscana u. Muternum
(sonst nirgends genannt) nach Saturnia (S. 312) und Succosa (S. 311) laufen :
was geographisch betrachtet sinnlos ist.
3) Varro RR. III 12 Vitruv II 7,3 Strab. V 226 Plin. III 52 XIV 67
XXXVI 16b.
4) Sen. Nat. quaest. III 25,8 Plin. II 209. Cluver p. 517 weist mit Recht
darauf hin.
5) Pellegrini Not. d. Scavi 1896 p. 263 1898 p. 432 vgl. Jb. d. D. arch.
Inst. XV (1901) p. 155.
6) Plin. III 52 Ptol. III 1,43 Gregor M. Reg. II 33 CIL. XI p. 422
Dennis II 1 fg.
336 Kapitel V. Etrurien.
Pagus; allein es steht in der Censusliste, hat also Municipalrecht
gehabt. Auch sind die Denkmäler der etruskischen Epoche glänzend
und zahlreich, um so spärlicher die romischen. Als Geburlsort
Gregors VII ist Sovana berühmt geworden, aber gegenwärtig nahezu
verlassen. — An der Westseite des Sees von Bolsena weithin sichtbar
erhebt sich ein steiler in den See vorspringender und nach ihm
abfallender Hügel (409 m), der ehedem die Stadt Visentum trug.')
Eine einsame Landkirche hält ihr Andenken wach, Trümmer aus
dem Mittelalter und Altertum kennzeichnen ihre Ausdehnung, im
Uebrigen ist die Stätte wie die ganze westliche Seite des Sees ver-
lassen. Die Gemeinde wird in der pHnianischen Liste aufgeführt,
eine anderweitige Erwähnung in der Litteratur fehlt. Aus den In-
schriften erhellt dafs sie der Tribus Sabatina angehorte, Senat
Augustalen und Duovirn hatte, an Würde und Selbstbewufstsein
keiner anderen nachstand. — Von den beiden Inseln die der See
umschHefst, heifst die nördliche Isola Bisentina (361 m). Sie ist
nach Süden und Osten felsig, nach den anderen Seilen eben. Die
zweite Isola Martana ist ein wenig bebauter Felsen (377 m). Er
trug ehedem eine Burg, in der Amalasuntha Theoderich des Grofsen
Tochter von ihrem Vetter gefangen gehalten und 534 ermordet
ward. 2) — Unter den Städten dieses Landstrichs hat sich einzig
Tuscana Toscanella (166 m) am rechten Ufer der Maria, halbwegs
zwischen dem volsinischen See und Tarquinii an alter Stelle und
mit altem Namen erhalten. 3) Die mittelalterlichen Denkmäler und
die Grabfunde der Campanari verleihen Toscanella in den Augen
des heutigen Besuchers einen Glanz, der ihm für die Epoche des
Altertums nicht zukommt. Die antike Ueberheferung gedenkt seiner
nicht; vermutlich ist es ehedem von Tarqninii abhängig gewesen,
in römischer Zeil dagegen selbständiges Municipium. Bömisches
Mauerwerk tritt namentlich auf der Höhe mit der lombardischen
Kirche S. Pietro zu Tage, wohin die Arx verlegt wird. Ueherhaupt
dehnte sich die römische Stadt behaglicher aus als ihre in einen
Mauergürtel gezwängte mittelalterliche Nachfolgerin. Unter den
Gräbern begegnen Columbarien.
1) Plin. III 52 CIL. XI p. 444. Das Ethnikon lautet Fisens uud Fisentinus,
der Stadtname Fisenltim oder -tium oder -tia.
2) Piokop b. GoUi. I 4.
3) Plin. III 52 Tab. Peut. Geogr. Rav. IV 36 CIL. XI p. 450.
§ 4. Das Tafelland. 337
Wir haben die grofse bionenländische Verkehrsader Etruriens
die Via Cassia (S. 313) bis Clusium verfolgt (S. 323). 40 km unter-
halb dieser Stadt fliefsen Clanis Chiana i) und Pallia Paglia^) zu-
sammen um nach einem Lauf von 7 km in den Tiber einzumünden
(I 311). Das Thal der Paglia bildet die Naturgrenze zwischen dem
etrurischen Bergland und dem vulkanischen Tafelland ([ 254). Die
Thalsohle am Zusammeuflufs von Chiana und Paglia liegt 111 m U. M.
Von ihr steigt auf der vulkanischen Seite ein vereinzelter Tuffhiigel
bis 315 m an. Er ist 1600 m lang, halb so breit und fällt rings
schroff ab. Die auf ihm gelegene Stadt heifst seit dem Ausgang
des Altertums Urbs vetus Orvieto 3) und kommt wegen ihrer aufser-
ordentlichen Festigkeit in dem Gothenkrieg wie den Kämpfen des
Mittelalters oft vor. Prokop schildert sie bei Gelegenheit der Aus-
hungerung durch Belisar 539 folgender Mafsen : „ein isolirter Hügel
steigt aus dem Thal auf, mit flachem ebenem Gipfel, mit steilem
Absturz am Fufs. Den Hügel umgeben rings im Kreise Felsen von
gleicher Ausdehnung, jedoch nicht in unmittelbarer Nähe sondern
einen Steinwurf entfernt. Auf diesem Hügel erbauten die Alten
die Stadt ohne Mauern herumzuführen noch eine andere Befestigung
anzubringen, da der Ort ihnen von Natur uneinnehmbar zu sein
schien. Denn ein einziger Zugang zu ihm ist von den Felsen her
vorhanden, wenn dieser von den Bewohnern bewacht wird, brauchen
sie keinen feindlichen Angriff auf irgend einer anderen Seite zu
fürchten. Denn abgesehen von dem Puncte wo die Natur wie ge-
sagt den Zugang zur Stadt gebahnt hat, fliefst ein stets grofser un-
durchschreitbarer Flufs zwischen dem Hügel und den oben erwähnten
Felsen. Deshalb haben auch die Römer an diesem Eingang ein
kleines Werk errichtet und darin ist ein Thor." Die Grundzüge
der Beschreibung sind vollkommen richtig, aber von Prokop falsch
zusammengefügt und übertrieben worden: die umgebenden Hügel
nähern sich der Stadt nicht bis auf einen Steinwurf, sondern im
Westen bis auf einen, an den anderen Seiten mehrere Kilometer;
der Anmarsch ist zwar fast im ganzen Umkreise durch Wasserläufe
erschwert, aber nur von Norden her durch die Paglia , nach West
1) Strab. V 235 Plin. III 53 Tac. Ann. l 79 App. b. civ. I 89 Steph. Byz.
rlävis Sil. It. VIII 453.
2) Tab. Peuf. Geogr. Rav. IV 36.
3) Paul. h. Lang. IV 32; Ovgßißsprös Prokop. b. Goth. II 11. 18. 19. 20:
Gregor M. Registr. I 12 II 11 VI 27; Geogr. Rav. IV 36 Orbevehts.
Nissen, Ital. Landeskonde. II. 22
338 Kapitel V. Etrurieo.
und Ost durch blofse Bäche. Imnierhiu wird zutreffend bemerkt
dafs die Stadt von Südwest allein wo der Aufgang war, angegriffen
werden konnte, im ganzen übrigen Umkreis keines künstlichen
Schutzes bedurfte. Zu der Festigkeit kommt die hohe Bedeutung
der Lage hinzu: die Stadt erscheint als vorgeschobenes Bollwerk
der vulkanischen Hochebene gegen das Bergland im Norden und
Osten, hat ferner den Einblick in vier grofse Thäler. An ihrem
Fufs stofsen von Norden her die Chiana, von Westen her die Pagha
zusammen ; in einem Abstand von 7 km wo beide in den Tiber
münden, beschreibt dieser einen rechten Winkel indem der obere
Lauf ONO auf das umbrische Tuder zu gerichtet ist, während der
untere SSO dem Meer entgegeneilt. Die Bezeichnung „alte Stadt"
deutet an dafs ihr ursprünglicher Name auf einen andern Ort über-
tragen worden ist. Olfried Müller hat zuerst die Vermutung aus-
gesprochen dafs die altetruskische Zwülfstadt Volsinii hier gestanden
habe. Nachdem am nordlichen Fufs des Stadthügels seit 1874 ein
reicher Begräbnifsplatz der etwa aus dem 5. Jahrhundert v. Chr.
stammt, aufgedeckt worden, ist die Vermutung zur allgemeinen An-
nahme gelangt.!) sje reicht übrigens bis ins 6. Jahrhundert zurück
(S. 340 A. 4), kann auch nicht durch den 8 — 9 Millien betragenden
Abstand des römischen Volsinii erschüttert werden; denn auf alle
Fälle hat einst eine königliche Stadt die beherrschende Hohe ein-
genommen. Die einheimische Namensform wird durch Goldmünzen
mit der Aufschrift velsu und velznani die ihr mit Recht zugeschrieben
werden (S. 74), bezeichnet. Bei den Romern lautete sie Volsinii,
das Elhnikon Volsinienses , vereinzelt Volsones.'^) Ihr Machtgebiet
gegenüber den Nachbarn in Clusium Volci Tarquinii abzugrenzen
ist nicht möglich: aber sie wird zu den mächtigsten Städten Elruriens
gezählt. 3) Den Aufschwung des Gewerbes bezeugt die Nachricht
dafs die Mühle hier erfunden sei, sowie die Nachricht dafs bei der
Eroberung 2000 eherne Bildsäulen von den Römern erbeutet
wurden. 4) Unter den zu Volsinii verehrten Göttern wird Vertumnus
angeführt, sowie die Nortia die auch nach der Verpflanzung an den
1) Ganiurrini Ann. dell' Iiistit. d. c. a. 1881 p. 28 fg.
2) Triuniphalfasteii des J. 460 u.c, die freilich auch unter den J.474 u. 490
die schlechte Form VuLsinienses bieten.
3) Liv. X 37 Ires validissimae urbes Elruriae capita f^olsiriii Perusia
Arrelium.
4) Plin. XXXVJ 135 XXXIV 34.
§ 4. Das Tafelland. 339
See von Bolsena ihr Ansehen behauptetet) In der Chronik war
zu lesen dafs Volsinii, die reichste Stadt von Etrurien, durch den
Bhtz eingeäschert ward, an anderer Stelle dafs ihr König Porsina
den Bhtz auf ein Ungeheuer herabrief das nach Verwüstung des
Landes die Stadt mit gleichem Schicksal bedrohte. 2)
Nach dem Fall Veji's beginnen die Kriege mit Rom. 392. 91
leisten die Salpinates Beistand 3), deren Sitze nordwestlich vom See
gesucht werden mögen: der Wame kommt nur bei dieser Gelegen-
heit vor, die Lage ihres Hauptortes der die Gemeinde schützend
aufnahm, ist unbekannt. Gleiches ist von Trossubim zu sagen das
9 Millien Süd von Volsinii belegen durch römische Reiter ohne
Fufsvolk eingenommen ward. 4) Im Lauf der samnitischen Kriege
werden volsinische Dörfer 307 erstürmt, erleiden die Bürger 294
unter den eigenen Mauern eine Niederlage und müssen den Frieden
erkaufen. 5) Kurz vor Pyrrhos' Landung ergreifen sie in Gemein-
schaft mit Volci die Waffen. 6) Das Mifsgeschick im Felde führt im
Innern zum Sturz des Adels, die zum Kriegsdienst aufgebotenen
unteren Stände bemächtigen sich der Herrschaft, die dabei verübte
Ungebühr wird in grellen Farben ausgemalt.')
Die Römer wurden vom Adel 265 herbeigerufen , bezwangen
die Stadt durch Hunger, zerstörten sie und verpflanzten die Ein-
wohnerschaft an den See. Damit schied aus den Reihen der Zwölf-
städte die reichste aus, die Gemeinde wurde dem Bürgerverband
ohne Stimmrecht wie es scheint einverleibt, nachträglich der pomp-
tinischen Tribus zugetheilt.S) Das römische Volsinii liegt 30 Millien
von Clusium an der Nordostecke des Sees und bedeckt vom Ufer
an dem das heutige Bolsena sich hält, aufwärts steigend den Hügel-
rand.^) Ein kleines Amphitheater, der bemerkenswerteste unter den
1) Properz V 2,4. — Liv. VII 3 Juvenal 10,74 Tertullian Apol. 24 ad nat.
II 8 CIL. XI 2686.
2) Plin. II 139. 140. Tertullian de pallio 2 Apol. 40 ad. nat. I 9.
3) Liv. V 31. 32.
4) Plin. XXXÜI 35 Fest. 367 M. Schol. Pers. 1,82 Varro bei Non. p. 49,1.
5) Liv. IX 41 X 37 Triumphfast.
6) Liv. XI Triumphfast. 474 u. c.
7) Zonaras Vlll 7 Liv. XVI Flor. I 16 Valer. Max. IX 1 ext. 2 Oros. IV 5,3
de vir. ill. 36 Triumphfast. 490 u. c.
8) Obseq. 43. 51. 52 CIL. XI p. 424. Sie fehlt unter den etruskischen
Gemeinden die Scipio unterstützen Liv. XXVIII 45.
9) Strab. V 226 Plin. III 52 Ptol. III 1,43 It. Ant. 286 Tab. Peut. Geogr.
Rav. IV 36.
22*
340 Kapitel V. Etrurien.
vorhandenen Ueberresten, ist ungelähr eine Millie oberhalb des
Städtchens erkennbar. Die Hügel sind mit Oliven und darüber mit
Kastanien bepflanzt, das gleiche Bild wird dem Juvenal vorgeschwebt
haben wenn er Volsinii zwischen bewaldeten Höhen gebellet sein
läfst.i) In der Kaiserzeit wird es als Geburtsort des mächtigen
Seianus und des Stoikers Musonius genannt.2) Die Denkmäler
lehren dals es zu den ansehnlichen Städten dieser Uegion gehörte.
Das Christentum fand verhältnifsmäfsig früh Eingang: die älteste
datirte GrabschriCt von dem Coemeterium der h. Christina stammt
aus dem J. 376. 3) Dann aber hat das einbrechende kriegerische
Zeitaller den Niedergang des römischen und die Erneuerung des
etruskischen Volsinii bewirkt.^)
Neben Orvieto wird 605 n. Chr. Balneum Regis in der Kriegs-
geschichte erwähnt, von jenem in der Luftlinie 10 km nach Süd,
mittwegs zwischen dem See und dem Tiber gelegen. 5) Der Ort
führt die Thätigkeit des Wassers in anziehender Weise vor Augen.
Er nimmt die höchste Erhebung (512 m) eines von West nach Ost
streichenden, im Norden und Süden von tief eingeschnittenen Thälern
begrenzten Rückens ein. Der vulkanische Boden auf dem der Ort
ruht, wird durch den Regen erweicht und stürzt herab; man kann
den Verfall von Jahr zu Jahr, ja von Monat zu Monat verfolgen.
Der Stadthügel schrumpft in Folge dessen ein: er hing 1864 nur
durch einen schmalen Isthmus der in Bälde vöUig durchsägt sein
wird , mit der breiten Hochfläche zusammen ; die Einwohner (bis
auf 150 Seelen) hatten auf gesicherte Stätte nach dem heutigen
Bagnorea übersiedeln müssen. Wie die Halligen unseres heimat-
lichen Meeres geht die Civita oder Civita antica ihrem Untergang
durch unerbittliche Naturgewalten entgegen. Dafs einst Etrusker
in dieser Festung gehaust, beweisen die zahlreichen Gräber in den
nahen Felswänden. Auch an römischen Inschriften und Trümmern
ist kein Mangel; aber wie die Ansiedlung geheifsen habe und der
wunderliche Name am Ausgang des Altertums entstanden sei, läfsl
1) Juv. 3,191 positis yieinorosa inier iuga Folsiniis.
2) Tac. Ann. iV 1 VI 8 XIV 59 Juvenal 10,74 Suidas u. Mova. CIL. VI 537.
3) CIL. XI 2834 Not. d. Scavi 1880 p. 262 fg.
4) Der Bischof von Orvieto unterschreibt sich 595 als episcopus civitatis
Bultinensis Gregor M. Registr. V 57 a vgl. II 11 VI 27.
5) Paul. h. Lang. IV 32 Balneut regis Gregor M. Registr. X 34 Geogr.
Rav. IV 36 Baineon regis CIL. XI p. 443.
§ 4. Das Tafelland. 341
sich nicht errateo. — In der Kaiserzeit versammelten sich die Ver-
treter der führenden Städte (S. 280) in der Nähe des römischen
Volsioii.i) Es kann nicht wol bestritten werden dafs diese Fest-
t'eier sich aus der Epoche der Unabhängigkeit herschrieb und am
Fanum VoUumnae dem Heiligtum des Zwölfstädtebundes abgehalten
wurde. '-^j Die Lage ist unbestimmt: ansprechend denkt Dennis an
den 8 Millien von Bolsena am Südostrand des Sees 633 m auf-
steigenden Hügel von Monteüascone (I 259). Aehnlich wie der
latinische Juppiter vom Albaner Berg Latium überschaut, würde die
etruskische Bundesgöttin das ganze Land vom M. Amiata bis zum
Ciminerwald mit ihren Blicken von hier aus umspannt haben. Aber
bequem erreichbar wäre der Ort nicht gewesen; gleichwie die
Latiner in der Ebene zusammenkamen, wird solches auch bei den
Etruskern anzunehmen sein.
Die 3 — 400 m ü. M. liegende Ebene zwischen dem volsinischen
See und dem Ciminer Wald weist zahlreiche Ueberreste aus römi-
scher Zeit auf die gegen die jetzige Oede stark abstechen. Unge-
fähr 14 MiUien von Volsinii erreichte die Via Cassia den Badeort
Aquae Passeris oder Passerianae"^) : die ausgedehnten Ruinen 5 Millien
nördlich von Viterbo heifsen gegenwärtig le Casaccie del Bacucco. —
Abseits von der Strafse 5 km nach Ost, 9 km Nord von Viterbo nimmt
Ferentum auf drei Seiten durch tiefe Thäler geschützt einen von
West nach Ost streichenden Rücken (305 m) ein.'*) Seine Feldflur
grenzte an diejenige von Tarquinii und Volsinii und wurde bereits
in die Landauftheilung der Gracchen hineingezogen. 5) Die Bürger-
schaft war in der Tribus Stellatina eingetragen. Der von hier ge-
bürtige Kaiser Otho hat die Stadt vorübergehend ins Gerede ge-
bracht. 6) Sie ward im 11. Jahrhundert von Viterbo aus zerstört,
ihre Trümmer führen noch immer den alten Namen Ferento. Unter
ihnen sind Stücke der Ringmauer, besonders aber ein mehrfach
umgebautes Theater hervorzuheben. — Weiter ostwärts liegt auf
1) CIL. XI 5265 aput Fulsinios.
2) Liv. IV 23. 25. 61 V 17 VI 2.
3) Tab. Peut. CIL. XI 30U3 Martial VI 42,5.
4) Strab. V 226 Plin. III 52 Ptol. III 1,43. Die handschriflliche Namens-
form schwankt zwischen Ferenlum-ium-ia- injim, das Elhnikon Ferentiensis
CIL. XI p. 454.
5) Vitruv. II 7,4 (daher Plin. XXXVI 168) Feldm. 216.
6) Tac. Bist. II 50 Suet. Otho 1 Vesp. 3.
342 Kapitel V. Etrurien.
Steilem Felsen (263 m) über dem Tiberlhal Polimartium Bomarzo.^)
Gräber aus römischer und vornehmlich etruskischer Zeit bezeugen
das Alter des Orts. Er wird aber erst am Ausgang des 6. Jahr-
hunderts n. Chr. erwähnt: wie er ursprünglich geheifsen habe, ist
nicht zu sagen. — Bei Bomarzu reichen die vulkanischen Höhenzüge
nahe an den Tiber, bis dieser einige Millien abwärts nach Norden
gekrümmt auf der etruskischen Seite beim heutigen Bassano eine
Ebene (64 m) frei läfst. In ihr zeigt ein mit Schilf und Binsen
bewachsener Pfuhl die Stelle des berühmten lacus Vadimonis an,
der nach irgend einer unbekannten Gottheit benannt zu sein scheint.
Einen bedeutenden Baum kann dieser See nie eingenommen haben.
Der jüngere Plinius beschreibt ihn als einen rund abgecirkelten
Teich mit weifslichem Schwefelwasser, auf dessen Geruch und Ge-
schmack die Heiligkeit des Ortes zurückgeht. Wegen seiner Heilig-
keit durfte der Teich von keinem Nachen befahren werden, war
dagegen durch eine schwimmende Insel belebt. Plinius verweilt
ausföhrlich bei dem eigenartigen Schauspiel. 2) Die Alten haben
dasselbe auch anderswo z. B. an den Seen von Statonia und Cutiliae
beobachtet (heutigen Tages wiederholt es sich an dem Lago delle
Isole natanti bei Tivoli) und richtig erklärt. Schilf trockene Gräser
und äiinliche Gewächse von leichtem Gewicht die auf dem minera-
lischen Wasser schwimmen , werden durch den Ansatz von Kalk
und Schwefel an einander gekittet, der Wind weht Staub und Pflanzen-
samen darauf, die lockere Decke begrünt. In buntem Spiel treiben
die Schollen herum und bleiben schliefslich am Ufer hängen, das
Becken allmälich einengend und versumpfend. Die Frage nach
dem vadimonischen See hat die früheren Topographen viel be-
schäftigt: Cluver erzählt dafs er keine Fische sondern Schlangen
und Schildkröten ernähre, von unermefslicher Tiefe sei, durch unter-
irdische Luftströmungen erregt werde, bisweilen ein ganzes Jahr
keinen Abflufs habe, dann aber einen mächtigen Bach zum Tiber
ergiefse, der in seinem kurzen Lauf mehrere Mühlen treibe. Nicht
gerade wegen solcher ungenügenden Naturbeobachtungen zieht die
Gegend unsere Aufmerksamkeit an, sondern als Schauplatz der ent-
scheidenden Niederlagen welche die Bömer 308 den Etruskern, 283
den vereinigten Boiern und Etruskern beibrachten. 3) Die Wahl des
1) Paul. h. Lang. IV 8. CIL. XI p. 461.
2) Plin. Ep. VIII 20 Seneca nat. qu. III 25,8 Pün. II 209 Sotion 38.
3) Liv. IX 39; Pol. II 20 Flor. I 8. Cluver 552.
§ 4. Das Tafelland. 343
Schlachtfeldes wird durch die Bodengestallung erklärt. Seitdem
Sutrium in römischen Händen sich befand, war den binnenländischen
Etruskern das Ausfallsthor nach Süden gesperrt (I 257 fg.); da die
üeberschreiluag des hohen Gebirgskamms unthunlich war, blieb für
einen Anmarsch auf Rom nichts übrig als dem Tiber folgend das
Gebirge zu umgehen. Die natürliche Verbindungslinie zwischen
Rom und dem cisappennischen Norden läuft im Tiber- und dem
damit zusammenhängenden Chianathal aufwärts (I 304); ihr folgt
die heutige Eisenbahn. In der älteren Kriegsgeschichte sehen wir
die Kellen und Etrusker diesen Weg ziehen. Auf den ersten Blick
befremdet es dafs der Weg in der Folge nicht ausgebaut ward, dafs
keine römische Kunststrafse den Flufs begleitet. Aber mit gutem
Grund führten die Römer die Via Cassia von Orvieto aus durch
das Binnenland, nicht nur weil die eingehaltene Richtung kürzer,
sondern auch weil sie trockner und bequemer war: am Tiber ist
die [Niederung zu feucht (I 320), der am Höhenrand hinführende
Weg wird durch die vielen ausmündenden Thäler genötigt in er-
müdendem Wechsel bergauf bergab zu laufen ; während der auf Ge-
winnung einer wagerechten Bahn gerichtete Bau der Gegenwart
solche Schwierigkeiten durch Durchstiche und Brücken überwindet,
war für die Alten die vor starker Steigung nicht zurückscheuten,
überhaupt kein Anlafs vorhanden mit grofsem Aufwand von Mitteln
eine Weltstrafse den Flufs entlang zu führen. Pflaster der hier
laufenden Nebenstrafsen kann man gelegentlich antreffen.
Hauptstadt der mittelelrurischen Ebene ist seit dem Mittelalter
Viterbo (327 m). Der Name „alte Stadt" der schon am Ausgang
des Altertums begegnet i), deutet an dafs sie eine Doppelgängerin
gehabt habe. In der That war hier ein Knotenpunct des Verkehrs
gegeben. Von der Cassia zweigt die Via Ciminia ab um den Ge-
birgskamm (Pafshöhe 839 m) zu überschreiten und über Ronciglione
bei Sulrium Avieder in sie einzumünden^); desgleichen die Via
Ferentiensis ^) die nach Ferentum führt und nach den Tiberort-
schaften sich fortsetzt. Etruskische Gräber sind bei Viterbo in
grofser Zahl vorhanden , römische Badeanlagen bei der 1 km ent-
fernten Schwefelquelle Bullicame. Nach Aussage der Inschriften
erscheint es unzweifelhaft dafs die Gemeinde der Sorrinenses (oder
1) Geogr. Rav. IV 36 Beturbon Guido 51 Felui'bo.
2) Sie gehört zu den Staatstrafsen, Curatoien z. B. CIL. IX 5155.5833
X 6006. Auch die Form Cimina kommt inschriftiich vor. 3) CIL. XI 3003.
344 Kapitel V. Elrurien.
Surrinenses) hier gewohnt hahe. ') Zwei Inschril'ten hahen den
Namen ohne, zwei mit dem Beiwort Sorrinenses Novenses. Mög-
hcher Weise geht das Beiwort auf eine gesonderte Verwaltung wie
in CUisium (S. 325) Arretium (S. 317) und anderen Slädten zurück.
Da Viterbo zwischen VVasserläufen dem Typus einer etruskischen
Ansiedhing entspricht, wird die Neustadt an der westhch bei den
erwähnten Bädern vorheifühienden Via Cassia gestanden haben. In
der Litteratur kommt ein Sorrinum überhaupt nicht vor; jedoch
scheint es in dem von Ptolemaeos zwischen Volsinii und Ferentum
gesetzten ^oideQvov zu stecken. Das Fehlen in den) Gemeinde-
verzeichnifs des Augustus nuifs man denn so erklären dafs entweder
der Name bei IMinius ausgefallen, oder dafs das Stadtrecht erst von
einem späteren Kaiser verliehen worden sei. Bormann vermutet
dafs die in jenem Verzeichnifs stehenden Suberlani mitsamt dem
bereits 211 v. Chr. erwähnten Forum Subertatmm nur eine andere
Namensform von Sorrinum wiedergeben. 2) Allein da beide Namen
in gleichzeitigen Inschriften vorkommen , erscheint eine so fremd-
artige Gleichstellung im amthchen Sprachgebrauch nicht möglich ;
deshalb becjuemen wir uns zu dem Geständnifs die Lage jenes Forum
nicht zu kennen. — Am Ostabhang des Ciminerwaldes nimmt Soriano
(510 m) die Stätte einer alten Ortschaft ein die dem Pagus Stella-
linus zugeschrieben werden darf. 3) — Die Cassia erreicht 9 Mdlieu
von Viterbo das nach dem Erbauer benannte Forum Cassit dessen
verlassene Stätte die Kirche S. Maria di Forocassi anzeigt 4): das
eine Millie nordöstlich entfernte Vetralla (343 ni) ist nach etrus-
kischer Art von zwei Wasserläufen eingefaf^t und nach Ausweis
der Gräber von Etruskern bewohnt gewesen. Stadtrecht hat Forum
Cassii nicht besessen. Von hier läuft die Cassia nach dem 11 Mühen
entfernten Sutrium durch einen natürlichen Gebirgseinschnitl der
so eng ist dafs er früher durch eine noch stehende Mauer gesperrt
werden konnte. An der Wasserscheide (465 m) 4 Millien von Forum
Cassii liegt Victis Malrini le Capannaccie.^)
Die Verbindung des mittleren und südlichen Elrurieos ist am
\)^\L/k\ p. 454 Ptol. III 1,43.
2) Liv. XXVI 23,5 Pliii. III 52 Aelliicus Cosmogr. I 19 Foro Subverle
CIL. VI 2404 a I 11 Bormann CIL. XI p. 454.
3) CIL. XI 3040.
4) It. Ant. 286 Tab. Peut. Geogr. Rav. IV 36 Aethcius Cosmogr. I 19
(p. 80 Riese) CIL. XI p. 505.
5) Tab. Peut. Geogr. Rav. IV 36 entstellt Magnensis CIL. XI p. 505.
§ 5. Die Südmark. 345
Ausgang der Republik durch Anlage der Via Clodia gefördert worden.
Obwoi sie zu den Slaatslrafsen der Kaiserzeit gehört, steht ihr
Gang keineswegs fest.i) Von dem mit der Strafse zugleich errichteten
Forum Clodii am Sabalinersee rechnet die Reisekai te richtig 16
Millien bis Blera Rieda.^) Diese Sladt bietet ein hervorragendes
Muster der Ansiedlungen im Tafelland: sie nimmt eine schmale
von zwei zusammei>stofsenden liefen Schluchten geschützte Land-
zunge ein; die Wände der Schluchten sind von rcgelmäfsig ge-
ordneten Grabkammern durchlöchert; zwei alte RrUcken, Spuren
der Befestigung werden wahrgenommen. Die Gemeinde war der
Tribus Arnensis einverleibt. Blera ist 5 Millien von Forum Cassii
entfernt. >'ach der Reisekarte lülirt die Via Clodia von Rlera nach
Tuscana; halbwegs 8 Millien von einer jeden ist die stattliche unter
dem i\amen ISorchia bekannte Nekropole (155 m). Sie gehorte zu
einer kleinen verödeten Ortschaft von der wir nichts Näheres wissen.
§ 5. Die Sudmark.
Die Bodengestaltung der Landschaft die vom Ciminerwald und
Tiber begrenzt wird, ist im ersten Theil beschrieben worden (l 259):
sie liegt niedriger als das Tafelland und weist im Unterschied von
diesem zahlreiche Maare auf. Ihre geschichtliche Stellung erinnert
an die Nordmark: wie dort mit den Ligurern haben die Etrusker
hier mit italischen Stämmen um den Besitz zu kämpfen gehabt.
Freilich treten sie im Süden mit ganz anderer Wucht auf. Nörd-
lich vom Arno haben sie nur die Grenzfestimg Faesulae, südlich
vom Ciminerwald die mächtigen Zwolfstädte Veji und Caere be-
hauptet. Immerhin ist ihnen in keinem von beiden Fällen gelungen
die Eingeborenen zu erdrücken: im Osten wo der Tiber einen
grofsen Bogen um den Soracle beschreibt, bewahren Falisker und
Capenaten eine gewisse Selbständigkeit. Der Kampf der im Schofse
dieser Gemeinden zwischen einheimischem und etruskischem Wesen
geführt wird, wäre zu Gunsten des letzteren entschieden, das aus-
schliefsliche rein etruskische Gepräge das jenseits des ciminischen
Gebirges herrscht, wäre den diesseitigen Landen aufgedrückt worden,
1) It. Anl. 284 wird der Name irrtümlich auf die Cassia übertragen. Die
Peulingersctie Tafel läfst sie wie S. 335 A. 2 bemerkt, unmöglicher Weise von
Tuscana über Saturnia nach Succosa laufen.
2) Strab. V 226 Plin. III 52 Ptol. III 1,43 Tab. Peut. Geogr. Rav. IV 36
Aethicus Cosm. I 19 CIL. XI p. 507.
346 Kapitel V. Etrurien.
wenn nicht Rom die Fremdherrschaft innerhalb der eigenen Mauern
gestürzt und fortan in unablässigem Ringen ein Jahrhundert lang
auch aufserhalb niedergeworfen hätte. Als dies zu Anfang des vier-
ten Jahrhunderts erreicht und Rom damit italische Grofsmacht ge-
worden war, hebt das stete Zurückweichen der etruskischen, das
stete Vordringen der lateinischen Sprache au. Wie das Land zum
Theil von den Sieben Hügeln aus übersehen wird, erscheint es als
Weichbild der Hauptstadt, die erhaltenen Denkmäler gehören ihrer
Masse nach der römischen Epoche an. Sieben Heerstrafsen durch-
ziehen dasselbe vom Mittelpunct aus und gewähren einen festen
Anhalt für die Aufzählung der Städte und Ortschaften.')
xNachdem die Via Aurelia die Biegung des Cap Linaro hinler
sich gelassen hat, trifft sie auf die Station Punicum „zum Granat-
apfel" Sa. Marinella 2j, dann 8 Millien von Castrum novum auf die
uralte Hafenstadt Pyrgi Sa. Severa.3) Die Fundamente der Ring-
mauer aus hartem vieleckigem Kalkstein zeigen die aufserordentliche
Dicke von 3 — 5 m. Sie ergeben ein regelrechtes Trapez von 200 m
Breite und 220 m grofster Länge; doch bleibt die Möglichkeit dafs
ähnlich wie in Castrum novum (S. 334) das Meer ein Stück von
der Läugenausdehnuug verschluckt bat. Aber mehr als 4 — 5 ha
kann der Flächeninhalt innerhalb der Mauer nicht betragen haben;
wie weit die Vorstädte sich erstreckten, ist unbestimmbar. Vergii
zeichnet den Ort durch das Beiwort all aus; sein Name ist griechisch
und kehrt gerade wie der ISame ven Pisa in Elis wieder.^) Die
Kleinheit des Berings weist in eine Zeil zurück, als die Seevülker
1) I, H. Weslphal, Die Römische Kampagne in lopographisclier und anti-
quarischer Hinsicht, nehst Karte, Berlin und Stellin 1S29: eine hervorragende
Leistung wissenschaftlicher Wanderlust. A. Nibby, Analisi storico-topografico-
aniiquario della carta de' dintorni di Roma 3 vol. Roma 1837 2 ed 1848: die
Karle wurde 1822 fg. in Gemeinschaft mit Sir William Gell aufgenommen und
zuf-rsl 1827 veröffentlicht. W. Gell, Topography of Roma and its vicinity,
2 ed. London 1846. Vgl. die Litleratur zu Kap. IX.
2) Tab. Peul. Geogr. Rav. IV 32 V 2. Der Name hat gewifs nicht das An-
denken einer phoenikischen Factorei festgehalten 1 122 (Mommsen Rom. Gesch.
I 130 u. a.), sondern rührt wie so viele ähnliche von einem Wirtshausschild
her (S. .59).
3) Strab. V 225. 26 Mela II 72 Plin. 111 51 Ptol. III 1,4 It. Ant. 290. 301
mar. 49S Tab. Peut. Geogr. Rav. IV 32. 36 CIL. XI p, 546.
4) Bei den Griechen JJvgyoi, vereinzelt Steph. ßyz. Ilv^yrjaaa. Pyrgensis
Liv. XXV 3 Cic. de er. 11 287. — Verg. Aen. X 184 dazu Serv. Macrob. V 15,4.
CIL. XF 3710 nennt als Stadtgründer den Pater Pyrgensis.
§ 5. Die Südmark. 347
an fremden Gestaden ihre Burgen oder Factoreien gründeten. Der-
selbe umschlofs einen reichen Tempel der Leukothea oder Ilithyia
dessen Stiftung den Pelasgern zugeschrieben wird: Dionys d. ä. über-
fiel 384 V. Chr. das Heiligtum und erbeutete darin 1000 Talente, i)
In der Folge geriet Pyrgi in Abhängigkeit von Caere, wird in den
griechischen Quellen geradezu als dessen Hafen bezeichnet; doch
lehrt ein Blick auf die Karte dafs es diesem Zweck ursprünghch
nicht gedient haben kann. Allen Glauben beansprucht dagegen
die Nachricht dafs es ein Sitz der etruskischen Piraterie gewesen
sei. Nachdem die Römer die ganze Küste sich hatten abtreten
lassen, verpflanzten sie eine Bürgercolonie hierher, deren zuerst
191 V. Chr. beiläufig Erwähnung geschieht.^) In den Friedenszeiten
versorgt es den hauptstädtischen Markt mit Seefischen und wird als
Sommerfrische aufgesucht.^) Es bewahrt seine Selbstverwaltung,
bis das städtische Leben allmälich erlischt; um mit Rutilius zu
reden : Alsia praelegitur tellus Pyrgique recedunt,
7iunc villae grandes, oppida parva prius.
Von der Küstenstrafse abseits, im geraden Abstand 4 iMillien
von der See liegt die alte Zwölfstadt Caere*), unmittelbar daneben
das Dorf Ceivetri (81 m), zur Unterscheidung von dem Anfang des
13. Jahrhunderts 3 Millien weiter ostlich erbauten Ceri „das alte"
zubenannt. Caere nimmt einen von Nordost nach Südwest lang
gestreckten Tuffhügel ein , der von Norden her wo er mit dem
Grundstock des ansteigenden Binnenlandes zusammenhängt, zugäng-
lich, an den Lang- wie auch der Seeseite durch Thäler geschützt
ist. Den wirksamsten Schutz gewährt der im Osten vorbeifliefsende
Caeretamis amnis Fosso della Vaccina^); der in ihn einmündende
Bach der den Stadthügel im Westen unifafst und von der Nekro-
polis scheidet, ist unbedeutend. Aufser einigen geringfügigen Resten
der Ringmauer tritt von der alten Anlage nichts mehr zu Tage:
man will 8 Thore unterscheiden und den Umfang zu 5 km oder
darüber annehmen (S. 37). Um so bedeutsamer erscheinen die
Gräber die im ganzen Umkreis, vornehmlich auf dem ßanditaccia
1) Diod. XV 14 Arislot. Oek. II 20,9 Slrab. a. 0.
2) Liv. XXXVI 3.
3) Athen. VI 224 c Lucilius bei Serv. V. Aen. X 184 Sueton Ner. 5 Martial
XII 2 Rutil. Nam. I 223. CIL. XI p. 546.
4) Strab. V 220 Plin. III 51 Ptol. III 1,43 CIL. XI p. 533.
5) Verg. Aen. VIII 597 Plin. III 51.
348 Kapitel V. Efrurien.
benannleo jeoseit des westlichen VVasseilaiifs belindlichen Hügel-
rücken entdeckt worden sind. Unter ihnen übt die Grotta delle
Iscrizioni eine besondere Anzichuiiff aus. Die Kammer 12 m im
Geviert, durch zwei IMeiler gestützt, ist 16 m unter die Oberlläclie
herabgetrieben. In den Wänden sind 13 Betten ausgehöhlt, an
ihnen lauten Bänke hin, beides l'iir die Aufnahme der Leichen be-
stimmt. Auf dem Stuck der Wände ist 31 mal in etruskischer
Schrift der Name Tarchnas, 4 mal in lateinischer Tarqiiitius ange-
malt. Da nun zwei Sohne des letzten römischen Königs nach dessen
Vertreibung Zutlucht in Caere gesucht haben, so ist die Möglichkeit
gegeben dies Grab ihrer Nachkommenschaft zuzuweisen.') Der Ge-
brauch der lateinischen Sprache widerrät einen gar zu IrUhen An-
satz, andere Gräber reichen nach ihrer Ausstattung mindestens ins
sechste Jahrhundert hinauf. So schwer es auch hält einen gültigen
Mafsslab zu finden, scheint doch bei der Ausstattung der Todten
anderswo z. ß. in Tarquinii und Volci eine gröfsere Pracht entfaltet
worden zu sein. — Bei den Hellenen hiefs die Stadt "AyvlXa.'^)
Den Gelehrten galt sie als Gründung der Pelasger, die später von
den Etruskern erobert und Caere umgenannt worden sei. 3) Die
Sage erzählte von ihrem Tyrannen Mezentius dessen Arm schwer
auf Latium lastete^):
haut procul hinc saxo incolitur fundata vetusto
urbis AgyUinae sedes, ubi Lydia quondam
gens bello praedara iugis insedü Etruscis.
haue multos florentem annos rex deinde superbo
irnperio et saevis temitt Mezentius armis.
In der geschichtlichen üeberlieferung ist es diese Stadt die im
Bunde mit Karthago 532 v, Chr. die Phokaeer bei Alalia schlägt
und Corsica zu räumen nötigt. Wenn damals die Gefangenen auf
ihrem Markte zu Tode gesteinigt wurden, unterhielt doch Agylla
auch Iriedliche Beziehungen mit den Hellenen, hatte ein eigenes
Schalzhaus in Delphi und stand in dem Buf den Seeraub zu meiden.
Den Kunstkennern der Kaiserzeit bezeugten Gemälde das Alter des
1) Dennis Bull, dell' Inslit. 1847 p. 56 fg. CIL. XI 3626 Liv. I 60.
2) Herodot I 167 Lykophr. AI. 1355 Steph. Byz. Diod. XV 14 Dion.H.I 20
Dio fr. 33.
3) Dion H. 111 58 Strab. V 220 Verg. Aen. VII 652 VIJJ 478 XII 281 Plin.
III 51 Rutil. Nam. I 225 Serv. V. Aen. VIII 600.
4) Verg. Aen. Vill 478 Calo Or. frg. I 10 fg. Jordan Fest. 194 M.
§ 5. Die Südmark. 349
Verkehrs. 1) Auch mit Rom, wenn wir von angehlichen Kriegen
der Königszeit absehen 2), lebte Caere in guter Nachbarschaft, nahm
bei dem üeberfall der Gallier 390 die geflüchteten Heiligtümer in
seine Hut und erhielt zum Dank einen öfl"entlichen Gastvertrag. 3) Es
wird berichtet dafs im 4. Jahrhundert vornehme Römer für die
Ausbildung ihrer Söhne in etruskischer Sprache und Wissenschaft
davon Gebrauch machten."*) Jedoch ging es damals schon mit der
Stadt abwärts: sie vermochte 384 den Raubzug des Dionys (S. 347)
nicht abzuwehren und sah sich 353 veranlafst den drohenden An-
griff der Römer durch bedingungslose Unterwerfung abzuwenden. 5)
Nach einer Angabe die undalirt ist und möglicher Weise einem
späteren Jahrhundert angehört, mufste sie die Hälfte ihres Gebiets
abtreten : in der That ist die ganze Küste in römischen Resitz über-
gegangen. Im Zusammenhang damit erhielten die Caeriten Bürger-
recht ohne Wahlrecht: als die älteste unter den Halbbürgergemeinden
diente ihr Name zur Bezeichnung dieser Classe überhaupt.^) Sang-
und klanglos ist die Zwölfstadt dem römischen Unterthanenverbande
einverleibt worden.') Immerhin hat sie ihre Selbstverwaltung nicht
völlig eingebüfst: in Gemeinschaft mit den übrigen Etruskern unter-
stützt sie 205 den Scipio durch Lieferung von Getreide und
andere Zufuhr; nach Ausweis der Inschriften führt der oberste Re-
amte den altertümlichen Titel Dictator, neben ihm ist ein Aedil mit
der Rechtsprechung betraut.*) Wann Caere volles Rürgerrecht er-
langte und welcher Tribus es zugetheilt wurde, ist nicht bekannt.
Strabo erklärt dafs nur noch ein Schatten der einstigen Gröfse vor-
handen, dafs der benachbarte und stark besuchte Radeort Aquae
Caerües oder Caeretanae — die Bäder hegen 6 Millien nach Nord-
west und heifsen jetzt Ragni del Sasso^) (247 m) — besser be-
völkert gewesen sei. Indessen stand sein Weinbau in hoher Rlüte ^^) ;
1) Plin. XXXV 18. Nach Rhianos bei Stepli. ßyz. '^/vAAn Exportplatz
von Erz.
2) Dion. Hai. 111 58 IV 27 Liv. I 60 IV 61,11.
3) Liv. V 40. 50 Vli 20 Val. Max. I l.tO Fest. 44 iM.
4) Liv. IX .36.
5) Liv. VII 19 fg. Bio Cassius fr. 33.
6) Strab.V220 Gell. N.A. XVI 13 Hör. Ep.I 6.62 mit Schol. Fest. 127. 233 M.
7) Liv. XXI 62 XXII 1 XXVII 23 XXVIII 11 XLI 21.
8) Liv. XXVIII 45 CIL. XI 3593. 3614. 15.
9) Liv. XXII 1 Val. Max. I 6,5 Strab. V 220.
10) Coiumella UI 3 Martial XIII 124 VI 73.
350 Kapitel V. Etrurien.
auch beweisen die aufgefundenen Bildwerke und Bauten (z. B, ein
Theater) in üebereinstimmung mit den Inschriften dafs man sich
den Verfall in ilen ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung nicht
allzu grell vorstellen darf.
Als natürlicher Hafen von Caere ist das 5 Millien entfernte
Alsium Palo anzusehen, i) Der Name hatte wie derjenige von Pyrgi
einen griechischen Klang und wurde von den Alten auf die Pelas-
ger zurückgeführt."^) Einzelne sehr alte Gräber sind allerdings in
der IVähe aufgedeckt worden, aber unsere Kunde hebt doch eigent-
lich erst mit der römischen Epoche an. Nach seiner im 4. oder 3.
Jahrhundert erfolgten Abtretung wurde der Ort 247 einer Bürger-
colonie überantwortet 3) deren Besitzungen — wie der locus Alsie-
tinus Lago di Martignano (I 260) beweist-*) — bis 20 Millien land-
einwärts reichten. Noch unter Caracalla bezeichnet sich die Ge-
meinde mit dem anspruchsvollen Titel Colonie , obwol das Städt-
chen von den vornehmen Landhäusern verdunkelt und schliefshch
erdrückt wurde. Nachweisbar seit dem 2. Jahrhundert v. Chr. ist
dieser Strand ein Lieblingsaufenthalt der Grofsen gewesen: des
jüngeren Plinius Schwiegermutter fand hier senectutis suae nidulum,
der Prinzenerzieher Fronto maritimum et voluptarium locum; unter
den Villenbesitzern werden z. B. Pompeius, Caesar, Verginius Rufus,
Kaiser Marc Aurel erwähnt.^) Man kann die Trümmer ihrer An-
lagen Ost von Palo eine ganze Millie den Strand entlang ver-
folgen. — Alsiimi ist durch eine nach 6 Millien von der Via Aureha
abzweigende Nebenslrafse mit dem 18 Millien entfernten Ostia ver-
bunden. Halbwegs erreicht dieselbe Fregenae Macarese am rechten
Ufer des Arrone der aus dem See von Braciano abfliefst.^) Mit
den Worten obsessae campo squalente Fregenae kennzeichnet Sihus
die sumpfige Umgebung: nach dem Tiber hin zieht sich eine aus-
gedehnte Lagune Stagno di Ponente. Die Römer haben 245 v.
Chr. eine Bürgercolonie in dem Orte angesiedelt die noch unter
1) Slrab. V 225. 26 Plin. III 44. 51 Ptol. III 1,4 It. Ant. 301 Tab. Peut.
Geogr. Rav. IV 32 V 2 CIL. XI p. 547.
2) Dion. H. I 20 Sil. lt. Vlll 474.
3) Flor. 1 5 unbestimmbar; Velleius I 14,8 Liv. XXVII 38.
4) Frontii) de aqu. 11. 71.
5) Val. Max. VIII 1 daran. 7 Cic. pro. Mil. 54 ad Farn. IX 6,1 Alt. XIII
5ü,3fg.; Plin. Ep. VI 10; Fronto de feriis Alsielinis p. 223fg. Naber; Rutil.
Nani. 1 223.
6) Strab. V 225. 26 Plin. III 51 It. Ant. 300 CIL. XI p. 549.
§ 5. Die Südmark. 351
den Kaisern bestand, aber doch früher als ähnliche Gründungen
verscholl. 1) — An der Via Aurelia 11 Millien von Alsium, 12 von
Rom lag die Ortschaft Lorium.'^) Ausgrabungen in dieser Gegend
auf den Gütern Castel di Guido und Bottaccia haben eine beträcht-
liche Zahl von Inschriften ergeben und gelehrt dafs die hier im
2. Jahrhundert aufgeschlagene Kaisenesidenz viele Bewohner an-
lockte, Antoninus Pius ist in Lorium aufgewachsen und gestorben;
der von ihm erbaute Palast wurde gleichfalls von Marc Aurel
oft benutzt.3)
Die Küstenlandschaft wird von den Erhebungen überragt die
um den See von Bracciano sich reihen und nordlich von diesem
in der Rocca Romana ihren höchsten Gipfel 602 m aufsteigen
lassen (I 259). Der See heifst den Alten lacus Sabate oder Saba-
tinusJ) Die an vielen Seen verbreitete Sage die auf dem Grund
eine versunkene Stadt erschaut, wird auch von ihm berichtet 5) und
lebt noch heutigen Tages im Volke. Sie konnte sich um so leichter
festsetzen, als der W^asserstand bemerkenswerten Schwankungen
unterworfen gewesen ist. Der Spiegel ist gegenwärtig höher als
im Altertum: an der Westseite läuft eine gepflasterte antike Slrafse
unter Wasser. Da nämlich Leitungen für Rom aus dem See ge-
speist werden, hat man Stauwerke am Arrone errichtet und den
Abflufs geregelt. Auch im Altertum ist beiläufig von einem Vor-
rücken des Sees um 10 Fufs die Rede. — Eine gröfsere Stadt darf
nun freilich an seinen Ufern überhaupt nicht gesucht werden, wol
aber haben — das beweisen die erhaltenen Ruinen — sowol im
Norden bei Trevignano als im Osten bei Anguillara Ortschaften ge-
legen. Das letztere nimmt einen Vorsprung an der Bucht aus
welcher der Arrone abüiefst, also einen für Fischerei sehr günstigen
Platz ein. Der an Aalfang erinnernde Name ist durch eine leichte
Entstellung aus dem lateinischen abgeleitet: ein Rechtsfall erwähnt
1) Liv. XIX XXXII 29 XXXVI 3 Velleius I 14,8 Sil. It. VIII 475. Uebrigens
verdient Beachtung dafs die Handschriften der beiden letztgenannten Autoren
die Deminutivform Fregellae bieten.
2) It. Änt. 290 Tab. Peut. Geogr. Rav. IV 36 CIL. XI p. 549.
3) Vita Ant. 1,8 12,6 Eutrop VIII 8 darnach die Ausschreiber. Fronto an
Marcus II 15 III 20 V 7 an Ant. 1 1.3 de feriis Als. 1. 3.
4) Fest. 343 Abi. Sahate Dig. XVIII 1,69 Acc. Sabatenem Strab. V 226
Nom. ^aßcira; Sil. It. VIII 490 Sabatia stagna; Colum, VllI 16 Fronlin de
aqu. 71 lacus Sabatinus.
5) Sotion de mir. fönt. 41 überliefert üäxaros für Häßaros.
352 Kapitel V. Elrurien.
njimlicli laaim Snbateuem Angviarinm — wie auch heute der See
nach Trevignano und An<,Miillaia so gut wie nach Bracciano benannt
wird — d. h. die angedentele Ausbuciilung; daraus ist zu schliefsen
dafs der Vicus Sahate Angularia geheifsen haheJ) — Der Name
Trevignano sclieint allerdings von einem Landgut Trehonianum her-
zurühren , aber dafs hier einst eine befestigte Ortschaft gestanden,
lehrt ein Ueberi)leibsel ihrer Ringmauer. Auf diesen Ort darf ver-
mutungsweise der allein auf der Reisekarte verzeichnete Name Sahate
bezogen werden. 2) üehrigens ist nicht der See nach dem Ort,
sondern umgekehrt der Ort nach dem See benannt worden; denn
der Wortstamm begegnet an der Riviera zur Bezeichnung einer
Lagune, in Unleritalien zur Bezeichnung von Flüssen verwandt und
wird demnach wol Wasser bedeuten. — Spuren etruskischer Cultur
werden im Umkreis des Sees vermifst. Die Bewohner in gröfserer
oder geringerer Abhängigkeit von Veji sind nach dessen Sturz 387
als tribus Sabatina in die römische Bürgerschaft aufgenommen
worden.3) Wie diese nach dem See, scheint die gleichzeitig ge-
stiftete tribus Arnensis nach dessen Abflufs Arrone benannt zu
sein. 4) An städtischer Entwicklung steht das vulkanische Bergland
zurück. Die Censusliste des Augustus führt unter den Gemeinden
Etruriens Novem Pagi auf d. h. 9 zu einem Verwaltungskörper ver-
einigte Dorfschalten die wir auf der Karte ebensowenig mit Sicher-
heit unterzubringen wissen wie die in den ältesten Kämpfen zwischen
Rom und Veji erwähnten Septem Pagi am Tiber.'') — Am See sind
von einem Claudier Dorfschaften zu einer Praefectur zusammen ge-
fügt worden die als Praefectur a Claudia Foroclodi in der Census-
liste steht. Eine Inschrift unterscheidet die urbani von den übrigen
Claudienses ex praefectura Claudia. Das städtische Centrum der
Gemeinde Forum Clodi liegt auf dem westlichen Hügelrand des
Sees 2 Millien Nord vom heutigen Bracciano.^) Die im 8. und 9.
Jahrhundert entstandene Kirche der Märtyrer S. Marcus Marcianus
und Liberatus bezeichnet den Anfang der landeinwärts sich hin-
1) Mig. XVIII 1,69 CIL. XI 3773-76 Nibby, Analisi P p. 142.
2) Tab. Peilt. Geogr. Rav. IV 36 CIL. XI 3299 fg.
3) Liv. VI 5 Fest. 343 M.
4) Der Name kommt zuerst im 11. Jahrhundert vor s. Nibby l" p. 256
der an den etruskischen Vornamen /iruns erinnert.
5) Plin. III 52; Dien. H. II 55 V 31. 36. 65 Plut. Rom. 25.
6) Plin. III 52 Ptol. III 1,43 It. Anl. 286 Tab. Peut. Geogr. Rav. IV 36 CIL.
XI p. 502 Desjardins Ann. dell' Inst. 1859 p. 34 fg. Not. d. Scavi 1889 p. 5 fg.
§ 5. Die Sädmark. 353
ziehenden städtischen Anlagen, lieber dem Eingang zur Kirche
ist die aus augustischer Zeit stammende Aufschrilt einer Villa Namens
Pausilypon eingemauert: der schöne Blick über den weiten Spiegel
mit seinem Hilgelkranz rechtleitigt die Bezeichnung. Im ganzen
Umfang des Sees stufst man auf Trümmer von Landhäusern. —
Viel früher als deren Entstehung fällt, ist die im Nordwesten 1 km
vom See befindliche warme Mineralquelle von Vicarello aufgesucht
worden. Bei einem Umbau des auch jetzt (aber der Malaria wegen
nur im Frühhng) benutzten Bades wurden 1852 an 1000 kgr Weih-
gaben aus Kupfer Silber und Gold, darunter die I 23 erwähnten
Gaditaner Reisebecher aufgefunden. Zu unterst waren Spenden aus
kleinen Kupferstücken (über 10 000 im Gewicht von 400 kgr) da-
rüber gegossenes Schwerkupfer und endlich gewöhnliche Münzen
bis zur Regierung Traians herab: ein Beweis dafs das Bad seit
der alten Republik in ununterbrochenem Gebrauch stand. Ver-
schiedene Silberbecher tragen Widmungen an Apollo; es kann nicht
bezweifelt werden dafs das Bad Aquae Apollinares geheifsen habe,
so sehr dies auch dem Ansatz der Itinerarien widerspricht.!) Allzu
viel hat dies nicht zu bedeuten; denn das Strafsennetz in dieser
Gegend ist so verwickelt dafs die Postbücher es ebenso wenig wie
die heutige Forschung zu entwirren vermocht haben. Die nächste
und wichtigste Frage betrifft Lauf und Alter der Via Claudia oder
Clodia. Das zu ihr gehörige Forum ist älter als die Monarchie,
aber kein Schriftsteller gedenkt ihrer Erbauung. Nun heifst die
grofse Strafse von Luca und Florenz nach Rom im Reisebuch Clodia;
entgegen dem heutigen Sprachgebrauch heifst die bei Ponte Molle
von der Flaminia abzweigende Strafse nicht Cassia sondern Claudia;
endlich steht diese in der Aufzählung der südetrurischen Staat-
strafsen durchaus an erster Stelle.^) Daraus folgt freilich nur dafs
die Cassia von beiden die jüngere ist. Aber gegen die Annahme
als ob die das Arnus- und Clauislhal mit Rom verbindende Anlage
1) CIL. XI p. 496. Bei der Aufzählung bekannter Bäder nennt Martial VI
42,7 Phoebi vada: das Apollobad mufs entweder am Meer oder an einem
Landsee gesucht werden. Nun setzen lt. Ant. 300 und die Reisekarte überein-
stimmend Aquae Apollinares 12 Millien von Tarquinii; aber der Ansatz, mag
man ihn deuten wie man will, ist irrtümlich da im Umkreis von 12 Millien
von Tarquinii sich kein Bad vorfindet. Dagegen trifft der Ansatz des It. Ant.
19 Millien von Gareiae auf Vicarello zu.
2) It. Ant. 284 Ovid ex Ponto I 8,44 Fast. Praen. April 25 CIL. XI 6338
vgl. Borghesi oeuvres IV 131.
Nissen, Ital. LandeskTinde II. 23
354 Kapitel V. Etrurien.
ursprünglich von einem Claiulier herrühre, in der Folge von einem
Cassier umgebaut und theilweise vorändeit worden sei, macht die
im 3. Jahrhundert gewahrte Autonomie der Bundesgenossen be-
denklich (S. 52). Wahrscheinlich handelte es sich zunächst darum
für die zur Zeit des Pyrrhos in Südelrurien erworbenen Gebiete
eine binnenländische Verbindung nach Rom zu schaden, wie solche
bereits an der Küste bis Cosa (S. 299) durch Censor Aurelius her-
gestellt war. Ferner liegt es nahe in dem Censor 225 v. Chr.
0. Claudius Centho dessen Nachkommen den Patronat der claudischen
Praef'ectur führen, den Erbauer von Strafse und Forum zu erblicken. i)
Die Via Claudia hat vermutlich von der Ebene bei Viterbo in ge-
rader Südrichtung nach Blera (S. 345) und weiter Forum Clodii
geführt. Von hier läuft sie mit auf weiten Strecken erhaltenem
allem Pflaster südlich um den See nach Careiae Galera am Arrone.-)
Das Reisebuch rechnet von Careiae nach Forum Clodii zu hoch 17,
nach Aquae Apollinares 19, nach Rom richtig 15 Millien. Die
Reisekarte läfst es durch einen Nebenweg mit Vacanae Baccano
an der Cassia verbunden sein. Bei Forum Clodii wurde die Via
Claudia von einer Querstrafse gekreuzt die einerseits über Aquae
Apollinares nördlich um den See nach der Cassia führte, auf der
anderen Seite nach West dem Meer zulief. In letzterer Richtung
läl'sl sie sich etwa 9 Millien bis zu den Bädern von Stigliano ver-
folgen, heifsen Schwefelquellen die von den Alten benutzt wurden
ohne dafs wir ihren Namen kennen. Letzteres gilt auch von dem
verlassenen Dorf Monterano, an dem die Strafse vorbeiführt: es
nimmt die Stelle einer antiken Ortschaft auf einer vorn Mignone
und Bicchione umflossenen Landzunge ein, mehrere hundert Fels-
gräber aufweisend, lieber den weiteren Verlauf der Strafse von
Stigliano ab ist nichts Bestimmtes anzugeben, 3)
Viel bedeutender als die Sabaliner sind die Höhen des Ciminer-
1) CIL. XI 3310a.
2) Fionlin de aqu. 71 lt. Ant. 300 Tab. Peul. Geogr. Rav, IV 33 CIL. XI
p, 553,
3) Die Gegend ist aufserordentlich öde. Der Hirte der uns 1864 nach
Monterano hinüber führte und nachher in seiner ärmlichen Cnpanna speiste,
erzählte dafs jene alte Strafse die bei Stigliano sichtbar wird, durch den See
von Bracciatio gehe, darauf nach Rom und jenseit dem Albanergebirg sich
fortsetze, alles ganz richtig; in Betreff einer Fortsetzung nach Tolfa oder dem
Meer zu war iliin nichts bekannt, Ueber alte Gräber Bull dell'Inst, 1884 p. 193,
§ 5. Die Südmark. 355
Waldes i), dessen gestreckter Rücken eine unverächtliche Verkehrs-
schranke darstellte (1 257). Diese wird von zwei Strafsen durch-
brochen die beide von Sorrinum Viterbo (S. 344) auslaufen und in
Sutri sich wieder vereinigen. Die Via Cassia folgt dem Engpafs
der mit unmerklicher Steigung (465 m) vom inneren zum südlichen
Etrurien führt und das natürliche Ausfalisthor der Etrusker gegen
das Weichbild Roms abgiebt. Den Ausgang beherrscht Sutrium
Sutri (291 m).-) Anschaulich kennzeichnet Livius dessen Redeutung
mit den Worten urbs socia Romanis velut daustra Etruriae erat und
braucht bei der erstmaligen Erwähnung von ihm und Nepet das
gleiche Rild ea loca opposüa Etruriae et velut daustra inde portaeque
erant.^) Es nimmt einen von Ost nach West gestreckten rings von
Schluchten umgebenen Tuffelsen mäfsiger Ausdehnung ein und
scheint nur 3 Thore besessen zu haben: Reste der regelmäfsig ge-
schichteten Mauer sind erhalten. Die wichtige Festung ist im 4. Jahr-
hundert v. Chr. heifs umstritten worden. Sie geriet gleich nach
dem Fall Veji's in die Hand der Römer und wurde durch eine
latinische Colonie gesichert, ging während des gallischen Unglücks
an die Etrusker verloren, ward wieder erobert und 383 von Neuem
colonisirt.*) Sutrium ire war sprichwörtliche Redensart: hier stellte
sich die römische Landwehr im 4. und zu Anfang des 3. Jahr-
hunderts, wie in der Folge (I 74) nach Eroberung der Halbinsel
in Ariminum oder Pisae.^) Im grofsen Krieg 310 und 9 wurde
die Festung von den Etruskern belagert; noch 41 v. Chr. geschieht
ihrer bei den Kämpfen des Octavian und L. Antonius Erwähnung. ß)
Mit Nepet und anderen latinischen Colonien vereint erklärte sich
Sutrium 209 aufser Stande die im hannibalischen Kriege auferlegten
Lasten länger zu tragen.') Durch das iulische Gesetz erhielt es
Rürgerrecht in der Tribus Papiria und wurde von den Triumvirn
mit Veteranen belegt: die amtliche Rezeichnung colonia coniuncta
1) Gewöhnlicti silva Ciminia Liv. IX 35,8 36,1 37.11 38,4 X 24,5 Frontin
Str. I 2,2 Plin. II 211 C. saltus Liv. IX 36,14 Flor. I 12,3 C. vwns Liv, IX 36,11
37,1 Tab. Peut.
2) Streb. V 226 Plin. III 51 Ptol. 111 1,43 It. Ant. 286 Tab. Peut. Aelh. p.
80,76 Riese Geogr. Rav. IV 36 CIL. XI p. 489.
3) Liv. VI 9,4 IX 32,1.
4) Diod. XIV 98. 117 Liv. VI 3. 9 Vell. I 14 Steph. Byz.
5) Plaut. Gas. 111 1,9 Fest. 310 M.
6) Diod. XX 35 Liv. IX 32. 33. 35 Frontin Str. II 5,2; Appian b. civ. V 31.
7) Liv. XXVI 34 XXVIl 9 XXIX 15 Sil. It. VIII 491.
23*
356 Kapitel V. Etrurien.
Julia Sutrina die auf einer Inschrift begegnet, ist vielleicht so zu
deuten dafs Octavian zugleich mit den eigenen Veteranen des An-
tonius angesiedelt hat.i) Auch in der Censusliste bei Plinius er-
scheint es als kaiserliche Colonie und wird von Strabo zu den
etrurischen Mittelstädten gerechnet. Die günstige Verkehrslage be-
wirkte seine Erweiterung vor den Thoren ; für die Leistungsfähig-
keit der Bewohner legt ein kleines im Felsen ausgehauenes Am-
phitheater Zeugnifs ab. Unter den bürgerlichen Einrichtungen ist
die grofse Zahl der Pontifices bemerkenswert, desgleichen die Ver-
ehrung einer Göttin Hostia.^) Wenn eine im Felsen hergestellte
Kirche mit anschliefsenden Katakomben aus den ersten Jahrhunder-
ten unserer Zeilrechnung stammen sollte, so hätte das Christentum
sehr früh Boden gefunden ; jedoch scheint die Anlage während des
Mittelalters aus einem Grabe umgewandelt zu sein. — Die Via
Ciminia (S. 343) steigt von Sutri 4 Mühen nach Bonciglione (441 m),
sodann den Kraterwall der den lacus Ciminius Lago di Vico ^) im
Osten umgiebt, hinan der grofsen Poststrafse von Rom nach Florenz
entsprechend (1 258). Allerdings hat sie eine 400 m gröfsere
Steigung als die Cassia zu überwinden, aber zum Ersatz dafür den
Vorzug der Trockenheit: Wasserläufe deren auf der Strecke von
Viterbo nach Forum Cassii ein volles Dutzend zu überbrücken
waren, kommen hier kaum in Betracht. Wenn demnach die Cassia
erst 125 v. Chr. (S. 313) vom Staat kunstmäfsig ausgebaut worden
ist, so mag die Ciminia eher älter als jünger sein. Der heutige
Name des Sees ist von einem Vicus abgeleitet der an der Stätte
von Bonciglione (mit Felsgräbern und Inschriften) oder 3 km weiter
südlich bei S. Eusebio gesucht werden kann.
Die Via Cassia erreicht 12 Millien von Sutrium Baccanae am
Nordrand des ausgetrockneten Sees von Baccano (l 260) 21 Milben
von Rom.4) Vei oder Veii wird von der Cassia nicht berührt,
sondern am 12. Meilenstein (von Rom aus gerechnet) zweigt eine
Nebenstrafse ab die durch die Stadt führt und dann ad Sextum
beim 6. Meilenstein mit jener wieder zusammentrifft. Die Länge
1) Fest. 127 M. Feldm. 217 CIL XI 3254 Plin. III 51.
2) Tertull. Apol. 100; Dig. VIII 3,35.
3) Strab, V 226 Golum. VIII 16 Ammian XVII 7,13 Sotion 42 Verg. Aen.
VII 697 mit Schol. Sil. It. VIII 491 Tab. Peut. Vib. Sequ. p. 153 Riese.
4) It. Ant. 286 Tab. Peut. Geogr. Rav. IV 33. 36 Acta S. Alexandri 30. Sept.
p. 230.
§ 5. Die Südmark, 357
ist bei beiden gleich. i) Die Verse des Properz fallen dem Besucher
unwillkürlich in den Sinn:
heu Vei veleres! et vos tum regna futstis
et vestro positast anrea sella foro:
nunc intra muros pastoris bucina lenti
cantat et in vestris ossibus arva metunt.
In Weide und Ackerland ist die Stalte der langjährigen Neben-
buhlerin Roms umgewandelt; daneben liegt Isola Farnese ein von
kaum 100 fiebergelben Menschen bewohnter Weiler. Veji war nach
dem Wiederaufleben der Wissenschaften so völlig verschollen dafs
die Gelehrten es an den verschiedensten Orten in einem Umkreis von
60 Milben suchten : der richtige Ort ist erst nach Cluver nachge-
wiesen und im 19. Jahrhundert durch Ausgrabungen endgiltig ge-
sichert worden, 3) Nach dem durchstehenden Typus der südetruri-
schen Ansiedlungen liegt die Stadt auf einer bis auf die Nordwest-
ecke rings von Bachen umgebenen Tuffmasse (124 m). ,,Veji —
bemerkt Dionys *) — war die mächtigste Stadt der Etrusker, gegen
100 Stadien von Rom entfernt, auf einem hohen steilen Felsen
gelegen, so grofs wie Athen ... an Geräumigkeit — sagt er anders-
wo — stand es hinter Rom nicht zurück, besafs viel fruchtbares
Land theils im Gebirg theils in der Ebene, die reinste und der
Gesundheit zuträgUchste Luft, da weder ein Sumpf in der Nähe
schwere übelriechende Dünste entsendet, noch ein Flufs in der
Morgenfrühe kalte Nebel aushaucht, endlich reichliches und vor-
zügliches Quellwasser." Der Hauplbach heifst den Römern Cremera,
jetzt unterhalb Veji's Valca, vorher Fosso di Formello und bei
seinem Ursprung im Kessel von Baccano den er entwässert, Fosso
del Sorbo, seinen Namen nach den anliegenden Grundstücken
wechselnd. Von Nord nach Süd fliefsend umfafst er den Stadt-
hügel im Norden und 3 km lang im Osten. Unter spitzem Winkel
mündet in ihn der Fosso de' due Fossi ein der wie der Name be-
sagt aus zwei Armen entsteht: der eine umfafst die Stadt im Westen
und Süden und trennt sie in tiefer Schlucht strömend von Isola
Farnese, das in gleicher Art vom zweiten umgeben ist. Unterhalb
1) Das It. Ant. der Cassia folgend erwähnt Veji nicht, dagegen der Neben-
strafse folgend Tab. Peut. Geogr. Rav. IV 33 erwähnt es wie die Station,
2) Prop. V 10,27 Lucan VII 392 Flor. I 6,11.
3) Nardini, 1' antico Veio, Roma 1647 Holsten. ann. ad Cluverii It. ant. 529.
4) Dion. H. II 54 XII 15.
358 Kapitel V. Etrurien.
Veji's erweitert sich das Thal, die Ciemera mündet nach 6 Millien
in den Tiber dem verbündeten Fidenae gegenüber.*) Die natürliche
Festigkeit des Platzes ist künstlich gesteigert worden. An der
Nordseite beim Ponte Sodo fliefst die Cremera durch einen 75 m
langen unterirdischen Stollen der zu dem Zweck getrieben scheint
um dem Bach sein Bett unmittelbar am Fufs des Stadthügels zu
bereiten. Von der Ringmauer sind nur noch spärliche Reste sicht-
bar, manche im Lauf des 19. Jahrhunderts zerstört worden. Sie
war aus kleinen Tuffquadern geschichtet und gelegentlich zur Her-
stellung einer wagerechten Grundfläche auf Luftziegeln fundirt.
Der Umfang nicht genau bestimmbar beträgt 8 — 10 km (S. 37).
Der umschlossene Raum hat eine unregelmäfsige Gestalt die sich
nach SSO dem Zusammenflufs der beiden Bäche zuspitzt und in
einer kleinen Kuppe endigt. Die Kuppe heifst gegenwärtig
Piazza d'Armi und wird als die Arx mit dem berühmten Junotempel
betrachtet, in den die Rümer 396 v. Chr. vermittelst einer Mine
einbrachen. Die Hauptfläche die mit diesem Vorwerk nur durch
einen schmalen Nacken zusammenhängt, zerfällt in drei längliche
Streifen von denen der mittlere und längste von Nordwest nach
Südost 2 km mifsl. Das römische Municipium beschränkte sich im
Wesentlichen auf den östlichen Streifen, kaum ein Drittel des
Ganzen. In der Mauer sind 9 Tliore mit auslaufenden Strafsen
erkannt worden. Ueber das Verhältnifs der von Isola Farnese ein-
genommenen Höhe zur Stadt gehen die Ansichten auseinander: einige
Topographen verlegen hierhin die Arx, andere leugnen die Ver-
einbarkeit solcher Annahme mit der Erzählung vom Eindringen der
Römer. Der Einwand trifl^t zu, aber darum behält die Erwägung
nicht minderes Gewicht dafs die Vejenter eine so starke Citadelle
die kaum zwei Bogenschufs von ihren Mauern entfernt war, un-
möglich dem belagernden Feinde als Stützpunct preisgeben konnten.
Wir werden deshalb in Isola ein gesondertes Vorwerk erblicken
1) Dieser zuerst von Gluver aufgestellten und allgemein angenommenen
Gleichung widerspriclit Bunbury (in Smith Dictionary) mit Unrecht. Die An-
gabe des Dionys IX 15 dafs die Cremera nicht weit von Veji entfernt sei, ist
oh[ie Belang, weil der Schriftsteller sich nach der oben angeführten Be-
schreibung in den Kopf gesetzt hatte, dafs kein Flufs in unmittelbarer Nähe
den Bürgern durch Nebel lästig falle. Entscheidend für die Richtigkeit der
Gleichung ist die Nähe von Saxa Rubra Liv. II 49; ferner pafst die Schilde-
rung Ov. Fast. II 205 fg. auf die unbedeutende Acqua Traversa die allein sonst
in Frage kommen könnte, schlecht. Diod. XI 53 Gell. N. A. XVII 21,13.
§ 5. Die Südmark. 359
das die Hauptfestung deckte ähnlich wie das Janiculura Rom.
MögUcher Weise ist dies die älteste Niederlassung gewesen, die der
Schöpfung der Grofsstadt vorausgeht. — An Ausdehnung überragt
Veji alle übrigen etruskischen Städte , auch die beiden gröfsten
Volaterrae (S. 301) und Tarquinii (S. 329). In der nationalen
Gemeinschaft nimmt es eine Sonderstellung ein, hielt namentlich
im Gegensatz zu den Bundesgenossen am Königtum fest.i) Sein
Reichtum wird hervorgehoben, seine Kunstfertigkeit^): um das
Tempelbild auf dem Capitol zu fertigen ward ein vejentischer
Künstler berufen ; die aufgedeckten Gräber bestätigen diese An-
gaben, wenn sie auch lange nicht die gleiche Pracht wie in den
Seestädten enthüllen. Nach dem gallischen Brande wollte die
römische Plebs die verwüstete Heimstätte mit dem viel bequemeren
besser ausgestatteten und gebauten V'eji vertauschen: aber die Staats-
männer hatten Recht dem Verlangen gegenüber die Ungeheuern
Vorzüge der Lage Roms zum Meer wie zum Binnenland zu preisen
(I 316 A. 7). Die natürlichen Vorzüge der Lage haben in dem
Kampf auf Leben und Tod der zwischen beiden Städten geführt
worden ist, das entscheidende Wort gesprochen. — Unter einer
stammfremden Bevölkerung haben die Etrusker in der Südmark
eine binnenländische Herrschaft aufgerichtet gleich den Spartanern
im Thal des Eurotas. Veji mag in seiner Glanzzeit ein Gebiet von
40 — 50 d. Gevierlmeilen von den Höhen des Ciminerwaldes und
Soracte bis zum Meer in gröfserer oder geringerer Abhängigkeit
gehalten habend): südlich vom Tiber ist ihm Fidenae eng ver-
bündet. Die Annalen berichten von 14 Kriegen die es mit Rom
ausgefüchlen haben soll. Auf die Einzelheiten ist nicht viel zu
geben, aber die allmälich von diesem gemachten Fortschritte
werden in ganz glaubwürdiger Weise gezeichnet. Romulus eröffnet
den Kampf um die Freiheit der Tiberschiffahrl und gewinnt am
rechten Flufsufer die Septem Pagi (S. 352): aus dem der Stadt zu-
nächst gelegenen Erwerb wird die tribus Romulia oder Romilia
gebildet.4) Unter Ancus Marcius wird die silva Mesia, vermuthch
1) Liv. V l Fest. 322 M. Namen von K<5nigen Liv. IV 17 Serv, V. Aen.
VII 697 VIII 285 Cic. Phil. IX 4.
2) Piin. XXXV 157 Liv. V 20. 24 Plut. Garn. 2.
3) Das Flufsufer gegenüber dem Marsfeld von Rom heifst noch zur Kaiser-
zeit ripa yeienlana (Kap. IX 1).
4) DioD. H. II 53 fg. Plut. Rom. 25. Liv. I 15 Varro LL. V 56 Fest. 271.
360 Kapitel V. Etrurien.
ein Küstenwald samt der Tibermündung und den anslofsenden La-
gunen gewonnen, zur Sicherung des Gewonnenen Ostia gegründet.*)
Veji war damit von der natürlichen und wichtigsten Verbindung
mit dem Meer die der Flufs darbot, abgeschnitten. Nach Vertreibung
der Tarquinier und der blutigen Schlacht bei der silva Arsia un-
weit der Grenze am Janiculum erlangte es zwar durch den etrus-
kischen Bund das verlorene Gebiet zurück, vermochte es jedoch
nicht zu behaupten. 2) Bei dem Auszug der Fabier 479 v. Chr. ist
die römische Grenze 6 Millien stromaufwärts bis in die INähe der
Cremera vorgeschoben.-^) Den Punct den die tapfere Schar be-
festigte, sucht man mit Recht auf dem Hügel (67 m) der au der
Ausmündung der Cremera in das Tiberthal am rechten Ufer des
Baches reichlich 50 m über der Thalsohle ansteigt: von hier wird
sowol die Niederung des Flusses auf- und abwärts als der unmittel-
bare Verkehr zwischen Veji und Fidenae beherrscht. In der Folge
dreht sich der Kampf um Fidenae den Brückenkopf der Vejenter
auf dem linken Tiberufer, der endlich 426 fällt. Seinen Abschlufs
findet der Kampf durch eine Belagerung der nach dem Vorbild der
trojanischen zehnjährige Dauer beigelegt wird. 4) Die Sage läfst
Veji durch eine Mine erobert werden; mit mehr Grund kann der
Abfall seiner Unterthanen als Ursache des Untergangs betrachtet
werden. Die Abgefallenen erhielten zum Theil Bürgerrecht und
»aben durch römische Ansiedler verstärkt den Grundstock ab für
die 387 gebildeten vier neuen Tribus (S. 88)^). Unter diesen
befafsl die nach dem campus Tromentus benannte Tromentma das
Weichbild von Veji.*) — Die Stadt war in feierlicher Weise dem
Untergang geweiht worden; trotzdem scheint sie als Markt oder
Flecken fortbestanden zu haben. ^) Jedenfalls blieb ihr Name an
dem ager Veiens haften. 8) Caesar hatte hier Landanweisungen sei
es geplant sei es wirklich ausgeführt. 9) Unter seinem Nachfolger
feierte sie zwar nicht als Colonie, sondern als municipium Augustum
1) Liv. I 33 Dion. H. III 41.
2) Liv. II 7. 14fg. Val. Max. I 8,5 Plut. Publicola 9,1 Dion. H. V 14 fg.
3) Liv. II 49,9 Dion. H. IX 15.
4) Diod. XIV 16. 43. 93 Liv. IV 58— V 25 Plut. Cam. 2 fg.
5) Liv. VI 4. 5 Vell. I 14,1.
6) Fest. 367 CIL. XI p. 557.
7) Macrob. Sat. lil 9,13 Liv. XXVII 37 XXXII 9 Cic. de leg. agr. II 96.
8) Liv. XXVI 34 XLI 21 XLII 2 Cic. pro Rose. Amer. 47.
9) Cic. Fam. IX 17,2 Feldm. 220 fg. 223 Lachm.
§ 5. Die Södmark. 361
Vetetis ihre Auferstehung. *) Aus den Inschriften ersehen wir dafs
die Stadträte Centumvirn, die Bürgermeister Duovirn heifsen, dafs
der Kaisercult eifrig gepflegt wird und ähnhche Aeufserungen klein-
bürgerlichen Lebens. Obwol die neue Gründung sich auf einen
Bruchtheil der alten beschränkte, hat es ihr an äufsereni Glänze
nicht gefehlt: um von anderen Fundstücken zu schweigen, verdankt
die Halle an Piazza Colonna in Rom ihre Säulen den hiesigen 1810 fg.
angestellten Ausgrabungen. Der Bestand der Stadt läfst sich bis
ins 4 Jahrhundert aus den Denkmälern verfolgen; das heutige Isola
taucht in einer Urkunde von 1003 zum ersten Mal auf. — Das
Gebiet war den Römern wegen seines geringen Weins bekannt 2),
lieferte indefs auch Edelsteine. 3) Seine Ausdehnung in der Kaiser-
zeit läfst sich nur annähernd umschreiben. Ausdrückhch wird an-
gegeben dafs es am Tiber aufwärts bis zum 16. Meilenstein von
Rom, also bis Riano und jenseit Monterotondo refchte.^) 6 Millien
Nord von Veji erhebt sich 402 m hoch der Monte Musino (I 260):
der Name scheint alt zu sein, da eine hier gefundene Inschrift dem
Juppiter Tonans und Hercules Musinus geweiht ist. Am Abhang
befindet sich ein Feld mit so zähem Erdreich dafs es nach starkem
Regen von der Pflugschar nicht durchbrochen werden kann: aus
dieser Uebereinstinimung mit einer Angabe bei Plinius zieht Nibby
den Scblufs dafs hier die arae Muciae zu suchen seien. &) Auf
andere Puncte des vejentischen Gebiets kommen wir gelegentlich
zurück.
Aus Umbrien führen zwei Hauptstrafsen durch die Südmark
nach Rom. Die via Amerina nach dem 56 Millien entfernten
Ameria benannt (Kap. VI 2), mündet am 23. Meilenstein hinter
Raccanae (S. 356) in die Cassia ein. 6) Möglicher Weise kommt der
Name nur dem 21 Millien langen Stück von Ameria bis Falerii zu,
während das Stück von Falerii bis zur Cassia mit 12 Millien via
1) Strab. V 226 Plin. 111 52 Tab. Peut. Geogr. Rav. IV 33 Aelh. Gosm. 1 19
2) Horaz Sat. II 3,143 Fers. 5,147 Martial 1 103,9 II 53,4 111 49.
3) Plin.XXXVlI 1S4.
4) Plin. III 53.
5) CIL. XI 3778 Plin. II 211 Nibby I 216. Die italienische Generalstabs-
karte hat den M. Musino nicht, sondern giebt als höchsten Punct des Rückens
bei Scrofano den M. Rroccoleto mit nur 368 m an.
6) Tab. Peut. CIL. IX 5833.
362 Kapitel V. Etrurien.
Aiinia hiefs.i) Es kann aber auch eine in westöstlicher Richtung
laufende, die Amerina bei Falerii rechtwinklig schneidende Strarse
darunter verstanden werden, deren Anfang und Ende noch festzu-
stellen bleiben. Spuren der Tiberbrücke welche vom umbrischen
auf etrurischen Boden, von Castellum Amerinum nach Horta Orte
(134 ni) führte, sind wahrnehmbar.^) Horta hatte Stadtrecht und
gehörte zur Tribus Stellatina. Es liegt hoch über dem Tiber (51 m),
weist auch Gräber und andere Reste aus dem Altertum auf. Man
ist versucht diese iNiederlassung den Fahskern zuzuschreiben , da
der Stamm sich jedesfalls weiter erstreckt hat als die seinen Namen
tragenden Gemeinden. — Die Falisker haben in der älteren Ge-
schichte keine unbedeutende Rolle gespielt; die im letzten Jahr-
zehnt mit Eifer und Erfolg betriebene Erforschung ihrer Cultur
verleiht ihnen eine erhöhte Anziehungskraft. 3) Nach Cato's Vor-
gang legt die Geschichtschreibung den Faliskern einen griechischen
Ursprung bei und leitet sie von dem Argiver Halesus einem Sohn
Agamemnons als Stammvater her; vereinzelt werden sie mit den
Nülanern und Abellanern in Campauien zusammen als chalkidische
Colonisten bezeichnet. *) Vergleichsweise früh sind sie in den Ge-
sichtskreis der Hellenen eingetreten und haben nach einem durch
die merkwürdige Uebereinstimmung der Ortsnamen bestätigten Be-
richt ausgedehnte Eroberungen in Campauien gemacht. Letzteres
im Bunde mit den Etruskern (I 513). Es ist wol denkbar dafs edle
Geschlechter dieses Volkes ähnlich wie in Rom Aufnahme landen
und zur Herrschaft gelangten. Aber im Grofsen und Ganzen be-
wahren die Falisker Veji gegenüber ihre Selbständigkeit, ergreifen
in dem langwierigen Duell zwischen Veji und Rom eher für dieses
als für jenes Partei. Damit steht durchaus nicht im Widerspruch
dafs sie mehrfach die Waden mit den Römern gekreuzt, den Fall
1) CIL. XI 3U83. Dafs nicht Annia und Ainerlna verschiedene Namen für
ein und dieselbe Strafse sein können, wie man annimmt, lehrt CIL. IX 5833.
In der Inschrift 214 n.Chr. Bull. com. 1884 p.8 wird /innia cum ramulis erwähnt.
2) Verg. Aen. VII 716 Plin. IIl 52 Geogr. Rav. IV 33 Paul. h. Lang. IV 8
CIL. XI p. 463.
3) Der Ertrag der Ausgrabungen füllt das Museum in der Villa di Papa
Giulio zu Rom, die wissenschaftliche Veröffentlichung liegt in den Monumenti
antichi dei Lincei IV 1894 vor. W. Deecke, die Falisker, eine geschichtlich-
sprachliche Untersuchung, Strafsburg 1888.
4) Gate bei Plin. III 51 Dion. H. I 21 Steph. Byz. ^aXla^os Ovid. Am. III
13,31 Fa«««. IV 73 Serv. V. Aen. VII 695 Solin 2,7; dagegen Justin XX 1,13.
§ 5. Die Südmark. 363
Fidenae's 427 wie denjenigen Veji's 402 v. Chr. zu hindern ver-
sucht haben. 1} Auf den Friedensschlufs 394 folgt eine Zeit freund-
schaftlichen Einvernehmens bis 357, wo sie die Tarquinienser mit
Fieischaren unterstützen. 2) In dem grofsen Krieg jedoch der am
Ausgang des Jahrhunderts um die Freiheit Italiens entbrannte, stehen
sie offen auf Seiten der Römer und wechseln erst das Lager 293
als es schon zu spät war. 3) Uebeihaupt ist es das Verhängnifs der
faliskischen Politik gewesen dafs die Entscheidung gegen Rom immer
zu spät von ihr getroffen wurde. Am Stärksten tritt solches in dem
tollen Aufstand zu Tage der 241, vielleicht durch die damaligen
Coloniengründungen (S. 350) und Gebietsverschiebungen in Sud-
etrurien veranlafst, unternommen und in 6 Tagen niedergeschlagen
ward. 4) Dafs die Resiegten mit besonderer Milde behandelt worden
seien, wie gelegentlich behauptet wird, kann man eben nicht sagen.
Nach dem ausführlichsten Rericht wurden ihnen Waffen Pferde
fahrende Habe Sklaven und die halbe Feldmark abgenommen, nach-
her die alte auf einem steilen Rerge gelegene Stadt zerstört und
eine leicht zugängliche erbaut. — Das alte 241 zerstörte Falerii
ist das heutige Civila Caslellana, der natüiliche Mittelpunct der west-
lich vom Soracte aus den Abdachungen der Ciminer und Sabatiner
Höhen nach dem Tiber gebildeten Landschaft. Unter den vielen
Wasserläufen die in Ost- und Nordost -Richtung den Tuffboden
durchfurchen, ist die Treia der ansehnlichste. Reichlich 6 km vor
ihrer Mündung in den Tiber nimmt die nordwärts fliefsende Treia
links den Rio Saleto oder Ricano und 600 m weiter den Rio Maggiore
auf. Damit wird ein längliches Plateau von 10 — 1100 m Länge
und 400 m Breite, der alte Stadtboden durch die drei genannten
Bäche umschrieben. Bei einer Meereshöhe von 145 m überragt
derselbe die umliegende Landschaft nicht, ist aber rings durch
schauerliche 60 — 70 m tiefe Schluchten gedeckt, die im Durch-
schnitt 100 m breit in der Regenzeit bedeutende Wassermengen
bergen. Nur die Westseite entbehrt auf 150 m des natürlichen
Schutzes: diese Strecke war durch Wall und Graben nach Art des
servianischen Agger in Rom gesichert. Uebrigens war der ganze
Umkreis der Stadt ummauert und zwar nach den erhaltenen Resten
1) Liv. IV 17fg. V 8—27 Diod.XIV96.98 Dion.H.XIlI 1 Plut. Cam. 9fg. u. a.
2) Diod. XVI 31 Liv. VII 16—22.
3) Liv. X 12. 14. 26. 45 Zonar. VIII 1.
4) Pol. 1 65 Liv. XlXValer. Max. VI 5,1 Eutropll 2S Zonar. VIII 18. Fast. Gap.
364 Kapitel V. Elrurien.
zu schliefsen mit iingewolinlicli grofsen TufTblöcken. Der Maiierring
hat eine LSnge von 26 — 3000 m, etwa so viel wie Pompeji, aber
mit viel kleinerem Inhalt (S. 37). Dazu kommt im Nordosten
eine abgesonderte kleine Kuppe welche die Arx einnahm. Wie sehr
die freie Bewegung des Angreifers durch die bündelfOrmig hier zu-
sammen strömenden Bäche eingeengt ist, lernte der Beisende vor
etlichen 30 Jahren, als eine der beiden zur Stadt führenden Brücken
eingestürzt war, durch eine Geduldprobe kennen: um nämlich die
Sladt zu erreichen mufste die Post einen Umweg von 6 Millien
machen. Aus dem allen erhellt die ungemeine Festigkeit des Platzes,
die von den Alten treffend hervorgehoben wird.') Die Nekropolen
in der Umgebung führen das Eindringen etruskischer Sprache, den
Import griechischer Vasen, die Leistungen des einheimischen Ge-
werbes vor Augen. Unter den Ergebnissen der jüngsten Ausgrabungen
ist das lehrreichste die Auflindung eines Tempels innerhalb und
eines anderen nordöstlich unweit der Stadt am Bio Maggiore, deren
bunt bemalte Terracottabekleidung den älteren Baustil vor der Ver-
breitung des Marmors veranschaulicht. Stromaufwärts an der Treia
ist 9 km von Civita Castellana ein ähnlicher Sitz der Falisker bei
Calcata an einer Narce genannten Oertlichkeit entdeckt worden:
leider bleiben wir über den INamen des oppidum im Unklaren. —
Nach der Unterwerfung 241 verloren die Falisker ihre Selbständig-
keit und wurden, so scheint es, der Bürgerschaft ohne Stimmrecht
einverleibt. 2) An die Stelle der alten Stadt trat in geringer Ent-
fernung ein offener Flecken Aequnm. Fah'scum an der Via Flaminia.^)
Nur die Tempel der Götter, insbesondere der Tempel der Haupt-
göttin Juno Curitis oder Quiritis, wie sie auf den Inschriften heifst,
belebten die verlassene Höhe. 4) Der politische Sitz der Gemeinde
wurde 5 km weiter westlich an einem neuen Ort aufgeschlagen.
1) TiöXie iQVfivTi Zonar. VII 22 VllI 18 Plut. Cam. 9 Liv. V 26 Ovid. Am.
III 13,6. 34.
2) Liv. XXil 1 Plut. Fab. M. 2 Piin. VII 19.
3) Verg. Aen. VII 695 mit Schol. Sil. It. Vlil 489. Die Lage des Fleckens
ergiebt sich aus Stiab. V 226 und Tab. Peut. freilich mit weitem Spielraum;
denn der Lauf der Flaminia ist auf der Karte völlig verzeichnet. Der Name
Aequo Falsico ist einfach zu bessern in Aequo Falisco , aber Intermanana
nicht zu enträtseln und deshalb läfst sich aus den Entfernungsangaben kein
sicherer Schlufs ziehen.
4) Ovid. Am. III 13 vgl. Fast. VI 49 Plut. Parall. 35 TertuU. Apol. 24. —
Ov. Fast. III 837 fg. Macrob. Sat. I9,13Serv. V. Aen. VII 607. — Ov. Fast. III 89.
§ 5. Die Südmark. 365
Das Deue Falerii Falleri (203 ra) hat die Form eines Dieiecks mit
abgestumpften Winkeln.') Die längste die südwestliche Seite wird
durch den Miccino gedeckt der bei Civita Castellana mit dem Rio
Maggiore zusammen ttiefst. Die Annäherung von Nord und Ost
wird zwar auch durch Wasserläufe erschwert, doch befinden sich
diese in einiger Entfernung, so dafs die Mauer an den beiden ge-
nannten Seiten im Wesentlichen sich selbst schützen mufs. Die
Mauer aus regelniäfsigen Quadern (Schichthöhe 2' röm. = 592 mm)
errichtet, 56' röm. hoch 7 — 9' dick steht noch grofsentheils und
gewährt ein bemerkenswertes Beispiel der Befestigungskunst des 3.
Jahrhunderts v. Chr. Bei einem Umfang von nur 7125' (ca. 2100 m)
weist sie nicht weniger als 80 um 10' vorspringende Thürme und
8 oder 9 Thore auf (etwa 50 Thürme sind erhalleu); demnach ist
die Vertheidigung nicht auf ferntragende Geschütze sondern nur auf
Handwurfwaffen eingerichtet. Es bat geringe Wahrscheinücbkeit
dafs diese Festung zur Aufnahme der unterworfenen Falisker be-
stimmt gewesen sei: eher werden wir uns römische Parteigänger
in ihr angesiedelt denken. Aber N'achricbten fehlen um die 241
getroffenen Anordnungen im Einzelnen zu erkennen. In der Folge
ist die Horatia die Tribus der Bewohner. Zur Zeit Cicero 's scheint
die Gemeinde herabgekommen zu sein^), erhielt aber unter den
Triumvirn eine Colonie und theilte den allgemeinen Aufschwung
der die Errichtung der Monarchie begleitete. Der Titel Colonie
begegnet freilich erst auf Inschriften des 3- Jahrhundert n. Chr.,
mufs also früh bei irgend einer Gelegenheit ihr aberkannt und
später wieder verliehen worden sein. 3) Im Uebrigen künden die
Denkmäler den herrschenden Wolstand: ein Theater innerhalb und
ein Amphitheater (Arena 54,3 X 32,7 m) aufserhalb der Mauer.
Die Feldmark erstreckte sich vom Soracte bis auf den Cimiuerwald.
Die Viehzucht war hoch entwickelt: die weifsen faliskischen Rinder
wurden in Rom mit Vorliebe geopfert, die Raufe an der Krippe,
die Magenwurst galt als faliskische Erfindung.*) Eine altertümliche
Inschrift imperatoribus summeis d. h. Juppiter Juno nnd Minerva
1) Strab. V 226 Plin. III 51 Ptol. HI 1,43 Tab. Peut. Geogr. Rav. IV 33.
2) Gic. de leg. agr. II 66.
3) Feldm. 217 colonia Junonia quae appellatur Faliscos Plin. III 51
col. Falisca quae cognominatur Elruscorum.
4) Plin. II 230 Ovid. Am. III 13,13 Fast. 1 84 ex Ponto IV 8,41 ; Gato RR.
4. 14; Varro LL. V 111 Martial IV 46,8 Stat. Silv. IV 9,35.
366 Kapitel V. Etrurien.
geweiht, rührt von einer in Sardinien thätigen Gilde faliskischer
Köche her.i) Obst- und Weinbau Bienenzucht wird betrieben,
namentlich aber der Anbau von Flachs und dessen Verarbeitung. 2)
Eine Anzahl topographischer Daten via Campana v. Augusta v.
Sacra u. a. werden erwähnt, entziehen sich jedoch genauerer Be-
stimmung. Im Mittelalter siedelten die Bewohner des neuen Falerii
nach der ursprünglichen Heimat in Civita Castellana über. Die
innerhalb der römischen Ringmauern befinilliche im 12. Jahrhundert
erbaute Abtei S. Maria di Falleri ist nachgerade auch verfallen: Aus-
grabungen 1821. 59 fg. haben viele Einzelheiten der Römerstadt
ans Licht gefördert. — Mehrere Hauptfragen hairen noch immer
ihier Lösung. Die Alten führen Fescennia als zweite Stadt der
Falisker neben Falerii auf.3) Von ihr werden die römischen Hoch-
zeitlieder hergeleitet/*) Sie hat in dem augustischen Verzeichnifs
selbständiger Gemeinden einen Platz, mufs aber trotz ihres litter-
arischen Ruhmes unbedeutend gewesen und früh verschollen sein.
Die Lage ist unbekannt: man hat Corchiano an der Via Amerina,
Gallese unweit derselben und andere Orte in Vorschlag gebracht.
Von Falerii durchmifst die Via Amerina 5 Millien nach Nepet
oder Nepete, verkürzt Nepe Nepi (225 m). 5) Die Lage auf einer
von tiefen Schluchten umgebenen Tuffinsel ist aufserordentlich fest.
Nur von Westen her wo sie mit der Hochfläche (233 m) zusammen-
hängt, kann ein Angriff mit Aussicht auf Erfolg unternommen
werden: an dieser Seite steht noch ein 19 Schichten 38' röm.
hohes Stück der alten Mauer. Ob der ganze Umkreis von etwa
2 km ummauert war, läfst sich nicht mit Bestimmtheit behaupten.
Trotz seiner Festigkeit hat der Ort in der Mitte zwischen Faliskern
und Vejentern keine unabhängige Hallung bewahren können, sondern
die Schicksale Sutriums mit dem er mehrfach zusammen erwähnt
wird (S. 355), getheilt.6) Zu Anfang des 4. Jahrhunderts rang eine
1) CiL. XI 3078.
2) Ovid. Am. III 13,1 ; Gell. N. A. XX 8,1; Varro RR. IH 16; CIL. XI 3209
cnllegimn] llnti(in[nvi quorf consistit] Fale[rüx] Sil. It. IV 223 Gratii Cyn. 40.
3) Dion. H. I 21 Verg. Aen. VII 695 Piin. III 52 Solin 2,7.
4) Fest. 85 Serv. V. Aen. Vil 695 Hör. Ep. II 1,1 45 n. a.
5) Nacli den Grammalikern ist Nepet die richtige Form und indeclinabel
Charis. I 15 Priscian V 40 VI 22, doch kommt Nepete hänfig vor und seit
dem 2. Jahrhundert n. Chr. Nepe ; Steph. Byz. Neneroe; Et\M\\kon Nepesinus.
CIL. XI p. 481.
fi) Liv. V 19 VI 9. 10. 21 X 14 XXVI 34 XXVII 9 XXIX 15 Vell. I 14
Sil. It. VllI 489 Fest. 127 Feldm. 217.
§ 5. Die Südmark. 367
etruskische Partei der Bewohner mit eiuer römischen um die Ober-
hand: jene lieferte 386 die Stadt au die Etrusker aus, aber die
Römer drangen im Sturni ein und hielten blutiges Gericht. 374
erhielt Nepet eine latinische Colonie, die dem 8 Millien entfernten
Sutrium als Rückhalt und als Deckung gegen die Falisker diente,
durch das iulische Gesetz Bürgerrecht und Aufnahme in die Tribus
Stellatina. Die Triumvirn siedelten hier Veteranen an. Nach den
Inschriften hat das Städtchen die gewöhnlichen Aemler und Ein-
richiungen eines Municipium gehabt; in der Lilteratur wird es nur
beiläufig erwähnt, bis seine mihtärische Stärke in den Gothenkriegen
erprobt wurde und ihm vorübergehend im 8. Jahrhundert den Sitz
eines Herzogtums verschaffte.')
Die Via Amerina hat lediglich eine landschaftliche Bedeutung
gehabt, die Via Flaminia war eine \Yeltstrafse. Von Ocriculum her
(Kap. VI 2) überschritt sie 3 Millien oberhalb des heutigen von
Sixtus V erbauten Ponte Feiice den Tiber. Die Brücke ist wol
bereits im Mittelalter zerstört worden: ihre Trümmer le Pile
d'Augusto genannt, erinnerten an die grofsariige Erneuerung der
Strafse durch Auguslus. Dieselbe hielt durchweg eine kürzere Rich-
tung ein als die heutige, liefs namentlich das alte Falerii 2 — 3 Millien
rechts liegen. Von Aequnm Faliscum war oben S. 364 die Rede.
32 Millien von Rom verzeichnen die Reisebücher die Station Aqua-
viva wo der heutige Weg nach Civita Castellana von dem alten ab-
zweigt: der Name stammt von einer reich sprudelnden Quelle und
ist der Osteria dell' Acqua viva verblieben. 2) — Der Soracte bis
dahin in verkürzter Gestalt gesehen, enthüllt nachgerade seine ganze
Ausdehnung. Dieser einsame Berg fesselt den Blick in Latium und
dem in der Luftlinie 40 km entfernten Rom: wenn sein steiles der
Mittagsonne ausgesetztes Gehänge den Schnee hält (I 401), so
herrscht strenge Kälte. Den Umwohnern galt er als heilig wie
Vergil bezeugt 3): summe deum sancti custos Soractis Apollo. Ein
losgelöstes Glied des Appennin (l 238) wird der graue Kalkfelsen
bis zur Höhe von 350 m von Tuff eingefafst. Er streicht als
schmaler Rücken von Südost nach Nordwest reichlich 4 km lang,
mit 6 Spitzen ungleicher Erhebung, nach beiden Seiten jäh ab-
1) Strab. V 226 Plin. III 52 Ptol. III 1,43 T;.b. Peuf. Geogr. P.av. IV 33
Aelh. Cosm. I 19,75 Prokop. b. Goth. IV 34.
2) It. Hier. 613 mutalio Tab. Peut. Guido v. Pisa 53.
3) Verg. Aen. XI 785 Sil. It. V 175 Vll 662 VIII 492.
368 Kapitel V. Elruiien.
fallend: Byron vergleicht die Bildung mit einer anbrandenden
Woge.») Das Dorf S. Oreste im Südosten, welcher Name durch
Mifsverständnifs aus dem antiken entstanden und auf den Berg
übertragen worden ist , liegt 444 m , das 746 gestiftete Kloster S.
Silvestro 646 m, die Kirche auf der höchsten Spitze nach der Tra-
dition an der Stelle eines Apollotempels 681 (französischer) oder
691 m (ital. Generalstab). Unterhalb S. Oreste befanden sich Brüche
die einen travertinartigen Kalkstein lieferten.^) Auch schwache
Nachwirkungen vulkanischer Thätigkeit werden wahrgenommen:
an der Ostseite bei Sa. Homana eine Mofette die nach den Alten
besonders für Vögel tödtlich war 3); in der gleichen Richtung nach
dem Tiber hin 2 Millien von Ponzano eine aufwallende Quelle
(Acqua Forte) , deren Wasser dem Gewürm Verderben brachte.^)
Der Soracte war von Hause aus nicht wie die Dichter sagen, dem
Apoll, sondern dem Dis pater und den Manen, den Gottheiten der
Unterwelt geweiht; der Dienst lag in den Händen einer Gilde der
Hirpi die am Jahresfest barfufs auf glühenden Kohlen wandelten
ohne die Sohlen zu verbrennen. 5) — Gewöhnlich wird der Berg
dem faliskischen Gebiet zugeschrieben, ob mit Recht ist fragUch.
Aber die Gemeindegrenzen der römischen Zeit lassen sich in diesen
Gegenden nicht genau ziehen, aufserdem sind die ursprünglich hier
ansässigen Völker durch Stammesgemeinschaft verbunden gewesen.
Cato bringt die Capetiates in Beziehung zu Veji^); aller Wahrschein-
lichkeit nach sind sie dem elruskischen Banner, wie besonders aus
der Eroberung Campaniens hervorgeht, gefolgt: aber im Uebrigen
werden Spuren etruskischer Cultur in der Umgebung des Soracte
vermifst. Die Uebeilieferuug ist in Betreff der Capenaten schweig-
samer als in Betreff der Falisker. Mit diesen vereint suchen sie
402 fg. den Sturz Veji's zu verhindern, werden aber 395 gezwungen
um Frieden zu bitten. Ihre Ueberläufer erhalten Bürgerrecht und
1) Childe Harold IV 75 from out the piain
heaves lilie a Inng-swept wave about to break
and on the cuil hangs pausing.
2) Vitruv II 7,1.
3) Serv. V. Aen. XI 785 Plin. II 207 vgl. Seneca Nat. Qu. VI 28,1.
4) Vitruv Vill 3,17 Plin. XXXI 27.
5) Verg. Aen. XI 785 m. Schol. Sil. It. V 175 Strab. V 226 Plin. VII 19
Solin 2,26.
6) Cato Or. II 17 Jordan.
§ 5. Die Südmark. 369
werden der 387 gebildeten Tribiis Stellatina einverleibt. i) Der
Name ist von dem campiis Stdlatinus d. h. dem nördlichen Strich
des capenatischen Landes hergenommen, der mitsamt dem Tempel
der Feronia fortan römisch wird, 2) Aber die Hauptgemeinde mufs
ihre Selbständigkeit bis zum Bundesgenossenkrieg unter günstigen
Bedingungen bewahrt haben: ähnlich wie die umbrischen Camerter
hiefs sie auf den Inschriften der Kaiserzeit municipium Capena
foederatnm oder Capenates foederati] an ihrer Spitze steht ein
Praetor als Jahresbeamter, nicht deren zwei.^) Die Topographie der
Landschaft befafst eine Reihe strittiger Fragen. *)
Die Via Flaminia langt am 28. Meilenstein bei Rignano an:
hier befindet sich unter der Kirche dei S. Martiri eine christliche
Katakombe der h. Theodora, die nach den Inschriften im 4. und
Anfang des 5. Jahrhunderts im Gebrauch war. Von Rignano zweigt
eine gepflasterte Strafse nach dem Soracte ab und erreicht nach
1 km die verlassene Kirche S. Abondio die aus antiken Werkstücken
erbaut ist. Sie Hegt auf einer Anhöhe (260 m), an deren Fufs der
am Soracte entspringende Fosso di S. Martino oder di Leprignano
oder Gramiccia, der Capenas der Alten vorbeiströmt s) :
itur in agros,
dives nbi ante omnis colitnr Feronia luco
et sacer umectat Flavinia rura Capenas.
Neben der Kirche sprudelt eine nie versiegende Quelle. Die Menge
der in der Nähe gefundenen Inschriften (von den christUchen ab-
gesehen mehr als 20) und Sculpturen machen es unzweifelhaft dafs
hier eine alte Ortschaft gestanden hat, die man mit gutem Grund
als Lucus Feroniae ansehen darf.ß) Ihren Ursprung verdankt sie
einem im Gebiet der Capenaten am Fufs des Soracte verehrten
1) Liv. V 8. 10. 12fg. 24 VI 4. 5 Plut. Cam. 5,2 17,3. Fest. 343 M.
Siellati[na tribus dicta non a campo] eo qui in Campania est, sed eo qui
[prope übest ab urbe Ca] pena , ex quo Tusei profecti St[ellatinum illum]
campum appellaverunt. Vgl. den Pagus d. N. bei Soriano S. 344.
2) Liv. XXn 1 XXVII 4 XXXIII 26.
3) CIL. XI 3873. 76a. 3932. 36; 3873. 76a.
4) Galietti, Capena municipio de' Ronaani, Roma 1756. CIL. XI p. 571.
5) Sil. lt. XIII 85.
6) So auch Gori, Ann. dell' Inst. XXXVI 129 fg. und bereits Holsten. ann.
in It. ant. p. 547 uno circiter miiliario sub oppido S. Oreste in planicie magna
visnntur vestigia Feroniae,
Nissen, Ital. Landeskunde. II. 24
370 Kapitel V. Elrurien.
Heiligtum J) „Bei Latinern und Sabinern — heifst es unter der
Regierung von TuUus Hoslilius-) — gemeinschaftlich stand das
Heiligtum im Ruf höchster Heiligkeil. Die Göttin führt den Namen
Feronia, was man mit blumentragend oder kranzliebend oder Per-
sephone^) wiedergeben kann. Hierhin kamen aus den umwohnen-
den Gemeinden viele an den bestimmten Festen zusammen der
Göttin Gelübde und Opfer darzubringen, viele aber um Geschäfte
zu machen wegen der Festversamnilung, Kaufleute Handwerker und
Bauern ; die hiesige Messe war von allen in Italien abgehaltenen
die berühmteste." Auch zur Zeit des Augustus strömte zur Jahres-
messe und dem damit verbundenen Auftreten der Hirpi (S. 368)
viel Volk herbei. Die aufgehäuften Schätze sollen Hannibal ver-
anlafst haben dem Tempel einen Besuch abzustatten: jedoch ist die
Plünderung nicht zum Besten beglaubigt.'*) Man begreift dafs eine
Ortschaft um den Tempel entstand. Die fruchtbaren Aecker des
capenatischen Gebiets gaben den Demagogen ein passendes Object zur
Verlheilung ab.^) Durch Octavian wurde der Plan ausgeführt und
die colonia Julia Felix Lucoferonensis gegründet. 6) Ein Gönner hat
ihr und den Mefsfremden zur Kurzweil ein Amphitheater gestiftet.
Bis auf das oben erwähnte Auftreten des Christentums entziehen
sich die näheren Schicksale der Colonie unserer Kunde. — Neuer-
dings ist dieselbe in Nazzano (203 m) 6 km Ost vom Soracte am
Tiber gesucht worden.^) Aber weder liegt Nazzano unterhalb des
Soracte {vnö r. ^), noch fliefst in seiner Nähe ein Bach der als
Capenas bezeichnet werden könnte, endlich fehlt, was bei einem
stark besuchten Markt ganz unglaublich erscheint, die Verbindung
mit dem römischen Strafsennelz. Zahlreiche Inschriften sind bei
der alten Kirche S. Antimo zu Tage getreten, auch die Reste eines
Rundtempels von etwa 20 m Durchmesser. Indessen war nach Aus-
1) Cato Or. 1 26 Jord. lucus Capenatis Verg. Aen. VII 697 lucos Capenos
Strab. V 226.
2) Dion. H. III 32 Liv. I 30 und über die Messe Strabo a. 0.; fälschlich
auf Tiebula Mutuesca (Kap. VIII 6) bezogen.
3) Die von mir in S. Abomlio gesehene Widmung Dls Manibus sacrum
CIL. XI 4012 bestätigt die Angabe des Servius von dem besonderen Cult der
Manen am Soracte (S. 368).
4) Liv. XXVI 11 Sil. It. XIII 85 fg.
5) Cic. pro Flacco 71 de lege agr. 2,66 Verr. II 31 Fam. IX 17,2.
6) Plin. III 51 Ptol. III 1,43 Feldm. 46 fg. 256 CIL. XI 3938.
7) Lanciani Bull, deli' Inst. 1870 p. 26 fg.
§ 5. Die Südmark. 371
sage der loschrifteo der Tempel der Bona Dea geweiht und gehörte
einem sonst unbekannten Vicus oder Pagus der Sepernates an.i)
Die Gemeinde mufs ansehnlich gewesen sein, hat sogar müglicher
Weise im Laufe der Kaiserzeit Stadtrecht erhalten. — Die Reise-
bücher führen als Stationen der Flaminia Rostrata villa 24 und
Ad Vicesimum 20 Mühen von Rom an.^) Die letztgenannte Stelle
nimmt gegenwärtig der Weiler Monte di Guardia ein: von hier geht
eine alte 4 Millien lange Strafse nach Capena ab, das 5 Milben
südlich vom Soracte entfernt ist. Es streckt sich mit einem Um-
fang von reichlich 2 km auf einem Hügelrücken (163 m) lang hin
treffbch geschützt; denn an der östlichen Schmalseite fliefst in der
Tiefe der Capenas Graraiccia, an den beiden Langseiten in diesen
einmündende Rinnsale, so dafs ein bequemer Zugang nur von
Westen, von der Flaminia her offen ist. Veteranen sind in seinem
Gebiet, vorzugsweise wol in der fruchtbaren Niederung am Tiber
angesiedelt worden. 3) Die datirten Denkmäler reichen bis Aurehan.
Freilich war die Abgelegenheit des Ortes für die Entfaltung städtischer
Blüte nicht günstig; doch scheint er bis ins 15. Jahrhundert be-
wohnt gewesen zu sein. Die verlassene Höhe heifst jetzt Civitucola
oder nach einem Kirchlein S. Martino und bewahrt nur unschein-
bare Reste aus dem Altertum. Dafs hier aber einst Capena lag, ist
von dem Benedictiner Galletti durch Inschriftenfunde bündig
erwiesen worden. — In dieser Landschaft zwischen Soracte und
Tiber ist ferner Ametinum zu suchen das in der Kaiserzeit Stadt-
recht hatte.4) Sein Gebiet hat sich über den Tiber nach Latium
hinein erstreckt; denn Plinius erwähnt hier wie in anderen Fällen
eine verschollene Stadt des Namens. Einen Anhalt für den Ansatz
auf der Karte gewährt der Umstand dafs Vitruv die lapidktnae Arne-
terninae zwischen dem Tiber und dem Soracte und zwar als Kalk-
steinbrüche aufführt.
Vom Soracte ab war das alte Pflaster der Via Flaminia als
Westphal sie beging, mit einigen Unterbrechungen bis Prima Porta
1) CIL. XI 3867—70 vgl. 3871.
2) Erstere It. Ant. 124; letztere It. Hier. 613 Tab. Peut.
3) Feldm. 216 colonia Capys, 255.
4) Plin. III 52. 68 CIL. VI 2404 a 12 X 6440 (wo curator ^metinorum
füglich nicht in das bekannte Amerinorum verändert werden darf) Vitruv II 7,1.
24*
372 Kapitel V, Etrurien.
erhalten. .,Die Strafse — urtheilt der kundige Führer i) — ist
übrigens sehr gut angelegt; denn sie windet sich auf dem hügehgen
von tiefen Thälern durchschnittenen Boden, ohne gar zu sehr von
der geraden Linie abzuweichen, so fort dafs man sie fast ganz eben
nennen kann." Sie steigt von der Treia ab bis 250 m am Soracte,
erreicht am 20. Meilenstein 300 m und fällt von hier ständig bis
25 m im Tiberthal. Am 10. Meilensteine führt eine antike Neben-
strafse nach Veji durch einen künstlichen Tunnel von etwa 50 m
Länge (daher der mittelalterliche Mame Petra Pertusa) hindurch.
9 Millien von Rom hegt die von der roten Farbe des Tuffs be-
nannte Ortschaft Saxa rubra, in der Kaiserzeit auch kurz Rubrae
mit der Station ad Rubras.^) Der Ort wird wegen seiner strate-
gischen Bedeutung mehrfach erwähnt. Die Via Flaminia läuft
nämlich 10 Milben weit über dem Fosso di Prima Porta einher
und hat damit eine vorzüghche Flankendeckung gegen das Binnen-
land, während der Fosso di Frassinetto die Flanke nach dem Tiber
zu schützt. Die letzten Ausläufer des Hügellandes erheben sich
noch 50 m über der Flufsniederung. Am Fufs desselben zu dem
die Flaminia in einem Einschnitt — daher der heutige Name Prima
Porta — sich stark senkt, öffnet sich landeinwärts ein vom Fosso
di Prima Porta und anderen Bächen durchströmtes Thal das eine
Verbindung mit Veji und dem Binnenland herstellt. Auf der
anderen Seite zweigt die stromaufwärts den Tiber geleitende Via
Tiberina ab. 3) Dieselbe war ohne Pflaster und lediglich für den
Verkehr der Niederung bestimmt, aber im Kriegsfall selbstverständ-
lich von hoher Wichtigkeit. Aus dem Gesagten erhellt dafs die
Stellung auf den Höhen von Saxa rubra für den Angriff gegen, wie
die Vertheidigung von Rom schwer ins Gewicht fiel. Die Vejenter
deren Gebiet sich auch in der Kaiserzeit bis hierhin erstreckte,
hielten sie 478 besetzt. Umgekehrt erwartete Maxentius 312 n.
Chr. auf den Höhen den Angriff Constantins der ihm Thron und
Leben kostete. Der Name ist im frühen Mittelalter zu Lubra ent-
stellt und seit dem 13. Jahrhundert durch Prima Porta verdrängt
1) Rom. Kamp. 135.
2) Saxa rubra Liv. II 49 Cic. Phil. II 77 Tac. Hist. III 79 vita Sept.
Sev. 8 Aur. Victor Caes. 40; Rubrae Martial IV 64,15 It. Hier. 612 Tab. Peut.
CIL. XI p. 567.
3) Der Name kommt allein bei den Regionariern vor.
§ 5. Die Südmark. 373
worden. Die einen weiten Rundblick gewährende Anhöhe trug
eine kaiserliche Villa, deren Ueberreste durch ihre Wandmalerei
und die schöne Statue des Augustus seit einem Menschenalter dem
Kunstfreund theuer geworden sind : ad Gallinas hiefs sie nach einem
den Beruf des Kaisers kündenden Wunder. i)
1) Plin. XV 136 Suet. Galba 1 Dio XLVIII 52 LXIII 29.
KAPITEL VI.
Umbrien.
An die achte und siebente Region des Augiistus schliefst die
sechste, an Aemilia und Etruria Umbria an. Vom Grenzflufs Cru-
stumium Conca reicht sie längs der Küste bis an den Aesis Esino
oberhalb Ancona der bis auf Sulla Italien und Gallien (I 71), seit
Augustus Umbrien und Picenum trennte, i) Landeinwärts umfafst
sie die oberen Thäler des Ariminus Marecchia (S. 248) und Sa'pis
Savio (S. 250), wird im Westen auf einer Strecke von 220 km durch
den Tiber von Etrurien geschieden. Im Süden dem Soracte gegen-
über läuft sie in einer Spitze aus. Die Ostgrenze gegen die Sabina
und Picenum beschreibt eine unregelmäfsige Linie, welche die Seen
des Velinus durchschneidend das obere Thal des Nar der Sabina,
dagegen das nach Picenum abfallende Gebirg Umbrien zuweist.
Das bezeichnete Gebiet, die heutige Provinz Pesaro-Urbino nebst
Theilen der Provinzen Perugia Macerata Ancona und Forli enthält
in runder Ziffer einen Flächenraum von 10000 Dkm 180 d. D M.
„Im ganzen fruchtbar aber etwas zu gebirgig, meint Strabo, seine
Bewohner mehr durch Spelt als durch Weizen nährend." Sie
mufsten zum Theil auswärts als Arbeiter ihr Brot suchen, da die
Heimat zum Unterhalt nicht ausreichte.^) In der That verschwinden
die Thalsohlen und -ebenen gegenüber dem Hügel- und Bergland.
Den Alten galten die Umbrer als Gebirgsleute^); wie der Gang
ihrer Geschichte durch die Wohnsitze bedingt wurde, ist früher dar-
gelegt worden. — Der Appennin welcher die Wasserscheide zwischen
Nord- und Südsee bildet und in der älteren Repubhk den Grenz-
1) Liv. V 35 Strab. V 217. 227.241 VI 285 (Artemidor) Plin. IH 113 Sil.
Vm 445. It. Ant. 316.
2) Suet. Vesp. 1.
3) Pol. n 16,3 24,7 Martial VII 97 Umbria montana Sil. It. VIII 449.
Unibrien. 376
wall Italiens gebildet hat (1218), Iheilt das Land in zwei Hälften,
die öfter getrennte als vereinigte Bahnen durchmessen haben. Der
bequemste Pafs der hinüber führt, ist der vom M. Nerone (1527 m)
und M. Catria (1702 m) eingefafste Pafs von Scheggia: die Höhe
mag 800 m betragen. Seine Bedeutung wird durch zwei ümstäude
erhöht: zunächst durch die Aenderung im Bau des Gebirges, inso-
fern die Hauptkette fortan in die breite Anschwellung des Central-
appennin übergeht (I 235); noch mehr dadurch dafs er mit der
Luftlinie zwischen der Tibermündung und der Südspitze des Polands
zusammen trifft. Nachdem die Römer jenseit der Wasserscheide 310
mit den Camertern ein Bündnifs geschlossen, 295 die entscheidende
Schlacht bei Seotinura geschlagen , 285 die Senonen vernichtet
hatten, gründeten sie 268 v. Chr. die Colonie Ariminum, die Haupt-
festung Italiens gegen das Poland. Der Censor Gaius Flaminius
sicherte deren Verbindung mit Rom 220 durch die Anlage einer
212 Millien lange Strafse über den oben genannten Pafs.i) — Die
via Flaminia verblieb in alle Zukunft die wichtigste unter den von
der alten Welthauptstadt nach Norden auslaufenden Slrafsen. Sie
ist in der Folge wie es scheint durch Gaius Gracchus 123 (S. 383),
sodann in prachtvoller Weise 27 v. Chr. durch Augustus erneuert
worden (S. 248). Zahlreiche Brücken zeugen noch heutigen Tages
von den reichen Mitteln die der Kaiser aufwandte. Auch seine
Nachfolger wie Vespasiao Hadrian die Mitregenten Diocletians bis
auf die Gothenkönige^) haben dem Werke ihre Theilnahme be-
wahrt. Die Via Flaminia ist zugleich die Lebensader des Landes:
durch sie strömt römische Sprache und Sitte ein und wird den
entfernteren Thälern übermittelt. ^j — Die römischen Waffen haben
hier weniger als in anderen Landschaften der Halbinsel zu thun
gehabt. Die Gewässer der Westhälfte fliefsen sämtlich nach Rom
und bereiten die Abhängigkeit des Gebirges von der grofsen Küsten-
ebene in wirtschaftlicher Hinsicht vor. Diesseit wie jenseit des
Appennin fanden die Umbrer dort den wirksamsten Schutz gegen
den Andrang der Etrusker und Kelten. Als römische Bundesge-
nossen retteten sie ihre Eigenart und wurden dann unmerklich
t) Liv. XX Cassiodor 534 u. c.
2) Cassiod. Var. XII 18.
3) Die Stationen sind in 8 Verzeichnissen erhalten: den 4 Gaditanern (CIL.
XI 3281—4) It. Ant. 125. 310 Hieros. 613 Tab. Peut. Mit den Meilensteinen
zusammen gestellt CIL. XI p. 995 fg.
376 Kapitel VI. Umbiien.
selbst zu Römern. Die Spuren ihres Sontlerlebens haben sich lange
erhalten. Die Censuslislen zählen in dieser Region 49 selbständige
Verwaltungen, Plinius fügt 12 untergegangene Cantone hinzu. Die
Verhältnisse die wir zu schildern haben, stechen sovvol in politischer
als physischer Beziehung durch ihre Kleinheit von denjenigen des
Nordens ab. Freilich je weniger von den einzelnen Gemeinden zu
sagen ist, desto stärker mufs der günstige Gesamteindruck den ihre
Belrachlung erweckt, betont werden. Wenn man den P'lächeninhalt
der einzelnen Regionen mit der Zahl der erhaltenen lateinischen
Inschriften und mit der Zahl der nachweisbar von ihnen zum kaiser-
hchen Ileer gestellten Soldaten vergleicht, so nimmt die; sechste so-
wol an Bildung als an Wehrkraft die oberste Stufe ein. Dafs Umbrieu
von der Cultur minder abgewirtschaftet ist, weniger gelitten hat als
die anderen Landschaften des Appennin, verrät sein Aussehen noch
heutigen Tages. Es heilst das grüne, wird wegen seines ßaum-
und Wasserreichtums gefeiert. Durch den Bau des Landes war
die geschichtliche Entwickeluug vorgezeichnet, welche ihm diese
Vorzüge das Altertum hindurch rettete.^)
§ 1. Die Gallische Mark.
Vom römischen Gesichtskreis aus stellte sich der Appennin als
eine Mauer und die Abdachung des Gebirgs nach der Adria als
Vorland dar. Wenn dasselbe auch geographisch betiachtet der
Halbinsel angehört, so ist es doch vom Po schneller als vom Tiber
her erreichbar und hat in Folge seiner Lage die Schicksale der
nördlich anstofsenden Ebene oftmals getheilt. Der letzte aus Gallien
einbrechende Völkerschub brachte die Senones^^), welche die Küste
vom Ulis Montone ab bis zum Aesis Esino in Besitz nahmen (1 477).
Der Stamm der sie aussandte, hat sich im Muitei lande unter gleichem
Namen (jetzt Sens) erhalten. Die Einwanderung blieb wesentlich
auf den Küstensaum beschränkt und hefafste nach Ptolemaeos die
1) Cjuellen: Sirab. V 227 Plin. III 112—14 Ploi. III 1,19. 44. 46. 47 CIL. XI
2 (Bormann). Von der italienischen Generalstabskarte entfallen auf diese
Region Bl. 107— 10 115—17 122—24 130—32 137.38, sind aber nur zum
Theil erschienen. Für die Provinz Perugia liegt auch ein vom Provinzialver-
band veranstalteter Nachdruck der oeslerreichischen vor.
2) Festus 339 iM. Pol. II 17,7 19,10fg. 21,7 Liv. V 35 X 26 XII Diod. XIV
113 Dion. H. XiX 13 Plut. Cam. 15,2 Appian. Samn. 6 Kelt. 11 Strab. IV 195
V 212. 216 Plin. III 116. 125 Flor. I 7. 8 Val. Max. VI 3,1 Juvenal 8,234 Stat.
Silv. V 3,198 Gell. N. A. V 17,2 XVII 21,21 Ptol. III 1,19. 44.
§ 1. Die Gallische Mark. 377
Stadtgebiete von Ariminum Pisaurum Fanum Sena, im BiunenlaDd
Suasa und Ostra; die oberen Flufslhäler wurden von unibrischen
Völkerschaften behauptet, unter denen die Sarsinalen und Camerter
besonders hervortreten. Immerhin haben die Senonen ein ganzes
Jahrhundert hindurch die italische Halbinsel in Schrecken versetzt.
Ihnen wird die Zerstörung Roms zugeschrieben, 295 vernichteten
sie eine Legion bei Clusium, 285 ein praetorisches Heer bei Arre-
tium. Dann folgte die Vergeltung, Curius Dentatus rottete die Erb-
feinde aus, in ihrem Lande ward die Colonie Sena gegründet.
Geraume Zeit später in den J. 232 — 28 hat der Volkstribun Gaius
Flaminius eine umfangreiche Ackervertheilung in dem eroberten
Gebiet durchgesetzt. i) Da dieselbe sich auch auf das angrenzende
Ficenum erstreckte, wird der vertheilte Landstrich der ager Pkenus
et Galliens'^), abgekürzt als ager Pkenus^) bezeichnet. In der
Regel jedoch wird zwischen beiden Gebieten unterschieden, und
heifst das nordlich vom Aesis aufserhalb der italischen Grenze ge-
legene ager Galliens.^) Seine Bewohner auf Vorposten gestellt wie
sie waren, haben ein starkes Nationalgefühl ausgebildet (I 76) und
der lateinischen Sprache, wenn auch nicht gerade in mustergültiger
Gestalt (I 556) , raschen Eingang bei den Umbrern und Galliern
verschafft. Seit Sulla war die iMark zum Inland gezogen, seit
Augustus, mit Ausnahme des nördlicheo Zipfels, mit den umbrischen
Stammesgenossen jenseit der Berge in einer Region vereinigt.
Gegen das Ende des zweiten Jahrhunderts wird sie wieder abge-
trennt und erhält einen eigenen in Nachahmung der nördlich an-
stofsenden Region von der grofsen Heerstrafse entlehnten Namen
Flaminia.^) In der VerwaUuug bleibt sie vorläulig mit ümbrien
zusammen, wird aber spätestens seit Constantiu zu Picenum ge-
schlagen.6) Der Aesis scheidet das annonarische von dem suburbi-
carischen Picenum (I 86j, jenes heifst Flaminia et Picenum Anno-
1) Pol. II 21,7 nennt das erste, Cic. de sen. 11 das letztere Jahr. Da die
Angelegenheit sich lange hingezogen haben kann, braucht man die Angabe
Cicero's nicht ohne weiteres zu verwerfen.
2) Cic. de sen. 11 Brut. 57 pro Sulla 53 in Gat. II 5. 6. 26 Liv. XXIII 14.
3) Pol. 1121,7 Liv. XVGolum. 111 3,2 Sali. Cat. 27. 30. 42. 57 vgl. I 512 A.l.
4) Cato bei Varro RR. I 2,7 Liv. XXIV 10 XXXIX 44 Plin. 111 112 Cic.
pro Sest. 9 Appian Hann. 8.
5) Zuerst unter Commodus nachweisbar GIL. VI 1509 Vita Gordian. 4,6.
6) Mommsen Feldin. II 208 fg.
378 Kapitel VI. Umbrien.
narivm^), in der Regel kurzweg Flaminia. Es umfafst Ravenna
(S. 255) und die Pentapolis.^)
Der einförmige Bau des Landes ist früher (I 234) hervorge-
hoben worden. Es zerfällt in 10 Abschnitte durch die vom Stamm
des Gebirgs aus in paralleler Richtung nach der Adria zulaufenden
Nebenäste. Die Mitte jedes Abschnitts wird durch ein Flufsthal ge-
bildet. Der grölste unter diesen Flüssen ist der Metaurus dem die
Via Flaminia folgt; jedoch nimmt auch er den anderen gegenüber
keine beherrschende Stellung ein (I 338). Die räumliche Theilung
hat naturgemäfs das Emporkommen von Städten erschwert und das
Entstehen bedeutender Städte verhindert, dagegen die Gauverfassung
verhaltnifsmäfsig lange erhalten. 3) — Unter den untergegangenen
Gemeinden führt Plinius die Sappinates auf. Zu Anfang des zweiten
Jahrhunderts wird noch die tribns Sapinia in der Kriegsgeschichte
erwähnt. 4) Der Name hängt mit dem Flufs Sapis Savio^) zusammen ;
wie weit der Gau in die spätere Aemilia hineinreichte (S. 257), ist
nicht zu sagen. Vermutlich wird er zu dem mächtigen Volk der
Sarsinates gehört haben, die bei der Aufzählung der italischen
Streitkräfte von 225 v. Chr. gleichberechtigt neben den Umbrern
stehen. 6) Nicht als ob eine Verschiedenheit des Stammes zwischen
beiden obwaltete: darüber klärt uns der berühmteste Sarsinate
Plautus auf:
nee mihi nmbra usquam est nisi in puteo quaepiam est. —
quidl Sarsinatis ecqua est si Umbram non habes.
Das Volk ist 266 v. Chr. mit Waffengewalt der römischen
Bundesgenossenschaft einverleibt worden. Von den politischen
Mafsnahmen welche die Unterwerfung im Gefolge hatte, hören wir
nichts: vielleicht sind damals die abhängigen Gemeinden selbständig
geworden. Jedesfalls ist die Gemeinde der Sarsinaten mit dem Ge-
bietsumfang der in der Kaiserzeit entgegen tritt, nur das Bruch-
stück einer grüfseren Vereinigung die südwärts bis an den Metaurus
1) Not. Dign. Occ. 65 dazu Böcking.
2) Prokop b. Goth. I 15 Paul h. Lang. II 19.
3) Giuseppe Colucci, delle Antichilä Picene, 22totn. fol. Fermo 1786 fg.
4) Piin. III 114 Liv. XXXI 2 XXXIII 37.
5) Zu den S. 250 A. 5 angeführten Stellen kommt hinzu CIL. I 1418 =
XI 6528.
6) Pol. II 24,7 Plaut. Most. 770 Fest. 238 M. Fast. Gap. Liv. XV Suet 24
Reiff. Serv. V. Aen. X 201.
§1. Die Gallische Mark. 379
und nordwärts weit in die Aemilia hinein gereicht haben mag. Die
Stadt bei den Schriftstellern meistens Sarsina ^), später besonders
auf Inschriften Sassina'-) genannt, der Tribus Pupinia zugetheilt,
liegt am hnken Ufer des Savio und hat ihren Platz wie ihren Namen
in "der zuerst erwähnten Form bewahrt. Das ihr von Silius ver-
liehene Beiwort dives lactis bekundet den eifrigen Betrieb der Vieh-
zucht in diesen Bergen. 3) Damit hängt die im Verhältnifs zum
Areal grofse Zahl von Rekruten zusammen die diese Gemeinde dem
Kaiser stellt.*) — Auch das obere Thal des nördlich vom Savio
fliefsenden Bedesis Ronco (S. 250) hat zu dieser Region gehört.
Hier lag bei Galeata das in die Tribus Stellatina eingetragene Muni-
cipium Mevaniola, das kleine Mevania im Unterschied von dem
westlich des Appennin belegenen gröfseren. Die phniauische Liste
sowie Inschriften erwähnen dasselbe.^) — Im oberen Thal des
Äriminus Marecchia (S. 248) ist keine Stadtgemeinde bekannt. Am
Ausgang des Altertums wird als fester Platz Mons Feretrus oder
M. Feretratus San Leo südwestlich von S. Marino genannt. 6) Die
Scheidung zwischen dem Thal des Äriminus und des Pisaurus ist schärfer
als gewöhnlich ausgeprägt : der trennende Höhenzug steigt 12— 1400 m
an; wo er am Meer endigt, stellt er den natürlichen Abschlufs der
grofsen padanischen Ebene dar.
Auf den unbedeutenden Grenzflufs Crustumium Conca folgt der
zweitgröfste Flufs der Mark Pisanrus '), im frühen Mittelalter Folia »)
Fogha, 90 km lang mit einem Stromgebiet von 657 Dkm (l 343).
Dasselbe enthält drei selbständige Gemeinden : Sestinum Sestino un-
weit der Quellen zur Tribus Clustumina gehörig 9); Pitinnm Pisau-
rense am Mittellauf in der Nähe des heutigen Macerata Feltria, ob-
wol einige Milben vom Flufs entfernt durch das Beiwort von anderen
1) Pol. II 24,7 Plaut. Most. 770 Fest. 238 Strab. V 227 Suet. 24 Reiff.
2) Fast. Gap. Plin. lil 114 Marl. IX 58 CIL. XI p. 977.
3) Plin. XI 241 Sil. It. VII! 462 .Marl. 1 43,7 111 58,3.5.
4) Eph. ep. V 256.
5) Plin. III 113 CIL. XI p. 992 Gluver p. 623.
6) Prokop b. Golh. II 11 Movzefe^sx^ov Geogr. Rav. IV 33 Monte Feletre
Liudprand h. Ott. 6 m. Feretratus CIL. XI p. 974 Cluver p. 622.
7) Plin. III 113 Lucan II 406 des Metrums wegen Isaurus Vib. Seq. p. 150
Riese Feldmesser 52. 157 Lachm.
8) Geogr. Rav. IV 36.
9) Plin. III 114 CIL. XI p. 884.
380 Kapitel VI. Umbrien.
gleichnamigen Orten unterschieden!); endhch an der Mündung
Pisaurum Pesaro.^) Die heutige Stadt welche noch einzelne Reste
der antiken Mauer sowie die antike Brücke über den Pisaurus be-
wahrt, hegt etwa 2 km von der See entfernt, um welchen Betrag
die Küste annähernd seit dem Altertum vorgerückt ist. Sie liegt
zugleich an der Sprachgrenze zwischen der gallischen und mittel-
itahschen Mundart (I 475). Altertümliche Weihiuschriften lassen
schliefsen, dafs hier in Folge der Landverlheilung von 232 eine
römische Niederlassung entstand, die 184 einer derTribus Camilia zu-
gewiesenen Bürgercolonie Platz machte: die neuen Ansiedler erhielten
je 6 Juchert Ackerland. 3) Die Stadt wurde wie in anderen Fällen
nach dem Flufs benannt und durch Aufwendungen aus Staatsmitteln
unterstützt: die Censoren von 174 bauen hier einen Juppitertempel
und pflastern eine Strafse. Sie bildet annähernd ein Quadrat von
beschränkter Aut^dehnung. Sie wird von der an der Küste hin-
laufenden Via Flaminia berührt, ist 26 Millien von Ariminium
(S. 248) 8 von Fanum Fortunae (S. 384) entfernt. CatuU stellt der
Gesundheit ihrer Lage ein schlechtes Zeugnifs aus:
iste tuus moribunda a sede Pisauri
hospes inaurala pallidior statua.
Aber die Denkmäler wie die Schriftsteller widerlegen die Bos-
heit gleicher Mafsen. Pisaurum gehört zu den häufig genannten
Städten der Mark 4), ist auf der Rednerbühne Roms vertreten. 5)
Es vermittelt uaturgemäfs die Aus- und Einfuhr des Hinterlandes,
betreibt auch wie Ariminum (S. 249) namentlich im ersten Jahr-
hundert unserer Zeitrechnung eine ausgedehnte Ziegelei: es giebt
keinen Ort an den Küsten von Dalmatien Istrien Venetien der
1) Plin. III 114 Pitulani Pisuerles irrig statt Pitinates Pisaurenses. Die
Lage der zerstörten Stadt, von Cluver und Hoiste richtig vermutet, ist in-
zwischen inschriftiich festgestellt CIL. XI p.889. Auf sie bezieht sich Ptol.lII 1,46.
2) Oiivieri, Marmora Pisaurensia, Pesaro 1738, vgl. CIL. XI p. 939.
3) CIL. I 167—80 XI p. 940 fg. Liv. XXXIX 44 XLI 27 VeU. I 15 Obseq.
14. 48 Sueton 37 Reiff. Serv. V. Aen. VI 826 Vib. Seq. 150 R. — Ob die
Nekropole von Novilara zwischen Pisaurum und Fanum (Mont. ant. dei Lincei
V p. 85) der ersteren oder der letzteren Gemeinde angehört, bleibt unent-
schieden.
4) Gatull 81 Caes. b. civ. I 11 Cic. Farn. XVI 12 pro Sest. 9 PhiL XIII 26
Att. II 7,3 Vitruv II 9,16 Mela II 64 Plin. VII 128 Plol. III 1,19 lt. Gadit. Anton.
100. 126 Hieros. 615 Tab. Peut. Geogr. Rav. IV 31 V 1.
5) Cic. Brut. 271 pro Cluent. 62. 65. 84. 156.
§ 1. Die Gallische Mark. 381
nicht mit den Krügen und Ziegeln dieser beiden Städte angefüllt
wäre.i) Die Bedeutung von Pisaurum ward durch Antonius und
Augustus voll anerkannt die hier ihre Veteranen ansiedelten, die
colonia Julia Felix Pisaurum zählt zu den Stützen der Monarchie. 2)
In der Kriegsgeschichte hat es gleichfalls eine Rolle gespielt, wurde
49 V. Chr. von Caesar besetzt, 539 aus militärischen Rücksichten
von den Golhen zerstört, 545 von Belisar hergestellt. 3)
Die Uebersicht der adriatischen Flüsse (l 343) lehrt dafs der
Metaurus, in späterer Zeit JffafawrMs *), Metauro erst von seinen im
Centralappennin gespeisten Brüdern erreicht und übertroffen wird.
Das 1305 Dkm umfassende Stromgebiet weist nicht weniger als
fünf öemeinwesen auf. Drei Quellarme sind zu unterscheiden.
Der nordliche Hauptarm der den Namen des Flusses trägt, entspringt
an der Alpe della Luna (1351 m) bei 1214 m Meereshöhe. Ein
Pafs (1100 m) führt aus seinem Thal hinüber in dasjenige des
oberen Tiber nördlich von Tifernum Tiberinum Citlä di Castello
(S. 394). Am Beiwort allein neben diesem kenntlich (beide Ge-
meinden gehören zur Tribus Clustumina) ist Tifernum Metaurense
am rechten Flufsufer durch Inschriften und Trümmer als das heutige
S. Angelo in Vado sicher gestellt.^) Die gleiche Namenserscheinung
kehrt bei der zweiten Stadt dieses Flufsarms wieder: Urbinum
Metaurense, inschrifthch mit einer einzigen Ausnahme immer Urvi-
num Mataurense, ürbino^); U. Hortense wird uns im westlichen
Urobrien begegnen (S. 396). Die Festigkeit des 5 km nördlich vom
Flufs entfernten rings von Bergen umgebenen Platzes hat ihn in
unruhigen Zeiten wertvoll gemacht. Der Besucher wird die Be-
schreibung welche Prokop aus Anlafs der Einnahme durch Belisar
Ende 538 bringt, sofort wieder erkennen : ,, Urbinum liegt auf einem
runden und sehr hohen Hügel, Indessen ist der Hügel weder von
1) Freilich wachsen mit dem Material die Schwierigkeiten die einzelnen
Fabriken örtlich zu bestimmen. Ob die kaiserliche figlina Pansiana hierher ge-
hört, wie man gewöhnlich annimmt, ist nach Ihm CIL. XI p. 1026 zweifelhaft.
2) Plin. 111 113 Feldmesser 157. 257 Lachm. Plut. Ant. 60,2 CIL. XI 6335. 77.
3) Prokop b. Goth. 111 11. 25 Agath. II 2.
4) Diese Form kommt ausschliefslich auf den Inschriften CIL. XI p. 882. 894
und der Tab. Peut., nicht bei Schriftstellern vor (S. 384 A. 2).
5) PliH. III 114 PtoL III 1,46 CIL. XI p. 882.
6) Plin. III 114 Cic. Phil. XII 19 Val. Max. VII 8,6 Tac. Hist. III 62 Prokop
b. Goth. II 10. 11. 19 Paul. h. Lang. II 18 CIL. XI p. 894,
382 Kapitel VI. Umbrien.
AbgrüDden eingefafst noch vüllig unnahbar, nur schwer zugänglich
wegen seiner grofsen Abschüssigkeit zumal in unmittelbarer Nähe
der Stadt. Er hat einen einzigen ebenen Zugang an der Nordseite."
Der Brunnen aut den nach demselben Bericht die Belagerten aus-
schliefslich angewiesen waren, betindet sich unterhalb der die Spitze
krönenden Fortezza. Von der Anlage einer Wasserleitung redet
eine allere Inschril't.i) Der noch verfolgbare Umfang der Mauer
war gering; doch hatte sich ehedem am Fufs des Berges eine Vor-
stadt angesiedelt. Urbinum gehörte zur Tribus Stellatina.
Der zweite Quellarm ist der nördlich vom M. Nerone ent-
springende Candigliano, der dritte der von Süden her aus der
Gegend des Passes von Scheggia kommende Burano: die antiken
Namen beider sind unbekannt. Die Via Flaminia folgt dem Burano
und langt ungefähr 10 Millien von der V\^asserscheide bei ad Calem
Cagli^) an, wo eine im Altertum hergestellte Brücke des Augustus
den Blick fesselt. Von hier ab hält sich die Slrafse bis zur Küste
stets auf dem linken Flufsufer. Die Bezeichnung der Reisebücher
trifft genau zu; denn die antike Ortschaft lag auf der Höhe ober-
halb der jetzigen und oberhalb der Strafse. Früh Sitz eines Bischofs
gehörte der Vicus zu dem 4 Millien entfernten Pitinum Mergens.^)
Dieses in die Tribus Clustumina aufgenommene Municipium wird
durch Inschriften und andere Funde in die Ebene (Piano di Valeria)
verwiesen, welche sich am Zusammenflufs von Candigliano und
Burano bei Acqualagua ausbieitet. Das Beiwort scheint seine tiefe
Lage anzudeuten. — Die verbundenen Flüsse haben 5 Millien unter-
halb in Urzeiten einen Durchbiuch durch das Gestein gebahnt: die
11/2 km lange von schroffen Felswänden (500 m) eingeschlossene
Klause hat die Aufmerksamkeit der alten Reisenden erregt. An der
engsten Stelle hat Kaiser Vespasian, wie die Inschrift meldet, 77 n.
Chr. einen Tunnel (37 m lang 5 — 6 m breit 4 — 5 m hoch) durch-
schlagen lassen um der Strafse die frühere Steigung auf schmalem
im Felsen ausgehauenen Pfad zu ersparen. "*) Die hier halbwegs
zwischen Cales und Forum Sempronii befindliche Poststation heifst
1) CIL. XI 6068 vgl. 6072.
2) It. Gadit. Anton. 125 Calle vicus 316 Hier. 614 Tab. Peut. Geogr. Rav.
IV 33 Guido 37 Gallis Serv. V. Aen. VII 728 CIL. XI p. 876.
3) Plin. III 114 Pitulani Mergentini irrig statt Pitinates M. CIL. XI p. 876
Not. d. Scavi 1892 p. 146.
4) CIL. XI 6106 Aur. Viel. Caes. 9 ep. 18.
§ 1. Die Gallische Mark. 383
Intercisa[saxa\, am Ausgang des Altertums Petra Pertusa, jetzt Furlo
(Sasso forato),^) Ansprechend schildert Claudian den Weg:
Laetior hinc Fano recipü Fortuna vetnsto,
despicilnrque vagus praerupta valle Metaurus,
qua mons arte patens vivo se perforat arcu
admisitque viam sectae per viscera mpis.
In den Gothenkriegen war der Pafs befestigt und diente als
wirksame Wegesperre. „Die Festung — schreibt Prokop — rührt
nicht von Menschenhand her sondern von der Natur; denn der
Weg ist gar abschüssig. Zur Rechten dieses Wegs fliefst ein Flufs
herab wegen der Heftigkeit seiner Strömung nicht zu durchschreiten,
zur Linken in geringer Entfernung steigt ein Felsen schroff und
so hoch auf dafs die Menschen auf der Hohe den unten Stehenden
wie ganz kleine Vögel vorkommen. Weiter voran war in alten
Zeiten gar kein Ausweg. Der Fels fällt nämlich unmittelbar zum
Strom ab und gewährt dem davor Stehenden keinerlei Durchkommen.
Also haben dort die Menschen einen Stollen gearbeitet und eine
Pforte für die Gegend geschaffen. Nachdem nun auch der andere
Eingang verrammelt und nur Raum für eine Pforte gelassen worden
war, haben sie eine natürliche Festung hergestellt und zutreffend
Petra benannt." Eine Inschrift verkündet dafs 246 n. Chr. eine
Wache von 20 Flottensoldaten aus Ravenna gegen die Räuber hier
Schutz bot. 2) — Jenseit der Enge mündet der Flufs in den Me-
taurus ein , welchen die Strafse auf einer antiken mehrfach er-
neuerten Brücke überschreitet. Sie langt 18 Millien von Cales
bei Forum Sempronii an, fast eine Millie unterhalb des heutigen
Fossombrone bei der Kirche S. Martino al Piano gelegen. 3) Der
Ursprung dieses zur Pollia gehörenden Municipium wird nicht über-
liefert, geht aber vielleicht auf Gaius Gracchus zurück. 4) Es erhielt
durch die Heerstrafse einiges Leben; ein conlegium iummlariomm
portae Gallicae wird erwähnt. — Hinter dem Ort erweitert sich das
Thal immer mehr; nach 16 Milben wird Fanum Fortunae Fano er-
1) It. Hieros. 614 Tab. Peut. Geogr. Rav. IV 33 Claudian VI cons. Hon.
500 fg. Prokop b. Goth. II 11 111 6 IV 28. 34.
2) CIL. XI 6107.
3) Strab. V227 Plin. III 113 Ptol. III 1,46 It. Gadit. Anton. 126 Hieros.
615 Tab. Peut. Geogr. Rav. IV 33 Paul. h. Lang. VI 56. CIL. XI p. 905.
4) Dessen Thätigkeit in der Mark CIL. 1 583, im Wegebau Plut. 7 bezeugt.
384 Kapitel VI. Umbrien.
reicht.^) Die der Tribus Pollia einverleibte Stadt liegt 2 Millien
vom Metaurus an einem ans diesem abgezweigten Canal nahe hei
der Küste. Sie ist wie der Name besagt um einen Tempel der
Fortuna erwachsen, offenbar aus einem Markt der den Verkehr des
Flufsthals mit der See vermittelte. Sie erhält eine besondere
militärische Wichtigkeit durch den Umstand dafs die grofse Heer-
strafse zwischen Po und Tiber hier von der Küste in das Binnen-
land einbiegt. Freilich kann ein von Norden anrückender Feind
auch über ürbinum von Pisaurum aus den Metaurus und die Appennin-
übergänge gewinnen. Deshalb werden in der Kriegsgeschichte
Fanum und Pisaurum zusammen erwähnt (S. 381) und sind beide
von Octavian in Veteranencolonien umgewandelt worden. Die colonia
Julia Fanestris hat ihren Gründer dem sie die Stadtmauer verdankte,
durch einen noch stehenden Bogen geehrt, der später erhöht und
Kaiser Constantin geweiht wurde. Der Baumeister Vitruv war hier
zu Hause: er rühmt die Lärchen aus den Alpen die nach seiner
Vaterstadt verschifft wurden, und beschreibt eine Basilica die er für
sie erbaut hatte. — Bekannter als durch diesen Künstler war den
Alten der Name Fanums und seines benachbarten Flusses durch die
Niederlage Hasdrubals 207 v. Chr. welche Bom vom drohenden
Untergang rettete. Man zeigt wol heute als Schlachtfeld den Hügel
von Pietralata zwischen Fossombrone und dem Furlopafs am linken
Flufsufer und tauft ihn Monte d' Adrusbale. Richtiger verlegte man
im Altertum die Schlacht in grüfsere Nähe von Sena und Fanum;
denn nichts ist sicherer als dafs sie am rechten Flufsufer geschlagen
ward, M'enn auch von einer genauen Bestimmung der Oertlichkeit
keine Rede sein kann. Die Schwierigkeit des Uebergangs über den
Metaurus der nur vereinzelte Furten aufwies, wird von den Gewährs-
männern in angemessener Weise hervorgehoben.^)
Der M. Catria (1702 m) trennt das Gebiet des Metaurus von
1) Caes. b. civ. 1 11 Vilniv II 9,16 V 1,6 Sirab. V 227 Plin. III 113 Mela
II 64 Tac. Bist. III 50 Aur, Vict. ep. 49 Feldmesser 30. 52. 256 Lachm. Ptol. III
1,19 It. Gadit. Anton. 126 Hieros. 615 Tab. Peut. Geogr. Rav. IV 31 Vi Clau-
dian VI cons. Hon. 500 Steph. Byz. Sid. Apoll. Ep. I 5,7 Prokop. b. Goth. III 11
Agalh. II 2. 3 Paul. h. Lang. VI 56 CIL. XI p. 924.
2) Sid. Apoll. Ep. I 5,7 Liv. XXVII 46. 47 Gic. Brut. 73 Frontin Strat. II
3,8 Appian Hann, 52 Val. Max. VII 4,4 Gros. IV 18,1.3 Eulrop III 18 Aur. Vict.
de vir. ill. 48; Strab. V 227 Mela II 64 Plin. III 113 Vib. Seq. 149 R. ; Hör. Od.
IV 4,38 Lucan. II 405 Sil. It. VIII 449.
§ 1. Die Gallische Mark. 385
demjenigen des Aesis. An ihm entspringt der Cesano, ein Küsten-
flufs, dessen alter Name nicht überHefert wird. Der Mittellauf be-
rührt das in die Tribus CamiUa aufgenommene Municipium Stiasa '):
die Ruinen befinden sich zwischen S. Lorenzo und Castelleone. —
Der nächste Küstenflufs Sena"^) entsteht aus der Vereinigung der
beiden durch einen Höhenzug geschiedeneu Bäche Miso und Nigola.
Jener kommt als Misus bereits auf der Peutingerschen Tafel vor;
dieser ist der grofsere und wird daher als der Sena der Alten zu
betrachten sein. An seiner Mündung 15 Millien von Fanum ent-
fernt liegt Sena 3) im Gegensatz zum etruskischen gelegentlich Gallica
zubenannt, jetzt Sinigagha.^) Die Römer haben kurz vor 280 diese
Bürgercolonie gegründet und nach dem Flufs oder wie die Alten
wollen, nach dem besiegten Volk der Senonen benannt. In der
Folge hatte sie wegen ihrer Abgelegenheit wenig zu bedeuten.
Wiederholte Zerstörungen, deren erste 82 v. Chr. im Bürgerkrieg
gemeldet wird, haben gründlich aufgeräumt: Bauwerke sind gar
nicht, Inschriften äufserst spärlich vorhanden, so dafs wir nicht
einmal die Tribus dieses Gemeinwesens kennen. — Zur PoUia ge-
hörte das landeinwärts an der iXigola 3 km von Montenuovo (Ostra
vetere) gelegene Municipium Ostra ^), das im 5. Jahrhundert n. Chr.
verlassen zu sein scheint: Ruinen und Inschriften bezeugen die Stelle.
Südlich vom Pafs von Scheggia erhebt sich der M. Cucco
(1567 m), dann folgt der Pafs von Fossato welcher das Thal des
Aesis Esino^) mit demjenigen des Tinea Topino im Westen ver-
bindet. Weiter steigt die Hauptkelte über Gualdo Tadino (S. 392)
1435 m an, durch ein von Süd nach fs'ord gerichtetes geräumiges
1) Plin. III lU Ptol. III 1,44 CIL. XI p. 914.
2) Lucan II 407 Sil. It. VIII 453.
3) Pol. II 14,11 16,5 19,12 Slrab. V 227 Steph. Byz. Liv. XI. XXVII 38.46
Sil. It. XV 522 Cic.Brut. 73 Nepos Cato 1,2 Zonar. IX 9 Eutrop III 18 Aur. Vict.
de vir. iil. 48 Appiaa Hann. 52 b. civ. I 88 CIL. XI p. 922.
4) Plin. III 113 Ptol. III 1,19; Senogallia It. Ant. 100.316 Tab. Peut. Geogr.
Rav. IV 31 V 1 Feldmesser 226. 258 Lachm.
5) Plin. III 114 Ptol. III 1,44 Feldmesser 257 CIL. XI p. 914. 918. Auch
Montalboddo heifst amtlich Ostra, obwol dessen Entfernung von dem antiken
Situs 10 km beträgt. Dem berechtigten Einspruch von Montenuovo wurde
schliefslich vor einigen Jahren dahin nachgegeben, dafs dieses den Namen
Ostra vetere erhielt.
6) Strab. V 217. 227. 241 VI 285 Plin. III 113 Liv. V 35 Sil. It. VIII 446
It. Ant. 316 vgl. S. 390 A. 4.
Nissen, Ital. Landesknnde. IL 25
386 Kapitel VI. Unabrien.
Thal von ihr getrennt, der abgesonderte Stock des M. S. Vicino
1483 m. Das Thal wird von dem etwa 75 km langen Aesis durch-
strömt, i) Es weist nicht weniger als drei Municipien auf: Matilica,
das Städtchen Matelica in der Tribus Cornelia 2) ; davon nordöstlich
Tuficum Ficano bei Albacina^); nordwestlich Attidium Attigio^),
beide in der Tribus üfentina stimmberechtigt und ein paar Millien
von einander entfernt in einem von Bergen umsäumten ehemaligen
Seebecken gelegen. Nachdem der Aesis von Westen her den Giano
aufgenommen, wird er fortab immer weiter eingeengt und bricht
sich schliefslich am M. Rosso in einer der wildesten Klausen des
ganzen Appennin seine Bahn nach Ost dem Meere zu. — Vor der
Klause welche die Grenze zwischen Ober- und Unterlauf bildet,
empfängt er den vom Pafs von Scheggia kommenden Scatino. In
dem Thal des Scatino eine Millie von Sassoferrato liegt das in die
Tribus Lemonia eingetragene Municipium Sentinum: die Stätte heifst
noch jetzt Civifa oder Sentino.^) Wir wissen nicht wie weit der
Stamm der Sentinates sich ehedem erstreckt hat, aber die Nähe der
Uebergänge von Scheggia und Fossato erklärt das Vorkommen ihres
Namens in der Kriegsgeschichte. In ihrem Gebiet gewannen die
Römer 295 den grofsen Sieg welcher den Bund der Samniten mit
den nördlichen Völkern sprengte und die römische Herrschaft über
die Halbinsel begründete; 41 v. Chr. wurde die Stadt von Octavians
Truppen zerstört. Datirte Inschriften sind aus dem 3. Jahrhundert
n. Chr. vorhanden. — Der Unterlauf des Aesis stellt die Grenze
gegen Picenum dar. Ungefähr in der Mitte 16 Millien von der
Küste liegt auf einer Erhöhung am linken Flufsufer die zur Pollia
gehörende Colonie Aesis Jesi.^) Ob sie bereits 247 v. Chr. von den
Römern eine Colonie erhalten hat, ist zweifelhaft.^) In einer In-
1) Die I 343 aus dem Annuario Statistico von 1881 angeführten Angaben
können unmöglich richtig sein.
2) Plin. 111 113 Feldmesser 240. 257 CIL. XI p. 819.
3) Plin. 111 114 Ptol. III 1,46 Feldmesser 259 CIL. XI p. 829.
4) Plin. III 113 Feldmesser 240. 252. 259 CIL. XI p. 825.
5) Pol. II 19,6 Liv. X 27. 30; Dio XLVIII 13 Appian b. civ. V 30; Strab.
V 227 Plin. III 114 Ptoi. III 1,46 Feldmesser 258 CIL. XI p. 838.
6) Strab. V 227 ^i'aiov Plin. III 113 Aesinates Ptol. III 1,46 CIL. XI p. 92a.
7) Vell. I 14,8 handschriftlich Aesulum, womit die Ableitung des angeb-
lichen Volkes der Asili vom Aesisflul's Sil. It. VIII 445 stimmen würde. Den
Titel Colonie führt Aesis CIL. IX 5831. 32. Mommsen Münzwesen S. 332 hält
mit Recht für das wahrscheinlichste Aesis zu verstehen.
§ 1. Die Gallische Mark. 387
Schrift wird sie durch das Beiwort Picens oder Picentium von ähnlich
lautenden Städten unterschieden.!)
Beim Pafs von Scheggia theilt sich der Appennin (I 235). Die
östliche Haupterhebung wird durch Flufsthäler unterbrochen und
zerfällt in eine Anzahl abgesonderter Städte. Die Potenza, deren
antiker Name nicht überhefert wird (1 343), trennt den M. S. Vicino
(S. 386) vom M. Lelegge (996 m), der gleichfalls unbenannte Chienti
den M. Lelegge vom M. Fiegni. Zwischen diesen Bergen südlich
von den Aesisquellen safs der Stamm der Camertes 2) der sich eines
besonderen Rufes der Tüchtigkeit erfreut hat:
et armis
vel rastris landande Camers.
„Als Consul Fabius 310 v. Chr. vor dem unwirtlichen Ciminer
Wald lagerte, erbot sich sein Bruder die Gegend auszukundschaften.
In Hirtenkleidung zog er von einem Sklaven geleitet aus und soll
bis zu den umbrischen Camertern gelangt sein. Dort wagte er sich
als Römer zu bekennen, ward in den Senat geführt und verhandelte
im Namen des Consuls über ein Freundschaftsbündnifs. Als will-
kommener Gastfreund behandelt, erhielt er den Bescheid den Römern
zu melden: wenn ihr Heer in diese Gegenden käme, würden Lebens-
rnittel für 30 Tage demselben bereit und die Mannschaft der um-
brischen Camerter in Waffen ihres Befehls gewärtig sein." So lautet
der sagenhafte Bericht über die Einleitung des gleichen unverletz-
lichen Bündnisses, dessen Privilegien noch 210 n. Chr. von Kaiser
Septimius Severus bestätigt wurden. 3) Auf dasselbe gestützt
konnten die Romer 295 v. Chr. es wagen den Appennin zu über-
schreiten und die italischen Heere anzugreifen. ^) Späterhin haben
die Camerter dem Scipio eine, dem Marius zwei volle Cohorten ge-
stellt: das Aufgebot von 1000 Mann gegen die Kimbern zeugt von
der Wehrkraft wie der Volkszahl des Stammes, dessen Ausdehnung
sich schwerlich mit den Gemeindegrenzen der Hauptstadt deckt.
In dieser hatten unter dem Schutz des Bündnisses römische Wucherer
zu Anfang des zweiten Jahrhunderts ihren Sitz aufgeschlagen ; gegen
1) In einer Soldatenliste von 141 n. Chr. Eph. ep. IV 887, b. 4.
2) Sil. It. VIII 461 vgl IV 157.
3) Liv. IX 36 XXVIII 45 Frontin Str. I 2,2 Plut. Mar. 28,2 Val. Max. V 2,8
Sali. Cat. 27 Cic. pro Balbo 46 Camertinum foederum sanctissimum atque
aequissimum CIL. XI 5631.
4) Pol. II 19,5 vgl. S. 323 A. 5.
25*
388 Kapitel VI. Umbrien.
sie eifert der alle Cato ^) : „unsere Mitbürger in Camerinum hatten
eine schöne Stadt bestes und schönstes Ackerland lin gesegnetes
Geschäft; wenn sie nach Rom kamen, stiegen sie geradezu als
Fremde bei ihren Freunden ab". Mit dem Bürgerrecht 90 v. Chr.
fand die Gemeinde Aufnahme in der Tribus Cornelia; worin die
Vorrechte bestanden deren Bestätigung oben erwähnt ward, wissen
wir nicht. Camerinum hat in dem heutigen Camerino seine ehe-
malige Stätte bewahrt: die bis 10 m betragende Aufschüttung des
Bodens erklärt das Fehlen antiker Bauwerke. Die feste Lage auf
einer Anhöhe an einer Verbindungslinie zwischen der Ost- und
Westseite des Appennin erklärt die Nennung der Stadt bei kriege-
rischen Verwicklungen. 3) — Genauer gesprochen liegt Camerinum
in der Mitte von zwei Uebergängen über den Appennin. Das
Heisebuch*) läfst eine Poststrafse von Nuceria Nocera an der Via
Flaminia über Dubios unbestimmter Lage und Prolaqueum Pioraco
der Potenza folgend nach Aucona abzweigen. Der letztgenannte Ort
an einem kleinen See der in die Potenza abfliefst, gehört auch jetzt
zur Diöcese von Camerino: die Entfernungsangaben treffen nur an-
nähernd zu. Die Enge durch welche die Potenza sich Bahn bricht,
stellt die natürliche Grenze zwischen Camerinum und Septempeda,
Umbrien und Picenum dar. — Eine Fahrstrafse führt gegenwärtig
nicht über den erwähnten Pafs, wol aber aus dem Thal des Chienti
über den Pafs von Colfiorito nach Fulginium Foligno. Der Pafs
dessen Höhe bisher nicht bekannt worden, dehnt sich zwischen
Serravalle und Colfiorito zu einer Einsenkung von etwa 5 Millien
Länge aus. In diesem noch jetzt Pistia genannten Hochthal lag
das zur Tribus üfentina gehörende Municipium Plestia.^) Die Kirche
der Madonna di Pistia bezeichnet den Ort der wie es scheint im
11. Jahrhundert verlassenen Stadt. Im Altertum befand sich hier
der Imus Plestinus 6) der später versumpfte und ausgetrocknet
wurde. Als Schauplatz einer Niederlage wird er in der römischen
üeberheferung erwähnt, da 217 nach dem Blutbad am Trasimenus
1) Cato frg. p. 39 Jordan vgl. Liv. XXXV 7. 41.
2) Strab. V 227 Ka/ue^rje Plin. III 113 Feldmesser 240. 256. 257 CIL.
XI p. 815.
3) Cic. pro Sulla 53, AU. XIII 12b,2 Caes. b. civ. I 15, Appian b. civ. V 50,
Paul. h. Lang. IV 16.
4) It. Anton. 311 CIL. XI p. 819.
5) Plin. III 114 CIL. XI p. 812.
6) Appian Hann. 9, 11 Rhein. Mus. XX 225.
§ 2, Das westliche Uinbrien. 389
eine Schar von 4000 Reitern an seinen Ufern von den Karthagern
ereilt und aufgerieben ward.
§2. Das westliche Umbrien.
Oestlich von der Wasserscheide sind keine Denkmäler der um-
brischen Sprache bisher entdeckt worden (l 504). Was wir davon
besitzen, stammt aus dem Westen: die Landschaft zwischen Tiber
und Appennin bat den Gebrauch der Schrift früher gelernt und
in den Dienst der angebornen Mundart gestellt, hat als Hüterin
heimischer UeberHeferung die Ehre verdient den Namen des grofsen
Volkes das einst den Norden der Halbinsel erfüllte, bis auf den
heuligen Tag zu führen. In die Zeiten vor der römischen Herrschaft
versetzen uns die Tafeln von Iguvium.i) Bei dem Sühnfest wird
Heil und Segen auf die Bürgerschaft herabgefleht, Verderben auf
ihre Feinde: „o Mars, die Stadt der Tadinaten, den Gau der
Tadinaten, die etruskische nahartische keltische Nation, alle ihre
Edlen in Krieg und Frieden, alle ihre Männer in Wehr und ohne
Wehr, erfülle sie mit Furcht und Zittern, mit Flucht und Schrecken,
mit Schnee und Hagel, mit Lärm und Toben, mit Alter und Knecht-
schaft". Die nächsten Nachbarn nehmen unter den Feinden die
oberste Stelle ein: eine Erscheinung, die im Fehdeleben anderer
Volker häufig genug begegnet. Dann folgen drei Nationen in West
Süd und Nord, neben Etruskern und Kelten die Naharter am Nar.
Wir müssen aus dieser Gleichstellung schliefsen dafs die südlichen
Theile Umbriens in einem Bunde vereinigt waren, dessen Waffen
am Appennin gefürchtet wurden. Aber leider lassen uns die An-
nalen für die Erläuterung dieses altertümlichen Gebets im Stich.
Bei den griechischen Schriftstellern kommt der Name der Umbrer
ziemlich früh vor, ohne dafs begreifHcher Weise von einer genauen
Begrenzung die Rede sein könnte (I 505). Den Römern bedeutet
Umbrien das unabhängige Gebiet dieses Stammes sowol östlich als
westlich vom Appennin. 2) In der Regioneneintheilung des Augustus
wurde dasselbe in der Weise bestimmt umschrieben wie S. 374
1) Umbrica interpretatus est Franc. Buecheler, Bonn 1883. tab. VI B 58.
Ueber lapuzkuvi nomen vgl, I 507 A. 1.
2) Pol. II 16,3 24,7 III 86,9 Liv. X I XXII 9 XXVil 43 XXXI 2 Cic. Att. VIII
12c,l pro Murena 42 pro S. Rose. 48 de Div. I 92. 94 Vitruv II 7, 1 Diod. XX
35,3 44,9 Piut. Grass. 6,5 Stiab. V 227. 235. 240.
390 Kapitel VI. Umbrien.
dargelegt ist.*) Es wurde ferner S. 377 bemerkt, dafs die Ver-
waltung seit dem zweiten Jahrhundert die beiden Hälften östlich
und westlich vom Appennin als Flaminia und Umbria unterschied.
Letztere wird vor Constantin mit dem angrenzenden Etrurien ver-
einigt und die Umbrer nehmen an der zu Volsinii abgehaltenen
Festfeier dieser Landschaft theil. Jedoch regte sich dagegen die
längst verklungene Feindschaft des Stammes oder richtiger gesagt
die nachbarliche Eifersucht: um das Jahr 330 gestattet der Kaiser
angeblich wegen des beschwerlichen Weges und der kostspieligen
Reise den Umbrern einen Tempel der Gens Flavia in Hispellum zu
errichten und hier unter dem Vorsitz eines jährlich gewählten
Priesters ihr landschaftliches Fest mit scenischen Aufführungen und
Gladiatorenspielen zu feiern. 2) In der Langobardenzeit wird Perusia
zu Umbrien gerechnet, wie auch heutigen Tags geschieht.^)
Die Ilinerarien zählen von Cales (S. 382) 13 oder 14 Milben
bis zur Station ad Aesim oder ad Ensem'^): eine Entfernung die an-
nähernd auf das heutige Scheggia zutriüt, in dessen unmittelbarer
rSähe römische Ueberreste gefunden wurden. Vielleicht gehörten
sie dem in jüngeren Quellen erwähnten Castrum Luceoli an.^) Die
Strafse erreichte II/2 Millien vor der Station den auf einem Vor-
sprung der Pafshöhe gelegenen Tempel des Juppiter Appenninus,
dessen Orakel in der Kaiserzeit über den beschränkten Umfang der
umbrischen Gemeinden hinaus Gellung erlangt hatte.^) Claudian
fährt nach Erwähnung des Furlopasses (S. 383) fort:
exsuperans delubra Jovis saxoqiie minantes
Appenninigenis cultas pastoribus aras.
Der Tempel ist 8 Millien von Igiwiiim entfernt und auf geradem
Wege über die Höhe des M. Calvo (905 m) von dort erreichbar.
Nahe beim Uebergang über das Gebirge, wie Strabo richtig hervor-
hebt, liegt Gubbio am Rand eines Längenthals das 10 Millien lang
und 2 — 3 breit von Zuflüssen des Chiascio durchströmt wird, nach
1) Properz I 22,9 V 1,63. 121 Plin. III 112 VI 218 XI 241 Tac. Ann. IV 5
Hist. III 42. 52 Suet. Caes. 34 Vesp. 1.
2) Böcking zu Not. Dign. Occ. 430 CIL. XI 5265.
3) Paul. h. Lang. II 16.
4) It. Gadit. Hesim oder Jlaesim Hieios. 616 mutatio ad Ilesis Tab. Peut.
ad Ensem wol von dem Flufs (S. 385) oder ein Wirtshauszeichen (S. 59).
5) Geogr. Rav. IV 33 Paul. h. Lang. IV 8. 34.
6) Claudian VI cons. Hon. 504 Vita Claud. 10 Firm. 3 Tab. Peut. CIL.
XI 5803. 04 VIII 7961.
§ 2. Das westliche Umbrien. 391
Silius infestum nebulis humentibus olim, was ja bei solchen Ein-
senkuDgen häufig zutrifTt. ') Ein einförmiges Hügelland von 12 Millien
Breite, durch das der Chiascio sich Bahn bricht, scheidet die Ein-
senkung von derjenigen des Tiber. Der Platz ist geeignet den Ver-
kehr der umliegenden Bergdistricte anzulocken. Es giebt keine
italische Stadt von der so umfangreiche Zeugnisse aus der Epoche
der Unabhängigkeit vorhanden wären wie von dieser. Aber deren
Erhaltung deutet schon an dafs Iguvium von dem mächtigen Strom
der seit dem dritten Jahrhundert auf der Via Flaminia hin und her-
flutete, nicht unmittelbar berührt wurde. Auch die Verbreitung
der von demselben geprägten Münzen mit der Aufschrift Ikuvins
(oder Ikuvini?) fällt ungefähr mit den Grenzen des Stadtgebietes
zusammen. 2) Die Iguviner sind unter ähnlichen Bedingungen wie
die Camerter in den Bund mit Rom eingetreten und bei dem all-
meinen Abfall 90 v. Chr., so scheint es, treu gebheben. Damals
vertauschten sie ihr Bündnifs mit dem Bürgerrecht und wurden in
die Tribus Clustumina eingeschrieben. 3) Die Stadt wird als Festung
genannt^): ihre Wichtigkeit beruhte auf ihrer iVähe am üebergang
der Via Flaminia über den Appennin und ihrer centralen Lage im
Gebirg. Die zahlreichen Ortsangaben welche das umbrische Ritual
darbietet, vermögen wir nicht in einem einheitlichen Bilde anzu-
ordnen. Die umbrische Stadt hatte nur drei Thore und wird sich
deshalb in derselben ^Veise steil an den M. Galvo angelehnt haben
wie die mittelalterliche. In der Friedenszeit unter den Rümern
breitete sie sich dagegen in der Ebene aus. Die vornehmste Ruine
ist ein etwa 5000 Zuschauer fassendes Theater, in dessen Umgebung
die berühmten Tafein gefunden wurden. Die arx Fisia welche
diese von der tota. der iirbs Iguvina unterscheiden, wird man in
dem obersten Theil der Stadtanlage suchen. Unter den heimischen
Gottheiten wird namenthch der Mars Cyprius auch in der Kaiserzeit
verehrt: sein Tempel lag an der Strafse nach Asisium.^) Der theo-
logische Geist der umbrischen Zeit hat auch in römischer fortge-
1) Strab. V 227 Plin. 111 113 Sil. It. VIII 459 Ptol.IlI 1,46 Tab. Peut. Acubio
Geogr. Rav. IV 33 Egubia.
2) Mommsen, Münzwesen 221. 279 vgl. Plin. XXIII 95 (XV 31).
3) Cic. pro ßalbo 46. 47 Sisenna fr. 94. 95 Peter CIL. XI p. 855.
4) Liv. XLV 43 (für das handschriftliche Igiturvium) Gaes. b. civ. I 12
Cic. Att. VII 13,7.
5) CIL. XI 5805.
392 Kapitel VI. Unibrien.
(laviert: z. B. nennt eine Inscliril'l einen avispex extispicus sacerdos
publicus et prwatusj)
Der M. Calvo trennt das Thal von Iguvinm von dem ähnlichen
Längenthal das vom Clasius Chinscio (l 310) durchflössen sich am
Fufs des M. Cucco hinziehl. Es mag als Wahlstatt mancher unhe-
kannter Kämpfe gedient haben. Der vom Appennin niedersteigende
Heisende sah die busta Gallorum Grabhügel in grofser Zahl und
liefs sich erzählen: Held Camillus habe hier die von der Zeistorung
Roms heimkehrenden Kelten ereilt und vernichtet. 2) In dem Thal
liegt der Vicus Helvillum, Station der Via Flaminia von der oben
erwähnten 10 Millien entlernt, ungefähr an der Stelle des heuligen
Sigillo,3) Cluver nimmt an der Vicus sei hervorgegangen aus der
ehedem unabhängigen Gemeinde der SwUates, die aufser in den
Censuslisten des Augustus nicht vorkommt. Die Aehnlichkeit der
beiden antiken und des modernen Namens ist die einzige Stütze
für die Vermutung. Es mag wol eine selbständige Gemeinde im
Thal gegeben haben ; jedoch werden Beweise vermifst um sie be-
stimmen zu können. — Auch die Gemeinde der Tadinates gegen
welche das Ritual von Iguvium seine kräftigen Verwünschungen
schleudert (S. 389), kann obwol von Augustus anerkannt, nur unbe-
deutend gewesen sein, Tadinae heifst zwar im l'ilgerbuch Stadt,
bei Prokop aber Dorf: es lag 7 Millien von Helvillum IV2 vom
heutigen Gualdo Tadino bei der Kirche S. Maria Tadina. *) Die
Niederlage der Gothen 552 hat den Ort berühmt gemacht. Totilas
hatte eine vortreflliche Stellung gewählt um den Anmarsch des
Narses zu erwarten. Oberhalb Tadinae mündet auf der Westseite
die von Iguvium kommende Strafse, auf der Ostseite der aus dem
Thal des Aesis hin überführende Pafs von Fossato (S. 388) in die
von Scheggia herabsteigende Via Flaminia ein. Narses rückte nach
1) CIL. XI 5824.
2) Prokop b. Goth. IV 29 Appian Kann. 8. Die Sage knüpft an den Bei-
namen von Nuceria Camellana an.
3) It. Gadit. Anton. 125.315, Hieros. 614 Herbelloni, Tab. Peut. Halvillo
Plin. III 114. Die Inschrift Not. d, Scavi 1891 p. 330 nennt vicaJii He[lvillates];
Cluver 617. Das It. Ant. 315 erwähnt eine Strafse von Helvillum über ad
Calem (S. 382) und ad Pirum nach Sena und Ancona; jedoch ist dieselbe nicht
nachgewiesen und die Entfernungen ganz entstellt.
4) It. Hieros. 614 civitas Planias zu verbessern Tadiyias Prokop b. Goth.
IV 29 ■x.o')firi i\vnEQ oi iniy;,wqiOL TaSivas [cod. Tayivas] xaXovaiv. Plin. 111
114 Gregor M. Reg. IX 184. 85 CIL. XI p. 823.
§ 2. Das westliche ünibrien. 393
Umgehung des befestigten Fiirlopasses (S. 383) auf der letzteren
an. Die Strafse lief nicht wie jetzt an der östlichen Seite der Ein-
senkung über Fossato und Gualdo, sondern an der entgegengesetzten
Seite an Caprara vorbei, dessen Name an den Ort Caprae erinnert
in dem Totilas sein Leben ausbauchte. i) — Weiter tritt die Strafse
in das enge Tlial des nach Süden fliefsenden Tinia Topino (I 310)^)
und langt 8 Milben von Tadinae bei Nuceria an. 3) rs'ach Strabo
trieb das Städichen Fafsbinderei; nach Plinius wurden zwei po-
litische Gemeinden unterschieden Nucerini Favonietises und Camellani:
den letzteren Beinamen giebt auch die Heisekarte an. Bei Ptolemaeos
heifst Nuceria schwerlich mit Becht Colonie: Cluver vermutet an-
sprechend dafs dieser Zusatz aus dem Beinamen entstellt sei. Ob
die beiden Gemeinden einen oder zwei städtische Mittelpuncte ge-
habt haben, ist nicht zu sagen, Das heutige Nocera alter Bischof-
sitz 2 Milben vom Topino weist keine Denkmaler des Altertums
auf: zahlreiche Unglticksfälle die das armselige Dorf durch Feuer
und Erdbeben erlitten, mögen solches erklären. Ueberhaupt be-
fremdet das überaus spärliche Auftreten von Inschriften an diesem
ganzen Strich der Via Flaminia. Von Nuceria zweigte eine Strafse
nach Ancona ab (S. 388). — Die Flaminia erreicht 12 Milben von
Nuceria das von dem Erbauer der Strafse gegründete Forum
FlaminiiJ) Das Städtchen hatte eigene Verwaltung gehabt, wird
aber schon im Beisebuch als Vicus bezeichnet. Es lag am Aus-
gang der grofsen umbrischen Ebene bei S. Giovanni Profiamma.
Halbwegs zwischen ihm und Nuceria ist Ponte Centesimo: eine
Brücke über den Topino lieferte den Anlafs zur ersten, der hun-
dertste Meilenstein von Bom zur zweiten Hälfte dieses Namens.
Ein paar Mdlien weiter treten Flufs und Strafse in die grofse um-
brische Ebene hinaus.
Die nordwestliche Grenze Umbriens geht durch das obere
Tibertbal : die Quellen des Flusses gehören der Feldmark von
Arretium an 5); der jüngere Plinius besafs 8km nördlich vonTifernum
1) Proltop b. Golli. IV 32.
2) Stral.. V 227 Plin. III 53 Sil. It. VIII 452.
3) Strab. V 227 Plin. Ilt 113 Ptol. III 1,46 It. Gadit, Ant. 311 Hieios, 614
Tab. Peuf. Nucerio CajneUaria Guido 53 CIL. XI p. 822. Cliiver 630,
4) Fest 84 M. Strab. V 227 Plin. III 113 Plol. III 1,47 Euseb. a. Abrah.
2270 Cod. Theod. 1X35,5 lt. Ant. 125 Hieios. 614 Tab. Peut. Guido 53 CIL.
XI p. 754.
5) Plin. Ili 53.
394 Kapitel VI. Unibrien.
am Fiifs des Appennin eine Villa, deren Benennung Tusci klar an-
deutet dafs sie auf etruskischem Grund und Boden hgA) Dieser
hat mithin zwischen Borgo S. Sepolcro und Citta di Castello his
an die Hauptkelte des Gebirges gereicht. Die Schilderung welche
IMinius vom Tiberlhal entwirft, ist früher (l 463) mitgetheilt worden.
Die Fruchtbarkeit ist noch immer ungeschwächt: in ununterbrochenem
Wechsel süet man das eine Jahr Weizen der mindestens das zehnte
Korn bringt, das nächste Mais Hafer Bohnen u. s. w. Die Haupt-
stadt Tifermim Tiberinum'^) lag nahe am Flufs: Inschriftenfunde be-
weisen dafs Cittä di Castello, welches sonst keine antiken Denk-
mäler aufzuweisen hat, die Stelle einnimmt. Das der Tribus Clustu-
mina einverleibte Municipium ist durch seinen Gutsnachbar Phnius
bekannt geworden der in jungen Jahren zum Patron ernannt, ihm
101 n. Chr. einen Kaisertempel erbaute. Der Lauf des Flusses
wurde I 310 beschrieben. Wahrscheinlich hat die eine und andere
verschollene Gemeinde aus den Censuslisten des Augustus in dem
Hügelland zwischen Tifernum und Iguvium ihren Sitz gehabt.
Das 264 Dkm grofse Hanplthal Umbriens das sich von Spoleto
ab in einer Länge von 60 km bei 4 — 8 km Breite nach Nordwesten
hinzieht, ist langsam ausgetrocknet (I 311). Dem entsprechend
meiden die Städte den Thalgrund und lehnen sich entweder an die
einfassenden Höhen an oder liegen auf den Höhen selbst. Unter
ihnen kennen wir im Nordwesten auf einem Hügel das zur Tribus
Clustumina gehörende Arna^) jetzt ein Weiler Civitella d' Arne:
Cluver vermutet das in der Kriegsgeschichte 295 v. Chr. erwähnte
Aharna^) sei derselbe Ort. — Ein hellerer Glanz in alter wie in
neuer Zeit ruht über dem benachbarten Asisium.^) Mit sicheren
Strichen zeichnet Properz das Bild seiner Vaterstadt samt ihrer
Umgebung:
Umbria te notis antiqua penatibus edit,
(metitior? an patriae tangitur ora tuae?)
qua nebulosa cavo rorat Mevania campo,
1) Plin. Ep. III 4,2 IV 1,6 V 6 18,2 IX 15. 36. 40 an Tiaiaa 8. Gamurrini,
Strena Heibig. (Leipzig 190U) p. 93.
2) Plin. III 114 Plin. Ep. IV 1 an Traian 8 Geogr. Rav. IV 36 Guido 52
CIL. XI p. 871.
3) Plin. III 113 Sil. iL VIII 456 Ptol. III 1, 47 CIL. XI p. 811.
4) Liv. X 25 Cluver 626.
5) Properz I 22,9 V 1,63 121 fg. Plin. Hl 113 Ptol. III 1,46 Prokop. b.
Goth. III 12 CIL. XI p. 784.
§ 2. Das westliche Umbrien. 395
et lacus aestivis tntepet Umher aquis,
scandentisque Asisi consnrgü vertice murus,
murus ab ingenio nolior ille tuo.
Von der Höhe von Asisi schaut man zur Linken in etwa 15 km
Entfernung das in einer Einbuchtung der Ebene gelegene von
Hügeln überragte Mevania, rechts zu Füfsen um Bastia herum das
ehemalige Becken des lacus Umher ^), der wie es scheint unter König
Theoderich völlig entleert ward, freilich nach dem Ausdruck des
Properz auch früher geringe Tiefe besafs. Bei einer anderen Ge-
legenheit hat der Dichter zur Umschreibung seiner Heimat das hoch
thronende Perusia gewählt, welches im Osten das Gesichtsfeld
abschliefst:
proxima supposito contingens Umbria campo
me genuit terris fertilis uherihus.
Die allgemeine Lage der umbrischen Städte, insonderheit der
ihm von Kindheit an vertrauten schildert er in der vorhin er-
wähnten Elegie:
ut nostris tumefacta superbiat Umbria libris,
Umbria Romani palria Callimachi.
scandentes quisquis cernet de vallibus arces,
ingenio mia^os aestimet ille meo.
'■ Die Mauern des allen Asisium sind nicht mehr sichtbar. Im
Uebrigen führt uns die heutige Stadt ihre Vorgängerin anschauhch
vor die Seele: die verfallene Fortezza welche den Gipfel krönt (407m),
vertritt die ehemalige Arx; unter der Piazza wandeln wir auf den
Fliesen des Forums; eine 15 — 20 stufige Treppe führte von ihm
hinauf zu dem von Goethe gefeierten Tempel (sog. Minerva); In-
schriften verkünden dafs die Gens Propertia allhier ansässig war.*)
Die Gemeinde hat, als sie noch unter ihren einheimischen Marones
stand, sich neben der umbrischen bereits der lateinischen Sprache
öfifenthch bedient. Nach Ertheilung des Bürgerrechts 90 v. Chr.
wurde sie der Tribus Sergia zugewiesen. — Aehnlich wie Asisi
1) Cassiodor Var. II 21 Rhein. Mus. XX 218 fg.
2) Darunter nennt CIL. XI 5405 den Plin. Ep. VI 15,1 IX 22,1 erwähnten
Nachkommen des Dichters. In der Neuzeit haben 7 umbrische Städte den
Anspruch erhoben die Heimat des Properz zu sein. Nachdem Lachmann die
handschriftliche Lesung scandentisque asis in Asisi verbessert hat, ist der
Streit für die Wissenschaft erledigt.
396 Kapitel VI. Umbrien.
Steigt das 6 Millicn nach Süden entfernte Hispelhim i) Spello den
Abhang hinan: die heutige Nameiisloim begegnet schon bei den
Feldmessern. Die der Tribus Lenionia einverleibte Stadt hat im
Altertum ihre Nachbarin an Bedeutung weit übertroflen. Sie erhielt
eine Colonie der Triumvirn und nennt sich seitdem colonia Julia
Hispelhim; ihr Gebiet ward bis zu den Quellen des Clitumnus er-
weitert. In einem um 330 gegebenen Erlafs (S. 390) verleiht ihr
Constantin den Titel Flavia Cotistans, genehmigt die Erbauung eines
Tempels der Gens Flavia und die Abhaltung des umbrischeo Jahres-
festes alklort. Das Gesuch der umbrischen Landstände auf das dieser
Bescheid erlblgle, hatte die Wahl Hispellums als Hauptstadt der
Provinz mit der Nähe der Via Flaminia die in der That nur mit
2 Millien Abstand vorüber läuft, begründet. Das ehemalige Ansehen
bestätigen die zahlreichen Inschriften sowie die Denkmäler: ein
ziemlich grofses Amphitheater und Theater an der Strafse nach Asisi,
die Stadtmauer von der ein Stück an der Südseite nach der Ebene
zu steht.
Der Dreizahl von Städten am nordöstlichen Rand des um-
brischen Thaies liegen ebenso viele im Südwesten gegenüber.
Bettona auf einem steilen Hügel oberhalb des Chiascio ist noch von
dem länglichen Mauerviereck des zur Tribus Clustumina gehörenden
Vettona umgeben. 2) Aber nur die Grundschichten sind erhalten:
dem bröcklichten Stein dieser Gegend mangelt die Widerstandskraft
gegen die Unbilden der Zeit, — 5 Millien weiter bei dem Dorf
Collemancio folgt Urvimim Eorlense, wie das gleichnamige jenseit
des Appennin in der Tribus Stellatina eingetragen; von ihm sind
ein paar Inschriften übrig geblieben.') — Die günstigste Verkehrs-
lage weist Mevania Bevagna auf. Die Via Flaminia durchschneidet
das umbrische Thal in südwestlicher Richtung, überschreitet den
Topino und erreicht 7 Millien von Forum Flaminii die Stadt. *)
Die tiefe Lage derselben wird nach dem Vorgang des Properz (S. 394)
von den Dichtern hervorgehoben 5), so von Silius:
1) Strab. V 227 Plin. 111 113 Ptol. 111 1,47 Sil. It. VllI 457 Plin. Ep. VIII
8,6 Feldm. 179. 224 Lachm. Spellates Spellatinvs ager CIL. XI p. 766.
2) Plin. III 114 Tab. Peut. Geogr. Rav. IV 33 Guido 38 CIL. XI p. 747.
3) Plin. III 114 CIL. XI p. 747 Bull, dell' Inst. 1864 p. 241. Die In-
schriften kennen nur die Form Vrvinum.
4) It. Ant. 311 rechnet 18, die Gaditaner 19 Millien von Nuceria (S. 393),
Tab. Peut. 16 verschrieben für 6 von Forum Flaminii.
5) Sil. It. VI 645 VllI 456.
§ 2. üas westliche Umbrien. 397
latis
proiecta in campis nebnlas exhalat inertes
et sedet ingentem pascens Mevania taurum
dona Jovi.
Ihre Wiesen werden gefeiert wegen des ansehnliclien Rinder-
schlags den sie nährten. i) Der schiffbare Flufs und die grofse
Heerstrafse die ihn kreuzte, bestimmten den Ort zu einem Sammel-
punct der umbrischen Gemeinden. Hier sprengte Fabius 309 v. Chr.
ihren Landsturm, hier erwartete 69 n. Chr. das Heer des Viteliius
den Anmarsch der Vespasianer.2) Wenn Strabo Mevania zu den
namhaften Städten an der Flaminia rechnet 3), so führen die Denk-
mäler zum nämlichen Ergebnifs. Erwähnung verdient ein in den
Häusern verbautes Amphitheater sowie ein Tempel unweit des nörd-
lichen Thors. Die verschwundene Stadtmauer war nach altertüm-
hcher Art aus Luftziegeln aufgeführt. 4) An Inschriften fehlt es
nicht, doch läfst sich die Tribus der Gemeinde nicht sicher aus-
machen: die meisten nennen die Aemilia.^)
Die flaminische Strafse durchzieht von Mevania das Hügelland
welches die Einsenkung des Chtumnus von derjenigen des Tiber
trennt und in einem von Nord nach Süd gerichteten Rücken im
M. Martano 1091 m, im Torre Maggiore oberhalb Terni's 1121 m
ansteigt. Der erstgenannte Rerg hat seinen Namen von dem an
seinem südwestlichen Fufs belegenen vicus Mortis Tudertium 6)
16 Millien von Mevania, 18 von Narnia, 9 von Tuder entfernt.
Man darf schhefsen dafs derselbe keine geschlossene Ortschaft bildete,
sondern an der Landstrafse lang hingestreckt war: noch jetzt ist
in dieser Landschaft zerstreutes Siedeln üblicher als in den meisten
Theilen Itahens. Die Kirche S. Maria in Pantauo bezeichnet den
Mittelpunct des Vicus. — Die gegenwärtig nur noch von Reitern
und Fufsgängern benutzte Strafse weist stattliche Ueberreste aus
römischer Zeit auf. Eine Rrücke von zwei gewaltigen Rogen fällt
in die Augen : der Räch der früher unter ihr durchflofs, hat seinen
Lauf verändert; man benutzte die freistehenden Rogen, ohne einmal
die Wölbungen auszufüllen, als Unterbau für eine Kirche. —
1) Coium. III 8 Lucan I 473 Stat. Silv. I 4,128. Auch der Reben gedenkt
Plin. XIV 37. 2) Liv. IX 41 Tac. Bist. III 55. 59.
3) Strab. V 227 Plin. III 113 Ptol. III 1,47 Phlegon fr. 36 Müller Suet.Cal. 43.
4) Plin. XXXV 173. 5) CIL. XI p. 732.
6) CIL. XI p. 694 It. Gadlt. 16 (17) und 18 (12) It. Ant, 311: 16 und 18.
398 Kapitel VI. Umbrien.
8 Millien vom Vicus Martis mündet die stellenweise ihres Kalkstein-
pflasters un beraubte Flaminia durch das noch stehende Norderthor
von Carsulae ein.i) Einsam liegt die Kirche S. Damiano an der
weiten Trümmerstätte, die ehedem eines der blühenden Municipien
Umbriens trug. Der Boden dacht sich allmälich von hier aus nach
dem Becken des Nar ab : darum schien der Platz den vespasianischen
Führern 69 n. Chr. geeignet Halt zu machen, den Aufmarsch ihrer
Truppen zu vollenden, zugleich den in 10 Millien Abstand bei Narnia
befindlichen Feind zum Abfall zu verlocken. Carsulae gehörte zur
Tribus Clustumina. Sein Verfall schreibt sich aus der späteren
Kaiserzeit her, als der grofse Verkehr den Weg über Interamna
und Spoletium einschlug (S. 400).
Die Reisekarte 2) verzeichnet eine Stralse nach Rom welche
von Perusia aus den Tiber überschritt und Vettona links auf der
Hohe lassend flufsabwärts nach 32 Millien Tuder Todi erreichte.
Silius^) schildert dessen Lage:
collis Umbros atque arva petebat '
Hannibal, excelso summi qua vertice montis
devexum lateri pendet Tuder.
Der Stadthügel (411 m) steigt in geringer Entfernung vom
Flufs, dessen Anbhck übrigens durch Höhen verdeckt wird, etwa
210 m so steil an dafs die oberen Strafsen nicht befahren werden
können. Zahllose Kömpfe von denen keine Ueberlieferung meldet,
mögen um diese Grenzwarte getobt haben : die hier gefundene
keltische Inschrift (I 480) kann als Zeuge dafür dienen. Die Nähe
des Tiber und die vorüberführende Landstrafse, unter allen Ver-
bindungen Roms mit dem Norden die kürzeste, verliehen dem Ort
eine Wichtigkeit die er seiner Festigkeit allein nicht verdankt haben
würde. Die Verbreitung seiner Münze mit der Aufschrift Tutere
(S. 73) wird von keiner andern Stadt im Norden der Halbinsel
übertroffen. 4) Die Feldmark ist nach dem für Umbrien gültigen
Mafsstab ziemlich ausgedehnt, da sie den Vicus Martis an der Flaminia
umschliefsend mindestens 15 km in der Breite bei mehr als doppel-
ter Länge befafste. Die römischen Annalen gedenken der Tuderter
1) Strab. V 227 Piin. III 113 XVII 213 Tac. Bist. III 60 Plin. Ep. I 4
CIL. XI p. 664.
2) Desgleichen mit entstellten Namen Geogr. Rav. IV 33 Guido 38.
3) Sil. It. VI 644 IV 222 VIII 462 Strab. V 227 eveQXTjS nöXte Ptol. III
1,47 Steph. Byz. 4) Mommsen, Münzwesen 221. 272 fg.
§ 2. Das westliche Umbrien. 399
erst in der Zeit des Mariiis, als sie mit dem Bürgerrecht Aufnahme
in die Tribiis Clustumina fanden.*) Im Bürgerkrieg fochten sie gegen
Sulla; ihre Stadt ward von Crassiis erobert und geplündert, 538 n.
Chr. den Gothen von Belisar abgenommen. 2) Sie erhielt nach der
Schlacht bei Philippi eine Ansiedlung von Veteranen und den Titel
colonia Julia Fida TuderJ) Sie scheint früh in der Bebenzucht
etwas geleistet zu haben, da die in Etrurien übliche Bebe Tudernis
hiefs.4) Aehnlich wie die Iguviner verehrten die Tuderter vor allen
Göttern den Mars: Gradivicolam celso de coUe Tudertem sagt Silius.
Ein Bau aus grofseh Quadern wird von den Nachfahren (schwerlich
mit Becht) als sein Tempel betrachtet. Von der antiken Mauer
sind noch Stücke erkennbar. — Die römische Heerstralse schneidet
den Bogen welchen der Tiber nach Orvielo hin macht (I 311), ab
und läuft an der Ostseite eines bis 994 m ansteigenden Bergrückens
der von Nord nach Süd am Flufs hinstreicht, geradeswegs nach
dem 18 Millien entfernten Ameria Ameha.^) Diese Bergstadt nimmt
einen steilen Hügel (406 m) ein der im Halbkreis vom Bio Grande,
dem gröfslen der nach Süden dem Tiber zueilenden Bäche um-
strömt wird. Am jenseitigen Ufer des Baches thürmen sich wieder
Felsen auf so dafs ein völlig sicherer Schutz geboten wird: nichts
desto weniger scheint nachträglich in späterer Zeit auch die ganze
Hohe mit einer Mauer umgeben worden zu sein. Die Angriffseite
im Südosten ist durch eine gewaltige Mauer gedeckt; sie steht
stellenweise noch in einer Höhe von 7 — 8 m und bekundet die
wechselnde Bauart verschiedener Epochen ; denn theils nehmen die
Felsblöcke keine Bücksicht auf wagerechte Ghederung, theils sind
die Vielecke regelmäfsig geschichtet, theils kleinere Steine nahezu
rechtwinklig behauen. Der Anbhck erweckt unwillkürlich die Vor-
stellung einer altersgrauen Vergangenheit. Aehnlichen Eindrücken
haben römische Geschichtschreiber Worte geliehen: Cato läfst
Ameria 963 Jahre vor dem dritten makedonischen Kriege, 1134
V. Chr. gegründet sein. 6) Es wurde wie es scheint gleich-
zeitig mit Tuder zum Bürgerrecht und zur Tribus Clustumina
1) Sisenna fr. 119 Peter Plut. Mar. 17,4 Plin. II 148 CiL. XI p. 678.
2) Plut. Grass. 6,5 Prokop b. Golh. )I lt. 13 Paul h. Lang. IV 8.
3) Feldm. 52. 214 Lachm, Plin. 111 113 CIL. XI 4646. 59. 39. 50. 54.
4) Plin. XIV 36.
5) Tab. Peut. 6 Millien nach Ausfall einer Station, die auch Geogr. Rav^
IV 33 vermifst wird.
6) Plin. III 114 Fest. 21 M.
400 Kapitel VI. Umbrien.
zugelassen.') Wie die sullanischeu Wirren die Gemeinde in
Mitleidenschaft zogen , spiegelt die Rede wieder die Cicero für
Sextus Roscius, ein Opfer derselben 80 v. Chr. hielt. Ueber ihre
späteren Schicksale ist wenig bekannt. 2) Sie legte auf dem römi-
schen Markt mit Aepfeln und Birnen Ehre ein 3) , beschickte ihn
mit Besen^) und versorgte den Winzer mit Weiden s): Amerina
parant lentae retmacula viti. Wie die Hügel landeinwärts für jenen
so war das Tiberufer, bis zu welchem die Feldmark reichte ^) , für
diesen einträglichen Anbau vorzüglich geeignet. Die Entfernung
von Ameria nach Rom betrug 56 Mühen, nach castellum Amerinum
12; letzteres lag am Tiber Orte gegenüber.')
Ein bedeutsames Ereignifs für die innere Geschichte der Land-
schaft ist die Verlegung der Via Flaminia gewesen. Ueber deren
ursprünglichen Lauf hätte freilich keine Unklarheit herrschen dürfen.
Die Strecke von Narnia bis Mevania weist eine ganze Reihe ge-
waltiger Brücken aus der Epoche des Augustus auf. Diesen Zug
läföt Strabo die Strafse einhalten, ihm folgte das vespasianische
Heer auf seinem Marsche nach Rom, den gleichen Weg haben die
Gaditaner genommen welclie ihre Reisebecher den Nymphen von
Vicarello weihten. Auch das Postbuch kennt ihn noch unter dem
Namen Flaminia, aber als Verbindung zwischen Rom und Ancona-
Brundisium, führt dagegen die grofse Nordstrafse nach Ariminum
über Interamna und Spoletium. Das Nämliche geschieht im Pilger-
buch von 333 ^) und seitdem hat der Verkehr diese neue Richtung
eingehalten, die etwa 5 Mühen länger und durch den M. Somma
(728 m) aufserdem beschwerlicher ist. Ueber die Gründe der
Aenderung lassen sich Mutmafsungen ohne Bürgschaft ihrer Richtig-
keit vorbringen. — Von Forum Flaminii (S. 393) werden 3 Millien
1) Plin.ll 148 Plut. Mar. 17,4 CIL. XI p. 638.
2) Strab. V 227 Plin. III 113 Ptol. 111 1,47 Sleph. Byz. Paul. h. Lang.
IV 8. Irrtümlich macht Feldm. 224 Lachm. Ameria zu einer Golonie des Augusust.
3) Golum. V 10 Plin. XV 50. 55. 58 Stat. Silv. I 6,18.
4) Plin. XXIV 67.
5) Verg. Georg I 265 mit Schol Golum. IV 30 Plin. XVI 177 XXIV 58.
Körbe Gato RR. 11,5.
6) Gic. pro Roscio 20 Plin. Ep. VIII 20.
7) Tab. Peut. vgl. mit Geogr. Rav. IV 33. Die Entfernungsangabe der
Karte wird bestätigt durch Gic. pro Rose. 19.
8) It. Anton. 125. 311 Hieros. 613 Claudian VI cons. Hon. 506 fg. vita
Severi 6,2 Prokop b. Goth. H 11. Dafs Interamna nicht an der Flaminia liege,
sagt ausdrücklich Tac. Hist. II 64.
§ 2. Das westliche Umbrien. 401
gerechnet bis Fulginiae oder Fulginium Foligno. i) Die alte Stadt
lag bei S. Maria in Campis und S. Maria del Sasso, einige hundert
Schritt weiter östhch als die jetzige nach den Bergen zu. Ihre
späte Entstehung deutet Silius an: pahtloque iacens sine moenibus
arvo Fulginia. Das Fehlen der Mauer beweist dafs der Ort von
Hause aus kein Stadtrecht hatte: er gehörte zur Classe der Prae-
fecturen denen ein von Rom geschickter Beamter Recht sprach.2)
Bei Gelegenheit der Gründung von Forum Flaminii mögen die um-
brischen Fulginiates^) minderes Bürgerrecht, späterhin Aufnahme
in die Tribus Cornelia erlangt haben. Der verschiedenartige Ursprung
der beiden Nachbarorte erhellt schon aus der Thatsache dafs sie
nicht zu einem einzigen Gemeinwesen verschmolzen sind. In der
Kaiserzeit hat Fulginium einen entschiedenen Aufschwung genommen,
während Forum Flaminii zum Dorf herabsank. Seine Verkehrslage
ist äufserst günstig da eine Strafsenkreuzung hier stattfindet: nach
dem 21 Millien entfernten Perusia im Westen, nach Picenum über
den Pafs von Plestia im Osten (S. 388), nach Ariminum nördlich,
Spoletium südlich. Es scheint ein Amphitheater besessen zu haben.
— Die Slrafse nach Süden langt 5 Millien von Fulginium bei
Trehi oder Trebiae Trevi an, das steil an dem Randgebirge des
Clitumnusthals hinauf gelagert ist.^) Aufser Inschriften sind keine
Denkmäler vorhanden: vielleicht eine Folge der in dieser Gegend
häufigen Erdbeben. — Die Ebene zwischen Trevi und FoHgno liegt
stellenweise sehr tief und wies früher ausgedehnte Sümpfe auf, die
nach vielen vergebhchen Versuchen endhch 1563 ausgetrocknet
wurden. Es ist gestaltet an diesem Ort den lacus Clitorius zu
suchen, den die geographische Uebersicht des Paulus anführt. ^j
Das etwa 4 km breite 15 km lange Thal (213 m) das sich von Trevi
nach Spoleto hinzieht, ist überaus wasserreich (I 310). Seine
üppigen Wiesen ernährten den von Dichtern 6) gefeierten Rinder-
1) It. Hieros. 613 civüas Fufginis, Sil. It. IV 545 VIII 460 Fulginia, Appian
b, civ. V 35 'PovXxiviöv rt ;^rw^tOf.
2) Cic. fr. p. 4,3. 4 Baiter-Kayser e municipio Fulginale, in praefectura
Fulginate.
3) So Plin. 111 113 und Inschriften CIL. XI p. 754.
4) Plin. III 114 Trebiales und Inschriften CIL. XI p. 728, It. Hieros. 613
und Schol. Juvenal 12,13 Trevis, vgl. Guido 55 Sueton Tib. 31.
5) Paul. h. Lang. II 16 Rhein. Mus. XX 222.
6) Verg. Georg. II 146 Properz III 12,25 IV 22,23 Stat. Silv. I 4,129 Sil. It.
VIII 450 Juvenal 12,13 Claudian VI cons. Hon. 506.
Nissen, Ital. Landeskunde. LT. 26
402 Kapitel VI. ümbrien.
schlag, der die grofsen weilsen Opferthiere für die Triumphe in
Rom heferte; er wird von Vergil bei seinem Preise Italiens erwähnt:
hinc albi, Clitumne, greges et maxima taurus
victima, saepe tno perfusi flumine sacro,
Romanos ad templa deum duxere triumphos.
Das Thal wird nach dem Clitumnus benannt und gehörte grofsten
Theils zur Feldmark von Mevania.i) Es wurde von der alten Strafse
der Länge nach durchschnitten, während die heutige einen Umweg
an dem östlich einfassenden Höhenzug hin macht. 4 Millien von
Trevi lag die Poststation Sacraria'^) le Vene, dieses nach den hier
vorbrechenden Quellen , jenes nach den an ihnen befindHchen
Heiligtümern benannt. Der jüngere PHnius entwirft ein zutreffen-
des Bild der Landschaft: „ein mäfsiger Hijgel steigt an, von einem
alten Cypressenhain beschattet. An seinem Fufs kommt die Quelle
zu Tage und wird in mehreren Adern ungleicher Stärke hervorge-
trieben. Nachdem der Strudel geglättet ist, breitet sie sich so rein
und krystallhell aus dafs man die Kieselsteine und die hineinge-
worfenen Opfergaben auf dem Grunde zählen kann. Vom Becken
wird sie nicht durch das Gefälle des Bodens sondern durch die
eigene Fülle und Wucht fortgestofsen: noch Quelle und zugleich
Flufs, dessen Strömung die Barken ohne Ruder mitnimmt, aber den
Aufwäitsfahrenden zu harter Arbeit zwingt. Die Ufer sind von
Eschen und Pappeln eingefafst, deren grünes Bild in den durch-
sichtigen Flufs eintaucht. Das Wasser ist kalt und weifs wie Schnee.
Daran liegt ein alter ehrwürdiger Tempel mit Clitumnus in purpur-
verbrämtem Gewände: die Gegenwart des Gottes künden seine
Orakel an. Rings herum sind mehrere Capellen verstreut, die jede
ihren Gott und ihre Verehrung, einzelne auch Quellen haben.
Denn aufser jenem Hauptquell sind kleinere da, die jedoch in den
Flufs einmünden. Eine Brücke über den Flufs stellt die Grenze
des heiligen und weltlichen Bezirks dar. Oberhalb darf man nur
im Boot fahren, unterhalb auch schwimmen. Ein städtisches Bad
und Gasthaus der Hispellaten ist vorhanden, denen der hochselige
Augustus den Platz geschenkt hat. Auch Villen fehlen nicht, die
man durch die Anmut des Flusses angelockt am Ufer errichtete.
Alle Säulen und Wände sind mit Sprüchen beschrieben, in denen
1) Suet. Calig. 43 Vib. Sequ, unter flum. und fonles Schol. V Georg. II
146 Plin. Ep. VIII 8,6.
2) 11. Hieros. 613.
§ 2. Das westliche Urobrien. 403-
die Besucher jenen Quell und Gott lobpreisen." Das mächtige
Wasser das aus dem geheimnifsvollen Schofs der Erde ans Licht
trat, forderte unwillkürlich die Andacht der Menschen heraus. Eine
ganze Anzahl christHcher Heiligtümer hat jetzt die Stelle der heid-
nischen eingenommen.!) Eines unter ihnen, S. Salvatore kann
durch seine etwa aus dem vierten Jahrhundert stammende Bauart
dem Beschauer als Anhalt dienen um sich die plinianische Schilderung
lebendig zu machen. Diese atmet das idyUische Behagen, welches
die grüne frische Landschaft im sonnenverbrannten Süden von
selbst hervorruft. In der Neuzeit hat Poussin zu ihren Verehrern
gezählt. — Das Thal des Clitumnus wird durch das an seinem
Ende befindliche, von Trebi 12, von der letzterwähnten Station
8 Millien entfernte Spoletium Spoleto beherrscht. 2) Diese Stadt
nimmt einen nach allen Seiten steil abfallenden nur im Westen
zugänglichen Hügel ein, dessen Spitze die Arx trägt. Die Verkehrs-
lage ist nicht ungünstig: abgesehen von der Strafse über M. Somma
welche das Becken des Nar mit dem Clitumnusthal verbindet, zweigt
ostwärts am Fufs des M. Maggiore (1428 m) entlang eine Strafse
nach Nursia^) und dem Truentus ab, mit einem Nebenaste nach
dem Chienti, so dafs von hier ein doppelter Ausgang nach der Adria
gegeben war. Vor allem jedoch ist es die Festigkeit gewesen,
welche dem Ort einen geschichtlichen Namen gemacht hat. Die
Römer siedelten in ihm 241 v. Chr. eine latinische Colonie an 4),
die im hannibahschen Kriege standhaft aushielt und 217 einen feind-
lichen Angriff abwehrte.^) Mit dem Bürgerrecht 90 v. Chr. begabt
und in die Tribus Horatia aufgenommen , hatte die Stadt von den
Kämpfen der Sullaner und Marianer zu leiden, wurde von Sulla
öffentlich versteigert. 6) Abermals diente sie im perusinischen Krieg
den Parteigängern des Antonius als Stützpunct.^) Sie genofs eines
1) CIL. XI p. 723 fg.
2) Strab. V 227 Plin. III 114 XI 190 Ptol. III 1,47 It. Anton. 125 Hieros. 613
Tab. Peut. Guido 53. Der Name Spoletium Spoletinus in guter Zeit, später
Spoletum Spoletanus Priscian II 56, im 6. Jahrhundert auch Spolüium CIL.
XI p. 701. A. Sansi, Storia di Spoleto, Foiigno 1869.
3) Suet. Vesp. 1 erwähnt dieselbe.
4) Liv. XX Vell. I 14,7 Cic. pro Balbo 48 colonia Latina in primis firma
tt inlustris.
5) Liv. XXII 9 XXIV 10 XXVII 10 XLIII 18. 19 XLV 43.,
6) Appian b. civ. I 90 Flor. II 9,27.
7) Appian b. civ. V 33.
26*
404 Kapitel VI. Umbrien.
solchen Ansehens dafs die seit dem Ausgang des Altertums übliche
Benennung der umbrischen Ebene nach Spoleto wenigstens für
das Clitumnusthal bereits in classischer Zeit vorkommt, i) Ihr gold-
gelber Wein zählt zu den bekannten Marken. 2) Im 3. und 4.
Jahrhundert wird sie mehrfach vom Kaiser besucht. 3) Immerhin
beginnt ihr eigentlicher Ruhm erst mit der Fremdherrschaft: Theo-
derich schmückt sie durch Bauten *) ; in den Gothenkriegen bald
in dieser bald in jener Hand, werden ihre Mauern von Totilas ge-
schleift, aber 552 von Narses wieder horgestellt.s) Seit 570 wird
Spoleto Sitz eines langobardischen Herzogtums, das zeitweise seine
Macht über ganz Italien erstreckt hat.6) Aus dieser Epoche stammt
das grofsartigste Denkmal der Stadt, der Ponte delle Torri ein
Ziegelbau von 206 m Länge und 81 m Höhe, welcher die Schlucht
an der südöstlichen Seite des Stadthügels überspannt, Wasser vom
M. Luco hineinführt und zugleich als Brücke dient. Von der
ältesten Burgmauer im Polygonalstil sind noch Ueberreste sichtbar,
desgleichen von der Stadtmauer ein Thor im römischen Stil. Ver-
schiedene Kirchen verraten ihren Ursprung aus ehemaligen Tempeln.
Die Stadt hatte sich über ihre Befestigungen hinaus erweitert, be-
safs unter anderem aufserhalb derselben ein von Prokop erwähntes
Amphitheater (119 X 90 m).^}
Das Thal von Spoleto wird im Süden durch einen Bergzug
abgeschlossen, der das umbrische Hügelland mit dem Hochland in
Verbindung setzt. Er steigt im M. Fionchi 1335 m an, die Pafs-
höhe des M. Somma mifst 728 m. Er ist mit niedrigem Gestrüpp
von Steineichen bedeckt, doch wird bis zur Pafshöhe stellenweise
Korn angetroffen. Von Spoleto bis Interamna werden 18 oder 20
MiUien gerechnet: der Name einer Poststation Fanum Fugitivi
deutet an dafs auf dem M. Somma ein Asyl für flüchtige Sklaven war. 8)
1) Appian b. civ. I 90 Cassiod. Var. II 21, vgl. Cic. Brut. 271 Suet. p. 115
Reiffersch, Feldmesser 225 Lachm.
2) Athenaeos I 27 b Martial VI 89,3 XIII 120 XIV 116.
3) Aur. V. ep. 45 Cod. Theod. XVI 5,2 Xllf 3,5 Ammian XIV 6,24.
4) Cassiod. Var. II 37 IV 24.
5) Prokop. b. Goth. 1 16. 17 II 8. 11 III 6. 12. 23 IV 33.
6) Geogr. Rav. IV 29 Paul. h. Lang. II 16 u. o. Guido 66.
7) Prokop. b. Goth. III 23.
8) It. Anton. 125. Hieros, 613. Der Zusatz der Tab. Peut. Adtine Betine
[hschr, recine] mag einer Aufschrift an der Grenze des Tempelbezirks ent-
stammen vgl. Guido 53.
§ 2. Das westliche Umbrien. 405
— Der Lauf des Nar Nera der in dem südlichsten Theil Umbriens
so bedeutend hervortritt, ist I 312 beschrieben worden. Nach ihm
werden von den Iguvinern die feindlichen Stammesgenossen be-
nannt (S. 389), erhalten auch in römischer Zeit die südlichen Städte
Beinamen. Zunächst dehnt sich am Fufs des M. Somma ein bis
5 km breites 10 km langes Thal aus: ein ehemaliges Seebecken
dessen Wiesen viermal im Jahr geschnitten wurden, i) In den Be-
sitz theilten sich Interamna und Narnia. Durch den Beinamen
wird Interamna Nahars Terni von anderen gleichnamigen Städten
unterschieden. 2) Es hegt (130 m) am rechten Ufer des Nar und
war ehemals von einem Nebenarm umflossen: daher rührt seine
Benennung. Laut einer Inschrift beanspruchte es 672 v. Chr. ge-
gründet zu sein. 3) Von seinen früheren Schicksalen hören wir
nichts bis auf Sulla, von welchem das 90 v. Chr. nach Verleihung
des Bürgerrechts der Tribus Clustumina zugewiesene Municipium
(wenn anders nicht das praetuttische Interamna gemeint ist S. 31)
eingezogen und versteigert wurde. 4) Als Knotenpunct der nach
Spoletium und Narnia, ferner nach Carsulae an der Flaminia und
Beate an der Salaria laufenden Strafsen, hat es in der Folge eine
Blüte entfaltet, welche sowol durch Schriftsteller 5) als Denkmäler
bezeugt wird. Unter den letzteren verdient ein Amphitheater Er-
wähnung. Ferner haben die Wasserfragen, der Streit der Reatiner
und Interamnaten über die Ableitung des Vehnus (I 313. 321) die
allgemeine Aufmerksamkeit auf sich gelenkt. 6) EndUch hat Interamna
als Geburtstadt des Kaisers, angeblich auch des Geschichtschreibers,
Tacitus Ruf erlangt.'^) — Das Alter welches Interamna sich beilegt,
ist mit demjenigen Ameria's (S. 399) verglichen recht bescheiden.
Die Lage spricht auch dafür dafs es verhältnifsmäfsig spät erbaut,
wenigstens spät Hauptstadt der ganzen Landschaft geworden sei.
1) Plin. XVIII 263 Tac. Ann. I 79.
2) Plin. III 113 Varro LL. V 28 Fest. 17 M. It. Anton. 125Hieros. 613 Tab.
Peut. Guido 53 CIL. XI p. 611.
3) CIL. XI 4170.
4) Flor. II 9,27 Feldmesser 226 Lachm.
5) Cic. ad. Att. II 1,5 de domo 80 pro Mil. 46 (dazu Asconius) Phil. II 105
Tac. Bist. II 64 III 61. 63 Quintil. IV 2,88 Vita Severi 6 Aur. V. Caes. ep. 45
Eutrop IX 5 Hieron. a. Abr. 2270 An. Vales. 6.
6) Gius. Riccardi, suUa caduta delle marmore, 5. ediz. Roma 1825.
7) Vita Tac. 15 vgl. 10,3.
406 Kapitel VI. Umbrien.
Wit grofser Wahrscheinlichkeit werden wir an und auf den Höhen
die das Becken des Nar umgehen, andre Gemeinden suchen. Der
Rest einer allen Mauer im Polygonalslil bei Cesi (437 m) 5 Milhen
nordwestlich von Terni beweist dafs hier eine solche ihren Sitz
hatte; über den Namen lassen sich aber nur Vermutungen vor-
bringen. — Von Interamna sind 8 MilHen bis Narnia Narni. i)
Der Stadlhügel dessen Spitze (332 m) die Arx einnahm, schhefst
vorspringend das Thalbecken ab, an seinem Fufs tritt der Kar in
eine Enge ein. Den von Nord und Ost her Kommenden gewährt
die Festung einen mächtigen Anblick und sperrt den Weg nach
Rom. In umbrischer Zeit Nequhmm geheifsen , wurde sie nach
langer vergeblicher Belagerung 299 v. Chr. von den Römern durch
Verrat eingenommen, einer iatinischen Colonie überwiesen und nach
dem Flufs benannt.^) Im hannibalischen Kriege schmolzen die
Reihen der Ansiedler so zusammen dafs sie 199 Verstärkung er-
baten und erhielten. 3) Bürgerrecht ward ihnen 90 v. Chr. in der
Tribus Papiria verliehen. Bei der Herstellung der Via Flaminia
durch Augustus wurde der Stadt die schönste Brücke zu Theil die
Italien aufzuweisen hat. Sie ist 128,26 m lang, hat 4 Bögen mit
16 — 32 m Spannung und liegt 30,02 m über dem mittleren Wasser-
spiegel. Diese aufserordentliche Höhe dient dazu um die Steigung
zwischen dem M. Maggiore auf dem die Stadt liegt, und dem M.
Santa Croce an dessen Abhang die Flaminia nach Carsulae läuft,
zu überwinden oder richtiger zu erleichtern. Die Brücke stürzte
im 8. Jahrhundert und endgiltig 1054 in Folge des Hochwassers
ein: seitdem stehen nur die Pfeiler und ein Bogen am linken Ufer.
Die Umgebung wird zutreffend von Claudian besungen:
celsa dehinc patulum prospectans Narnia campum
regali calcatur equo, rarique coloris
non procul amnis abest urbi qui nominis auctor,
ilice sub densa silvis arctatus opacis,
inter utrumque iugum tortis anfractibus albet.
Prokop der den Platz für einen der stärksten Tusciens er-
1) It. Anton. 125 Hieros. 613. Tab. Peut. wo der Name ausgefallen ist.
2) Liv. X9. 10 Fast. Capit. Plin. III 113 Dion. Hai. XVII fr. Fest. 176 M.
3) Liv. XXVII 9. 43. 50 XXIX 15 XXXII 2 Flut. Flam. 1,4.
4) Claud. VI cons. Hon. 515 Sil. It. VIII 458 Martial VII 93.
§ 2. Das westliche ümbrien. 407
klärt, beschreibt ihn wie folgt i): „er liegt auf einem hohen Berge.
Der Flufs Nar von dem auch die Stadt ihren Namen bekam, fliefst
am Fufs dieses Berges. Zwei Aufgänge führen hinein, der eine im
Osten, der andre im Westen. Davon hat jener wegen seiner Enge
und der Abschüssigkeit des Felsens grofse Schwierigkeit; diesen
kann man nur von der Brücke aus betreten die hier den Flufs
überschreitet. Die Brücke hat Kaiser Augustus in allen Zeiten er-
baut, ein sehr bemerkensw-ertes Schaustück; denn von allen Ge-
wölben die ich gesehen habe, ist dies das höchste". Wenn Strabo
den Nar durch die Stadt fliefsen läfst, so redet er nicht als Augen-
zeuge.2) Freilich wird um die Brücke herum eine Vorstadt ent-
standen sein, da hier die Strafsen von Ameria und Interamna mit
der Flaminia zusammen trafen, aufserdem aber ein Verkehr zu
Schiff mit Rom unterhalten wurde. 3J Immerhin fehlten die Vor-
bedingungen für den Aufschwung einer Handelsstadt; in der Ueber-
lieferung wird Narnia fast nur um seiner Festigkeit willen erwähnt.*)
— Von hier rechnen die Itinerarien 12 Millien bis Ocriculum.^)
Das heutige Otricoli — die Namensform begegnet schon in der
Kaiserzeit 6) — liegt 1 Milbe nördlich von dem alten auf der Höhe;
jenes lag in der Ebene am Tiber.') Die alte verfallene Kirche S.
Vittore bezeichnet die Stätte die zahlreiche Trümmer bewahrt. Ein
Amphitheater bekundet das Ansehen der Stadt, vielleicht noch mehr
die Ausbeute der im 18. Jahrhundert unternommenen Ausgrabungen
die den Vatikan mit einigen seiner schönsten Schätze bereichert
haben. Die Gemeinde trat 307 v. Chr. in das römische Bündnifs
ein, wurde im Bundesgenossenkrieg schwer heimgesucht, bei der
Ertheilung des Bürgerrechts in die Tribus Arnensis aufgenommen.^)
1) Prokop b. Goth. I 16. 17 II U IV 33. Er übersieht, dats die Strafse von
Interamna in den westlichen Aufgang einmündete, ohne die Brücke zu über-
schreiten. Giov. Eroli, Miscellanea storica Narnese, Narni 1858. 62.
2) Strab. V 227 Ptol. 111 1,47.
3) Tac. Ann. III 9 Strab. V 227.
4) Tac. Hist. III 58. 60. 63. 78 Zosim. V 41 Paul. h. Lang. VI 48. — Cic.
bei Piin. XXXI 51 Plin. Ep. I 4 Aur. V. ep. 24. 45 TertuUian Apol. 24. CIL.
XI p. 601.
5) It. Gadit. Anton. 125. 311 Hieros. 613.
6) It. Anton. Ulriculi Hieros. Ucriculo Guido 53 Ocricula Hydat. a. 413
(Ghron. min. II 18) Utrieulo.
7) Strab. V 227 Plin. III 53. 114 Ptol. III 1,47.
8) Liv. IX 41 XXII 11 Dion. Hai. XVIII fr. Flor. U 6 CIL. XI p. 595.
408 Kapitel VI. Umbrien.
Späterhin geschieht ihrer wegen der Nähe Roms und der Via
Flaniinia gelegenthch Erwähnung, i) Von der TiherbrUcke welche
die Strafse vom umbrischen auf das etruskische Gebiet hinüber-
führte, waren die Pfeiler noch in der Neuzeit sichtbar. Ihre Er-
bauung würde um 64 v. Chr. fallen, wenn die nahe liegende Ver-
mutung dafs dies der pons Minucius sei, zutreffen sollte. 2)
1) Cic. pro Mil. 64 Tac. Bist. III 78 Ammian XVI 10,4 XXVIII 1,22 Plin.
Ep. I 4 VI 25 Tertull. Ap. 24.
2) Mon. Anc. c. 20 Cic. ad Att. I 1,2.
KAPITEL VII.
Picenum.
Der Aesis, der alte Grenzflufs Italiens trennt die fünfte von
der sechsten Region (S. 374). Jedoch gilt dies nur von der unteren
Hälfte; die oberen Thäler des Esino Potenza Chienti werden von
den Camertern bewohnt und gehören zu Umbrien (S. 387). Weiter
südlich bildet der Ilauptkamm des Appennin von der Sibilla bis
zum M. Vettere die Scheidewand zwischen Picenum und der Sabina.
Welcher von diesen beiden Regionen das obere Thal des Tronto
zuzuweisen sei, bleibt unentschieden; das obere Thal des Vomano
aber gehört sicher zur Sabina. Endlich im Süden wird ungenau
der Aternus der gröfste und bekannteste Flufs der italischen Ost-
kiiste als Grenze der Picenter bezeichnet: richtiger setzt Ptolemaeos
den unscheinbaren Matrinus Piomba dafür ein. Das umschriebene
Gebiet, die heutigen Kreise Ancona, Macerata, Ascoli Piceno, Fermo,
Teramo umfassend, begreift einen Flächenraum von rund 120 d. DM.
6500 Dkm, vielleicht einige hundert Quadratkilometer mehr. Unter
den von Augustus eingerichteten Regionen ist dies weitaus die
kleinste, da sie nur zwei Drittel der nächstfolgenden (Umbrien) und
ungefähr ein Achtel der gröfslen (Venetien) ausmacht. Durch den
Subappennin die Ausläufer der Centralkette gebildet, erscheint sie
durchaus als ein Hügelland von 3 — 400 m mittlerer Erhebung,
worin die unter 150 m eingeschnittenen Thalsohlen kaum ein Zehntel
des Gesamtareals einnehmen. ,,Die Picenter — schreibt Strabo —
bewohnen von den Bergen bis zum Meeresstrand ein Land dessen
Breite zur Länge aufser Verhältnifs steht, das in jeder Hinsicht
fruchtbar doch zur Baumzucht geeigneter ist als zum Kornbau."
Heutigen Tages wird im Durchschnitt das 7. Korn geerntet, die
wichtigen Erträge liefern Seide Wein und Oel. Von den Alten
410 Kapitel VII. Picenum.
wird picenisches Oel 1) Wein 2) Obsl^) gerühmt; auf einen ansehn-
lichen Waldbestand deutet die Erwähnung der Schweinemast hin.*)
Aus Dinkel wird das Nalionalgebäck bereitet, nicht aus Weizen &):
ein Zeugnifs für die altertümlichen Lebensformen die diese Land-
schaft kennzeichnen. — Der Mangel an Häfen (I 93) erschwerte
den Verkehr mit den Seevölkern, der Bau des Landes das in ein
Dutzeni durch Ilügelrücken getrennte Flufsthäler zerfällt, erschwerte
den Verkehr der Stammesgenossen unter einander; beides bewirkte
dafs die staatliche Einheit in gleicher Weise wie das Aufkommen
von Stadien im Rückstand blieb. Um so länger erhielt sich die
Wehrkraft dieser Gaue, Sie sind den älteren Hellenen unbekannt
(I 511). Mit den Römern haben sie zwei grofse Kriege geführt.
Der erste 269. 68 v. Chr. endigte mit dem Verlust des halben Ge-
biets und der Verpflanzung von desäen Einwohnern an den Golf
von Salerno. Der zweite 91 — 89 fällt mit der Erhebung der Bundes-
genossen zusammen, die von hier ihren Ausgang nahm. Als die
römischen Waffen in Picenum die Oberhand behielten, war auch
das Schicksal der ganzen Erhebung besiegelt. Die Landschaft trat
in die Clientel ihres Ueberwinders Pompeius Strabo ein ; dessen
Sohn Pompeius Magnus schuf sich in ihr eine Hausmacht, mit der
er der sullanischen Reaction 83 zum Siege verhalf und 49 den
gallischen Legionen Caesars widerstehen zu können hofTte.^) —
Unter Augustus umschlofs die Region 23 Gemeinden mit Selbst-
verwaltung, darunter als Stützen der kaiserlichen PoUtik die vier
Culonien Ancona Firmum Asculum und Hadria. Der Ursprung der
Städte weist durchweg in junge Zeit: es ist wenig von ihnen zu
sagen. Hauptstadt ist Asculum an dem gröfsten Flufs den die Land-
schaft besitzt, am Truentus Tronto gelegen. Durch sein Thal läuft
die via Salaria die Rom mit der Adria verbindet. Der kunstmäfsige
Ausbau dieser Strafse wird erst für die Zeit des Augustus bezeugt,
ihr höheres Alter jedoch das vor die römische Herrschaft zurück-
reicht, durch den Namen erwiesen. So lange die Bundesgenossen
1) Plin. XV 16 Martial I 43,8 V 78,20 XIII 36 Auson. Epist. 3,1.
2) Plin. XIV 37. 39. 67 vgl. Liv. XXII 9.
3) Horaz Sat. II 3,272 4,70 Jnvenal 11,74.
4) Martial XIII 35.
5) Plin. XVill 106 Mart. XIII 47.
6) Dio fr. 107 Plut. Pomp. 6 Caes. b. civ. I 12. 15 Cic. Ätt. VII 13.1 21,2
26,1 VIII 8,1 12C,2 IX2a,2.
§. 1. Die Picenter. 411
ihre Selbständigkeit bewahrten, haben die Römer den Verkehr mit
der Colonie Iladria auf dem Wege durch das Thal des Vomanus
unterhalten: der Weg wurde 117 v. Chr. als via Caecilia hergestellt.
Weit jünger ist die Slaatstrafse welche die Via Flaminia von Nuceria
aus (S. 393) mit Ancona in Verbindung setzte. Auch einige binnen-
ländische Nebenslrafsen die in den Reisebüchern Aufnahme gefunden
haben, gehören vermutlich der Kaiserzeit an. Dagegen wird die
Küsteustrafse die schliefslich vom iapygischen Vorgebirge bis Aquileia
den ganzen Ostrand Italiens entlang reichte, Hand in Hand mit der
Festsetzung der Römer also in der ersten Hälfte des dritten Jahr-
hunderts V. Chr. angelegt worden sein. Wie die heutige Eisenbahn
zeigt, führt an dem flachen Strand der die subappenninischen Hügel
umsäumt, die bequemste uud natürliche Verbindung zwischen den
getrennten Thalschaften hin; die Römer aber sind ihrem bewährten
System von der Küste aus das Binnenland zu bewältigen in Picenum
treu geblieben. An öffentlichen Strafsen fehlt es also nicht: allein
auf keiner derselben bewegt sich seit dem Erwerb der Weltherrschaft
ein grofser Durchgangsverkehr; das Leben das in mächtigen Adern
von und nach Rom strömt, berührt diese Theile nicht. Daraus er-
klärt sich das Schweigen der Ueberlieferung, der inschriftlichen wie
der htterarischen. Der Hochappennin stellt den Hintergrund des
lang gestreckten Küstenlandes dar. Da seine Erhebung nach Süden
andauernd wächst, auch die Richtungsaxe sich ändert, bekundet
der südliche Theil ein rauheres Aussehen als der nördliche. Der
physische Gegensatz wiederholt sich im geschichtlichen Leben, in-
sofern die Region zwei verschiedene Stämme, einen gröfseren in
der Nord- einen kleineren in der Südhälfte umfafst. Wir behandeln
beide gesondert.^)
§ 1. Die Picenter.
Strabo lälst die picentische Küste vom Aesis bis Castrum novum
sich erstrecken und beziffert ihre Ausdehnung auf 800 Stadien, was
die römische Meile zu 10 Stadien gerechnet (S. 66) der Wirklichkeit
entspricht. Dabei bleibt aber unentschieden, ob das Gebiet von
1) Quellen: Strab. V 240 fg. Plin. III llOfg. Ptol. UI 1,18. 45. 51 CIL. IX
p. 479 fg. (Mommsen) Eph. ep. VIII p. 51 fg. (Ihm.)- Gius. Golucci, delle Anti-
chilä Piceae, 22 tom. fol. Fermo 1786 fg. Von der italienischen Generalstabs-
karte kommen in Betracht Bl. 118. 123—25, 132—34. 140, sind aber nur zum
Theil erschienen.
412 Kapitel VII. Picenum.
Castrum noviim in Picenum eingeschlossen war oder ausgeschlossen.
Wenn nun Plinius als Grenzflufs den Helvinus nennt, so kann man
diesen Namen entweder aul den Tordino im Süden oder auf den
Salinello im Norden dieser Stadt beziehen, wobei freilich eine arge
Verwirrung in der Aufzählung des Schriftstellers angenommen
werden mufs. ') Ganz abgesehen vom Zeugnifs der Reisekarte em-
püehlt es sich aus allgemeinen Erwägungen den Salinello für den
Helvinus zu erklären, also Castrum novum vom eigentlichen Picenum
zu trennen. Damit umfafst das Land der Picenter einen Flächen-
raum von 90—100 d. CM. rund 5000 Dkm. Indessen bindet sich
der gemeine Sprachgebrauch weder an die Ansätze der Geographen
noch an die administrativen Eintheilungen des Augustus. Die Land-
schaft Nord und Süd von Ancona ist übereinstimmend aufgebaut (1234).
Seit der grofsen Colonisation im 3. Jahrhundert wohnen hier wie
dort römische Bürger. Mit der Eroberung des Polands pafst der
Name ager GaUicus nicht mehr für die Mark an der Adria und wird
durch ager Picenus ersetzt. Es befremdet deshalb nicht wenn die
Stadt Aesis inschriflhch jjicenisch heifst (S. 387), da bereits Polybios
Sallust Livius das Wort in weiterem Sinne verwenden (S. 377 A. 3).
Am Ausgang des Altertums reicht es bis Ravenna.^) Aehnhche Er-
oberungen hat es im Süden nicht gemacht: in der Uebersicht aus
der Langobardenzeit beschränkt sich Picenum als 12. Provinz auf
den Umfang der augustischen Region und ist nur bis an den Aternus
vorgerückt, mithin nur um das Gebiet von Pinna vergrülsert.3)
Am Merkwürdigsten jedoch ist die Wanderung des Namens nach
Westen. Im vierten Jahrhundert n. Chr. ist die gallische Mark und
1) Die ül)eriieferten antiken Namen auf die Flüsse Picenums zu übertragen
macht grofse Schwierigkeit. Hält man mit Mommsen CiL IX p. 479 die Reihen-
folge bei Plinius für richtig, so ergeben sich wunderliche Folgerungen. Dann
wäre der He.lvmus die Acquarossa Süd von Cupra Maritima ein 6 km langes
Rinnsal, während viel ansehnlichere Wasseriäufe unbenannt blieben; ferner
würde die Grenze Picenums nördlich von Asculum gerückt, was unglaublich
erscheint (Feldm. 18); endlich würde eine wenig wahrscheinliche Abweichung
zwischen Strabo und Plinius anzunehmen sein. Der Name Helvinus kommt
nur in der Leidener Handschrift, nicht in der plinianischen Vulgata III HO,
aufserdem als (l. Herninuvi auf der Peutingerschen Karle vor. Letztere setzt
ihn zwischen Castrum Truentinum und Castrum novum,
2) Prokop b. Golh. I 15 Marcellin chron. min. II 105,35 107,27. Vorüber-
gehend ist Ravenna die Hauptstadt von Picenum gewesen (S. 255).
3) Paul. h. Lang. II 19.
§ 1. Die Picenter. 413
die ganze 4. Region, ausgenommen Samnium, zu einem einzigen
Verwaltungsliezirk vereinigt, der amtlich durch Flaminia et Picenum,
in gewöhnhcher Rede durch Picenum bezeichnet wird, Amiternum
Alba Tibur einschliefst, also bis in die Nähe Roms vorspringt. i)
Gegen Ende des Jahrhunderts wird die 4. Region als Valeria wieder
abgezweigt, ohne dafs die späteren Schriftsteller sich darnach streng
richten. 2) Hierin gelangt eine viel ältere Anschauung zum Aus-
druck. — Geographisch betrachtet stellt die Wasserscheide die na-
türliche Grenze zwischen Sabinern und Picentern dar (I 513). Nichts-
destoweniger verlegt der Geograph Plinius den lacus Velinus nach
Picenum 3) und erhält die 241 für diese Landschaft gebildete und
auch in der Folge im Wesentlichen auf sie beschränkte Tribus den
Namen Velina. Alle diese Thalsachen führen zu dem Schlufs dafs
die Namen picentisch und sabinisch ehedem vielfach zusammen ge-
flossen sind. Es ist sogar möglich dafs ein Theil der 4. Region
ehedem der von den Römern 268 v. Chr. vernichteten Eidgenossen-
schaft der Picenter angehört hat. Damit kann auch das Zeugnifs
über die ehemalige Volkszahl der Picenter anders gedeutet werden
als S. 104 geschehen ist. Aber wir haben keinen Grund von der
geographischen Regrenzung abzuweichen die Plinius dem 268 unter-
worfenen Stamm gegeben hat. Mit Recht jedoch werden wir jenen
Sprachgebrauch heranziehen um eine Erklärung zu finden für die
beachtenswerte Erscheinung dafs die foederirten Picenter im rö-
mischen Heerbann nirgends unter dem uns geläufigen Namen, wol
aber als Sabiner begegnen. Auch im Süden nehmen die Samniten
diesen Ehrennamen ihrer Stammväter für sich in Anspruch (I 528).
Die Sage erzählt ein Specht habe den heiligen Lenz der Sabiner
an die Adria geleitet, deren Küste ehedem von Sikelern d. h. si-
cihschen Griechen und Liburnern bewohnt war. 4) Die Hellenen
denen die Gründung von Ancona und Numana zugeschrieben wird,
1) Mommsen Feldmesser II p. 208 fg.
2) Prokop b. Goth. II 7 rechnet Alba zu Picenum.
3) Pün. II 226 supina neglegentia meint Gluver p. 678; aber auch III 108
bringt er den Namen Picenum mit der 4. Region in Verbindung.
4) Fest. 212 M. Strab. V 228. 240 Pün. III 110 Paul. h. Lang. II 19. Bei
Sil. It. VIII 443 sind die alten Landesbewohner Pelasger, die ihr König Aesis
Asili genannt hat. Ob das eigentümliche Alphabet das 7 furchenförmig ge-
schriebene Inschriften aus dem Picentischen Praetuttianischen Vestinischen
Frentanischen aufweisen (Pauli, Alt-italische Forschungen III 220 fg.) mit dieser
Ansiedlung zusammenhängt, ist nicht zu sagen.
414 Kapilel VII. Picenum.
sind im vierten Jahrhundert v. Chr. eingewandert. Die Liburni sind
früher ins Land gekommen. Die Stammsitze dieses Volkes erstrecken
sich in bekannten Zeiten von der italischen Grenze an der Arsia
über die dalmatinische Küste. Zahlreiche Inseln, darunter einstens
Korkyra waren von ihnen besiedelt; auch in Apulien begegnet ihr
Name. Das Auftreten desselben in Picenum lehrt uns ein Binde-
glied zwischen den Venetern und Japygen kennen und verbreitet
über die grofse Völkerbewegung Licht, die sich vom Westen der
griechischen Halbinsel auf den Osten Italiens geworfen hat. Wann
die Liburner sich hier niedergelassen haben, ist nicht zu erraten.
Im Laufe der Zeiten erstarken die zurückgedrängten Eingeborenen
und fordern das verlorene Erbe ein, der heilige Lenz der Sabiner
erkämpft sich den Zugang zum Meer. Das Ringen zwischen Stadt
und Land Küste und Gebirg, das im Süden uns durch eine wenn
auch dürftig so doch ausreichend fliefsende Ueberheferung vertraut
ist, wiederholt sich in der Mitte. Die nähere Kunde versagt, aber
als Ergebnifs des Kampfes steht der Sieg der Eingeborenen deutlich
vor Augen. — Im Jahre 299 v. Chr. verbündete sich das Volk der
Picenter mit Rom gegen die Kelten und Samniten^); 290 unter-
warf der Consul Manius Curius Dentatus die Sabiner am oberen
Anio Vehnus und Nar bis zur Adria vordringend 2); rings von
römischem Gebiet umschlossen, wurden die Picenter 268 nach
tapferem Widerstände überwältigt. 3) Die vom Sieger getroffenen
Mafsnahmen sind uns nur in allgemeinen Umrissen bekannt. Die
Eidgenossenschaft wurde aufgelöst, die Hauptstadt Asculum unter
die römischen Bundesgenossen aufgenommen. 4) Wir wissen nicht
welch andere Gemeinden der gleichen Gunst genossen. Ausge-
dehnte Gebietstrecken wurden eingezogen: von ihrem Umfang zeugt
der Umstand dafs trotz reichlicher Ausstattung der latinischen Colonie
Firmum die tribus Velina 241 zur Aufnahme des gewonnenen Landes
eingerichtet wurde. Ihr gehören in der Folgezeit alle Gemeinden
der 5. Region aulser Hadria Asculum und Ancona an 5), einzelne
wie Firmum erst seit Erlangung des Bürgerrechts 90 v. Chr. Be-
1) Liv. X 10. 11.
2) Flor. I 10 (15) Liv. XI.
3) Flor.I 14 (19) Liv. XV'Eutrop II 16 Oros. IV 4,5.
4) Diod. XXXVII 12 13,2.'
5) Im übrigen Italien noch die Ligurer in Samnium, Pistoriae in Etrurien,
Aquileia. Kubitschek Imp. Rom. p. 272.
§ 1. Die Picenter. 415
greiflicher Weise hatte Rom vorzugsweise fruchtbare Ländereien
sich angeeignet >) und zwar besonders im Norden und an der Küste.
Die seit 232 angesiedelten Colonisten mögen vielfach in picenischer
Umgebung versprengt gewesen sein : nirgends sind die römischen
Unterdrücker leidenschaftlicher gehafst worden. 2) Im ager Ptcenus
wurde die städtische Selbstverwaltung nicht vor Augustus durch-
geführt: noch 49 V. Chr. erfolgt die Rechlsprechung durch Praefecten
die der Praetor aus Rom entsandte. 3) Die Abgrenzung der Stadt-
gebiete wird zugleich mit der Ansiedlung der augustischen Veteranen
erfolgt sein.
Der adriatischen Küste fehlt es nicht an natürhchen Reizen:
sie stellt ein bewegtes Hügelland dar, von dessen Kuppen helle Ort-
schaften leuchten, und der Blick hüben das bis in den Sommer
mit Schnee bedeckte Gebirge, drüben das blaue Meer umspannt»
Aber auf die Dauer ermüdet sie durch ihre einförmige Bildung.
Auf einer 500 km langen Strecke von Ariminum bis zum Garganus
wird die ganzrandige Küste nur einmal unterbrochen: durch das
einer älteren geologischen Periode angehörende promunturmm
Cunerum M. Conero*), das vor der Hebung des Subappennins als
Insel aus den Fluten emporragte, ähnhch wie der Soracte und der
Berg der Kirke in der römischen Campagna (I 234). Im Süden
512 m ansteigend zieht sich sein Rücken 12 km hin und endigt
nördüch in zwei 94 m hohen 1^/2 km von einander entfernten Vor-
sprüngen dem M. Guasco oder Giriaco seewärts, dem M. Astagno land-
wärts. Derart entsteht eine nach Nordwest geöffnete Ausbuchtung
der Küste von 3 km Durchmesser die den Seefahrern den Vergleich
mit einem Ellenbogen (ähnlich wie bei Genua mit einem Knie)
nahe legte. Darnach benannten sie die nicht gar lange nach
400 v. Chr. gegründete Stadt ldy/.ü}v Ancon Ancona"), auf deren
1) Cato Or. II 10 Jordan.
2) Appian b. civ. I 38 Diod. XXVII 12. 13 Dio fr. 98,3.
3) Caes. c. civ. I 15. In der stadtrömischen Inschrift CIL. VI 15679 steht
als Heimatsangabe eines der Tribus Velina angehörigen Bürgers nicht ein
Stadtname, sondern ex Piceno.
4) Plin. III 111 colonia Ancona adposita promunturio Cunero in ipso flec-
tentis se orae cubito Serv. V. Aen. X 186 Cunarus mons.
5) Skylax 16 Strab. V 241 Ptol. III 1,18 Steph. Byz. ; die griechische Form
bei Dichtern und vereinzelt in Prosa (Cic. Att. VII 11,1 frg. p. 42,4 Baiter-Kayser
Plin. XIV 67 Priscian II 57) verschwindet mit der Latinisirung der Stadt;
CIL. IX p. 572.
416 Kapitel VII. Picenum.
Münzen als Wappen ein Ellenbogen erscheint, i) Im vierten Jahr-
hundert machen die Hellenen bedeutende Anstrengungen sich an
der Adria festzusetzen (I 92. 175). Bei der weiten Entfernung
zwischen den Pomündungen und den apulischen Häfen war der
Schutz den die Rhede von Ancona bot, für die Küstenschiffahrt
des Altertums von ungleich höherem Belang als heutigen Tages
der Fall ist. Zwar um volle Sicherheit zu gewähren bedarf
die Natur künstlicher Nachhülfe; aber solche war nur gegen
Norden erforderhch, da Ostwinde nicht belästigen konnten. 2) Hinzu
kam das VerhäUnifs zum Hinterlande. An der Grenze zwischen
dem Norden und der Mitte der Halbinsel gelegen (I 234) ist diese
Stadt zu einem Brennpunct des Verkehrs bestimmt. 3) Aufserdem
zeichnete sich die nähere Umgebung durch Fruchtbarkeit aus.
Weizen und W^ein gediehen vorzüglich. 4) Syrakusier die dem Joch
des älteren Dionys entflohen, haben das Vorgebirge — im Lande
der ümbrer wie die alte Küstenbeschreibung sagt — in Besitz ge-
nommen, s) Aphrodite hiefs ihre Stadtgöttin: deren Bild trägt die
Vorderseite der Münzen die sie nach Landes Art in Kupfer schlugen.
Der Tempel ragte weithin sichtbar auf dem Gipfel des M. Guasco,
die Kathedrale S. Ciriaco hat ihn verdrängt, von seiner Pracht zeugen
die in der Kirche erhaltenen herrlichen Säulen. 6) Von den Hellenen
schreibt sich der Buhm her den die hiesigen Färbereien behaupten.'')
Im Uebrigen ist die Ueberlieferung aus der älteren Zeit verstummt.
Man kann lediglich vermuten dafs Ancona der üblichen Politik der
Seestädte folgend sich an Bom angelehnt habe. Aber nachdem die
römische Plebs in dichten Massen ringsum angesiedelt war, ging
das Hellenentum unrettbar zu Grunde : keine einzige griechische
Inschrift ist bisher ans Tageslicht gelangt. — Die Annalen erwähnen
den Namen zum ersten Mal 178 v. Chr., indem er die beiden Flotten-
commandos der oberen und unteren Adria gegen einander ab-
grenzt. 8) Die Eroberung Dalmatiens hob die Bedeutung des Hafens,
1) Mela II 64 bezieht den Vergleich auf die Lage der Stadt zwischen den
beiden Vorspriingen des M. Guasco und M.Astagno, ähnlich Prokop. b. Goth. 11 13.
2) Lucan. II 402 Dalmaticis obnoxia fluctibus Ancon.
3) Mela II 64 inter Gallicax Italicasque gentes quasi terminus.
4) Strab. a. 0. OföSQa 8' svoivös iaxt xai nvgoipÖQos Plin. XIV 67.
5) Juvenal 4,40 Dorica Ancon.
6) Catull 36,13 Juvenal a. 0.
7) Sil. It. VIII 436 fugare colus nee Sidone vilior Ancon muriee nee Libyco.
8) Liv. XLI l.
§ 1. Die Picenter. 417
da die kürzeste Seeverbindung zwischen Rom und dieser Provinz
von ihm auslief. Deshalb war er auch durch eine Staatslrafse an
die Via Flaminia bei Nuceria angeschlossen: die Entfernung bis
Nuceria beträgt 70, bis Rom 179 Millien.i) Um seine Verbesserung
hat Kaiser Traian nach der Schöpfung des Hafens von Centumcellae
(S. 332) sich ein unsterbliches Verdienst erworben, als er vom Fufs
des M. Guasco aus einen mächtigen Molo die hose Rora abzuhalten
in die Wellen vorschob. Am Anfang des Molo steht noch, wenn
auch seines Erzschmuckes beraubt, in blendender Marmorweifse der
edel gehaltene Ehrenbogen (14 m hoch 9 m breit), durch den Senat
und Volk von Rom 115 n. Chr. ihren Dank für das Werk be-
lhätigten.2) Die strategische Wichtigkeit des Platzes erhellt aus dem
Gesagten von selbst und ist bis auf die Gegenwart herab in der
Kriegsgeschichte oft zum Ausdruck gelangt. Caesar besetzte ihn
bei seinem Einfall Mitte Januar 49^); im 6. Jahrhundert n.Chr.
wurde er von Gothen und Byzantinern heifs umworben. 4) Unter
den italischen Städten steht Ancona zwar nicht in erster aber doch
in zweiter Reihe. Dies erhellt aus dem Umstand dafs es nach der
Schlacht bei Philippi zur Versorgung von zwei Legionen herhalten
mufste: seitdem führt es den Titel Colonie mit Duovirn an der Spitze. s)
Eine fernere Bestätigung gewähren die Denkmäler. An den M. Guasco
mit dem Venustempel schlofs sich die älteste INiederlassung an,
dehnte sich aber in romischer Zeit der Bucht folgend und terrassen-
förmig von ihr aus ansteigend über den Zwischenraum bis an und
auf den M. Astagno aus. Als die Gothen 538 angriffen, war nur
die Höhe befestigt, die Stadt selbst offen. Von öffentlichen Ge-
bäuden sind die Reste eines Amphitheaters am Abhang des M. Guasco,
eines Gymnasiums in der Nähe des Hafens erwähnenswert. Im 6 Jahr-
hundert durch Auximum überflügelt, hat Ancona später als Glied
der PentapoUs, Sitz eines langobardischen Markgrafen und Freistadt
die anderen picenischen Städte weit hinter sich gelassen.
1) Tac. Ann. III 9 It. Ant. 310fg. Ein Meilenstein aus 80 n. Chr. ist er-
halten CIL. IX 5936.
2) CIL. IX 5894 quod accessum Ualiae hoc etiam addito ex pecunia sua
portu tutiorem navigantibus reddiderü.
3) Caes. b. civ. I 11 Cic. Alt. VII 11,1 18,2 Fam. XVI 12,2, vgl. aus dem
J. 43 Cic. Phil. XII 23.
4) Prokop b. Goth. II 11. 13 III 30 IV 23.
5) Appian b. civ, V 23 Plin. III 111 Feldm. 225. 227. 253 CIL. a. 0. Die
Tribus scheint die Lemonia gewesen zu sein.
Nissen, Ital. Landeskunde. II. 27
418 Kapitel VII. Picenum.
Von ArimiDum istAncona 66, von Sena 18 Millien entfernt i) ;
die Fortsetzung der Küstenstrafse erreicht nach 9 MiUien am sild-
Hchen Fufs des M, Conero in der Nähe des heutigen Umana Numana,
gleichfalls eine Gründung der SikeHoten, in der Folge unschein-
bares Municipium.2) Eine Einsenkung trennt den M. Conero von
der Masse des Subappennin. In ihr fliefst in Südrichtung der kleine
Aspia Aspio3), der in den vom Appennin kommenden Misco Musone^)
einmündet. — Auf dem zwischen Aspio und Musone sich hin-
ziehenden Hügelrücken bei 8 MiUien Abstand vom Meer, 12 Millien
Abstand von Ancona liegt (265 m) das feste Auximum Osimo.s) Die
oben erwähnte Strafse von Ancona an die Flaminia führt hindurch.
Die Römer haben den Platz zum Bollwerk ihrer Ansiedlungen im
nördlichen Picenum auserwählt, 174 v. Chr. auf Staatskosten be-
festigt, 157 mit einer Colonie belegt. 6) Die von den Censoren 174
aus Quadern erbaute Mauer steht noch zum grofsen Theil, ist aber
an der Nordseite durch geistliche Stiftungen erweitert, so dafs sich
ihr Umfang nicht genau ermitteln läfst. Immerhin war er nicht
grofs: bei der Stadtanlage sind nicht Rücksichten des Verkehrs
sondern der Festigkeit mafsgebend gewesen. Dem entspricht ihre
geschichtliche Stellung, Pompeius war Patron der Stadt: hier hatte
er in jungen Jahren die Fahne der sullanischen Reaction aufge-
pflanzt, hier sollte nach seiner trügerischen Erwartung im Januar 49
Caesar auf einsthaften Widerstand stofsen.'^) Die Julier wandten
ihre Gunst dem benachbarten Ancona zu; in der Censusliste de&
Augustus wird Auximum unter die Municipien gerechnet. Aber
seine Bürgermeister heifsen altertümlicher Weise Praetoren; auch
wird später der Rang als Colonie zurück gewonnen, und es nimmt
einen bemerkenswerten Aufschwung von dem die ungewöhnliche
Zahl der Inschriften und die auf dem Forum (der heutigen Piazza)
befindlichen Denkmäler Kunde bringen. Am Ausgang des Altertums
strahlt sein Name in ungeahntem Glänze: es gilt als Hauptstadt der
1) It. Ant. 100. 316 Tab. Peut. mit Iheilweise verderbten Zahlen. Nach
Prokop b. Goth. 11 11 ist Ariminum zwei Tagereisen von Ancona.
2) Mela 11 65 Geogr. Rav. IV 31 V 1 bieten die Handschriften Humana,-
Piin. UHU Sil. It. VIll 431 scopulosae rura Numanae Ptol. III 1,18 Feldm.
257 lt. Ant. 312 Tab. Peut. CIL. IX p. 572 Ethnikon Numanates.
3) Tab. Peut. 4) Tab. Peut. Die Lesung ist schwerlich richtig.
5) Strab. V 241 Ai^ov/iov Plin. III 111 CIL. IX p. 559 Ethnikon Auximaies.
6) Liv. XLI 21. 27 XLII 20 Vell. I 15.
7) CIL. I 615 (= IX 5837) Plut. Pomp. 6,3 Caes. b. civ. 1 12. 13 Lucan. II 466
§ 1. Die Picenter. 419
Picenter, Ancona als sein Hafen. i) Belisar nahm 539 Auxiraum
nach siebenmonatlicher Belagerung, ein Jahrzehnt später sind die
Gothen wieder Herren. Prokop der jene Belagerung mitmachte,
hebt die steile unangreifbare Lage treffend hervor. Seine Angaben
von der Gröfse und Ausdehnung der Stadt schränkt der Augenzeuge
unbewufst durch die [Vachricht ein dafs die Bewohner auf eine
einzige einen Sleinwurf aufserhalb der Mauer nach Nord be-
findliche Quelle (jetzt Bagno di Pompeio) angewiesen seien. —
Der Abschnitt zwischen Esino und Musone enthält aufser den drei
im Bereich der Küste gelegenen Städten deren zwei im Binnenland.
Planina im Gebiet von Monteroberto lag am rechten Ufer des Esino
nahe der Abtei S. Apollinare: die alte Kirche S. Maria de Piano
zeigt den Namen der Trümmerstätte an. 2) Etwa 5 Milben weiter
einwärts folgt bei Massaccio (neuerdings Cupramontana umgetauft)
das um einen Tempel wie das gleichnamige aber bekanntere Muni-
cipium an der Küste entstandene CuTpra montana: die Landkirche
S. Eleuterio bezeichnet den Ort. 3) Nach dem Befund der Inschriften
bedeutete Cupra etwas mehr als die Nachbarin.
Der Musone wird an Länge und Wasserfülle von der Potenza
übertroffen (I 341. 343) deren alter Name Flusor lautet. 4) Auf
der Centralkette bei Nuceria entspringend, durchfliefst sie das Land
der Camerter und bestimmt in ihrem Oberlauf die Bichtung der
Strafse nach Ancona. Jenseit der Klause die Umbrien und Picenum
scheidet (S. 388), erreicht die Strafse Septempeda 140 Millien von
Bom, 39 von Ancona.') Dies Municipium liegt eine Millie unter-
halb seines Nachfolgers S. Severino am linken Ufer der Potenza in
der Ebene: die alte Kirche la Pieve heiligt die Stätte. Von hier
zweigte eine Poststrafse über Urbs Salvia nach Firmum und Asculum
ab; aus dem dadurch bedingten Verkehr wird der Vorrat an In-
schriften abzuleiten sein. — Die Hauptstrafse langt das Thal der
l)Prokopb.Goth.II10. 11.13. 16.23.2TlIIlllV23Paul.h.Lang. V149. Prokop
giebt übereinstimmend mit Tab. Peut. die Entfernung auf 84 Stadien = 12 iMiilien an.
2) Plin. III 111 CIL, IX p. 544, die Zweifel Mommsens an den Ausführungen
bei Golucci IV 113 fg. XV 227 fg. erscheinen nicht berechtigt.
3) Plin. mm Ptol. III 1,45 CIL. IX p. 543.
4) Tab. Peut. vita S. Severini 8. Jan. A.SS. 1 p. 500 Picentinae aceolae pro-
vineiae qua vadosus Flusor praeterßuit Septempedam. Die Bollandisten halten
mit Recht Cluvers 733 Gleichung des Flusor und Chienti hierdurch widerlegt.
5) Strab. V 241 Plin. IIIIU Ptol. III 1,45 Feldm. 240. 258 It. Ant. 312. 316
CIL. IX p. 533.
27*
420 Kapitel VII. Picenum.
Potenza verlassend nach 9 Millien in Trea an, unweit eines Klosters
der Padri Riformati eine Millie von dem heutigen Treja (das früher
Montecchio hiefs) in der Ebene gelegen. i) Die Trümmer, von den
Inschriften abgesehen, sind unerheblich. — Abseits von der Strafse
9 Millien nordwestlich von Trea hatte Titus Labienus der bekannte
Legat und nachherige Gegner Caesars um 60 v. Chr. eine Land-
gemeinde in eine städtische umgewandelt und auf eigene Kosten
Cingulum Cingoli erbaut, das trotzdem 49 sich an Caesar anschlofs.2)
Die Familie scheint hier ansässig gewesen zu sein. 3) Strabo erwähnt
in der Beschreibung Umbriens zwischen dem Flufs Aesis und
Sentinum tb KiyyovXov oQogJ) Man darf vermuten dafs das Ge-
birge welches das obere Thal des Aesis umgürtet der M. S. Vicino
1483 m (S. 386), so bezeichnet worden sei. Jedesfalls hat das Ge-
birge der Stadt den Namen verliehen: sie liegt gegen 700 m hoch
und hat alle Zeitstürme überdauert. — Hart am linken Ufer der
Potenza an der von Auximum nach Urbs Salvia führenden Strafse
fesseln ausgedehnte Ruinen aus Backstein (Amphitheater Theater
Thermen; Reste einer Brücke aus Quadern) den Blick. Sie be-
wahren den Namen der Stadt Ricina die nach einer Herstellung
durch die Kaiser Pertinax und Septimius Severus den Titel colonia
Helvia Ricina Pertinax erhielt. &) Das 10 Millien nach West ent-
fernte Recanati hat den Namen, das 3 Millien nach Süd entfernte
Macerata die Erbschaft der stattlichen Vorgängerin überkommen.
Der heutige Name des Flusses Potenza stammt von der Colonie
welche die Romer 184 v. Chr. gleichzeitig mit Pisaurum an der
Küste gründeten: die Ansiedler bekamen Ackerlose von 6 Juchert
11/2 ha.^) Potentia lag an der Südseite der Mündung 18 Millien
von Ancona, 5 von Potenza Picena (früher Montesanto geheifsen);
die Abtei S. Maria a Potenza bezeichnet die Stätte.'') Zu einer
1) Plin. IIIlll Tracenses Ptol. III 1,45 T^atava Feldm. 259 Treenses It.
Ant. 312 Trea, die Inschriften geben Trea Treienses daneben als Gognomen
Traiensis CIL. IX p. 538.
2) Caes. b. civ. I 15 Cic. Att. VII 11,1 13,7 Plin. III 111 Feldm. 254 CIL.
IX p. 541. Vereinzelt kommt die Form Cinglum vor.
3) Sil. It. X 34 celsis Labienum Cingula saxa yniserimt muris.
4) Strab. V 227 eine Verwechslung mit der Stadt, wie gewöhnlich ange-
nommen wird, ist nach dem bestätigenden Ausdruck des Silius ausgeschlossen.
5) Piin. III 111 Feldm. 226. 258 Tab. Peut. CIL. IX p. 547.
6) Liv. XXXIX 44 Vell. I 15 Cic. de har. resp. 62.
7) Strab. V 241 Mela II 65 Plin. III 111 Ptol. III 1,18 Feldm. 226. 257 It.
Ant. 101. 313 Tab. Peut.Geogr. Rav.IV 31 V 1 GIL.IXp. 556 Holstezu Cluver 731,12.
§ 1. Die Picenter. 421
hervorragenden Stellung hat die Sladt es nicht gebracht, ist auch
in der Kaiserzeit nicht als Colonie angesehen worden. — Noch
weniger ist von dem an der Küste folgenden Cluana bekannt: eine
bei Civitanuova gefundene Inschrift erwähnt einen vicus Cluentensis
und läfst schliefsen dafs die Stadt an der Mündung des Chienti zu
suchen seiJ) — Wir können nicht entscheiden ob der Name des
Flusses von dem Ort entlehnt sei oder umgekehrt der Ortsname
vom Flufs (Cluentus?). Ebenso wenig ob Flosis"^) auf der Reisekarte
einen der beiden. Nebenflüsse Fiastrone und Fiastra bezeichne.
Der Chienti (I 341. 343) entspringt im Hochland der Camerter am
M. Cavallo (1501 m); der östliche vom M. Rotondo (2103 m) kom-
mende Quellarm heifst Fiastrone d. h. grofse Fiastra. Gleichfalls
vom M. Rotondo fliefst die bei Macerata in den Chienti einmündende
Fiastra ab. — Etwa 6 Müllen unterhalb der Vereinigung von Chienti
und Fiastrone am linken Ufer liegt Tolentinum Tolentino.3) Mit
dem Municipium gleichnamig findet sich hier ein pagtis Tolentines[is]:
ein sprechender Beweis für die späte Einführung der Stadtver-
fassung in diesen Gauen; denn offenbar hat der Gau der Stadt den
Namen verliehen ohne damit sein Gefüge einzubüfsen. An der
12 Milben langen Poststrafse zwischen Septempeda und Urbs Salvia
(S. 419) nimmt Tolentinum die Mitte ein. — Am linken Ufer des
Chienti 15 Millien weiter giebt die Abtei S. Claudio die Stätte des
untergegangenen Pausulae an: das am rechten Ufer in 3 Millien
Abstand befindliche Montolmo hat neuerdings den Namen Pausula
erhalten.4) Die Stadt war an das öffentliche Strafsennetz ange-
schlossen, wenn sich auch bei der Verwirrung in den Itinerarien
die Linien nicht mit Sicherheit bestimmen lassen. Erwähnung ver-
dient dafs ihre Oberbeamten Praetoren heifsen.
Auf die Mündung des Chienti folgt nach 5 Millien diejenige
des Tinna Tenna^) der am Stock der Sibilla entspringt, aber viel
1) Mela II 65 Chjema. Plin. III 111 CIL. IX p. 554.
2) Tab. Peut., Geogr. Rav. IV 31 Floxo V 1 Flosor Guido 21 Flo-
xor 69 Floxora. Die letzteren Zeugnisse beziehen sich wol auf Flusor
S. 419 A 4.
3) Plin. Ulm Feldm. 226. 259 CIL. IX p. 530 Elhnikon Tolentinas auch
Tolentinus.
4) Plin. III tu Feldm. 226. 257 Tab. Peut. Geogr. Rav. IV 31 V 1 CIL.
IX p. 553.
5) Tab. Peut. Geogr. Rav. IV 31 V 1.
422 Kapitel VII. Picenum.
geringere Zuflüsse als jener empfängt (I 341. 343). Im Binnenland
von der Küste etwa 25 Müllen entfernt behauptet Urbs Salvia am
linken Ufer der Fiastra einen ziemlich hervorragenden Platz als
Knotenpunct von 4 oder 5 Strafsen, die von Septempeda über
Tolenlinum, von Auximiim über Ricina, von Asculum über Falerio,
von Firmum, endlich wahrscheinlich von Potentia über Pausulae
her einmünden. 1) Die auf Inschriften häufig begegnende Form
Urbisalvia zeigt den Uebergang zum heuligen Urbisaglia an. In
der Censushste des Augustus führt die Gemeinde einen Doppelnamen
Urbesalvia Pollentini, von denen der erste amtlich als der mafs-
gebende angesehen wird. Dies erklärt sich ungezwungen aus der
Annahme dafs ein Salvier der Gemeinde der Pollentiner die Stadt
erbaut habe, ähnlich und um dieselbe Zeit wie Labienus den
Cingulanern (S. 420)2); in Anlehnung an den Namen wird die Salus
als Stadigöttin verehrt. Die gesamte Anlage bekundet einen plan-
mäfsigen Charakter aus junger Zeit. Sie zieht sich in einiger Ent-
fernung vom Flufs ungefähr ein Rechteck bildend einen Hügel
hinan. Der bis auf die Höhe reichende Mauerring (2V2 km ohne
die Arx auf der Höhe) steht gröfstentheils. Er ist ebenso wie die
übrigen Bauwerke aus Backstein errichtet. Urbs Salvia hat vermöge
seiner günstigen Verkehrslage unter der Monarchie einen unver-
ächtlichen Aufschwung genommen. Dafür spricht der Titel Colonie
der ihm nachweisbar seit dem Ende des ersten Jahrhunderts zu-
kommt, sprechen lauter noch die Ruinen: Amphitheater (lOOX^ß
Arena 58X34 m) Theater Thermen Wasserleitung Gräber. 3) König
Alarich zerstörte die Stadt so gründlich dafs nach den Worten
Prokops der 538 durchmarschirte, von dem früheren Glänze nur
ein einziges Thor und einige Grundmauern übrig waren: immerhin
bheb sie bewohnt, aber seit Aenderung der Verkehrswege ein un-
1) Plin. III 111 Ptol. III 1,45 Feldm. 226 It. Ant. 316 Tab. Peut. Guido 55
CIL. IX p. 526.
2) Die Beziehungen des Geschlechts zur Stadt werden durch die Inschriften
N. 5533. 34 bezeugt. Strabo V 241 führt unter den picenischen Städten zwischen
Septempeda und Potentia JJvevevria auf: dafür wird die annehmbare Besserung
JJollsvTia vorgeschlagen, sei es dafs dieser Mittelpunct der Gemeinde den
Namen verliehen und an einem anderen Orte gelegen habe, oder nach einer
Zerstörung durch einen Neubau ersetzt worden sei. Verschiedene Erklärungen
sind möglich.
3) Gins. Pallotta, di alcuni superstiti monumenti dell' antica Urbsalvia (so!)
Macerata 1881. 4.
§ 1. Die Picenter. 423
scheinbares Dorf.i) — Gleiches Los hat die mit ihr welteifernde
etwa 10 Millien entfernte Schwesterstadt Falerio Picenus betroffen. 2)
Sie liegt eine MiUie unterhalb des heutigen Falerone in dem Ge-
lände das sich zum rechten Ufer des Tinna abdacht. Ihr Gebiet
war noch im Mittelalter ein sehr ausgedehntes, so dafs nach ihrem
vöUigen Verfall eine Menge von Gemeinden sich abzweigen konnten.
Daraus erklärt sich auch die Blüte der Stadt, die wir bei dem
Schweigen der Schriftsteller an der Hand der nahezu die Zahl 100
erreichenden Inschriften verfolgen können. So wird 43 n. Chr. ein
Theater erbaut, 119 eine Hauptstrafse gepflastert; ein Amphitheater
ist vorhanden, ein Capitol d. h. ein Tempel der capitolinischen Trias.
Mancherlei Einzelheiten sind uns durch Ausgrabungen bekannt ge-
worden.3) Man begreift dafs Falerio in derselben Weise und un-
gefähr um dieselbe Zeit wie Urbs Salvia durch Erhebung zur Colonie
ausgezeichnet wurde. In der Feldmark ist der mons Falernus zu
suchen, an dem Pompeius Strabo 90 v. Chr. geschlagen und zur
Flucht nach Firmum genötigt wurdet): zwischen dem Namen von
Stadt und Berg besteht klärlich ein Zusammenhang.
Das wichtigste Denkmal aus der Vergangenheit Falerio's ist
der Bericht über einen Grenzstreit mit den Nachbarn von Firmum,
den Domitian zu Ungunsten dieser schlichtete.'') Die Feindschaft
war uralt und ging auf den Gegensatz zwischen latinisch und
picentisch zurück den die Eroberung 268 ins Land gebracht hatte.
Firmum Picenum Fermo^) liegt südlich vom Tinna 5 Millien vom
1) Prokop b. Goth. II 16. 17. Dante Paradiso XVI 73:
Se tu riguardi Luni ed Urbisaglia
come son ite e come se ne vanno
diretro ad esse Ghiusi e Sinigagiia,
udir come le schiatte si disfanno,
ron ti parrä nuova cosa ne forte,
poscia che le cittadi termine hanno.
2) Plin. III 111 Feldm. 227. 256 CIL. IX p. 517. Inschriftlich Falerio Picenus
Falerienses ex Piceno zur Unterscheidung von Falerii, das den Zusatz Etrus-
corurn führt Plin. III 51. Bei in Rom erfolgenden Ausfertigungen lag eine Ver-
wechslung nahe, und fügte der Ausfertigende der fernen Stadt das Beiwort zu,
während er es für die ihm benachbarte als überflüssig ausliefs.
3) De Minicis Ann. dell' Inst. 1839 p. 5 fg.
4) Appian b. civ. I 47.
5) CIL. IX 5420.
6) Das Beiwort brauchen ältere Schriftsteller auch Ptol. III 1,45 nicht, da-
gegen Strab. V 241 V;il. Max, IX 15,1 Feldm. 226. 256 Tab. Peut. und verein-
424 Kapitel VII. Picenum.
Meer, 15 von Falerio, 18 von Urbs Salvia, 24 von Asculum ent-
fernt: mit den beiden letztgenannten Städten, vielleicht auch mit
Pausulae war es nach Aussage der Itinerarien ^) [durch Slrafsen ver-
bunden, desgleichen mit seinen) Hafen Castellnm Firmanum oder
Firmanorum Porto di Fermo oder Porlo S. Giorgio.^) So wenig
auch die Rhede den Verkehr anlocken kann, ist die Stadt doch
nach Ost dem Meer zugewandt. Sie zieht sich einen steilen Hügel
hinan, dessen Hohe, die jetzige grofse Piazza, als Arx betrachtet
wird. Ein Stück der alten Mauer aus mächtigen Quadern steht
noch im Osten bei Porta S. Francesco; andere Reste sind auf der
Hohe gefunden worden, ferner im INorden ein Theater. Als Zwing-
burg von Picenum ist Firmum 264 bald nach der Eroberung zur
latinischen Colonie gemacht worden 3), hat als Säule der Fremd-
herrschaft in allen Nöten, namentlich bei der Belagerung durch
die Italiker 89 v. Chr. die Probe bestanden, *) Erst damals mit dem
Bürgerrecht bedacht s), öffnete es Caesar 49 seine Thore^), unter-
stützte eifrig die republikanische Regierung gegen Antonius.'') Zur
Strafe wurde nach der Schlacht bei Philippi die vierte Legion an-
gesiedelt. Dabei gelangte auch ein Stück des angrenzenden Gebiets
von Falerio zur Auftheilung, und es entspannen sich zwischen den
beiden Gemeinden jene langwierigen Streitigkeiten die schliefslich,
wie Eingangs erwähnt, von Domitian im Sinne der Falerienser ent-
schieden wurden. An der Spitze des städtischen Regiments stehen
Duovirn; ehedem in latinischer Zeit scheinen fünf Quaestoren die
Stelle eingenommen zu haben. Inschriften sind in ziemlicher An-
zahl, darunter recht alte erhalten, was bei diesem Bollwerk des
zelte Inschriften CIL. IX p. 508 um es von Firrmim lulium und Firma Avgusta
in Spanien zu unterscheiden, was um so näher la^ als nach der Ansiedlung
der Veteranen durch Octavian der amtliche Name wahrscheinlich gleichfalls
Firmum lulium gelautet hat.
1) It. Ant. 316 Tab. Peut. Geogr. Rav. IV 31 V 1.
2) Wegen seiner Lage an der Küstenstrafse oft erwähnt: Strabo V 241
Mela II 65 Plin. III 111 It. Ant. 101. 313 Tab. Peut. Mela und Plinius erwähnen
beide den Hafen, aber übergehen die Stadt, sei es daCs das Versehen in ihrer
gemeinsamen Vorlage steckte, sei es dafs dieser von jenem sich täuschen liefs.
3) Velleius I 14.
4) Appian b. civ. I 47 Liv. XXVII 10.
5) Liv. XLIV 40 vgl. Diod. XXXVIl 12.
6) Cic. Att. VIII 12 B 1 die handschriftliche Ueberlieferung Caes. b. civ. I 16
recepto Firma wird ohne Grund geändert.
7) Cic. Phil. VII 23 vgl. ad Att. IV 8 b 3.
§ 1. Die Picenter. 425
Lalinertums nicht befremdet. Merkwürdiger ist die Thalsache dafs
es in Kupfer gemünzt hat, wenn auch nach der Seltenheit der
Münze zu urtheilen nur vorübergehend und in beschränktem Um-
fang. Man erkennt darin das Bestreben einen Platz unter den
Handelsstädten zu erobern. Aber dauernder Erfolg hat gefehlt;
dem äufseren Glanz den binnenländische Orte wie Ricina Urbs
Salvia Falerio unter kaiserlicher Herrschaft entfalten, thut Firmum
es nicht gleich: den Grund dürfen wir in seiner ungünstigen Ver-
kehrslage suchen. Als nachher ein kriegerisches Zeitalter einbricht,
kommt es wieder zu hohen Eiiren , ist eine der Hauplfestungen
Picenums um welche Gothen und Oströmer mit einander ringen,
später Sitz eines Markgrafen. i) — Die Küstenstrafse durchschneidet
halbwegs zwischen den Häfen von Firmum und Truentum das von
beiden je 12 Millien entfernte Cu]^ra maritima bei Marano das
jüngst den antiken Namen sich angeeignet hat. 2) Cupra oder Cypra
— so heifst die Stadt bei Mela — wird von Strabo der Juno gleich
gesetzt, bei den Umbrern als Cubra mater verehrt: da das Wort
gut bedeutet, erinnert sie an die Bona Dea der Latiner. 3) Ein
alter Tempel dessen Erbauung Strabo den Etruskern zuschreibt, hat
dieser wie der binnenländischen Gemeinde (S. 419) den Namen
verliehen. Die Inschrift welche die 127 n. Chr. durch Hadrian
erfolgte Herstellung meldet, scheint durch ihren Fundort anzudeuten
dafs der Tempel einige Millien südHch vom Ort nach dem Flufs
Tessuinus Tesino zu gestanden habe.4) Der Ort dagegen ist durch
die Ruinen bei Civita nördlich von Marano gesichert, — Im Binnen-
land zwischen Tenna und Tronto ist das verschollene Municipium
Novana zu suchen.^)
Der Trmntus Tronto (I 341. 343) wandte sich ehedem bei
seiner Mündung eine Milbe weiter nach Süden als gegenwärtig. 6) Er
bespülte den Fufs des Hügels della Civita bei Colonnella den Truen-
tum^ auch Castrum Truentinum genannt, einnahm.') Dies war nach
1) Prokop b. Goth. II 16. 20 III 11. 12 Paul. h. Lang. II 19.
2) Strab. V 241 Mela II 65 Plin. III 111 Ptol. III 1,18 Feldm. 226. 254 Tab.
Peut. Geogr. Rav. IV 31 Vi CIL. IX p. 502.
3) Sil. It. VIII 432 quis liLoreae fumant altaria Cuprae Varro LL. V 159
cyprum Sabine bonum Preller, Rom. Myth. P 280. 398.
4) Plin. III HO, über die Lage des Tempels Mommsen zu N. 5294.
5) Einzige Erwähnung Plin. III 111.
6) Slrab. V 241 Mela II 65 Plin. HI HO Ptol. III 1,18 Sil. It. VIII 433.
7) Cic. AU. VIII 12B, 1 Slrab. V 241 Mela II 65 Plin. 111 HO Sil. It. VIII
426 'Kapitel VII. Picenum.
Plinius die einzige Stadt welche die Liburner vor dem Andrang
der Sabiner gerettet halten. Da der Tronto einige Millien aufwärts
schiffbar ist, bot der Platz nach dem bescheidenen Mafsstab früher
Jahrhunderte für die Entwickelung des Verkehrs unleugbare Vor-
theile. Ueber seine Geschichte und Verfassung wissen wir leider
nichts. Da er den Flufsübergang, aufserdem die Vereinigung der
Via Salaria mit der Küslenstrafse beherrschte, hat er neben der
niercantilen auch eine strategische Bedeutung gehabt. — Die via
Salaria führt seit ihrer Herstellung durch Augustus 16/17 v. Chr.
aus dem oberen Thal des Velino in dasjenige des Tronto hinüber. i)
Der 99. Meilenstein des Kaisers ist bei Trisungo aufgefunden worden,
der Name Centesimo bezeichnet die Station ad Centesimum, der
Name Quinto Decimo den Abstand von Asculum das 120 Millien
von Rom entfernt war. Von hier lief die Strafse, wie der Meilen-
stein 123 zeigt, am rechten Ufer des Tronto fort und erreichte
140 Millien von Rom die Küste bei Truenlum. — Asculum Picenum,
wie es zur Unterscheidung vom apulischen zubenannt wird, ist
nach Strabo's treffender Bemerkung eine sehr starke und wichtige
Festung, da die umliegenden Berge für Heere unzugänglich seien. 2)
Sie schliefst das breite fruchtbare Thal ab das sich zum Meer hin-
zieht: im Norden steigt der zackige M. dell' Äscensione 1099 m,
im Süden der M. Girello 1797 m an. Sie ülTnet den VVeg flufs-
aufwärts der zwischen dem M. Vettere in der Sibillagruppe 2476 m
und dem Pizzo di Sevo 2422 m auf einem 1013 m hohen Pafs ins
Sabinerland hinüberleitet und im Reisebuch Via Salaria heifst. Der
Pafs gewinnt eine erhöhte Wichtigkeit durch den Umstand dafs
nordwärts auf einer Strecke von 40 km durch die Kette der Sibilla
Tetrica mons (I 236) eine unüberwindliche Sperre errichtet ist,
jenseit deren erst Chienti und Potenza bequeme Zugänge von Ost
nach West aufschliefsen. Deshalb ist die Landschaft am Tinna und
Tessuinus für den Veikehr nach dem tyrrhenischen Meer auf die
Via Salaria angewiesen : nach den Itinerarien laufen Strafsen von
Urbs Salvia über Falerio (S. 422) und von Firmum in Asculum
433 Truentinas turres Feldni. 226. 258 It. Ant. 101. 308. 313 Tab. Peut. Geogr.
Rav. IV 31 V 1 CIL. IX p. 492.
1) It. Ant. 300 Tab. Peuf. CIL. IX p. 582.
2) Strab. V 241 Plin. III 111 colonia Jsculum Piccni nobillssima Sil. lt.
VIII 438 inclemens hirsuli signifer AscU Ptol. III 1,45 It. Ant. 307. 317 Tab.
Peut. Geogr. Rav. IV 31. Die Form Asclum vereinzelt auf Inschriften und bei
Schriftstellern. CIL. IX p. 494 Eph. ep. VIII p. 52.
§ 1. Die Picenter. 427
ein. Endlich kommt nach Süden eine Verbindungstrafse mit
Interamna und dem Uebergang nach Amiternum auf der alten Via
Caecilia (S. 429) hinzu. Der Knolenpunct dieses weitverzweigten
Netzes ist von der Natur treffhch geschützt. Gen Norden wird
Asculum durch den Tronto gedeckt; in ihn fliefst an der Ostseite
unter spitzem Winkel der Castellani ein , der tief eingesenkt mit
abschüssigen bis 40 m hohen Uferrändern als Gral)en für Ost- und
Südseite dient. Die Angriffsfront ist mithin im Westen; hier steht
bei Porta Romana ein ansehnhcher Rest der alten Mauer aus ge-
waltigen Quadern; der Umfang des ganzen Rings läfst sich nicht
angeben. — Asculum ist die Hauptstadt der Picenter; ein Specht
hatte sich auf die Fahne des sabinischen Heerbanns gesetzt der
hierher zog.i) Es gab die Losung zum Aufstand der Italiker.*)
Nachdem Pompeius Strabo 90 v. Chr. geschlagen und in Firmum
eingeschlossen worden wai-, wandte sich in der Folge das Blatt.
In einer langwierigen Belagerung die 90 begann und bis in den
Winter 89/88 dauerte, hat Pompeius nach einem grofsen Sieg über
das Entsatzheer schliefslich Asculum zur Uebergabe genötigt und
hart gezüchtigt. 3) Die bleiernen Schleuderkugeln die vom Regen
in den Castellani geschwemmt zu Tausenden in dessen Bette ge-
funden wurden und werden, veranschaulichen den kleinen Krieg
der viele Monate lang zwischen Belagerern und Belagerten hin und
her tobte.4) Nach dem Befund scheint es dafs die Römer zu regel-
rechtem Angriff nicht vorgegangen sind, sondern sich auf eine
blofse Einschliefsung beschränkt haben. Mit dem Empfang des
Bürgerrechts wurde Asculum der Tribus Fabia zugetheilt ^) , 49 v.
Chr. von den Pompeianern besetzt und verlassen 6), nach dem Sieg
der Triumvirn in eine Militärcolonie umgewandelt.") Dabei erhielt
die Feldmark auf Kosten Interamna's eine solche Vergröfserung dafs
1) Flor. I 14 (19) Caput gentis Fest. 212 M.
2) Diod. XXXVII 2. 16 Appian b. civ. I 38 Liv. LXXIl Flor. II 6,9 Gros. V
18,8 Vell. II 15,1 Cic. pro Font. 41 Brut. 169.
3) Appian b. civ. I 47. 48 Gros. V 18,18 fg. Flor. II 6,14 Vell. II 21,1 Fron-
tin Str. III 17,8 Cic. pro Cluent. 21. Triumphalfasten 665 u. c. Gell. N. A. XV
4 Plin. VII 135.
4) Zangemeister CIL. IX p. 631 Eph. epigr. VI 5 fg.
5) Cic. pro Sulla 25, die Zutheilung zur Fabia der Tribus der Julier ist
vielleicht ein Werk des Augustus,
6) Caes. b. civ. I 15 Lucan II 468 depelUtur arce Lentulus Asculea.
7) Plin. m 111 Feldm. 18. 227. 244. 252. 54. 57. 58.
428 Kapitel VII. Picenum.
sie zum Theil an dessen Mauer unmittelbar ansliefs. Den Wolstand
Asculums in der Kaiserzeit bezeugen die Denkmäler, unter denen
ein Amphitheater Erwähnung verdient. Auch von Gothen und
Langobarden wird seine Wichtigkeit anerkannt. i)
§ 2. Die Pra etuttier.
Der südlichste Theil der fünften Region, ein Viertel oder
Fünftel des Ganzen war nicht von Picentern bewohnt. Plinius be-
zeichnet ihn als ager Palmensis Praetutiamis Hadrianus, Polybios
und Livius als ager Praetuttianus Hadrianus.'^) Das nur einmal
gebrauchte ager Palmensis rührt nicht von einem Orts- oder Eigennamen
her, bedeutet vielmehr einen Weindistrict in dem die Reben in
besonderer Art verschnitten wurden: vermutlich ist er an der Küste
bei Castrum novum zu suchen.^) Ager Hadrianus bedeutet das von
den Römern 290 in Besitz genommene Gebiet von Hadria das
ehedem den Liburnern, aller Wahrscheinlichkeit nach später den
Praetutliern angehört hatte: es wird auch kurzer Hand in diesen
JNamen einbegriffen. 4) Die Annalen weisen die Landschaft den
Sabinern zu (S. 414): wie ein Zweig dieses Stammes als Picenter
vom Truentusthal aus, so hat sich den Quellen des Vomanus folgend
ein andrer Zweig als Praetuttier nach den Küsten der Adria er-
obernd vorgeschoben. 5) In Betreff seiner Schicksale versagt die
Ueberlieferung die sich darauf beschränkt den starken Wein dieses
Namens zu loben ^) :
vitiferos domitat Praetutia piibes
laela laboris agros.
Im Mittelalter wird der Name zu Aprutinm erweitert und dient
seitdem zur Bezeichnung des Gebirges wie der an beiden Seiten
desselben gelegenen Landschaften.'^) Unter den praetuttianischen
Flüssen (l 341. 343) ist der ansehnUchste der Vomanus Vomano.^)
1) Prokop b. Goth. III 11. 12 Paul. h. Lang. II 19.
2) Plin. III 110. 112 Pol. III 88,3 Liv. XXII 9,5.
3) Plin. XIV 67 vgl. Varro RR. I 31 Golum. III 17 IV 15. 24.
4) Liv. XXVII 43,10 vgl. Steph. Byz. n^aireila.
5) Die Verdoppelung des t bei Pol. lil 88,3 Ptol. III 1,51 steht im Griechi-
schen durch und wird bestätigt durch CIL. IX 5066 Eph. ep. VIII 209.
6) Dioskorides Mater, med. V 10. 11 Plin. XIV 67. 75 Sil. It. XV 568 vgl-
Pol. III 87. 88,1.
7) Geogr. Rav. IV 31 Abrutio, ungewifs ob die Stadt Teramo oder die
Landschaft bezeichnend. Guido 21 Brutum.
8) Plin. III HO Sil. It. VllI 437 Tab. Peut. verschrieben Comara.
§ 2. Die Praetuttier. 429
Aus dem oberen Thal desselben führt westlich am Gransasso d'Italia
dem mons Fiscellus vorbei ein 1300 m hoher Pafs über den CoUe
della Croce nach Amiternum hinüber (I 237). Er gehört zu den
schwierigen Appenninpässen, wird aber befahren. Die Romer haben
ihn ausgebaut: die Inschrift laut deren die Arbeiten für die Her-
stellung der via Caecilia über den Appennin mit einer Abzweigung
nach Interamnia in suUanischer Zeit vergeben wurden, ist erhalten, 0
Ihr Lauf Ost vom Appennin bleibt im Einzelnen noch zu ermitteln:
jedoch kann als sicher gelten dafs ein Arm nordwärts über Inter-
amnia nach Truentum, der Hauptarm den Vomanus entlang nach
Hadria gerichtet war. 2) Der 119. Meilenstein stand bei S. Maria
a Vico oberhalb des Vibrata 11 Milben von Truentum; der Bei-
name der Kirche erhält das Andenken des vicus Strament{arius)
von dessen Hercules- und Kaisertempel eine Inschrift meldet.3) Aus
den Meilensteinen ergiebt sich zwischen Rom und Truentum ein
Abstand von 130, zwischen Rom und Hadria von 140 Millien,
d. h. 10 bezw. 20 Millien weniger als der Umweg über den Tronto-
pafs und Asculum erfordert. Aus einem doppelten Grunde erhellt
dafs nicht, wie das Reisebuch sagt, die Strafse durch das Tronto-
thal (S. 426) , sondern die Strafse durch das Vomanothal als der
ursprüngliche Zug der Staatstrafse anzusehen ist: einmal nämlich
war es den Römern um die kürzeste, sodann um die sicherste Ver-
bindung mit ihren an der Adria gegründeten Festungen zu thun.
Solche würde vom guten Willen der nichts weniger als wolgesinn-
ten Picenter abgehangen haben, wenn der Weg über Asculum ein-
geschlagen worden wäre. Seit Ertheilung des Bürgerrechts kamen
derartige Rücksichten in Fortfall; vorher hatte die Schlauheit der
römischen Politik das foederirte Picenum mit ihren Staalstrafsen
1) CIL. IX p. 582 fg. 690 Eph. epigr. II p. 199; jedoch ist die Lesung und
Deutung erst von Hülsen Not. d. Scavi 1896 p. 87 festgestellt worden, vgl.
auch Persichetti Rom. Mitth. 1898 p. 193.
2) Ein Meilenstein aus dem 4. Jahrhundert N. 5958 bei Poggio Umbricchio
am oberen Vomanus gefunden trägt die Ziffer 104, ein anderer des Consuls
Metellus 117 v. Chr. N. 5953 bei S. Maria a Vico unweit S. Omero am Sali-
nello die Ziffer 119. Da der Absfand zwischen beiden Puncten etwa 25 Millien
beträgt, so ist der Strafsenzug in der Kaiserzeit um 10 Millien länger geworden,
was der allgemeinen Entwicklung des Strafsenbaus durchaus nicht wider-
streitet. Plin. III44 beziffert die Entfernung zwischen Alsium und Gastruiti
novum auf weniger als 136 Millien.
3) Not. d. Sc. 1885 p. 167, daher Eph. ep. VIII 210.
430 Kapitel VII. Plcenum.
umgarnt, aber nicht durchsponnen. In der Kaiserzeit mufs der Weg
über den Vonianuspafs unbeliebt gewesen sein, weil er in unseren
Itinerarien fehlt. Nach dem Meilenstein des Consuls Metellus ist
die Via Caecilia 117 v. Chr. kunstmäfsig ausgebaut worden; ihre
erste Anlage jedoch wird höher hinauf zu rücken sein.
Die Küstenstrafse überschreitet die Flüsse Vibrata und Salinello
die man für die bei Plinius erwähnten Albula und Helvinus halten
kann (S. 412), erreicht hierauf 12 Millien von Truentum Castrum
novum südUch von Giuhanova.i) Der unbedeutende Ort erhielt
264 V. Chr. eine Bürgercolonie gleichzeitig mit der Ansiedlung einer
latinischen in Firmum. Auffallender Weise trägt denselben Namen
eine Bürgercolonie bei Civitavecchia im südlichen Etrurien die nach
unserer Annahme bald nach 290 gestiftet war (S. 334): eine Ver-
tauschung der beiden Gründungsjahre ist nicht ausgeschlossen. Von
Augustus ist das Colonialrecht der picenischen Stadt so wenig wie
das der etrurischen anerkannt worden. In jener heifst der Stadt-
rat Senat, die Oberbeamten Praetoren; die Tribus ist unbekannt.
— Eine starke Millie weiter mündet der Batinus Tordino^), an
dessen Nordufer 18 Millien landeinwärts die Hauptstadt des Stammes
Interamnia Praetuttiorum Teramo liegt. 3) Sie nimmt einen Hügel
(265 m) am Zusammenflufs der Vezzola an der Nord- und des
Tordino an der Südseite ein: daher rührt der in Umbrien und
Campanien wiederkehrende Name, der bereits an einer Stelle der
Feldmesser in Teramne verkürzt wird. 4) Die Gemeinde war, wie
in dieser Region üblich, in der Tribus Vehna eingetragen. Von
ihren Schicksalen erfahren wir dafs sie sich die Ungnade des ersten
Kaisers zugezogen hatte: er wies einen grofsen Theil der Feldflur
der Militärcolonie von Asculum zu, so dafs Interamnia von dem
Rang eines Municipium zu dem eines Conciliabulum herab-
1) Velleius I 14 Strab. V 241 Plin. III 110. 44 Ptol. III 1,18 Feldm. 226. 254
It. Ant. 101. 308. 311 Tab. Pent. Geogr. Rav. IV 31 V 1 CIL. IX p. 491.
2) Plin. HI llü. Man kann wie I 341 geschehen, mit Kiepert Helvinus als
Tordino und Batinus als Salinello deuten, aber da die Hauptstadt der Prae-
tuttier am Tordino liegt, erscheint annehmbarer auch die Mündung als im ur-
sprünglichen Besitz dieses Volkes befindlich zu betrachten.
3) Ptol. III 1,51 Feldm. 18 CIL. IX p. 485 Ptol. "Ivre^ajuvia Ethnikon In-
teramniles; älteste Erwähnung in der Wegebauinschrift der Via Caecilia S. 429.
4) Feldm, 259, das ebd. 226. 255 begegnende Inleramna Paletino 1. Pa-
lestinae ist aus Praelultiano entstellt.
§ 2. Die Praetuttier. 431
sank.i) Es felilt deshalb auch indem plinianischenVerzeichnifs der selbst-
ständigen Gemeinden und hat erst später wieder Municipalrecht er-
langt. In der Folge kann die Stadt nach den vorhandenen Spuren,
unter denen ein Amphitheater hervorgehoben wird, nicht unerheb-
lich gewesen sein. Dies nimmt um so weniger Wunder als ihr
Gebiet trotz der Abtretungen an Asculum recht ausgedehnt blieb 2),
wird doch den ehemals foederirten Praetuttiern aufser diesem nur
noch ein Gemeinwesen zugesprochen: Beregra das in der Census-
liste des AugusUis Aufnahme gefunden hat, aber für uns verschollen
ist.3) — Von der Mündung des Vomanus ist diejenige des kleinen
Matrinus Piomba 11 Milben entfernt. *) An letzterer liegt der zu
Hadria gehörige llafenort Matrinum 18 Millien von Castrum novum,
11 von Hadria, 14 von Pinna, mit allen drei Städten durch Strafsen
verbunden. ö) Der Vomanus hält die Richtung nach Ostnordost, der
kaum halb so lange Matrinus nach Südost ein: die Quellen des
letzteren sind dem Vomanus bis auf 3 Milben nahe gerückt, der
Abstand wächst wie gesagt bis auf 11 an der Mündung, so dafs das
umflossene Hügelland nahezu die Gestalt eines rechtwinkligen Drei-
ecks hat, in welchem die Hypotenuse durch den kleinen, die beiden
Katheten durch den gröfseren Flufs und das Meer dargestellt
werden. Eine Kuppe dieses Hügellands nimmt Hadria Atri (442 m)
ein. 6) Wenn Silius von hnmedata Vomano Hadria redet, so beträgt
doch der Abstand gegen 4, vom Matrinus gegen 2 Milben. Der
Gleichklang des Namens mit dem venetischen Atria legte Ver-
1) Diese Angaben Frontius werden erläutert durch die Inschrift N. 5074. 75,
nach welcher zwei Brüder patroni municipi [Interamna] et coloniai [Asculum]
municipibus coloneis incoleis hospitibus adventoribus lavationem inperpetuom
de sua pecunia dant. Da die Thernmen nahe bei Teramo lagen, ist es in der
Ordnung, dafs das Municipium vorangestellt wird. Ob es diesen Namen hier
zu Recht führt, ist bei unserer Unkenntnifs der Verfassung eine müfsige Frage. —
Man kann freilich mit demselben Recht annehmen, wie S. 31 geschehen ist,
dafs Interamnia durch Sulla eine Colonie erhalten habe, dafs mithin Alt- und
Neubürger unterschieden werden.
2) Bei Montorio am 1. Ufer des Vomano befand sich ein Vicus mit einem
Herculestempel, wie die alten Inschriften N. 5052-59 zeigen.
3) Es lag im Binnenland Plin. III 111 Ptol. III 1,51 Feldm. 259.
4) Strab. V241 Ptol. III 1,17.
5) Strab. V 241 ; Tab. Peut. Geogr. Rav. V 1 Guido 70 geben alle drei das
verschriebene Macrinum, vgl. Mela II 65 castella Firmum Hadria Truentinum.
6) Strab. V 241 Plin. HI 110 Ptol. III 1,45 Feldm. 227. 252 It. Ant. 306. 308.
310. 313 Tab. Peut. Sil. It. VIII 437 CIL. IX p. 480.
432 Kapitel VII, Picenum.
wechslungen nahe: um solche zu vermeiden wird in den Inschriften
bei der picenischen Stadt die Aspiration festgehalten, aufserdem die
Tenuis durch die Media ersetzt; denn ursprünglich hat sie, wie die
Kupfermünzen mit der Aufschrift Hat beweisen, Hatria geheifsen.
Aber freilich wird die Regel nicht streng gehandhabt: den Schrift-
stellern welche die Adria mit dem Hauchlaut schreiben, ist sie nicht
in Fleisch und Blut übergegangen J) Dies erhellt aus dem Umstand
dafs die Herleitung des Meeres von dem venetischen Stadtnamen
vor Hadrian niemals in Zweifel gezogen worden ist: erst nach
diesem Kaiser der seine Herkunft auf das picenische Hadria zurück-
führte und in ihm die Quinquennalität übernahm, hat dieses den Ruhm
beanspruchen können dafs das Meer seinen damals weit reichenden
Namen (1 90) ihm verdanke.2) Wenn also die beiden Städte nur
in der amtlichen Schreibweise, nicht in der Aussprache unter-
schieden wurden, so erklärt sich die Namensgleichheit einfach aus
der Verwandtschaft ihrer beiderseitiger Gründer. Dafs die Stadt
am Po von Venetern erbaut worden, steht fest (S. 216); dafs der
ager Hadrianus einst im Besitz der Liburner gewesen sei , wird
glaubhaft übediefert. Die Römer haben bald nach 290 v. Chr. eine
latinische Colonie hergeführt, die in feindseliger Umgebung wacker
aushielt, i) Trotz ihres Abstands von der Küste der auf der kürzesten
Linie 6 Millien beträgt, hat sie ähnhch wie Firmum Handel ge-
trieben: von beiden Städten ist in Kupfer gemünzt worden. Wann
sie Bürgerrecht und Aufnahme in der Tribus Maecia erlangte, ist
unbekannt. Sodann wurde sie Colonie und steht als solche im
Verzeichnifs des Augustus: ihr Name Veneria kann von der Schutz-
patronin Sulla's (S. 31) oder aber von der Stammutter des iulischen
Geschlechts entlehnt sein. Bei der ersten Annahme hat eine
doppelte, bei der letzten eine einfache Ansiedlung von Veteranen
stattgefunden : um die Frage zu entscheiden fehlt ein sicherer An-
halt. Die Festigkeit der Lage hat den Fortbestand der Stadt bis
auf die Gegenwart gesichert.
1) Piin. III 120 Atrialicum mare ante appellatur quod nunc Hadriaticujn
vgl. 191 A. 4. Die Aspiration ist klärlich in Anlehnung an die Griechen fallen
gelassen, während die Aussprache sie festhielt.
2) Vita Hadr. 1,1 19,1 Aur. Vict. ep. 28 Paul. h. Lang. II 19.
3) Liv. XI XXII 9 XXVII 10 Pol. III 88.
KAPITEL VIII.
Der Hochappennin.
In den vorausgehenden Abschnitten konnte die Regionenein-
theilung des Augiistus zu Grunde gelegt werden , weil diese den
natürlichen und historischen Verhältnissen volle Rechnung trug.
Fortan ist ein so einfaches Verfahren nicht mehr möglich : der
Kaiser hat die Liste der Gemeinden in der Mitte und im Süden
der Halbinsel, ohne die Naturgrenzen einzuhalten und ohne die
frühere Zusammengehörigkeit zu beachten , nach politischen Ge-
sichtspuncten geordnet denen eine dauernde oder durchschlagende
Bedeutung nicht eingeräumt werden darf. Vielmehr wird die Dar-
stellung der Landschaften die bis auf Sulla die römische Herrschaft
bekämpft haben, vornehmlich der nationalen Eigenart jeder einzelnen
gerecht zu werden suchen, insofern die Kämpfe um die Einigung
Italiens unserer Bildung anziehender erscheinen als die einförmigen
Zustände unter der Monarchie. Die vierte Region umfafst nach
Plinius' Worten die tapfersten Stämme Italiens: Frentaner Marru-
ciner Paeligner Marser Aequer Vestiner Samniten Sabiner, d. h. die
heutigen Provinzen Chieti Aquila Campobasso nebst den Kreisen
Penne Rieti und einem Stück von Latium, insgesamt einen
Flächenraum von rund 18000 Dkm 330 d. D Meilen. Im W^esten
ist sie bis zum Unterlauf des Anio vorgeschoben, gemäfs der Vor-
liebe der Alten die Grenze durch Flüsse zu bestimmen , wodurch
denn freilich Tibur Nomentum Fidenae aus ihrem natürHchen und
historischen Zusammenhang losgerissen werden. Im Süden über-
springt sie die Gebirgsscheide (I 240) und schliefst die samnitischen
Cantone der Caracener und Pentrer ein. Der Kaiser hat das alte
Samnium zerstückelt und an drei verschiedene Regionen über-
wiesen (l 531): darin gelangt einerseits die Furcht und der Hafs
die Rom gegen den Todfeind hegte, zum Ausdruck, anderseits das
Nissen, Ital. Landeskunde. II. 28
434 Kapitel VIIT. Der Hochappennin.
Bestreben möglichst gleichartige Landschaften in den gröfseren Ver-
bänden zu vereinigen. In der ganzen vierton Region tritt die
städtische Entwicklung zurück, die sogenannten Städte w^erden von
den Alten als blofse Dörfer betrachtet^), Augustus spricht nur einer
einzigen das Recht als Colonie zu. Wenn nun gerade in diesen
dem Weltverkehr entrückten Gauen 91 v. Chr. die Bundeshauptstadt
Italia gegründet wurde, so erbhcken wir den die ältere Geschichte
beherrschenden Gegensalz von Hoch- und Tiefland Ebene und Ge-
birg hier am Stärksten ausgeprägt (l 340). Als die Marser den
Römern Fehde ansagten, war es zu spät um dem Schicksal in die
Zügel zu fallen. Hätten die Cantone einige Jahrhunderte zuvor in
voller Eintracht den Städten die Spitze geboten , so würden sie
siegreich ihre Freiheit behauptet haben. Aber das Gebirge befördert
die Spaltung und Vereinzelung der Stämme. Sprache und Schrift
der Abruzzen ist nicht oskisch wie in Samnium (I 509). Dem
heifsen Ringen zwischen Samnium und Rom schauen die Mittel-
stämme unthätig zu oder leihen diesem ihren Beistand. Nun und
nimmermehr hätten die Römer in Apulien Fufs fassen und dem
Gegner den Zugang zum Meer versperren können, wenn nicht die
Pässe der Abruzzen für den Durchmarsch offen gewesen wären.
Sicherlich war es eine arge Thorheit die im 4. und zu Anfang des
3. Jahrhunderts dem Latiner die Hand reichen hiefs zum Schaden
des sabinischen Bruders im Süden. Der Groll den die Uebergriffe
der Samniten bei den schwächeren Nachbarn angehäuft hatten, bietet
keine genügende Erklärung für ein so kurzsichtiges Verhalten. Ich
vermute dafs wichtige Lebensfragen im Spiel waren. Durch Vieh-
zucht gewinnt der Gebirgsbewohner vornehmlich seinen Unterhalt.
Noch immer weiden zahlreiche Heerden auf den Matten des Appennin :
vor der greulichen VValdverwüstung war die Nahrung in gröfserer
Fülle bereitet, in alten Zeiten hat die Sennerei in den Hochlanden
ohne Zweifel die Ackerwirtschaft an Bedeutung übertroffen. Nach
der Herbstnachtgleiche wird es auf den Bergen zu kalt, Hirt und
Heerde ziehen an die Küste um zu überwintern. Ihr Hauptquartier
ist die apulische Steppe. Was wir über die Regelung dieser ver-
wickelten Verhältnisse wissen, wird Kapitel XIV 1 dargelegt werden.
Der Durchzug der Heerden und das Weiderecht mufs eine Quelle
unablässiger Streitigkeiten unter den Stämmen gewesen sein. Durch
1) Strab. V 228. 241. 250.
Der Hochappennin. 435
(leo Sieg bei Gaudium 321 hatteo die Saaioiten die Macht in Apulien
erlangt und nutzten sie rücksichtslos aus. Dals die wirlschafiliche
Verbindung der Küstenstädte und des Hochlands der Abruzzen älter
sei als die römische Herrschaft, wird nirgends ausdrücklich gesagt.
Wol aber würde sich unter dieser Voraussetzung die Parteinahme
beider gegen Samnium auf das Schönste erklären, i)
Wir behandeln in diesem Kapitel die vierte Region mit Aus-
schlufs Samniums und der oben genannten Latinerstädte, also das
I 236 fg. geschilderte sabellische Gebirgsviereck nebst dessen Ab-
dachung zur Adria, ein Gebiet von rund 11000 n km 200 d. GM.
Zwei, wenn man will drei Heerstrafsen durchziehen das Land, Rom
mit der Adria verbindend: im Norden die via Salaria und Caedlia
von deren Uebergang nach Picenum S. 429 die Rede war, im Süden
die via Valeria. Während die Salaria nach Ausweis ihres Namens
vor die Zeit der römischen Herrschaft hinauf reicht, die Gaecilia
117 V. Chr. ausgebaut wurde, kann der Bau der Valeria dem Gensor
von 154 M. Valerius Messala zugeschrieben werden. 2) Das Reise-
buch rechnet von Rom nach Hadria, da es die Gaecilia übergeht
(S. 430), 148 Millieu und bezeichnet die ganze Strecke als Via
Valeria. 3) Streng genommen fängt diese aber erst bei Tibur an,
das 20 Milben lange Stück von Rom bis dorthin ist älteren Ur-
sprungs und trägt amtlich den Namen via Tiburtina.^) Von Tibur
führt sie nach den latinischen Golonien Carsioli und Alba Fucens,
läuft am Nordufer des Fuciner Sees bis Cerfennia Gollarmele, von
wo sie über den 1150 m hohen Pafs des mons Imeus Forca Garuso
1) Liv. IX 13 unter dem J. 31S: exercilus alter cum Papirio consule locis
inaritimis pervenerat Jrpos per omnia pacata Samnitium magis iniuriis et
odio quam beneficio ullo populi Romani. nam Samnites ea tempestate in
montibtis vicatim habitantes campestria et maritima loca contempto cultorum
molliore alque ut evenit fere locis simili genere ipsi montani atque agrestes
depopulabantur. qjiae regio si fida Samnitibus fuisset, aut pervenire Arpos
exercitus Romamis nequisset, aut inleriecta inter Romam et Arpos penuria
rerum omnium exclusos a commeatibus absumpsisset.
2) Ausgeschlossen sind die Valerier die 307 und 184 die Gensur bekleideten :
der erste, weil das römische Gebiet damals den Gang; der Strafse nicht ein-
schlofs, der zweite, weil die Thatsache in dem ausführlichen Bericht über
dessen Arbeiten nicht vorkommt. An den Gensor von 252 zu denken ver-
bieten die allgemeinen Erwägungen, die S. 52 fg. dargelegt wurden, ganz ab-
gesehen von der Geldnot des panischen Krieges.
3) It. Ant 308 fg.
4) Strab. V 238 Tab. Peut. GIL. IX 4965.
28*
436 Kapitel VIII. Der Hochappennin.
nach Corfinium gelangt um fortan dem Aternus bis zur Küste zu
folgen. 1) Ob die gesamte Anlage in das J. 154 v. Chr. gehört,
kann deshalb bezweifelt werden weil die zweite Hälfte in bundes-
genössisches Gebiet fällt. Indessen ist die strategische Wichtigkeit
dieser Linie eine so grofse dafs Rom füglich nicht nur das Durch-
zugsrecht bei den Friedensschlüssen 304 und 301 gewahrt, sondern
später auch die Abtretung des Weges erlangt haben wird.^) Zwar
läfst Strabo die Via Valeria bei Corfinium enden: aber buchstäblich
gefafst wäre die Angabe sinnlos und stände im Widerspruch mit
einem urkundlichen Zeugnifs.3) Ein Meilenstein belehrt uns näm-
lich dafs Claudius während seiner Censur 48/49 n. Chr. eine via
Claudia Valeria von Cerfenniabis zur Mündung des Aternus chaussirt
und mit Brücken versehen habe: vom erstgenannten Ort aus werden
die Meilen gezählt. Der Doppelname beweist unwiderleglich dafs es
sich nicht um ein völlig neues Werk, auch nicht um blofse Herstellung,
sondern um die Umgestaltung eines älteren Werkes handelt, als
dessen Urheber fortan Censor Claudius und sein Vorgänger Valerius
gelten sollen. 4) Die hierbei nicht berührte Hälfte nach Rom zu
ist 97 von Nerva, endlich 305/6 unter Constantius mit anderen
mittelitalischen Strafsen hergestellt worden. Das fehlende Binde-
glied zwischen der Salaria und Valeria hat Claudius 47 n. Chr. er-
gänzt, indem er die via Claudia nova von Foruli Civita Toraassa
bis zum ZusammenÖufs des Tirimis Tirino und Aternus 47 192 Schritt
lang erbaute.5) Ferner entnehmen wir den Reisebüchern dafs die
Fortsetzung nach Süden durch das Hochthal der Paeligner über
das Piano di Cinque Miglia zum Anschlufs an das Strafsennetz
Samniums — wir wissen nicht von wem — ausgebaut worden
ist. 6) Nicht ohne Grund wird vermutet dafs dies die von Cicero
erwähnte via Minucia sei: trifft solches zu, so würde die Anlage
mindestens ein Jahrhundert früher fallen als diejenige des Kaisers
1) lt. Ant. 308 fg. 101 Tab. Peut. Geogr. Rav. IV 34. 35 CIL. IX p. 586 fg.
2) Landabtretungen werden den Paliniern (unbekannt S. 446 A 1) 305 auf-
erlegt Diod. XX 90.
3) Strab. V 238 CIL. IX 5973.
4) Dies tritt besonders deutlich durch die Namengebung der gleichzeitigen
Claudia nova zu Tage. Uebrigens war die Erneuerung der Valeria bereits
von Caesar geplant gewesen Suet. 44.
5) CIL. IX 5959. 3384. 85.
6) It. Ant. 102 Tab. Peut, Geogr. Rav. IV 35.
§ 1. Die Vestiner. 437
Claudius.!) — Am Ausgang des Altertums erfährt Censor Valerius
die Ehre dafs nach ihm bezw. seiner Strafse die provincia Valeria
benannt wird. Diese zuerst 399 n. Chr. erwähnte Provinz ist von
Grofs-Picenum abgetrennt (S. 413), steht unter einem Praeses und
befafst die Landschaften westlich vom Centralappennin mit Tibur
Reate Nursia Amiternum Corfinium Sulmo und dem Fuciner See,
also die vierte augustische Region nach Abzug Samniums und des
adriatischen Küstenlandes.^) — In der Censushste des Augustus sind
die Gemeinden innerhalb der 4. Region nach den einzelnen Stämmen
geordnet. Für uns ist die nämliche GHederung aus historischen
Rücksichten geboten.'^)
§ 1. Die Vestiner.
Der nach Ost gewandte Stock des mons Fiscellus Gran Sasso d'Itaha
(I 237) erhebt sich in Mitten der Praetuttier Sabiner und Vestiner:
ein Versuch die Weiden der drei gegen einander abzugrenzen wäre
ebenso zweck- als aussichtslos. Wo der Gebirgskamm wieder nach
Süden umbiegt, wird die Hohe geringer; die Gipfel nehmen nach
dem Aternus zu ständig ab, der letzte Rocca Tagliata mifst nur
975 m. In Folge dessen stellt diese das Massiv des Gran Sasso
mit der Maiella verbindende Kette kein schweres Hindernifs für den
Verkehr zwischen West und Ost dar: ein begangener Pafs wie die
Forca di Penne liegt 917 m ü. M. Hieraus erklärt sich dafs die
Vestiner von dem Hochthal des Aternus bis an die Küste vorrücken
konnten ohne sich in zwei Theile zu spalten. In geschlossener
Einheit wohnt das Volk von dem Grenzgebirge del Sirente bis an
das 70 km entfernte Meer, während sein Gebiet von Nord nach
Süd sich nur 20—30 km erstreckt: wir schätzten den Flächeninhalt
auf 35 d. D M. (I 517). Der Gegensatz zwischen den Hügeln des
Subappennin mit 150— 200 m mittlerer Erhebung und dem 6— 700 m
hoch gelegenen Aternusthal samt seinen Bergen fällt in die Augen :
1) Cic. AU. IX 6,1 Horaz Ep. I 18,20.
2) Not. Dign. Occ. 6. 64 Cod. Theod. IX 30,5 dazu Gothofr. Feldm. 228
Paul. h. Lang. II 20.
3) Quellen: Pol. II 24,12 Strab. V 228. 241 Plin. III 106—9 Ptol. lU 1,17.
48-50. 52. 53. 55 CIL. IX p. 282—478 (Mommsen) Eph. ep. VIII p. 27-50
(Ihm)- Nicola Gorcia, Storia delle due Sicilie 3 vol., Napoli 1843 fg., enthält
eine Topographie des festländischen Königreichs im Altertum. Von der
italienischen Generalslabskarte kommen ßl. 132. 138—41. 144—46. 151. 52
in Betracht.
438 Kapitel VIII. Der Hochappennin.
trotzdem hat eine vestinische Volksgemeinde bis zur Erlangung des
römischen Bürgerrechts bestanden. Die Alpenwirtschaft zu der das
Land vorzugsweise berufen war (1517 A. 10), hat das Emporkommen
von Städten nicht befordert; die Ortschaften welche die Annalen
325 V. Chr. von den Römern erstürmen lassen , werden recht un-
bedeutend gewesen sein. Ungleich den anderen Cantonen der
Abruzzen halten die Vestiner beim Ausbruch des grofsen Kriegs
Partei für Samnium ergrifl'en, wurden alsbald niedergeworfen und
am Ende des Kriegs 301 v. Chr. unter die römischen Bundesge-
nossen aufgenommen. Als solche stellen sie Truppen unter ihrer
Landesfahne, prägen auch Landesmünze (S. 73), da der Besitz
eines Ausfuhrhafens zum Seehandel ermunlerte.i) Im Laufe der
nächsten Jahrhunderte lockert sich der Zusammenhang der Gaue:
während die Volksgemeinde eifrig an der Erhebung von 91 v. Chr.
theilnimmt, hält Pinna mit zäher Verbissenheit an Rom fest.^) Mit
der Aufnahme in den Bürgerverband und zwar in die Tribus Quirina
ging die Auflösung der Volks- in mehrere Stadtgemeinden Hand in
Hand. Die Zahl hat geschwankt: wenn die Liste bei IMinius un-
versehrt ist, wie es den Anschein hat, so erkannte Augustus nur
drei an; doch sind ihrer fünf aus den Inschriften nachweisbar. Es
verdient Beachtung dafs die Angehörigen dem Stadtnamen den Volks-
namen beizufügen pflegen. Man wird ohne Kühnheit vermuten
dürfen dafs die Opfer und Feste der alten Landschaft fortgefeiert
wurden, auch nachdem diese aller politischen Rechte entkleidet war.3)
Vom Küstensaum behaupten die Vestiner kaum 10 km. Im
Norden bezeichnet der Matrinus Piomba die Grenze gegen das Ge-
biet von Hadria (S. 409). Etwa 1 km weiter mündet der Salino.
Im Bereich dieser beiden Flüsse lag ein Salzwerk, da die Reisekarte
eine Station [ad] Salinas vermerkt. Die ebendort zu beiden Seiten
der Station erwähnten fl. Comara und Sannum sind derart gedeutet
worden dafs jener auf den Quellarm Fino bezogen, dieser aus Sa-
linus entstellt sein soll: doch scheint dies höchst unsicher (S. 428A. 8).
Der Sahno entsteht aus der Vereinigung des Fino und Tavo, von denen
jener an der Nord-, dieser an der Südostseite der Kette des Gran
1) Liv. VIII 29 X 3 XLIV 40 Ennius Ann. 280 Vahlen.
2) Liv. LXXII LXXV Oros. V 18,8. 14. 25 App. b. civ. I 39 Diod. XXXVII
20. 21 Cornif. Rhel. II 45 Val. Max. V 4, ext. 7.
3) Giovenazzi, Deila cittä di Aveia ne' Veslini ed altri luoghi di antica
memoria, Roma 1773. 4.
§ 1. Die Vestiner. 439
Sasso enlspringt. In dem von beiden Seiten umströmten Hügelland
liegt 438 m ü. Meer 20 km von diesem entfernt Pinna Vestina
Civita di Penne, i) Die Stadt ist berühmt geworden durch ihre An-
hänglichkeit an Rom, als sie von den italischen Bundesgenossen
nach lauger Belagerung schliefslich ausgehungert wurde; nach einer
anderen übrigens unklaren Nachricht wäre sie im nämlichen Kriege
später von einem romischen Heer umzingelt gewesen."^) Auch in
der nachfolgenden langen Friedenszeit hat sie ihrer Wehr nicht
vergessen: wir hüren z. B. dafs die Quattuorviru auf Geheifs des
Stadtrats, der hier Senat heifst, einen Thurm für 4936 Sesterzen
ausbessern lassen, Das wilde Volk der Jäger und Hirten im nahen
Gebirg wie es geschildert wird 3):
Omnibus in pugnam fertur sparus, omnibus alto
assuetae volucrem caelo demittere fundae,
pectora pellis obit caesi venatibus ursi,
übte sei es durch sein Beispiel sei es durch eingeflofste Sorge auf
den Städter eine kräftigende Wirkung aus. Von der Mauer wie
von anderen Bauten des Altertums sind geringe Reste erhalten. —
Die Grenze des vestinischen Küstengebiets nach Süden wird durch
den gröfsten der adriatischen Flüsse (I 339- 343) den Aternus ge-
bildet. 4) Strabo kennt nur eine Schiffbrücke die 3 Millien von
Corfinium denselben überschreitet, so dafs die alte Via Valeria am
linken Flufsufer gelaufen sein mufs.s) Dagegen hat die Claudia
Valeria aufserhalb der Enge dreimal, wie die vorhandenen Brücken-
pfeiler zeigen, das üfer gewechselt: es ist also ganz in der Ordnung
wenn der bei Teate gefundene Meilenstein den Brückenbau aus-
drücklich heivorheht (S. 436). Die Strafse endigt in Ostia Aterni,
nach griechischem Vorgang auch wol Aternum genannt, dem Hafen-
platz der Vestiner dessen Benutzung wie es scheint vertragsmäfsig
1) Die Handschriften schwanken zwischen der Form Pinna und Penna :
Coinific. II 45 Vesiini Pejvienses, ebenso Plin. III 107; dagegen UivvTJrat Diod.
XXXVII 20 Pinna Feslina Vilruv VIII 3,5 Val. Max. V 4, ext. 7 Sil. It. VIII 517
Feldm. 227. 257 Ptol. III 1,52 Tab. Peut. Geogr. Rav. IV 31 V 1 Paul. h. Lang.
II 19. Inschrifilicb kommt der Name nicht vor CIL. IX p. 317.
2) Diod. XXXVII 20. 21 Gornific. Rliet. II 45 Val. Max. V 4, ext. 7.
3) Sü. II. VIII 521.
4) Die Schreibung Atternus GIL. IX 5959 steht vereinzelt da.
5) Strab. V 242, um die Brücke entspinnt sich 49 bei Caesars Anmarsch
ein Gefecht Gaes. b. civ. I IC Lucnn. II 481 fg.
440 Kapitel VIII. Der Hochappennin.
auch Paelignern und Marrucinero freistand.') Er unterhielt einen
regelmäfsigen Verkehr mit lllyrien, namentlich mit dem 1500 Stadien
= 30 d. Meilen entfernten Salona.2) Die Ortschaft lag an beiden
durch eine Brücke verbundenen Ufern, die Nekropole am linken.
Die letzten Ueberreste verschwanden als Karl V am rechten Ufer
die kleine Festung Pescara erbaute. Der Name ist dem Flufs ent-
lehnt; denn dieser ist am Ausgang des Altertums in Piscaria um-
getauft worden. 3) — Nach der Auflheilung der Landschaft an einzelne
Städte hat Ostia Aterni augenscheinlich zu Angulus gehört. 4) Dafs
dies halb verschollene Gemeinwesen eigene Verwaltung hatte und
im vestinischen Küstenland zu suchen ist, steht vollkommen fest;
seine Oerthchkeit ist noch nicht mit Sicherheit ermittelt. Immer-
hin berechtigen die in Spoltore (203 m) zu Tage geförderten In-
schriften diesen 5 Millien von Pescara entfernten Flecken oder
dessen nähere Umgebung mit Mommsen als die gesuchte Stätte zu
betrachten. Jedesfalls ist die seit Cluver beliebte Verlegung nach
Civita S. Angelo eine irrtümliche. Angulus war in der Censusliste
des Augustus aufgeführt, mag aber durch den nahen Hafen über-
flügelt worden sein.
In dem Hochland westlich von der Hauptkette hat die Ein-
führung der Stadtverfassung gröfsere Schwierigkeiten bereitet als an
der Adria, weil das städtische Leben minder entwickelt war. An-
fänglich wurden mehrere Gerichtsprengel gebildet und durch all-
jährlich vom römischen Praetor bestellte Praefecten versorgt. In
der Hand von Praefecten verblieb die Rechtsprechung auch unter
den Caesaren, aber in der Anordnung der Sprengel trat ein mehr-
facher Wechsel ein. Augustus zog seinem überall befolgten System
möglichst grofse Verwaltungskörper zu schaffen entsprechend
das vestinische Gebiet westlich vom Appennin das etwa 20 d. Q M.
befafst, in einen einzigen mit dem Sitz in Peltuinum zusammen.
1) Ostia Aterni Mela II 65 Vib. Sequ. p. 147 Riese It. Ant. 313 Tab. Peut.
CIL. IX 5973. Aternum Strab. V 241, At. vicus It. Ant. 101, It. mar. 497 Feldm.
226. 253 Marc. Gomes a. 538 (Chron. min. II p. 105).
2) It. mar. 497 CIL. IX 3337.
3) Paul. h. Lang. II 19. 20.
4) Plin. HI 107 Ptol.III 1,52 It. Ant. 313 CIL. IX p. 316. Das Reisebuch
setzt Angelum zwischen Ostia Aterni und Ortona mit falschen Ziffern: die
Anordnung ist so zu erklären, dafs ein Abstecher von der Hauptroute hier ein-
geschoben ist; von Ostia Aterni nach Angulus sind 5, nach Ortona 16 Millien
und diese Ziffern wird man in den Text aufnehmen können.
§ 1. Die Vesliner. 441
Als in der Folge besonders seit der Anlage der Claudia nova die
ganze Gegend sich hob, sind Aveia und Aufinum wieder abgetrennt
worden. Spuren der ehemaligen Selbständigkeit der Gaue begegnen
mehrfach. — Innerhalb des mächtigen Felsenthors das den Austritt zur
Adria gewährt (I 340), nimmt der Aternus den von Norden kommen-
den 16 km langen Tirinus Tritano auf.') An dem Zusammenflufs
ad Conflueutes befand sich eine Ortschaft bei der die Claudia nova
in die Claudia Valeria einmündete (S. 436).^) Das Thal des Tirinus
oder von Capestrano, wie es jetzt heifst, wird im Norden von .4m-
fina Ofena (591 m ü. M. 18 km vom Aternus) überragt. 3) Die Ge-
meinde der Außnates erstreckte sich ehedem über den Haupt-
kamm ins Küstenland hinüber: durch Augustus wurde die Osthälfte
zu Pinna geschlagen, der Westen (die cismontani) mit Peltuinum
vereinigt. Aber im zweiten Jahrhundert hat Aufina wieder einen
eigenen Praefecten, ist also wenigstens vorübergehend selbständig,
wie es auch altes Bistum gewesen.*) — Die Hauptstadt des ganzen
Bezirks West vom Appennin ist Peltuinum (877 m) an der Via
Claudia nova.^) Die vorhandenen Ruinen der Stadtmauer eines
Amphitheaters aus Netzwerk und anderer Gebäude künden dies schon
an. Die Stätte heifst seit dem Mittelalter Civita Ansidonia (S. 310),
aber die Pfarrkirche des nahen Prata S. Paulus ad Peltinum oder
adPlutinum hat den ursprünglichen Namen bewahrt. Die schwankende
Abgrenzung des Gerichtsprengeis tritt im Sprachgebrauch der In-
schriften zu Tage. Vereinzelt wird die Stadt als Miinicipium, in
der Regel als Praefectur bezeichnet. Die engere Gemeinde der
Stadt wird als pars Peltumatium unterschieden von der Gesamt-
heit des Kreises, der Stadtrat als decuriones vom Kreistag den con-
scripti. An der Spitze der Verwaltung stehen zwei Aedilen die die
Verhandlungen des Stadtrats wie des Kreistags leiten. In einem
242 n. Chr. gefafste Beschlufs des letzteren heifsen die Kreisange-
hörigen mit dem Stammnamen Vestini. Zu Peltuinum gebort der
4 Millien weiter nach Nordwest gleichfalls an der Claudia nova ge-
1) CIL. IX 3375. 5959.
2) CIL. IX 5959.
3) Plin. III 107 Mommsen CIL. IX p. 320 A. stellt den Namen aufserdem
durch Conjectur bei Charis. II 193 Keil her.
4) CIL. IX 3384. 85 ist der Grofsvater Praefect von Peltuinum, der Enkel
Praefect ohne Zusatz d. h. von Aufina.
5) Plin. III 107 Feldm. 229. 257 CIL. IX p. 324.
442 Kapitel VUI. Der Hochappeiinin.
legene Vicus Furfo dessen Stalte die Kirche S. Maria di Furfoua
aDgiebtJ) Die Stiflungsurkunde eines Tempels des Juppiter Liber
aus dem J. 58 v. Chr. hat den Ort in philologischen Kreisen be-
kannt gemacht: sie zeigt wie schwer der Gebrauch der vor einem
Menscheualter eingeführten lateinischen Amisprache den Bauern
flel.^} An der Spitze der Ortsgemeinde steht ein Aedil. Mehrere
Pagi werden aufscrdem in den Inschriften erwähnt; doch lassen
sich die Namen nicht mit Sicherheit ermitteln mit Ausnahme des
pagus Fificulanus der 7 Millien nordwestlich von Furfo bei Paganica
angesetzt werden darf.^) — Die Via Claudia nova erreicht 5 Millien
westlich von Furfo einen Knotenpuncl in Äveia Vestina am rechten
Ufer des Aternus (572 m)J) Von hier zweigt eine noch erkenn-
bare Strafse über Frusteniae (unbestimmter Lage) durch das den
Nordrand des F'uciner Beckens bildende Gebirge nach Alba ab:
die Entfernung wird auf der Reisekarte etwas niedrig zu 20 Millien
bestimmt. Aveia war wie sein Fehlen bei Plinius zeigt, von Augustus
zu Peltuinum geschlagen, in der Folge wieder eine eigene Prae-
feclur geworden: eine Inschrift erwähnt decuriones et populum
Aveiatmm Yestinorum. Die Lage bei Fossa gilt nach den Aus-
führungen Giovenazzi's (S. 438 A. 3) als gesichert: die Niederung
nordöstlich von diesem Dorf nach dem Aternus zu bewahrt mit
allerlei Trümmern den antiken Namen. Holsle dem Promis sich
anschliefsl, rückt es reichlich 2 Millien weiter nach Civita di Bagno.^)
Dies ist vielmehr die Stätte von Furcona, die grofseren Schulz bot
als Aveia und deshalb am Ausgang des Altertums dessen Bewohner
aufnahm. 6)
§ 2. Die Mar meiner
r Natur der Dinge dafs
appennin durch Slammverwandtschaft und gemeinsame Lebens
Es liegt in der Natur der Dinge dafs die Völker des Hoch-
1) CIL. IX p. 333.
2) Einzelne einheimische Namen werden zur Verdeutlichung beigefügt:
Fifeltares = Petluinaies zu veicus Fiirfensis.
3) CIL. IX p. 338.
4) Sil. It. VIll 518 Avellac die Aenderung in Aveiae ist nicht sicher, da
in den Mililärinschriften VI 3884 III 5 die Form Aven, n. 249Ü Avila über-
liefert wird; Ptol. 11! 1,52 Feldm. 228 Tab. Peut. Geogr. Rav. IV 34 CIL. IX p. 341.
5) Holsle zu Cluver 750 Promis, Alba 256.
6) Paul. h. Lang. II 20 rechnet Furcona zu den bedeutenden Städten der
Valeria.
§ 2. Die Marruciner. 443
richtuDg, namentlich ihre Abhängigkeit von der apuhschen Winter-
weide mit einander verbunden, zusammen genannt werden. So
sind in der Uebersicht der italischen Streitkräfte von 225 v. Chr.
Marser Marruciner Frenlaner Vestiner — durch ein Versehen fehlen
die Paehgner — vereint mit 20 000 Mann zu Fufs und 4000 Reitern
aufgeführt.!} So genossen Marruciner und Paeligner in dem vesti-
nischen Hafen an der Aternusmündung Verkehrsfreiheit (S. 439).
Auch in den grofsen poUtischen Fragen haben alle diese Canlone
im WesentHchen den gleichen Weg eingeschlagen. Der Canton der
Marruciner ist der kleinste. Er befafst einen 12 km breiten Streifen
zwischen den Flüssen Aternus und Foro, von denen jener die
Grenze gegen die Vestiner, dieser die ungefähre Grenze gegen die
Frenlaner anzeigt, und erstreckt sich von der Maiella bis ans Meer.^)
Zweifelhaft bleibt die Grenzbestimmung gegenüber den Paelignern,
insofern entscheidende Gründe für die Zugehörigkeit des Vicus
Interpromium zu dem einen oder anderen Stadtverband vermifst
werden. Unter solchen Umständen wird es das Richtigste sein, die
Naturscheide welche die Flufsenge von Tremonti darstellt, auf die
politischen Verhältnisse zu übertragen. 3) Das Gebiet entspricht
demnach dem heutigen Kreise Chieti (880 Gkm) und mifst nicht
mehr als 16 d. D Meilen; aber der auf den subappenninischen
Hügeln betriebene Gartenbau hat insonderheit durch seine Feigen
Ruf erlangt. 4) Von der Herkunft und Sprache des Völkchens war
I 518 die Rede. Nachdem es 312 v. Chr. den Römern Widerstand
geleistet hatte, trat es gemeinschaftlich mit den Marsern Paehgnern
und Frentanern 304 in den römischen Bund ein, hielt standhaft
im hannibalischen Kriege daran fest^), nahm aber ebenso eifrig an
der Erhebung 91 Theil. Herius Asinius leitete dieselbe: er wurde
zum italischen Praetor ernannt und fiel schon 90 in einer Schlacht
1) Pol. II 24,12 vgl. Dion. Hai. XX 1.
2) Blofse Ungenauigkeit ist es, wenn Mela 1165 Plin. III 106. 10 mit
Ueliergehung der Vestiner und Marruciner den Aternus als Grenzflufs zwischen
Picentern und Frentanern hinstellen. Auch die Anschaunug des Goelius Liv.
XXVI 11 ist verwirrt.
3) Entgegen der I 516 gemachten Aeufserung und der Anordnung des CIL.,
das auch unverständlicher Weise Rapino abtrennt und den Frentanern zutheilt.
4) Golum. X 131 Plin. XV 82. Erdbeben werden erwähnt Plin. II 199 XVII
245 Stat. Silv. IV 4,86.
5) Diod. XIX 105 XX 101 Liv. VIII 29 IX 45 XXII 9 XXVI 11 XXVII 43
XX VIII 45 XLIV 40 Pol. III 88,3 Sil. It. XV 566 Plut. Aem. P. 20.
444 Kapitel VIII. Der Hochappennin.
gegen Marius.i) Sein Geschlecht dem der berühmte Geschicht-
schreiber Asinius Pollio entstammt, blüht im Marrucinerlande noch
unter den Caesaren.^) Nach der Unterwerfung erhielten die Marru-
ciner Bürgerrecht in der Tribus Arnensis und bethätigten 43 ihre
republikanische Gesinnung gegen Antonius. 3) In langobardischer
Zeit werden sie zur Provinz Samnium gerechnet.^)
Die Umwandlung der Landes- in eine Stadtverfassung ist sehr
einfach von statten gegangen, indem die gesamte Gemeinde dem
Municipium Teate einverleibt wurde. &) Dieses führt das Beiwort
Marrucinorum, seine Bürger werden geradezu mit dem Volksnamen
bezeichnet. Wegen der für mittelitalische Verhältnisse beträchtlichen
Ausdehnung der Feldmark heifst die Stadt grofs und berühmt 6),
ist auch im Laufe der Kaiserzeit durch den Titel Colonie ausge-
zeichnet worden und gegenwärtig als Chieti noch immer Haupt
einer Provinz. Sie liegt auf einem Hügelrücken (326 m) 9 Milben
landeinwärts von Ostia Aterni, 3 Milben vom Flufs und beherrscht
ein weites Gesichtsfeld. Reste von zwei Tempeln ') einem Theater
und Wasserbehälter sind kenntlich. — 12 Millien südlich von Chieti
bei Rapino am Fufs der Maiella lag ein altes Dorf aus dem eine
in der Landessprache mit lateinischem Alphabet beschriebene Bronze-
tafel ans Licht gefordert worden ist.^) — Die Via Claudia Valeria
hält sich wie S. 439 bemerkt am Ateinus, den etwa 2 Millien be-
tragenden Umweg über Teate vermeidend, und erreicht 25 Millien
von Ostia den Vicus hiterpromium am linken Flufsufer.^) Die 871
gestiftete Abtei S. demente di Casauria bei Torre de' Passeri be-
stimmt die Oertlichkeit. Ein paar Millien unterhalb scheint am
rechten Ufer nach Ausweis der Ruinen bei S. Valentino ein anderer
Vicus gelegen zu haben, dessen Name auf der Karte entstellt durch
1) Appian b. civ. 1 39. 4U. 52 Vell. II 16 Liv. LXXIl LXXIII LXXVI Oros.
V 18,8. 25.
2) CatuU 12 CIL. IX 3018.
3) Cic. pro Cluent. 197 Phil. VII 23 Caes. b. civ. I 23 II 34.
4) Paul. h. Lang. II 20; zu Picenum Feldm. 258.
5) Strab. V 241 Plin. 111 106 Ptol. 111 1,53 Feldm. 258 It. Ant. 310 Tab. Peut.
Geogr. Rav. IV 35 Paul. h. Lang. II 20 CIL. IX p. 282 Eph. ep. VIII p. 27.
6) Sil. lt. VIII 520 XVII 453.
7) Davon ist einer, jetzt in der Kirche S. Pietro e Paolo verbaut, von dem
Plin. II 199 XVII 245 erwähnten Vettius Marcellus errichtet CIL. IX 3019.
8) Mommsen, Unterital. Dial. p. 337.
9) It. Ant. 102. 310 Tab. Peut. Geogr. Rav. IV 35 CIL. p. 286.
§ 3. Die Paeligner. 445
Ceios wiedergegeben wird.^) Es wäre wichtig hier wo die Gebiete
von Vestinern Marrucinern und Paeiignern zusammenstofsen, scharfe
Grenzen zu ziehen : leider sind wir wie gesagt dazu aufser Stande.
§3. Die Paeligner.
Das vom Gizio durchflossene 18 km lange Thal zwischen den
beiden Hauptketten des Hochappennin ist nach drei Seiten scharf
begrenzt. Gen Ost öffnet die 5 km lange Klause von Intermonti
oder Treraonti durch die der Aternus sich Bahn bricht, einen Aus-
weg zum Meer (I 340). Das südwärts anschliefsende Gebirge steigt
im M.Corvo 1131 M. Rotondo 1732 M. Morrone 2060 M. Amaro
der höchsten Spitze der Maiella 2795 m auf, allen Verkehr mit den
adriatischen Landschaften unterbrechend. Auch gen Süden nach
Samnium ist der Verkehr gehemmt: die Gipfel überschreiten die
Höhe von 2000 m (M. Rotella 2127 M. Genzana 2176 M. Greco 2283
M.Grande 2208 m), das die Verbindung herstellende Joch das 1267 m
hohe Piano di Cinque Miglia (I 238) ist wegen seiner Schneewehen
berüchtigt und oft Monate lang gesperrt. Im Westen gegen das
Fuciner Becken sinken die Berge auf 12 — 1500 m herab, der Pafs
auf dem die Via Claudia Valeria vom Aternus an den See gelangt,
mifst 1120 m: Forca Caruso heifst er jetzt, der alte Name mons
Imeus hat sich lange als M. Meo erhalten.-) Die Nordgrenze gegen
die Vestiner ist minder deutlich ausgeprägt: am Aternus wird sie
vielleicht bei der Flufsenge von Acciano anzusetzen sein, da das
Gebiet der Foce den Paeiignern gehört; umgekehrt, sahen wir(S.441j,
gehört das Thal des Tirinus den Vestinern. — Die frische grüne
Heimat wird von Ovid so geschildert: 3)
Pars me Sulmo tenet Paeligni tertia ruris,
parva sed inriguis ora salubris aquis.
sol licet admoto tellurem sidere findat,
et micet Icarii Stella proterva canis:
arva pererrantur Paeltgna liquentibus undis^
et viret in tenero fertilis herba solo.
1) Tab. Peut. Geogr. Rav. IV 35.
2) Tab. Peut. Geogr. Rav. IV 35 Musumeos Guido 46 Mopsumeos. Tab.
Peut. nennt als Station 7 Millien von Gorfinium Statulae, nach de Nino Not.
d. Scavi 1878 p. 319 1889 p. 344 jetzt Statura bei Goriano Sicoli.
3) Ovid Amor. 11 16 Trist. IV 10,3 Fast. IV 81. 685 Hör. Od. III 19,8 Sil.
lt. VIII 510 Martial I 26,5 XlII 121 Plin. XI 33 XIX 13 XVII 250.
446 Kapitel VIII. Der Hochappennin.
terra ferax Cereris multoque feracior uvis,
dat quoque baciferam Pallada rarus ager^
perque resurgentes rivis labeiitibus herbas
grammeus madidam caespes obumbrat humum.
Schaudernd denkt Horaz an paelignische Kälte. Die Höhenlage
des von schneebedeckten Gebh'gen eingeschlossenen Thals (350 m)
macht sich begreiflicher Weise fühlbar. Der Wein der hier wächst,
wurde und wird nicht sonderlich geschätzt. Auch die OHve kommt
wie im Umkreis des Fuciner Sees nur an geschützten Orten fort.
Dagegen eignete sich die feuchte Niederung für den Flachsbau.
Ferner wird die Bienenzucht erwähnt. Der Viehzucht wird nirgends
ausdrücklich gedacht, obwol sie den Kern der Wirtschaft abgeben
mufste. — Die sabinische Herkunft der Paeligner steht nach Sprache
und üeberUeferung fest (I 516). Während der langen Kämpfe welche
die Einigung Italiens herbeiführten, haben sie öfter zu Rom als zu
dessen Gegnern gehalten. Sie ziehen sich 343 die Feindschaft der
Latiner zu, öffnen dem römischen Durchmarsch nach Campanien 340,
nach Apulien 325 und in den folgenden Jahren ihr Land, treten
304 in ein dauerndes Bundesverhältnifs zu Rom, reiben 295 die
auf der Heimkehr von Sentinum (S. 386) begriffenen Samniten auf.^)
Mit Auszeichnung fechten ihre Cohorlen gegen Karthager und Mace-
donier.2) Bei dem Aufsland der Bundesgenossen wird ihre Haupt-
stadt zum Sitz des neuen Staatswesens erkoren, aber die Paeligner
erleiden 90 eine Niederlage und müssen sich 88 dem Pompeius
Strabo unter werfen. 3) Gemeinschaftlich mit den Marsern finden sie
in der Tribus Sergia Aufnahme.^) In der Folge hängen sie der
demokratischen Sache an, unter Augustus gelangt der erste Paeligner
in den Senat, sie erklären sich 69 n. Chr. für Vespasian.S) In der
späteren Ueberlieferung verschwindet ihr Name; die Landschaft ge-
hört im 4. Jahrhundert zur Provinz Valeria.6)
1) Liv. VII 38 VIII 6. 29 IX 41. 45 X 30 Diod. XX 101. Die Nachricht vom
Abfall 309 verdient, wie die Vergleichung von Liv. IX 41 mit Diod. XX 44
lehrt, keinen Glauben; ebenso ist die gewöhnlich angenommene Aenderung
Diod. XX 90 Ilaliviove in IleXiyvovs falsch.
2) Liv. XXII 9 XXV 14 XXVIII 45 XLIV 40 Plut. Aem. P 20 Cic. Tusc. IV
50 Dion. H. XX 1 Enn. Ann. VIII 6 Vahien Ov. Fast. III 95.
3) Appian b. civ. I 39 Liv. LXXII LXXIU LXXVI Oros. V 18,8.
4) Cic. in Vatin. 36 dazu irrig Schoi. Bob. p. 323 Gr.
5) Oros. VI 6,7 Caes. b. civ. I 18 II 29 Cic. Att. VIII 4,3 Tac. Hist. III 59
CIL. IX 3306. 6) Feldm. 228.
§ 3. Die Paeligner. 447
Drei Städte wie Ovid a. 0. sagt und die Censiisliste bestätigt,
theilen sich in das etwa 20 d. DiM. grol'se Gebiet. Von diesen ist
die nördlichste Superaequum bei Schriftstellern nur vereinzelt er-
wähnt, dagegen durch Inschriften wol bekannt. i) Sie lag am rechten
Ufer des Aternus wo die kleine Foce in ihn einmündet: das nahe
Castelvecchio Subrego oder Subequo hat den Namen bewahrt. Mehrere
Pagi geborten dazu.^) Das allem Anschein nach blühende Gemein-
wesen wurde von Duovirn geleitet. — Die Via Claudia Valeria läuft
5 Millien weiter unterhalb vorbei um 30 Millien von Alba, 83 von
Rom die Hauptstadt Corfimum zu erreichen. Das paelignische Thal,
ein ehemahges Seebecken von 25 km höchster Länge und 10 km
Breite, ist von Süd (Solmona 403 m} nach Nord (Popoli 280 m) ge-
neigt. Es wird im Norden vom Aternus begrenzt, der nach Ueber-
windung einer Enge bei Raiano seine bisher eingehaltene Südost-
Richtung mit einer nördlichen vertauscht, bis er am Durchbruch von
Tremonti sich nach Nordost dem Meer zuwendet. In der Nähe des
Kniees wo er von Südost nach Norden umbiegt, auf einer 370 m
messenden Hochfläche liegt Corfinium. 3 Millien weiter in der Nähe
des heutigen Popoli überschritt die Via Valeria in republikanischer
Zeit den Flufs auf einer Schiffbrücke (S. 439 A. 5) und hielt sich
bis Interpromium am linken Ufer (S. 444). Da der Aternus hier
nicht mehr durchwatet werden kann, war die Gewinnung der Brücke
für einen sei es von Norden sei es von Osten her anrückenden
Feind von hervorragender Wichtigkeit. Corfinium war deshalb zu
einem Brennpunct des Verkehrs bestimmt, weil die grofsen Strafsen-
züge von West nach Ost und von Nord nach Süd hier einander
kreuzten. Die Via Claudia nova hat allerdings den Verkehr der Sa-
biner und Vestiner mit der Adria abgelenkt nach der Einmündung
des Tirinus (S. 441) ; vor Kaiser Claudius folgte er naturgemäfs dem
Thal des Aternus; aber trotz dieser Einbufse blieb das Verkehrs-
gebiet ansehnlich genug. Die Wirkung davon tritt in dem hohen
Alter wie in der Massenhaftigkeit der Inschriften greifbar zu Tage
(I 517 A. 3). Die Ueberlieferung nennt die Stadt erst beim Auf-
stand der Bundesgenossen 91 v. Chr. Die Gründe die dazu führten
sie zur Trägerin des antirömischen Staatsgedankens zu machen,
sind früher (l 340) entwickelt worden. ,, Unter den aufständischen
Städten und Völkern war die ausgezeichnetste und gröfste und zum
1) Plin. III 106 Feldm. 229. 258 CIL. IX p. 311.
2) Not. d. Scavi 1898 p. 71 fg.
448 Kapitel VIII. Der Hochappennin.
gemeinsamen Sitz von den Italioten erhobene Stadt Corfinium. Hier
richteten sie Alles vras zur Befestigung einer grofsen Stadt und
Herrschaft gehört, ein: einen geräumigen Markt und Rathaus, Kriegs-
gerät die Fülle, einen reichen Schatz und Vorräte an Nahrung im
Ueberflufs. An die Spitze stellten sie einen gemeinschaftlichen Rat
von Fünfhundert mit unumschränkter Vollmacht zur Führung des
Krieges, zwei Consuln und zwölf Praetoren, alles in Nachahmung
der Einrichtungen Roms. Die gemeinsame Stadt benannten sie
Italia." 1) Die Herrlichkeit nahm ein schnelles Ende: 89 im zweiten
Kriegsjahr siedelte die Regierung nach Aesernia in Samnium über.
Zum anderen Mal 49 v. Chr. machte Corfinium vorübergehend von
sich reden , als die Optimaten im Vertrauen auf die Stärke seiner
Mauern und die Kampflust der Gebirgscantone hier ihr Haupt-
quartier aufschlugen: aber nur 7 Tage nach Caesars Ankunft am
21. Februar öffneten sich die Thore.^) Fortan verschwindet es aus
der geschichtlichen Ueberlieferung. 3) Aus den Inschriften ent-
nehmen wir dafs der Stadtrat den anspruchsvollen Titel Senat
führt, dafs die Bürgermeister Quattuorvirn heifsen, dafs das Theater
eifrig gepflegt wird u. s. wJ) Ein Bild von der Anlage vermögen wir
aus den Trümmern nicht zu gewinnen, an umfassenden planmäfsigen
Ausgrabungen hat es bisher gefehlt. 5) Indessen zeugen zwei Wasser-
leitungen von ihrer Gröfse: die eine schöpft aus dem Aternus bei
Superaequum, läuft 3 km lang durch einen unter dem Berg von
Raiano hindurchgetriebenen Stollen und dient gegenwärtig dazu die
Felder dieses Dorfes zu bewässern ; die zweite von Süden kommend
schöpft aus dem Sagittario einem Nebenflufs des Gizio. Ihre Bögen
fesseln auf der Trümmerstätte den Blick. Im Uebrigen hält die
ehrwürdige Kirche S. Pelino die Wacht auf diesem geschichtlichen
Boden: die Kathedrale nicht des benachbarten Dorfes Pentima, son-
dern der paelignischen Landschaft die am Ausgang des Altertums
mit dem Namen Valva bezeichnet wird. 6) Ueber die Herkunft des
1) Diod. XXXVII 2,4fg. nach Posidonios, bestätigt durch die Münzen I 72;
Strab. V 241 hat die Form 'IzaXix^ Vell. II 16 ebenso oder Italicum.
2) Caes. b. civ. I 16 fg. Cic. Att. VIII 3,7 5,2 IX 7 C,l 13,7 16,1 Lucan
JI 478 fg. Appian b. civ. II 38 Dio XU 10 fg. Plut. Caes. 34,3 u. a.
3) Strab. V 241 Plin. III 106 Plol. III 1,55 Feldm, 228. 255. 260 It. Ant.310
Tab. Peut. Geogr. Rav. IV 35.
4) CIL. IX p. 296 Eph. ep. VIII p. 36.
5) Ueber die Erforschung der Gräber de Nino Not. d. Scavi 1877 fg.
6) Ughelli Italia sacra I 250* fg.
§ 3. Die Paeligner. 449
Namens und das Verschwinden Corfiniums fehlen weitere Nach-
richten. Die in Corfinium nach Samnium abzweigende Strafse er-
reicht nach 7 MiUien (90 MiUien von Rom) Sulmo Solmona, i) Die
Stadt liegt 403 m ü. M. am Zusammenflufs des aus dem samnitischen
Grenzgebirge eine nördhche Richtung einhaltenden Gizio mit der
von Ost her aus der Maiella kommenden Avella.^) Erdbeben haben
unter den antiken Ueberresten gründlich aufgeräumt: einige sind
bei der Kathedrale S. Pamfilo aufserhalb der jetzigen Mauer kennt-
lich, und man ersieht dafs die Stadt sich ehedem weiter nach Norden
erstreckt hat als gegenwärtig. Sie ist durch den Dichter Ovidius
berühmt geworden; von einem jüngeren Geschlechtsgenossen meldet
die Inschrift er sei der erste gewesen den der gesamte Stadtrat
auf öffenthchem Grund und Boden bestattete. 3) Der Dichter hätte
gar nicht nötig gehabt ihr zu höherem Glanz aus der Gefolgschaft
des frommen Aeneas den Phryger Solymus als Gründer anzu-
hängen.^) Von zweifelhaften Erwähnungen aus dem hannibalischen
Kriege abgesehen 5), kommt sie zuerst in den Kämpfen vor die
Ovid beiläufig feiert:
Mantna Vergilio gaudet, Verona Catullo,
Paelignae dicar gloria gentis ego,
quam sua libertas ad honesta coegerat arma,
cum timuü socias anxia Roma manus.
Sulla erliefs 82 nach seinem Siege den Befehl sie zu zerstören.
Wodurch sie sich seine Ungnade zugezogen hatte, und ob der Be-
fehl zur Ausführung gelangte, ist nicht bekannt. 6) Aber 49 schlössen
sich die Bewohner mit Begeisterung an Caesar an.") Sulmo besafs
treffhche Eisenschmieden. 8) Wenn Ovid die Kleinheit der Feldmark
betont, wo er in dem angeführten Gedicht fortfährt:
atqne aliquis spectans hospes Sulmonis aquosi
moenia qnae campi higera pauca tenent,
„qnae tantum, dicet, potuistis ferre poetam,
quantulacumque estis, vos ego magna voco" ;
1) lt. Ant. 102 Tab. Peut. Geogr. Rav. IV 35 Caes. b. civ. I 18 Ov. Trist. IV 10,3.
2) Strab. V 241 Plin. III 106 Ptol. 111 1,55 Feldm. 229. 260 CIL. IX p. 290.
3) CIL. IX 3082 Ov. Trist. IV 10 ex Ponto IV 14,49.
4) Ov. Fast. IV 79 darnach Sil. lt. IX 72.
5) Liv. XXVI 11 Sil. lt. VIII 510 IX 70 fg. 11 1.
6) Ov. Amor. III 15,7 Flor. II 9,28.
7) Caes. b. civ. 1 18 Cic. Alt. VIII 4,3 12A,1 Oros. VI 15,4.
8) Plin. XXXIV 146.
Nissen, Ital. Landeskunde II. 29
450 Kapitel VIII. Der Hochappennin.
so darf man dies nicht allzu buclistäblicli nehmen. S'e iimfaf*te
den pagus Fahianus wo die Bewässerung der Weinberge die Auf-
merksamkeit des Landwirts auf sich lenkte, sowie den Pagus oder
Vicus BeU'fubts Scanne (lOSOm) am oberen Sagittario. Eine Grab-
schrift aus letzterem Ort erwähnt mit Stolz der Verstorbene sei der
erste Ortsansässige der in den Stadtrat von Sulmo Aufnahme ge-
funden habe: ein merkwürdiges Zeugnifs für die Zurücksetzung in
der die Bergdistricte verharrten. i) Zweifelhaft bleibt es, ob der
pagus Lavernae Prezza zu Corfinium oder Sulmo gehörte.2) Der-
selbe mufs recht stattlich gewesen sein, da die Ortsvorsteher nach
Gemeindebeschlüssen sowol einen Tempel der Bona Dea mit Säulen-
halle als eine Bühne erbauen. Es verdient auch Erwähnung dafs
die Kirche von Sulmo der Kirche von Valva oder Corfinium den
Vorrang lange bestritten hat: die nachbarliche Eifersucht mag aus
älteren Zeiten des Heidentums herstammen. Gegenwärtig ist Sol-
mona Hauptstadt eines Kreises von 1185 {J^^ Inhalt.
§ 4. Die Marser,
Die Entwicklung von Längsthälern kennzeichnet den Appennin
bei seiner höchsten Erhebung. Vom Aternus führt die Via Valeria
über die Forca Caruso (S. 445 A. 2) in das Fuciner Becken, aus
dem Land der Paeligner in das der Marser. Das 270 Qkm grofse
Becken hat eine längliche von Nordwest nach Südost gestreckte
Form, an tiefster Stelle eine Meereshöhe von 656 m. Der ganze
Umkreis ist von hohen steil abfallenden Bergen umschlossen und
nur nach Nordwest offen: nach dieser Seite hin steigt der Boden
unmerklich etwa 50 m an, die Anschwellung aber bildet die Wasser-
scheide gegen den Himella Salto. Ganz ähnlich wie der zweitgröfste
appenninische See der Trasimenus an das Chianathal anstöfst, aber
durch seine tiefere Lage am Abflufs behindert ist (S. 319), erging
es dem gröfslen dem lacns Fucimis, der soweit die Ueberlieferung
des Altertums reicht, viel von sich hat reden machen. 3) Er giebt
den Mittelpunct der Halbinsel an: auf dem 42. Grad der ihn durch-
schneidet, mifst man nach den beiden Meeren je 17, den kürzesten
Abstand zur Aternusmündung und zum Golf von Gaeta je 11, des-
1) Plin. XVII 250 CIL. IX 3088.
2) Plut. Sulla 6,6 CIL. IX p. 296.
3) G. Krämer, Der Fuciner See, ein Beilrag zur Kiin-le Ilaüens, Berlin 1839. 4.
§ 4. Die Marser. 451
gleichen die Längenausdehniing des Appennin bis zur Poebene und
bis zur Sila je 50 d. Meilen. Dieser Umstand scheint der Auf-
merksamkeit der Alten entgangen zu sein. Was sie beschäftigte, war
die geheimnifsvolle Wanderung des Wassers die im zerklüfteten
Kalkgebirg der Natnrbeobacbtung so viele Rätsel zu losen dar-
bietet. Der See war starken Schwankungen unterworfen, nahm im
Mittel einen Raum von 145 Dkm mit einem Umfang von 55 km
ein. Er wurde gespeist von starken Quellen und einer Anzahl von
Bächen, unter denen der 40 km lange Püonhis Giovenco an der
Ostseite auch im Sommer nicht versiegt. Unterirdische Abflüsse an
der Westseite stellten eine Verbindung mit dem Liristhai her das
durch den schmalen Rücken des M. Salviano (945 m) vom See ge-
schieden ist und bei Capistrello der schmälsten Stelle 25 m unter dem
Seeboden liegt. Der Schlund in dem das Wasser versank, hiefs la
Pedogna mit einem aus dem Altertum stammenden Namen der be-
reits dem Dichter der Alexandra zu Ohren gedrungen ist, wenn in
der Weissagung von den Enkeln des Aeneas erwähnt werden i):
lif.ivrjc TS (l>6oY.r^q Blagoicovldog itorct
Tlid^ioviov T€ x^*^/'" ^oi- /Mza x^ovog
övvovTog €ig acfavra y.€v-9-/ii(övog ßäS^r^.
Die Alten liefsen den Pitonius durch den See strömen ohne sich
mit dessen Wasser zu vermischen, alsdann verschwinden und endhch
als Quelle der Aqua Marcia oberhalb Subiaco's wieder auftauchen,
so dafs der Ursprung dieser 144 v. Chr. erbauten hoch geschätzten
Leitung im Gebiet der Paeügner gesucht wurde. ^) Was den An-
lafs zu dieser Vorstellung gegeben habe, ist nicht zu sagen: in-
dessen gehört sie in den Bereich der Fabel; denn zwischen dem
See und dem Quell der Marcia beträgt der Abstand 4 d. Meilen,
ausgefüllt durch das Liristhai und ein 2000 m aufsteigendes Ge-
birge. Der Fucinus war fischreich 3), für den Ackerbauer eine stete
Sorge. Unter den Wahrzeichen des J. 137 v, Chr. heifst es: er
habe nach allen Richtungen 5 Millien weit die Umgegend über-
1) Ueberliefert ist Lykophron 1275 Tixdviov und so liest auch Tzetzes.
Nichtsdestoweniger ist die Aenderun? Ciavers üi^äviov (bezw. Krämers IIi-
9wviov) sicher nach Vib. Seq. Pitornius p. 150 R. (zu verbessern in Pitonius)
und Plin, XXXI 41 fons Pitonia.
2) Strab. V 240 Plin, XXXi 41 II 224Stat. Silv. I 5,26.
3) Strab. V 240 Plin. IX 73.
29*
452 Kapitel VIII. Der Hochappennin.
schwemmt.!) „Er gleicht, herichtel Strabo, an Giöfse dem Meere;
Nutzen ziehen aus ihm besonders die Marser und alle Anwohner.
Er soll bisweilen sich füllen bis an den Fufs der Berge und dann
wieder so fallen dafs die bedeckten Strecken austrocknen und den
Anbau gestatten: sei es nun dafs die Gewässer der Tiefe unbe-
merkt ihren Lauf ändernd sich verlieren und wiederum zusammen
strömen, sei es dafs die Quellen völlig versagen und wieder hervor-
brechen, wie mit dem durch Katane fliefsenden Amenanos geschehen
soll, der viele Jahre lang ausbleibt und dann von Neuem fliefst."
Diese Angaben tragen den Stempel der Uebertreibung an der Stirn :
nach den neueren Messungen betrug der Unterschied zwischen
dem höchsten und tiefsten Stand des Seespiegels nicht über 12 m.
Und zwar vollzog sich das Wachsen wie das Sinken unmerklich in
mehrjährigen Zwischenräumen. Der Grund des periodischen Wechsels
leuchtet auch sofort ein: da die Verdunstung das Quantum des Zu-
flusses nicht aufwiegt, so mufs der See anschwellen wenn die
unterirdischen Abzugscanäle ganz oder theilweise verstopft werden;
umgekehrt mufs er sinken wenn der Druck der Wassermassen die
Bahn ausgefegt hat. Ferner begreift man dafs eine Lage in der
ihnen mehr als 3000 ha fruchtbaren Landes auf Jahrzehnte vom
See geschenkt und wieder entzogen wurden, von den Umwohnern
stets als eine unleidliche empfunden worden ist. Caesar fafste den
Plan den See abzuleiten , Augustus blieb taub für alle Bitten der
Marser; als endlich private Unternehmer gegen Uebertragung der
trocken gelegten Ländereien die Arbeit ausführen wollten, nahm
Kaiser Claudius sie selbst in die Hand.^) Anfangs scheint man an
einen Canal vom Fucinus nach Norden in den Himella gedacht zu
haben.3) Da dies wegen der Höhenlage des Flufsbettes unmöglich
ist, so wurde der einzige Ausweg gewählt der übrig blieb, einen
Stollen durch den M. Salviano hindurch nach dem 25 m tiefer als
der Seegrund gelegenen Liris zu treiben. Auf seine Kosten ist der
Kaiser dabei nicht gekommen, von dem glänzenden Geschäft das
1) Obseq. 24. Vielleicht veranlafsten ähnliche Ueberschwemmungen die
Sage Plin III 108, daCs Archippe eine Stadt der Marser vom See verschlungen
worden sei, vgl. Verg. Aen. VII 752, aber derartige Sagen werden von vielen
Landseen erzählt.
2) Plin. XXXVI 124 Sueton Caes. 44 Glaud. 20. 21. 32 Tac. Ann. XII 56. 57
Dio LX 33 Vita Hadr. 22 CIL. IX 3915.
3) Dio LX 11,5 wo verkehrter Weise Tißegiv in ytai^w geändert worden
ist nach Gluvers Vorschlag.
§ 4. Die Marser. 453
ihm vorgespiegelt wordeo zu schweigen. Die Nachricht klingt so
unglaubhch nicht dafs 30000 Mann 11 Jahre lang an dem Werk
geschafft haben. Der Canal ist 5640 m lang mit einer von 4 bis
15 Dm wechselnden Weite: davon sind 2800 m durch festes Gestein
gehauen, der Rest durch Conglomerate und Thonschichten führend
mnfste ausgemauert werden. In der Folge hat die Last besonders
in den Thonschichten vielfach die Mauer zerdrückt und den Gang
verschüttet. Der Gang läuft nämlich nirgends weniger als 85 ni,
sogar 250 m unter der Oberfläche. Um die Arbeit an mehreren
Stellen gleichzeitig' anzugreifen, Luft herein und den Schult heraus
zu fördern sind 32 senkrechte und 8 schräge Schachte von oben
nach dem Canal eröffnet worden. Tacitus widmet der Beschreibung
der Festlichkeiten die bei der Eröffnung 52 n. Chr. gegeben wur-
den, zwei Kapitel ohne für das Werk selbst mehr als geringschätzigen
Tadel übrig zu haben. Sein V^orgänger Plinius zollt demselben als
Augenzeuge mit Recht seine Bewunderung. Ohne Magnetnadel, ohne
Sprengmittel, mit Meifsel und Schlägel ist hier ein Tunnel herge-
stellt worden, dessen Länge erst seit der Durchbohrung des M. Cenis
(1861 — 70) übertrofl'en ward. Die modernen Techniker die 1852 — 75
mit einem Aufwand von 30 Millionen Franken das Unternehmen des
Claudius zu Ende führten, haben mit dem Lobe ihrer alten Fach-
genossen nicht gekargt, zugleich auch die begangenen Fehler im
Einzelnen aufgedeckt.') Die Alten hatten kläi lieh nicht den ganzen
See ablassen sondern auf den tiefsten Theil bei Marruvium, etwa
ein Drittel des mittleren Umfangs einschränken wollen. Die Un-
gleichheiten und Versehen im Inneren des Tunnels fielen weniger
ins Gewicht als die verunglückte Zuleitung der Abflufswasser in
denselben. Uns fehlen die Mittel um einen annähernden Kosten-
anschlag über die geleistete und noch zu leistende Arbeit aufzu-
stellen; aber dafs der Fiscus mit dem Erwerb von 10 oder 12 000 ha
Ackerland entfernt nicht seine Rechnung fand, leuchtet aus dem
Aufwand den die moderne Technik ungeachtet aller ihrer Ueber-
legenheit für die Fertigstellung gebraucht hat, ohnehin ein. Die
Pflicht der Pietät die ihm geboten hätte das Begonnene zu vollenden,
war für Kaiser Nero nicht vorhanden. Von den Nachfolgern haben
Traian Hadrian und im Mittelalter der Hohenstaufe Friedrich II den
claudischen Tunnel gereinigt und verschüttele oder bedrohte Strecken
1) Leon de Botrou, Prosciugamento del lago Fucino, confronto tra Temis-
sario di Claudio e remissario Torlonia, Firenze 1871.
454 Kapitel VlIF. Der Hochappennin,
neu untermauert. Damit wurde der See zeitweise gebändigt um
nach dem ersten Einsturz oder der ersten Verstopfung des Emissärs
sein neckisches Spiel von vorn anzufangen. Seit dem starken An-
wachsen 1783 fg. wurden die Pläne der Caesaren in ernstUche Er-
wägung gezogen. Dauernde Abhülfe schuf endhch der Unterneh-
mungsgeist des Herzogs Torlonia. Von dem alten Werk sind noch
Eingang und Ausgang sichtbar, der grofsere Theil dagegen ver-
schwunden da er zu einem regelmäfsigen 20 Dm vveiten Canal um-
gearbeitet und in das ehemalige Seebetl hinein auf 6303 m ver-
längert worden ist.
Die bedeutende Erhebung über dem Meer bestimmt das Khma
dieses Beckens: dafs der See zufror, war kein unerhörtes Ereignifs.
Im Altertum scheint Gärtnerei und Baumzucht den Kornbau über-
wogen zu haben ; der Wein wird oft erwähnt, gehörte aber nicht
zu den besseren Sorten.') Die iMarser kannten viele heilkräftige
Kräuter, wie solches Hirten nachgerühmt zu werden pflegt.-) Wenn
das arme Volk der sabellischen Berge im Allgemeinen im Ruf der
Zauberei stand, so verfügten sie über die besondere Kunst Schlangen
zu beschwören.3) Sie mögen im alten Rom ebenso bekannt ge-
wesen sein wie ihre Nachfahren, die mit Dudelsack und Schalmei
ausziehen, wenn die INot des Winters sich einstellt, um durch eine
fromme Litanei vor den Bildern der Madonna in den Küstenslädten
ihr karges Brot zu verdienen; denn die Schlange war ehedem Haus-
thier. Die Gelehrten haben ihnen deshalb auch einen Sohn der
Circe zum Stammvater setzen wollen.^) Dafs sie den Namen des
Mars tragen und mit Ehren getragen haben, ward früher gezeigt
(I 516). Während der samnitischen Kriege haben sie nicht nur
den Römern den Durchzug gestattet, sondern 308 v. Chr. Schulter
an Schulter mit ihnen die Samniten bekämpft. &) Im Verein mit
1) Sil. lt. Vlll 507 Colum. II 9 Xll 10 Plin. XIX 77 XV 83. 90 Martial XIII
121 XIV 116 Galen XIV 15 K. u. ö. (daher Athen. I 26 f.).
2) Colum. VI 5 Plin. XXV 86 Verg. Aen. VII 758.
3) Hör. Epod. 17,29 Sat. I 9,29 Juvenal 3,169 14,180 Plin. XXI 78 XXV 11
XXVIII 19. 30 Cic. Divin. I 132 II 70 Sil. It. VIII 495 fg. vila Heliog. 23.
4) Plin. VII 15 XXV U Gell. N. A. XVI 11.
5) Diod. XX 44. Unter dem Eindruck der Erbitterung, die der marsische
Krieg erzeugte, hat der Annalist, dem Liv. IX 41 folgt, die Erzählung der alten
Chronik in ihr Gegentheil verkehrt. Diese offenkundige Fälschung macht es
unmöglich der Nachricht von Feindseligkeiten 300 v. Chr. Glauben zu schenken.
§ 4. Die Marser. 455
den Nachbarcanlonen traten sie 304 in den römischen Bund einJ)
Man sagte 91 in Rom dafs bislang weder ein Triumph über, noch
noch ein Triumph ohne die Marser gefeiert worden sei.^) Damals
erklärten diese bewährten Vorkämpfer der romischen Macht zuerst
förmlich den Krieg der nach ihnen der marsische heifst, ihr Führer
Pompaedius Silo wurde neben dem Samniten Mutilus der erste
Consul von Ilalia.3) Sie brachten den Römern manche Niederlage
bei, bevor sie nach dem Fall Silo's Frieden schlössen und als Bürger
in die Tribus Sergia eintraten.^) Auch in der Folgezeit ist der
Ruhm der Tapferkeit diesen armen Hirten genus acre virum ver-
büebeu.^) Im vierten Jahrhundert gehören sie zur Provinz Valeria.^)
Der Fuciner See ist mit dem Namen des marsischen Stammes
so eng verschwistert dafs einzelne Schriftsteller auch die nordwest-
liche Ecke die seit 304 v. Chr. ihm sicher nicht angehört hat, trotz-
dem zuschreibend) Während hier eine Lücke im natüdichen Zu-
sammenhang entgegen tritt, greift das marsische Gebiet anderseits
darüber hinaus nach dem oberen Lirislhal. Im Ganzen jedoch er-
scheint es durch die Wasserscheide gegen Vestiner Paeligner Sam-
niten vortrefflich abgegrenzt. Nach dem Empfang des Bürgerrechts
wurde die Volksgemeinde in vier Municipien aufgelöst. Aber die
Einheit liefs sich nicht zerreifsen : die Municipien behielten den
Stammnamen bei, in christlicher Zeit wurde ein niarsisches Bistum
errichtet. In der That war der Boden für eine städtische Ent-
wicklung und Zersplitterung nicht geeignet, so zahlreiche Dörfer er
aufzuweisen hatte.S) — Von Cortinium erreicht die Via Valeria
nach 11 Millien die Pafshöhe des mons Imeus Forca Caruso, nach
weiteren 5 Millien Cerfennia den Ort von dem die neue Anlage
so begreiflich der Widerstand marsischer Gaue gegen die Gründung von Car-
sioli an sich sein würde Liv. X 3.
1) Diod. XX 101 Liv. IX 45 Pol. II 24,12.
2) Appian b. civ. I 46 Liv. XXII 9 XXVIII 45 XXXill 36 Plut. Fab. 20,1.
3) Diod. XXXVII 2 Strab. V 241 bellum Marsicum ist die übliche Bezeich-
nung des Krieges von 90 — S8.
4) Liv. LXXII— LXVI Oros. V 18 Appian b. civ. I 39. 46 Cic. in Vatin. 36
(S. 446 A. 4).
5) Verg. Georg. II 167 Hör. Od. II 20,18 III 5,9 Caes. b. civ. 1 15. 20 II 29
Tac. Bist. III 59 Eph. ep. V p. 255.
6) Feldm. 229 Paul. h. Lang. II 20.
7) Sil. lt. VIII 507 Ptol. III 1,50.
8) Strab. V 241 Fest. 371 Sil. It. VIII 508 cetera in obicuru famae et sine
nomine vulffi sed numero caslella valent.
456 Kapitel VIII. Der Hochappennin.
des Kaisers Claudius ihren ADlang nahm (S. 436). Die Kirche
S. FeHcilä mit dem Beinamen in Cerfenna unweit von Collarmele
bezeichnet die Stelle. i) 4 Millien ahseils von der Strafse am Ost-
rand des Sees bei S. Benedetto liegt die Hauptstadt Marrnviumß)
Sie heifst auf einer Inschrift splendidissima civitas Marsorum Marru-
vinorum, wird auch mit dem Volksnamen allein ohne weiteren Zu-
satz benannt. Der Bischof der Marser hat bis 1580 hier seinen
Sitz gehabt und ist erst damals nach dem nahen Pescina überge-
siedelt. Inschriften wie Ruinen unter denen ein Amphitheater er-
wähnt wird, beweisen die Blüte des Gemeinwesens. Die Schrift
tritt am Fuciner See ziemHch früh auf (I 516). — An der Südseite
bei Trasacco liegt der Vicus Supinnm: ein stattliches Dorf das ein
eigenes Theater besitzt und dessen Herstellung durch ein zweitägiges
Bühnenspiel feiert. 3) Im Südwesten gegen 2 Millien vom claudischen
Emissar und näher bei dem natürlichen Abflufs Pedogna erhob
sich ein Heiligtum der Angitia dessen Vergii gedenkt:
te nemus Angitiae vürea te Fucinus unda
te liquidi ßevere lacus.
Von der Umfassungsmauer sind grofse Ueberreste vorhanden;
den Tempel hat die alte Benedictinerkirche S. Maria delle Grazie
verdrängt. Der Dienst der Göttin die von den Gelehrten mit Medea
oder Circe zusammen gebracht wird, aber eher an Bona Dea er-
innert, stand nach inschriftlichen Zeugnissen auch bei den paelig-
nischen und vestinischen Nachbarn in Ehren. 4) Eine Ortschaft
Lucus ist bei dem Tempel entstanden und nach ihm benannt worden;
der Name hat sich in dem heutigen Luco erhalten. Die Census-
liste führt als selbständige Gemeinde die Fucentes Lticenses auf; das
Beiwort dient dazu sie von den Lucenses von Luca, Lucus Feroniae,
Lucus Augusti zu unterscheiden. ■') Jenseit des Gebirges das die
Fuciner Einsenkung nach Südwest abschliefst, am oberen Liristhai
liegt hoch (904 m) und fest Antinum Marsorum Civitä d'Antino.*')
1) It. Ant. 309 Tab. Peut. Geogr. Rav. IV 35 CIL. IX p. 348.
2) Streb. V 241 Piin. III 106 Verg. Aen. VII 750 Marruvia de gente sacer-
dos m. Schol. Sil. It. VIII 505 Feldm. 229. 256. 258 Tab. Peut. Geogr. Rav.
IV 34 CIL. IX p. 349 Eph. ep. VIII p. 40.
3) CIL. IX p. 364 Supinates eb. n. 3906 Eph. ep. VIII p. 43.
4) Verg. Aen. VII 759 Sil. It. VIII 498 Solin 2,28 CIL. IX 3885. 3074. 3515.
5) Plin. III 106 CIL. IX p. 367 Eph. ep. VIII p. 43.
6) Plin. III 106 überliefert Alinates nach den Inschriften zu verbessern in
Antinates CIL. IX p. 362 Eph. ep. VIll p. 42. — Wenn unter dem Liv. IV 57
§ 5. Die Äequer. 457
Die Stadimauer in polygonalem Stil sowie Reste anderer Bauten
sind erhalten. Die Censusliste sowol als Inschriften weisen dies
Municipium den Marsern zu. Unbestimmt bleibt der genaue Sitz
der Marsi Anxates die eine selbständige Gemeinde gebildet haben, i)
§ 5. Die Aequer.
Das den Fuciner See umlassende Gebirge ist im Norden am
höchsten, wo der M. Sirente 2349 m der M. Velino 2487 m an-
steigt; die zwischen beiden befindliche Hohe von Ovindoli 1387 m
welche die nach Aveia führende Strafse erkUmmt, fällt mehr als
600 m gegen den See hin ab. Aber westlich vom M. VeUno er-
öffnet das Thal des Himella bequeme Auswege. Aus der Ebene
die vom See allmähch nach diesem Flufs zu anschwillt, erhebt sich
mittwegs zwischen dem M. Velino und dem See mehr oder minder
steil eine Gruppe von drei Hügeln: der festeste (1016 m) trägt
jetzt Albe ein ärmUches Dorf von 150 Seelen; daran stufst süd-
wärts der viereckige Hügel von Pettorino; vor beiden nach Westen
liegt der Hügel von S. Pietro mit einem tuscanischen Tempel der
in eine Kirche des Apostels umgewandelt ist. Aus der verschiedenen
Bauart der Befestigungen zieht Promis den Schlufs dafs die beiden
erstgenannten Anhöhen bereits vor den Römern besiedelt gewesen,
die letzte von diesen hinzugefügt worden sei.-) In der That spricht
alle Wahrscheinlichkeit dafür dafs ein so überaus günstig gelegener
Ort bewohnt war, bevor ihn die Römer zu einer der stärksten
Festungen umschufen die Italien aufzuweisen hat. ■Nach Vernichtung
der Aequer wurde 303 v. Chr. eine latinische Colonie von 6000
Mann hingeschickt, deren Name Alba Fucens woi eher als ein-
heimischer vorgefundener denn als eine Nachbildung von Alba
Longa der Hauptstadt Latiums anzusehen ist. 3) Einige Gewährs-
erwähnlen Antium vielmehr Antinum zu verstehen ist und die Volsker 408
V. Chr. bis an den Fucinus sich erstreckt haben (I 518), so mufs das Gebiet
der Marser den uns bekannten Umfang erst im Laufe des 4. Jahrhunderts er-
langt haben. Feldm. 259 Antianus ager bezieht sich möglicher Weise gleich-
falls auf diese Stadt.
1) Plin. 111 106 vermuthlich ist auch Ptol. Ill 1,50 A'i^ in 'Ay^a zu ändern
CIL. IX p. 349 A. 2.
2) Cario Promis, le Antichitä di Alba Fucense negli Equi misurate ed
illustrate, Roma 1836.
3) Meistens ohne Beiwort: Fucens Charis. I p. 106 Keil ''AXfaßovxeUs Ptol.
III 1,50; Tucentia It. Ant. 309. Die Bildung des Ethnikon Albenses im Unter-
458 Kapitel VIII. Der Hochappennin.
niänner rechnen das Gebiet den Aequern i), andere den Marsern
ZU.2) Beachtung verdient dafs Plinius die Albenses als selbständige
Gruppe aufführt 3): der Landstrich wird vermutlich ehedem von
beiden Völkerschaften umstritten gewesen sein. Nach den Inschrilt-
funden läfst sich die den Colonisten überwiesene Feldmark auf
350 Dkm bestimmen. Die Stadt hat vermöge ihrer centralen Lage
als Zwingburg der Abruzzen gedient. Von VV^esten her läuft die
Via Valeria ein die sich nach Osten bis zur Adria fortsetzt, von
Norden die Strafse aus dem Vestinerland über Aveia und Ovindoli
(S. 457). Natürliche Verbindungen bieten nach Nordwest zu den
Aequiculern und Sabinern das Thal des Himella, nach Süden zu
den Volskern das Thal des Liris. Die Römer haben den Platz mit
allen Mitteln uneinnehmbar zu machen gesucht: manche der vor-
handenen Werke mögen freilich erst aus der Zeit der Belagerungen
im letzten Jahrhundert v. Chr. stammen. Promis giebt im Text
den Umfang zu 3 Millien an: nach dem beigefügten Plan sind es
indefs nur 3 km und der Flächeninhalt 34 ha. Obwol die Hügel
namentlich der von Albe keines künstlichen Schutzes bedurften,
sind sie doch nach der Aufsen- wie der Innenseite ummauert — der
Hügel von Albe hat sogar eine doppelle Mauer nach der Stadt zu
— und durch unterirdische ausgemauerte Gänge untereinander
verbunden. Die schwächste Stelle ist die Einsenkung an der nach
Rom gerichteten Seite wo die Valeria in die Stadt einmündet: sie
ist in jüngerer Epoche durch drei terrassenförmig ansteigende und
mit Thürmen ausgerüstete Mauern gesichert worden. Davor befand
sich noch ein Vorwerk um die 500 m vom Thor entfernten Brunnen
zu decken: laufendes Wasser fehlt nämUch innerhalb der Ring-
mauer. Am Merkwürdigsten erscheint eine Landwehr die 1 Millie
Ost von Albe sich bis zu den Abhängen der Berge von Ovindoli
erstreckt und die Ebene gegen Einfälle der Vestiner schützt. Promis
beschreibt sie als einen aus vieleckigen Bruchsteinen mit Kalk er-
richteten Wall von 3 km Länge, an dessen beiden Seiten mit einem
Abstand von 1 km Gräben laufen. Die Gräben sind am Scheitel
schied von Albani Varro LL. VIII 35 Gramm, lat. I p. 106 V p. 145 Keil spricht
bei dem mehimaligen Vorkommen in anderen Landschaften nicht eben für die
von Appiaii Hann. 39 behauptete Ableitung.
1) Liv. X 1 Appian Hann. 39 vgl. Veli. I 14.
2) Fest. 4 M. Sil. It. VIII 507 Ptol. HI 1,50.
3) Plin. III 106 vgl. Liv. XXVI 11 Strab. V 235. 238. 240.
§ 5. Die Aequer. 459
90, an der Sohle 50 m breit und füllen sich hei Regen mit Wasser,
so dafs sie nehen der Vertheidiguug auch dazu dienten das auf
diese enge Ebene in Fülle einströmende Wasser fern zu halten. —
Die Regierung der Repubhk hat die dem Meer entrückte Festung
mit Vorliebe berühmten Staatsgefangenen zum Aufenthalt ange-
wiesen: hier lebten in Haft Konig Syphax von Numidien Konig
Perseus von Makedonien Biluilus König der Arverner.i) Die Stärke
ihrer Mauern ist in zwei Belagerungen erprobt worden: den ita-
lischen Bundesgenossen leistete Alba 90 v. Chr. heldenmütigen
Widerstand 2); als der Sohn des Lepidus sich seiner bemächtigt
halte, wurde es 78 oder 77 durch Hunger bezwungen. 3) Auch in
den nachfolgenden Bürgerkriegen war der Platz mehrfach mit
Truppen belegt.^) Die Zahl der angesiedelten Colonisten weist
genugsam auf das Gewicht das die römische Regierung dieser
Gründung beimafs, hin. Beim Anmarsch Hannibals gegen Rom 211
kamen sie der bedrohten Hauptstadt mit 2000 Mann zu Hilfe, er-
klärten freilich bald darauf 209 ihr Unvermögen die Kriegslasten für-
derhin zu tragen. 5) Dafs aber Alba die Vorherrschaft in den Abruzzen
nicht blofs als Festung sondern auch als Sitz von Handel und Ver-
kehr zu behaupten bestimmt war, erhellt aus seinem Münzrecht
(S. 74): es hat eine Zeit lang Silber geprägt. 6) Durch das iulische
Gesetz erlangte es Bürgerrecht, wurde Municipium und der Tribus
Fabia zugetheilt. Mit dem Wellfrieden den die Caesaren begründe-
ten, verschwindet sein Name aus der Ueberlieferung.^) Die Ruinen
öffentlicher Bauwerke die sich im Innern der alten Festung breit
machen, Amphilheater zwei Theater Basilika Tempel lassen für
eine zahlreiche städtische Bevölkerung keinen Raum übrig. So
stattlich das Gemeinwesen als solches in den ersten Jahihunderten
unserer Zeilrechnung aus den Denkmälern entgegen tritt, muls doch
1) Strab. V 240 Liv. XXX 17. 45 XLV 42 LXI Pol. XXXVII 2,3 Diod. XXXI
9 Val. Max. V 1,1 IX 6,3 Gros. IV 20,39.
2) Liv. LXXII Gornif. Rhet. II 45 Cic, Phil. III 6. 39 IV 6.
3) Gros. V 22,17 wird trotz der unrichtigen Form Albani auf dies Alba
zu beziehen sein.
4) Caes. b. civ. I 15. 24 Cic. Att. VllI 12A,1 C,l IX 6,1 Phil. III 6 XIII 19
XIV 31 Appian b. civ. III 45. 47 V 30.
5) Appian Hann. 39 Liv. XXVII 9 XXIX 15.
6) Cato RR. 135.
7) Cic. Phil. III 39 Feldm. 244. 253 CIL IX p. 370 Eph. ep. VlII p. 44.
460 Kapitel VIII. Der Hochappennin.
das eigentliche Leben aus den Mauern ausgewandert sein. Dafür
spricht der Umstand dafs Alba keinen Bischof gehabt hat.^)
Als Stütze und Rückhalt für Alba wurde 298 v. Chr. eine
4000 Mann zählende latinische Colonie nach Carsioli entsandt.^)
Der Abstand beider Städte auf der Via Valeria deren Bau auf
langen Strecken ungeheure Kosten verursacht hat, wird mit 23,
von der letztgenannten nach Rom mit 42 Millien beziffert.^) Am
oberen Tolenvs Turano an dessen Ufern die Römer den 11. Juni
90 eine blutige Niederlage durch die Marser erlitten 4), ist eine
runde Piano del Cavaliere benannte Ebene von 9 km Durchmesser
und 600 m Meereshöhe ausgebreitet, trotz der gegenwärtigen Un-
gesundheit äufserst fruchtbar, im Altertum wegen ihres Weinbaus
erwähnt 5):
frigida Carsiolis nee olivis apta ferendis
terra, sed ad segetes ingeniosus ager.
An einem sanften Abhang der vom Poggio Ginolfo ausläuft^
gelegen beherrscht Carsioli die Ebene, Die TrUmmerstätle deren
Beziehung zuerst von Holste erkannt wurde, heifst jetzt Civita
Careuzae): man unterscheidet Reste der Ringmauer in polygonaler
Bauart, einer Wasserleitung u. a. In der Geschichte wird Carsioli
neben Alba erwähnt, tritt aber doch in den Hintergrund.'') Es
versagte gleich diesem 209 in der hannibalischen Not, diente zur
Unterbringung gefangener Fürsten, ward von den italischen Bundes-
genossen zerstört. Als Municipium gehört es zur Tribus Aniensis,
hat einen Senat und Quattuorvirn an der Spitze, erlangt in der
Folge den Titel Colonie welcher der Nachbarin versagt blieb. Am
Ausgang des Altertums mufs es das baulich viel glänzender ausge-
staltete Alba überholt haben, weil Paulus dieses ausläfst, dagegen
1) Letzte Erwähnung Tab. Peut. Geogr. Rav. IV 34 entstellt Gala; es fehlt
bei Paulus.
2) Liv. X 13, eine minderwertige Ueberlieferung eb. c. 3 Vell. I 14 giebt
als Gründungsgefahr 301 an.
3) It. Ant. 309 Tab. Peut, CIL. IX p. 586.
4) Ov. Fast. VI 565 Gros. V 18,13. Appian b. civ. I 43 nennt irrtümlich den
Liris, mit dem er bereits c 39 unglücklich hin und herrät.
5) Ovid Fast. IV 683 Colum. 111 9 Plin. XVII 213.
6) Holsten. zu Cluver 784.
7) Liv. XXVII 9 XXIX 15 XLV 42 Flor. II 6,11 übseq. 52 Strab. V 238 Plin.
III 106 Ptol. 111 1,49 Feldm. 239. 254 CIL. IX p. 382 Eph. ep. VIII p, 48.
§ 5. Die Aequer. 461
Carsioli neben Tibur und Reate aiift'ührt.^) Bis ins 12. Jahrhundert
ist sein Dasein nachweisbar: während seines langen Siechtums sind
in gleicher Entfernung nach Ost und West die beiden Dörfer Arsoli
und Carsoli entstanden.
Von dem alten Volk der Aeqni auf dessen Grund und Boden
die latinischen Festungen erbaut wurden, ist früher (I 514) die
Rede gewesen. Die Kriege mit ihnen und den Volskern die zu
den jährlichen Vorkommnissen der älteren Republik gehört haben 2),
beginnen der Sage nach unter Tarquinius Priscus.3) Im 5. Jahr-
hundert, nach den Annalen seit 494 v. Chr. fassen sie in der Ebene
von Latium festen Fufs: wenn ihre Feldzeichen auf dem Algidus
erscheinen, was zuerst 466, zum letzten Male 415 erwähnt wird,
dann rückt die römische Landwehr aus.*) Nach den FeldzUgen 386. 85
schweigt die Ueberlieferung von ihnen bis zu ihrer Vernichtung. &)
Fortan verschwindet der Name, dagegen erhält sich ein Zweig des Volkes
als Aeqnicnli im Thalgebiet des Himella Salto. •>) Die mittlere Kette des
Appennin deren höchster Gipfel der M. Velino ist, wird vom Aternusund
Himella begrenzt: jener fliefst nach Südost dieser nach Nordwest;
dort ist die Thalbildung eine viel ausgedehntere als hier. Das
Thal des Himella ') das noch jetzt Cicolano heifst und damit den
Namen der Aeqniculani bewahrt s), war und ist von keiner grofsen
1) Paul, h. Lang. II 20 CIL. IX 4067.
2) Liv. III 15 statum inm ac prope soUemne in sin^ulos amios bellum
IV 45 VI 12.
.3) Cic. Rep. II 36 Strab. V 231.
4) Liv. II 30 III 2 IV 26. 45 VI 12 IX 45 X l.
5) Diod. XX 10t Liv. IX 45.
6) Eine verkehrte Etymologie leitete das Fetialenrecht von den ^equicoU
qui aeqnum colunt her (aus demselben Grunde von den Aequi Falisci Serv.
V. Aen. VII 695), wie Schwegler Rom. Gesch. I 603 A. erkannt und die In-
schrift des rex Aequeicolus CIL. I p. 564 bestätigt hat. Dadurch aliein ist der
Name der Aequiculer als gleichbedeutend mit Aequer in die Annalen Liv. I
32 Dion. H. II 72 eingedrungen. Livius hat ihn sonst nur noch X 13 und sagt
X 1 Aequer, wo zweifellos Aequiculer gemeint sind. Ebenso Dionys ständig
AUavoi. Merkwürdig ist das Schwanken bei Diodor AlxoXavoi XI 40 AlxXot
XII 61 XX 101 AlxXoi Ol vvv AcxivcXai, xalovftevoi XIV 117 A'ixoi XIII 6. 42
XIV 102. 106 AiTcaXoi XIV 98. Cicero kennt nur Aequi, die Gleichung mit
bezw. dio Ersetzung durch Aequiculi wird erst mit der iMonarchie üblich Verg.
Aen. VII 747 Sil. It. VllI 369 Suet. Vit. 1.
7) lieber den Namen s. I 312 A. 4.
8) Diese Nebenform steht allein Plin, III 107 und Ecicylanus ager Feldm.
255. Die Inschriften haben CIL. IX 4112 Aequiculi 4128 Aequicli.
462 Kapitel VlII. Der Hochappennin.
Strafse durchzogen, wird nur auf kurzer Strecke voo der Via Caecilia
durchquert und erscheint bedeutende Städte hervorzubringen durch-
aus unfähig. Dagegen enthält es manche Ueberreste von den zahl-
reichen Burgen — ihrer 31 (Livius) oder 40 (Diodor) soll Consut
Sempronius 304 zerstört haben — in denen das streitbare Berg-
volk einst hauste. Polygonale Mauern finden sich bei S. Anatolia
an der Grenze des Gebiets von Alba, bei Torano, Civitella-Nesce,
Pescorocchiano, Corvaro u. a. Vielleicht hat Varro, wie man meint,
an derartige verlassene Mauerringe seinen Bericht über die Wohn-
sitze der Aborginer angeknüpft^ aber hat dabei nicht an das Cico-
lano denken können; so reizvoll es sein würde die aequischen
Burgen zu benennen und auf der Karte unterzubringen, ist dies
auf dem Boden gegebener Thatsachen nicht möglich. i) Nur die
montosae Nersae oder der vkus Nervesiae in Aeqnicolis ist durch In-
schriftenfunde als das heutige Civitella bei INesce (798 m) am linken
Ufer des Salto sicher gestellt. 2) Unter den Ortschaften der Aequi-
culerist Nersae die ansehnlichste gewesen, hat auch ein Theater
gehabt; von seinen Gebäuden ist mancherlei Mauerwerk erhalten.
Es wird berichtet dafs die Aequer die Anlage von Alba zu hindern
suchten, aber von den Colonisten zurückgeschlagen wurden, sodann
das Bürgerrecht erhielten. 3) Vermutlich ist das Stimmrecht und
die Aufnahme in die claudische Tiibus erst nachträglich hinzuge-
kommen. Man wird annehmen dürfen dafs diesen Landgemeinden
durch Praefecten Recht gesprochen wurde: in einer derselben be-
gegnet die ohne Beispiel dastehende Würde eines magister iure
dicunäo. Später im Laufe der Kaiserzeit ist die Gesamtheil der
Landgemeinden res publica Aequicnlorum als Municipium mit Senat
Duovirn Aedilen Quaestoren usw. eingerichtet worden, wie aus den
Inschriften hervorgeht. 4j Die Censusliste des Augustus schreibt den
Aequiculanern nur zwei Städte zu, nämlich aufser Carsioli noch
Cliternia.^) Letzeres gehört gleichfalls zur Tribus Claudia, hat
1) Dion. H. I 14, die Deutungen von Bimsen, Ann. dell' Inst. VI 99 fg.
Abeken. Mittelitaiien p. 85 fg. u. a. gehen von unrichtigen Voraussetzungen aus.
2) Verg. Aen. VII 744 Plin. XXV 86.
3) Liv. X 1 Cic. Off. I 35.
4) CIL, IX p. 38S. In den Stadtlisten Plin. III 107 Ptol. III 1,49 fehlt es.
Mit Grund deutet Momnnsen die ncXis Koi'yovlov in der Nähe von Carsioli
und Alba Strab. V 238 auf die Aequiculer; doch ist damit über ihre rechtliche
Stellung nichts gesagt. Ihren Kalender erwähnt Ov. Fast. III 93.
5) Plin. III 107 Ptol. III 1,49 CIL IX p. 394
§ 6. Die Sabiner. 463
Duovirn und Qiiaestoren und mag wol unter Augustus mil den
Aequiculern zu einem Verwaltungskörper vereinigt gewesen sein
oder werden sollen. Es lag bei Capradosso in einem Seitenthal
Ost vom Himella. Auf die ehemalige Verbreitung der Aequer nach
Süden kommen wir in anderem Zusammenhang (Kap. X) zurück.
§ 6. Die Sabiner.
Eine feste Umgrenzung der Stämme ist für die ältere Zeit
nicht möglich. Wir sahen S. 413 daCs der Name der Picenter ur-
sprünglich westlich vom Äppennin so gut heimisch war wie an
der Adria, umgekehrt der Name der Sahini jene mitumfafste. Als
Sabiner bezeichneten die oskisch redenden Bewohner des Südens
sich selbst (I 526); die Deminutivform Sabelli wird von den Romern
auf die Samniten erstreckt^}, ganz vereinzeU auf die kleinen Völker-
schaften Miltelitaliens beschränkt.^) Mit dem Namen verband der
Hauptstädter unwillkürlich die Vorstellung Gebirgsbewohner; denn
sein Gesichtsfeld war im Osten durch sabinische Berge begrenzt:
den M. Terminillo (2213 m) in der Ferne, die steil abfallende Kette
aus welcher der mons Lncretilis M. Gennaro (1268 m) sich abhebt,
in greifbarer Nähe. Die Sage leitet den Ursprung der mächtigsten
Völker der mittleren und südlichen Halbinsel, der Picenter Paeligner
Marser Herniker, der Samniten in Samnium Campanien Lucanien
und Bruttium von ihnen her, schreibt ihnen auch einen wesentlichen
Antbeil an der Gründung Roms zu.3) Die beutige Wissenschaft
verzichtet auf den Versuch die Wurzeln dieses weit verzweigten
Stammes aufzudecken (1 511). Der alte Cato glaubte sie in Testrnna
einem Dorf unbekannter Lage bei Amiternum am Fufs des Gran-
sasso d'Ilalia gefunden zu haben. 4) Von hier aus eroberten die
Sabiner nach ihm die Ebene von Reate die im Besitz der Abori-
giner war, und gründeten in der Folge viele Gemeinden darunter
Cures. Ihr Gebiet, sagt Cato, reichte fast 100 Millien in die Länge
1) Strab. V 250 Plin. III 107 Liv. VIII 1 X 19 Vano bei Philargr zu V.
Georg. II 167.'
2) DioH. XXXVII 2.11, wo Samniten und Lucaner ausgeschlossen werden,
nach Posidonios. Die Gleichsetzung von Sahim/s und Sahellus ist dichterisch
Hör. Ol 111 6,37 Ep. I 16,49 Verg. Georg. II 167 III 255 Aen. VII 665 Vill 510
Colum. X 137 Plin. XIX 141 Javenal 3,169 Sil. It. IV 221 XV 6S7.
3) Plin. HI 115 schreibt auch Ravenna den Sabinern zu.
4) Dion. H. II 49 TearQvvnv Chisianus Teazoovvnv Vaticanus.
464 Kapitel VlII. Der Hochappennin.
und näherte sich der Adria bis auf 28, dem tyrrhenischen Meer
bis auf 24 Millien Abstand. Das Mafs ist, wie der Augenschein
lehrt, auch Straho der dasselbe herübernimmt, zu verstehen giebt,
von einer Strafse nämlich der Via Salaria bezw. Caecilia abgeleitet, i)
Da nun das Meer bei Ostia 16 Millien von Rom entfernt ist, so
mufs Cato (wenn er die Entfernung von Thor zu Thor mit 2 Millien
in Ansatz biachte) die Grenze zwischen Latinern und Sabinern am
6 (8?) Meilenstein angesetzt haben. Diese Bestimmung hat auch
für die spätere Zeit gegolten : in der Censusliste des Augustus
werden Fidenae und Nomentum sowol der ersten als der vierten
Region zugeschrieben, weil Gemeinde- und Regionengrenzen nicht
zusammen fielen , sondern die Gemarkungen von letzteren durch-
schnitten wurden. 2) Nach Osten behaupten die Sabiner den Ueber-
gang über den Appennin und das obere Thal des Vomanus über
Poggio iJmbricchio wo der 104. Meilenstein gefunden worden ist,
hinaus bis in die Nähe des 108. etwa hei Montorio 20 — 22 Millien
von Hadria (S. 429). Man erkennt also dafs die Via Salaria bezw.
CaeciHa auf ihrem ganzen Verlauf bis zur letzterwähnten Stadt
durch römisches und latinisches Gebiet führte. Wie S. 409 be-
merkt, ist nicht zu sagen ob das obere Thal des Tronto zu Pice-
num oder zur Sabina gehört hat. In der Luftlinie beträgt die
Ausdehnung der Sabina von Nord nach Süd 120 km, von West nach
Ost 30 — 60 km. Die Westgrenze gegen Umbrien ist im Allge-
meinen durch die Nera und die Fälle des Velino, gegen Etrurien
durch den Tiber bezeichnet. Im Osten lassen sich gleichfalls die
sabinischen Stadtgebiete von den vestinischen aequischen latinischen
einiger Mafsen sondern. — Nur ein Drittel des etwa 5000 Dkm
umfassenden Landes ist anbaufähig. Die nördliche Hälfte bis zum
Thal von Rieti ist von einem unwirthchen Gebirge mit 20 — 2500 m
hohen Gipfeln erfüllt (l 236 fg.) und hat geringe Hochebenen an
der Nera und ihren Nebenflüssen aufzuweisen. Hier beschränkt
sich die Volkswirtschaft im Wesentlichen auf Sennerei. Die Süd-
hälfte trägt einen freundhchoren Charakter: in der Kette die vom
Nar bis zum Anio hinzieht, übersteigen die Gipfel selten die Höhen-
linie von 1000 m, die Abhänge sind von einem wogenden OHven-
wald bedeckt. Das unter den Bäumen gesäete Getreide bringt nur
1) Strab. V 228 wie bei Dionys sind 10 Stadien auf die Millie zu rechnen.
2) Plin. III 64. 69. 107. Den Sabinern weisen Nomentum zu Verg. Aen.
Vll 712 Strab. V 228 Feldm. 257.
§ 6. Die Sabiner. 465
das 5. Korn; aber in der Baumzucht nahm und nimmt die Sabina
einen unverächthchen Platz ein. Erwähnt werden Oel ') Wein 2)
Obst 3) Hanf aus der Niederung bei Reate^) Kohl^) Sabina herba
ein oft genanntes Heil- und Räucherkraut. 6) Indessen weisen, das
letzte ausgenommen, alle diese Erzeugnisse in eine junge Zeit seit
der römischen Herrschaft. Das ursprüngliche Pflanzenkleid der
Sahina führt uns Strabo mit der Angabe vor Augen dafs eine starke
Eichelausfuhr von hier stattfand. Unter dem Schutz der Wälder
und Berge haben die altertümlichen Lebensformen lange fortge-
dauert. Die Ansiedlungen entbehrten einstmals der Mauern; auch
späterhin straften sie den Namen Stadt Lügen , da ihr Aeufseres
einem Dorfe glich.") Verschlossener Ernst und Sittenstrenge galten
als Merkmale ihrer Bewohner.Sj Der Gegensatz zwischen der
keuschen Bäuerin und der üppigen Römerin wird von den Dichtern
mit Vorliebe ausgemalt.^) Als Traumdeuter und Zauberer waren
die Sabiner gleich den Marsern (S. 454) wol bekannt lO); die Wissen
Schaft der Anspielen soll von ihnen erkundet sein^^); von der
Frömmigkeit leitet Varro den Volksnamen her,^^)
Wegen ihres Kinderreichtums, bemerkt derselbe Gewährsmann,
haben sie oftmals die Jugend zur Gründung eines neuen Heim-
wesens hinausgeschickt, gleich wie die Bienenbrut ausschwärmen
mufs, wenn der Stock nicht mehr Raum hat und die Alten die
1) Strab. V 228 Colum. V 8 Plin. XV 13 Galen XII p. 513 K. Juvenal 3,85.
2) Strab. a. 0. Hör. Od. 1 9,7 20,1 Plin. XIV 28. 38.
3) Plin. XV 40 Varro RR. I 67.
4) Plin. XIX 174.
5) Plin. XIX 141.
6) Cato RR. 70 Plin. XVI 79 XXIV 102. V. Culex 404 Ov. Fast. I 343
Galen XI 853 K.
7) Dion. H. II 49 Strab. V 228 Plut. Rom. 16,1 Liv. II 62.
8) Gic. pro Ligario 32 fortissimi viri in Vatin. 36 severissimi homines
Rep. ill 40 Fam. XV 20,1 Liv. I 18 instructum non tarn peregrinis artibus
quam disciplina tetrica ac trisli veterum Sabinorum quo genere nullum
quondam incorruptius fuit. Verg. Aen. VIII 638 dazu Serv. Hör. Od. III 6,39
Epod. 2,41 Epist. II 1,25 Ov. Amor. II 4,15.
9) Ov. Med. fac. 11 fg. Properz II 30,48 Juvenal 3,85. 169 6,164 10,299
Stat. Silv. V 1,123.
10) Fest. 325 Hör. epod. 17,28 Sat. I 9,29.
11) Gic. de Divin. II 80 Rep. II 26.
12) Fest. 343 ano rov aeßea&ai Plin. III 108.
Nissen, Ital. Landeskunde. II. 30
466 Kapitel VIII. Der Hochappennin.
herangewachsene Brut vertreiben. i) In der That ist der Schlüssel
für die frühere Geschichte des Gebirgs in seiner Uebervölkerang
zu finden. Die warme fruchtbare Ebene von Latium versprach
ihm Nahrung und Beute. In verschiedenen Fassungen meldet die
Sage vom Einbruch sabinischer Scharen: ein heiliger Lenz aus
Reate vertreibt Ligurer und Siculer von den sieben Bergen Roms ;
die Aboriginer aus Reate durch die Sabiner verdrängt entreilsen
den Siculern Latium; König Titus Tatius gründet auf dem Quirinal
eine Stadt; Atlius Clausus wandert 504 v. Chr. mit grofsem Gefolge
ein und erhält von den Römern Land. Die älteren Annalen sind
voll von den Berichten sabinischer Einfälle : aber seit 449 , zwei
Menschenalter bevor den Aequern das Handwerk gelegt ward
(S. 461), ist es davon stille; für mehr als anderthalb Jahrhunderte
verschwindet der Name aus der Ueberlieferung. "Wir vermuten
dafs die Sabiner, seitdem der natürliche Ausweg gen Westen durch
die befestigte Macht Roms versperrt war, nach anderen Richtungen
ihr Glück versucht, insbesondere innerhalb des Zeitraums von 450
bis 300 die adriatische Küste erobert haben. Wir vermuten dafs
in Folge der Auswanderung nach Picenum die eigentliche Sabina
von Menschen entblöfst war, als Curius Dentatus in einem kurzen
Feldzug 290 sie bis zum Meer unterwarf. Die einsilbigen Nach-
richten die hierüber auf uns gelangt sind, verweilen lediglich bei
der Gröfse des Erfolgs. 2) „Als der Consul im Senat den Umfang des
gewonnenen Landes und die Menge der erbeuteten Gefangenen dar-
legen wollte, vermochte er die Zahl nicht auszudrücken." Allein
nach allem was wir von der Tapferkeit der Sabiner und dem von
Bergvölkern geleisteten Widerstand wissen, kann das angegebene
Ziel einzig durch den Umstand erreicht worden sein dafs es an
Vertheidigern gebrach um die Heimat zu schützen. Ihre Schwäche
war schon einige Jahre zuvor im dritten samnitischen Krieg zu
Tage getreten , als sie von den Heeren der feindlichen Parteien
zum Kampfplatz gemacht wurde (S. 471). Die Besitznahme von
Seiten Roms ist durch die begreifliche Erwägung veranlafst worden,
einen trennenden Damm zwischen den Bundesgenossen des
1) Varro RR. III 16 Dion. H. I 16 Sisenna fr. 99 Peter Fest. 321 Serv. V.
Aen. VII 796 Strab. V 250.
2) Strab. V 228 Plin. XVIil 18 Flor. I 10 Gros. III 22,11 Liv. XI Frontir»
Str. I 8,4.
§ 6. Die Sabiner. 467
Südens und Nordens zu errichten, nachdem deren Vereinigung
295 die höchste Gefahr heraufbeschworen hatte. Die Aeufserung
des Fabius FMctor die Romer hätten zuerst durch die Bewältigung
dieses V^olkes den Reichtum kennen gelernt, ist nicht etwa auf
Gold und Silber und in den Dürfern angehäufte Schätze zu be-
ziehen, sondern auf die Masse von Neuland das in die Hände des
Siegers fiel. Ein Theil wurde in Ackerlosen von 7 Juchert ro-
mischen Bürgern — der Consul erhielt selbst eins — angewiesen,
ein anderer für Rechnung des Staates verkauft, das meiste verbheb
in dessen Besitz^^) Man begreift dafs die Pachtung von Wald und
Weide, von der durch Dentatus trocken gelegten Reatiner Niederung
die reichsten Erträge für den öffentlichen Schatz abwerfen mufste.
Den Eingeborenen wurde sofort minderes Bürgerrecht, 268 das
fehlende Stimmrecht verliehen'^), 241 die neu errichtete Tribus
Quirina überwiesen. Die städtische Verwaltung ist erst von Augustus
durchgeführt worden: bis dahin zerfiel das Land in Praefecturen,
von denen Nursia und Reate genannt werden, zwei andere in
Amiternum und dem ager Sabinus d. h. der Südhälfte vorauszusetzen
sind. 3) Als gewählte Magistrate stehen durchweg Octovirn an der
Spitze der Praefecturen. Strabo sagt dafs die wenigen Städte
der Sabina durch die uuaurtiorhchen Kriege herabgekommen seien.
Von kriegerischen Heimsuchungen ist uns aber nur eine während
der perusinischen Wirren 41 v. Chr. bekannt, in denen wie auch
sonst ihre Anhänglichkeit an die Republik rühmhch hervortrat. 4)
Im Nordwesten bildet die Montagna della Sibilla Tetrica mons
und mons Severus (l 236) eine Scheidewand gegen Picenum. In
der mittleren Kette erheben sich die hohen Gurgures M. Terminillo
über der Reatiner Ebene (I 237). Von ihnen fliefst nordwärts der
Corno ab um zuletzt mit einer Wendung nach Westen als Cornia
in den Nar einzumünden (I 312). An einem von Osten kommen-
den Nebenflufs der Cornia liegt 606 m ü. M. am Fufs des 1884 m
hohen M. Pallino die einzige bekannte Stadt dieses ganzen Berg-
1) Feldm. 2t. 114. 136. 253. 349 Plut. Apophtli. Rom. l Golum. I praef.
Plin. XVIII 18 Val. Max. IV 3,5 Frontin Str. IV 3,12; 14 Juchert nach Aur.
Victor 33.
2) Vell. I 14 vgl. Cic. Off. I 35 pro Balb. 31 Liv. XL 46.
3) Liv. XXVUI 45 Fest. 233 CIL. IX p. 396.
4) Dip XLVllI 13 vgl. Cic. pro Ligar. 32 Cato m. 24.
30*
468 Kapitel VIII. Der Hochappennin.
districts Nursia Norcia.i) Die Rauheit ihres Klimas^) hat nicht nur
die vorzüglichsten Rüben gezeitigt 3), sondern auch die Eigenart
der Menschen beeinflufst: Q. Sertorius ist ihr würdigster Sohn. 4)
Die Nursiner unterstützten Scipio 205 für seinen Zug nach Africa,
zogen sich wir wissen nicht weshalb den Zorn der Gracchen auf
den Hals, kämpften 43 bei Mutina und 41 gegen Octavian, wurden
für ihre Freiheitsliebe von diesem hart gezüchtigt. s) INursia war
Praefectur mit Octovirn.ö) Seit der Zerstörung durch Erdbeben
1859 ist von Denkmälern des Alterturas kaum etwas übrig geblieben.
Die Stadt lag den grofsen Ilauptstrafsen völlig entrückt, war da-
gegen durch eine ungefähr 25 Millien lange Nebenstrafse mit
Spoletium verbunden: an dieser 6 Millien von Nursia erinnerte der
Ort Vespasiae an den Kaiser Vespasian dessen Mutter Polla von
hier stammte.') — Das Nursiner Rergland wird im Westen durch
den Nar, im Osten durch den Avens Velino (I 312 A. 3) be-
grenzt. Im Thal des Avens läuft die Strafse nach Asculum Picenum
die im Reisebuch Via Salaria heifst (S. 426). Diesseit der Wasser-
scheide begegnet zuerst der nach dem Gotte Falacer benannte vicus
Falacrinus, wo Kaiser Vespasian 9 n. Chr. geboren wurde.^j Die
Kirche S. Silvestro in Falacrino 2 Millien von Civita Reale be-
zeichnet die Stätte. Weiter abwärts erinnert das Dorf Racugno
an nemus Vacunae ein Heiligtum der sabinischen Kriegsgöttin. 9)
Dafs der Vicus Falacrinus zu Reate gehört habe, wie angenommen
wird, ist wenig wahrscheinHch ; denn 4 Millien von demselben thal-
ab lag Forum Decii das in der augustischen Liste als Verwaltungs-
körper aufgeführt wird.io) Von welchem Decier aber Forum und
1) Plin. III 107 Ptol. III 1,48 CIL. IX p. 427.
2) Verg. Aen. VII 715 frigida Nursia Sil. It. VIII 417 habitata pruinis
Nursia.
3) Colum. X 421 Plin. XVllI 130 Martial XIII 20.
4) Flut. 2 Fronto p. 205 Naber Nwsina duritia.
5) Liv. XXVIII 45 Serv. V Aen. VII 715 Sueton Aug. 12 Dio XLVIII 13.
6) Fest. 233 Feldm. 227. 257 Cic. Fin. II 58 Liv. XXXVII 3 Obseq.
40. 46. 48.
7) Suet. Vesp. l CIL. IX 4541.
8) Suet. 2 Phalacrine It. Ant. 307 Falacrino Tab. Peut. Palacrinis Gnido
54 Facrina. — Varro LL. V 84 VII 45.
9) Plin. III 109 CIL. IX 4636. — Hör. Ep. I 10,49 ni. Schol.
10) Plin. IM 107, Tab. Peut. Foroecri dafür vermutet Cluver p. 690 Forum
Decii, was durch Guido 54 glänzend bestätigt wird. CIL. IX p. 434.
§ 6. Die Sabiner. 469
vermutlich auch Strafse gebaut worden sei, wissen wir leider nicht, i)
Der Ort ist früh verschollen, nach der Reisekarte zwischen Bacugno
und la Posta zu suchen. 16 Millien von Falacrinus folgt der Vicus
Interocrium Antrodoco (490 m), wie der Name besagt, von Bergen
rings umschlossen.') Ihm gegenüber mündet der Rapello in den
Velino ein und schafft der nach Amiternum abzweigenden Ver-
bindungstrafse Raum. Der Ort beherrscht beide Strafsenzugänge
nach Asculum wie nach Amiternum und ist dadurch sowol in mili-
tärischer Hinsicht als für den Handelsverkehr von Wichtigkeit.
Interocrium ist 64 Milben von Rom entfernt: von hier wendet
sich die Verbindungstrafse zwischen Via Salaria und Caecilia süd-
östlich dem Flüfschen Rapello folgend. 3) Jenseit der Wasserscheide
(1000 m) liegt die Station Fisteniae% sodann 13 Millien von intero-
crium der Vicus Foruli.'^) Strabo nennt ihn eher als Räubernest
denn zum Wohnsitz geeignet; doch haben die Bewohner in der
Friedenszeit, wie die Ruinen bei Civita Tomassa (743 m) bekunden,
ihren steilen Felsen verlassen und unterhalb in der Ebene sich
angesiedelt. Obwol ohne Stadtrecht ist der Ort sehr ansehnlich
gewesen und hat seinen alten iXamen bis ins 13. Jahrhundert fort-
gepflanzt. Man begreift dies leicht, insofern er den Ausgang des
Aternusthals nach Westen sperrt und zugleich einen Knotenpunct
im Strafsennetz bildet. Zwischen den Vorbergen des Gran Sasso
im Osten und des M. Calvo (1901 m) im Westen dehnt sich ein
12 km langes Thal am oberen Aternus aus, das im Süden durch
den vorspringenden Hügel (721 m) den das heutige Aquila ein-
nimmt, vorläufig abgeschlossen wird. Die Breite wächst bis auf
15 km, da wo der von Süden kommende Raio bei Foruli nach
Ost dem Aternus zu umbiegt. Von Foruli läuft die Via Claudia
nova die 47 Millien messende Verbindung zwischen der Caecilia und
1) Ist mit Cluver bei Obseq. 14 für Forum Esii F. Decii zu lesen, so
wäre mit dem J. 163 v. Chr. eine untere Zeitgrenze gewonnen.
2) Strab. V 228 Tcwfirj 'ivreqoxQda lt. Ant. 307 Tab. Peut. Guido 54 Intero-
crium CIL. IX p. 435. Fest. 181 ocrem antiqui . . . montem confragosum
vocabant. Das Wort lebt fort in dem M. d' Ocre (2206 m) S von Aquila am
r. Ufer des oberen Aternus,
3) Liv. XXVI 11 Tab. Peut. CIL. IX p. 584.
4) Tab. Peut.
5) Liv. XXVI 11 Strab. V 228 Verg. Aen. VII 714 m. Schol. Sil. It. VIII 415
Tab. Peut. Erulos CIL. IX p. 417.
470 Kapitel VIII. Der Hochappennin.
Valeria aus (S. 436). Sie erreicht nach 7 Millien Pitinum am Fiifs
des M. Pettino (1150 m) bei der Madonna di Pettino 2 km ober-
halb AquilaJ) Dasselbe ist einst Bischofsitz gewesen. Unterhalb
Aquila beginnt eine neue ausgedehntere Thalweitung die sei es ganz
sei es gröfstentheils den Vestinern gehört hat. Die Via CaeciUa
trennt sich am 35. Meilenstein (von Rom) beim üebergang über die
Farfa von der Salaria, läuft rechts quer durch das Land der Aequi-
culer und mündet in Foruli ein. Von Foruli führt sie zunächst
nach dem 5 Millien entfernten Amiternum. Die Stadt giebt die
Mitte in der Längenausdehnung des oben umschriebenen Hochthals
an, am linken Ufer des Flusses nach dem sie benannt ist, 685 m
ü. M. gelegen. 2) Nachdem sie im frühen Mittelalter zu Grunde ge-
gangen war, hat Aquila eine Schöpfung Friedrichs II die Nachfolge
als Hauptort der Landschaft am inneren Aternus angetreten. Die
Ruinen einer Wasserleitung, von Theater kleinem Amphitheater und
anderen Gebäuden aus der Friedenszeit befinden sich in der Ebene
bei dem Dorf S. Vittorino, die Ruinen von Befestigungen auf dem
überragenden Hügel.3) Der Abstand von Rom beträgt 82 Milben.
An diesem Puncte kreuzen sich zwei durchlaufende Gebirgstrafsen :
einerseits führt die Via Caecilia über den 1300 m hohen Colle della
Croce nach Teramo und Hadria (S. 429); anderseits steigt eine
Strafse nach Norden im Thal des Aternus hinauf, überschreitet den
Colle Castello mit 1013 m Pafshöhe und trifft bei Amatrice (955 m)
oder Accumoli (859 m) am Tronto mit der dem Velino entlang
von Augustus ausgebauten Via Salaria zusammen, worauf beide ver-
eint Asculum Picenum erreichen. Die Strafse vom Aterno nach
dem Tronto fehlt in unseren Itinerarien: indefs beweist ein
Meilenstein aus dem 4. Jahrhundert dafs sie längst ausgebaut war.^j
Nach Süden setzt sie sich vermittelst der Claudia nova bis ins
Paelignerland und weiter nach Samnium fort. — Die Fundorte der
Inschriften bestätigen die von der Natur geforderte und von den
Schriftstellern bezeugte Thatsache dafs die Sabiner in Dörfern lebten.
Immerhin nahm Amiternum durch die Gunst seiner Lage einen der-
artigen Aufschwung dafs die ganze Gegend nach ihm benannt
1) Tab. Peut. CIL. IX 412 Holste zu Cluver 743.
2) Varro LL. V28 Streb. V 228 Plin.111107 ; Ptol.lll 1,52 rechnet es fälschlich
den Vestinern zu; Feldm. 228 Tab. Peut. CIL. IX p. 397 Eph. ep. VIII p. 48.
3) Not. d. Scavi 1879. 80. 91.
4) CIL. IX 5957.
§ 6. Die Sabiner. 471
wurde.') Aufser der Schafzucht wurde seines Wein- und Garten-
baus, insonderheit seiner Steckrüben und Zwiebein auf dem römi-
schen Markt rühmend gedacht.^) Sein litlerarisches Ansehen ver-
dankt es dem ersten nationalen Geschichtschreiber Itahens, der die
Wiege der Sabiner nach diesem Hochland verlegte.-^) In die Fufs-
stapfen Cato's tretend hat Varro die einheimischen Sagen gesammelt
und zu einem einheitlichen Bilde verarbeitet. DieAboriginer, erzählter,
Vorfahren der Latiner wohnen neben den Sabinern am oberen
Aternus. Ihre , Mutterstadt ist Lista 32-/5 Milben von Reate, ihre
Orakelstälte Tiora Maliern wo ein Specht auf hölzerner Säule
weissagte, 30 Millien von Reate, mithin beide in geringem Ab-
stand von Amiternum (33 Mühen von Reate) gelegen.*) So können
die Sabiner von dieser Stadt aus durch nächthchen Ueberfall das
unbewachte Lista einnehmen. Die Aboriginer finden bei den
Reatinern Zuflucht; alle ihre Versuche die Heimat zurück zu ge-
winnen schlagen fehl; deshalb weihen sie ihr Land den Göttern und
bedrohen mit schwerem Fluch dessen Nutzung. Offenbar hat die
Erinnerung an verschollene Kämpfe zwischen Ober- und Unterland,
den Sabinern vom Aternus und den Sabinern vom Vehnus in diesen
Nachrichten eine mythische Fassung erhalten. — Auch als es die
gemeinsame Freiheit zu vertheidigen galt, scheinen sie getrennte
Bahnen eingeschlagen zu haben. Im ersten Jahrzehnt des dritten
Jahrhunderts suchten die Samniten die Völker des Nordens gegen
Rom ins Feld zu führen, drangen über das Piano di Cinque Miglia
durch das Land der Paeligner und Vestiner vor, brachten die
Sabiner gutwillig oder gezwungen auf ihre Seite. Consul Appius
Claudius schlug 296 die Sabiner 5); Consul Spurius Carvilius rückte
1) Strab. V 241 vom Aternus gel ex rr,? ^AuireQvivrjs.
2) Varro RR. II 9 Colum. X 422 Plin. XIV 37 XVIII 131 XIX 77. 105 Mar-
tial XIII 20.
3) Gato b. Dion. H. II 49 Verg. Aen. VII 710 ingens Amiteima cohors Sil.
It. VIII 414.
4) Dion. H. 114 sind die genauen Entfernungsangaben klärlich der Ab-
messung von Strafsen entnommen. Für das entstellte ano Se ^Pedrov nähv
rr,v inl ktTivTjv oSov iolai ist mit leichter Aenderung rriv eni Aiaxivr}v
6S6v zu schreiben, so dafs der 'PsaTivri die Aiarivr} spätere AfniSQvivr] gegen-
über gestellt wird. Dafs deutliche Spuren dieser verschollenen Ortschaften sich
erhalten haben sollen, ist nicht zu erwarten. Man sucht sie gewöhnlich im
Cicolano (S. 462), wie ich glaube unter völliger Verkennung der Sachlage.
5) Nach dem Elogium CIL. I p. 287 und Aur. Victor 34.
472 Kapitel VIII. Der Hochappennin.
293 von Terni über Rieti gegen Amiteinum und nahm die von den
Samnilen besetzte Stadt mit Sturm.') Wir wissen nicht wie sich
die Verhältnisse der Sa bin er bis zur Unterwerfung 290 weiter ge-
staltet haben. ^) Nach Erlangung des Bürgerrechts war Amiternum
Praefectur mit Octovirn und gehörte der Tribus Quirina an. In
Betreff seiner sonstigen Schicksale 3) verdient nur die Thatsache
erwähnt zu werden dafs Sallust hier geboren war.*)
Das Gegenstück zur Hochebene von Amiternum bietet die un-
gefähr unter demselben Breitengrad 25 Bogenminuten nach West
belegene Hochebene von Beate. Doch ist sie 300 m dem Meeres-
spiegel näher gerückt als jene, die höchste Spitze der sie über-
ragenden Gurgnres bleibt mehr als 1000 m unter dem mons Fis-
cellus. Die Ebene elliptischer Gestalt mit 10 und 15 km Durchmesser
ist ein altes Seebecken, in welchem durch den Avens Himella
Tolenus die Abflüsse der ISordseite des Sabellischen Gebirgsvierecks
sich vereinigen. Die grofse Axe des Beckens ist von Südost nach
Nordwest gerichtet; am Südostende liegt Reate Rieti (402 m) am
rechten Ufer des Velino. Einen Flufs dieses Namens kennen wie
bemerkt (I 312 A. 3) die Alten nicht; sie bezeichnen die sämt-
lichen hier vorhandenen Seen und Tümpel — gegenwärtig zehn —
durch laais Velinus, vereinzelt im Plural laciis Velini und deuten
den Namen als Sumpft), sagen auch wol im nämlichen Sinne
'palus Reatina patudes Reatinae. ^) Den starken Kalkgehalt des
Wassers, seine Ablagerungen beim Ausflusse heben sie begreiflicher
Weise hervor, da die grofse Streitfrage zwischen Interamna und
Reate hiermit eng zusammenhing (I 313). Der Absturz nach dem
Nerathal ist 16 Millien von Rieti entfernt: zwei Wege führen da-
hin. Die jetzige Hauptstrafse geht am rechten Ufer des Vehno
1) Liv. X 39 vgl. c. 30. 37. Die livianischen Annalen, die für den dritten
Krieg der Samniler besonders verworren sind, verschweigen die Betheiligung
der Sabiner und verlegen mit ihrer greulichen Nachlässigkeit in geographischen
Dingen Amiternum frischweg nach Samnium : dort giebl's aber weder einen
Aternus noch ein Amiternum, wie Cluver p, 686 richtig bemerkt.
2) Liv. XI Sabinis qui rebellaverant victis.
3) Liv. XXI 62 XXVI 11 XXVIII 45 Obseq. 20. 27. 41.
4) Sueton fr. 73 Reifferscheid.
5) Cic. Att. IV 15,5 pro Scauro 27 Varro RR. III 2 LL. V 71 Colum. VIII
16 Verg. Aen. VII 517. 712 Tac. Ann. I 79 Plin. II 153. 226 XXXI 9 der Plural
HI 108, vgl. Dion. H. I 20.
6) Plin. II 226 XXXI 12.
§ 6. Die Sabiner. 473
durch Gärten und Saatfelder 6 Millien lang bis zur Einmündung
des Tolenus, überschreitet den Flufs und hält sich im Bogen am
Abhang des Gebirgs, da die Ebene in der Regenzeit leicht über-
schwemmt wird. iNach dem 10. Meilenstein von Rieti verengt sich
die Ebene zu einem Thalgrund der Cicero den Vergleich mit dem
Tempepafs an die Fland gab. Nach weiteren 4 Millien mündet der
Lage di Piedilugo durch einen kurzen Canal in den Velino aus: ein
fast rings von Bergen umschlossener See mit ausgezackten Ufern
12 km Umfang und bedeutender Tiefe. Von hier sind kaum 2 Mil-
lien bis zum Fall. Für das entzückende Schauspiel das dieser dar-
bietet, haben die Alten keine Worte: nur der Regenbogen der täg-
lich in den Schaumwolken sich über die Schlucht spannt, ist ihnen
erwähnenswürdig erschienen. i) Durch einen Einschnitt in die stetig
sich ablagernden Kalksintermassen den Curius Dentatus während
seiner Censur 272 vornahm , wurde der Abflufs beschleunigt und
die Rosia oder Rosea die Niederung im Nordwesten der Ebene (der
Name le Roscie hat sich erhalten) entwässert.^) Ein römischer
Redner nannte diese Thauige Au 3) das Saueuter Itahens und er-
läuterte ihre Triebkraft durch die Erzählung, dafs eine liegen ge-
lassene Mefsruthe am anderen Tage von dem in der Nacht empor-
geschossenen Grase verdeckt wurde; der Hanf erreichte Baumeshöhe.*)
Von ihr stammt die berühmte Race der eqxii Roseani: die Pferde
und Esel die Sommers auf den Gurgures, Winters in der Niede-
rung weideten, galten als die besten Italiens und erzielten fabelhafte
Preise z. B. ein Esel 60 000, ein Viergespann 400000 Sesterzen
(13050 bezw. 87 000 M); der bekannte Züchter Q. Axius, Freund
Cicero's und Varro's hat gar 400000 Sesterzen für einen Eselhengst
gezahlt. 5) Dem entsprach die Ausdehnung der Gestüte: Vorkomm-
nisse in ihnen bilden eine ständige Rubrik der Prodigienliste.ß)
Die Seen und Teiche dienten zur Anlage von Röhrichten (I 427),
1) Plin. II 153 Cic. a. 0.
2) Cic. Att. IV 15,5 lactis Felinus a Manio Curio emissus interciso monte
in JSar defluit: ex quo est illa siccata et umida tarnen modice Rosia; über
den feuchten Untergrund Plin. II 209.
3) Fest. 283 Verg. Aen. VII 712 Rosia rura Feiini Plin. III 108 Sabini . . .
Felinos accolunl lacus roscidis collibus.
4) Varro RR. I 7 Plin. XVII 32 XIX 174 Serv. V. Aen. VII 712 Georg. 11 201
Rosulanus ager.
5) Varro RR. II 6. 7. 8 Strab. V 228 Plin. VIII 167. 156 XXXI 12.
6) Varro II praef. Liv. XXVI 23 XXXVII 3 XL 2. 45 Obs. 1.5. 15. 28.
474 Kapitel Vlll. Der Hochappennin.
zur Fisch - und Schneckenzucht, i) Die Seen zerfallen in zwei
Gruppen : die einen mit dem See von Piedilugo hegen am Aus-
flufsthale, die anderen nehmen die Nordseite der Niederung ein. Von
diesen sind der Lago di Capo d' Acqua oder L. Lungo und der Lago
di Ripa sottile ziemlich ansehnhch. Sie stehen unter einander in
Verbindung und durch den Fiumarone mit dem Velino. Sie werden
durch reichliche Quellen gespeist die am Abhang des Gebirgs her-
vorbrechen. Darunter befand sich die Quelle Neminie die bald hier
bald dort zu Tage tretend den Wechsel der Marktpreise ankündigte.
Cicero wurde 54 v. Chr. von seinem Wirt, dem erwShnten Q. Axius
hingeführt das Wunder zu schauen. Nach den Quellen wird der
Pagus Septem aquae oder Septaquae benannt von dem wir eine Wid-
mung besitzen : das Dorf ist nordöstlich vom Lago di Ripa sottile
zu suchen.'^) — Eine Anzahl anderer Ortschaften wird von Varro
aufgezählt, der selbst aus Reate gebürtig ein Gestüt hier unter-
hielt 3): aber Ortschaften die damals verlassen waren und ihm als
Städte der Aboriginer erschienen. Es ist wenig Aussicht vorhanden
dafs monumentale Funde uns in den Stand setzen werden die
Topographie der Reatina, wenn auch nicht unter der Herrschaft
der Aboriginer, so doch in vorrömischer Zeit mit sicheren Umrissen
zu entwerfen. Immerhin lassen sich diese Sabinerburgen annähernd
auf der Karte unterbringen , wenn man sie einerseits auf den die
Ebene einfassenden Anhöhen sucht und anderseits beachtet, dafs
ihre Bestimmung nach den beiden von Reate zum Fall bezw. nach
Interamna in Umbrien führenden Strafsen sich richtet. Aufser der
oben beschriebenen Hauptstrafse läuft eine zweite an der Ost- und
Nord-Seite um die Seen herum. Keine von beiden weist antike
Ueberreste auf; auch werden die Alten im Allgemeinen eine höhere
1) Varro RR. I 7 III 14 Colum. VIII 16 Plin. IX 173. Weinbau Varro I 8,
2) CIL. IX 4206—8. 4399. Es ist nicht möglich den Namen mit Holste
p. 108 auf die Gesamtheit der Seen oder mit Mommsen auf einen derselben
zu beziehen. Cicero, der den Aufenthalt für seine Admiranda ausgebeutet hat
(Plin. XXXI 12), besucht zum gleichen Zweck die Septem aquae. Auf ihn bezw.
Tiro wird die Angabe über den fons Neminie Plin. II 230 (wol auch II 209)
zurückgehen. Cicero war klärlich in der herrschaftlichen Villa, die Q. Axius
in der Rosea hatte, abgestiegen und wird von seinem Gastfreund nach dem
Wirtschaftshof ad angulum Feiini (Varro III 2) und zu den nahen Quellen ge-
rührt. Dies sind die fontes Feiini Verg. Aen. VII 517 vgl. dazu Servius. Er-
wähnt werden sie Dion. H. I 14.
3) Symmachus Ep. 12 Varro II praef. und 8.
§ 6. Die Sabiner. 475
trocknere Lage haben einhalten müssen. Aber ihr Dasein wird
durch die VerkehrsverhäUnisse bedingt und ihre Richtung ist ge-
geben. Varro nennt die Nord-Strafse via Curia: sie ist wahrschein-
hch 272 zugleich mit der Austrocknung der Rosia von Dentatus
erbaut. 1) Er erwähnt das zerstörte Corsula 8 Millien von Rieti am
mons Coretus, die Inselstadt Issa im Lago di Ripa soltile, nordwest-
lich am nämlichen See Maruvium 4 Millien von Septem aquae. Die
Südstrafse heifst Via Quinctia: ihr Erbauer ist unbekannt. Nahe
bei der Via Quinctia 2 Vä Millien von Rieti liegt Palatium^); auf
einem mäfsigen Hügel 6 Millien von Rieti (am Zummenflufs von
Tolenus und Velino?) Trebula, vielleicht Trebula Suffenas eine ver-
schollene Gemeinde die in der augustischen Censushste steht 3);
6 Millien von hier in der Nähe der motites Ceraunii (M. Rotondo ?)
Suessula^); 4 Millien weiter Suna mit einem sehr alten Marstempel;
3 Millien von Suna die Ruinen von Mefula; endlich 4 Millien von
Mefula die prachtvollen Denkmäler von Orviniuni und ein alter
Tempel der Minerva.^) — An der Via Salaria setzt Varro 3 Millien
von Rieti Vatia an, 7 Millien also 1 Millie jenseit Civita Ducale
Cntilia.^) Der Ort den Cato für die berühmteste Stadt der Abori-
giner erklärt, ist völhg verdunkelt worden durch die 2 Millien weiter
nach Ost gelegenen Aquae Cutiliae mit kalten Mineralquellen die
starken Zuspruch fanden, namentlich durch die flavischen Kaiser:
Vespasian und Titus sind hier gestorben.') Die Ruinen des Rades
befinden sich bei Paterno, unterhalb derselben der Pozzo di Latignano
1) Dion. H. I 14 überliefert ^lovQia, doch scheint die Verbesserung^ sicher.
In früheren Behandlungen dieses Kapitels wird übersehen, dafs die Städte der
Aboriginer ev rfj 'PearivTj y^ rcüv Anevviviov oqöüv ov /naxgäv liegen , also
im Umkreis der Realiner Ebene gesucht werden müssen.
2) Vgl. Solin. 1,14 nach unbekannter Quelle, Varro LL. V 53.
3) Piin. ill 107 gewöhnlich ohne Grund nach Stroncone verlegt.
4) Ueberliefert ist ^veaßöka.
5) Es ist leicht möglich, dafs die Via Quinctia sich in SW Richtung
nach Forum novum (S. 477) fortsetzte; leider fehlen feste Anhaltspuncte
durchaus.
6) Der Singular Plin. III 109 Dion. H. I 15. 19 11 49. Dionys hat die Be-
schreibung des Ortes aus der topographischen Aufzählung c. 14 herausge-
nommen wegen der wichtigen Rolle, die er in den nachfolgenden Kämpfen spielt.
7) Liv. XXVI 11 Vitruv Vill 3,5 Celsus IV 12 Cael. Aur. 111 2,45 Strab. V 228
Plin. II 209 XXXI 10. 59 Sueton Vesp. 24 Tit. 11 Dio LXVI 17. 26 Anthol. Pal.
IX 349 It. Ant. 307 Tab. Peut. CIL. IX p. 437 Not. d. Scavi 1878. 1891.
476 Kapitel VIll. Der Hochappennin.
oder Ralignano der vielgeuannte lacm CntüiensisA) Der See soll
4 Morgen (1 ha) grofs und von unerniefsliclier Tiefe gewesen sein.
Auf ihm schwamm eine 50' im Durchmesser hallende Insel umher,
die mil Gehiisch — Seneca will gar Bäume gesehen liaben — be-
wachsen war. Der See war der Victoria d. h. wol der Vacuna ge-
weiht und unnahbar: nur an bestimmten Festtagen durfte die Insel
von Auserwählten betreten werden. Gegenwärtig ist solche nicht
mehr vorhanden. Die seltene Naturerscheinung einer schwimmen-
den Insel, die von einsichtigen Beobachtern ganz richtig erklärt
wurde (S. 342), mufste in frühen Zeiten das Volksgemüt mächtig er-
regen. Die Heiligkeit des Ortes bewirkte dafs ihm in der Geographie
und Geschichte eine besondere Bedeutung zugeschrieben wurde.
Varro hält den See für den Nabel Italiens weil er ungefähr die
Mitte zwischen beiden Meeren von der Tiber- bis zur Trontomün-
dung einnahm, wol mehr noch deshalb weil er in die Ursprungs-
geschichte verflochten war. In einem etwa zur Zeit Sulla's geschrie-
benen Roman wurde ein Orakelspruch aus Dodona mitgetheilt, der
den Pelasgern aufgab zur schwimmenden Insel der Aboriginer zu
wandern und Aufnahme zu erbitten. Varro nahm den ganzen Un-
sinn gläubig auf, der den Austofs zu vielen ebenso gelehrten wie
nutzlosen Erörterungen geliehen hat. 2) — Ob der ganze Umfang
des Reatina benannten und eben beschriebenen Gebiets zur Feld-
mark von Beate gehört habe, ist zu bezweifeln aber im Einzelnen
nicht auszumachen. Von der Stadt haben wir wenig zu berichten. 3)
Aufser Inschriften sind keine Ueberreste erhalten: vielleicht in Folge
von Erdbeben deren Heimsuchung auch aus dem Altertum gemeldet
wird. 4) Indem wir von den Umbrern und Aboriginern den an-
geblich ältesten Herren absehen ^), wird Reate im hannibalischen
Krieg, später wegen seiner freundschaftlichen Beziehungen zu Cicero
und endhch wegen seiner Mitbürger Varro und Vespasian erwähnt. 6)
1) Dion. H. I 15. 19 Varro LL. V 71 Fest. 51 Seneca Nat. Qu. III 25,8 Pliri.
II 209 III 109 Macrob. Sat. I 7,28 fg. Sotion 37.
2) Schwegler Rom. Gesch. 1 158 fg.
3) Strab V 228 Plin. III 107. 109 CIL. IX p. 438. Dion. H. I 14. 15 "Peazov
Stepli. Byz. 'Pedrtov; als Huldigung gegen die Flavier wird der Name von
der Göttermutler Sil. It. VIII 415 oder einem Gefährten des Hercules Suet.
Vesp. 12 abgeleitet. Er kommt auch im Podelta vor (S. 228 A. 5).
4) Obsequens 59 Liv. XXV 7. 5) Varro LL. V 53 Dion. H. I 14. 15. II 49.
6) Liv. XXVI 11 XXVIU 45 Cic. Cat. 3,5 pro Sest. 80 Atl. IV 15,5 IX 8,1
Suet. Vesp. 1. 24.
§ 6. Die Sabinen. 477
Seine Verkehrslage ist eine günstige, da es die vom NarAvens und
Aternus einlaufenden Strafsen als natürlicher Mittelpunct aufnimmt
und mit dem 49 Millien entfernten Rom verbindet. Was die Ver-
fassung betrifft, so heifst Reate noch 27 v. Chr. Praefectur, später
Municipium; den Rang einer Colonie hat es nicht erlangt, trotz-
dem Vespasian Veteranen hier ansiedelte J) Die Tribus ist die
Quirina.
Das südliche Hügelland das seine Gewässer dem Tiber unver-
mittelt zusendet und von Latium bequem in einer Tagereise erreicht
wird, ist als ager Sabinus im engeren Sinne des Wortes bezeichnet
worden.^) Die via Salaria einer natürlichen Einsenkung in der
Mitte folgend scheidet es in eine West- und Osthälfte. Sie führt
zwar die vielen zum Tiber strömenden Wasserläufe überschreitend
ständig auf und ab; indefs mifst die höchste Stelle die Wasser-
scheide gegen den Velino nur 642 m. Ihre Anlage reicht vor die
römische Herrschaft zurück: es ist der Weg für welchen den Sa-
binern Verkehrsfreiheit zugesichert war um von der Tibermündung
Salz zu holen. 3) Sie scheint in Reate geendet zu haben, wenn
auch in der Kaiserzeit ihr Name bis zur Adria ausgedehnt wurde.*)
In der ganzen Westhälfte zwischen der Salaria und Flaminia finden
sich heut zu Tage nur Dörfer, die der besseren Luft wegen die
Gipfel der mit Oliven bepflanzten Hügel einnehmen. Die Römer
haben ihr in repubhkanischer Zeit einen Mittelpunct geschaffen
durch die Anlage von Forum novum an der Aja 10 km oberhalb
deren Einmündung in den Tiber. 5) Das Forum hatte Stadtrecht
mit Duovirn an der Spitze, gehörte wie es scheint zur Tribus Clu-
stumina 6), war in der Folge Sitz des Bischofs der Sabina. Die alte
verlassene Kirche S. Maria del Vescovio (142 m) mit manchen üeber-
resten in ihrer Umgebung kennzeichnet die Stätte. Ein anderer
antiker Ort vermutlich ein Vicus 5 km nach Norden wird durch
1) Fest. 233 Cic. Gat. 3,5 pro Scauro 27 de Nat. Deor. II 6 Val. Max. I 8 1
€IL. 1X4677. 82 fg. Suet. Vesp. 1 Feldm. 257.
2) Liv. XXVEI 45 Cic. Fam. XV 20,1 Prodigien ex Sabinis Liv XXH 36
XXIV 10 XXXI 12.
3) Fest. 326. 327 Plin. XXXI 89.
4) Strab. V 228 nennt sie kurz oi noXlrj ovaa. Die Fortsetzung den
Avens hinauf rührt von einem Decier her (S. 468), die Fortsetzung nach dem
Aternus heifst nach Varro bei Dion. H. I 14 j; ini yliarivriv oSos (S. 471 A. 2.).
5) Plin. III 107 Feldm. 255. 56. 57. 58 CIL. IX p. 453.
6) Liv. XLII 34 t?'ibus Ci^ustuminae ex Sabinis sum oriiindus.
478 Kapitel VIII. Der Hochappennin.
die Kirche S. Pietro bei Montebiiono angedeutet. — Unter den
Wasserläufen hat allein die durch die 681 gegründete Abtei berühmt
gewordene Farfa ihren alten Namen Farfarus, den Vergil dem Metrum
zu Liebe in Fabaris umgestaltete, bewahrt. i) Sie entspringt in
der Nähe des Tolenus und beschreibt einen flachen 45 km langen
Bogen der in der Mitte von der Via Salaria geschnitten wird. An
der Farfa zweigt die nach Amiternum und Hadria führende Via Cae-
cilia ab (S. 470). Ungefähr beim Schnittpunct 15 Millien von Reale
liegt in einer Entfernung von 3 km östlich oberhalb der Strafse
Trebula Mutuesca.^) Man sieht ein Amphitheater und andere Ueber-
reste der Stadt bei der Kirche Sa. Vittoria 1 — 2 km südwestlich von
Monteleone (491 m). In einer Widmung die ihr Mummius Consul
146 v.Chr. dargebracht hat, heifst sie Vicus^), ist aber bei der
Aufhebung der Praefecturen Municipium geworden, was ihrer äufseren
Erscheinung durchaus entspricht. Sie scheint ebenso wie Cures
der Tribus Sergia einverleibt gewesen zu sein. Zu Trebula ge-
hörte Vicus novus an der Salaria 16 Millien von Reate. 4). — Unter
allen sabinischen Städten begegnet keine bei den Geschichtschrei-
bern so oft wie Cures^)\ das Beiwort das sie auf Inschriften führt,
Cures Sabini weist auf ihren Anspruch hin als vornehmste und
wichtigste der ganzen Landschaft zu gelten 6): ein Anspruch der
durch die anerkannte Ueberlieferung von der Bildung des römischen
Staats vollauf bestätigt wurde. Nach Cato eine Colonie der vor-
dringenden Sabiner, nach Varro von Modius Fabidius dem Sohn des
Quirinus und einer reatinischen Jungfrau gegründet, übertraf sie
der Sage nach alle Ortschaften dieses Volkes an Gröfse und An-
sehen ') : ihr König Titus Tatius, ihr Bürger Numa Pompilius be-
stiegen den römischen Thron. Damit steht scheinbar wenig im
1) Ovid Met. XIV 330 Sil. It. IV 182 Serv. V. Aen. a. 0. Tab. Peut.;
Farfa Geogr. Rav. IV 34 Guido 45; Fabaris Verg. Aen. VII 715 und an-
schliefsend Vib. Seq. p. 148 R. Sid. Ap. Ep. 1 5, 8.
2) So auf 3 Inschriften CIL. IX p. 463. Verg. Aen. VII 711 oUvifera Mu-
lusca dazu Serv. Strab. V 228 Plin. III 107 Obseq. 41. 42. 43 Feldm. 238. 258.
3) CIL. IX 4882 Eph. ep. VllI 203.
4) It. Ant. 306 Tab. Peut. ad Novas Geogr. Rav. IV 34 Nobis.
5) Strab. V 228 Plin. III 107 CIL. IX p. 471 Eph. ep. VIII p. 50.
6) Auch Schriftstellern geläufig Cic. Fam. XV 20,1 Rep. II 25 Liv. I 18
Numa Curibus Sabinis habitabat Feldm. 253. 56. 58 ager Oiriuvi Sabinorum
Fest. 254 a Curensibus Sabinis Gregor M. Registr. III 20.
7) Dion. H. II 36. 48. 49 Fest. 67.
§ 6. Die Sabiner. 479
Einklang dafs Cures in der Erzählung beglaubigter Vorgänge über-
haupt nicht vorkommt. Man darf annehmen dafs die Südlandschaft,
der ager Sabinus im engeren Sinne, schon vor dem Zug des Den-
tatus mit Rom vereinigt war; denn während der ganze Norden,
Amiternum Nursia Reate der Quirina einverleibt sind, herrschen
hier andere Tribus vor: für Cures wie Trebula Mutuesca die
Sergia.') Die Kleinheit von Cures Rom gegenüber wird bei den
Dichtern hervorgehoben Curibus parvis et paupere terra; jetzt ein
Dörfchen früher eine berühmte Stadt sagt Strabo.^) Immerhin ist
es wol verständlich dafs diese am Uebergang des Hügellands zur
Ebene gelegene Königsburg in frühen Zeiten von sich reden machen
konnte. Der von Ost nach West gerichtete Fosso di Correse be-
schreibt vor seiner Mündung in den Tiber einen Halbkreis von
3 — 4 km Durchmesser und umschliefst einen Hügel der bis 100 m
von der Thalsohle aufsteigt. Den Scheitel nimmt die Burg (151 m)
noch jetzt Arci geheifsen ein, von deren Mauern Reste vorhanden
sind. Davor erstreckte sich eine unbefestigte Stadt und weiter eine
Nekropole. Forum Tempel Thermen und ähnliche Anlagen der
Kaiserzeit in bescheidenem Stil sind ausgegraben worden. Man
möchte glauben dafs dies alles späteren Ursprungs sei, das alte
Cures sich auf die Burg beschränkt, die normale Erweiterung zur
Stadtfestung nicht erlebt habe. Im Uebrigen war es Municipium
mit Quattuorvirn und einem Stadtrat von Centumvirn, später Bischof-
sitz der Sabina, aber seit 593 verödet. 3) In der Nähe befindet sich
das Dorf Correse, am Tiber die Eisenbahnstation Passo di Correse. —
Zum Schlufs sei Eretum erwähnt 18 Millien von Rom am Tiber
gelegen.^) Hier stiefsen die Via Salaria und Nomentana zusammen.
Monumental ist die Ortschaft bisher nicht nachgewiesen. Sie besafs
auch kein Stadtrecht. Ob aber der Vicus zur Gemarkung von
Cures oder von Nomentum gehört habe, läfst sich nicht sagen. Er
1) Der Scholiast p. 323 Orelli versteht Cic. in Valiii. 36 so dafs die
Sergia die Tribus sevenssimorum hominum Sabinorum sei: was auf den
Süden beschränkt zutrifft. Kubitschek imp. Rom. p. 55.
2) Verg. Aen. VI 811 Ovid Fast. II 135 Slrab. a. 0.
3) Gregor M. Registr. III 20.
4) Strab. V 228. 238 Vai. Max. II 4,5 Dion. H. XI 3. It. Ant. 306 Tab. Peut.
Geogr. Rdv. IV 34. Dionys a. 0. giebt die Entfernung von Rom zu 140, aber
III 32 zu 160 Stadien an. Der Ansatz bei Grotta Marozza ITV2 Mill. von Rom
(Nibby 11^ 144) widerspricht der Karte die 14 Mill. von Fidenae, also 19 von
Rom rechnet vgl. Westphal 128. 132.
480 Kapitel VIII. Der Hochappennin.
wird ziemlich oft namenllicn iu der Kriegsgeschichte angeführt. i)
Die AhleituDg des Namens von Hera ist sehr unglückHch, stimmt
indefs mit seinem Alter überein. 2) Die Städte INomentum Fidenae
Tibur welche noch in diese Region fallen, sollen Kapitel X 4 unter
Latium beschrieben werden.
1) Verg. VII 711 Liv. III 26. 29. 38. 42 XXVI 11 Dion. H. III 32. 59 IV 3. 51
V 45 XI 3.
2) Solin 2,10 Serv. V. Aen. VII 711. Griechisch 'HqtjtÖv vereinzelt Steph.
Byz. 'H^r^röi.
Druck von J. B. Hirschfeld in Leipzig.
:^j^Ä m.